Lade Inhalt...

Esoterik und Öffentlichkeit. Walter Benjamins Theorie und Praxis der Literaturkritik nach 1925

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 23 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Bedingungen der Literaturkritik. Die Krise der Kritik als Kritik der Krise
2.2 „[D]ie erkenntnismafiige Verwertung von Buchem“. Der erkenntnistheoretische Gehalt der Kritik
2.3 „Funktionale Kritik“: Literaturkritik als Selbstverstandigung der literarischen Intelligenz
2.4 „Magische Kritik“: Die Berucksichtigung des historischen Gehalts der Werke in der Kritik

3. Schluss

4. Literaturverzeichnis

Einleitung

Nach Erscheinen des dritten Bandes der Gesammelten Schriften, die die „Kritiken und Rezensionen“ zusammenfasste, erfolgte vor allem in den Rezensionen von Marcel Reich - Ranicki und Fritz J. Raddatz eine pejorative Stellungnahme, die in das einheitliche Resumee mundeten, Walter Benjamin sei ein schlechter Literaturkritiker.[1] Beide warfen Benjamin in der Wahl der Besprechungen vor, nicht die Aktualitat berucksichtigt zu haben und daher beliebig und egoistisch literarische Gegenstande auswahlte und die - heute - kanonisierten Werke ignorierte.[2]

Viele Fehlinterpretationen und Missverstandnisse gehen aus der uneinheit lichen, methodischen Ansatzweise Benjamins, die zwischen literaturkritischen, geschichtsphilosophischen und asthetisch-erkenntnistheoretischen Verfahren variierte, hervor, sodass Benjamin in der Rezeption nie unstrittig den Status eines Literaturkritikers erhielt.[3] Benjamins literaturkritische Praxis ist nicht von seinen philosophischen und asthetischen Uberlegungen zu trennen, vielmehr ist zu berucksichtigen, dass seine Literaturkritik, analog zu seinen kunstphilosophischen und literaturtheoretischen Konzepten, grundsatzlich epistemologisch und geschichtsphilosophisch ausgerichtet ist. Die Analyse der Literaturkritik Walter Benjamins hat demnach nach dem dialektischen Verhaltnis zwischen Theorie und Praxis, das einerseits sozialhistorisch bedingt ist und andererseits aus den fruhromantischen Annahmen Benjamins herzuleiten ist, zu fragen, da erst die Einbeziehung von Theorie und Praxis den literaturkritischen Modus definiert, mit dem Benjamin der Offentlichkeit gegenubertrat und bestimmte geschichtephilosophische und epistemologische Pramissen anwendete.

Auf die Fragwurdigkeit von Benjamins Status als Literaturkritiker, was in dem feuilletonistischen Diskurs der 70er Jahre anklang (Reich-Ranicki, Raddatz, u.a.), bezogen sich vor allem Bernd Wittes Studie „Walter Benjamin - Der Intellektuelle als Kritiker“ und Uwe Steiners Arbeit „Die Geburt der Kritik aus dem Geist der Kunst“. Beide wiesen darauf hin, dass es unerlasslich ist, Benjamins literaturkritische Praxis im Zusammenhang mit seinen Reflexionen und Theorien uber die Literaturkritik zu betrachten, um seinen Status als Literaturkritiker bewerten zu konnen.[4] Michael W. Jennings spricht von einem „bifokalen Literaturkritikkonzept“ Benjamins, nach dem die Kritik praktisch und theoretisch ein Feld ist, in dem sich literarische, asthetische und philosophische Disziplinen erganzen, wodurch die Kritik Objekte wie die eigene Instanz reflektiert und analysiert.[5] Die sozialhistorische Bedingtheit der dialektischen Einheit von Theorie und Praxis erlautert vor allem Berman. Fur die Fragestellung, inwiefern Benjamins Theorie und Praxis seiner esoterischen Fruhphase auch fur die Phase nach seiner publizistischen Wende evident ist, sind die Forschungsbeitrage Kaulens mafigeblich. Kaulen fuhrt hierfur auch den Begriff der Offentlichkeit ein, der heuristisch die Ambivalenz des Literaturkritikers Benjamin verdeutlicht. Auf die generelle sozialhistorische Ambivalenz des Offentlichkeitsbegriffs weisen Berman und Hohendahl hin.

Ein axiomatisches Konzept von Literaturkritik, der zufolge der Literaturkritik die Vermittlungsfunktion zwischen einem neuen Buch und der offentlichen Leserschaft zukommt und die daher ein begrundetes Urteil uber das Werk verkundet (und so vom feuilletonistischen Lager, das Benjamins Rezensentenstatus anzweifelte, methodisch vorausgesetzt wurde), hatte fur Benjamin nie eine unreflektierte Gultigkeit.[6] Die dialektische Einheit der literaturkritischen Theorie und Praxis Walter Benjamins, die sich als Kritik der Kritik artikuliert[7],antwortet auf die sozialhistorisch bedingte Problematic der Offentlichkeitskategorie. Hierfur werden die Theoreme seiner esoterischen Phase auch nach seiner publizistischen Wende zu „unbeschrankter exoterischer Geltung“[8] in einem neuen Funktionszusammenhang gultig, in einem exoterischen Funktionsraum wird eine esoterische Methodik der sozialpolitischen Lage entsprechend rekonfiguriert, und in der Praxis durch eine reflexive, epistemologische und geschichtsphilosophische Fragestellung durchgefuhrt.[9]

Auch in dieser publizistischen Phase Benjamins (1925-1933) ist „das metaphysische Apriori seiner Literaturkritik"[10] evident.

Dementsprechend ist eine argumentative Vorgehensweise notwendig, die die Verkoppelung von literaturkritischer Theorie und Praxis im einem sozialhistorischen Kontext erlautert und die Bruchigkeit der burgerlichen Offentlichkeit aufweist, die eine Vermittlungsinstanz der Literaturkritik zwischen Text bzw. Autor und Lesepublikum problematisierte und zu einem reflexiven Kritikmodus fuhrte. Dieser Kritikmodus als Selbstverstandigung der literarischen Intellektuellen (Kap.2.2) sowie die grundsatzliche epistemologische (Kap.2.1) und geschichtsphilosophische (Kap.2.3) Ausrichtung der benjaminschen Literaturkritik werden sodann in den jeweiligen Unterkapiteln analysiert.

Die Bedingungen der Literaturkritik. Die Krise der Kritik als Kritik der Krise.

Fur das Verstandnis von Benjamins Literaturkritik ist es unerlasslich, den gesellschaftlichen Hintergrund zu berucksichtigen, in dem eine kritische und rasonierende Offentlichkeit nicht mehr gegeben war.[11] Entsprechend diagnostiziert Benjamin einen „Verfall der literarischen Kritik seit der Roma ntik“.[12]

Bildungsprogramme und zunehmende Alphabetisierung fuhrten auch im deutschsprachigen Raum dazu, dass die Erwartungen und Vorstellungen des Lesepublikums von denen der Literaturproduzierenden und in diesem Literaturbetrieb Tatigen abwichen und eine Zersplitterung der Leserschaft eintrat, eine Divergenz zwischen breiter Masse und gebildeter Kaste. Aus diesen Veranderungen resultierte auch ein Einfluss auf das Bild und Selbstverstandnis des Literaturkritikers, dessen Basis der Vermittlung nun bruchig wurde.[13]

Der Literaturkritiker fungiert folglich in der Rolle, das durch die Masse gefahrdete literarische Niveau zu bewahren, sodass er wenn uberhaupt nur in ein asymmetrisches Vermittlungsverhaltnis mit dem breiten Lesepublikum tritt, die literarische Offentlichkeit ist daher keine Legitimation fur die Allgemeingultigkeit und Verbindlichkeit der Literaturkritik mehr. Dem Wegfall eines solchen Begrundungs- und Legitimationszusammenhang entsprechend erweiterte sich der Aufgabenbereich der Literarkritik um eine reflexive Problemstellung, in der, Schlegel zufolge, die Trennung von Theorie und Praxis aufgehoben werden musste.[14]

Aus dem Missverhaltnis zwischen dem Geschmack des breiten Lesepublikums und den Intentionen der Literaturproduzierenden zogen die Romantiker die Konsequenz, das Publikum als Kategorie der romantischen Literaturkritik zu liquidieren.[15]

Literatur wie Kritik wurden Prozessen einer Entpolitisierung unterzogen, einerseits entstand eine asthetisierende Elite, die sich wiederum einer entmundigten Masse der Kulturindustrie gegenuber sah, sodass die Kritik in dieser gesellschaftlich ambivalenten Formation zwanglaufig reflexiv fungierte, als Kritik der Kritik. Diese Ausdifferenzierung in Masen- und Elitekultur wurde ein Symptom der Krise der burgerlichen Offentlichkeit, die auch fur die Literaturkritik grundlegend war. Leserwartungen und Bedurfnisse wurden nicht nur durch den kapitalistischen Markt erfullt, sondern ebenso modifiziert, sodass sich im ausgehenden 19. Jahrhundert eine latente Konsumkultur verankerte. Die ursprungliche Form der burgerlichen Offentlichkeit wird durch die kapitalistischen Strukturen, durch die Prozesse der Produktion und des Konsums eliminiert.[16]

Durch die gewaltigen okonomischen und gesellschaftlichen Umbruche wird auch der Buchmarkt erschuttert, der kulturelle Kommunikationsraum erscheint als zersplittert, sodass die Idee einer burgerlich-liberalen Offentlichkeit unannehmbar ist.[17]

Der Status der Literaturkritik ist durch den legitimationsbegrundenden Verlust der Vermittlungsfunktion zwischen Literatur und Publikum und dem daraus resultierenden Ausschluss des Publikums aus literarturkritischen Konzepten ambivalent geworden. Diese Problematik reicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts und erfahrt durch den gestiegenen und weiter ausdifferenzierten Absatz von Literatur auf dem kapitalistischen Buchmarkt eine verstarkte Tendenz.[18]

Aufgrund dieser Krise der Kritik implizierte eine literaturkritische Praxis eine legitimationsbegrundende Reflexion uber die eigene Disziplin, sodass sich Theorie und Praxis dialektisch vermengten und die theoretischen Reflexionen stilistisch und methodisch auf die Praxis zuruckwirkten.[19] Ahnlich beschreibt Steiner die Konstellation:

„Die Kritik ist von ihrem Gegenstand nicht zu trennen. Sie entwickelt sich, indem sie ihn entwickelt (...) Die Theorie der Kritik entfaltet und legitimiert sich in ihrer Durchfuhrung.“[20] Eine Analyse einer Kritik der Kritik betrachtet dann den Aspekt der Abgrenzung von einem literaturkritischen Modell, das durch den historisch-gesellschaftliche Prozess uberholt erscheint und als obsolet polemisiert wird.[21] : „Kritik und Krise sind untrennbar verbunden, verweisen aufeinander.“[22]

Da die Theorie in der literaturkritisches Praxis reflektiert wurde, resultierte diese in einer Kritik bestehender Konzepte von Literaturkritik: Wie Brecht stellte auch Benjamin den etablierten Literaturbetrieb in Frage und stellte daher die privilegierte Instanz des Einzelkritikers in Frage.[23] Dessen gesellschaftspolitische Stellung versuchte Benjamin, in seinen Rezensionen zu problematisieren: „Literaturkritik als Selbstkritik der Literatur.“[24]

Vor dem Hintergrund der Kritik als subjektivistisches Verfahren, das geschmackstheoretisch fundiert sein soll, und das Benjamin im zeitgenossischen Literaturbetrieb begegnete, bekam der romantische Kunstbegriff Gultigkeit und Aktualitat, weil es fur diesen „eine besondere subjektive Einschatzung des Werkes im Geschmacksurteil nicht“24[25] gebe; entsprechend erortert Kaulen Benjamins Ruckgriff auf die Fruhromantik:

„...seit den fruhesten Schriften gilt ihm die Verbindung von spekulativer Asthetik und Kritik, die in der Fruhromantik gelungen ist, als MaBstab fur seine eigenen Untersuchungen. Getreu der Schlegelschen Maxime, ,jede philosophische Rezension sollte zugleich Philosophie der Reflexion sein‘“.[26] Benjamins Begriff von Kritik ist also grundsatzlich durch die Romantik, vor allem durch Schlegel, gepragt.[27] [28] Aus der Kritik der Kritik, die die sozialhistorische und institutionelle Problematik der Literaturkritik freilegt, leitet Benjamin eine epistemologische Problemstellung fur die Literaturkritik ab.

„[D]ie erkenntnismafiige Verwertung von Buchern“. Der erkenntnistheoretische Gehalt der Kritik.

Dem Redakteur fiel aufgrund der grundlegenden strukturellen Veranderungen im feuilletonistischen Betrieb nicht selten die Vermittlungsfunktion zu, aktuelle Information zu koordinieren, damit diese auf schnellstem und exklusivstem Wege ans Lesepublikum gelangten.[29] Dieses okonomische Regulativ, das die Literaturkritik modifizierte, beklagte auch Benjamin:

„Unsere Buchkritik ist an die Neuerscheinung geheftet. Kaum eines ihrer Kennzeichen, insbesondere ihrer Gebrechen, das nicht mit diesem Tatbestand zusammenhinge. Informationen losen taglich oder stundlich einander ab. Erkenntnisse konnen die Geschwindigkeitskonkurrenz mit ihnen nicht aufhehmen.“[30]

[...]


[1] Fritz J. Raddatz: Sackgasse, nicht EinbahnstraBe“, In: Merkur, Heft 306 der Gesamtauflage, Nov. 1973, S. 1065; Reich-Ranicki, Marcel: Die Anwalte der Literatur, Stuttgart 1994, S. 227ff

[2] Drews, Jorg: „Walter Benjamin als Rezensent“; In: Protokolle 1/1984, Wien, 230-244

[3] Jennings, Michael J.: Dialectical Images. Walter Benjamin’s theory of literary criticism, London 1987, S. 4f

[4] Opitz, Michael: Literaturkritik; In: Lindner, Burkhardt (Hg.): Benjamin-Handbuch. Leben, Werk, Wirkung, Stuttgart 2006, S. 312

[5] Jennings, Dialectical Images, S.5

[6] Vgl. auch: Drews: Benjamin als Rezensent, 231

[7] Laut Hohendahl ist eine polemische und kritische wie antithetische Auseinandersetzung verschiedener literaturkritischer Parteien, oft jungerer Generationen mit den Etablierten, ein immanentes Paradigma der Literaturkritik, sodass er von einer „permanente[n] Krise", einer Art Anxiety of influence (Harold Bloom), spricht, in dessen Auseinandersetzung und Abgrenzung die institutionellen Grundlagen der Literaturkritik freigelegt und problematisiert werden. (Hohendahl, Peter Uwe: „Literaturkritik und Offentlichkeit"; In:

Gebhardt, Peter (Hg.): Literaturkritik und literarische Wertung, Darmstadt 1980, S. 269)

[8] Kaulen rekonstruiert in Benjamins Verhaltnis zur Offentlichkeit einen Ubergang von einer esoterischen Phase, in der bestehende Offentlichkeitstrukturen wie in der Fruhromantik negiert wurden und nur fur einen esoterischen Zirkel publiziert wurde, zu einer publizistischen Phase (1925-33), in der Benjamin mit dem Program einer „Politisierung der Literaturkritik" auftritt. Abzugrenzen ist hiervon die Phase ab 1933, da eine burgerliche Offentlichkeit schon aus politischen Grunden wegfiel, was sich in der Exilpublizistik Benjamins in einem messianisch-revolutionaren Utopismus ausdruckt. (Kaulen, Heinrich: „Der Kritiker und die Offentlichkeit. Wirkungsstrategien m Fruhwerk und im Spatwerk Walter Benjamins; In: Garber, Klaus; Rehm, Ludger (Hg.): global Benjamin, Munchen 1999 , S. 920)

[9] Larsen zufolge ist Benjamins „Schwache“ als Literaturleser - und damit auch als Kritiker - zuruckfuhrbar auf sein Interesse, aus den literarischen Gegenstanden grofie kontextuelle Analysen abzuleiten. Er fuhrt dies vor

allem auf die subjektive GroBstadterfahrung zuruck, die Benjamin in seinen literarischen Analysen deutet. (Larsen, Svend-Eric: Benjamin. A literary critic?; In: New Literary History 29 (1998) S. 138)

[10] Witte, Bemd: „Negative Asthetik. Zu Benjamins Theorie und Praxis der Literaturkritik; In: Beichen, Peter, u.a. (Hg.): CollGerm 12 (1979), S. 195

[11] Vgl.: Berman, Russel A.: „Literaturkritik zwischen Reichsgrundung und 1933“; In: Hohendahl, P.U. (Hg.): Geschichte der deutschen Literaturkritik (1730-1980) Stuttgart 1985; S. 274. Durch eine zunehmende Eingliederung des Literaturbetrieb in die kapitalistische Logik wurden im Laufe der zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts burgerliche Literaturdiskussionen, in denen dem Kritiker seine bisherige Rolle zugewiesen wurde, auBer Kraft gesetzt, die einst burgerlich-gebildeten Rezipienten wandten sich an die Anforderungen einer durchrationalisierten Gesellschaft zu, naturwissenschaftliche, industrielle und okonomische Kenntnisse machten zunehmend einen Teil burgerlicher Grundbildung aus und verdrangten dadurch die einheitlichen burgerlichen Literaturkenntnisse, sodass der Literaturkritiker als burgerlicher Intellektueller innerhalb der burgerlichen Klasse eine zunehmende Marginalisierung erfuhr. Durch die Trennung vom konsumierenden GroBpublikum, das ihm im 19. Jahrhunderts noch als rasonierendes Publikum gegenuber stand, erfahrt der Kritiker gleichzeitig eine Aufwertung, da er jetzt, wo dem Publikum mit der Bildung auch die offentlich literarische Rezeptionsfahigkeit entfiel, als erste Instanz, als Berufskritiker, der die Masse an Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zu selektieren und zu besprechen hatte, auftrat.(ebd ,S. 252)]

[12] Benjamin, Walter: Programm der literarischen Kritik; In: Schweppenhuser/Tiedemann: GS, Bd. 6, S.163

[13] Hohendahl: Literaturkritik und Offentlichkeit, S.280

[14] Ebd. ,282f .

[15] ebd.: S. 283: „Die romantische Kritik steht mit dem Rucken zum Publikum; dessen Meinungen und Vorlieben konnen weder positiv noch negativ das Urteil uber das Kunstwerk beeinflussen. Diese Negation des Publikums richtet sich vorzuglich gegen die modeme Gesellschaft.“ (ebd.) Die Funktion der Kunstkritik wird dadurch grundlegend verandert, indem nicht ein Urteil uber das Kunstwerk artikuliert wird, sondern die Kritik fungiert als erganzendes Medium durch das die Endlichkeit des einzelnen Werks zur Unendlichkeit der Idee der Kunst gefuhrt wird. (ebd. S. 286)

[16] Ebd. S.301. Als Reaktion auf diese gesamtgesellschaftlichen Prozesse, die auch den Lietarurbetrieb affizierten, zogen sich lietartische Eliten zuruck, l’art pour l’art Zirekl entstanden in Abrenzung zum kulturellen Konsum der breiten Masse. Die Esoterik und Exklusivitat dieser Kreie bestimmte auch den Status des Literaturkritikers, dessen Vermittlung elitar, doktrinar und irrational wurde.(Ebd. 302f)

[17] Ebd. 305f

[18] Ebd. 286f

[19] Berman: Literaturkritik, S. 248

[20] Steiner, Uwe: Die Geburt der Kritik aus dem Geiste der Kunst. Untersuchungen zum Begriff der Kritik in den fruhen Schriften Walter Benjamins, Wurzburg 1989, S. 11

[21] Hohendahl: Literaturkritik und Offentlichkeit, S.272

[22] Steiner: Geburt der Kritik, S. 12

[23] Brecht kritisierte Kerr als „kulinarischen Kritiker“, der durch die subjektive Rezensionsmethodik eine Aktivierung des Publikums verhinderte, indem der Kritiker als „Vorschmecker den burgerlich-kapitalistischen Geschmack“ stabilisierte und verfestigte. (vgl.: Bermann: Literaturkritik, S.262)Mit Brechts Konzeption eines epischen Theaters, das auf die Aktivierung des Publikums abzielt, wird auch die Wertung der Kritik thematisiert, die sich nicht in einem kulinarischen Einzelurteil vollziehen soll, sondern der kollektiven, kritischen, Instanz des Publikums vorenthalten bleibt. Brecht insistierte auf eine rasonierende, postburgerlich-proletarische Offentlichkeit, in der dem Kritiker zwangslaufig eine neue Rolle zufallen musste, oder wie Berman sagt: „Brecht loste den Einzelkritiker auf, nicht um die Kritik abzuschaffen, (...), sondem um sie zu demokratisieren.“ (...) Es war ja gerade die in der fruhen Metaphysik angelegte antiasthetische Haltung (Benjamins, B.T.), die mit dem antiasthetizistischen, gesellschaftspolitischen Kritikerverstandnis Brechts konvergierte.“ (ebd., 255f.; 267)

Benjamin, der nicht die Aufgabe des Urteilens, sondern eine Methode, die das Kunstwerk auf die Wahrheit verwies, es geschichtlich begreifen sollte, postulierte, damit einen Rezensionsmodus radikaler Kontextualisierung. (ebd. 267)

[24] Berman, S. 265

[25] Benjamin, Walter: Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik; In; GS I, 1, S.80; vgl. auch:

Steiner: Geburt der Kritik, S. 25

[26] Kaulen, Heinrich: ,„Die Aufgabe des Kritikers1. Walter Benjamins Reflexionen zur Theorie der Literaturkritik 1929-1931; In: Barner, W. (Hg.):Literaturkritik - Anspruch und Wirklichkeit. DFG-Symposium 1989, Stuttgart 1990, S. 319

[27] Ebd. S. 927. Bei Schlegel gehen die praktische Kritik und die Theorie dieser Kritik standig ineinander uber, die praktische Kritik, die theoretisch nach ihren Moglichkeiten begrundet werden soll, nimmt diese Theorie praktisch vorweg, und diese zieht wiederum die Praxis mit ein, sodass diese Reflexion das eigene Verfahren darstellt und sich nicht nur als Kritik eines Werks, sondern als Kritik der Kritik versteht. (Mettler, Dieter: F. Schlegel - W. Benjamin - R. Barthes. Philosophische Begrundungsversuche der Literaturkritik; In. WW 40, Stuttgart 1990, S. 422f

[28] Benjamin, Walter: Wie erklaren sich groBe Bucherfolge?; In: GS Bd. 3, S. 295

[29] Hohendahl: Literaturkritik und Offentlichkeit, S. 304f.

[30] Benjamin: Wie erklaren sich groBe Bucherfolge Bd.3,,S.294

Details

Seiten
23
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656489849
ISBN (Buch)
9783656490302
Dateigröße
551 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v232956
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
esoterik öffentlichkeit walter benjamins theorie praxis literaturkritik

Autor

Zurück

Titel: Esoterik und Öffentlichkeit. Walter Benjamins Theorie und Praxis der Literaturkritik nach 1925