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Friedrich Schillers "Geisterseher" und die Grenzen der Aufklärung

Wissenschaftliche Studie 2000 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Vorwort

Die hier vorliegende Untersuchung zu Schillers Geisterseher stellt einen Auszug aus der Dissertation „Motive krisenhafter Subjektivität“ dar,[1] die im Jahre 2001 im Verlag Peter Lang veröffentlicht wurde. Die Dissertation untersucht vergleichend die englische und deutsche Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts vor dem geistesgeschichtlichen Hintergrund der Entwicklung einer krisenhaften Subjektivität, wie sie sich im poetischen Nihilismus manifestiert.

Für die Genehmigung, diesen Textauszug aus „Motive krisenhafter Subjektivität“ erneut veröffentlichen zu dürfen, bedanke ich mich ausdrücklich beim Verlag Peter Lang.

Der Geisterseher[2], Schillers einziger und fragmentarisch gebliebener Roman, wurde von 1787 an als Fortsetzungsschrift in der Zeitschrift Thalia veröffentlicht, be­vor er 1789 als Buch erschien. Zunächst war von Schiller nur ein Aufsatz als Beitrag zur öffentlichen Diskussion um die Geheimbünde der Aufklärungszeit, wie der Illu-minaten, Rosenkreuzer und Jesuiten, geplant. Dies hatte zur Folge, daß die anschließende romanhafte Verarbeitung Ansprüche der literarischen Ästhetik mit realistischen Bezügen zur zeitgenössischen Gesellschaft vereint. Wie für die literarische Verarbei­tung des Geheimbundmaterials typisch, ist auch der Geisterseher in seiner Struktur geprägt durch die Abfolge von Verrätselung und Entschlüsselung, Geheimnis und Aufklärung.[3]

Zentrales Thema des Geistersehers ist die Identitätskrise eines vernunftgläubigen Menschen, die durch eine subtil gesponnene Intrige initiiert wird. Prinz von ***, Mit­glied eines protestantischen Fürstenhauses, gerät in Venedig in die politische Ver­schwörung eines Geheimbundes, die zum Ziel hat, ihn zum Katholizismus konvertie­ren sowie ein Verbrechen begehen zu lassen, wodurch dem Prinzen die Thronbestei­gung und den Intriganten eine erhöhte Machtposition ermöglicht werden soll. Dabei bewirken die Mitglieder des Geheimbundes eine Reihe rätselhafter, scheinbar überna­türlicher Ereignisse, die den von Rationalität geprägten Prinzen in eine Persönlich­keitskrise stürzen. Sein Charakter verändert sich und es vollzieht sich schließlich der Wandel vom „sozial verantwortlichen Glied der Gesellschaft zum unverantwortlichen Usurpator“. Der Geisterseher zeigt sich somit als „Anti-Bildungsroman“, der von der Verführbarkeit eines Menschen berichtet.[4]

Der Aufbau des Romans wird durch die Unterteilung in zwei Bücher bestimmt. Während das erste Buch sechzehn Tage umfaßt und durchgehend vom Grafen O** im Memoirenstil erzählt wird, wechselt innerhalb des zweiten Buches die Erzählerrolle, als der Graf von O** aus Venedig abreisen muß und nun Baron von F** mit seinen Briefen an den Grafen als Berichterstatter fungiert. Dieser Perspektivwechsel korres­pondiert mit und unterstreicht den außerordentlichen Wandel in der Persönlichkeit des Prinzen.[5] Nicht in den Roman integriert, sondern ihm nachgestellt, ist das Philosophi­sche Gespräch, das Grundlagen im Denken des Prinzen eröffnet und für eine Analyse der Identitätskrise wichtige Hinweise liefert.

Die Romanfiguren, die neben dem Prinzen auftreten, lassen sich in drei Gruppen aufteilen. Zum einen sind die Personen zu nennen, die der Umgebung des Prinzen ent­stammen, nicht der Verschwörung angehören und zumeist in Kürzeln benannt werden, wie z. B. Baron von F***, Z**, Prinz von **d**. Als Hauptbeteiligte der Verschwö­rung bilden der Armenier und der Sizilianer eine eigene Gruppe. Des weiteren treten mit Biondello, Civitella und der schönen „Griechin", die sich später als Deutsche ent­puppt, drei Figuren auf, die das Vertrauen bzw. die Liebe des Prinzen gewinnen, über die jedoch gemutmaßt werden kann, daß sie vom Geheimbund instrumentalisiert wer­den.[6] Gerade die Rolle der Griechin innerhalb der Verschwörung ist aufgrund der fragmentarischen Fassung des Romans nur schwer bestimmbar. Sie könnte sowohl ein willenloses Opfer des Armeniers als auch eine 'betrogene Betrügerin' sein.[7] Der Figur des Prinzen selbst kommt im Sinne der Motivbeziehungen von Peiniger und Opfer eine Doppelfunktion zu. Während er zum einen als klares Opfer der Verschwörung zu erkennen ist, nimmt er im Zuge seiner Wandlung die Ausprägung eines Schurken an.[8] In dieser für die Untersuchung interessanten Doppelrolle soll der Prinz im weiteren betrachtet werden.[9]

Der Charakter des Prinzen, wie er sich zu Beginn des Romans darstellt, ist von ambivalenten Eigenschaften und Anlagen geprägt. Zum einen führt er ein für einen Mann seiner Stellung bescheidenes Leben. So ist ihm, einem immerhin 35-Jährigen, das weibliche Geschlecht „bis jetzt gleichgültig gewesen“; er meidet die Vergnügun­gen und reist „unter dem strengsten Inkognito“ mit nur wenigen Begleitern und unter geringem finanziellem Aufwand (S. 78). Selbstauferlegte Beschränkungen bestimmen sein Verhalten. Andererseits zeigt sein Inneres schwer 'auszulotende Tiefen'. Eine „schwärmerische Melancholie“ prägt ihn, seine Neigungen sind „hartnäckig bis zum

Übermaß“ und er ist in einer „Phantasiewelt verschlossen“, die ihn von der realen Au­ßenwelt isoliert (S. 78).

Daß trotz dieses bewegten Innenlebens die „ruhige Freiheit des Privatlebens und der Genuß eines geistreichen Umgangs“ alle seine Wünsche erfüllen, ist darin begrün­det, daß seine Leidenschaften bisher noch in keine andere Richtung gelenkt wurden. Wichtig ist hierbei vor allem, daß er sich als dritter Prinz des Fürstenhauses keine rea­listischen Hoffnungen auf eine Thronbesteigung machen konnte und daher nie sein Ehrgeiz erwacht war, über andere zu herrschen. Die bisher noch nicht ausgelebten Leidenschaften scheinen den Prinzen zu einem idealen Objekt von Manipulationen und Verführungskünsten zu machen; und dies um so mehr, als ihm seine Erziehung keine festen Grundwerte vermitteln konnte und seinen „Geist nicht zur Reife“ hat kommen lassen (S. 78).

Eine bigotte Religionserziehung präsentierte ihm einen strafenden Gott, der blin­den Gehorsam fordert und ihm Furcht einflößte. Alle Leidenschaften und Triebe des Prinzen wurden von dieser religiösen Vorstellung unterdrückt, so daß er sich in Ver­nunftbegriffe flüchtete, die es ihm gestatteten, von der Vorstellung überirdischer Mächte Abstand zu gewinnen. Doch konnte er sich nie ganz von den religiösen Bil­dern seiner Kindheit lösen, die eine schreckliche Faszination auf ihn ausübten: „Reli­gionsgegenstände [...] seien ihm jederzeit wie ein bezaubertes Schloß vorgekommen, in das man nicht ohne Grauen seinen Fuß setze,...“ (S. 142). So bildete sich ein Mensch heran, dessen Verhalten stets an der Vernunft orientiert war, jedoch den Hang zum Schwärmertum, zum Phantastischen, und insbesondere zur Geisterwelt nie voll­ständig verdrängen konnte (S. 89f.).

Diese Wesenszüge bilden die charakterlichen Voraussetzungen des Prinzen, als er in Venedig mit den erstaunlichen, vom Geheimbund gesteuerten Vorkommnissen konfrontiert wird. Venedig dient hier nicht zufällig als Ort der Manipulation und Ver­führung des Prinzen, denn es „besaß schon im 18. Jahrhundert den Nimbus von Reich­tum und Dekadenz“[10] und war bekannt als Ort des Vergnügungstourismus und der Prostitution. Der erste Kontakt zum Prinzen wird zur Zeit des Karnevals hergestellt, als der Armenier, mit einer Maske bekleidet, ihn zunächst durch die abendlichen Stra­ßen Venedigs verfolgt und ihm dann prophetisch kundtut: „'Neun Uhr'. [...]'Wünschen Sie sich Glück Prinz'. [...] Um neun Uhr ist er gestorben'“ (S. 79).

[...]


[1] Jens Saathoff: Motive krisenhafter Subjektivität. Eine vergleichende Studie zu deutscher und englischer Schauerliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts. Frankfurt a. M.: Peter Lang 2001. (= Beiträge aus Anglistik und Amerikanistik, hg. von Uwe Baumann und Herwig Friedl; Bd. 9). S. 147-160.

[2] Friedrich Schiller: Der Geisterseher und andere Erzählungen. Mit einer Einleitung versehen von Emil Staiger: Frankfurt a. M.: Insel 1976.

[3] Vgl. Michael Voges: Aufklärung und Geheimnis: Untersuchungen zur Vermittlung von Literatur- und Sozialgeschichte am Beispiel der Aneignung des Geheimbundmaterials im Roman des späten 18. Jahrhunderts. Kieler Diss. 1985. Tübingen: Niemeyer 1987. S. 343f., 356f.

[4] Gero von Wilpert: Die deutsche Gespenstergeschichte. Stuttgart: Kröner 1994. (= Kröners Taschenausgabe; Bd. 406). S. 154.

[5] Vgl. Walter Bußmann: Schillers „Geisterseher" und seine Fortsetzer. Ein Beitrag zur Struktur des Geheimbundromans. Phil. Diss. masch. Göttingen 1960. S. 77.

[6] Vgl. Michael Voges: Geheimnis und Aufklärung. S. 367.

[7] Zu unterschiedlichen Interpretationen dieser Figur vgl. Klaus Deinet: Friedrich Schiller. Der Geis­terseher. Interpretationen von Klaus Deinet. München: Oldenbourg 1991. (= Oldenbourg-Interpretationen; Bd. 45). S. 50f.

[8] Garte stellt heraus, daß der Prinz zwar nicht die für einen Schurken typischen Anlagen mitbringt, aber dessen Funktion vollständig ausfüllt. Vgl. Hansjörg Garte: Kunstform Schauerroman. Eine mor­phologische Begriffsbestimmung des Sensationsromans im 18. Jahrhundert von Walpoles „ Castle of Otranto“ bis Jean Pauls „Titan". Leipziger Diss. 1935. Leipzig: Garte 1935. S. 139.

[9] Von nun an wird bei der weiteren Textarbeit bei Verweisen auf die Primärtexte die Angabe der entsprechenden Seitenzahlen in runden Klammern nachgestellt.

[10] Klaus Deinet: Friedrich Schiller. Der Geisterseher. S. 17-19.

Details

Seiten
15
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783656485414
ISBN (Buch)
9783656486145
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232531
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
Schlagworte
friedrich schillers geisterseher grenzen aufklärung

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