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Die Französische Revolution. Welche Bedeutung hatte der Sturm auf die Tuilerien?

von Anna Bach (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die verschiedenen politischen Gruppierungen
2.1 Die Sansculotten
2.2 Die Jakobiner
2.3 Die Girondisten

3. Der Sturm auf die Tuilerien
3.1 Begriffsklärung: "Tuilerien"
3.2 Wichtige Ereignisse vor dem Tuileriensturm: Die Revolution im
Zeichen des Krieges
3.3 Ablauf des Tuileriensturms
3.3.1 Die Geschehnisse des 20. Juni 1792
3.3.2 Ereignisse zwischen 20. Juni und 10. August 1792
3.3.2 Die Geschehnisse des 10. August 1792
3.4 Folgen des Tuileriensturms
3.4.1 Folgen des Sturms allgemein
3.4.2 Folgen für den weiteren Verlauf der Revolution

4. Welche Bedeutung hatte der Sturm auf die Tuilerien?
4.1 Der zweite große Volksaufstand
4.2 Der Sturm als Kampf für die bürgerliche Freiheit
4.3 Der erste Auftritt der Sansculotten als politische Massenorganisation
4.4 Das politische Engagement Robespierres beginnt
4.5 Von der konstitutionellen Monarchie zur Republik

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am Abend des 14. Juli 1789 hat sich am Hof zu Versailles bereits der Eindruck durchgesetzt, dass der gewaltsame Bastille-Sturm eine Revolution beinhalte, welche über eine Revolte hinausgehe. Auf die Feststellung des Königs: „C'est une révolte” entgegnete Herzog von Liancourt, der Großmeister der Königlichen Garderobe: „Non, Sire, c'est und révolution.” Der Kollektivsingular „la Révolution” wurde von da an für ein Jahrzehnt zum Zentralbegriff der französischen Politik und ist bis heute ein Grundbegriff der Geschichte geblieben.[1]

Seit der Französischen Revolution erst wird der Begriff „Revolution” im Sinne eines gewaltsamen politischen und gesellschaftlichen Umsturzes gebraucht.[2]

Kaum ein Ereignis hat die Geschichte der Moderne so tief geprägt wie die Französische Revolution von 1789 bis 1799, denn sie eröffnete eine Phase grundsätzlicher Veränderungen der politischen, sozialen und kulturellen Verhältnisse in Frankreich. Die Französische Revolution hat als ein epochales Ereignis weit über den nationalen französischen Rahmen hinaus tiefe Spuren in der politischen und sozialen Entwicklung anderer Länder hinterlassen. Sie wurde zum "Motor des Verfassungswandels", der Entstehung liberaler politischer Kulturen und zum „Laboratorium der Moderne”, denn sie entwickelte in der kurzen Spanne eines Jahrzehnts die unterschiedlichsten Verfassungsformen, die für die nachfolgenden Jahrhunderte wirkungsmächtig werden sollten, von der konstitutionellen Monarchie über die Republik bis zur bonapartistischen Diktatur. Die Französische Revolution schuf die Grundlagen einer bürgerlich-individualistischen Eigentums- und Gesellschaftsverfassung, entfaltete zum ersten Mal eine demokratische politische Kultur und erkämpfte damit den Durchbruch zur politischen Freiheit und löste einen fundamentalen Prozess der Politisierung der Gesellschaft und der Ideologisierung der politischen Sprache aus und demonstrierte dabei zugleich die Selbstgefährdung domokratischer Ordnung.[3]

In historischer Perspektive lässt sich die Revolution zugleich als ein herausragendes Ereignis in einer langen Phase des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels vom alteuropäischen Ancien Régime in die Moderne deuten.[4]

Die Französische Revolution kann in verschiedene Phasen unterteilt werden: Die Zeit von 1789-1791 wird als gemäßigte Phase bezeichnet. Sie geht im Oktober 1791 in eine radikalere Phase über, die bis zum August 1792 andauerte. Darauf folgt schließlich die radikale Phase der Revolution, in der 1793 die Schreckensherrschaft beginnt.

Im September 1792 wurde die konstitutionelle Monarchie abgeschafft und Frankreich zur Republik erklärt. Diesem großen Entwicklungsschritt im Verlauf der Französischen Revolution geht im August 1792 ein wichtiges Ereignis voraus: Der Sturm auf die Tuilerien.

Mit genau diesem Ereignis im August 1792 wird sich diese Arbeit beschäftigen.

In der Arbeit werden zuerst in kurzer Form einige wichtige politische Gruppierungen dargestellt, die für spätere Ausführungen von Bedeutung sind. Im Anschluss daran wird der Begriff der Tuilerien im Zusammenhang mit der französischen Revolution erklärt. Danach werden in der Arbeit der Ablauf und die Folgen des Tuileriensturms geschildert. Im sich daran anschließenden zweiten Teil der Arbeit wird dann zum Großteil anhand der zuvor beschriebenen Sachverhalte eine Antwort auf die Frage ausgearbeitet, welche Bedeutung man dem Sturm auf die Tuilerien zuschreiben und woran man dies festmachen kann.

2. Die verschiedenen politischen Gruppierungen

2.1 Die Sansculotten

Zur Zeit der Revolution war „Les Sansculottes” allgemein der Name für die radikalen Revolutionäre. Der Begriff, der soviel wie „ohne Kniebundhosen” bedeutet, geht zurück auf die Kleider- bzw. Hosenmode der damaligen Zeit. Während der Adel vorzugsweise Kniehosen (frz. culottes) trugen, bestand die Kleidung der Arbeiter aus langen, weiten, unförmigen Hosen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Name zur allgemein gebräuchlichen Bezeichnung für die revoltierenden Proletarier und Vertreter der dritten Standes.[5]

Sozial gesehen waren die Sanculotten Kleinhändler, Handwerksmeister, Handwerker und ihre Gesellen, Manufakturarbeiter, Tagelöhner, Arme, Landstreicher. Es waren nicht nur Habenichts, sondern auch kleine Eigentümer: das niedere Volk. In manufakturenreichen Städten wie Lyon oder Paris waren die Arbeiter eine starke, wenn nicht die stärkste Gruppe, wobei man nur darauf achten muss, dass die Zeitgenossen auch unabhängige Handwerker als Arbeiter bezeichnen. Sie hatten weniger ein gemeinsames berufliches Interesse als ein gemeinsames Konsuminteresse. Der Hunger vereinigte sie gewissermaßen am meisten. Die Sansculotterie war die Politisierung dieser Schichten, waren diese Schichten, soweit soe revolutionär aktiv waren. Sie waren sei 1789 politisiert ohne feste politische Ziele im engeren Sinne. Sie waren gegen den Hof, gegen die Aristokraktie gegen Reichtum (entsprechend gegen das Zensuswahlrecht), gegen Handel und Kapital, für Egalité. Sie waren für offene, direkte Demokratie, für allgemeines Mitspracherecht, für Permanenz der Sektionen, möglichst auch ihrer Sitzungen, für Widerstandsrecht. Durch die Radikalität der Sansculotten trugen sie wesentlich zum Aufstieg der Montagnards, der Berg-Partei, bei. Bekannte Personen waren Danton, Robespierre, Marat oder Desmoulins.[6]

2.2 Die Jakobiner

Die Jakobiner leiten ihren Namen von dem Ort ihrer Versammlungen ab, dem Dominikanerkloster St. Jacques. Der Jakobinerklub war der wichtigste politische Klub, der im Zuge der französischen Revolution entstanden ist. Am 17. Juni 1789 konstituierte sich die Nationalversammlung mit dem Ziel, eine Verfassung zu schaffen. Davon ausgehend bildeten sich aus den politischen Klubs Lager mit unterschiedlichen Auffassungen.

In der Vielzahl der Jakobinerklubs wirkten die radikalen Demokraten, die als Cordeliers bezeichnet wurden. Zu ihnen gehörten Leute wie Marat, Robespierre und Danton. Feuillantswurden diejenigen genannt, die eine gemäßigte Auffassung und damit das Modell einer konstitutionellen Monarchie vertraten. Sie wurden bis zum Sommer 1791 aus dem Klub ausgeschieden.

Die Jakobiner waren fest organisiert. Sie wirkten mit Zeitungsartikeln, Flugblättern und Reden auf die öffentliche Meinung in den Provinzen ein. Vor allem das einfache Volk, Arbeiter und Kleinbürger zählten zu ihren Anhängern. Ihr Ziel war die Errichtung einer Republik in einem geeinten zentralistischen Frankreich mit einer geplanten Wirtschaft mit Höchstpreisen. Gegenspieler der Jakobiner waren v.a. ab 1792 die Girondisten, gegen deren Willen sie 1972 einen Prozess gegen den König erzwangen. Ab 1793 errichteten sie unter Robespierre ein Schreckensregime.

Es gelang den Jakobinern, die inneren und äußeren Gegner der Revolution zu besiegen. Allerdings verloren sie durch den Terror zunehmend ihre Anhänger.[7]

2.3 Die Girondisten

Bei den Girondisten handelte es sich um milde, edel liberale Parlamentarier, die für die Einheitsrepublik waren. Sie waren wie die Jakobiner Demokraten, gerieten aber mit diesen in Konflikt. Sie bestanden zum großen Teil aus aufgeklärten, wohnhabenden Bürgern. Der Name leitet sich ab aus ihrer Herkunft: Viele ihrer Mitglieder stammten aus dem Departement Gironde (Umgebung von Bordeaux). Die Girondisten wollen die soziale Hierarchie bewahren, sie hatten eine instinktive Abneigung gegen das „ungeschlachtete Volk”. Alles, was Eigentum und Handelsfreiheit des besitzenden Bürgertums zu behindern drohte, galt ihnen als übel. Sie waren für wirtschaftlichen Liberalismus, für laissez-faire. Sie stimmten für die Kriegserklärung an Österreich, für die Abschaffung der Monarchie und für mehr Unabhängigkeit in Frankreich. Girondisten waren Brissot, Condorcet und die beiden Rolands.[8]

3. Der Sturm auf die Tuilerien 1792

3.1 Begriffsklärung: "Tuilerien"

Bei den Tuilerien (frz. Palais des Tuileries, dt. Tulierienpalast) handelt es sich um die Residenz Königs Ludwig XVI. in Paris. Der Palast wurde ab 1564 anstelle einer früheren Ziegelei (frz. la tuilerie) errichtet. Ab Oktober 1789 war das Schloss Wohnort der hier festgesetzten königlichen Familie.[9]

3.2 Wichtige Ereignisse vor dem Tuileriensturm: Die Revolution im Zeichen des Krieges

Nach dem Fluchtversuch des Königs vom 20. auf den 21. Mai 1791, der sich der drohenden Übermacht der Pariser Straßendemagogen nicht ausliefern wollte, verschlechterte sich die Situation des Königs zusehends.[10] Nach Varennes erhoben sich erstmals Stimmen, die eine Republik forderten. Am 17. Juli 1791 wurde eine Versammlung auf dem Marsfeld, die eine Eingabe für die Einführung der Republik unterzeichnen wollte, von der Nationalgarde gewaltsam aufgelöst. 50 Menschen mussten sterben. Auch die Popularität des Pariser Bürgermeisters Bailly und des Oberbefehlshabers der Nationalgarde Lafayette begann daraufhin zu sinken.[11]

Der machtlose König wurde am 14. September 1791 gezwungen, der ersten französischen Verfassung zuzustimmen und den Eid auf diese abzulegen. Daraufhin wurde er wieder feierlich in sein Amt eingesetzt. Unmittelbar nach der Verkündung der neuen Verfassung trat in Paris im Oktober 1791 die neu gewählte gesetzgebende Versammlung (Assemblée nationale législative) zusammen. Die Revolution schien zunächst beendet.[12]

Dies alles geschah allerdings in einer politisch sehr angespannten Atmosphäre. Die neuen Parlamentarien waren eine poltitische Elite und durchweg Anhänger der Revolution, sodass sich die politischen Fronten in der Legislative verschoben hatten. Die konservative Rechte der ersten Nationalversammlung war nicht mehr vertreten. Wirkungsvoll war die Gruppe der "linken" Abgeordneten aus dem Jakobinerklub, unter ihnen Jecques-Pierre Brissot, Concordet sowie Guadet und Vergniaud aus dem Departement Gironde.[13]

Die Legislative konnte ihre stabilisierende Rolle nicht spielen und geriet zunehmend unter den politischen Druck der Volksbewegung und Volksgesellschaften. Die innen- und außenpolitischen Konflikte waren ein Faktor, der die Radikalisierung der Revolution beschleunigte und die Legislative zum Scheitern bringen sollte. Neben den wachsenden Spannungen, die aus dem Konflikt mit der Kirche und den Priestern resultierten und die bis hin zur Zwangsvereidigung und der Androhung einer Deportation eidverweigernder Priester führten und neben den inneren Erschütterungen durch Kirchenkampf und Emigration sowie den Drohungen der Emigranten gegen die Revolution verschärften sich außerpolitische Spannungen und schließlich die Vorbereitungen zum Krieg mit den europäischen Mächten des Ancien Régime die innere Lage. Jakobinische Abgeordnete um Brissot begonnen, den Krieg zu fordern, weil sie sich von ihm die Schwächung oder Vernichtung der äußeren Gegenrevolution und die damit einer Niederlage des französischen Königs erhofften. Dem „Kreuzzug für die Freiheit” schloss sich auch der König zum Schein an, obwohl im an einer Niederlage der Revolution gelegen war. Er hoffte, durch eine militärische Niederwerfung des revolutionären Frankreichs seine Macht wieder festigen zu können. Am 27. August 1791, gut zwei Monate nach Varennes, hatten sich Preußen und Österreich in der Deklaration von Pillnitz diesen Standpnkt zu eigen gemacht. In ihr wurde das gemeinsame Interesse aller europäischen Monarchen an der Wiederherstellung der legitimen königlichen Regierung in Frankreich formuliert und eine militärische Intervention in Aussicht gestellt.[14]

Am 20. April 1792 erklärte er Österreich und damit auch dessen preußischen Verbündeten den Krieg. Zu Schuldfrage ist nun folgendes festzuhalten: Die Kriegsdrohung ging von den europäischen Mächten aus, die Kriegserklärung von Frankreich, wobei die Mehrheit der Kriegsbefürworter aus gegensätzlichen Zielen zusammenkam.[15]

Die ausländischen Mächte hatten Angst, die Revolution könnte auf andere Länder übergreifen.[16]

Erste militärische Ergebnisse des Krieges schienen den Warnern wie Robespierre, der die Unberechenbarkeit des Krieges unter Führung des Königs fürchtete und der sich wünschte, die Revolution erst im Innern im demokratischen Sinne zu vollenden, um sie dann später nach außen zu verteidigen und ausbreiten zu können, recht zu geben.[17] Der Zustand der Truppen war schlecht. Tatsächlich endeten am 29. April 1792 die ersten Gefechte einer französischen Armee, die in Belgien auf österreichische Truppen stieß, mit einer von Auflösungserscheinungen begleiteten Niederlage, und in den folgenden Wochen liefen die ehemaligen königlichen Regimenter reihenweise zum Feind über.[18]

Der Krieg und die ökonomische Krise, verursacht durch die Einführung der Assignaten und den brutalen Anstieg der Preise für Kolonialwaren, brachten seit dem Frühjahr 1792 neuerlich eine politische Mobilisierung jener Kräfte mit sich, die man mit der Bezeichnung „Sansculotten” zu versehen begann: Sie fanden sich unter Forderungen zusammen, die wirtschaftliche, politische und ideologische Fragen zugleich enthielten.[19] Die Assignaten waren 1792 nur noch 57% des Nennbetrages wert. Für dieses „Affengeld” wollten die Bauern ihn Korn nicht hergeben. So brachte das Jahr 1792 zusätzlich zu den seit dem Vorsommer rumorenden Bauernunruhen Hungerrevolten in den Städten.[20]

Zum ersten Mal manifestierte sich eine eigenständige Volksbewegung, die nicht nur wirtschaftliche Forderungen anmeldete, sondern auch eine echt politische Demokratie verlangte. Es ging den Sansculotten nicht um Lohnerhöhung, sondern um feste Höchstpreise, um die Bekämpfung der Kornaufkäüfer und -hamsterer, um das Misstrauen gegenüber den Besitzbürgern, die man des Einverständnisses mit den Feinden beschuldigte. Die Feuillants, die Gemäßigten, die die Einhaltung der Verfassung und somit der konstitutionellen Monarchie verlangten, wurden durch die Unruhen nur in ihrer Entschlossenheit bekräftigt, die Demokratie zu zerschlagen. Im Juni wurde den Bauern die entschädigungslose Abschaffung der nicht allgemein üblichen Abgaben gewährt, jeden Antrag auf die Einführung von Festpreisen lehnten sie aber ab. Die Demokraten fühlten sich nach dem Komplott Lafayettes mit den Gegnern der Revolutionäre bzw. den äusländischen Truppen verraten. Brissot und das neue Kabinett prangerten nun ebenfalls das „Österreichische Komitee” an, das dem Volk bisher angeblich zur Seite stand. Sie ließen von der Versammlung drei Dekrete verabschieden: eines über die Deportation der eidverweigernden Priester (27. Mai), ein zweites, das die Auflösung der persönlichen Leibgarde des Königs bestimmte (29. Mai) und ein drittes, das die Schaffung eines Lagers von 20.000 Mann föderierter Truppen unter den Mauern von Paris vorsah (8. Juni). Aus der Einschüchterung wurde allerdings nichts: Gegen das erste und dritte Dekret legte der König sein Veto ein entließ am 12. Juni das Girondisten-Kabinett und berief wieder Feuillants in die Regierung.[21]

Statt die berechtigten Forderungen nach grundlegenden Reformen ernstzunehmen, verließ sich der König mit seinen Ministern auf eine Schaukelpolitik – auf eine untaugliche „Staatskunst” des Lavierens zwischen sich verhärtenden Fronten. Die Lage des Könistums war düster. Es sollte bald wie ein Kartenhaus zusammenbrechen.[22]

Im Volk gärte es daraufhin heftig. Für den 20. Juni wurde ein großer „revolutionärer Tag” organisiert. Unbekannte Volksanführer, unter ihnen der reiche Brauer Santerre aus dem Faubourg Saint-Antoine, brachten die Bewegung in Gang. Robespierre blieb seiner Taktik als „Verteidiger der Verfassung” nach wie vor treu.[23]

3.3 Ablauf des Tuileriensturms

3.3.1 Die Geschehnisse des 20. Juni 1792

Der 20. Juni 1792 wird oft schon als erster, misslungener Versuch angesehen, die Monarchie umzustürzen.

Das bewaffnete Pariser Arbeitervolk (die „Sansculottes”), drang am Jahrestag des Ballhausschwures in die Tuilerien ein und bedrohte den König. Es war der erste Auftritt der Sansculotten. Bereits um 5 Uhr morgens bildeten sich erste Zusammenrottungen in den Faubourgs Saint-Antoine und Saint-Marcel, die bis 10 Uhr immer größer wurden. Es herrschte eine gewisse Unentschlossenheit und einige Sektionen zögerten. Allmählich setzten sich die Züge dann aber in Bewegung und marschierten Richtung Stadtzentrum. Es waren Menschen aller Volksschichten vertreten: Nationalgarde in Uniform, Lastträger aus den Großmarkthallen, Landstreicher, aus ihren Regimentern ausgestoßene Soldaten, Arbeitslose und mit Piken bewaffnete, im ganzen 8.000-10.000 Personen, die gegenseitig ihre Erregung durch Rufe, Drohungen und Beleidigungen gegen den „Herrn Veto” noch steigerten. Der Zug nahm eine immer bedrohlichere Haltung an. Spruchbänder tauchten auf. Auf einer Gabel wurde ein aufgespießtes Kalbsherz mit der Inschrift „Aristokratenherz” einhergetragen. Unter Trommelwirbel kam der Zug bei der Manège an. Die Nationalversammlung empfing die Bittsteller und ließ sie die Sitzungssäle mit ihren Waffen und Tafeln durchqueren. Die Tuilerien waren von Truppen besetzt, aber die Türen wurden kampflos von der zu ihrer Verteidigung bestimmten Wachen übergeben, und im Handumdrehen waren Höfe und Vorräume voller Menschen.[24]

Wenn man dieses Vorgehen des Pariser Volkes als Umsturzversuch ansieht, so waren die Demonstranten noch zu monarchisch, um ihn durchzuführen. Sie warfen dem König lediglich sein Veto gegen die Deportation eidverweigernder Priester und sein Veto gegen die Ansammlung föderierter Truppen in Paris sowie die Entlassung der brissotistischen Minister vor, aber kaum Kriegsverrat. Auch die Girondisten nahmen nach den militärischen Rückschlägen im Mai 1792 und der Entlassung der girondistischen Minister durch den König im Juni mit der Unterstützung der Massendemonstration am 20. Juni ihre Politik der Einschüchterung des Königs wieder auf.

Die Demonstranten kamen nicht zum Ziele.[25] Ludwig XIV. wurde in seinen Gemächern zu einem Fenster gezogen, zwischen der Menge und dem König wurde als Schutz ein Tisch aufgestellt. Der König setzte sich die Freiheitsmütze auf den Kopf und trank auf das Volk, er benahm sich in dieser Situation so schlau wie sonst nie. Er brauchte überhaupt keine Versprechungen zu machen. Der König ließ den Strom an sich vorbeiziehen ohne den Schatten einer Erregung, ohne eine einzige furchtsame oder nachgiebige Geste. Auf die wiederholten Anpobelungen beschränkte er sich zu erwidern: „Ich habe getan, was mir die Verfassung und die Dekrete vorschreiben”. Diese Gefasstheit machte Eindruck. Man war gekommen, um den „Tyrannen” aus seiner Höhle zu holen und fand in Wirklichkeit einen etwas schwerfälligen biederen Mann mit offener Miene und einfachen Gebaren. Unter dem Vorwand, ihnen das Schloss zu zeigen, gelang es, die schon 14 Stunden demonstrierende, völlig erschöpfte Menge loszuwerden.[26]

Dies war das erste Auftreten der mittlerweile organisierten Volksbewegung, deren Aktivisten sich in deutlich anti-aristokratischem Ton Sansculotten nannten.[27]

[...]


[1] Engler, W. (Hrsg.): Die Französische Revolution. Stuttgart 1992, S. 15.

[2] Ebd., S. 9.

[3] Thamer, H.: Die Französische Revolution. München 2009, S. 7.

[4] Ebd., S. 7.

[5] http://www.bpb.de/publikationen/TPIW5I,0,0,Die_Franz%F6sische_Revolution.htm, zuletzt eingesehen am

16.04.2013.

[6] Schulin, E.: Die Französische Revolution. München 2004, S. 211-212.

[7] http://www.bpb.de/publikationen/TPIW5I,0,0,Die_Franz%F6sische_Revolution.htm, zuletzt eingesehen am

16.04.2013.

[8] Schulin, E.: Die Französische Revolution. München 2004, S. 210-211.

[9] http://www.enzyklo.de/lokal/42303, zuletzt eingesehen am 16.04.2013.

[10] Furet, F. / Ozouf, M. (Hrsg.): Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, Bd. 1: Ereignisse, Akteure.

Frankfurt am Main 1996, S. 238.

[11] Kuhn, A.: Die Französische Revolution. Stuttgart 2009, S. 81-82.

[12] Furet, F. / Ozouf, M. (Hrsg.): Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, Bd. 1: Ereignisse, Akteure.

Frankfurt am Main 1996, S. 238.

[13] Thamer, H.: Die Französische Revolution. München 2009, S. 53.

[14] Kuhn, A.: Die Französische Revolution. Stuttgart 2009, S. 84.

[15] Ebd., S. 55-56.

[16] Kruse, W.: Die Französische Revolution. Paderborn 2005. S. 25.

[17] Griewank, K.: Die Französische Revolution 1789-1799. Köln, Wien, Böhlau 1984, S. 59.

[18] Thamer, H.: Die Französische Revolution. München 2009, S. 57.

[19] Furet, F. / Ozouf, M. (Hrsg.): Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution, Bd. 1: Ereignisse, Akteure.

Frankfurt am Main 1996, S. 238.

[20] Furet, F. / Richet, D.: Die Französische Revolution. München 1980, S. 193.

[21] Furet, F. / Richet, D.: Die Französische Revolution. München 1980, S. 193-197.

[22] Barundio, G.: Paris im Rausch. Die Revolution in Frankreich 1789-1795. Gütersloh, München 1989, S. 73.

[23] Furet, F. / Richet, D.: Die Französische Revolution. München 1980, S. 197.

[24] Gaxotte, P.: Die Französische Revolution. München 1973, S. 156.

[25] Schulin, E.: Die Französische Revolution. München 2004, S. 218.

[26] Gaxotte, P.: Die Französische Revolution. München 1973, S. 156.

[27] Thamer, H.: Die Französische Revolution. München 2009, S. 58.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656498223
ISBN (Buch)
9783656499572
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232791
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Geschichte
Note
1,7
Schlagworte
französische revolution welche bedeutung sturm tuilerien

Autor

  • Anna Bach (Autor)

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Titel: Die Französische Revolution. Welche Bedeutung hatte der Sturm auf die Tuilerien?