Lade Inhalt...

Hotaru no Haka. Die Darstellung von Gewalt im Anime "Die letzten Glühwürmchen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 22 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Theoretische Annäherung
2.1. Zur Begrifflichkeit der Gewalt
2.2. Zur Kriegsgewalt
2.3. Darstellung von Gewalt in den Medien

3. Filmanalyse - Hotaru No Haka ( 火垂るの墓 )
3.1. Abendessen bei der Tante
3.2. Der Bauer und der Polizist
3.3. Die Behausung aus den Augen fremder Kinder

4. Die Darstellung der Gewalt in Hotaru No Haka

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Der animeHotaru No Haka“ (Grave of the Fireflies) aus dem Jahr 1988 wird vom berühmten amerikanischen Filmkritiker Roger Ebert (*1942) als “one of the most powerful anti-war movies ever made[1] bezeichnet. Der auf dem semi-autobiografischen Roman von Nosaka Akiyuki (*1930) basierende anime erzählt die Geschichte von zwei Kriegswaisen, die gegen Ende des zweiten Weltkrieges in Japan versuchen zu überleben.

Bei den Analysen, Kritiken und Reviews von diesem anime, die sowohl in akademischen Werken als auch im Internet zu finden sind, ist auffällig, dass die Darstellung von Gewalt bislang noch nicht behandelt wurde.

Bei der Analyse der Gewaltdarstellung in „Hotaru No Haka“ stellen sich Fragen wie: Erwartet man normalerweise Prügelei, Kämpfe, Blut, wenn man von Gewaltdarstellungen spricht, oder gibt es eine darüber hinausgehende Definition von Gewalt, die in Filmen dargestellt werden kann? Welche Darstellungsform der Gewalt ist in Hotaru No Haka prägend und vermittelt eine weitreichende Botschaft? Und vor allem: Wie erreicht dieser anime eine solche Kritik am Krieg, dass er allgemein als einer der besten Antikriegsfilme angesehen wird, und gleichzeitig „die Grausamkeit des Krieges[2] darstellt, OHNE stereotypische Gewaltdarstellungen zu verwenden?

Die vorliegende Arbeit behandelt Hotaru No Haka auf diese Aspekte hin. Der erste Teil dient zur Bildung des theoretischen Rahmens im Bezug auf die Begrifflichkeit der Gewalt; gefolgt von der Thematisierung der Kriegsgewalt zur genaueren Behandlung der Darstellung in diesem anime. Danach findet im zweiten Teil der Arbeit eine methodische Reflektion in Form von Szenenanalysen statt. Auf dem zuvor errichteten theoretischen Fundament sollen einige Szenen des anime als Fallbeispiele fungieren und die Darstellungsform der Gewalt näher durchleuchtet werden.

2. Theoretische Annäherung

2.1. Zur Begrifflichkeit der Gewalt

Die Definition des Begriffes „Gewalt“ ist bis heute noch trotz der Tatsache, dass sich viele verschiedene Disziplinen wie die Soziologie, Psychologie, Ethnologie, Kultur-, Geschichts-, Politik-, Literatur- und Medienwissenschaft damit beschäftigen, umstritten.[3] Die Philologin Melanie Hong bildet in ihrer Doktorarbeit Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts[4] einen Definitionsrahmen, welchen sie mit einer in einem der juristisch einschlägigen Kommentare zum deutschen Strafgesetzbuch als Grundformel fungierenden Definition beginnt:

Gewalt ist (…) der Einsatz physischer (körperlicher) Kraft zur Beseitigung eines wirklichen oder vermuteten Widerstandes (…). Die Gewalt kann als vis absoluta die Willensentschließung oder –betätigung unmöglich machen, oder als vis compulsiva gegen den Willen des Genötigten gerichtet sein.[5]

Hong ist der Ansicht, dass diese Definition zu eng gefasst sei, da „Phänomene wie Drohung, verbale Gewalt […] , psychischer Zwang und Machtausübung damit nicht erfasst werden“.[6] Überdies gehe diese Definition vom Blickpunkt des Täters aus, was die Sichtweise des Opfers vollkommen ausschließe.[7] Hong stellt der strafrechtlichen Definition nach diesen Argumentationen die „extrem weit gefasste Gewaltdefinition[8] von Johan Galtungs Begriff der `strukturellen (indirekten) Gewalt´ gegenüber:

Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinflusst werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potenzielle Verwirklichung.[9]

Galtung nach geht die `strukturelle Gewalt´ nicht von einzelnen Täterinnen und Tätern aus, sondern ist das Ergebnis oder die Folge von gesellschaftlichen Bedingungen. Sie richtet sich nicht gegen einzelne, sondern gegen die Angehörigen unterschiedlichster gesellschaftlicher Gruppen. Nach dieser Definition wären somit alle Handlungen sowie situativen Bedingungen als Gewalt zu bezeichnen, „die die einzelnen daran hindern, sich selbst zu verwirklichen“.[10] `Strukturelle Gewalt´ wird oft nicht unmittelbar wahrgenommen, weil sie nicht aus einzelnen Attacken gegen jemanden Bestimmten besteht. Diese Form der Gewalt „zeigt[11] sich also nicht offen; das heißt, sie ist „eigentlich unsichtbar und damit bis zu einem gewissen Grad nicht fassbar.“[12] Ebenso ist es mit den Folgen und den Spuren der Gewalt, die auch unsichtbar sein können, da sie vom Typ her eher psychisch belastend als körperlich schädlich sind.

Dieser Ansatz des norwegischen Politologen und Friedensforschers Galtung bezüglich der strukturellen Gewalt ist seit seiner Veröffentlichung in der Forschung stark umstritten, da er den Gewaltbegriff zu stark „entgrenze“[13], was meiner Ansicht nach nicht zutreffend ist. Galtungs Gewaltdefinition umfasst ein sehr breites Spektrum und deckt somit den weiten Bereich jeder Gewaltform ab. Weitestgehend anerkannt ist dagegen die Machtdefinition vom Soziologen Heinrich Popitz (1925-2002), in welcher der Gewaltbegriff stärker eingegrenzt wird:

Der Mensch muss nie, kann aber immer gewaltsam handeln, er muss nie, kann aber immer töten -einzeln oder kollektiv - gemeinsam oder arbeitsteilig - in allen Situationen, kämpfend oder Feste feiernd - in verschiedenen Gemütszuständen, im Zorn, ohne Zorn, mit Lust, ohne Lust, schreiend oder schweigend (in Todesstille) - für alle denkbaren Zwecke - jedermann.[14]

Popitz Sichtweise zentriert die „Verletzungsoffenheit und -mächtigkeit[15] des Menschen, welche die Gewalt zu einer Option menschlichen Handelns machen würden, die ständig präsent sei. Er definiert somit Gewalt als eine „Machtaktion, die zur absichtlichen körperlichen Verletzung anderer führt[16].

Während Popitz also vorwiegend aus der Sicht des Täters analysiert und definiert, dehnt Galtung die Spannweite des Gewaltbegriffs vom Opfer aus und stellt dessen Individualität in den Mittelpunkt. Alles, was die Selbstverwirklichung des Individuums hindert, kann als Gewalt angesehen werden. Genau diese Definition nimmt die vorliegende Arbeit auch auf Grund der oben erwähnten persönlichen Stellung als Basis für die bevorstehende Analyse.

2.2. Zur Kriegsgewalt

Krieg wird innerhalb der Gewaltforschung stets mit dem Begriff “Macht” in Verbindung gebracht. Interessant ist es festzustellen, dass „Macht“ allgemein jedoch häufig gleichgestellt wird mit „Gewalt“. Diese Gleichsetzung hat ihren historischen Ursprung darin, dass Gewalt anfänglich als Übersetzungsbegriff für das lateinische potestas (Macht, Möglichkeit) diente und dann auch zur Übersetzung von violentia (Gewalttätigkeit, Gewalt) wurde.[17] In Japan hingegen existiert eine Gleichstellung der Begriffe bōryoku[18] (Gewalt) und kōgekisei[19] (Aggression), welche zwar gleichwertig verwendet werden; die Aggression wird jedoch nur als menschliche Eigenschaft angesehen .[20]

Die Begriffe „Macht“ und „Gewalt“ sind meiner Ansicht nach klar voneinander zu unterscheiden, da sie inhaltlich nach folgender Veranschaulichung des Schriftstellers und Aphoristikers Elias Canetti (1905-1994) differenzierbar sind:

Die Maus, einmal gefangen, ist in der Gewalt der Katze. Sie hat sie ergriffen, sie hält sie gepackt, sie wird sie töten. Aber sobald sie mit ihr zu spielen beginnt, kommt etwas Neues dazu. Sie lässt sie los und erlaubt ihr, ein Stück weiterzulaufen. Kaum hat die Maus ihr den Rücken gekehrt und läuft, ist sie nicht mehr in ihrer Gewalt. Wohl aber steht es in der Macht der Katze, sie sich zurückzuholen. Lässt sie sie ganz laufen, so hat sie sie auch aus ihrem Machtbereich entlassen. Bis zum Punkte aber, wo sie ihr sicher erreichbar ist, bleibt sie in ihrer Macht. Der Raum, den die Katze überschattet, die Augenblicke der Hoffnung, die sie der Maus läßt, aber unter genauester Bewachung, ohne dass sie ihr Interesse an ihr und ihrer Zerstörung verliert, das alles zusammen, Raum, Hoffnung, Bewachung und Zerstörungs Interesse (sic!), könnte man als den eigentlichen Leib der Macht oder einfach als die Macht selbst bezeichnen.[21]

Anhand dieser bildlichen Erklärung ist eine schlichte Differenzierung zwischen beiden Begriffen möglich, die auch zum besseren Verständnis der Kriegsthematik dienen kann. In der Forschung werden „Verletzen, Töten und Zerstören[22] als Wesensmerkmale des Krieges angesehen - Handlungen also, die vorwiegend im Gewalt- aber auch im Machtbereich möglich sind. Von Bedeutung für die Analyse im nächsten Kapitel ist jedoch besonders folgende These des Soziologen Dierk Spreen:

Im Krieg stehen sich zwei Parteien gegenüber, die beide gewaltsam und feindlich aufeinander reagieren. Jeder Zug des Einen provoziert einen Gegenzug des Anderen (…).[23]

Darüber hinaus behauptet er, dass Kriegsführung auf der „Schadenszufügung durch Gewalt[24] basiert. Spreen geht somit von zwei feindlichen Parteien aus, die sich in gegenseitigen Machtbereichen Gewalt zufügen. Dieses Konzept Spreens soll als letzter Schritt bei der Erstellung des Theorienrahmens in der vorliegenden Arbeit im Bereich der speziellen Kriegsthematik untersucht werden. Ob diese Definition tatsächlich alle sichtbaren Facetten des Krieges abdeckt oder die Definition von Galtungs Kriegsgewalt besser erfasst, wird im Laufe der bevorstehenden Analyse kontrolliert.

2.3. Darstellung in den Medien

Die Darstellbarkeit der Gewalt wird häufig als ein positives und herausragendes Mittel angesehen, da „Gewalt sichtbare und einschneidende Veränderungen am Körper bewirkt[25], wie auch Popitz in seiner Definition bemerkt. Wichtige Elemente bei einer Aufführung sind die physische Präsenz des Körpers, seine Verletzbarkeit, sein Schmerz, seine Deformation und seine Vergänglichkeit.[26] Daher ist eine visuelle Darstellung dieser Aspekte durch „die überragende Macht des Bildes und Films[27] ein gern verwendetes Mittel. Als Hauptelement wird oft der Schmerz bezeichnet. „Der Schmerz läßt sich nicht mitteilen und darstellen, sondern nur zeigen. Das Medium des Zeigens aber ist nicht die Sprache, sondern das Bild“.[28]

Die „Repräsentation“ der Gewalt findet am einfachsten im Filmmedium statt, denn im Gegensatz zur Malerei, Fotografie und auch zur Literatur reproduziert „das Bewegungsbild (…) keine Welt, sondern konstituiert eine autonome, mittelpunktlose Welt, erzeugt Brüche und Disproportionen und richtet sich an einen Zuschauer, der selbst nicht mehr Zentrum seiner eigenen Wahrnehmung ist“.[29] Der Zuschauer erlebt somit eine neue Bandbreite an Wahrnehmungen, die vor allem bei Gewaltdarstellungen auch aufgrund formaler und dramaturgischer Gestaltungsmöglichkeiten (wie z.B. schnelle Schnitte, Musik etc.) verschiedene emotionale Reaktionen auslösen können.[30]

Neben neuen Kreationen wie Katastrophen- und Horrorfilme, die auf Gewaltinszenierungen basieren[31], haben sich auch Kriegsfilme ihr eigenes Genre erarbeitet und bedienen sich jenseits der Diskussion um Antikriegs- oder Kriegserzählungen unterschiedlicher Narrationsmodelle: „(…) als Tragödie, als Romanze oder schlicht als Abenteuer“.[32] Im Visier stehe hierbei aber stets der Versuch einer realen Darstellung des Krieges.[33]

[...]


[1] http://www.statemaster.com/encyclopedia/Grave-of-the-Fireflies.

[2] http://www.animey.net/reviews/263.

[3] GEIER 2005: >Gewalt< und >Geschlecht< Diskurse in deutschsprachiger Prosa der 1980er und 1990er Jahre, S. 1.

[4] HONG 2008: Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts. Würzburg: Ergon.

[5] LACKNER 1995: Strafgesetzbuch mit Erläuterungen, S. 964.

[6] HONG 2008: Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts, S. 31.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

[9] GALTUNG 1971: „Gewalt, Frieden und Friedensforschung“, S. 57.

[10] FRIEDRICHSEN&VOWE 1995: Gewaltdarstellungen in den Medien-Theorien, Fakten und Analysen, S. 148.

[11] GALTUNG 1975: Strukturelle Gewalt, S. 16.

[12] KÜNZEL 2005: „Tot oder gezähmt-Gewaltbeziehungen in Gisela Elsners Romanen Abseits (1982) und Die Zähmung (1984) “, S. 113.

[13] KAILITZ 2007: Von den Worten zu den Waffen?, S. 47.

[14] POPITZ 1992: Phänomene der Macht, S. 50.

[15] SPREEN 2008: Krieg und Gesellschaft, S. 16.

[16] POPITZ 1992: Phänomene der Macht, S. 48.

[17] HIRSCH 2004: Recht auf Gewalt? Spuren philosophischer Gewaltrechtfertigung nach Hobbes, S. 26.

[18] 暴力.

[19] 攻撃性.

[20] 佐々木1996: メディアと暴力, S. 90.

[21] CANETTI 1960: Masse und Macht, S. 323f. .

[22] SPREEN 2008: Krieg und Gesellschaft, S. 30.

[23] Ebd., S. 72.

[24] Ebd., S. 88.

[25] HONG 2008: Gewalt und Theatralität in Dramen des 17. und des späten 20. Jahrhunderts, S. 56.

[26] Ebd., S. 55.

[27] KÖPPEN 2005: Das Entsetzen des Beobachters-Krieg und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, S. 245.

[28] GEIER 2005: >Gewalt< und >Geschlecht< Diskurse in deutschsprachiger Prosa der 1980er und 1990er Jahre. S. 90.

[29] Ebd., S. 178.

[30] KUNCZIK & ZIPFEL 2006: Gewalt und Medien-Ein Studienhandbuch, S. 66.

[31] WENINGER 2005: Gewalt und kulturelles Gedächtnis-Repräsentationsformen von Gewalt in Literatur und Film seit 1945. S. VIII.

[32] KÖPPEN 2005: Das Entsetzen des Beobachters-Krieg und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, S. 356.

[33] Ebd.

Details

Seiten
22
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656494270
ISBN (Buch)
9783656494164
Dateigröße
3.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233154
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Modernes Japan
Note
1,3
Schlagworte
hotaru haka darstellung gewalt

Autor

Zurück

Titel: Hotaru no Haka. Die Darstellung von Gewalt im Anime "Die letzten Glühwürmchen"