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Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik (Teil II)

Wissenschaftliche Studie 2013 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik

(Teil II)

Ü b e r s i c h t :

1. Beispiele neusachlicher Gebrauchslyrik bei Erich Kästner und Bertolt Brecht

Erich Kästner und Bertolt Brecht gelten als bedeutende Vertreter neusachlicher Gebrauchslyrik. In ihren programmatischen Schriften geben sie ihrem Selbstverständnis als Gebrauchslyriker auch ein theoretisches Fundament. Nach ihrem Verständnis ist Lyrik nicht zweckfrei. Gedichte werden nicht um ihrer sprachlichen Schönheit willen und zur Erbauung eines anspruchsvollen Publikums geschrieben. Durch nüchterne Sachlichkeit vermitteln sie vielmehr Denkanstöße statt Sentimentalität zu erzeugen und appellieren - vor allem bei Brecht - an die Bereitschaft, gesellschaftliche Verhältnisse nicht einfach hinzunehmen, sondern aktiv zu ihrer Veränderung beizutragen. Sowohl bei Kästner als auch bei Brecht spielen die Aktualität und der Realitätsbezug von Gedichten und Literatur überhaupt eine wichtige Rolle.

2.Beispiele neusachlicher Malerei und die "innige Verwandtschaft" mit der neusachlichen Literatur

In diesem Abschnitt geht es darum, die von Erich Kästner konstatierte "innige Verwandtschaft" zwischen neusachlicher Malerei und Literatur einem prüfenden Blick zu unterziehen. An ausgewählten Beispielen von Otto Dix, George Grosz, Rudolf Schlichter und Christian Schad werden Bezüge zwischen malerischen und literarischen Darstellungsweisen untersucht. Gemeinsamkeiten zeigen sich zum Beispiel in einer kritischen Einstellung gegenüber der zeitgenössischen Gesellschaft. In den Porträts bekannter Persönlichkeiten aus Literatur und Kultur wie Bertolt Brecht oder Egon Erwin Kisch und auch im damals propagierten Leitbild der "neuen Frau" offenbaren sich ebenfalls zeittypische Sichtweisen.
Die Literatur der Neuen Sachlichkeit und ihre Bedeutung im Kulturleben der Weimarer Republik

(Teil II)

1. Beispiele neusachlicher Gebrauchslyrik bei Erich Kästner und Bertolt Brecht

Es hat sich gezeigt, dass die Bewegung der Neuen Sachlichkeit zu einem Wandel des traditionellen Literaturverständnisses und zu einer Funktionalisierung der Literatur führt, die nunmehr unter dem Aspekt ihres Gebrauchswertes betrachtet wird und durch ihre Konzentration auf Realitätsnähe und Aktualität sich stärker an publizistischen, bislang als nicht-literarisch angesehenen, Textformen wie Bericht und Reportage orientiert. Das Konzept der Gebrauchsliteratur betont die gesellschaftspolitische Dimension der Kunst. Es will erzieherisch wirken im Hinblick auf eine Demokratisierung der Gesellschaft, d. h. es definiert sich - im Unterschied zum klassischen Konzept einer zeitlos-autonomen Literatur, dem es eine eindeutige Absage erteilt - durch seinen gesellschaftlichen Nutzwert bzw. seine Zweckmäßigkeit im Hinblick auf gesellschaftlichen Fortschritt. Damit wird ein Prozess eingeleitet, der bereits als "Entauratisierung" der Literatur bezeichnet wurde. (Vgl. Teil I: Einführung, Seite 2) Diese Zusammenhänge fasst Lion Feuchtwanger in seinem Aufsatz "Die Konstellation der Literatur" (1927) sehr einprägsam zusammen:

Die Literatur der weißhäutigen Völker, seit etwa zwanzig Jahren sinn- und zwecklose Spielerei,ohne Zusammenhang mit dem Leben, Beschäftigung für Zeittotschläger, beginnt allmählich die Inhalte aufzunehmen, die Krieg, Revolution, gesteigerte Technik ins Licht rücken. Produzierende und Konsumenten haben formalistischen, ästhetisch tändelnden Kram ebenso satt wie alles Ekstatische, gefühlsmäßig Überbetonte. Was Schreibende und Leser suchen,ist nicht Übertragung subjektiven Gefühls, sondern Anschauung des Objekts: anschaulich gemachtes Leben der Zeit, dargeboten in einleuchtender Form. Erotisches rückt an die Peripherie, Soziologisches, Wirtschaftliches, Politisches in die Mitte. Don Juan in seinen endlosen Varianten hat abgewirtschaftet, an seine Stelle tritt der kämpfende Mensch, Politiker, Sportler, Geschäftsmann. Den Schreiber und den Leser fesselt Gestaltung des unmittelbar Greifbaren: Sitten und Gebräuche des heraufkommenden Proletariats, die Institutionen Amerikas, Fabriken, Konzerne, Autos, Sport, Petroleum ...

(Becker 2, S. 211)

Nach diesem Verständnis wird die Literatur ihres elitären Nimbus entkleidet, zugunsten einer

Auffassung, die sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft bzw. an gesellschaftlichen Notwendigkeiten orientiert.

In radikaler Abgrenzung zur expressionistischen Lyrik, fordert Ivan Goll für die neusachliche Lyrik daher: "Weg mit allem Pathos, aller Rhetorik, allem Singsang und Liralei ..." ("Hai-Kai", 1926, in: Kaes, S. 440) Denn: "der Singsang des schönen Verses erweckt Langeweile ..., die schwerste Sünde, die ein Dichter begehen kann!" (ebd. S. 439) Es gehe vielmehr um "Zweckdichtungen", die die Aufgabe haben, "auf Menschen, an die sie gerichtet sind, zu wirken ..." (ebd. S. 440) In seinem "Kurzen Bericht über 400 junge Lyriker" (1927) betont Bertolt Brecht den dokumentarischen Charakter bzw. den "Gebrauchswert" von Gedichten. Mit reiner Gefühlslyrik nach dem Muster Rilkes, Georges oder Werfels könne er nichts anfangen. Eine zweckfreie Lyrik, "deren Inhalt aus hübschen Bildern und aromatischen Wörtern" besteht (Becker 2, S. 209), weist er zurück. Die Gedichte seiner "Hauspostille" (1927) versieht er daher mit einer "Anleitung zum Gebrauch" für den Leser.

Ähnlich liest es sich bei Erich Kästner. In der "Prosaischen Zwischenbemerkung" zu seinem Gedichtband "Lärm im Spiegel" (1929) wirft er den Gefühlslyrikern vor, sie sängen "noch immer von der 'Herzliebsten mein' und von dem 'Blümlein auf der Wiesen'" und behaupten, sie seien von der Muse mitten auf den Mund geküsst worden. (Becker 2, S. 216) Und er frohlockt, indem er den Begriff "Gebrauchslyrik" als Bezugsgröße und Zielmarke ins Spiel bringt und auf das Verhältnis zwischen Dichter und Rezipient verweist: "Die Lyriker haben wieder einen Zweck. Ihre Beschäftigung ist wieder ein Beruf." Als "Gebrauchspoeten" rangieren sie unmittelbar nach den Handwerkern, die freilich noch notwendiger seien.

(ebd. S. 217)

Nach Sabina Becker führt die Funktionalisierung der Literatur und die Betonung ihres Gebrauchswertes zu einer Entindividualisierung, Entsentimentalisierung und Entromantisierung. (Vgl. Becker 1, S. 242) Mit der Neuen Sachlichkeit werde der neuromantischen Gefühlskultur und dem pathetischen Subjektivismus der Expressionisten eine "sachlich-rationale Verstandeskultur" entgegengesetzt. (ebd. S. 243): "Die wundersüchtige blaue Blume, die Novalis blühte, verlor ihre Wunderkraft im harten Zeitalter, das der Jugend Traum und Sehnsucht an den schroffen Klippen der Tatsachen zerschellte ...

Telefon, Radio, Flugzeug, Luftschiff und in Fernen schweifende Sehnsüchte? Das reimt sich nicht zusammen." (Max Herre: "Erwin Dressels »Armer Columbus«", 1929, in: Becker 2, S. 256) Die Absage an gefühlsbetontes Denken und an einen gefühlsüberfrachteten literarischen Stil ist eindeutig. Dies gilt in besonderem Maße für die Lyrik. In der anonymisierten industriellen Massengesellschaft der Zwanziger Jahre hat anscheinend eine gefühlsorientierte Stimmungs- und Erlebnispoesie keinen Platz mehr.

Manche Autoren - wie Walter Kiaulehn in seinem Aufsatz "Der Tod der Lyrik" (1930) - sehen bereits das Ende der Lyrik gekommen: "Die Lyrik stirbt an dem technischen Fortschritt, an den Automobilen, an der Hygiene und an den kurzen Röcken. [...] Der Verkehr und die neue Sachlichkeit gaben der Lyrik den Todesstoß. [...] Die Lyrik muß sterben, damit der Fortschritt leben kann." (Kaes, S. 451 f.) Aber gegen derartig radikale Positionen erheben sich auch heftige Proteststimmen, wie die von Paul Rilla in seiner gleichnamigen Replik (1930), wo er feststellt, es sei "Raum genug für eine Legion von Lyrikern, daß hundert Jazzbands auch nicht den leisesten Laut der Natur zu übertönen vermöchten, daß gerade zwischen der sachlichsten Architektur Platz für jede innere Weite und Fülle der Anschauung ist." (ebd. S. 452) Solches "Fortschrittsgeschwätz" beweise nur, "daß die Schwätzer weder von der Zeit, noch von der Dichtung der Zeit, noch vom Dichter überhaupt eine Ahnung haben." (ebd.)

An diesen Beispielen erkennt man, dass - wie in Teil I dieser Untersuchung bereits gezeigt worden ist - die Vertreter der Neuen Sachlichkeit keinesfalls die tonangebende Schicht im literarischen Diskurs der Weimarer Zeit bilden, sondern sich ständig in der Arena der öffentlichen Meinungen gegenüber konkurrierenden bzw. abweichenden Auffassungen behaupten müssen. In der neusachlichen Diskussion um die Bedeutung und den Stellenwert der Lyrik vertritt Kiaulehn eine Extrem- oder Außenseiterposition, die keineswegs typisch für die Literatur der Neuen Sachlichkeit ist. Es besteht jedoch weitgehende Einmütigkeit darin, dass eine zeitgemäße Lyrik weltnah und prosaisch sein müsse, anstatt weltfern und poetisch. Das erfordere nüchterne Sachlichkeit statt Sentimentalität und die Bereitschaft, nur das Beobachtbare als legitimen Gegenstand der Lyrik anzuerkennen. Anfang der Dreißiger Jahre stoßen derartige Auffassungen jedoch auf heftigen Widerstand, woraufhin eine Gegenbewegung einsetzt, die einer "neuen Sentimentalität" wieder mehr Raum gibt.

Beispiel 1: "Sachliche Romanze" von Erich Kästner (Eingangsgedicht von Kästners Gedichtband "Lärm im Spiegel", 1929)

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut),

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,

versuchten Küsse, als ob nichts sei,

und sahen sich an und wußten nicht weiter.

Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.

Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier

und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.

Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort

und rührten in ihren Tassen.

Am Abend saßen sie immer noch dort.

Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort

und konnten es einfach nicht fassen.

Im Titel dieses Gedichts kombiniert Kästner zwei Begriffe, die sich eigentlich widersprechen, wenn man unter Romanze ein volksliedhaftes Gedicht mit balladesken Zügen versteht, das fantasievoll und farbenfroh ausgemalte Liebesabenteuer erzählt bzw. eine romantische Liebesepisode besingt, während der Begriff "sachlich" offensichtlich darauf hindeutet, dass die Gefühlssphäre ausgespart bleibt. Mehrfach hat sich Kästner in Aufsätzen und programmatischen Erklärungen dahingehend geäußert, dass moderne Lyrik für ihn "Gebrauchslyrik" sei, wobei er sich allerdings von der Neuen Sachlichkeit als Stilbegriff distanziert.

Für moderne Lyriker, im Unterschied zu reinen Gefühlslyrikern wie Rilke und George - und hier stimmt Kästner mit Bertolt Brecht überein -, gelte: "Sie genieren sich, Gefühle zu zeigen! ... Es ist ihnen peinlich, ihr Herz zu entblößen. Sie gehören einer sachlichen Generation an ..." ("Lyriker ohne Gefühl", 1927, in: Becker 2, S. 243) Es gehe aber nicht darum, Gefühle in der Lyrik auszumerzen, sondern darum, die bisherigen Ziele der Lyrik mit anderen Mitteln zu erreichen. Der moderne Lyriker - ähnlich Musikern wie Strawinski und Malern wie Grosz und Dix - verberge seine Gefühle, indem er sich verstellt und übertreibt, indem er scheinbar Nebensächlichkeiten fabuliere (wie "Stock" oder "Hut"), wo es eigentlich um Liebe geht, bzw. Spaß betreibe, weil ihm der Ernst zu große Mühe bereite, oder Gefühle verspotte, weil er sich nicht dazu zu bekennen mag. Hinter einem "Wall von Kleinigkeiten" bzw. einer Haltung der "Ironie" verberge der Dichter das "Große" und "Ergreifende"(sprich: das Gefühlvolle) dessen, was er eigentlich meint. Im Grunde ginge es ihm nicht um eine Auslöschung der Gefühlssphäre, sondern es verschieben sich die Akzente: Statt überschwängliche - durch Krieg und Revolution bedingte - Gefühlsentblößung zu betreiben, lebe man jetzt in einer Zeit "ernster Verschlossenheit und männlicher Zurückhaltung" und scheue davor zurück, "seine Stimmungen und Gefühle auszustellen", jedoch - und hier steckt der wesentliche Kern seiner Argumentation -, "ohne seine Sehnsucht, sein Glück, seinen Schmerz deshalb zu verheimlichen". ("Indirekte Lyrik", 1928, in : Becker 2, S. 245)

Die moderne Lyrik sei daher eine "Dichtung der Umwege". (ebd.) Sie drücke das, was sie eigentlich meint, nicht direkt aus, und deswegen nennt Kästner sie "indirekte Lyrik". Im weiteren Verlauf lobt er uneingeschränkt die Balladen in Brechts "Hauspostille" und die Auftritte von Ringelnatz im literarischen Kabarett.

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656498254
ISBN (Buch)
9783656499954
Dateigröße
749 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232870
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Philosophische Fakultät
Note
Schlagworte
literatur neuen sachlichkeit bedeutung kulturleben weimarer republik teil

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