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Kindheit und Armut bei Zuwanderfamilien

Am Beispiel der türkischen Migranten

Hausarbeit 2012 30 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Einleitung

Die Armut unter Kindern in Deutschland wächst stetig. In der Bundesrepublik ist jedes zehnte Kind arm, das zeigt eine heute veröffentlichte UNISEF-Studie. Betroffen sind vor allem Kinder von Alleinerziehenden und Zuwanderern. Gerade das Problem der „Kinderarmut“ bei Zuwandererfamilien in Deutschland erregt seit langem öffentlicher Aufmerksamkeit (Spiegel Online Politik, UNICEF-Studie, 1.Abschnitt (siehe Internetverzeichnis).

Die Armutsrisiken von Zuwanderern werden in der Regel ausschließlich auf ihre soziodemografischen und -ökonomischen Merkmale (deutlich jüngere und größere Haushalte, geringere Bildungs- und Berufsabschlüsse), eine „fremdkulturelle“ Herkunft oder migrationsbezogene Individualmerkmale wie eine geringe Aufenthaltsdauer oder Deutschkompetenz zurückgeführt (Butterwegge, Kinderarmut und Migration, 2.Teil (siehe Internetverzeichnis).

Das gesellschaftliche Problem der Kinderarmut und sozialen Ausgrenzung von der türkischen Migranten stellt ein zentrales Handlungsfeld meiner Arbeit. Das Thema ist besonders wichtig, weil sie ein zunehmendes gesellschaftliches Problem darstellt. Besonders schlimm wirkt sich all dies auf die Kinder aus. Es führt oft zu Unterversorgung, die negative Auswirkungen auf Gesundheit, zu schweren körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen und Krankheiten, die Entwicklung und die Bildung der Kleinsten in der Gesellschaft haben.

Im ersten Abschnitt meiner Arbeit stellt sich die Frage nach Definition der Begriffes „Migration“. Im zweiten Abschnitt beschäftige ich mich mit dem historischen Einblick in die Migration von Türken nach Deutschland. Im dritten und vierten Abschnitten meiner Arbeit folgen Bestimmungen der Kernbegriffe „Armut“ und „Kinder“. Weiter werden Analysen der Lebenslagen türkischstämmige Familien mit Kindern vorgenommen. Anschließend gehe ich auf das eigentliche Thema der Arbeit ein. Ich erläutere die spezielle Situation von türkischen Kindern, die in Deutschland in Armut leben. Die einzelnen Bereiche, deren Fehlen Menschen als arm definieren, werden ebenfalls ausführlich behandelt. Der sechste Abschnitt gibt einen Überblick über die Prävention und die Rolle der sozialen Arbeit in der Förderung der Integration und Gleichbehandlung von Kindern mit Migrationshintergrund aus einkommensarmen Familien. Im folgenden Abschnitt geht es um die Beantwortung der Frage, wie armutbedingte Defizite in den genannten Lebensbereichen abgebaut und künftig vermieden werden können. In meiner Arbeit betrachte ich nur die rechtlichen Fragen nicht ausführlich.

Unter Zuwanderer, Migranten, Ausländer/innen, Menschen mit Migrationshintergrund oder bereits Eingebürgerte verstehe ich in meinem Text Menschen türkische Herkunft und deren Kinder.

Zur Verbesserung der Lesbarkeit verwende ich in meiner Arbeit nur die männlichen Formen, selbstverständlich sind damit auch Mädchen und Frauen gemeint.

1 Migrant. Begriffsklärung

Der Begriff Migration entstammt dem lateinischen Wort „migratio“ - Wanderung,

Auszug. Im weitesten Sinne ist damit jeder längerfristige Wohnortswechsel eines Menschen gemeint, wobei die Wohnortveränderung innerhalb eines Staates nicht dazu zählt. Nicht nur die Veränderungen der Position im physischen, sondern auch im sozialen Raum gehören zum Migrationsbegriff dazu. Des Weiteren versteht man darunter auch das freiwillige oder erzwungene Verlassen des Heimatlandes aus religiösen, politischen oder wirtschaftlichen Gründen (Hamburger, 2005, S. 1212). Die dauerhafte Verlagerung des Lebensmittelpunktes über die Grenzen eines Nationalstaates hinweg (Außerwanderung) ist dabei kennzeichnend für die transnationale Migration. Im Folgenden wird eine solche Außerwanderung vorausgesetzt, wenn von Migration, Migranten oder Ein- bzw. Zuwanderern die Rede ist (Butterwegge, 2010, S. 21).

2 Historische Hinblick der Migration von türkischen Migranten

Die wirtschaftliche Lage der türkische Zuwanderer in Deutschland ist deutlich schlechter als die der nicht zugewanderten Bevölkerung (Berlin Institut 2009, MGFFI 2008, referiert nach Fischer, 2011, S.111). Die Ursache hierfür liegt zum Teil in der spezifischen Form der Zuwanderung nach Deutschland, aber auch in der Struktur des Arbeitsmarktes und des Bildungssystem (Fischer, 2011, S. 111).

Die Grundlage für den massenhaften Einsatz ausländischer Arbeitskräfte wurde mit dem Anwerbevertrag mit Italien 1955 geschaffen. In den darauf folgenden Jahren bis zum Anwerbestopp 1973 wurden ausländische Arbeitskräfte außerdem in der Türkei, dem ehemaligen Jugoslawien, Griechenland, Spanien, Marokko und Tunesien angeworben. Sie sollten den Arbeitskräftebedarf in der industriellen Massenfertigung, der Schwerindustrie und dem Bergbau decken. Die Tätigkeiten, die diese Arbeitskräfte ausübten, erforderten meist keine oder nur geringe Qualifikationen. Aus der Perspektive der Arbeitsmarkthierarchie betrachtet, gliederten sich die ausländischen Arbeitskräfte überwiegend am unteren Ende ein (Seifert, referiert nach Fischer, 2011, S. 111).

Für die Arbeit in Deutschland meldeten sich etwa 3 Millionen Bürger der Türkei. Die Zuwanderung kam aber nur stockend in Gang. Hier sind die Zuwanderungszahlen der türkischen Gastarbeiter: 1961 - 6.800,1962 - 8.500, 1963 - 11.700, 1964 - 58.200, 1965 - 47.600, 1966 - 28.200, 1967 - 11.400, 1968 - 33.000, 1969 - 117.000.
1970 wurde der Familiennachzug gelockert. Bis zum Jahr 1973, dem offiziellen Stopp kamen aufaddiert rund 850.000 „türkische Gastarbeiter und auch Wohnbevölkerung“ nach Deutschland. Dies erhöhte sich bis 2010 auf insgesamt etwa 3.000.000, davon haben inzwischen etwa 850.000 die deutsche Staatsbürgerschaft (Zeit Online, 10. Abschnitt (siehe Internetverzeichnis).

Bis zum Anwerbestopp waren vor allem junge Männer nach Deutschland gekommen. Im Rahmen der Familienzusammenführung ab 1974 begannen die Arbeitskräfte verstärkt, ihre Angehörigen nachzuholen. Damit stieg auch die Aufenthaltsdauer. 2004 lebten mehr als 73 Prozent der Türken länger als zehn Jahre in Deutschland, davon 20,5 Prozent sogar länger als 30 Jahre (bpb: Bundeszentrale für politische Bildung, 2006, 7.Abschnitt (siehe Internetverzeichnis).

Aus "Gastarbeitern" waren de facto Einwanderer geworden. Viele Vertreter der ersten Generation von Arbeitsmigranten blieben im Land - ungeachtet ihres früheren Vorsatzes, in Deutschland rasch Geld zu verdienen, um sich zu Hause eine gesicherte Existenz aufbauen zu können. Oftmals wollten die Kinder und Enkelkinder nicht zurück in die Türkei, und so blieben auch die Älteren bei den Familien in Deutschland (bpb: Bundeszentrale für politische Bildung, 2006, 8.Abschnitt (siehe Internetverzeichnis).

Waren die türkischen Arbeitsmigranten über einen gewissen Zeitraum gern gesehene „Gäste“, so wurde ab Anfang der 70er Jahre in Zusammenhang mit einer veränderten wirtschaftlichen Lage in der Bundesrepublik, vor allem aber, weil eine größere Zahl der „Gastarbeiter“ den eigentlichen Anwerbezweck durchbrach und sich auf einen längerfristigen Aufenthalt in der Bundesrepublik einzurichten und Anforderungen an die soziale Infrastruktur zu stellen begann, eine sogenannte Ausländerbegrenzungspolitik eingeleitet (Boos-Nünning, 1994, S.13).

Heutige Zahlen von türkischstämmiger Bevölkerung in Deutschland

Heutzutage lebt etwa über 3% türkischstämmige Bevölkerung in Deutschland:

1.Abb. Bevölkerung nach Migrationsstatus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2009, Tabelle 2 I, ZfTI-Berechnungen (http://www.zfti.de/)

2.Abb. Türkischstämmige Bevölkerung nach Bundesländern

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt, Mikrozensus 2009, Tabelle 5I, ZfTI-Berechnungen ((http://www.zfti.de/)

Die ersten türkischen Migranten, die mit 20 nach Deutschland gekommen sind, sind jetzt Rentner. Gerade kommt schon die vierte Generation zur Welt.

Armut. Begriffsklärung

Die heute gebräuchlichste Armutsdefinition bezieht sich auf die Festlegung des EG-Ministerrates vom 19. Dezember 1984, wonach Einzelpersonen, Familien und Haushalte, „die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist“, als arm gelten (Kommissionen der Europäischen Gemeinschaften, Schlussbericht des Zweiten Europäischen Programms zur Bekämpfung der Armut 1985-1989, referiert nach Butterwege, 2004, S. 17).

Arme Kinder sind vom normalen Lebensstandard ausgeschlossen. Kinderarmut setzt familiäre Armut (definiert als Einkommensarmut) voraus: Von „Armut“ wird immer und nur dann gesprochen, wenn „familiäre Armut“ vorliegt, das heißt, wenn das Einkommen der Familie des Kindes bei maximal 50 Prozent des deutschen Durchschnittseinkommens liegt. Kinder, bei denen zwar Einschränkungen beziehungsweise eine Unterversorgung in den genannten Lebenslagedimensionen festzustellen sind, jedoch keine familiäre Armut vorliegt, sind zwar als „arm dran“ oder als benachteiligt zu bezeichnen, nicht jedoch als „arm“ (vgl. AWO-ISS-Studie, Zusammenfassung, S.4 (siehe Internetverzeichnis).

Armut ist mehr, als wenig Geld zu haben. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Freiheit, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden (Butterwegge, 2000, S. 22). Armut umfasst viele Lebensbereiche: das der einzelnen Familie zur Verfügung stehende Geld, den Wohnraum, das Wohnumfeld, die Teilhabe an Bildung sowie am gesellschaftlichen und kulturellen Leben sowie die Gesundheit. Neben dem Einkommen definieren die Versorgung mit Wohnraum (Größe und Ausstattung) sowie die Region des Aufwachsens die Lebenssituation und in zunehmendem Maße die Erfolgschancen der Betroffenen (Butterwegge, 2000, S.150).

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Details

Seiten
30
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656499138
ISBN (Buch)
9783656500131
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233031
Institution / Hochschule
Hochschule Hannover
Note
1,3
Schlagworte
kindheit armut zuwanderfamilien beispiel migranten

Autor

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