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Pazifistisch und Altruistisch

Leitsterne Postmoderner Friedenspädagogik

Fachbuch 2013 442 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Friedlich und Fürsorglich
1.1 Friedliches Tierreich
1.2 Friedfertige Kulturen
1.3 Positives Menschenbild

2. Martialische Kulturen
2.1 Patrismus und Krieg
2.2 Theorien über den Krieg
2.3 Kinder- und Frauenfeindlichkeit

3. Altruismus statt Egoismus
3.1 Moral und Bewusstsein
3.2 Frühkindliche Erziehung
3.3 Friedenspädagogik als Prinzip

4. Erziehung zum Frieden
4.1 Erziehung zur Männlichkeit
4.2 Sexualpädagogik
4.3 Erziehung zur Biophilie

5. Friedensaspekte in der Bildung
5.1 Tierschutz-Erziehung
5.2 Menschenrechts-Erziehung
5.3 Alternative Bildung

6. Friedensbeiträge von Unterrichtsfächern
6.1 Sporterziehung
6.2 Musische Fächer
6.3 Naturwissenschaftliche Fächer
6.4 Geschichte und Politik
6.5 Philosophie und Religionswissenschaft

Ausblick

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Einleitung

Die weltweiten Friedensdemonstrationen mit Millionen von TeilnehmerInnen um die Millenium-Wende zeigen den Wunsch eines großen Teiles der Menschheit nach Frieden. Die Aktivität Hunderttausender junger Menschen für den Frieden ist in Deutschland ein neuartiges Phänomen, das zum Teil als ein Resultat jahrzehntelanger Friedenserziehung und Friedenspädagogik in Elternhäusern, Kindergärten, Schulen und Hochschulen gedeutet werden kann.

Bilanz des Ersten Weltkrieges ( 1914 – 1918)

Ca. 17 Millionen Tote. Ca. 30 Millionen Verwundete. Ca. 3 Tausend deutsche Blinde.

Ca. 90 Tausend deutsche Kriegsversehrte.

Bilanz des Zweiten Weltkrieges ( 1939 – 1945)

Ca. 27 Millionen Kriegs-Tote in der ehemaligen UDSSR. Ca. 5 Millionen deutsche gefallene Soldaten. Weitere Menschenverluste durch Verwüstungen, Entbehrungen, Hungersnöte, Epidemien. Millionen von Toten durch Deportationen, Vernichtungslager, Holocaust, Luftangriffe. Allein in Europa sind schätzungsweise 200 Millionen Menschenverluste im Ersten und Zweiten Weltkrieg nach BOUTOUL ( Vgl. BOUTOUL 1973 ) zu beklagen. Durch die Ausdehnung der Weltkriege auf Asien gab es es weitere Millionen von Toten und Verwundeten. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind in regional begrenzten Kriegen weiterhin Millionen von Menschen umgekommen. Die Welt rüstet sich für neue Kriege. Samuel P. HUNTINGTON (1996) prophezeit für die Zukunft einen Krieg der Kulturen. Friedenserziehung tut Not.

Ein Überblick aus dem Jahre 1998 über die weltweiten Ausgaben der Nationen stimmt nachdenklich. Neuere Vergleichsdaten aus dem Jahre 2013 liegen mir nicht vor. In grundlegende Schulausbildung wurden 1998 weltweit 6 Milliarden US Dollar investiert. Für Militär hingegen wurden damals weltweit 780 Milliarden US Dollar ausgegeben. Für Eiskreme wurden in Europa in den Sommermonaten 11 Milliarden US Dollar ausgegeben. Für die Vereinten Nationen einschließlich aller dazugehörigen Agenturen wurden 10 Milliarden US Dollar aufgebracht. Die Gesundheits- und Ernährungsausgaben betrugen im Jahre 1998 weltweit 13 Milliarden US Dollar. Dem standen Ausgaben für Zigaretten in Europa mit 50 Milliarden US Dollar, für alkoholische Getränke in Europa mit 105 Milliarden US Dollar und für narkotische Drogen weltweit mit 400 Milliarden US Dollar gegenüber. Ist es nicht merkwürdig, dass die Weltbevölkerung mehr für Zigaretten, Alkohol, Drogen und Militär ausgibt als für alles andere? Nach Studien aus dem Jahre 2013 existieren weltweit 17.000 atomare Sprengköpfe. Hinzu kommen Biologische, Chemische und Unbemannte Waffen zusätztlich zu den konventionellen Waffensystemen, die kontinuierlich perfektioniert werden.

Wie eine Schere öffnet sich aber auch ein positiver Lichtblick: Im Jahre 1790 gab es weltweit nur drei Länder, in denen die Regierungen vom männlichen Teil der Bevölkerung demokratisch gewählt wurden, die Vereinigten Staaten von Nordamerika, die Schweiz und Frankreich. Einhundert Jahre später waren es dann bereits dreizehn Demokratien- darunter Argentinien, Chile, Dänemark, Griechenland, Großbritannien und Kanada. Im Jahre 1920 war die Anzahl der Demokratien bereits auf 25 Staaten weltweit gestiegen. Und gegenwärtig, zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind es bereits 119 Staaten, in denen die Völker mehr oder weniger demokratisch Ihre Regierungen wählen dürfen. So unvollkommen diese Volksherrschaften durch Wahlbetrug, Massenmedien und Propaganda auch sein mögen – es finden historisch bedeutsame Schritte in die richtige Richtung zu Demokratisierung, Mitbestimmung und Partizipation der Bevölkerung statt.

Es gibt Stimmen, die Europa als Phalanx, als Speerspitze der weltweiten Friedenspolitik erkennen zu vermeinen. In Europa weht allgemein ein Geist der Versöhnung und der Friedensbereitschaft. Es scheint eine Zunahme an Empathie stattgefunden zu haben, die auch zur Abschaffung der Sklaverei, zur Stärkung der Frauen- und Kinder-Rechte, der Demokratie und des Sozialstaats geführt haben. Nach wie vor stattfindene Waffen-Exporte stoßen auf immer mehr Kritik und Unverständnis in der Bevölkerung des europäischen Exportlandes. Die europäischen Völker, unter anderem Deutschland, Frankreich, Spanien, England, Österreich und Russland, die Jahrhunderte lang Krieg gegeneinander geführt hatten, haben jetzt seit 65 Jahren den Frieden eingehalten. Nicht ohne Grund hat deshalb die Europäische Union im Jahre 2012 den Friedens-Nobel-Preis erhalten.

Eine positive Interpretation der Evolution findet sich bei PINKER (2011). Für Steven PINKER sind Krieg und Gewalt in Politik und Gesellschaft insgesamt gesehen auf dem Rückzug. Noch nie in der bisherigen Geschichte der Menschheit haben Gewalt, Mord und Krieg eine so geringe Rolle gespielt wie in unserer Gegenwart. Trotz Erstem und Zweiten Weltkrieg mit seinem unvorstellbarem Leid, den Millionen von Kriegsopfern, dem Holocaust, den Atombombenopfern von Hiroshima und Nagasaki, trotz Bürgerkrieg in Jugoslawien, Krieg im Irak, in Afghanistan, Bürgerkrieg in Syrien glaubt PINKER an einen globalen Rückgang von Gewalt und Krieg. PINKER entdeckt einen evolutionären Fortschritt der Menschheit zum Besseren. Europa habe dabei eine Führungsrolle in der Welt übernommen. Noch nie ist der Erdball von so vielen überlebenden Menschen bevölkert worden wie in der Gegenwart. Noch nie hat es so viele demokratische Staaten voller Friedlichkeit gegeben wie heutzutage. Der Fokus der Massenmedien ist stets auf Gewalttaten und militärische Brennpunkte gerichtet, was den Eindruck vermittelt, als brenne die Welt an zahllosen Schauplätzen. Das Gegenteil ist richtig. Noch nie waren Handel und Wandel, Wohlstand und Frieden so verbreitet wie in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts (Vgl. GUARINI/LIEDTKE 1999).

PINKER betont die friedenstiftende Auswirkung des Zeitalters der Aufklärung, die er als eine wahrlich humanitäre Revolution charakterisiert. Gewalt und Grausamkeit, Folter und öffentliche Hinrichtungen wie Vierteilen (Vgl. FOUCAULT: Überwachen und Strafen, 1977) oder Verbrennungen bei lebendigem Leibe wurde die moralische Legitimation durch die Proklamation der Allgemeinen Menschenrechte entzogen.

Die Zeit des bisher so genannten “Kalten Krieges” zwischen Kapitalismus und Kommunismus seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Jahre 1989 benennt PINKER um in den “Langen Frieden”. Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes 1989 entstand nach PINKER der “Neue Frieden”. Empathie, Vernunft und Selbstbeherrschung fungieren als Blockaden von Gewalt und Kriegsgeschrei. Empathie, Vernunft und Selbstbeherrschung lenken die menschliche Evolution wie die besseren Engel unserer Natur zur Zunahme von Menschenrecht und Friedlichkeit (Vgl. PINKER: The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined. 2011.) Pazifismus und Altruismus als Leitideen einer Postmodernen Pädagogik könnten befördert werden durch die Betonung von Empathie, Vernunft, Selbstbeherrschung und Nächstenliebe.

1. Friedlich und Fürsorglich

" Der Amerikaner,

der den Kolumbus zuerst entdeckte,

machte eine böse Entdeckung."

Georg Christoph Lichtenberg

1.1 Friedliches Tierreich

In Diskussionen über die Friedensbewegung und über Friedenspädagogik hört man

oft einen Einwand wie den folgenden: Die Ziele der Friedenspädagogik seien zwar

schön, aber die guten Leute, die ihr anhängen, seinen Schwärmer, Idealisten,

Traumtänzer, die nicht genügend die Natur beobachtet hätten. Der Traum vom Frieden, die Ablehnung des Krieges sei ein aussichtsloser Kampf gegen unveränderliche Naturgesetzte. Denn jedes Tier denke nur an sich selbst und an seine Angehörigen. Nur jene Tierarten könnten ihre Art erhalten, die andere Tiere überlisteten und überwältigten. Im Tierreich herrsche der „Kampf Aller gegen Alle“. Viele Menschen neigen zu der Auffassung, dass in der Natur ein rücksichtsloser Kampf ums Dasein nötig sei zur Entfaltung des Lebens. Und da der Mensch ein Teil der Natur sei, müsse es immer wieder Kriege, Bürgerkriege, Kampf ums Überleben, Macht und Unterdrückung des Schwachen geben.

Es handelt sich hierbei um eine Anschauung, die mit der Lehre DARWINs (1872) wissenschaftlich begründet wird. Die Evolution der Pflanzen- und Tiergattungen sei am meisten gefördert worden durch den Kampf ums Dasein, durch die natürliche Auslese und durch das Zugrundegehen der minderwertigen Lebewesen. Obwohl Charles DARWIN sich differenziert geäußert hat (Die Abstammung des Menschen, 1872), und er auch die gegenseitige Hilfe im Tierreich sieht, ist seine Lehre vom Kampf ums Dasein besonders im 19. Jahrhundert allgemein akzeptiert worden. Denn die Anschauung, dass der zur egoistischen Selbstbehauptung geführte Kampf notwendig sei, damit die tüchtigsten und stärksten Lebewesen sich entwickeln und die Minderwertigen zugrunde gehen, entspricht dem Egoismus, der Konkurrenz und den sozialen Gegebenheiten im 19. Jahrhundert auf der Basis von Kapitalismus und Kolonialismus.

Jeremy RIFKIN hat aus heutiger Sicht eine moderne Kritik des Darwinismus geleistet (Vgl. RIFKIN/PERLAS 1986). RIFKIN zufolge ist die generelle Akzeptanz der DARWINschen Theorie nicht auf deren Erklärungs- und Wahrheitsgehalt, sondern auf deren Eignung als Legitimationslehre für die imperialistischen und kolonialistischen Interessen und Hegemonialansprüche der westlichen, industriell fortgeschrittenen Gesellschaften zurückzuführen.

Im deutschen Faschismus wurde DARWINs Theorie als „Sozial-Darwinismus“ missbraucht, der dem rücksichtslosen National- und Rassenegoismus zum Sieg verhalf, mit dem jede Grausamkeit gerechtfertigt wurde. Von der Unterwerfung und Vernichtung angeblich rassisch minderwertiger Völker und Glaubensgemeinschaften bis zur Euthanasie behinderter Menschen reichten die Verbrechen der Nazis gegen die Menschlichkeit.

Eine gegenteilige Auffassung wurde von Fürst Peter KROPOTKIN (1904) in seinem bedeutenden, aber leider kaum bekannten Werk über die „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (Titel der Originalausgabe 1902 „Mutual Aid“) vertreten. KROPOTKIN weist in seiner Arbeit nach, dass der Wert des Kampfes für die Entwicklung der Arten sehr überschätzt wird und der der gegenseitigen Hilfe sehr unterschätzt wird. KROPOTKIN zeigt auf, dass nicht diejenigen Tiere sich am höchsten entwickelt haben und am glücklichsten und am sichersten leben, die den schärfsten Kampf führen, sondern diejenigen, die den Kampf vermeiden, besonders durch gegenseitige Hilfe und gemeinsames Handeln, aber auch durch Auswanderung, Flucht vor dem Winter durch Flug in warme Länder, Winterschlaf und andere Mittel.

Häufig hört man die Meinung, der Krieg sei ein „Rückfall der Menschen in die Tierheit“. Diese Meinung ist nach KROPOTKIN nicht richtig, da tatsächlich fast alle Tiergattungen ohne Krieg leben. Zwar müssen die meisten Tiere oft auch kämpfen, aber nicht jeder Kampf ist Krieg. Krieg ist nur der planmäßig durchgeführte und auf Tötung abzielende Kampf eines Verbandes gegen einen Verband von Individuen, die der gleichen Gattung angehören.

Konrad LORENZ (Vgl. LORENZ 1963) spricht in diesem Falle von der sogenannten intraspezifischen Aggression. Krieg ist demzufolge also nicht Kampf zwischen Individuen(z.B. Territorialverteidigung), nicht der Kampf zwischen Angehörigen verschiedener Gattungen (Fressfeindschaft) und nicht der Kampf, der nicht auf Vernichtung zielt, also beispielsweise Rangkämpfe mit Tötungshemmung. Es scheint, dass in der Tierwelt nur bei Ameisen Kämpfe stattfinden, die dem Krieg im Menschenreich vergleichbar sind.

Durch die heute weit verbreitete Ansicht, dass in der Natur nur das „Recht des Stärkeren“ gelte, wird nach KROPOTKIN die Ausbreitung einer altruistischen Weltanschauung sehr gehemmt und besonders die Anschauung gestützt, dass Bestrebungen zur Abschaffung des Krieges zwischen den Menschen ein aussichtsloser Kampf gegen ein unabänderliches Naturgesetz seien.

Pädagogische Konsequenzen

Von hier aus ergeben sich Konsequenzen für eine friedenspädagogische Neuorientierung des naturkundlichen und biologischen Unterrichts, der Umwelterziehung und der Friedenspädagogik als fächerübergreifendes Prinzip, das in sämtlichen Unterrichtsfächern zum Tragen kommen sollte. Erziehung und Pädagogik sollten mehr als bisher lehren, dass gegenseitige Hilfe, Symbiose, ökologischer Kreislauf, gemeinsame Arbeit, Geselligkeit, Altruismus und Friedfertigkeit wichtigere Faktoren der natürlichen Entwicklung der Lebewesen sind als der DARWINsche Kampf ums Dasein.

Es lassen sich Perspektiven finden zu einer ethischen Erziehung, zur „Ehrfurcht vor dem Leben“ nach Albert SCHWEITZER (Vgl. SCHWEITZER 1991) , zur Tierschutzerziehung, zur Naturschutz-, Umwelt- und Mitweltbildung, zur Anti-Rassismus-Erziehung, zur Menschenrechtserziehung bis hin zur Behinderten-Integrations-Pädagogik

Konrad LORENZ und Erich FROMM

Ähnlich wie die Lehre DARWINs wurde das 1963 erschienene Werk mit dem Titel „Das sogenannte Böse“ von Konrad LORENZ schon kurz nach seiner Publikation ein Welt-Bestseller. Für LORENZ ist die menschliche Aggression ein primärer Trieb, der ständig von einer endogenen Erregungsquelle gespeist wird. Die Aggression ist LORENZ zufolge nicht nur das Resultat einer Reaktion auf Frustration im Gegensatz zur Ansicht der Frustrations-Aggresssions-Hypothese von DOLLARD/MILLER und BANDURA/WALTER. Das Aggressions-Modell von LORENZ wird auch als ein hydraulisches Modell bezeichnet in Analogie zu dem Druck, der von gestautem Wasser oder Dampf in einem geschlossenen Behälter ausgeht. LORENZ stellt die Hypothese auf, dass in der Tierwelt die intraspezifische Aggression eine sinnvolle Funktion erfülle, indem sie die Selektion des „besseren“ Männchens bewirke, was hinsichtlich der Verteidigung des Weibchens und der Jungen von Bedeutung sei.

Seit mehreren Jahrtausenden, nämlich seit der Frühsteinzeit (seit 40.000 Jahren), hat im Menschenreich nun eine böse intraspezifische Selektion eingesetzt. Der die Auslese treibende Faktor war der Krieg, den die Jäger- und Sammlerhorden begannen. 40.000 Jahre lang gehörte der organisierte Krieg zur Geschichte der Menschheitsentwicklung und führte zu einem verderblichen Maß an Aggression. Die wissenschaftliche Methode Konrad LORENZens ist die der Analogiebildung zwischen tierischem und menschlichem Verhalten. Besonders bekannt geworden sind die als Haustiere gehaltenen Graugänse des Forschers. Bei dem Triumpf-Geschnatter streitender Graugänse wird Konrad LORENZ an das Imponiergehabe der USA und der damaligen UDSSR z.B. hinsichtlich des atomaren Wettrüstens, erinnert.

Erich FROMM kritisiert u.a. in seinem Werk „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (1974) an LORENZ dessen quasi-religiöse Haltung dem Darwinismus gegenüber. Die von DARWIN begründete Evolutionstheorie ersetze nach FROMM für viele naturwissenschaftlich denkende Menschen und Wissenschaftler den früheren Glauben an Gott als Schöpfer der Welt und des Lebendigen. Gott wurde in der Neuzeit als Schöpfer der Welt entthrohnt: der neue Schöpfer der Welt ist die „Evolution“. FROMM kritisiert an LORENZ, dass dieser von den Mechanismen der Selektion und Mutation als den großen Konstrukteuren der Evolution spreche, so wie ein orthodoxer Christ von Gott spreche. Horst-Eberhard RICHTER hat diesen Gedanken fortgeführt in seinen Werken „Der Gotteskomplex“ und „Alle redeten vom Frieden“.

Die Gründe für die damalige Popularität von Konrad LORENZ liegen wahrscheinlich auch daran, dass viele Menschen damals glaubten und auch heute noch glauben, dass unser Hang zur Gewalt, zum Krieg und zur atomaren Ausrottung der Menschheit sich auf biologische Grundkonstanten zurückführen lasse, die unabänderlich, quasi naturgesetzlich walten. Biologische Menschennatur und jahrtausendelange Evolution entzögen sich unserer Kontrolle. Nur zum geringsten Teil handele es sich bei der Kriegsbereitschaft, bei Gewalt und Aggression um von uns selbst verursachte soziale, ökonomische und politische Umstände. Der Mensch sei eben von Natur aus schlecht.

Horst-Eberhardt RICHTER: Psychoanalyse von Krieg und Frieden

RICHTER hat verschiedene Werke zur Psychoanalyse der Unfriedlichkeit, von Krieg und Frieden vorgelegt. Unter anderem analysiert RICHTER den Gottes-Komplex, die Vergötterung der Vernichtungswaffen und den Kult der Maskulinität (Vgl. RICHTER 1979, 1982, 1996, 2002, 2005). RICHTER diagnostiziert für den Menschen der Industrie-Zivilisationen einen Gottes-Komplex. Die abendländischen Männergesellschaften sind ungläubig geworden. Dafür sind sie nun von einem Gottes-Komplex besessen. Es ist ein Ideal von Größe, Stärke, Macht, Allmächtigkeit, ewigem Fortschritt, Gottähnlichkeit. Wir beten die Technik als Götzen an. Mit dem Bewusstsein zunehmender technischer Machbarkeit haben wir unser Gleichgewicht mit der Natur verloren. Unsere Illusion ist, dass die Großartigkeit unserer Technik unsere eigene Großartigkeit widerspiegele. Die Macht der Naturwissenschaft und Technik hat zu der Vermessenheit geführt, selbst gottähnlich zu werden.

Die US-Amerikaner taufen ihre gewaltigen Raketen, die mit den massenmörderischen Atomsprengköpfen bestückt werden, auf die Namen antiker z.B. germanischer, griechischer und römischen Gottheiten. RICHTER hält es für einen gotteslästerlichen Größenwahn, dass die Männergesellschaften der Industrie-Zivilisationen nun selbst z.B. Atlas, Pluto, Thor, Titan, Nike, Herkules und Poseidon in den Himmel schicken und mit ungeheuren Todesenergien beladen können. Man berauscht sich an der Vorstellung, dass allein die Poseidons eines einzigen U-Bootes genügen würden, alle Großstädte und mittleren Städte der gegnerischen Macht zu zerstören. Verdrängt wird dabei, dass die scheinbare Macht des Sieges in Wirklichkeit die Macht zur Ausrottung allen menschlichen und natürlichen Lebens auf unserem Erdball ist.

Die Vergötterung der modernen Vernichtungswaffen kann aus tiefenpsychologischer Sicht als Relikt der phallischen Phase der frühkindlichen Entwicklung gedeutet werden. In einem Dokumentar-Fernsehfilm aus den Siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts werden westdeutsche Soldaten gezeigt, die in den USA den Abschuss von Raketen trainieren. Eine Rakete wird gestartet und man sieht, wie die Bedienungsmannschaft wie ein Fußballteam nach geglücktem Torschuss in hellen Jubel ausbricht. Begeistert reißen die Soldaten die Arme hoch, während sie der gestarteten Rakete nachblicken, die wie ein feuerspeiendes Ungetüm mit kometenhaftem weißem Rauchschweif in den Himmel fliegt.

RICHTER deutet diese Szene als die Lust an einer gewaltigen phallischen Potenz-Show: „Die Kraft dieses Rakentenungetüms, das sich gegen die Schwerkraft in den Himmel hochreckt und scheinbar in die Unendlichkeit fliegt, kann offensichtlich wie eine ersatzweise Erfüllung alter phallischer Größenträume erlebt werden. Es scheint eine rauschhafte Beglückung zu sein, so als seien alle jene erlebten phallischen Kränkungen aus der Kindheitsphase und alle Potenzzweifel momentan dadurch getilgt, dass man ein solches großartiges Schauspiel in Gang setzen oder auch nur voyeuristisch daran partizipieren kann.“ (RICHTER; Zur Psychologie...1982, S. 96)

Es ist schon fast ein Allgemeingut der Alltagspsychologie, dass die PS/Kilowatt von Motorrädern und Sportwagen oder die Watt-Leistung von Stereo-Musik-Anlagen oder die Leistungen von Computern vielfach eine Art Potenzersatz darstellen. Auch der Waffenkult dient unbewusst dem gleichen Zweck. Es fängt mit den Pistolen- und Maschinengewehr-Spielen der kleinen Jungen an, die einander gegenseitig oder die Mädchen mit „Tak, tak, tak!“ und ausgestecktem Finger erschrecken. Die Spielzeug-Pistole, das Fahrten-Messer, schließlich die echte Waffe werden für viele männliche Kinder und Jugendliche zum wichtigsten Symbol für Manneskraft. Im Cowboy-Film erscheinen Gewehr und Colt als typische, zentrale Symbole der Männlichkeit.

Auf dieser phallischen Erlebnisstufe entstehen auch die Phantasien, als gehe es bei dem heutigen Rüstungs-Wettlauf gar nicht um Vernichtung, Zerstörung, Auslöschung hundert-, tausend- ja sogar millionenfachen Lebens, sondern bloß um so etwas wie einen sportlichen Weltmeister-Titel: Wer hat die größten Phallus-Surrogate? Die Rekordleistungen der modernen, „intelligenten“ Raketen werden oftmals völlig losgelöst von den Auswirkungen auf die getöteten und verwundeten Menschen wie eine sportliche Ruhmestat betrachtet. RICHTER hat die Hypothese aufgestellt, dass unsere Zivilisation im Ganzen wesentlich durch magische Allmachtsideen und Unterdrückung infantiler Ohnmachtsphantasien geprägt sei. Es handele sich um eine kollektive Männer-Neurose.

Patriarchalische Maskulinitäts-Stereotype

Die immer noch herrschende Männer-Dominanz in unserer Gesellschaft habe zu diesem magischen Ideal der Omnipotenz geführt. Charakteristika seien

- die Verherrlichung von Stärke,
- die Propagierung von egoistischer Rivalität auf Kosten sozialer Hilfe,
- der Wille zur Macht und
- die Verfolgung aggressiver größenwahnsinniger Ziele.

Hingegen wurden und werden den Frauen „Minusmerkmale“ wie Ängstlichkeit und Schwäche kulturell zugeschrieben. Zartheit, Sanftheit, soziale Sensibilität, Solidarisierung mit den Schwachen und den armen Völkern, Auflockerung expansionistischer Rivalitäten gelten als unmännlich. Blinde Zuversicht wird als Tapferkeit verherrlicht. Der Feigling, der Angsthase, der Hasenfuß, der Zimperliche, der Wehleidige wird bespöttelt oder verdammt. Wo einer aus Todesangst äußere Gefahren herausfordert, um der inneren Angst vor dem Tod zu entgehen, preisen wir ihn als tollkühn. Wird Waghalsigkeit allzu deutlich zur Herausforderung des Todes, sprechen wir hochachtend von Todesmut, obwohl es oft gerade die Unfähigkeit ist, Sterbeangst auszuhalten. Sich niederdrücken zu lassen und Leiden auszutragen, erscheint als Versagen. Ängstlichkeit, Leiden, Krankheit, Gebrechen und Sterben erscheinen als Niederlagen, die zu unserem Größenwahn nicht passen. Angst, Traurigkeit, Schmerz und Leiden sind nur etwas für Versager, Schwächlinge und Minderwertige – oder für Frauen.

Der grenzenlose Expansionismus der männerdominierten Industriegesellschaften lebt von dem Glauben, dass letztlich die Beherrschung aller Leidensursachen machbar sei.

Frauen sind weniger als Männer zu dem fragwürdigen Heroismus einer schädlichen Gefühlsverdrängung erzogen worden. Frauen durchleben stärker als Männer Angst, Schmerz, Trauer, vor denen die meisten – im oberflächlichen Sinne mutigen – Männer pausenlos auf der Flucht sind. Diese Fluchthaltung macht das Gros der Männer unfähig, die Vision eines Atomkrieges täglich und nächtlich zu ertragen. Die meisten rücken die Katastrophe wie ein abstraktes, mathematisches Problem weit von sich fort.

Günter ANDERS`Kulturkritik

Günter ANDERS hat in seinen „Thesen zum Atomzeitalter “ den Mut zur Angst gefordert: „ Nichts ist falscher als die beliebte Redensart der Halbgebildeten, wir lebten ohnehin schon im >Zeitalter der Angst<.

...Vielmehr leben wir im Zeitalter der Verharmlosung und der Unfähigkeit zur Angst. Das Gebot, unsere Vorstellung zu erweitern, bedeutet aber in concreto: Wir haben unsere Angst zu erweitern.

Postulat: Habe keinen Angst vor der Angst, habe Mut zur Angst.

Auch den Mut, Angst zu machen. Ängstige Deinen Nachbarn wie dich selbst. Freilich muss unsere Angst eine von ganz besonderer Art sein:

1) Eine furchtlose Angst, da sie jede Angst vor denen, die uns als Angsthasen verhöhnen könnten, ausschließt.
2.) Eine belebende Angst, da sie uns statt in die Stubenecken hinein, in die Straßen hinaus treiben soll.
3.) Eine liebende Angst, die sich um die Welt ängstigen soll, nicht vor dem, was uns zustoßen könnte.

(ANDERS, zit. nach RICHTER: Zur Psychologie...1982, S. 87 f.)

Im Gegensatz zu lebensfreundlichen, „biophilen“ Gesellschaften herrschen in destruktiven Gesellschaften Aggressivität, Destruktivität und Nekrophile. Als „Nekrophilie“ bezeichnet FROMM die Liebe zu toten Dingen (Vgl. FROMM 1974). FROMMs Kulturkritik zufolge gibt es in den modernen Industriegesellschaften eine Tendenz zur Vergötterung der Technik, eine Liebe zur toten Materie, eine Verquickung von Technik und Destruktionspotential. Deutlichstes Beispiel für FROMMs These von der Nekrophilie der Industriegesellschaften ist die Atomtechnologie und die Waffentechnolgie, die heute soweit entwickelt sind, dass alles Leben auf unserem Planeten ausgelöscht werden kann. FROMM schreibt: „Die Symbole des Todes sind jetzt saubere, glänzende Maschinen... Aber die Wirklichkeit hinter dieser aseptischen Fassade wird immer deutlicher sichtbar. Im Namen des Fortschritts verwandelt der Mensch die Welt in einen stinkenden, vergifteten Ort... Er vergiftet die Luft, das Wasser, den Boden, die Tiere – und sich selbst. Er tut dies in einem Ausmaß, dass es zweifelhaft ist, ob die Erde in hundert Jahren noch bewohnbar sein wird... Das gleiche gilt für die Vorbereitung des nuklearen Krieges. Die ...Supermächte vergrößern ständig ihre Fähigkeit, sich gegenseitig und gleichzeitig mindestens große Teile der menschlichen Rasse zu vernichten. Strategische Überlegungen – zum Beispiel in Hermann KAHNs Werk > On Thermonuclear War (1960)< - befassen sich gelassen mit der Frage, ob fünfzig Millionen Tote noch > vertretbar < wären. Dass wir es dabei mit dem Geist der Nekrophilie zu tun haben, kann kaum bezweifelt werden.“ (FROMM 1974, S. 318). Trotzdem haben sie nichts Ernsthaftes unternommen, die Gefahr zu beseitigen – und das wirklich Ernsthafte wäre die Zerstörung aller Kernwaffen. Tatsächlich waren aber die Verantwortlichen schon mehrmals nahe daran, Kernwaffen einzusetzen – und sie haben mit der Gefahr gespielt.

Evolutionstheorie

Charles DARWIN, geboren am 12. Februar 1809, reiste vom Dezember 1831 bis Oktober 1836 an Bord der »Beagle« auf eine Forschungsfahrt nach Südamerika, den Galapagos-Inseln und Australien und entdeckte, daß bei Pflanzen und Tieren die ungleiche Fähigkeit der Individuen, zu überleben und sich zu vermehren, langsam eine Änderung der Populationen hervorbringt, weil Eigenschaften, die Überleben gefährden und behindern, auf die Dauer verschwinden. Er nannte das »natürliche

Selektion« (natural selection) und »Überleben des Tüchtigsten« (survival of the fittest), was nicht gleichzusetzen ist mit »Überleben des Stärkeren« oder mit Faustrecht, sondern mit Anpassung an den jeweiligen Lebensraum.

DARWIN veröffentlichte am 24. November 1859 seine Ergebnisse in dem berühmten Buch »On the Origin of Species«: Alle Lebewesen, die Menschheit eingeschlossen, sind – nachdem Gott, der Schöpfer einigen oder einer Form das Leben eingehaucht hatte – das Ergebnis eines natürlichen Prozesses. Alle Lebewesen sind verwandt, d. h. alles Leben stammt von wenigen Formen oder von einer einzigen Form, von einem gemeinsamen Ursprung ab. Er nannte das: »Abstammung mit Abweichung« (descent with modificaton). Aber nie sind zwei Individuen einer Art vollkommen gleich, siehe zum Beispiel die Unterschiedlichkeit von Geschwistern (Vgl. DARWIN 1946).

Ein Beispiel für »survival of the fittest« ist der Birkenspinner (peppered moth) aus der Familie der Schmetterlinge. Vor etwa 200 Jahren hatten Birkenspinner vorwiegend helle Flügel, mit denen sie auf hellen Baumstämmen nicht auffielen. In England starben vor etwa 100 Jahren durch Luftverschmutzung im Zuge der Industrialisierung die meisten dieser Falter aus; sie waren wegen ihrer weißlichgelben

Flügel auf den inzwischen dunklen Birkenstämmen von den Vögeln sofort gesichtet und gefressen worden. Gleichzeitig vermehrten sich hingegen die Falter mit dunkelbraunen Flügeln, die auf diesen verrußten Birkenstämmen unsichtbar waren.

Seit die Umweltverschmutzung wieder geringer geworden ist, gibt es wieder mehr helle Birkenspinner.

DARWINs Buch von 1859 stieß auf Widerstand religiöser Gruppen. Und dieser Widerstand ist längst nicht zu Ende. Als RANKE-HEINEMANN 1949/50 ein Jahr in Oxford studierte und in dem evangelikalen College St. Michaels wohnte, erfuhr sie zu ihrer Überraschung dort, daß die Erde erst seit zirka 6 000 Jahren bestehe. Der Widerstand religiöser Gruppen, vor allem in den USA, wurde vor kurzem von Kardinal RATZINGER noch einmal intensiviert mit seiner »Intelligent- Design«-Kampagne, in der sich sein Sprachrohr, Kardinal SCHÖNBORN, zwar nicht gegen die Evolution richtet, aber diese so gestaltet, daß genügend Platz für päpstlichen Wunderglauben bleibt, gemäß dem die Jungfrau Maria ihren Sohn vom Hl. Geist empfing. Und so ist die Jungfrau Maria, wie Kardinal Tarcisio BERTONE, der Staatssekretär von Papst BENEDIKT, bei seiner Amtseinführung am 13. September 2006 im TV-Sender Telepace sagte, »fruchtbar und doch rein«.

2009 wurde der 200.Geburtstag von Charles DARWIN gewürdigt. Die weltweite Akzeptanz zeigt, dass seine Evolutionstheorie wissenschaftlich anerkannt worden ist. DARWINs Lehre wird nur noch von fundamentalistischen Christen in den USA und in weiten Teilen der muslimischen Welt abgelehnt.

Der Bonobo Schimpanse

Warum, so fragt PRESCOTT (2001) ist der Homo sapiens – der am weitesten entwickelte Primat auf diesem Planeten – der gewalttätigste und destruktiveste Primat auf diesem Planeten ? Warum ist unser nahester genetisch Verwandter, der Bonobo Schimpanse, der friedfertigste und gewaltloseste Primat auf diesem Planeten, mit dem wir 99,1 Prozent unserer DNA gemeinsam haben? Gewalt gegen Nachkommen und Weibchen gibt es bei den Bonobo praktisch nicht. Das Gegenteil trifft auf den Homo sapiens zu. Was mag im Verlauf der Evolution geschehen sein, das diese extremen Verhaltensunterschiede ermöglicht hat bei so geringer genetischer Differenz und was können wir vom Bonobo Schimpansen lernen, wie der Homo sapiens friedfertig und gewaltlos werden könnte? (DIAMOND 1992, De WAAL and LANTING 1997).

Der Bonobo Schimpanse (Pan paniscus) , der oft auch Pygmäen Schimpanse genannt wird, wurde im Jahre 1929 entdeckt, als eine differenzierte, zweite Spezies der Schimpansen im Unterschied zum Allgemeinen Schimpansen ( Pan troglodyte) (SCHWARTZ 1929). Der Bonobo Schimpanse hat viele einzigartige Aufzucht- und sozio-sexuelle Verhaltensweisen, die ihn vom Allgemeinen Schimpansen und vom Menschen unterscheiden (SAVAGE-RUNBAUGH and WILKERSON 1978; KANO 1980, 1992; NISHIDA and HIRAIWA-HASEGAWA 1986; BLOUNT 1990; DIAMOND 1992; De WAAL and LANTING 1997).

Aus einer evolutionären Perspektive spalteten sich die Menschenaffen-Entwicklungslinie und die Entwicklungslinie des Homo sapiens von den anderen Allgemeinen Affen vor ungefähr 30 Millionen Jahren ab. Es ist eine DNA -Uhr entwickelt worden, die es ermöglicht, die genetische Gemeinsamkeit der DNA (DesoxyriboNucleinAcid, Trägerin der Gene) zwischen Spezies prozentual zu schätzen und die Zeit zu bestimmen, zu der sich verschiedene Spezies voneinander durch Mutationen unterschiedlich entwickelten.

Der menschliche Primat zweigte sich vom Allgemeinen Schimpansen vor ungefähr 6 bis 7 Millionen Jahren ab mit einer DNA Differenz von rund 1,6 Prozent. DIAMOND (1992) stellt fest, dass der Allgemeine und Pygmäen Schimpanse sich in rund 0,7 Prozent ihrer DNA unterscheiden und sich vor rund 3 Millionen Jahren trennten, was in einer fast identischen 1 Prozent DNA Differenz resultierte, die einer 4,3 Millionen Jahre langen Evolution entspricht. Es ist errechet worden, dass der Unterschied in der DNA zwischen dem Bonobo Schimpansen und dem Menschen nur 0,9 Prozent ausmacht, was einer unterschiedlichen Entwicklung von Bonobo und Mensch über 3,9 Millionen Jahre entspricht.

Der Bonobo Schimpanse ist eindeutig unser nahester genetischer Verwandter. Entscheidend ist dabei, wieviel DNA gemeinsam vorhanden ist, wobei wir wissen, dass 1 Prozent DNA Differenz 4,3 Millionen Jahren der Evolution der Primaten entspricht. Aus einer evolutionär-genetischen Perspektive sind die 99,1 Prozent Gemeinsamkeit der DNA bei nur 0,9 Prozent Unterschiede in der DNA zwischen dem matrifokalen Bonobo Schimpansen und dem patrilinearen humanen Primaten von größtem Interesse. Dies Augenmerk gilt besonders den Gemeinsamkeiten zwischen den matrifokalen Bonobo und den matrilinearen menschlichen Kulturen, da die patrilinearen menschlichen Kulturen den matrifolalen Bonobo Gemeinschaften und den matristischen menschlichen Kulturen entgegengesetzte Charakteristika in den Sozialisationsprozeduren, im Sozialverhalten und in der Sexualität aufweisen.

Wenn wir uns vergegenwärtigen, dass es nur 0,9 Prozent Differenz in der DNA sind, die für die außerordentlichen Unterschiede zwischen dem Bonobo und dem Homo sapiens im körperlichen, emotionalen, sozialen und sexuellen Verhalten, in Sprache und kognitiv-rationalen Fähigkeiten verantwortlich sind, so gibt das Anlass zur Reflexion. Die außergewöhnlichen Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Bonobo Schimpansen und dem menschlichen Primaten sind weiterhin erklärungsbedürftig bei nur 0,9 Prozent Differenz in der DNA. Kann ein einziges fehlendes Gen ausschlaggebend sein für die pathologische Gewalttätigkeit des Homo sapiens? So fragt sich PRESCOTT. Es muss etwas anderes sein als ein fehlendes Gen, das für die pathologische Gewalttätigkeit des Homo sapiens verantwortlich ist und das eine klare Unterschiedlichkeit im friedfertigen und gewalthaltigen Verhalten zwischen dem Bonobo Schimpansen und dem menschlichen Primaten auslöst. Nach dem heutigen Forschungsstand ist es außerordentlich unwahrscheinlich, dass ein Gen für Friedfertigkeit und Liebe gefunden werden kann, ebenso wenig wie ein Gen für Hass und Gewalt gefunden werden kann, da Gene Codes für Proteine sind und nicht für Verhaltensweisen ( LEWONTIN 1991).

Die Bonobo Schimpansen haben eine lange Zeit währende Bindung zwischen Mutter und Kind - und besonders zwischen Mutter und Sohn. Sogar noch nach dem ersten Lebensjahr laufen und klettern die Bonobo Kinder wenig und die Mutter behält sie sehr nahe bei sich. Das Bobono Kind beginnt mit anderen Schimpansenkindern nicht vor dem Alter von eineinhalb Jahren zu spielen. Das Stillen dauert ungefähr bis zum vierten Lebensjahr und das Affenkind wird von seiner Mutter bis ins Jugendalter getragen. Ein weiteres Merkmal der Bonobo Schimpansen ist das Fehlen von Kindestötungen, was üblicherweise bei anderen Primaten einschließlich des humanen Primaten beobachtet werden kann (DeWAAL und LANTING 1997). HRDY (1999) hat die vorherrschende Natur der Mutter-Kind-Bindung bei Primaten beschrieben. Die Mütter der Menschenaffen tragen ihre Kinder wo immer sie gehen. Die Väter hingegen sind nur spärlich im direkten Kontakt mit Babies. Es ist immer die Mutter, die ununterbrochen ihr Kind im Haut-zu-Haut-Kontakt trägt. Beruhigt durch ihren Herzschlag, geschützt in der Wärme ihres Körpers, geschaukelt durch ihre Bewegungen, ist die ganze Welt des Affenkindes seine Mutter. Niemals ist bei wild lebenden Affen, Schimpansen oder Menschenaffen jemals beobachtet worden, dass eine Mutter freiwillig ihr eigenes Baby geschädigt hat.

Was mag im Laufe der Evolution geschehen sein, wo Kindestötung, Kindesschädigungen und Kindesverletzungen plötzlich unter dem Primaten homo sapiens aufgetreten sind? Warum ist sexueller Missbrauch von Vorpubertären unbekannt in der Evolution der Bonobo Schimpansen, beim Homo sapiens jedoch weit verbreitet? Welche genetischen oder kulturellen Faktoren könnten möglicherweise für diese Unterschiede verantwortlich sein (Vgl. PRESCOTT 2001)?

Die emotionalen Bindungen zwischen den Bonobo-Weibchen sind sehr stark ausgeprägt. Sie sitzen zusammen, interagieren und spielen miteinander weitaus öfter als mit männlichen Bonobos. Die Weibchen folgen einander sieben Mal öfter als sie sich Männchen anschließen. Dieser Zusammenhalt der Weibchen ist zweifellos beeinflusst von der langen Gemeinschaft mit ihren Jungen. Das Weibchen ist die zentrale und dominierende, aber nicht autoritäre Macht in der Bonobo Gesellschaft, die charakterisiert wird durch umfassende Fürsorge für die Jungen und egalitäre Beziehungen, welche vorrangig durch die Teilung von Nahrung und Sex gefördert wird. Es kommen einige Rivalitätsaggressionen zwischen den Männchen vor, sie sind aber nicht signifikant. Die Mutter-Sohn-Bindung ist bei den Bonobo sehr stark. Sie leben immer noch zusammen, wenn der Sohn bereits erwachsen ist. Weibliche Jugendliche trennen sich von der Mutter eher als deren Söhne. Es wurde beobachtet, dass die Söhne anhänglicher und liebevoller zu ihrer Mutter sind als die Töchter. Die Männchen bleiben in ihrer Herkunftsgruppe, haben starke Bindungen an ihre Brüder und andere Männchen. Die Weibchen hingegen wenden sich anderen Bonobo Gruppen zu, die nicht zur Familie gehören und sogar manchmal abweisend sind. Sie vermeiden dadurch Inzest in ihrer Herkunfstfamilie. Egänzend zu diesem Verhaltensprinzip sind die präpubertären Weibchen sexuell inaktiv. Sie vermeiden Sexualbeziehungen zu Brüdern oder verwandten Männchen. Gewöhnlicherweise emigrieren die Weibchen aus der Geburtskolonie im Alter von 7 Jahren, wenn bei ihnen die Pubertät beginnt. Im Alter von 10 Jahren sind sie geschlechtsreif. Die ersten Babies erscheinen im Alter von 13 und 14 Jahren (Vgl. De WAAL und LANTING 1997).

DeWAAL und LANTING (1997) bemerken: Wenn die Bonobo Schimpansen früher entdeckt worden wären, wer weiß, vielleicht hätte die Rekonstruktion der menschlichen Evolution mehr Augenmerk auf die sexuellen Beziehungen, auf die Ebenbürtigkeit von Männern und Frauen, sowie auf die Ursprünge der Familie verwendet anstatt auf Krieg, Jagd, Werkzeug-Technologie und andere maskuline Stärken. Die Bonobo Gesellschaft scheint viel eher vom Slogan “ Make Love, not War” der Hippie-Bewegung der 1960er Jahre bestimmt zu sein, als dass sie dem Mythos vom blutrünstigen Killer-Affen enstprechen würde, der in den letzten dreißig Jahren unsere Biologiebücher und Horrorfilme wie King Kong dominierte.

Speziezismus

DARWINs These von der Abstammung des Menschen aus dem Tierreich und von gemeinsamen Affen-Vorfahren von Affe und Mensch bedeutet für viele Zeitgenossen eine arge Kränkung und Erschütterung ihres eingebildeten Selbstbildes. In zahlreichen patristischen Kulturen und Religionen kennen wir Mythologien, die von einer Sonderstellung des Menschen im Kosmos ausgehen und eine Lehre von der Göttlichen Abstammung des Menschen verbreitet haben. Im Judentum, im Christentum, im Islam, im Buddhismus, in der japanischen Shinto-Religion und in zahlreichen weiteren Religionen – sogar in modernen Religionen wie der Scientology Church – wird die Entstehung der Menschheit von göttlichen Handlungen oder von göttlicher Abstammung oder Gott ähnlichen Aliens hergeleitet. Der Mensch versteht sich als Herrscher über das Tierreich, muss ständig seine Überlegenheit betonen und offensichtliche Ähnlichkeiten entrüstet von sich weisen. Viele Schimpfwörter verunglimpfen den Gescholtenen mit Tieren: “Du Schwein!”, “Dumme Gans!”, Sie Hirsch!”, “Sie Hornochse!”, “Du Schlange!”, Mörder werden “tierischer Grausamkeit” geziehen, Minderheiten wurden als “Bazillen, Läuse oder Ratten” verunglimpft. Politische Gegner werden auch heute noch in Deutschland als “Zecken” beschimpft. Menschenähnliches Verhalten der gefangenen Affen im Zoo induziert lautes Gelächter der Zuschauer, besonders fehlerzogener Kinder. Je ähnlicher das Benehmen der gefangenen Affen mit menschlichem Verhalten, desto lauter das Gelächter der Zuschauer vor den Gitterstäben.

Der patriarchalisch erzogene Mensch empfindet sich als Krone der Schöpfung, als Herrscher über die Tiere und als Wesen mit großem Abstand zum Naturreich. Jede Nähe zu tierischen Attitüden ist dem kopflastigen Menschenwesen peinlich. Andererseits werden für menschlichen Gebrauch bestimmte Medikamente und Kosmetika millionenfach in Tierexperimenten getestet. De facto stammt der Mensch nach DARWIN aus dem Tierreich. Deshalb reagieren Mensch und Tier auf chemische Kosmetik-Cocktails vergleichbar, ein Sachverhalt, der als Begründung für die massenhaften Tierversuche in Labors verwendet wird. Die Erkenntnis von der Verwandtschaft und Ähnlichkeit zwischen Tier und Mensch wird verdrängt. Je weiter ein Mensch die Gemeinsamkeit zum Tier von sich weist, desto stärker ist der Betreffende womöglich dem Verhalten der triebgesteuerten Tiere noch verhaftet. Denken wir einmal an die Hackordnung der Hühner, die Rang-Kämpfe im Wolfsrudel, das Imponiergebaren des Platzhirsches, den Kollektivrausch der Lemminge, die instinktgesteuerte Brunftzeit, das Mobbing des Schwächsten usw.. So wie in der Hundemeute brauchen Menschen mit defizitärer Ich-Identität “underdogs” als Untergebene oder Unterlegene als Krücken ihrer ansonsten schwachen Persönlichkeit. Männer mit schwachem Selbstbewusstsein fühlen sich in der Meute, in der Horde, in der Masse sicher, geborgen und stark. In vielen Ländern hat man beobachtet, dass Jünglinge und Hunde gemeinsame Gangs, Banden oder Horden bilden und wie die Wölfe in Rudeln streunen. Dies ist der Hintegrund zu den Geschichten über Wolfskinder, beginnend bei Romulus und Remus, den Begründern des Römischen Reiches, die von einer Wölfin gesäugt worden sein sollen, bis hin zu KIPLINGs Mowgli aus dem "Dschungelbuch", Vorlage für die berühmten "Tarzan"- Filme oder dem Wilden von Aveyron, Victor, der von ITARD aufgenommen wurde (Vgl. KOCH 1992).

Ein alter Herr, vielleicht ein Vegetarier , Veganer oder Tierrechtler, trug auf einer Friedensdemonstration um die Jahrtausend-Wende in Hamburg, Deutschland, ein Plakat mit der Aufschrift: “Solange es Schlachthöfe gibt, solange wird es Schlachtfelder geben!”

1.2 Friedfertige Kulturen

Erich FROMM hat in seinem Werk über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eine Analyse von dreißig sogenannten primitiven, schriftlosen Kulturen unter dem Aspekt Aggressivität versus Friedfertigkeit vorgelegt.

30 Naturvölker im Vergleich

Die dreißig analysierten Kulturen entstammten den völkerkundlichen Feldforschungen seriöser Wissenschaftler wie Ruth BENEDICT, Margaret MEAD, MURDOCK und TURNBULL.

Als Resultat der Forschungsstudie ergaben sich 3 verschiedene kulturelle Systeme:

Friedliche, aggressive und destruktive Völker

1.) Lebensbejahende Gesellschaftssysteme,
2.) Destruktive Gesellschaftssysteme und
3.) Nicht-destruktive, aber aggressive Gesellschaften.

Lebensbejahende Gesellschaften

Die lebensbejahenden Gesellschaften werden wie folgt beschrieben:

In diesem System sind Ideale, Sitten und Institutionen vor allem darauf ausgerichtet, dass sie der Erhaltung des Lebens in allen seinen Formen dienen.

Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten sind in der Bevölkerung nur in minimalem Ausmaß zu finden.

Sanfte Kindererziehung

Es gibt keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle. Die Kinder werden freundlich behandelt, schwere körperliche Züchtigungen gibt es nicht.

Gleichberechtigung

Die Frauen sind den Männern in der Regel gleichgestellt, oder sie werden wenigstens nicht ausgebeutet oder gedemütigt.

Sexualfreundlichkeit

Die Einstellung zur Sexualität ist ganz allgemein tolerant und bejahend.

Man findet wenig Neid, Geiz, Habgier und Ausbeutung.

Es gibt kaum Rivalität oder Individualismus, aber sehr viel Kooperation.

Persönliches Eigentum gibt es nur in bezug auf Gebrauchsgegenstände.

Naturverehrung

In der allgemeinen Haltung kommt Vertrauen und gläubige Zuversicht zum Ausdruck, und dies nicht nur den anderen gegenüber, sondern besonders auch gegenüber der Natur;

ganz allgemein herrscht gute Laune, und depressive Stimmungen sind relativ selten.“ (FROMM, Anatomie... 1974, S. 150)

Indianer und Eskimos

Zu den lebensbejahenden Gesellschaften rechnet FROMM folgende Völker:

Zuni-Pueblo-Indianer

Berg-Arapesh

Batonga

Aranda

Toda

Semang

Polar-Eskimos

Mbuto

Im Gegensatz zu diesen lebensfreundlichen, „biophilen“ Gesellschaften herrschen in den destruktiven Gesellschaften Aggressivität, Destruktivität und Nekrophile.

Menschliche Gesellschaften unterscheiden sich sehr stark in ihrer Behandlung von Kindern. In einigen Kulturen schenken die Eltern ihren Kindern körperliche Zuwendung, während sie sie in anderen körperlich bestrafen. Eine Studie anthropologischer Daten durch PRESCOTT zeigte, dass in jenen Gesellschaften, die ihren Kindern den größten Betrag an körperlicher Zuwendung schenken, weniger Diebstahl und Gewalttätigkeit unter Erwachsenen vorkommt, was die Theorie unterstützt, dass Mangel an körperlicher Lust in der Kindheit signifikant mit einer hohen Kriminalitäts- und Gewalttätigkeitsrate verknüpft ist. Zum Beispiel scheinen Kulturen, die Kindern Schmerzen zufügen, zur Sklaverei, Polygynie, das heißt Vielweiberei, Frauenunterdrückung und Kriegslust zu neigen.

James W. PRESCOTT, Ph.D., vom Institute of Humanistic Science zufolge (Vgl. PRESCOTT 1997) beugt eine Mutter-Kind-Bindung durch Brusstillen während der Dauer von 2,5 Jahren und darüber hinaus Depression, Selbstmord und Gewalt vor und fördert eine optimale Gehirnentwicklung. Eine Mutter-Kind-Bindung durch zweieinhalb-jähriges oder längeres Bruststillen, so ist bewiesen worden, beugt Depression und Suizid bei Naturvölkern vor. 77 Prozent der Kulturen mit einem Entwöhnungsalter von 2,5 Jahren oder darüber hinaus wurden so eingestuft, dass Depressionen und Selbstmord äußerst gering oder überhaupt nicht auftraten. Dieser Wert nahm bis zu 82 Pozent zu, wenn Kulturen einbezogen wurden, die auch jugendliche Sexualäußerungen unterstützten. In einem großen Sample von 65 Kulturen, das die Daten von TEXTOR (1967) und BARRY und PAXON (1971) beinhaltet, ergab sich, dass 86 Prozent der Kulturen, die so eingestuft wurden, dass Suizid gering auftrat oder abwesend war, ein Entwöhnungsalter von 2, 5 Jahren oder darüber hinaus aufweisen. Diese Daten, wenn sie mit dem MERCK MANUAL über die Erfordernisse der Versorgung mit essentiellen Aminosäuren im Kleinkind- und Kindesalter kombiniert werden, ergeben, dass die Versorgung mit Milchpulver oder Kuhmilchprodukten unzureichend für eine gesunde Gehirnentwicklung ist.

Die kulturanthropologischen Vergleichsstudien zeigen auch, dass die Zufügung von Schmerzen im Kleinkind- und Kindesalter zur Zunahme von Gewalt und Verbrechen führt. Diese Vergleichsstudien führen zu Empfehlungen, wie eine friedliche Kultur geschaffen werden könnte.

Folgende Naturvölker behandelten ihre Kinder mit Zärtlichkeit, Liebe und Fürsorge:

Andamanese, Arapesh, Balinese, Chagga, Chenchu, Chuckchee, Cuna, Hano, Lau, Lesu, Maori, Murngin, Nuer, Papago, Siriono, Tallensi, Tikopia, Timbira, Trobriand, Wogeo, Woleaians, Yahgan.

Die Aborigines, die australischen Ureinwohner, waren außerordentlich friedliebend. Bei den wenigen Konflikten gab es Rituale, bei denen nur wenig Blut floss (Vgl. LAWLOR 1999).

Die nordamerikanischen Ureinwohner waren überwiegend matristisch und friedfertig. Das uns bekannte Bild der berittenen, Feuerwaffen und Tomahawk schwingenden Skalpjäger trifft nur auf die Prärie-Indiander des 18. und 19. Jarhunderts zu. Besonders die indianischen Stämme der Sioux, Cheyenne und Pawnee bekriegten sich untereinander und kämpften gegen die europäischen Eindringlinge. Der Anthropologe SERVICE ( Vgl. SERVICE 1966) betont, dass es falsch wäre, die gesamten Indianer-Kulturen Nordamerikas mit den kriegerischen Prärie-Indianern gleich zu setzen. Die bekannte Kampfbereitschaft der Prärie-Indianer war Ergebnis des Kultureinbruchs durch die weißen Eroberer und der Wanderungsbewegung von Stämmen aufgrund von Vertreibung durch die Siedler europäischer Eroberer. Gewehre, Pferde und Feuerwasser, allesamt europäischer Herkunft, spielten eine große Rolle bei den uns bekannten typischen Prärie-Indiandern.

Nach Steve TAYLOR ( Vgl. TAYLOR, St., 2009, S. 136 ff.) waren die amerikanischen Indianderstämme in ihrer überwiegenden Mehrheit friedliebend, demokratisch und nicht-patriarchalisch. Die Indianer Kaliforniens und die Pueblo-Indianer in New Mexico gehörten nach JOSEPHY (Vgl. JOSEPHY 1975, S. 37) zu den friedlichsten Völkern der Erde. Es liegen zahlreiche Berichte über die Friedlichkeit, Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit und demokratische Gesinnung vieler amerikanischer Ureinwohner und Naturvölker vor, zum Beispiel über die Hopi-Indiander oder die Eskimos. Anthropologen berichten, dass die Indianer ihre Aggressionen auf harmlose Weise abreagierten, durch körperliche Bewegung, Sport und Wettkämpfe. Die Eskimos zum Beispiel leiten ihre Konflikte in Gesangswettbewerbe um. Die Gemeinschaft genießt den Vorrang vor Eigennutz und Privatbesitz und Statusstreben. Gemeinnützihkeit und Teilen haben oberste Priorität.

TAYLOR (Vgl. TAYLOR 2009, S. 140 ff. ) weist überraschender Weise sehr überzeugend nach, dass die Wiege der modernen Demokratie nicht in Griechenland, sondern bei den amerikanischen Indianern zu finden sei. Vielfach wird das Antike Hellas als Wiege der Demokratie angesehen, was teilweise zutrifft. Die Demokratie galt jedoch nur für Aristokraten bei gleichzeitiger Slaverei und Unterdrückung der Frau. Es gibt Hinweise darauf, dass wir die Ideen der modernen Demokratie den amerikanischen Indianern verdanken.

Thomas JEFFERSON und Benjamin FRANKLIN räumten in ihren Biografien ein, sie hätten sich bei der Abfassung der Amerikanischen Verfassung die Idee einer Union unterschiedlicher Staaten und das Modell einer demokratsichen Regierung mit gewählten Vertretern von der Irokesen-Liga übernommen. Die Irokesen-Liga besaß eine eigene Verfassung sowie Gesetze, welche die Anführer auswendig lernten. Die Clan-Mütter hatten Autorität bei den Irokesen.

JAIMES-GUERRERO ( Vgl. JAIMES-GUERRERO 2000 ) betont, dass die Amerikanische Verfassung den bei den Irokesen vorhandenen Einfluss der Frauen ausklammerte. Dem entsprechend war die amerikanische Idee der Demokratie sehr unvollkommen. Die Proklamation von Freiheit und Gleichheit für angeblich alle Menschen beschränkte sich auf die männlichen Grundbesitzer. Für Frauen, Sklaven aus Afrika, Indianer und landlose Einwanderer galten die demokratischen Gesetze noch nicht.

Auch die Väter der Französischen Revolution waren von Berichten über die amerikanischen Ureinwohner inspiriert. Jean-Jaques ROUSSEAUs Schriften übten großen Einfluss auf die Revolutionäre aus. ROUSSEAU war an Informationen über die nordamerikanischen Indiander und Berichte über Inselbewohner des Pazifischen Ozeans gelangt, die ihn bei der Erstellung seiner berühmten Schriften, zum Beispiel “Der Gesellschaftsvertrag”, beeinflussten (Vgl. RYAN 2003). ROUSSEAU vertrat die Auffassung vom edlen Wilden, der im Gegensatz zur Zivilisation der Großstadt und der absolutistischen Monarchie im Zustand der ursprünglichen Natur lebte, mit unveräußerlichen Menschenrechten, dem Naturrecht ( Vgl. ROUSSEAU 1997 ).

1851 publizierte Lewis Henry MORGAN sein Buch “Leaque of the Iroquois”. Karl MARX und Friedrich ENGELS lasen das Buch und fanden darin eine Beschreibung des Urkommunismus. In seinem Werk “Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates” schreibt ENGELS mit utopischem Schwung: “Und es ist eine wunderbare Verfassung in all ihrer Kindlichkeit und Einfachheit, diese Gentilverfassung! Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, ohne Adel, Könige, Statthalter, Präfekten oder Richter, ohne Gefängnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang... Arme und Bedürftige kann es nicht geben, die kommunistische Haushaltung und die Gens kennen ihre Verpflichtungen gegen Alte, Kanke und im Kriege Gelähmte. Alle sind gleich und frei – auch die Weiber” ( ENGELS 1975, Band 21, S. 95 f.).

Die amerikanischen Ureinwohner waren in ihrer großen Mehrheit matristisch oientierte Gesellschaften. Johann Jakob BACHOFEN (Vgl. BACHOFEN 1997 ) war einer der ersten Theoretiker, der die These vom ursprünglichen Matriarchat vertrat. Inzwischen gibt es zahlreiche völkerkundliche Beweise für die Existenz matristisch organisierter Kulturen. Bei den Yahgan-Indianern in Feuerland genießen die Frauen einen besonders hohen Rang (Vgl. SERVICE 1978). Bei den kanadischen Eskimos sind die Frauen den Männern gleichgestellt und deren Rollen sind austauschbar. Bei den Pueblo-Indianern war die Frau den Männern ebenbürtig. Zum Beispiel konnte die Scheidung von weiblicher Seite leicht vollzogen werden, indem die wenigen Habe des Ehemannes vor die Tür gestellt wurden, woraufhin der verstoßene Ehamann ins Haus seiner Herkunftsfamile zurückkehrte.

Auch in Afrika gibt es Überreste matrischer Kulturen. Als ein rein matristisches afrikanisches Volk gelten die Nuer im Sudan, die der Anthropologe EVANS-PRITCHARD in den 1940er Jahren erforscht hat. Uneigennützigkeit und Gemeinschaftssinn waren bei den Nuer stark ausgeprägt. Diese Gesellschaft kannte weder Unterdrückung noch Ungleichheit. Die Frauen hatten die gleichen Rechte und den gleichen Einfluss wie die Männer (Vgl. EVANS-PRITCHARD 1967, S. 2 f.).

Ein weiteres Beispiel sind die Pygmäen in Zentralafrika. Die Mbuti und Biaka sind TURNBULL zufolge rein matristische, friedliebende Kulturen (TURNBULL 1993, S. 7). Die Mbuti sind ein gewaltfreies Volk, die untereinander und mit ihrer Umwelt in Frieden leben. Die Gleichwertgkeit von Mann und Frau ist derart vollkommen, dass deren Rollen wechselseitig austauschbar sind. Ebenso verhält es sich bei den Yaghan-Indianern in Feuerland, Argentinien. Bei dem Pygmäenvolk der Biaka haben die Kulturanthropologen ebenfalls Gleichberechtigung der Geschlechter und Friedlichkeit feststellen können.

Die Jäger- und Sammlervölker der Kalahari-Wüste im Süden Afrikas nennen sich !Kung, Gwi und Nharo und haben den gemeinsamen Namen San. Die Weltanschauung dieser Naturvölker ist ausgesprochen unmaterialistisch und auf Gleichberechtigung ausgerichtet. Anhäufung von Eigentum, vor allem von wertvollen Dingen, gilt als nicht wünschenswert, weil es zu Neid und Konflikten kommen könnte. Deshalb haben die Gwi Buschleute auch kaum Konflikte untereinander. George B. SILBERBAUER ( Vgl. 1981, 1994 ) lebte einige Jahre mit den Gwi-Buschleuten zusammen. SILBERBAUER stellte fest, dass beim Vergnügen, beim Glück und bei der Zufriedenheit der Kwi immer der Aspekt der Gemeinsamkeit und des Teilens die Hauptrolle spielte.

Das Meeresgebiet des Pazifischen Ozeans umfasst mehr als 70 Millionen Quadratkilometer. Diese Region wird unterteilt in Mikronesien, Melanesien und Polynesien. Darauf verstreut liegen weit über 7,5 Millionen Inseln. In Ozeanien fanden die Entdecker überwiegend ein matristisches Grundmuster, das durch einige abgemilderte patristische Kulturen durchsetzt war. Auf Tahiti waren die Männer nicht aggressiver als die Frauen. Die Frauen waren nicht sanftmütiger oder mütterlicher als die Männer. Die Sprache der Tahitianer machte keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Es gab weder männliche noch weibliche Pronomina. Viele traditionelle Namen konnten von Männern als auch von Frauen getragen werden. Die Menschen auf Tahiti waren friedlich und fürsorglich.

Wie die Tahitianer kannten auch die Trobriander keine fest umrissene Geschlechterrollen und zeichneten sich durch Gleichberechtigung von Mann und Frau, eine sanftmütige Kindererziehung und eine überraschend freizügige Sexualmoral aus. MALINOWSKI erregte weit über fachwissenschaftliche Kreise hinaus großes Aufsehen mit seinen Publikationen über die Trobriander ( Vgl. MALINOWSKI 1922). Ab 1914 lebte er einige Jahre lang bei den Trobriand-Insulanern, nahe Papua-Neuguinea und führte dort teilnehmende Feldforschung durch. Beeindruckend war die Zärtlichkeit und Toleranz der erwachsenen Trobriander zu ihren Kindern. Die Mehrheit der frühen Kolonisateure, Forscher und Missionare waren bei ihren Besuchen in Ozeanien immer wieder überrascht von der unerwarteten Friedfertigkeit der sogenannten Wilden. KRIEGER zufolge besaßen die Papuaner überhaupt keine Angriffswaffen und führten ein friedvolles Leben ohne Zukunftsängste (Vgl. KRIEGER 1911, In: SUMNER 1964, S. 205) SUMNER selbst hatte sich die damalige Kriegs-Begeisterung seiner eigenen Kultur unkritisch zu Eigen gemacht, so dass er die Friedfertigkeit der ozeanischen Naturvölker als Feigheit missdeutete. SUMNER nannte deshalb 1911 die Eingeborenen von Deutsch-Melanesien feige und erbärmlich, weil sie zwar zu gelegentlichen Überfällen untereinander bereit waren, aber nie tapfer in einer offenen Schlacht Krieg führten.

Auf vielen kleineren Inseln des Pazifischen Ozeans war der Krieg bis zum Eintreffen der Kolonisateure und Eroberer aus Europa völlig unbekannt. Friedlichkeit konnte hier Tausende von Jahren überleben, weil die Inseln des unermesslich großen Ozeans weit entfernt von den Wüstenregionen der Sahara, der Arabischen Halbinsel und den Wüstensteppen Asiens gelegen waren, die den Forschungshypothesen DeMEOs (Vgl. DeMEO 1998) zufolge Ursprung patriarchaler und kriegerischer Kulturen durch Desertifikation und Hungersnöte war und der er den Namen SAHARASIA gab. Auf abgelegenen Inseln trafen Besucher oft auf überraschend friedliebende Naturvölker. Die Chatham-Inseln liegen 800 Kilometer von Neuseeland entfernt im Südpazifik, also weit entfernt von der von DeMeo als SAHARASIA (Vgl. DeMEO 1998) bezeichneten Erdregion. Die Bewohner der Chatham-Inseln waren friedfertig. Auch die restlich überlebenden Ureinwohner der Andaman-Inseln in der Bucht von Bengalen sind friedvolle Jäger und Sammler.

In Indien ist das Volk der Muria beheimatet, bei dem der Anthropologe Verrier ELWIN ( Vgl. ELWIN 1947, 1968 ) in den 1930er Jahren Feldstudien durchführte. ELWIN traf eine Kultur an, die auf ihn den Eindruck einer gewaltlosen Unschuld machte. Besonders die Kinder der Muria genossen eine überraschende Autonomie und sexuelle Freiheit. Die Kinder der Muria schliefen meist in einer Gemeinschaftshütte, den sogenannten Ghotul. Die Erwachsenen hatten zu diesem autonomen Jugendschlafhaus keinen Zutritt. Das Ghotul ermöglicht den Kindern der Muria vielfältige erotische und sexuelle Erfahrungen mit verschiedenen anderen Kindern der Dorfgemeinschaft zu sammeln. Die Eltern kennen diese Jahrtausende alte Tradition aus eigener Erfahrung in ihrer Kindheit und Jugend. Daher dürfen deren Kinder und Jugendlichen mit Wissen und Einverständnis der Eltern das Jugendhaus besuchen.

Die englischen Kolonialherren im Indien des 19. Jahrhunderts waren schockiert über die Sitten und das Verhalten der indischen Naturvölker ( Vgl. TAYLOR 2009, S. 163 f. ). Die Kkhond in Madras und die Rengmah in Assam zeigten nicht die geringsten Tendenzen von Aggression und besaßen keinerlei Kriegstüchtigkeit. Über die Mru in Chittagong berichtete SUMNER von deren Friedensliebe, Scheu und Kompromissbereitschaft. In einem Streitfall kämpfen die Männer nicht, sondern rufen einen Geisterbeschwörer als Mediator herbei. TAYLOR zählt andere friedliebende Naturvölker auf wie z.B. die Kharia in Westbengalen, die Chenchu in Andrah Pradesh, die Yanadi auf der Insel Sriharikota, die matristische Kultur der Mosuo im Südwesten Chinas und weitere Naturvölker in anderen Teilen der Erde.

Über die vorkolonialen Sitten und Gebräuche in Ozeanien gibt es interessante Berichte von James COOK ( Vgl. COOK 2005 ). COOK berichtet, wie auf einer Südsee-Insel bei einem Fest ein junges Paar Sex in allen möglichen Stellungen vorführte, umringt von der gesamten Dorfgemeinschaft als begeisterte Zuschauer, darunter auch sozial hochstehende Eingeborene. Und dass beim Ankern des Kolonialschiffes unter COOKs Kommando vor einer Insel die barbusigen Inselbewohnerinnen mit Booten heranpaddelten, an Bord strömten und es dann die „widerwärtigsten Sexscenen auf dem Schiffsdeck“ gab.

TAYLOR schreibt, dass ROUSSEAU Berichte über die Naturvölker Ozeaniens und die nordamerikanischen Indianer gelesen habe, bevor er seine berühmten Schriften über den Gesellschaftsvertrag und die Natur des Menschen verfasste. Er gewann ja das Preisausschreiben der Akademie von Dijon, die gefragt hatte, ob die Zivilisation zur Anhebung der Sitten und zur Verbesserung der Menschheit beigetragen habe, was ROUSSEAU (Vgl. RUSSEL 1992) mit dem Hinweis auf den glücklichen Wilden im Zustand der Natur verneinte. Er war auch der Hauptbegründer der Idee vom Naturrecht ( Vgl. Ernst BLOCH, 1976). ROUSSEAU verwarf die Auffassung von der Geradlinigkeit der Evolution wie sie PINKER (2011), DeMAUSE (1980) und ELIAS (1976) vertreten.

PINKER veröffentlichte im Jahre 2011 sein viel beachtetes Werk “ The Better Angels of Our Nature”, in dem er argumentiert, dass die Gewalt über zahlreiche Scalen der Zeit und der Stärke abgenommen hat. Kriegsführung, Mord, grausame Bestrafungen, Kindesmissbrauch, Tierquälerei, häusliche Gewalt, Lynchen, Pogrome, internationale Kriege und Bürgerkriege haben ständig abgenommen. PINKER versucht, diese Abnahme der Gewalt durch den Wandel von gewalthaltigen Impulsen wie Herrschsucht, Sadismus, Blutrache und Hassgefühlen hin zu friedfertigen Impulsen wie Selbst-Kontrolle, Empathie und Vernunft zu erklären, die durch historische Kräfte wie Staatsgewalt und Regierungen, Handel und Kultur gefördert worden sind.

Margret MEAD (1934) beschreibt in ihren Büchern verschiedene Naturvölker in Ozeanien. Sehr bekannt geworden ist die Beschreibung dreier Kulturen auf Neu-Guinea, der aggressiven Mundugumur, der friedlichen Arapesh und eines kleineren Stammes der Tschambuli mit geschlechtsspezifischem Rollentausch. Diese bis zu ihrem Tode unbestrittenen Forschungsresultate wurden in der Hippie-Bewegung als Argumentationshilfen der Jugend mit der älteren Generation benutzt, nämlich, dass friedvolle Kulturen existent waren und dass ein friedfertiges Zusammenleben möglich sei, aufgrund der großen Variabilität und Plastizität der menschlichen Natur, auf Grund der großen sozio-kulturellen Überformbarkeit der Menschennatur, wie sie von Adolf PORTMANN festgestellt worden ist (Vgl. PORTMANN 1970).

Nach dem Tode Margret MEADs erschien das Buch von FREEMAN, in dem er MEAD Mythenbildung vorwarf und die These vertrat, dass die Mehrheit der Kulturen Ozeaniens blutrünstig und kriegerisch gewesen seien, Kannibalen und Kopfjäger. Einige Jahre später berichtete die Zeitschrift “ SPIEGEL”, dass das Buch des bis dahin unbekannten australischen Professors FREEMANs von amerikanischer Seite und von der Waffenindustrie gesponsort worden sei, um der Friedensbewegung ideologische Begründungsmöglichkeiten zu entziehen.

Norbert ELIAS beschreibt in seinem Werk “Über den Prozess der Zivilisation” (1976) an zahlreichen Beispielen, wie grausam die Machthaber im Mittelalter waren, und wie sie dann durch die Machtakkumulation an Fürsten- und Königs-Höfen allmählich höflich werden mussten. Er beschreibt unter anderem, dass jeder Raubritter ein eigenes Siechenhaus hatte, in dem einige Dutzend Männer dahinsiechten, denen der Ritter eigenhändig die Augen ausgestochen, die Zungen, Nasen, Ohren und wahrscheinlich auch die Hoden abgeschnitten hatte, weil sie sich als junge Männer gegen Willkür-Herrschaft aufgelehnt hatten. Damals und später noch gab es eine Personalunion zwischen geistlicher und weltlicher Macht. Ein Landesfürst war zugleich Bischof. ELIAS beschreibt die Verfeinerung der Tischsitten. Zum Beispiel wurde es unmodern, in die Suppe zu spucken. Auch wurde der Umgang mit Messern gezügelt, weil es durch Alkoholkonsum oft zu Streitigkeiten kam und die Messer blitzten. Auch das Duellieren wurde in der Neuzeit verboten, weil die Armee große Verluste an Führungsoffizieren erlitt.

Noch einmal sei ein Hinweis auf MALINOWSKI angefügt. Seine Beobachtungen sind authentisch. Die katholische Kirche schenkte dem englischen Russen keinen Glauben mit seiner Schilderung freizügiger Sexualsitten. Sie finanzierte dem Psychoanalytiker Geza ROHEIM eine kostspielige Expedition auf die Trobriand-Inseln. Er fand die Beobachtungen MALINOWSKIs bestätigt, er interpretierte das Verhalten der eingeborenen Kinder und Erwachsener jedoch als sittlich verwahrlost und unmoralisch. Vielleicht musste er seine Beobachtungen auch negativ deuten, weil sein Geldgeber die katholische Kirche war. Ernest BORNEMAN (Vgl. BORNEMAN 1975 ) hat bei ROHEIM Vorlesungen gehört und uns darüber mündlich berichtet. Geza ROHEIM war sonst sehr klug und BORNEMAN war stolz, bei ihm studiert zu haben ( Persönliche Mitteilung Professor BORNEMANs an K.-H. Ignatz KERSCHER).

Bei seinem Studium der Kulturanthropologie in England traf BORNEMAN auch KENYATTA als seinen Kommilitonen. BORNEMAN berichtet, dass KENYATTA die Klitorisbeschneidung eigentlich ablehnte. Als Präsident Kenyas erließ er ein Verbot der Mädchenbeschneidung. Daraufhin entstanden kriegerische Volksaufstände traditioneller Stammeskulturen, die seine Herrschaft gefährdeten. Deshalb nahm er das Verbot zurück und befürwortete späterhin diese Tradition.

Wenn man TAYLORs Buch über den “Fall” ( 2009) Glauben schenken darf, waren die Inselbewohner Ozeaniens überwiegend friedlich und kinderfreundlich, weil sie weit entfernt vom Einfluss der SAHARASIA-Steppenvölker lebten und historisch erst sehr spät von Moslems oder Christen erobert wurden.

„Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“

„Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (Originaltitel: „ Mutual Aid: A Factor of Evolution“) ist ein 1902 erschienenes Buch von Fürst Peter KROPOTKIN. KROPOTKIN kritisiert die Thesen sozialdarwinistischer Auffassungen und stellt dem Kampf ums Dasein das Konzept der Gegenseitigen Hilfe gegenüber.

KROPOTKIN gibt Informationen über arterhaltende Eigenschaften bei Ameisen und Bienen, bei Seeadlern und Turmfalken und schließlich bei Säugetieren. Gemeinsame Jagdstrategien, die Aufzucht von Jungtieren, gegenseitiger Schutz in Herden und Rudeln, Sorge um kranke Artgenossen und die rituelle Konfliktvermeidung innerhalb einer Art weisen auf die Gegenseitige Hilfe als eigentlich erfolgreiche Überlebensstrategie in der Natur und als Antrieb der Evolution hin. Den DARWINschen Begriff des Survival of the Fittest ( Vgl. DARWIN 1872/ 1946 ) findet KROPOTKIN von den Sozialdarwinisten missinterpretiert: The fittest bedeutet für ihn nicht unbedingt der Stärkste oder der Rücksichtsloseste, sondern bezeichnet im Hinblick auf das Überleben des Gesamtsystems und der eigenen Art den Sozialsten, Altruistischten. Das systemgefährdende Überhandnehmen einzelner Tierarten wird eher durch Klimaschwankungen und Krankheiten und weniger durch den Kampf innerhalb einer Art verhindert, was KROPOTKIN mit Hinweis auf Büffel, Pferde und Raubtiere in Nordamerika belegt, die zur damaligen Zeit nicht unter Nahrungsknappheit litten, sondern im Überfluss schwelgen konnten.

Menschliche Naturvölker sind in Clans organisiert, in zahlreichen Verbänden innerhalb eines Stammes, die auf Verwandtschaft der Großfamilien beruhen. In diesen Clans herrscht Gemeineigentum und Lebensmittel werden mit allen Mitgliedern geteilt. Diese Form des Zusammenlebens nennt KROPOTKIN einen primitiven Kommunismus. Der Egoismus und Individualismus ist den meisten Naturvölkern unbekannt und unverständlich. Das Zusammenleben wird durch soziale Normen als ungeschriebene Gesetze geregelt, die nur selten gebrochen werden. Dabei kennen die Menschen in Naturvölkern keine Staats- oder Polizei-Autorität, außer der öffentlichen Meinung. KROPOTKIN schildert beispielsweise bei den Eskimos der Aleuten die Praxis der Jäger, beim Teilen der Beute einem gierigen Mitjäger ihre ganze Beute abzugeben, um ihn dadurch zu beschämen. Seine Ausführungen illustriert KROPOTKIN an Volkstämmen, die ihre traditionelle Lebensweise beibehielten und von vielen zeitgenössischen Ethnologen erforscht wurden, wie zum Beispiel die Yamana in Patagonien, Südamerika, oder die Khoi Khoi oder die Tungusen.

KROPOTKIN kritisiert die einseitigen spekulativen Menschenbilder von ROUSSEAUS edlem Wilden, besonders aber auch Thomas HOBBES' Vorstellung, dass „der Mensch dem Menschen ein Wolf sei“ ( Vgl. HOBBES 1970 ). HUXLEYs Interpretation der unzivilisierten Wilden, die Kannibalismus, Kindestötung und das Aussetzen von Greisen praktizieren, widerlegt KROPOTKIN und stellt sie als grobe Verallgemeinerungen dar. Bei einigen Völkern werde der Kannibalismus bei extremer Nahrungsknappheit praktiziert, wobei sich dennoch bei einigen Völkern Mexikos oder der Fidschi-Inseln der Kannibalismus zum religiösen Ritual entwickelte. Die Kindestötung passiere nur selten und in allerhöchster Not und das freiwillige Zurückbleiben von Greisen in Notzeiten geschehe, weil diese nicht das Leben des ganzen Clans aufs Spiel setzen wollen. In der Regel werden bei Naturvölkern die älteren Menschen fürsorglich behandelt und außerordentlich geschätzt ( Vgl. KROPOTKIN 1904; vgl. WIKIPEDIA, Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Kropotkin, 2013; vgl. FROMM, Anatomie...1974).

„Im ursprünglichen Buddhismus, im Urchristentum, in den Schriften mancher muselmanischen Lehrer, in den ersten Schriften der Reformation und besonders in den ethischen und philosophischen Bewegungen des letzten Jahrhunderts und unserer eigenen Zeit, setzt sich der völlige Verzicht auf die Idee der Rache oder Vergeltung – Gut um Gut und Übel um Übel – immer kräftiger durch. Die höhere Vorstellung: „Keine Rache für Übeltaten“ und freiwillig mehr zu geben, als man von seinen Nächsten zu erhalten erwartet, wird als das wahre Moralprinzip verkündigt – als ein Prinzip, das wertvoller ist als der Grundsatz des gleichen Maßes oder die Gerechtigkeit, und das geeigneter ist, Glück zu schaffen. Und der Mensch wird aufgefordert, sich in seinen Handlungen nicht bloß durch die Liebe leiten zu lassen, die sich immer nur auf Personen, bestenfalls auf den Stamm bezieht, sondern durch das Bewusstsein seiner Einheit mit jedem Menschen. In der Betätigung gegenseitiger Hilfe, die wir bis an die ersten Anfänge der Entwicklung verfolgen können, finden wir also den positiven und unzweifelhaften Ursprung unserer Moralvorstellungen; und wir können behaupten, dass in dem ethischen Fortschritt des Menschen der gegenseitige Beistand – nicht gegenseitiger Kampf – den Hauptanteil gehabt hat. In seiner umfassenden Betätigung – auch in unserer Zeit – erblicken wir die beste Bürgschaft für eine noch stolzere Entwicklung des Menschengeschlechts“ (Fürst Peter KROPOTKIN: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt, Verlag von Theod. Thomas, Leipzig, 1908, S. 274 f. ).

1.3 Positives Menschenbild

ROUSSEAUs Naturphilosophie

Jean-Jacques ROUSSEAU wurde am 28. Juni 1712 in Genf geboren. Er übte in seinem bewegten Leben verschiedenste Beruefe aus. Unter anderem war er Ladendiener, Lkai, Musiklehrer, Notenkopist, Opernkomponist, Hauslehrer, Botschaftssekretär, Schriftsteller und Philosoph. 1743 promovierte er mit einer Dissertation über moderne Musik.

ROUSSEAU gewann einen Wettbewerb der Akademie von Dijon.

Die Preisfrage lautete: „ Hat der Fortschritt der Wissenschaft und Künste zur Reinigung der Sitten beigetragen?“

ROUSSEAUs Antwort: „Die sozialen Verhältnisse haben sich verschlechtert, die Menschen wurden unglücklicher, die Sittenlosigkeit nahm zu.“

Weitere Preisfrage der Akademie: „Was ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen, und wird sie vom Naturrecht erlaubt?“

ROUSSEAU schreibt daraufhin die „Abhandlung über Ursprünge und Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen.“

1749-1756 ROUSSEAU veröffentlicht die „Rede über den Ursprung und die Grundlagen für die Ungleichheit unter den Menschen“.

1759-1761 schreibt und publiziert ROUSSEAU seine Werke „Contrat Social“ und „Émile“.

Beide Werke werden von der königlichen Zensur verboten. ROUSSEAU entgeht seiner Verhaftung durch Flucht in die Schweiz.

ROUSSEAU glaubt, dass der Mensch von Natur aus gut sei.: „Die Menschen sind böse; eine traurige und fortdauernde Erfahrung erübrigt den Beweis; jedoch, der Mensch ist von Natur aus gut, ich glaube, es nachgewiesen zu haben;...Man bewundere die menschliche Gesellschaft soviel man will, es wird außerhalb nicht weniger wahr sein, dass die Menschen notwendiger Weise dazu bringt, sich in dem Maß zu hassen, in dem ihre Interessen sich kreuzen, außerdem sich wechselseitig scheinbare Dienste zu erweisen und in Wirklichkeit sich alle vorstellbare Übel zuzufügen“( Zweiter Diskurs, Anmerkung IX). ROUSSEAU äußert vehement seinen Abscheu vor der etablierten Kultur und Gesellschaft seiner Zeit.

ROUSSEAUs Theorien und sein Menschenbild wurden stark abgelehnt, sowohl von der katholischen Kirche als auch von Vertretern der Aufklärung. Die Kirche erklärte, ROUSSEAUs Theorien seien abwegig, denn jeder Mensch werde mit der Erbsünde geboren und sei deshalb von Natur aus schlecht. Die Vertrter der Aufklärung betonen, dass der Mensch vernunftbegabt, lernfähig und gesellschaftsfähig sei.

ROUSSEAU entwirft einen Idealzustand, den „Naturzustand“. Der Naturmensch kennt Selbstliebe und Mitleid. Er ist gut im Sinne von „der Natur gehorchend“. In seinem Werk „ Du Contrat Social ou Principes du Droit Politique.“ entwickelt ROUSSEAU eine Staatstheorie. Erste gesellschaftliche Strukturen seien durch das Auftauchen des Eigentums entstanden. Aus der ursprünglich natürlichen Unabhängigkeit und bürgerlichen Freiheit schlossen die Menschen einen Sozial-Vertrag. Durch die Entwicklung zum Staate werden die ursprüngliche Ruhe und Zufriedenheit der Menschen im Naturzustand zunehmend ersetzt durch Habgier, Prestigedenken, Neid und Unzufriedenheit.

ROUSSEAUs Theorien werden als Versuch interpretiert, der feudalistischen und monarchistischen Herrschaft seiner Zeit die Legitimationsgrundlage zu entziehen. Insofern gilt ROUSSEAU als Wegbereiter der Französischen Revolution von 1789 und zählt zu den berühmtesten Genien des französischen Volkes. ROSSEAU ist ein Vorläufer der Erklärung der Menschenrechte und der Rechte des Kindes. ROUSSEAUs Impulse haben zahlreiche pädagogische Reformen inspiriert und die Pädagogik vom Kinde aus angeregt.

ROUSSEAUs Bildungsideal ist der ursprüngliche, einfache, von Natur aus gute und unverdorbene Mensch. „Alles ist gut, wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht; alles entartet unter den Händen der Menschen“. Mit „Natur“ meint ROUSSEAU eine idealisierte einfache Lebensweise, ohne Verweichlichung oder Verkünstelung. Der Natur setzt ROUSSEAU die „Kultur“ seiner Zeit entgegen. Er kritisiert die Zivilisation und die nachteiligen Begleiterscheinungen der damaligen Kulturentwicklung. Somit gilt ROUSSEAU als Kulturkritiker. Die Synthese bestünde in der „Wahren Kultur“, die durch das Streben nach Wahrheit und Tugendhaftigkeit, durch Selbstaufopferung und freiwillige Unterordnung unter den allgemeinen Willen gekennzeichnet sei.

ROUSSEAUs pädagogisches Hauptwerk ist betitelt: „Émile oder Über die Erziehung“. Es handelt von der fiktiven Erziehung des Knaben Émile, der durch einen Hauslehrer erzogen wird und beschreibt dessen Erziehung von der Geburt bis zu seiner Hochzeit im Alter von 25 Jahren. Émile wird von allen als schädlich angesehenen kulturellen Einflüssen des damaligen Großstadtlebens abgeschottet. Großstädte wie Paris werden als Orte der Entfremdung eingestuft. ROUSSEAU bevorzugt für seinen fiktiven Zögling ein ländliches, naturbezogenes Leben. Insofern gab ROUSSEAU ein Vorbild für die Landerziehungsheimbewegung einhundert Jahre später in Deutschland. ROUSSEAU lehnt das verdorbene Großstadtleben ab. “Die Menschen sind nicht dazu geschaffen, wie in einem Ameisenhaufen zu leben, sondern als Einzelwesen auf dem Boden zu leben, den sie zu bearbeiten haben. Je mehr sie sich zusammenrotten, um so mehr entarteter werden sieDie Stadt ist der Schlund, der das Menschengeschlecht verschlingt.“

Die Ziele der von ROUSSEAU im Émile formulierten Erziehung ist ein Leben im Naturzustand, in Ruhe, Zufriedenheit und Freiheit. Die urwüchsige, ursprünglich gute Natur des Kindes soll zur Entfaltung gebracht werden. Émile soll nur von der Natur abhängig sein und ihr gehorchen. Die Freiheit des Menschen liegt in der freiwilligen Beschränkung. „Jeder tut, was er will, ist glücklich, wenn er sich selbst genügt. So ist es bei dem Menschen, der im Naturzustand lebt. Jeder tut, was er will, ist unglücklich, wenn seine Bedürfnisse seine Kräfte überschreiten.“ ROUSSEAU lehnt Belehrungen aus Büchern der damaligen Zeit ab. Émile darf nur ein Buch lesen: „Robinson Crusoe“ von Daniel DEFOE. ROUSSEAU anerkennt die Kindheit als eigene, bedeutsame Lebensphase. ROUSSEAU verteidigt das Spiel als bedeutsame und ernsthafte Beschäftigung des Kindes. „Die Natur will, dass Kinder Kinder sind, bevor sie zum Erwachsenen werden. Wollen wir diese Ordnung umkehren, erzeugen wir frühreife Früchte, die weder Saft noch Kraft haben und bald verfault sein werden...Die Kindheit hat ihre eigene Weise zu sehen, zu denken und zu empfinden.“

Bei ROUSSEAU finden wir eine entschiedene Ablehnung von Gewalt, Zwang und Prügel. Auch moralische Belehrungen verwirft ROUSSEAU. Er entwickelt die Idee einer sogenannten „negativen Erziehung“, das heißt einer indirekten Erziehung durch Erlebnisse, Erfahrung, Versuch und Irrtum, durch Handlung, Praxis und eigene Einsicht. ROUSSEAU gilt demnach zu Recht als Vordenker der Erlebnispädagogik, des handlungsorientierten Lernens und der gewaltfreien Erziehung.

Wilhelm REICH

Wilhelm REICH wurde 1897 in einem kleinen Dorf in Galizien, das damals zur Österreichisch-Ungarischen Donaumonarchie gehörte, geboren. Seine Eltern entstammten jüdischen Familien, hatten sich aber aus der orthodoxen Tradition des Judentums gelöst und erzogen Wilhelm REICH und dessen Bruder freigeistig. Aus der Kindheit Wilhelms sind wenig Einzelheiten bekannt. Die unbeschwerte Kindheit REICHs nahm im Alter von 12 Jahren eine jähe und dramatische Wendung. Seine Mutter beging Selbstmord, nachdem der Vater von ihrem geheimen Liebesverhältnis mit einem Hauslehrer erfahren hatte. Sehr wahrscheinlich war es der 12jährige Wilhelm selber, der den Ehebruch seiner Mutter dem Vater hinterbrachte.

Der Vater war Gutsbesitzer und nahm Wilhelm oft zu ausgedehnten Ausritten mit. Reiten blieb auch später noch eine Lieblingstätigkeit REICHs. Wilhelm lernte auch mit dem Gewehr umgehen und war ein guter Scharfschütze. Er lehnte jedoch die Jagd und den Fischfang aus Freude am Töten der Tiere strikt ab. Als der Vater starb, musste REICH im Alter von 17 Jahren die Leitung des Gutes übernehmen. Er bestand das Abitur und wurde im Ersten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen. Er überstand den Krieg als Leutnant an der italienischen Front. Nach Ende des für Österreich verlorenen Krieges konnte REICH nicht auf das Familiengut zurückkehren, da es jetzt auf sowjetischem Territorium lag.

REICH entwickelte eine kritische Distanz zum Krieg. 1922 schildert er die Atmosphäre unter den Soldaten: „Jeder, der den Krieg mitgemacht hat, weiß, welche Rolle die beiden Attribute verbildeter Genitalität, die anale Zote und das anale Schimpfwort, im Kasino, in der Kaserne, auf dem Exerzierplatz und in der Offiziersmesse spielen, Gespräche über Huren und Koitus bilden fast ausschließlich das Thema der Unterhaltungen...". REICH fiel auf, "...dass diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten...Auch der sadistische Psychopath und der dissoziale Charakter bewährten sich gut im Sinne der Kriegsideologie...Die Brutalität des Weltkrieges (und vielleicht er selbst) wäre unmöglich gewesen, hätte nicht das Machtbedürfnis einiger weniger Führer den Anschluss an die latente Grausamkeit des Einzelnen gefunden“ ( REICH: Zwei narzißtische Typen. 1922, zit. Nach LASKA 1981, S. 13f.).

Als REICH aus der Armee entlassen wurde, war er völlig heimatlos und verarmt.

Anfangs konnte er sich nicht einmal Zivilkleidung kaufen. 1918 begann er unter ärmsten Verhältnissen das Studium in Wien. Zunächst studierte er Jura, erkannte aber bald, „ dass die antisozialen Handlungen der Menschen nicht als Verbrechen, sondern als Krankheiten anzusehen, dass sie also nicht zu bestrafen, sondern zu heilen und vorzubeugen sind “ (REICH, Zit. Nach LASKA 1981, S. 15). Er wechselte zum Medizinstudium.

Während des Studiums las er NIETZSCHEs „ Also sprach Zarathustra“, aber auch die Werke von LANGE „Geschichte des Materialismus“, von BERGSON, IBSEN, STIRNER und anderen beeinflussten ihn sehr. Die individual-anarchistischen Anschauungen von Henrik IBSEN gefielen dem jungen REICH sehr: „Ibsen war ein geistiger Revolutionär...und als solcher sah er das Heil eben nicht allein in der materiellen Umwälzung. Er strebte der Bewusstheit zu, der Persönlichkeit, der geistigen Einheit im Sinne Stirners...Durch Staatsumwälzungen werden nach seiner Ansicht nur einzelne Freiheiten, nicht die Freiheit gewonnen. Nur diejenige Revolution billigt er, die den Staat ganz beseitigt.“(REICH, zit. nach LASKA 1981, S. 16). Der bei weitem stärkste Einfluss auf Wilhelm REICH, der für sein ganzes weiteres Leben bestimmend sein sollte, ging von Sigmund FREUD (Vgl. FREUD 2000) aus.

Neben dem Studium galt REICHs Liebe der Musik. Als Kind hatte er Klavierstunden erhalten und Cello gelernt. Jetzt wurde er Mitglied des SCHÖNBERG-Vereins. Sein Leben lang hat REICH gern musiziert. Er liebte es, auf dem Klavier, auf dem Akkordeon und später auf der Orgel zu spielen.

Schon als Medizinstudent also stieß er zu Sigmund FREUD und wurde in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. Mit Vitalität, voller Energie und großem Enthusiasmus stürzte sich REICH in die psychoanalytische Arbeit. Er war erst klinischer Assistent, und bald darauf stellvertretender Direktor der Psychoanalytischen Poliklinik geworden. Er regte ein technisches Seminar über methodische Probleme der Neurosentherapie an und übernahm schliesslich dessen Leitung. Der psychoanalytischen Theoriebildung gab er durch eine Reihe wertvoller klinischer Arbeiten wie „Der triebhafte Charakter" (Vgl. REICH 1925), "Die Funktion des Orgasmus" (Vgl. REICH 1927), "Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido", "Über die Quellen der neurotischen Angst“ entscheidende und oftmals kritische Impulse. Im Jahre 1922 bestand REICH die Prüfung zum Dr. med. und schloß damit sein Studium ab. Er beginnt seine Arbeit als Psychoanalytiker am „ Wiener Psychoanalytischen Ambulatorium für Mittellose“ und am „Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie“. 1924 wird REICH Direktor dieses Seminars.

Anfangs hielt FREUD große Stücke von REICH, der sich so schnell in das schwierige Gedankengebäude der Psychoanalyse hineingearbeitet hatte - als Student im dritten Semester hatte er seinen ersten Patienten-, und bald in vorderster Reihe der engagierten Forscher stand. Mit der Zeit distanzierte FREUD sich jedoch immer mehr von REICH, bzw. seinen Ansichten. „Wir haben hier einen Dr. W. Reich, einen braven, aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt. Vielleicht könnte er aus ihrer Analyse der K. Respekt vor der Komplikation des Seelischen lernen.“ schrieb Sigmund FREUD am 9. Mai 1928 an Lou ANDREAS-SALOME´.

REICH beobachtete, dass keiner seiner Patienten, die nach erfolgreicher Psychotherapie rückfällig wurden, zu einem befriedigendem Geschlechtsleben gefunden hatte. Auch er sah – wie FREUD – in der Sexualstauung die Energiequelle der Neurosen. Jene Patienten nährten ihre Neurosen also immer wieder aufs neue, so dass das Ziel der analytischen Therapie das Erlangen der Fähigkeit zur sexuellen Befriedigung sein musste. Diese Fähigkeit nannte REICH die ORGASTISCHE POTENZ, womit er nicht die phallisch-narzisstische, leistungsbezogene Potenz meinte, sondern die Fähigkeit „ zur letzten vegetativ unwillkürlichen Hingabe“. Hiermit erklärte er erstmals etwas körperlich Erfahrbares zu Ziel einer Psychotherapie (Vgl. REICH 1942).

FREUD hatte in seinen frühen Schriften mit seiner These, daß bei einem befriedigten Sexualleben keine Neurose möglich sei, bereits für Aufsehen gesorgt. Er verwendete den Begriff der Libido und definierte sie nicht als genitales Empfinden, sondern als spezifische, über den ganzen Körper verteilte Energieform als Lustprinzip. REICH vertrat die Auffassung, dass die seelische Gesundheit von der Fähigkeit, diese Libido im Orgasmus vollständig zu entladen, abhängt. Es handelt sich beider Orgastischen Potenz um die Fähigkeit, sich dem Strömen der biologischen Energie, die sich vornehmlich in unwillkürlichen Muskelkontraktionen, ohne Hemmungen und Blockierungen hingeben zu können. Diese Definition geht also weit über die banale Vorstellung hinaus, die man heutzutage gewöhnlich mit dem Begriff „Orgasmus“ verbindet. Es handelt sich vielmehr um die gesamte Beziehung des Menschen zu seinem Körper und seinem Partner. Interessanterweise stellte REICH fest, dass gerade solche Menschen, die im rein geschlechtlichen Sinne von Orgasmus zu Orgasmus strebten, die schwersten Störungen der vollen orgastischen Befriedigungsfähigkeit vorwiesen. Ebenso stellte er fest, dass jede neurotische Angst immer auch aus einer angestauten Sexualerregung resultiert (Vgl. REICH 1927). Ohne, dass diese Thesen je ernsthaft widerlegt worden wären, erntete REICH Ignoranz und den Spott seiner Kollegen.

Wilhelm REICH war bereits als junger Psychoanalytiker daran interessiert, die Erkenntnisse über Neurosenprophylaxe in praktische sozialpolitische und sexualreformerische Arbeit umzusetzen. Mit Kollegen gründete er in Wien sexualhygienische Beratungsstellen, in denen Hunderte Jugendlicher und junger Erwachsener beraten wurden. Er erkannte die riesengroße Dimension der Neurosen, die überwiegend auf autoritären, sexualunterdrückenden Familienstrukturen beruhten. Im Kleinkind werden die neurotischen Muster angelegt. Im Jugendalter wurde die Sexualunterdrückung fortgesetzt durch die Forderung sexueller Askese bis zum Erwachsenenalter, bzw. bis zur Heirat. Die sexuelle Unterdrückung soll den Menschen in jeder Hinsicht gefügig machen – um den Preis seiner Lebendigkeit, der Fähigkeit lustvoll zu empfinden und glücklich zu sein. Die Pubertät erschien REICH daher als die Zeit des „sexuellen Kampfes der Jugend“, bei der jede Generation versucht, die Glücksfähigkeit als Konsequenz der aufblühenden Sexualreifung von der Elterngeneration einzufordern (Vgl. REICH, Der sexuelle Kampf der Jugend, 1932).

Unter dem Eindruck eines Arbeiteraufstandes in Wien und des erstarkenden Faschismus wendet sich REICH dem Marxismus zu. In seinen Schriften verbindet er nun Marxismus, Psychoanalyse und Sexualreform. Er wird Mitglied der Kommunistischen Partei und gründet in Berlin die Sexpol-Bewegung. Der von ihm 1931 gegründete „Deutsche Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik“, der mehrere hunderttausend Mitglieder umfaßt, führt Aufklärungskampagnen durch und richtet Sexualberatungsstellen ein. Trotz großem Erfolg unter der Jugend verbietet die Kommunistische Partei Deutschlands diesen Verband und schließt REICH aus ihrer Organisation aus.

Wilhelm REICH hielt an der Auffassung des jungen Sigmund FREUD fest, dass die Libido, die Energie des Sexualtriebes, der zentrale Motor der Psyche sei. Unterdrückung und Einengung der frühkindlichen, kindlichen, jugendlichen und erwachsenen Liebes- und Triebbedürfnisse durch eine patriarchalische, sexualunterdrückende Moral sind nach REICH die Ursachen für die Entstehung von Neurosen, Perversionen, Kriminalität, Vereinsamung, Selbstmord, Kriegen. Die Unterdrückung der Sexualität zähmt diese nicht und leitet sie nicht zu höheren Kulturleistungen um, sondern führt zu sozialschädlichem Verhalten. Um diese Hypothese zu erhärten, stützt sich REICH auf völkerkundliche Forschungsresultate der Kulturanthropologie (Vgl. REICH , Der Einbruch der Sexualmoral, 1932. Zahlreiche Entdeckungsreisende wie COOK ( Vgl. COOK 2009) und später Künstler wie GAUGUIN (Vgl. LLOSA 2005; vgl. WALTHER 1988) berichteten über anmutige Menschen mit freiem Liebesleben in der fernen Südsee. MALINOWSKI lebte während des Ersten Weltkrieges jahrelang auf Inseln in der Südsee bei Neuguinea und erforschte mit wissenschaftlicher Akribie das Stammesleben und die Kultur der Trobriander. 1929 erschien von MALINOWSKI das Werk „Das Geschlechtsleben der Wilden“ in deutschsprachiger Übersetzung. Es finden sich deutliche Hinweise auf die positiven Auswirkungen einer sexualbejahenden Moral für das soziale Zusammenleben der Menschen dort (Vgl. MALINOWSKI 2001).

REICH schreibt dazu: „Die Kinder der Trobriander kennen keine Sexualverdrängung und kein Sexualgeheimnis. Das Geschlechtsleben der Trobriander entwickelt sich natürlich, frei und ungehindert durch alle Lebensstufen mit voller Befriedigung. Die Kinder betätigen sich jeweils entsprechend ihrem Alter.Die Trobriander-Gesellschaft kannte trotzdem, oder vielmehr gerade deshalb, im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts keine sexuellen Perversionen, keine funktionellen Geisteskrankheiten, keine Psychoneurosen, keinen Lustmord...“ ( REICH 1932, S. 173.). Auch Sadismus, Destruktivität und Diebstahl kannte die Trobriander-Kultur nicht.

Es gibt noch weitere Beispiele für Völker und Kulturen, die – auf sehr unterschiedliche Weise – die Sexualität der Kinder und Jugendlichen zulassen. In den Gesellschaften mancher amerikanischer Indianerstämme und der Polynesier wurden Kindern sexuelle Spiele erlaubt, manchmal wurden sie ausdrücklich befürwortet. Bei den Muria, einem Volksstamm in Zentralindien, ( Vgl. ELWIN 1947 , 1968; vgl. HAEBERLE 1985, S. 486; vgl. TISCHNER : Fischer-Lexikon „Völkerkunde“, Ffm 1959, S. 311; vgl KENTLER 1972, S. 97ff. ) wurde eigens zu diesem Zweck ein besonderes Haus gebaut, das sogenannte Ghotul, in dem Kinder beiderlei Geschlechts die Nächte zusammen verbrachten. Ähnliche Bräuche sind von den bereits erwähnten Einwohnern der Trobriand-Inseln und den Massai in Afrika bekannt. Die Kinder der indischen Muria übernachteten in der Regel vom sechsten oder siebten Lebensjahr an im Ghotul, zu dem die Eltern keinen Zustritt hatten. Innerhalb des Kinder- und Jugend-Hauses, des Ghotul, waren die Kinder auf sich selbst gestellt. Die älteren Kinder ermunterten die jüngeren zu sexuellen Spielen und unterwiesen sie in vielen sexuellen Praktiken. Regelmäßiger und häufiger Geschlechtsverkehr bildete so einen wesentlichen Bestandteil der Kindheit. Sexualität gehörte im Ghotul als zentraler Bestandteil des kindlich-jugendlichen Lebens dazu. Die Kinder der Muria waren keineswegs brutal, verwahrlost oder sexuell verdorben. Im Gegenteil: Die Kinder der Murias waren freundlich, herzlich, wohlerzogen, selbstbewusst und kooperativ. Als Erwachsene führten sie monogame, stabile und glückliche Ehen (Vgl. ELWIN 1947, 1968). Erst in neuerer Zeit, mit der Einführung der Schulpflicht in Schulen der Zentralregierung, wurde dieser alte Brauch verlassen. Die „neuen“ Kinder der modernen Muria scheinen nun allerdings genauso ängstlich und gehemmt zu sein wie ihresgleichen in der modernen Welt. So haben die „Verwestlichung“, die „Kolonialisierung“ und die „Globalisierung“ der Welt neben deutlichen Verbesserungen auch viel sexuelles Elend über bis dahin zufriedene Völker gebracht. Heute sind viele Länder der Dritten Welt puritanischer als ihre christlichen Kolonialherren geworden. Die Beispiele der Trobriand-Insulaner und der indischen Muria sind nur die bekanntesten, daneben gibt es eine ganze Reihe weiterer sexualbejahender Kulturen.

Erich FROMM (1974) hat in seinem Werk über die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ eine Vergleichsstudie über dreißig Kulturen durchgeführt. Die dreißig Kulturen entstammen den ethnologischen Feldforschungen namhafter Kulturanthropologen wie z.B. Margaret MEAD.

Bei der Analyse der dreißig Kulturen ergaben sich nach FROMM drei deutlich unterscheidbare Gesellschaftssysteme. Neben lebensbejahenden, friedfertigen Kulturen gibt es aggressive und destruktive Völker.

FROMM beschreibt das lebensbejahende Gesellschaftssystem folgendermaßen:

„In diesem System sind Ideale, Sitten und Institutionen vor allem darauf ausgerichtet, daß sie der Erhaltung und dem Wachstum des Lebens in allen seinen Formen dienen.Feindseligkeiten, Gewalttätigkeiten und Grausamkeiten sind in der Bevölkerung nur in minimalem Ausmaß zu finden, es gibt keine harten Strafen, kaum Verbrechen, und der Krieg als Institution fehlt ganz oder spielt nur eine äußerst geringe Rolle. Die Kinder werden freundlich behandelt, schwere körperliche Züchtigungen gibt es nicht. Die Frauen sind den Männern in der Regel gleichgestellt...Die Einstellung zur Sexualität ist ganz allgemein tolerant und bejehend.Man findet wenig Neid, Geiz, Habgier und Ausbeutung. Es gibt auch kaum Rivalität oder Individualismus, dafür viel Kooperation. Persönliches Eigentum gibt es nur in bezug auf Gebrauchsgegenstände. In der allgemeinen Haltung kommt Vertrauen und gläubige Zuversicht zum Ausdruck, und dies nicht nur den anderen gegenüber, sondern besonders auch gegenüber der Natur; ganz allgemein herrscht gute Laune, und depressive Stimmungen sind relativ selten.“ (FROMM 1974, S. 150) .FROMM rechnet zu diesen lebensbejahenden, sexualfreundlichen Gesellschaften die Zuni-Pueblo-Indianer, die Berg-Arapeshen, die Batonga, die Aranda, die Semang, die Toda, die Polar-Eskimos und die Mbutu.

Nach REICH ist die Funktion der Sexualunterdrückung die Grundlegung der autoritär-patriarchalischen Kultur, der Herrschaft von Menschen über Menschen und des Mannes über die Frau, der wirtschaftlichen Sklaverei und Ausbeutung. „Die Urzeit der Menschen folgte im Geschlechtsleben natürlichen Gesetzen, die eine natürliche Sozialität begründeten. Die Zwischenzeit des autoritären Patriarchats von etwa 4- bis 6.000 Jahren hat mit der Energie der Unterdrückten natürlichen Sexualität die sekundäre, perverse, kranke Sexualität des heutigen Menschen geschaffen“ (REICH 1972, S. 175). REICH unterscheidet in der Psychostruktur des heutigen Menschen drei psychische Schichten:

1. die oberflächliche Pseudo-Sozialität des äußerlich an die Gesellschaft angepaßten Menschen,
2. das Unbewußte, in dem die latente Anti-Sozialität, Destruktivität und verbrecherische Impulse nur mühsam in Schach gehalten werden, und
3. die tief verborgen in allen Menschen existierende natürliche Sozialität und Sexualität.

REICH skizziert seine Anschauung folgendermaßen: „Die patriarchalisch-autoritäre Ära der Menschheitsgeschichte hat versucht, die sekundären asozialen Triebe durch zwangsmoralische Verbote in Schach zu halten. So kam der fragwürdige Kulturmensch dazu, ein dreifach geschichtetes Lebewesen zu werden. An der Oberfläche trägt er die künstliche Maske der Selbstbeherrschung, der zwanghaft unechten Höflichkeit und der gemachten Sozialität. Damit verdeckt er die zweite Schicht darunter, das FREUDsche Unbewußte , in dem Sadismus, Habgier, Lüsternheit, Neid, Perversionen aller Art in Schach gehalten sind, ohne jedoch das Geringste an Macht einzubüssen. Diese zweite Schicht ist das Kunstprodukt der sexualverneinenden Kultur und wird bewusst meist nur als gähnende innere Leere und Ödeempfunden. Hinter ihr, der Tiefe, leben und wirken die natürliche Sozialität und Sexualität, die spontane Arbeitsfreude, die Liebesfähigkeit. Diese letzte und dritte Schicht, die den biologischen Kern der menschlichen Struktur darstellt, ist unbewusst und gefürchtet. Sie widerspricht jedem Zug autoritärer Erziehung und Herrschaft. Sie ist gleichzeitig die einzige reale Hoffnung, die der Mensch hat, das gesellschaftliche Elend einmal zu bewältigen. Alle Diskussionen über die Frage, ob der Mensch gut oder böse, ein soziales oder ein unsoziales Wesen sei, sind philosophische Spielereien. Ob der Mensch ein soziales Wesen oder ein merkwürdig vernunftlos reagierender Protoplasmahaufen ist, hängt davon ab, ob seine biologischen Grundbedürfnisse in Einklang oder in Widerspruch stehen mit den Einrichtungen, die er sich geschaffen hat“ (REICH 1972, S.175 f.).

REICH und NEILL

Alexander Sutherland NEILL wurde 1883 in Schottland geboren. Er wurde Lehrer an staatlichen Schulen in England, lehnte jedoch bald die traditionellen Zwangsmethoden ab. 1921 wurde er Mitbegründer der Internationalen Schule in Dresden-Hellerau. Kurz darauf gründete er seine eigene Schule in England, die als Summerhill School zur Zeit der Studentenbewegung 1968 weltberühmt geworden ist und die auch heute noch, nach seinem Tode, weiterhin existiert. REICH und NEILL lernten sich 1937 kennen, stellten eine große Übereinstimmung in der Auffassung über das menschliche Leben fest und entwickelten eine innige Freundschaft. REICH ließ zwei seiner Kinder, Eva und Peter, im Internat von NEILL in England zur Schule gehen. Die Prinzipien der NEILLschen Erziehungsphilosophie lassen sich folgendermaßen skizzieren:

Der Mensch ist von Natur aus gut. Er will lieben und geliebt werden. Haß , Grausamkeit und Kriegslust sind nur verhinderte Liebe...

NEILL begegnete REICH 1937 in Oslo und unterzog sich einer REICHschen Vegetotherapie, „ was bedeutete, dass ich nackt auf einem Sofa lag, während er meine steifen Muskeln bearbeitete. Er lehnte es ab, sich mit Träumen zu befassen. Es war eine anstrengende und oft auch schmerzhafte Therapie, aber innerhalb weniger Wochen fand ich mehr emotionale Befreiung, als ich je bei Lane, Maurice, Nicolle oder Stekel gefunden hatte.“ (NEILL, zit. Nach LASKA 1981, S. 97).

NEILL blieb bis zu REICHs Tod einer seiner wenigen sehr engen Freunde.

Alexander S. NEILLs Pädagogik

Alexander Sutherland NEILL wurde am 17. Oktober 1883 in Forfar geboren. Sein Vater George NEILL arbeitete in Kingsmuir als Schulleiter und stammte aus einer Bergarbeiterfamilie. Seine Mutter Mary SUTHERLAND wurde zur Lehrerin ausgebildet und arbeitete an einer Schule in Leith. Schon in jungen Jahren war NEILL der sonntägliche Kirchgang eine Qual. NEILL schreibt über seinen Vater "Er war oft grausam zu mir, und ich entwickelte eine ausgesprochene Angst vor ihm, eine Angst, die ich auch als Mann nie ganz überwand.“ NEILL ging im Dorf auf die Schule seines Vaters. Der Unterricht war durch Zwang, Disziplin und Körperstrafe geprägt. Sex, Stehlen, Lügen, Fluchen waren tabuisierte Themen in seiner Kindheit. Mit 14 Jahren endete seine Schulzeit. NEILL begann auf Anweisung seines Vaters als Buchhaltungsgehilfe zu arbeiten, er kehrte aber nach sieben Monaten nach Hause zurück. Er sollte Tuchhändler werden und fing eine Lehre an. Diese Stellung musste er jedoch bald aufgrund gesundheitlicher Schwierigkeiten wieder aufgeben.

NEILL wurde für vier Jahre als Lehrerpraktikant ("pupil teacher") bei seinem Vater angestellt. Er entwickelte Interesse an Unterrichtsfächern und an der Pädagogik. NEILL wurde nicht zur akademischen Prüfung am Ende seiner Ausbildungszeit zugelassen, da er keine besonderen Leistungen in speziellen Fächer vorweisen konnte. Er beendet seine Ausbildung als 'Ex Pupil Teacher' („Hilfslehrer“) , wollte aber als Lehrer arbeiten und nahm eine Stelle in Bonnyrigg in der Nähe von Edinburgh an. Diese Stelle verließ er nach drei Jahren, da er dort Schüler mit Schlägen züchtigen musste. Bis 1908 nahm er verschiedene Anstellungen an. Er bestand sowohl die zweite Hälfte des Lehrerexamens als auch die Aufnahmeprüfung der Universität Ihm war inzwischen bewusst geworden, dass das schottische Schulsystem zu viele Grenzen setzt. NEILL fing an der Universität Edinburgh auf Wunsch seines Vaters das Studium der Agrarwissenschaften an, ohne sich dafür zu interessieren, er brach das Studium frühzeitig ab. Er begann, Englische Literatur zu studieren. In seinem letzten Studienjahr wurde er Herausgeber der studentischen Zeitung "The Student". Er schrieb Kurzgeschichten, um seinen Lebensunterhalt finanzieren zu können. NEILL wollte nunmehr die journalistischen Laufbahn einschlagen und wurde Redakteur bei einem Verlag.

1913 brach der erste Weltkrieg aus und NEILL trat erneut den Schuldienst an. Er wurde 1914 Schulleiter der Gretna Public School in Schottland, wo er gegen den Lernzwang und das strafende System anging und stattdessen mehr Wert auf Spiel und Freude legte. Er schrieb sein erstes Buch "A Dominie`s Log", durch dessen Veröffentlichung er Kontakt zu ähnlich denkenden Pädagogen bekam. 1917 besuchte NEILL Homer LANEs "Little Commonwealth" - eine Besserungsanstalt für jugendliche Straftäter - und erlangte wieder Interesse an der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Homer LANE lebte von 1875 bis 1925. 1907 gründete LANE die "Ford Republik", ein Rehabilitationszentrum mit selbstverwalteter Gemeinschaft für Jugendliche. 1913 ging LANE nach England, um beim Aufbau des neu gegründeten Heimes "Little Commonwealth", ein Heim für 40 bis 50 verwahrloste Jugendliche, mitzuhelfen, dessen Leitung er bis zu dessen Schließung im Jahre 1918 übernahm. LANE ließ sich in London als Psychotherapeut nieder und führte die Jugendkriminalität auf eine harte, lieblose Erziehung zurück. Sein Grundsatz war: Man muss auf der Seite des Kindes sein. Er führte die Selbstverwaltung ein. LANEs Menschenbild war optimistisch. Er verneint die angeborene Sünde und bejaht die Güte des Menschen. Die triebhaften Wünsche des Menschen sind Natur gegeben und von Gott geschaffen - deshalb müssen sie gut sein. Durch LANE lernte NEILL nicht nur Erkenntnisse über die pädagogische Psychologie, sondern auch über die Psychoanalyse.

1918 bemühte NEILL sich um eine Anstellung an John Russells King Alfred School, da das Little Commonwealth aufgrund eines Skandals geschlossen wurde. Durch LANE lernte NEILL Sigmund FREUDs Psychoanalyse kennen und entfernte sich von seinen bisher eher intuitiven Handlungen. NEILL wurde LANEs Schüler, Freund und Patient und übernahm viele seiner späteren Grundsätze von LANE. NEILL über FREUD: „Freud sagt, das Unbewusste sei unendlich viel wichtiger als das Bewusste. Ich sagte mir deshalb: In meiner Schule wird es keine Missbilligung, keine Strafen, keine Moralpredigten geben". Die King Alfred School galt als fortschrittlich und modern, da es dort keine Körperstrafen und keine Zensuren, dafür aber eine freiere Disziplin und bereits früh die Koedukation gab. NEILL führte dort die Selbstverwaltung ein, durch die die Kinder über die Schulgesetze abstimmen konnten. Die Selbstverwaltung wurde nur von ihm unterstützt und scheiterte durch die mangelnde Konsequenz in der Durchführung. Als es zu Protesten innerhalb des Lehrerkollegiums kam, legte ihm John RUSSEL nahe, die Arbeit an dieser Schule niederzulegen.

NEILL begann seine Grundsätze zu veröffentlichen und bekam 1920 das Angebot zum Mitherausgeber der reformpädagogischen Zeitschrift "New Era". Er unternahm zahlreiche Vortragsreisen durch England und Schottland, besuchte fortschrittliche Schulen und suchte nach einem Standort für seine eigene Schule, für die er in der "New Era" bereits für Spenden warb. Durch die Mitarbeit bei der „New Era“ konnte NEILL sich mit einer breiten Themenwahl beschäftigen und übte heftig Kritik an dem bestehenden Schulsystem. Durch NEILLs radikale Haltung verstärkten sich im Laufe der Zeit die Differenzen zu den anderen Pädagogen, so dass er seine Tätigkeit bei der "New Era" zwei Jahre später beendete und seine eigene Schule gründen wollte.

NEILL traf 1921 Lilian NEUSTÄTTER in Dresden, die eine Möglichkeit zur Gründung von NEILLs eigener Schule sah. In Hellerau bei Dresden bekam NEILL das Angebot, als Erweiterung der Rhythmik-Abteilung und der "Neuen deutschen Schule" eine internationale Schule zu gründen. Dieses Angebot bezeichnete NEILL im Nachhinein als Datum seiner Schulgründung, auch wenn die Schule erst 1922 tatsächlich gegründet wurde. NEILL konnte hier seine persönlichen Vorstellungen einer Schule umsetzen: Er führte die Selbstverwaltung ein, hob das Klassensystem auf, ließ die Schüler entscheiden, ob sie am Unterricht teilnehmen wollten, wendete paradoxe Sanktionen an und gab "private lessons". Die Organisation leitete Lillian NEUSTÄTTER, und ihr Mann Dr. Otto NEUSTÄTTER übernahm die Geschäftsführung der Schule. NEILL schrieb ein Buch seiner Dominie-Serie mit dem Titel "A Dominie Abroad", welches von seinen Erlebnissen in Deutschland berichtet. Als 1923 ein kommunistischer Aufstand einen Bürgerkrieg in Sachsen ausbrechen ließ und immer mehr Eltern ihre Schüler und Schülerinnen von dieser Schule abmeldeten, musste die Schule ihren Betrieb einstellen.

Ein ehemaliges Kloster auf dem Sonntagberg in Österreich erschien NEILL damals geeignet für die Fortsetzung des Schulbetriebs. Die Schule stieß auf heftigen Widerstand seitens der Bevölkerung und seitens der Schulbehörde, denn es fand weder Religionsunterricht noch Leibesübungen oder hauswirtschaftlicher Unterricht statt. Die Dorfbewohner störte es besonders, dass Mädchen sich im Badeanzug in der Sonne badeten und auch einzelne Schüler nackt auf dem Schulgelände umherliefen. 1924 wurde Neills Schule von der österreichischen Schulverwaltung geschlossen.

Die Schule musste erneut umziehen, dieses Mal auf den "Summer Hill" in Lyme Regis in England. 1926 erschien das Buch "The Problem Child", worin sich Neill, der sich inzwischen als Kinderpsychologe verstand, das erste Mal wissenschaftlich mit dem Kind auseinandersetzte. Dadurch hatte Summerhill vorerst keine finanziellen Nöte mehr und Neill hielt zahlreiche Vorträge in England. Summerhill wurde von Problemkindern besucht, für die Summerhill die letzte Möglichkeit zur Besserung darstellte. 1927 heirateten Neill und die inzwischen von Dr. Otto Neustätter geschiedene Lilian Neustätter. Neill zog mit seiner Schule nach Leiston in Suffolk, England, an den Ort, an dem sie auch heute noch existiert. Die Herausgabe weiterer Bücher und NEILLs Vortragsreisen bewirkten, dass 1932 eine Warteliste für die Aufnahme in Summerhill bestand.

Als der Zweite Weltkrieg einsetzte, wurde das Schulgebäude in Leiston requiriert und ein "Notquartier" in Festiniog in Nord-Wales gefunden, wo Neill und die Schüler und Schülerinnen fünf Jahre lang lebten. 1945 kehrte NEILL zurück nach Summerhill. Die Schule war in einem schlimmen Zustand. Die Armee hatte sie fünf Jahre lang gehabt und in dieser Zeit mehr Schaden angerichtet, als die Kinder in 25 Jahren angerichtet hätten. NEILL heiratete Ena Wood. Am 2. November 1946 wurde das Kind Zoë geboren, deren Entwicklung während ihrer ersten sechs Lebensjahre in "The Free Child" festgehalten wurde. NEILL glaubte, dass er in keinem anderen Land Summerhill hätte gründen können, da England damals zu den freiesten Ländern zählte.

Helmut DAHMER ( 1973, S. 244) fasst die Prinzipien der NEILLschen Erziehungstheorie und -praxis folgendermaßen zusammen:

1.) „ Der Mensch ist gut. Er will lieben und geliebt werden. Hass und Rebellion sind nur verhinderte Liebe...“
2.) „Wir sind auf der Seite des Lebens – wir bejahen das Fleisch.“
3.) „ Es sind die Ideen der Nichteinmischung in das Heranwachsen des Kindes und des Verzichts auf jeglichen Druck, die Summerhill zu dem machen was es ist.“
4.) Moral erzeugt Unmoral, „das Gesetz erzeugt Verbrechen“. „Moralische Belehrung wirkt ihrem Ziel entgegen“, da sie das Verbotene fixiert und das Kind in einen lebenslänglichen, energieraubenden, vergeblichen Kampf gegen das einst Verbotene verwickelt. „Ich glaube, dass erst die moralischen Vorschriften ein Kind böse machen. Ich habe festgestellt, dass ein schlimmer Junge gut wird, wenn ich die Vorschriften, denen er unterworfen war, negiert habe.“
5.)„ Es gibt keinen Grausamkeitsinstinkt. Grausamkeit ist pervertierte Liebe.“
6.)„Neurose ist das Ergebnis eines Konfliktes zwischen Verboten und wirklichen Wünschen.“ Psychoanalyse wirkt befreiend, weil sie einen immer größer werdenden Teil des Unbewussten bewusst werden lässt.

NEILL fordert den Abbau der angsteinflößenden Zwangsmoral, die kritische Auflösung tyrannischer Über-Ich-Instanzen: „ Ich finde, dass die Schwächung dieses unrichtigen Gewissens das Kind glücklicher und besser macht“ ( Alle NEILL-Zitate nach DAHMER 1973, S. 244). NEILL lernte den Psychoanalytiker, Sexualwissenschaftler und Orgonforscher Wilhelm REICH kennen. Diese Bekanntschaft führte zu einer lebenslangen Freundschaft. Das Ehepaar REICH, das inzwischen im amerikanischen Exil lebte, ermöglichte es ihren Kindern Eva und Peter, die NEILLsche Schule Summerhill zu besuchen.

NEILL litt im Alter unter gesundheitlichen Schwierigkeiten und unter akuten finanziellen Problemen seiner Schule. 1950 gründeten einige Eltern der Schüler ein Komitee zur Verwaltung der schulischen Gelder. Am 10. Mai 1966 wurde Neill der Ehrendoktortitel der Universität Newcastle verliehen. Während dieser Zeit schrieb Neill "Talking of Summerhill", das 1967 erschien. Mit zunehmendem Alter schrieb NEILL besonders viel, hauptsächlich jedoch Artikel für Zeitschriften und arbeitete weiter an seiner Autobiographie. 1968 erschien BERNSTEINs Studie über ehemalige Summerhill-Schüler, die sich im Großen und Ganzen positiv für Summerhill auswirkte. Am 5. Juli 1968 bekam NEILL einen weiteren Ehrendoktortitel verliehen, dieses Mal von der Universität Exeter. Dieser Titel bewahrte Summerhill vermutlich vor der erneut bevorstehenden Schließung, da eine weitere Inspektion im Juni 1968 sehr negativ ausfiel. 1969 erschien in Deutschland das Buch "Summerhill. Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung", das im Zuge der Schüler- und Studentenbewegung ein Verkaufserfolg wurde und Summerhill vor dem finanziellen Ruin bewahrte. 1971 feierte Summerhill sein 50-jähriges Bestehen. Zu dieser Zeit wird die Schule zum größten Teil von NEILLs Frau Ena geleitet, da NEILL selbst das Interesse am Schulalltag verlor und einen Schlaganfall erlitt. 1972 erschien seine Autobiographie "Neill! Neill! Orange Peel!" in den USA ( Titel der deutschen Ausgabe: “Neill Neill, Birnenstiel!”) und ein Jahr später in England. Zu dieser Zeit ging es NEILL gesundheitlich immer schlechter. Er starb am 23. September 1972.

Unter der Regierung BLAIR gab es eine erneute Schulkontrolle und den Versuch der Schließung der Summerhill-Schule. Beanstandet wurde allerlei, die Freiwilligkeit des Unterrichtsbesuchs und anderes. Beanstandet wurde auch der Duschraum, der aus einer Gemeinschaftsdusche für beiderlei Geschlechts besteht. Hier werde angeblich der sexuellen Unzucht unter Minderjährigen Vorschub geleistet. Es gehört jedoch zum Konzept der freien Erziehung in Summerhill, dass gemeinschaftliches Nacktduschen oder Nacktbaden als förderlich für eine gesundheitsfördernde Sexualerziehung angesehen wird. Gewiss muss schamhaften Schülern und Schülerinnen Gelegenheit zur Privatheit geboten werden. Freie Sexualerziehung darf nicht wieder in neuartigen Zwang zur Libertinage ausarten. Die Abschaffung der Möglichkeit zur Gemeinschaftsdusche würde jedoch einen Neo-Puritanismus bedeuten mit all seinen Neurosen erzeugenden negativen Folgeerscheinungen.

Der Verfasser des vorliegenden Textes gehörte mit zu den Unterzeichnern einer Petition an die Europäische Bildungskommission, den Fortbestand der NEILLschen Schule Summerhill als verdienstvolle Modellschule der Reformpädagogischen Bewegung zu garantieren. Bis zur Drucklegung des vorliegenden Textes erfreute sich die Schule Summerhill des Überlebens während kultur-restaurativer Zeiten.

2. Martialische Kulturen

Der Krieg,

er ist nicht tot.

Er schläft dort

unterm Apfelbaum.

Er wartet

auf Dich, auf Mich,

der Krieg,

er ist nicht tot.

RIO REISER

2.1 Patrismus und Krieg

Die SAHARASIA -These

James DeMEO hat in seinem Werk mit dem Titel „SAHARASIA“ (1998) die weltweiten geographischen Muster repressiver, traumatisierender, gewalttätiger, schmerzerzeugender, charakterlich verhärteter, patristischer Verhaltensweisen und sozialer Institutionen, welche die Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau zerstören, anhand einer systematischen Analyse anthropologischen Datenmaterials von 1170 eingeborenen Subsistenzkulturen ermittelt zueinander in Beziehung gesetzt.

Nach Abschluss der Kartographierung zeigte sich, dass der extrem trockene Wüstengürtel, der sich von Nordafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien erstreckt, und dem DeMEO den Namen SAHARASIA gegeben hat, die größte Verbreitung der radikalsten patristischen Verhaltensweisen und sozialen Institutionen des Planeten Erde aufweist.

In Gebieten mit dem größten Abstand zu SAHARASIA , wie in Ozeanien und in der Neuen Welt, besonders in Amazonien, finden sich die sanftmütigsten, charakterlich lebendigsten , offensten, matristischen Verhaltensformen, welche die Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau fördern und schützen.

Eine systematische Sichtung archäologischer Funde und historischer Dokumente deutet auf eine anfängliche Entwicklung des Patriarchats um 4.000 v. Chr. In SAHARASIA hin, auf einen tiefgreifenden ökologischen Wandel von einem relativ feuchten Klima mit Savannenlandschaften und Wäldern zu trockenen Wüstenbedingungen.

Siedlungsmuster und Wanderungsbewegungen patristischer Völker wurden von ihren ursprünglichen Heimatgebieten in SAHARASIA nachgezeichnet, um das spätere Auftreten des Patrismus in Regionen außerhalb SAHARASIAS zu erklären.

Beweise für die Existenz matristischer Verhältnisse vor dem Einsetzen trockener Klimabedingungen in SAHARASIA finden sich allerorten, während es generell keinerlei Anzeichen für die damalige Existenz von Patrismus gibt. DeMEO vertritt die Ansicht, dass der Matrismus die früheste, oiginäre und angeborene Form menschlichen Verhaltens und gesellschaftlicher Organisation darstellt, indes der Patrismus, aufrechterhalten durch traumatisierende soziale Institutionen, beim Homo sapiens erstmals in SAHARASIA unter dem Einfluss schwerster Dürren, Hungersnöten und dadurch erzwungener Migration in Erscheinung trat.

Die psychologischen Erkenntnisse Wilhelm REICHs ( 1935, 1942, 1945, 1949, 1953, 1967, 1983) ermöglichen das Verständnis der Mechanismen, durch welche sich patristische, gewalttätige und charakterlich gepanzerte Verhaltensweisen etablieren und fortbestehen, lange nachdem das auslösende Trauma vergangen ist. Die Forschungen DeMEOs konzentriere sich auf einen großen Komplex traumatischer und repressiver Einstellungen, Verhaltensweisen, gesellschaftlicher Gepflogenheiten und Institutionen, die mit Gewalt und Krieg in Zusammenhang stehen.

Die Studie befasst sich mit den klinischen und kulturvergleichenden Beobachtungen biologischer Bedürfnisse von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, den unterdrückenden und zerstörerischen Folgen, die bestimmte soziale Institutionen und harte Lebensbedingungen für diese Bedürfnisse haben, sowie den Konsequenzen, die sich daraus für das Verhalten der Betroffenen ergeben. DeMEO verdeutlicht die kausale Beziehung zwischen traumatischen und repressiven sozialen Einrichtungen einerseits und destruktiver Aggression und Krieg andererseits.

DeMEOs Forschungen bestätigen die These von der Existenz einer einstigen historischen Epoche relativ friedlicher Gesellschaften rund um die Welt, in welchem Krieg, Männerherrschaft und destruktive Aggression entweder völlig fehlten oder nur in sehr geringem Ausmaß vorhanden waren. Weiterhin konnten die genauen Zeiträume als auch die Regionen der Erde bestimmt werden, in denen sich ehemals friedliche, demokratische und gleichberechtigt strukturierte menschliche Gemeinschaften erstmalig in gewalthaltige, kriegerische und despotische Kulturen verwandelten.

Voraussetzungen für die Forschungsresultate DeMEOs waren

1.) neuere paläoklimatische und archäologische Funde, die früher übersehene Sozial- und Umweltbedingungen offenbarten und
2.) die Entwicklung einer riesigen globalen Datenbank mit den völkerkundlichen und anthropologischen Forschungsresultaten mit mehr als Tausend verschiedener Kulturen. Die Erfindung des Personal Computers ermöglichte den einfachen Zugang zu diesen Daten und die Anfertigung von „Weltverhaltenskarten“ binnen weniger Jahre, was sonst eine Lebensaufgabe gewesen wäre.
3.) DeMEOs Forschungsarbeit war auf eine Überprüfung der sexualökonomischen Theorie Wilhelm REICHs ausgerichtet.

Es wurde eine globale geographische Analyse sozialer Faktoren vorgenommen, die mit sexueller Unterdrückung und Kindheitstraumata in Verbindung stehen.

REICHs Theorie beschreibt destruktive Aggression und sadistische Gewalt des Homo sapiens als einen völlig unnatürlichen Zustand, welcher aus einer traumatisch bedingten chronischen Hemmung der Atmung, des emotionalen Ausdrucks und jeglicher lustorientierter Impulse resultiert.

REICH zufolge werden diese Hemmungen und Blockaden der Persönlichkeit mittels bestimmter schmerzvoller und lustfeindlicher Rituale und sozialer Institutionen verankert, die bewusst oder unbewusst der Bindung zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Mann und Frau entgegenwirken.

Diese sexualunterdrückenden und repressiven Rituale und sozialen Institutionen existieren sowohl in sogenannten „primitiven“ Subsistenzkulturen als auch bei technologisch entwickelten „zivilisierten“ Gesellschaften.

Einige Beispiele für unbewusstes bzw., rationalisiertes Zufügen von Schmerz bei Neugeborenen und Kindern sind:

- Trennung und Isolierung des Babys von der Mutter;
- Gleichgültigkeit gegenüber Weinen und Schreien des verzweifelten Kindes;
- Immobilisierung durch ständiges Festeinwickeln des ganzen Körpers;
- Verweigern der Brust bzw. verfrühtes Entwöhnen;
- Beschneiden oder Ausschneiden von kindlichen Körperteilen, meist der Genitalien
- Erzwungene Reinlichkeitserziehung, bevor das Kleinkind seine Ausscheidungsfunktionen effektiv kontrollieren kann;
- Durch Drohungen oder körperliche Züchtigungen durchgesetzte Forderung, ruhig, gehorsam und nicht neugierig zu sein.

Andere kulturelle Gebräuche, die darauf abzielen, die kindliche und jugendliche Sexualität zu kontrollieren oder zu zerstören, sind

- das weibliche Jungfräulichkeitsgebot sowie
- die mittels Strafen und Erzeugung von Schuldgefühlen erzwungenen arrangierten Ehen.

Die Erwartung, Schmerzen auszuhalten, Gefühle zu unterdrücken und älteren Autoritätsfiguren unkritischen Gehorsam in allen Lebensfragen entgegenzubringen, zählt zu den zentralen Aspekten derartig repressiver sozialer Strukturen.

REICH zufolge verankert sich durch peinigende und lustfeindliche Rituale und repressive Moralanforderungen in den Heranwachsenden ein chronischer muskulärer Panzer. Es kommt zu Blockaden der vollen Atmung, emotionaler Ausdrucksfähigkeit und vollständiger sexueller Entspannung während des Orgasmus. Der aufgestaute innere Druck treibt den Organismus zu verzerrtem, selbstzerstörerischem und sadistischem Verhalten.

MALINOWSKI ( 1927, 1932) berichtete über die sexualfreundliche Kultur der Trobriand-Insulaner. Weitere Beschreibungen liebevoller Naturvölker finden sich bei anderen Ethnologen, z.B. bei ELWIN (1947, 1968) über die Indischen Muria, bei HALLET &RELLE (1973), bei TURNBULL (1961) und bei LIEDLOFF (1980) über Amazonas-Indios und die positive Kindererziehung auf Bali, Indonesien.

PRESCOTT (1975) hat eine großangelegte kulturvergleichende Studie über sanftmütige und positive Kulturen einerseits und grausame Kulturen andererseits vorgelegt, um seine These der Somatosensory Affectional Deprivation (SAD-These) zu belegen.

Ethnographische Kulturvergleiche haben ergeben, dass Gesellschaften, in denen Säuglinge, Kinder und Jugendliche eine Menge Schmerz und Traumata erleiden und deren emotionelle Ausdrucksfähigkeit sowie das sexuelle Verlangen der Heranwachsenden zerstört werden, ausnahmslos neurotische, (selbst-) zerstörerische und gewalttätige Verhaltensweisen zeigen.

Weiterhin haben weltweite historische Studien kriegerischer, autoritärer und despotischer Staaten die Zusammenhänge zwischen Kindheitstrauma, Sexualunterdrückung, Männerherrschaft und Gewaltbereitschaft bestätigt.

Aus kulturanthropologischen Studien hat TAYLOR ( 1953) eine schematische Gegenüberstellung von matriarchalischen und patriarchalischen Kulturen entwickelt. James DeMEO (1991, 1998) ergänzt TAYLORs Schema um sexualökonomische Aspekte und wählt die Bezeichnungen „matristische“ und „patristische“ Kulturen.

Eine idealtypisch überspitzte Gegenüberstellung von Verhaltensweisen, Einstellungen und sozialen Institutionen zeigt signifikante Unterschiede.

In patristischen Kulturen erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendliche während ihrer Sozialisation von ihren Eltern und Sozialisationsagenten wenig Behutsamkeit und Nachsicht sowie wenig körperliche Zuwendung. Es finden sich regelmäßig traumatisierte Säuglinge und Kleinkinder, schmerzhafte Initiationsriten und die Kinder und Jugendlichen werden von der Familie dominiert. Immer findet sich eine öffentliche und private Geschlechtertrennung.

Im Gegensatz dazu erfahren Säuglinge, Kinder und Jugendlichen in matristischen Kulturen viel Behutsamkeit und Nachsicht, viel körperliche Zuwendung und es gibt keine Traumatisierung von Säuglingen und Kleinkindern. Schmerzhafte Initiationsriten sind unbekannt. Die Kinder und Jugendlichen werden keineswegs von der Familie dominiert, sondern es finden sich Kinder- und Jugend-Demokratien. Weder privat noch öffentlich werden die Geschlechter getrennt.

PRESCOTT argumentiert, was die Sexualität in patristischen Kulturen anbelangt, so finden sich viele Einschränkungen und ganz allgemein ist Sexualität mit Angst besetzt. Typischerweise gehören genitale Beschneidungen oder genitale Verstümmelungen, z.B. Vorhaut-Beschneidung bei Knaben, Klitoris- und Schamlippen-Entfernung oder Infibulation bei Mädchen, zur Regel. Es existiert ein extremes Jungfräulichkeits-Tabu. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen sind streng verboten, vorehelicher oder außerehelicher Geschlechtsverkehr ist tabu und auch innerhalb der Ehe unterliegt der Geschlechtsverkehr strengen Reglementierungen du Tabus.

In den matristischen Kulturen hingegen wird Sexualität begrüßt und mit Lust empfunden. Genitale Verstümmelungen sind unbekannt. Ein Tabu der Jungfräulichkeit gibt es nicht. Liebesbeziehungen zwischen Jugendlichen werden gutgeheißen und der Geschlechtsverkehr wird bejaht.

In patristischen Kulturen besteht oft eine starke Neigung zum Inzest sowie ein entsprechendes strenges Inzest-Tabu. Prostitution und Konkubinat sind weit verbreitet.

Im Gegensatz fanden die Anthropologen in matristischen Kulturen keine Inzestneigungen und das Fehlen eines entsprechenden ausdrücklichen Tabus. Konkubinat und Prostitution als soziale Institutionen gibt es nicht.

Im Patrismus wird die Freiheit der Frau eingeschränkt, ihr Status kann zu Recht durch Minderwertigkeit charakterisiert werden. Frauen haben keine freie Wahl des Ehepartners, keine Scheidungsmöglichkeit und die Fruchtbarkeit wird von Männern kontrolliert. Die Fortpflanzungsfunktion wird gering geachtet und es existieren vaginale Blut-Tabus, das heißt Tabus auf hymenale, menstruelle und geburtliche Blutungen.

Freiheit, Gleichberechtigung und Verehrung der Fortpflanzungsfunktion kennzeichnen den Status der Frau in matristischen Gesellschaften. Freie Wahl des Ehepartners, Scheidung auf Wunsch der Frau und Kontrolle der Frauen über die Fruchtbarkeit sind Merkmale der matristischen Kulturen.

Was die Sozialstruktur anbelangt, so sind patristische Gesellschaften typischerweise autoritär, hierarchisch und despotisch. Die Abstammungslinien sind patrilinear, der eheliche Wohnsitz ist patrilokal. Es herrscht lebenslange Zwangsmonogamie oder Polygamie. Es herrscht politischer und ökonomischer Zentralismus. Militarismus wird betont. Entsprechende Institutionen sind gewalttätig und sadistisch.

Matristische Kulturen sind demokratisch und egalitär strukturiert. Abstammungslinien sind matrilinear, also mutterrechtlich strukturiert . Der eheliche Wohnsitz ist matrilokal. Zwangsmonogamie ist unbekannt, es gibt nur selten Polygamie. Arbeitsdemokratische Strukturen und das Fehlen eines hauptberuflichen Militärs sind Kennzeichen der gewaltlosen matristischen Kulturen, in denen Sadismus fehlt

Matristische Kulturen wandelten sich zum Patrismus durch wiederholte schwere Trockenheit mit Wüstenbildung, die für die Subsistenzgesellschaften, (d.h. die Naturvölker) ungersnöte, Unterernährung, soziale Zerrüttung und Massenwanderungen zur Folge hatten.

Eine systematische globale Analyse anhand von 1.170 Naturvölkern von James DeMEO (1991, 1998) bestätigte die Wüsten- Patrismus-Beziehung. Hungernde Völker flohen aus den Dürre-Regionen in benachbarte und später in entferntere Gegenden und errichteten dort despotische patristische Systeme.

MURDOCKs „Ethnographischer Atlas“ (1967) beruht auf Daten von 1.170 Naturvölkern , über die in den Jahren zwischen 1750 und 1960 aus zuverlässigen Quellen berichtet wurde. Das Werk MURDOCKs findet zur Überprüfung kulturvergleichender Hypothesen allgemein Anerkennung.

DeMEO beurteilte mittels Computer jede der 1.170 Eingeborenenkulturen mittels 15 spezifischer Variablen, die sich an das Matrismus-Patrismus-Schema anlehnen. Ethnien mit einem hohen Prozentsatz an patristischen Merkmalen erhielten eine hohe Punktzahl, und umgekehrt. DeMEO ermittelte die geographischen Koordinaten einer jeden Kultur und trug sie mit ihrem Patrismus-Wert in eine Weltkarte ein.

Die lebensfeindlichsten Wüsten-Verhältnisse weisen Übereinstimungen mit dem Verbreitungsraum der extremsten patristischen Kulturen auf. DeMEO hat diesem Wüstengürtel der Erde den Namen SAHARASIA (Vgl. 1998) gegeben. Die Kulturen Nord-Afrikas, Vorderasiens und Zentralasiens waren eindeutig patristischer als die Völker Ozeaniens, Amerikas und der nördlichen Regionen der Erde, jener Gebiete, die am entferntesten von SAHARASIA liegen.

Wie DeMEOs Forschungen anhand der Auswertung von mehr als 10.000 archäologischen und paläoklimatischen Daten aus über 100 wissenschaftlich verlässlichen Quellen ergaben, war der große Wüstengürtel des heutigen SAHARASIA vor 4.000 bis 3.000 v. Chr. eine teilweise bewaldete Grassavanne. In der heutigen Wüstenregion lebten damals kleine und große Tiere wie Elefanten, Giraffen, Nashörner und Gazellen. Nilpferde, Krokodile, Fische, Schnecken usw. gediehen in den Flüssen und Seen. Es gab dort einst tiefe Seen und durch die Canyons und Wadis flossen beständig Wasserläufe. Die damals in den fruchtbaren und üppigen Zeiten lebenden Völker waren von friedlichem, ungepanzertem und matristischem Charakter. DeMEO zieht diese Schlussfolgerungen aus der Sichtung archäologischer Funde. Archäologische Funde aus der Zeit vor 4.000 v.Chr. zeigen unter anderem die sorgfältige Bestattung unabhängig vom Geschlecht der Toten mit relativ gleichwertigen Grabbeigaben, realistische weibliche Statuetten und künstlerische Felsmalereien. Felsmalereien und Töpferkunst stellen Frauen, Kinder, Musik, Tanz, Tiere und Jagd dar. In späteren Jahrhunderten durchliefen einige dieser friedlichen matristischen Kulturen eine Entwicklung zu bedeutenden Agrar- und Handelsstaaten z.B. auf Kreta, im Industal und in Teilen Zentralasiens.

Die weltweiten Friedensdemonstrationen mit Millionen von TeilnehmerInnen der vergangenen Jahre zeigen den Wunsch eines großen Teiles der Menschheit nach Frieden. Die Aktivität hunderttausender junger Menschen für den Frieden ist in Deutschland ein neuartiges Phänomen, das zum Teil als ein Resultat jahrzehntelanger Friedenserziehung und Friedenspädagogik in Elternhäusern, Kindergärten, Schulen und Hochschulen angesehen werden kann. Aber auch die Proteste gegen die rsikoreiche Atomtechnologie, die friedliche Nutzung der Kernspaltung in Nuklearenergieanlagen nehmen ständig zu. Immer neue GAUs, Größte Anzunehmende Unfälle, in Atomkraftanlagen, zuletzt in Tschernobyl und Fukushima, verdeutlichen die unermesslichen Gefahren der radioaktiven Strahlenbelastung für die Menschheit und die zukünftigen Generationen.

2.2 Theorien über Krieg

Es existieren zahlreiche Theorien über die Entstehung von Kriegen. Jede diese Theorie erklärt einen Teilaspekt der menschlichen Kriegsbereitschaft. Im Folgenden werden in Anlehnung an den aspektreichen Überblick zu diversen Theorien über die Wurzeln des Krieges bei Steve TAYLOR (Vgl. TAYLOR, Der Fall, 2009, S. 275 ff.) einige weit verbreitete Theorien skizziert und mit einer eigenen Theorie des Verfassers des vorliegenden Buches ergänzt.

Krieg durch Gene

Zunächst wäre hier die Theorien von den eigen-nützigen Genen zu erwähnen. Dieser Theorie zufolge interessiert Menschen nur das Überleben der eigenen Gene, die auch die Blutsverwandten in sich tragen (Vgl. BOYER 2002 ). Für eine Ethnie stellen Menschen anderer Gruppen potentielle Konkurrenten ums Überleben dar. Folglich sind Ethnien genetisch feindselig auf andere, fremde Ethnien programmiert (Vgl. SHIELDS/SHIELDS 1983, vgl. THORNHILL/THORNHILL 1983). Die menschliche Bereitschaft, einander zu bekriegen, lässt sich demnach auf die eigennützigen Gene zurückführen. Vom Ethnozentrismus zum Rassismus und zum Krieg sind es nur kleine Schritte. Krieg entsteht immer dann, wenn die Überlebensinteressen verschiedenen Familien, Clans, Stämme, Volksgruppen, Religionsgruppen oder Nationen kollidieren. Aus evolutionsbiologischer Sicht stellen andere Menschengruppen für die eigene Ethnie Selektionskräfte dar, die permanent zur Konkurrenz ums Überleben führen und deshalb seit Jahrtausenden in Konflikt und Krieg geraten.

Krieg durch Testosteron-Hormon

Eine weit verbreitete andere Theorie führt den Krieg auf den hohen Testosteronspiegel im Blut des Mannes zurück. Und in der Tat können wir auch bei den höher entwickelten Tierarten eine heftigere intraspezifische Aggression der Männchen bei Rangkämpfen und Konkurrenzkämpfen um das Weibchen beobachten. Der Mann erzeugt im Durchschnitt 5.100 Mikrogramm Testosteron täglich. Bei der Frau sind es 100 Mikrogramm. In Kindergarten, Schule und Gesellschaft ist die höhere Aggressionsbereitschaft des männlichen Menschen evident. Diese Theorie der Biochemie erklärt damit auch die Entstehung von Kriegen, von Hierarchien und des Patriarchats. Schwierig wird es, wenn diese biochemische Theorien des höheren männlichen Testosteronspiegels im Blut herangezogen wird, um das Verlangen zu erklären, andere Stämme oder Völker zu erobern, zu versklaven und die Macht des eigenen Herrschers zu vergrößern. Die organisierten Voraussetzungen der Kriegführung wie die Herstellung von Waffen, die Entwicklung von Strategien der Kriegsführung und der Mobilmachung von großen Männerhorden zu Armeen einzig mit hoher Testosteron-Hormonauschüttung zu begründen, scheint mir nicht ausreichend.

Krieg durch Mangel an Serotonin-Hormon

Eine weitere Theorie erklärt die Aggressions- und Kriegslüsternheit des Mannes mit einer zu geringen Ausschüttung von Serotonin im männlichen Gehirn. Serotonin ist ein wichtiger Neurotransmitter. Bei Kindern mit impulsiv-aggressiven Verhalten wurde in empirischen Studien ein niedriger Serotoninspiegel im Blut festgestellt. Auch bei Suizidanten und erwachsenen Gewltverbrechern wurde dies Defizit an Serotonin festgestellt. PRESCOTT ( vgl. 1995, 1996, 1997 ff. )führt den Mangel an Serotonin auf Defizite in der Primärsozialisation wie Mangel an Bruststillen, Mangel an Getragenwerden und Mangle an zärtlicher Zuwendung in den ersten drei Lebensjahren zurück. Vergleichende kulturanthropologische Studien ergeben deutliche Unterschiede in der Pflege und Erziehung von Kindern in früher Kindheit und bis ins Erwachsenenalter in matristisch orientierten und in patriarchalisch verfassten Kulturen (Vgl. PRESCOTT 1975, vgl. DEMEO 1998, vgl. TAYLOR 2009).

Krieg durch Populationsdruck

Eine sehr einleuchtende Theorie sieht Krieg als die Konsequenz aus der Bevölkerungszunahme. Als es noch weitläufige Gebiete der Erde für die Menschen in geringer Anzahl gab, führte die dünne Besiedlung zur Friedlichkeit. Die urgeschichtlichen Stämme hatten noch viel Platz auf der Erde, so dass es keine Notwendigkeit gab, Kriege um Nahrungsressourcen zu führen. In dem Maße, in dem die Menschen sich vermehrten und die Bevölkerungsdichte zunahm, begannen die Menschen sich gegenseitig Territorien und Nahrungsquellen streitig zu machen. In dicht bevölkerten Hochkulturen wird der Krieg oder Bürgerkrieg unbewusst oder bewusst zur Bevölkerungs-Reduziereung eingesetzt. In BOUTOULs Buch “Kindermord aus Staatsräson” (1973) wird diese These von der Gesundschrumpfung der Bevölkerung durch Bürgerkrieg oder Krieg in Bevölkerungs-reichen Staaten eingänglich beschrieben. In weniger bevölkerten Epochen der Menschheitsentwicklung konnte Krieg dadurch verhindert werden, dass die Ethnie der Jäger und Sammler in andere Jagdgründe weiterzog. Wie in der unendlich weit scheinenden Prärie des nordamerikanischen Kontinents ausreichend Raum für verschiedene Indianerstämme vorhanden war, änderte sich dies durch Besiedlungsdichte und privater Aneignung des Bodens. Für diese Theorie vom Populationsdruck als Ursache für das Kriegswesen sprechen auch die Berichte über friedliche kleine Indiostämme mit geringen Mitgliedern. Hingegen entwickelten sich die patristisch verfassten Hochkulturen der Olmeken, Mayas, Inkas und Azteken zu grausamen und kriegerischen Gesellschaften.

Krieg als Resultat der Zivilisation

Diese Theorie stellt fest, dass die Mehrzahl aller Kriege durch die Zivilisation (Vgl. HAAS 1999, S. 14) entstanden. Mit Zivilisation ist das Leben in Ansiedlungen und Städten gemeint. TAYLOR (Vgl. TAYLOR 2009, S. 280) wendet ein, dass es in frühgeschichtlicher Zeit Völker gab, wie beispielsweise die Kreto-Minoer auf der griechischen Insel Kreta oder Bewohner von Catalhöyük in der heutigen Türkei, die eindeutig zivilisiert waren, in Städten wohnten und ein großes funktionierendes Gemeinesen hatten, aber dennoch sehr friedlich waren. Andererseits stimmt es schon, dass die meisten urgeschichtlichen Menschengruppen gering an der Zahl und friedlicher waren als die meisten patristisch orientierten Hochzivilisationen mit großen Städten, ausgeklügelten Bewässerungssystemen und professionellem Heer. ROUSSEAU war der Auffassung, dass der Mensch sich von der Natur entfremde, wenn er in grossen Metropolen lebt. Der Mensch sei keine Ameise.

Krieg durch menschliches Gehirn

Van der DENNEN ( 1995) vertritt die Auffassung, dass im Gegensatz zum Tierreich das groß entwickelte Gehirn des Menschen dafür verantwortlich ist, dass es eine permanente Option zu kriegerischen Auseinandersetzungen gibt. Van der DENNEN fragt sich, ob es nicht einleuchtend sei, die starke Gewaltanwendung nicht mit dem Tierischen, sondern mit dem menschlichen Gehirn in Verbindung zu bringen, das heißt, mit dem groß ausgebildeten Neokortex, der sich über das Reptiliengehirn und das limbische System später entwickelt hat (Vgl. Van der DENNEN, 2001, S.2 ).

Krieg als Ersatz fürJagd

LENSKI ( 1977 ) stellt die These auf, der Krieg sei erst dann im Massenmaßstab entstanden, als die Männer vom Jäger- und Sammler-Leben zum Ackerbau und Gartenanbau über gegangen sind. Nun hatten die Männer selten Gelegenheit zur Jagd. Der Krieg bot ihnen nun eine Möglichkeit, ihren Mut und ihr Jagdfieber auszuleben.

Krieg durch Planungsfähigkeit

Ken WILBER ( 1996 ) weist darauf hin, dass es die menschliche Fähigkeit des Planens ist, durch die spontane Aggression in lang vorbereitete Kriegshandlung mündet. WILBER ist der Auffassung, dass genetisch an sich eigentlich eine Friedfertigkeit des Menschen vorhanden ist. Erst durch das Planen von Waffenschmieden, Kriegsstrategien und militärischer und politischer Taktik entsteht das spezifische, krankhafte, maßlose Aggressionspotential, wie man es nur vom Menschen kennt.

Krieg aus Habgier und Machtgelüsten

TAYLOR (Vgl. 2009, S. 283 ff.) führt die Kriegslust der Menschheit unter anderem auf zwei Hauptgründe zurück: Erstens wurden und werden Kriege geführt, um anderen Völkern ihr Land sowie Hab und Gut zu rauben, durch Eroberung, Plünderung und Besatzung. Zweitens wurden und werden Kriege geführt, um die Feinde zu besiegen, zu bezwingen und sie zu beherrschen, durch Gefangenschaft und Versklavung. Oftmals eroberten Herrscher Nachbarvölker aus reiner Machtgier, selbst wenn sie bereits wohlhabend genug waren. Bestimmte Kolonialmächte zum Beispiel begannen aus Prestigegründen die Erde zu entdecken, um fremde Kontinente und Inseln zu erobern, weil es gerade Mode war und weil die Entwicklung der Seefahrt, der Bau von seetüchtigen Schiffen technisch möglich geworden war. ROSTOW ( 1967 ) zeigt auf, wie die Weltpolitik von 1500 bis 1900 von einem nationalistischen Wettstreit geprägt war und die Eroberung von Kolonien als Symbol für Status und Macht auf der politischen Bühne angesehen wurde.

Krieg aus Mangel an Empathie

Empathie ist die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Menschen oder Lebewesen einzufühlen. Wenn wir das Streben nach Macht, Besitz und Prestige mit einem Mangel an Empathie zusammendenken, dann wird uns die skrupellose Kriegslüsternheit der Menschheit vielleicht etwas einsichtiger. TAYLOR denkt sich eine Ego-Explosion vor rund 6000 Jahren durch Desertifikation in den von DeMEO als SAHARASIA ( Vgl. DeMEO 1998 ) bezeichneten Regionen der Erde. Die Ego-Explosion bedeutet einen Verlust an Altruismus, Sozialität und Empathie und eine Zunahme an Egoismus, Individualismus und Machtgier. Diese Ego-Explosion war verantwortlich für die Zunahme von Kriegshandlungen. Es entstand die Unfähigkeit, sich in das Leid anderer hinein zu versetzen. Deshalb gab es keine Hemmungen mehr, Frauen und Kinder zu töten, Dörfer zu verwüsten und Städte dem Erdboden gleich zu machen. Die Gier nach Macht und Reichtum, nach Herrschertum und Unterwerfung befähigte die Sieger die Besiegten zu vergewaltigen, zu foltern und zu versklaven. Andre GLUCKSMANN (1978 ) hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Begriff “Territorium” die Region meint, in der ein Herrscher seinen “Terror” ausüben kann, also Angst und Schrecken verbreitet.

Krieg aus Langeweile

Eine zunächst merkwürdig klingende Theorie führt den Krieg auf die Langeweile der Männer zurück. Durch die Entwicklung enes gesteigerten Egoismus und durch das Patirarchat entfremdeten sich die Menschen immer mehr von der Natur und der glücklichen Weltverbundenheit der Urvölker. Es entstand eine innere Leere und Langeweile und eine Abtrennung von der Wirklichkeit. Vielleicht war das Kriegswesen der Versuch, die Langeweile und das Gefühl der Entfremdung vom wirklichen Sein zu überspielen. Das Kriegshandwerk und die kriegerische Auseinandersetzung diente der Überwindung von Langeweile und Sinnleere der männlichen Lebensentwürfe. Heldentum verhalf den Männern dazu, sich wichtig zu fühlen. PASCAL schrieb schon vor 350 Jahren: “ Die Männer haben nur ein einziges Bestreben: sich vom Nachdenken über das, was sie sind, abzulenken...Aus diesem Grunde finden sie solche Gefallen an der Jagd, weiblicher Gesellschaft , an Krieg und hohen Ämtern” (PASCAL 1966, S.67).

(Vgl. auch die Beschreibung der Kriegsbegeisterung im Ersten Weltkrieg von BULLOCK, zit. Nach TAYLOR 2009, S. 290 und S.292).

Krieg durch Gemeinschaftserlebnis

PARTRIDGE ( 1919 ) wesit darauf hin, dass der Krieg oft ein rauschhaftes Gefühl der Gemeinsamkeit, ein Gefühl, Teil einer großen Gruppe zu sein und mit diesem größeren Ganzen zu verschmelzen. Die Isolierung und Vereinzelung des Individuums wird in einer massenpsychologischen Hysterie anonym für kurze Zeit vergessen. “Du bist nichts, Dein Volk ist alles!” Dieses rauschhafte Gefühl, in der Horde anderer Mitmenschen eine kollektive Identität zu gewinnen, mächtig zu sein, entsteht auch bei Demonstrationen, bei Fußball-Zuschauern und militärischen Massenaufmärschen (Vgl. Ortega y GASSET 1956). Es entstehen in der Kriegsbegeisterung auch Emotionen der Verschmelzung wie auf Kirchentagen, in der Liebe zwischen zwei Menschen und beim Kunstgenuss, zum Beispiel im Theater oder in der Musik-Konzert-Halle.

Krieg durch Sexualunterdrückung

Wilhelm REICH (Vgl. “Die Funktion des Orgasmus”, 1927; “Charakteranalyse”, 1933; “Massenpsychologie des Faschismus”, 1933 ) zufolge speisen sich Lustmord und Kriegslust aus unterdrückter Liebes- und Sexualenergie. Wenn ein gesundes Geschlechtsleben mit regelmäßiger Spannungsabfuhr im Organsmus, besonders beim Manne, durch negative Sexualmoral nicht gewährleistet sei, bauen sich im Inneren des unterdrückten Menschen bio-energetische Spannungen wie Frustrationen und rebellische Impulse und Hass auf die Gesellschaft auf. Durch lebenslange Unterdrückung der Sexualität des Menschen von klein auf in patristischen Gesellschaften werden sekundäre Partialtriebe wie sadistische und destruktive Tendenzen maßlos verstärkt und suchen nach einem Ventil. Der Krieg bietet mannigfaltige Gelegenheiten zum Foltern, Vergewaltigen, Plündern und Töten. PRESCOTT ( Vgl. 1974, 1975 ) arbeitete kulturanthropologisches Datenmaterial über 400 Naturvölker auf und erkannte dabei auf Zusammenhänge zwischen sexueller Freizügigkeit und Gewaltpotential. PRESCOTT entdeckte, dass Kulturen, in denen Säuglinge lange gestillt, Kinder liebevoll behandelt und Jugendlichen freizügige voreheliche Sexualität gewährt wurde, ausserordentlich friedfertig waren. Falls diese Gesellschaften selten einmal Krieg führten, dann verjagten oder töteten sie ihre Gegner im Kampf. Quälereien und Folterungen von gefangenen Feinden waren unbekannt. Im Gegensatz zu den patristisch verfassten Kulturen, in denen Kinder einen Mangel an körperlicher Lust ertragen mussten und innerpsychisch ein hohes Destruktionspotential entwickeln mussten, bereitete es den friedvollen Kulturen keinen Genuss, hilflosen Gefangenen Qualen und Schmerzen zuzufügen.

Krieg durch Viehzucht und Karnismus

Im Folgenden wird eine weitere, eigene Hypothese des Verfassers des vorliegenden Textes vorgestellt. Es scheint, dass ein wesentlicher Schub zur Entwicklung einer Kriegs(un)kultur durch die Entstehung von Viehzüchter-Gesellschaften zu vermuten ist. Hatten die Menschen zuvor noch kein lineares Zeitempfinden und nur einen rudimentären Kalender, so veränderte der Kalender und das lineare Zeitbewusstsein in Verbindung mit der Viehzucht die Einstellung zur Frau. Zuvor war die Frau hoch verehrt als Schöpferin neuen Lebens. Der Zusammenhang zwischen Begattung und Geburt nach neun Monaten war nicht bekannt. Durch Kalender und Viehzucht änderte sich dies. Die Viehzüchter machten die Beobachtung, dass erst das Decken der weiblichen Herdentiere nach einer gewissen Zeitspanne zur Geburt von Nachwuchs führte. Diese Erkenntnis übertrugen sie duch Aanlogiebildung auf die menschlichen Fortpflanzungsumstände. Die Viehzüchter erkannten: Ohne Begattung der Frau und ohne männlichen Samen, neun Monate später keine Geburt!

Dieser biologische Erkenntnisfortschritt der Viehzüchter-Gesellschaften führt zur Entwertung der Frau und Mutter und zur omnipotenten Aufwertung des männlichen Teils der Gesellschaft. Diese Entwicklung sollte zusammengedacht werden mit der Enstehung von Herzlosigkeit, Rohheit und Skrupellosigkeit beim häufigen Schlachten der Herdentiere und der Haupternährung durch Fleisch. Noch heute gibt es “Beefsteak à la Tartar” in der Speisekarte vieler Restaurants. Berittene Reitervölker aus den Steppen Asiens, der Mongolei und Ungarns plazierten ein Stück Fleisch unter ihre Sättel, um es mürbe zu reiten. Vielleicht macht es auch einen Unterschied, ob Völker sich überwiegend durch Garten- und Landbau-Produkte ernähren oder ob sie täglich rohes oder halb durchgegartes Fleisch verspeisen, bei gleichzeitigem Mangel an vitaminreicher Gemüse- und Früchte-Kost. Zweifellos steckt im Fleisch geballte Protein-Energie. Ein neu kreierter Begriff des Karnismus untersucht die kultur-relative Einstellung zum Fleischverzehr ( Vgl. JOY 2012). Es scheint zunächst ungewohnt, Essgewohnheiten mit Charakterzügen ganzer Völker in Verbindung zu bringen. Interessante Einblicke in die Wirkung verschiedener Konsumgüter am Beispiel der Pflanzen bietet STORL ( Vgl. STORL 2010 ). So hängt das gesellschaftliche und wissenschaftlich-technische Erwachen Europas seit 1500 bis hin zur Epoche der Aufklärung vielleicht mit dem Import und Konsum von Tabak und Kaffee zusammen. Wer weiß, vielleicht hatte die Friedensbewegung der Hippies in den 1968ern auch eine Beziehung zur Hanfpflanze, deren Genuss zur Friedlichkeit und Lebensliebe beitragen soll.

Es ist eine weitere, bereits weiter oben beschriebene Hypothese, dass die Entstehung verstärkt kriegerischen Verhaltens unter anderen Faktoren etwas mit den Viehzucht-Kulturen, den Hirtenvölkern zu tun hat. Während es sehr früh noch keine Vorstellung von einem linearen Zeitablauf gab und deshalb die Mütter verehrt wurden, machten die Viehzüchter die Beobachtung, dass nach dem Decken der brünftigen Herdentiere nach berechenbarer Zeit der Nachwuchs geboren wurde. Ohne Decken durch die männlichen Herdentiere kein Nachwuchs. In Analogie zur menschlichen Fortpflanzung wurde nun die Rolle des Mannes bei der Befruchtung der Frau entdeckt und gefeiert. Außerdem wurden die Herdentiere häufig als Nahrungsmittel und als Opfergaben geschlachtet. Schlachten der Tiere, Bluten und Töten wurden alltäglich. Die Frauen bereiteten aus dem Fleisch der Tiere Gerichte. Die Männer töteten häufig. Sie wurden dem Töten von Herdentieren und Menschen gegenüber verroht, abgebrüht, barbarisch. Der Hauptbestandteil der Nahrung wurde Fleisch im Überfluss, zum Teil noch blutig roh. Zudem wurden die Viehzüchter mobil, um immer neue Weidegründe zu finden. Dabei wurden die Männer hervorragende Reiter und Kämpfer, die oft Tausende von Kilometern durchquerten. Durch die geballte Fleischkost waren diese Viehzucht-Völker sehr aggressiv, vital und fruchtbar. Zur Zeit der Völkerwanderung zwischen 300 und 600 n. Chr. in Europa kamen Hunderte, immer neue, andere, unterschiedliche Reiterheere aus der Mongolei, aus Ungarn, aus Asien und überrannten letztendlich sogar das West-Römische Imperium. TAYLOR ( TAYLOR 2009, S. 113) nennt viele dieser Hirtenvölker beim Namen, die Vandalen, Goten, Franken, Hunnen und Awaren usw.. DSCHINGIS KHAN ist ja so ein berühmter Anführer, in der Mongolei als Held hoch verehrt, im Europa des Mittelalters gefürchtet, über den es sogar Pop-Songs bis in die Neuzeit gibt. - Auch China hat seine Große Mauer gegen einfallende Reiterhorden aus der Mongolei errichtet.

2.3 Kinder- und Frauen-Feindlichkeit

In einem Vortrag an der Universität Klagenfurt, Österreich, im Jahre 2005 hat Lloyd DeMAUSE die Ursprünge des Holocaust auf die frühkindliche Erziehung der späteren Täter zurückgeführt.

Vor mehr als dreißig Jahren ist die Geschichte der Kindheit von de MAUSE publiziert worden, die mit den Worten beginnt: Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir erst in jüngster Zeit zu erwachen beginnen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto niedriger ist das Niveau des Schutzes der Kinder, desto üblicher war es, Kinder zu töten, zu verlassen, zu schlagen, zu terrorisieren und sexuell zu missbrauchen.

In den drei Jahrzehnten seitdem sind ein Dutzend Bücher und über einhundert Artikel im Journal of Psychohistory geschrieben worden, die eine überwältigende Evidenz der Wahrheit über diese erstaunliche Sicht der Evolution in der Kindererziehung nachgewiesen haben. Weiterhin sind Hunderte zusätzliche Bücher und Artikel erschienen, die die grausamen Effekte der negativen Erziehung in der Kindheit auf historische Persönlichkeiten, auf die Geschichte selbst, besonders auf Kriege und Völkermord aufzeigen. Despotismus, Kriege und Völkermord wurden möglich durch routinemäßige Kindesmisshandlung, durch das Fehlen von Liebe und Zärtlichkeit während der frühen Lebensjahre, durch die fragilen, gestörten Persönlichkeiten, die das Resultat extremer Verunsicherung in der frühkindlichen Sozialisation waren.

De MAUSE führt die emotionalen Ursachen des Rassismus und des Holocaust auf die negative Erziehung Adolf HITLERs und der Menschen in Österreich und Deutschland während der präfaschistischen Zeit zurück.

Welche Charakteristika hatte Kindheit üblicherweise in Zentral-Europa während jener Epoche, die spätere Erwachsene zu Zeitbomben formten, die im Holocaust und im Zweiten Weltkrieg hochgingen?

Zu allererst wäre da die offen ausgedrückte Ablehnung und Vernachlässigung von Mädchen anzuführen, sobald sie geboren wurden. Wenn es bei der Geburt ein Mädchen war, so wurde oft über enttäuschte Väter berichtet, dass sie das Neugeborene so gewaltsam auf das Bett neben die Mutter schleuderten, dass oft das Rückgrat gebrochen wurde. Als Resultat kann festgestellt werden, dass neugeborene Mädchen in zentralen Regionen Europas weit öfter getötet wurden als Jungen, was zu einem der höchsten Missverhältnisse der Geschlechterverteilung zwischen Jungen und Mädchen führte. Manche Mütter töteten ihre Neugeborenen, indem sie ihnen die Köpfe zerschlugen oder sie mit ihren Körpern im Schlaf erdrückten. Jene Kinder, die überlebten, waren gewöhnlicherweise Zeugen, wie ihre Mütter rund vierzig Prozent ihrer Geschwister erwürgten oder erstickten, oder sahen zumindest tote Babies überall in Toiletten, Abfallplätzen und Flüssen, was ihnen das realistische Gefühl vermittelte, lieber nicht zu unartig zu sein, um nicht von ihren mörderischen Eltern auch getötet zu werden. Eine Alternative für wohlhabendere Familien , die tatsächlich noch vermehrt ihre Töchter töteten als die ärmeren Familien, bestand darin, ihre Kleinkinder sogenannten Engelmacherinnen zu überlassen, die dafür bezahlt wurden, dass sie die ihnen in Obhut gegebenen Kinder töteten.

Das Brust-Stillen der Kleinkinder war so unüblich, dass die Mortalitätsrate im 19. Jahrhundert in Deutschland von 21 Prozent in Preußen bis zu erstaunlichen 58 Prozent in Bayern reichte. Der höhere Prozentsatz im Süden Deutschlands war das Resultat der Praxis des Nicht-Brust-Stillens, da handgefütterte Babies nur mit Wasser angerührten Mehlteig erhielten. Die derart unterernährten Babies hatten eine dreifach erhöhte Sterblichkeitsrate als Brust-gestillte Babies. Demzufolge war die Kindersterblichkeit in Deutschland und Österreich um die Hälfte höher als in Frankreich und England.

Wien hatte eine der höchsten Rate an verlassenen Kindern. Die Hälfte aller neugeborenen Babies wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts von ihren Müttern ausgesetzt und verlassen.

Ausländische Besucher deutscher Familien berichteten, dass es außerordentlich selten vorkam, dass eine deutsche Dame ihr eigenes Kind stillt. Stillen wurde um so seltener praktiziert, je tiefer man in den Süden kam. Eine Mutter, die aus Norddeutschland kam, wo Brust-Stillen noch verbreiteter war, und die in den Süden umgezogen war, wurde als schweinisch und eklig von dörflichen bayrischen Frauen beschimpft, und ihr Ehemann weigerte sich, mit ihr am Tisch zu essen, wenn sie nicht diese widerliche Gewohnheit aufgeben würde. Damals konnte nur selten ein Kind gefunden werden, dass ausreichend Brust-gestillt worden war.

Es war überall üblich, den Kindern den Mund mit Zulp zu stopfen, einem kleinen Leinenbeutel, der mit Brot und oft mit Alkohol oder Mohnsamen gefüllt war. Die Mütter gaben an, dass sie ihre Figur nicht ruinieren wollten und Brust-Stillen war ihnen zu schmutzig. Besucher aus dem Ausland notierten oft, dass zentraleuropäische Mütter ihren Kindern weniger Aufmerksamkeit schenkten als ihren Kühen.

Die Geschichte der Kindesmisshandlung begann sehr früh, tatsächlich bereits während der Schwangerschaft als Fötus im Mutterleib, da Mütter üblicherweise täglich Alkohol konsumierten und da die Väter routinemäßig ihre schwangeren Frauen schlugen.

Gleich nach der Geburt wurde das Neugeborene in ellenlange Bandagen fest eingewickelt, sogenannte Wickelkinder, von den Füßen bis zum Hals , als ob sie wie ägyptische Mumien einbalsamiert werden sollten. Da diese Bandagen selten gewechselt wurden, verblieb das Kind in seinem eigenen Urin und Kot. Das Resultat war, dass Babys stinkende, eklige Dinger waren, und, da die Köpfe der armen Babys nie gewaschen wurden, mit von Schmutz verkrusteter Rinde bedeckten Schädeln, wie ein übel riechender Käse. Die Mütter hatten soviel Angst vor ihren Babys, dass sie sie nicht nur festbanden, sondern oft in einer Krippe in einem verdunkelten Raum einsperrten, um das Böse fernzuhalten.

Das Resultat war, dass Kinder mit Läusen und anderem Ungeziefer bedeckt waren, die durch den Kotgeruch angelockt wurden, aber sie konnten sich nicht rühren, um sie zu vertreiben, wie es nicht gewickelte Kinder hätten tun können. Die Eltern nannten ihre Kinder regelmäßig "Läuse" und "nutzlose Esser", weil sie noch keinen Beitrag zum Unterhalt der Familie leisten konnten, solange sie zu klein waren. Der elterliche Hass auf die eigenen Kinder war so groß, dass sie kaum ein Stückchen Brot essen konnten, ohne Vaters Kommentar zu hören, sie verdienten es gar nicht, weil sie noch kein eigenes Einkommen hätten.

[...]

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Titel: Pazifistisch und Altruistisch