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Scaffolding: Tragfähiges Gerüst oder kippeliges Gestell?

Befunde und Erkenntnisse eines "modern style of education"

Hausarbeit 2013 26 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Theoretischer Hintergrund

2 Grundlagen

3 Was ist „Scaffolding“?

4 Vorgehensweise
4.1 Durchführung eines Scaffolding-Prozesses
4.1.1 Modeling
4.1.2 Coaching, Assisting und Monitoring
4.1.3 Fading
4.1.4 Support
4.2 Experten-Merkmale

5 Vor- und Nachteile der Unterrichtsmethode

6 Akturelle Anwendungsbereiche

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Namensverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Das Scaffold-Gerüst in Verbindung mit der ZNE

Abb. 2: Kurzer Abriss einer möglichen Scaffolding-„Session“

Abb. 3: Unterstützung jeweils zweier Schüler durch verschiedene Tutoren

1 Theoretischer Hintergrund

In Deutschland und vielen anderen Staaten steht die Bildungsforschung seit Jahrzehnten in dem Bestreben, das Schul- und Unterrichtssystem in Richtung Chancengleichheit der Ausgangsbedingungen und eines größtmöglichen Maßes an horizontaler[1] und vertikaler[2] Offenheit zu verbessern. Die TIMMS- und auch die PISA[3] -Studien der OECD[4], welche seit dem Jahre 2000 im drei-Jahres-Rhythmus Erhebungen[5] an 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Mitglieds- und Partnerstaaten durchführt, hatten neben teils erfreulichen Ergebnissen im Zusammenhang mit den aufgeführten Aspekten zugleich auch negative zu verzeichnen. Ein ambivalentes Bild zeigte sich beispielsweise in der Schweiz (krammer 2009, S. 15). Einerseits gilt sie als ein sehr durchlässiges Land mit hohen Aufwärtsmobilitäten, was so viel bedeutet, dass Arbeiterkinder eine mit den Akademiker-Kindern vergleichbar hohe Chance haben, höhere Bildung zu erzielen. Beleuchtet man diese erfreuliche Erkenntnis aber einmal von der anderen Seite, so gerät prompt ins Visier, dass innerhalb der Klassen die Leistungsunterschiede extrem variieren, was zur Revidierung des vorherigen Bildes führt. Weltweit erzielten die empirischen Befunde große Aufmerksamkeit und setzten schulpolitische Diskussionen und bildungstheoretische Verbesserungsversuche in Gang.

Besonders laufen seit dem sogenannte Sputnik-Schock[6] auch die Anstrengungen der psychologischen Disziplin auf Hochtouren. Hier beschäftigt man sich anstelle der gesellschaftlichen Strukturen, Determinanten und Einflussgrößen von Bildung mit den emotionalen und geistigen Faktoren auf der Individualebene. Eine oft verwendete Untersuchungsmethode zur Identifikation des optimalen Unterrichts stellt die „Aptitude-treatment-interaction[7] “ dar (vgl. reis S. 130). Sie wurde in den vergangenen Jahren noch um die Dimensionen „teacher“ und „task“ erweitert und bezieht neben den Faktoren „Fähigkeiten und Eigenschaften der Lehrkraft“, den „schulischen Aufgaben“, der „Interaktion zwischen Lehrenden und Lernenden“ auch den „Ausgangs- und Potentialbereich“ der einzelnen Schulkinder mit ein. Der Wert eines jeden Unterrichts kann in der Folge nicht pauschal als „gut“ oder „schlecht“ beurteilt werden, sondern bedarf stets einer Einordnung in ein Dimensionierungssystem, in dem die genannten Kriterien mit einfließen. Bei Befragungen rund um den Unterricht fällt auf, dass gerade Erwachsene oft genau zu wissen scheinen, was einen guten Pädagogen ausmacht. Doch bei genauerer Nachfrage machen sich zahlreiche Differenzen bemerkbar. Die einen preisen effiziente Belehrung und Erziehung an, die anderen präferieren eher die individuelle Förderung ihres Kindes. Und häufig schließen die Eigenschaften die jeweils anderen nahezu aus, obgleich sie zunächst doch alle sehr positiv sind (vgl. giesecke S. 182). Das Vorhandensein all dieser Teilaspekte sorgt nach wie vor für große Herausforderungen in der Unterrichtsforschung.

Fast könnte man meinen, dass die Menschheit bis dato keine avantgardistischen Ideen verfolgt (hat). Dem ist aber ganz und gar nicht so. Ein paar sehr kluge Köpfe mit progressiven Einfällen gab es, die uns bis heute beschäftigen (und auf die später noch näher eingegangen wird). Schon vor der Reformpädagogik, befassten sich Menschen z. B. mit dem vordergründigen Prinzip des adaptiven Unterrichts (vgl. krammer S. 17). Das zeitgemäße Lehr- und Lernverständnis stellt dieses in das Zentrum aller Bemühungen und besagt, dass der Wissenserwerb nichts anderes als der Aufbau und die ständige Modifikation kognitiver Strukturen ist, die durch aktive Auseinandersetzung mit bestimmten Gegenständen erfolgt und „auf dem je unterschiedlichen Vorwissen basiert“ (ebd. 2009, S. 17). Daraus lässt sich ableiten, dass die Phasen des selbstgesteuerten Lernens und die individuelle Unterstützung im Bildungsprozess ausschlaggebend sind.

Diese Hausarbeit setzt sich explizit mit einem modernen Prinzip des selbstgesteuerten Lernens auseinander. Für diesen Zweck bediene ich mich der noch jungen Methode des „ Scaffoldings “. Um dessen Ziele herauszufiltern, werden nach einem Beitrag zur Offenbarung der metaphorischen Begrifflichkeit zunächst die Positionen der Wegbereiter sowie die Basistheorie dargelegt. Im Verlauf der Arbeit klären sich schrittweise offene Fragen, beispielsweise ob und wie das Konzept in der Praxis glückt und welche Prinzipien, Chancen und Grenzen sich dahinter verbergen. Das anschließende prägnante Fazit enthüllt dann, ob Scaffolding im Alltag vermehrt eingesetzt oder doch lieber keine Beachtung finden sollte.

2. Grundlagen

Scaffolding entstand im besonderen Maße durch die grundlegenden Arbeiten Jean Piagets (1896-1980) im Zuge seiner Epistemologie, der Erkenntnistheorie. Sie besagt, dass sich der Mensch sein Wissen in Form von kognitiven Strukturen und in Auseinandersetzung mit der Natur selbst aneignet. Damit grenzt Piaget sich stark vom Behaviorismus, dem Reiz-Reaktions-Lernen ab, weshalb auch die soziale Komponente völlig unter dem Tisch gekehrt wird. Denn ihm scheint es schlüssig, dass z. B. Belohnung durch die Eltern das Kind in seiner intrinsischen Motivation nur einschränkt.

Während seiner Entwicklung, so der Epistemologe, strebt der Mensch unermüdlich nach der „Äquilibration“ (siegler/deloache/eisenberg 2005, S. 182), dem Gleichgewichtszustand des menschlichen Geistes (vgl. piaget S. 10). Dieser Zustand kommt immer dann ins Wanken, wenn er eine neue Erfahrung in ein geistiges Schema aufnimmt. Veranschaulichen wir die Theorie anhand eines Beispiels: Ein Junge sieht aus dem Fenster, während ein vollbärtiger Mann das Haus der Familie passiert. Der Kleine schreit: „Mama, der Weihnachtsmann!“ Der Bub hat also unter Benutzung gegenwärtiger Wissensstrukturen den Spaziergänger durch „Assimilation“(siegler/deloache/eisenberg 2005, S. 182) in sein mentales Schema aufgenommen und eine Zuordnung bzw. einen Vergleich getroffen. Daraufhin kommt die Mutter und klärt das Kleinkind auf, indem sie ihm mitteilt, dass es sich nur um einen normalen Mann handelt, da er nicht auf einem Schlitten angereist kam, keine rote Kleidung trägt und zudem gar nicht Winter oder gar Weihnachten, sondern Sommer ist. Das Kind denkt nach und modifiziert seine geistigen Strukturen nach den neuen Erkenntnissen durch korrekte(re) Integration des Begriffes. Den Vorgang nennt Piaget „Akkomodation“ (ebd. 2005, S. 182). Dadurch gelangt es wieder in den Zustand der Homöostase. In seinem Werk „Das Weltbild des Kindes“ erklärt Jean Piaget, dass das Kind in Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten der Natur (Sonne, Steine, Wasser...) diese beeinflusst und selbst durch sie beeinflusst wird (vgl. piaget S. 21ff.). Der Entwicklungspsychologe war ein großer Anhänger des Konstruktivismus (vgl. siegler/deloache/eisenberg S. 181). Er ging davon aus, dass sich Kinder in Wechselwirkung mit der Welt ihre Wirklichkeit selbst konstruieren. Unter aktiver Einwirkung auf die Umwelt stellt es Hypothesen auf, führt Experimente durch und leitet daraus Schlussfolgerungen ab.

Lew Semjonowitsch Wygotski, im selben Jahr wie sein Mitstreiter geboren (1896-1934), war ein Vertreter dieser revolutionären Gedanken, erweiterte die Erkenntnistheorie allerdings um die noch fehlende „soziale Komponente eines Gegenübers“ (krammer 2009, S. 61), da Lernen nie isoliert stattfindet. Im sozialen Lehr-Lernprozess, der zwischen Lehrer und Schüler geschieht, ist der Pädagoge der Begleiter des Schülers durch die von Wygotski benannte „Zone der nächsten Entwicklung“ (auch ZNE oder ZPD). „The zone of proximal development defines those functions that have not yet matured but are in the process of maturation, functions that will mature tomarrow but are currently in an embryonic state“(Vygotskiĭ/cole 1978, S. 86).

[...]


[1] Hier ist von Berufs- und Tätigkeitswechseln die Regel, die nicht mit einem Wechsel in der sozialen Klasse verbunden sind.

[2] Gemeint sind Auf- und Abstiege bezogen auf die sozialen Schichten und Klassen, auch Stellung.

[3] Ein Kürzel für „Programmes for International Student Assessment“.

[4] Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

[5] Die Schüler wurden in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik, Naturwissenschaften sowie technisches Verständnis, selbstreguliertes Lernen und der Problemlösekompetenzen getestet.

[6] 1957 schoss die Sowjetunion den ersten Satelliten ins All. Daraufhin zweifelten die westlichen Länder und die USA ihre wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit an und versuchten mit Verbesserungen in der Bildung einen wirtschaftlichen Aufschwung zu erzielen.

[7] Untersuchungen legen ausschließlich Wert auf die Begabung der Lehrkraft für Unterrichtszwecke und die von ihr verwendete Unterrichtsmethode.

Details

Seiten
26
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656502920
ISBN (Buch)
9783656504795
Dateigröße
1.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233095
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
scaffolding tragfähiges gerüst gestell befunde erkenntnisse

Autor

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