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Das Scheitern einer bürgerlichen Erziehung in Lessings "Emilia Galotti"

Falsche Tugendideale als Ursprung des Scheiterns

von Anna Bach (Autor)

Hausarbeit 2012 18 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die Zeit der Aufklärung
2.1 Kants Begriff der „Aufklärung“ als Aufruf zur Selbstbestimmung
2.2 Der bürgerliche Tugendkatalog als Reaktion auf die höfische Gesellschaft

3 Odoardo – Inbegriff der bürgerlichen Tugend?
3.1 Odoardos Person – Charakter und Lebensweise
3.2 Das Verhältnis zu Emilia – Odoardo als Erziehungstyrann?
3.3 Die Auswirkungen der Erziehung Odoardos auf Emilia – Selbstmord als Ausweg Emilias aus ihrer scheinbar aussichtslosen Situation

4. Exkurs: Das gesellschaftliche Umfeld der Figuren im Drama – Die höfische Welt als Auslöser für die Katastrophe

5. Fazit: Lessings Emilia Galotti als Kritik an einem blinden Tugendrigorismus

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In Lessings bürgerlichem Trauerspiel „Emilia Galotti“, das 1772 uraufgeführt wurde, wird auf eindrucksvolle Weise das Scheitern einer auf pervertierten Tugendidealen gegründete Erziehung dargestellt. Die extrem hohen Tugendansprüche ihres Vaters Odoardo sind für Emilia, eine Tochter aus bürgerlichem Hause, nicht mit der Wirklichkeit vereinbar. Nur durch ihren Tod kann sie diesen letztlich gerecht werden.

Der absolutistische Herrscher Prinz von Gustalla, Hettore Gonzaga, ist seit seiner ersten Begegnung mit dem bürgerlichen Mädchen Emilia davon besessen, ihr Geliebter zu werden. Deshalb gibt er seinem intriganten Kammerherrn, dem Marchese Marinelli, freie Hand, ihre bevorstehende Hochzeit mit dem Grafen Appiani zu verhindern. So wird Appiani auf dem Weg zu seiner Hochzeit bei einem Überfall auf Marinellis Geheiß von bezahlten Verbrechern ermordet. Emilia wird auf das in der Nähe gelegene Lustschloss des Prinzen in scheinbare Sicherheit gebracht, erkennt jedoch im Gegensatz zu ihrer Mutter Claudia die wahren Zusammenhänge der Intrige nicht. Die Gräfin Orsina, des Prinzen ehemalige Mätresse, kommt auf das Schloss. Aus Enttäuschung über die barsche Abfuhr durch den Prinzen möchte sie den ebenfalls anwesenden Odoardo dazu lenken, Appiani zu rächen, indem er den Prinzen erdolcht. Doch Odoardo zögert und will zunächst Gott die Rache überlassen. Emilia, die infolge einer weiteren Intrige Marinellis in der Obhut des Prinzen bleiben soll, provoziert ihren Vater, sie zu ermorden, weil sie fürchtet, den Verführungen des Prinzen nicht standhalten zu können. Der Vater erdolcht sie letztendlich – und ist erschüttert über seine Tat. Am Ende stellt sich Odoardo der Gerichtsbarkeit des Prinzen, der Marinelli als den Schuldigen an der Katastrophe von seinem Hof verbannt. Letztlich sieht der Tochtermörder jedoch Gott als letzte Instanz an.

Zum einen ist „Emilia Galotti“ das Drama um ein Mädchen, das vom fatalen Erziehungskonzept des Vaters zugrunde gerichtet wird, wobei sie selbst nur das unschuldige Opfer ist.

Zum anderen ist das Drama aber auch die Geschichte ihres Vaters, der für einen speziellen Bürgertypus im 18. Jahrhundert steht, der sich durch ein Leben in der Abgeschiedenheit jeglicher Kritik oder Reflexion um seine Handlungen entzieht – ein Bürgertypus, der die gängigen Ideale der Aufklärung so gar nicht zu leben oder zu verstanden haben scheint.

Um dies zu erklären, möchte ich im Folgenden herausfinden, welche Tugenden zur Zeit der Aufklärung wichtig und welche Erziehungsansichten vorherrschend waren. Weiterhin möchte ich mich dem Werk selbst zuwenden und den Schwerpunkt meiner Analyse auf die Figurenanalyse Odoardos legen. Weiterhin gehe ich auf Odoardo und seine grundsätzlichen Charaktereigenschaften ein, um deren Auswirkung auf die Erziehung seiner Tochter Emilia zu untersuchen. Auf diese Weise möchte ich analysieren und anhand von Textbeispielen belegen, ob und inwiefern das Erziehungskonzept Odoardos für die Katastrophe am Ende des Dramas, nämlich den Selbstmord Emilias, verantwortlich ist.

Ein ebenfalls wichtiger thematischer Aspekt im Drama ist die höfische Welt und die Auswirkungen derer Macht auf das Bürgertum. Auch diese höfische Welt, vertreten durch den Prinzen Hettore, hat Einfluss auf das Geschehen im Drama und trägt letztendlich zum Verlauf der Handlung und zur Katastrophe bei. Deshalb möchte ich im Anschluss an die Analyse Odoardos und seinen blinden Tugendrigorismus auch noch kurz erwähnen, inwiefern die höfische Welt an der Katastrophe beteiligt ist und zum Tod Emilias beiträgt.

In einem Fazit möchte ich zum Schluss die hier meiner Meinung nach von Lessing geübte Kritik an einem falsch verstandenen Idealismus der Ideen der Aufklärung zusammenfassen.

Ich beschäftige mich mit diesem Thema, da hierbei die Charaktere und Denkweisen der betrachteten Personen durchleuchtet werden. Durch ein immer stärker werdendes Interesse an der affektiven Disposition des Menschen (näheres siehe Kapitel 2.1) lässt Lessing seine Figuren in „Emilia Galotti“ als individuell problematische Charaktere konstruieren.

Das Bürgertum im 18. Jahrhundert befand sich sehr im Umbruch. Die Figur Odoardos

zeigt einerseits bereits Ansätze eines neuen, rationalen Denkens – allerdings verfällt er letztendlich auch wieder in sein voraufklärerisches Denken und Handeln. Seine Gedanken und sein daraus resultierendes Handeln sind Auslöser für das Scheitern seiner Tochter Emilia. Diese Tatsache werde ich im Folgenden erläutern und analysieren.

2. Die Zeit der Aufklärung

2.1 Kants Begriff der „Aufklärung“ als Aufruf zur Selbstbestimmung

Die Aufklärung wird als Zeitalter der Vernunft bezeichnet. Den aufklärerischen Literaten und Philosophen geht es um die Beseitigung von Vorurteilen und die kritische Hinterfragung von Denkgewohnheiten. Sie appellieren an die Vernunft ihrer Leser und fordern diese auf, ihren Verstand auch dort frei zu gebrauchen, wo bisher Denkverbote herrschten. Auf dem Prüfstand stehen die Autorität der Kirche, die Legitimität absoluter

Fürstenherrschaft und die aus dem Mittelalter stammende Ständegesellschaft.[1]

Berühmt ist die Definition Kants, nach der Aufklärung der Versuch ist, den Menschen theoretisch über die Möglichkeiten seiner Freiheit in Kenntnis zu setzen, um ihn, praktisch, zu deren Vollendung zu führen.[2] Vertreter der Aufklärung wie Kant sehen die Aufklärung als einen nicht abgeschlossenen Prozess an, in dem sie selbst inbegriffen sind. Sie begreifen sich also nicht als aufgeklärtes Zeitalter, sondern sehen sich selbst in eine Entwicklung dorthin eingeschlossen.[3] In seinem Essay aus dem Jahr 1784 liefert Kant folgende Definition der Aufklärung: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht in einem Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner Leitung ohne eines anderen zu bedienen.

Dem gegenüber steht eine „empfindsame Unterströmung“. Sie kennzeichnet sich durch ein vermehrtes Interesse an einer affektiven Disposition des Menschen und durch die Vorstellung einer Synthese von Empfindungen und Moralität. Genau in diesem Zusammenhang ist auch Lessing zu sehen. In seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767) geht es schließlich um die Mitteilung von Gefühlen in Form eines ausgeglichenen Verhältnisses von Gefühl und Vernunft, wie es in „Emilia Galotti“ realisiert wird. Es geht um die Einbeziehung der affektiven Seite des Zuschauers im Gegensatz zu einer rein auf Vernunft angelegten Erziehung des Menschen.[4]

Es herrscht also eine größere Gewichtung von Gefühl vor, trotzdem schließt sich diese Unterströmung der Idee der Aufklärung an, bei der es ja um die freie Entfaltung des Einzelnen und sein persönliches Glück geht. Verbunden mit dem Wunsch, der emotionalen Seite beim Aufklärungsprozess einen größeren Stellenwert einzuräumen, ist oft ein Rückzug ins Private zu sehen. Es kommt so vermehrt der Wunsch auf, das persönliche Glück im geschützten Raum der Familie zu realisieren.

[...]


[1] Steinmetz, Horst: Emilia Galotti. In: Lessings Dramen. Interpretationen. Stuttgart 2001, S. 1.

[2] Alt, Peter Andre: Tragödie der Aufklärung. Eine Einführung. Tübingen 1994, S. 7.

[3] Alt, Peter Andre: Aufklärung. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2001, S. 2.

[4] Alt, Peter Andre: Aufklärung. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar 2001, S. 2 ff.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656498209
ISBN (Buch)
9783656499961
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232789
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Germanistik
Note
2,3
Schlagworte
scheitern erziehung lessings emilia galotti falsche tugendideale ursprung scheiterns

Autor

  • Anna Bach (Autor)

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