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Sexualität in Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 22 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Vorgehen und Fragestellung

2. Theorie
2.1 Begriffsdefinitionen

3. Forschungsstand

4. Methode
4.1 Leni Riefenstahl: Indizien einer Biographie
4.2 Filmanalyse: „Triumph des Willens“
4.2.1 Sequenz 1: „Prolog, Ankunft Hitlers und Fahrt zum Hotel“
4.2.2 Sequenz 2: „Nürnberg erwacht – Morgenidyll und Zeltlager, Trachtenzug“

5. Zusammenfassung und Ausblick

6. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Es war vielleicht eher die Ambivalenz des Werkes als die Unschuldbeteuerung der unbeirrbaren Regisseurin, die Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm „Triumph des Willens“ (Dokumentarfilm D 1935) vor der völligen Vernichtung durch die kritische Nachkriegsrezeption gerettet hat – kein Triumph des wie auch immer gestalteten Willens also, sondern ein Triumph der raffinierten Form über den kontroversen Inhalt. International und noch Jahrzehnte später wurde die Bedeutung der Fortschrittlichkeit der Kamera- und Regietechniken und künstlerischen Genialität des Filmes über den Reichsparteitag der NSDAP 1934 in Nürnberg für die Filmgeschichte hervorgehoben (vgl. Oberwinter 2007: 34). Gleichzeitig wurden wiederholt Stimmen laut, die der Regisseurin vorwarfen, sich den Nationalsozialisten nur allzu leicht dienlich gemacht zu haben. Dieser Umstand überrascht kaum, wenn man bedenkt, dass die Regisseurin und Adolph Hitler schon vor dem Wahlsieg der NSDAP auf Riefenstahls Initiative hin persönlichen Kontakt pflegten (vgl. Wichmann). Wesentlich ist: Riefenstahl lieferte Bildmaterial, das dem Nationalsozialismus nicht nur schmeichelte, sondern die monumentalen Phantasien der NS-Parteiführung gegenüber der internationalen Öffentlichkeit machtvoller und zeitloser kommunizieren sollte als es die Nationalsozialisten selbst durch ihre Politik vermochten.

Die vorliegende Arbeit wird sich nicht auf diese moralische Problematik fokussieren. Dennoch ist sie eine passende Einleitung für einen Text, der die fruchtbare Synthese des scheinbar Unpolitischen mit dem Politischen nachzuvollziehen versucht. Benjamin (1936) sah die Quelle der verführerischen Kraft des Filmes seinerzeit in einer Ästhetisierung der Politik. Im Folgenden wird untersucht, ob Riefenstahl neben der Ästhetik auf ein weiteres die Sinnlichkeit des Filmerlebnisses steigerndes Mittel zurückgegriffen hat: die Erotik, deren Reizen sich der Mensch als sexuelles Wesen schwerer entziehen kann, da sie an seinen Trieb appellieren. „Es“ (vgl. Freud 1923) rührt eben aus den unwiderstehlichen und teilweise unverständlichen Tiefen der menschlichen Psyche, in deren Sog der Mensch durchaus die Orientierung verlieren kann. Dabei kann es sich auch um die politische Orientierung handeln.

1.1 Vorgehen und Fragestellung

Die zentrale Fragestellung lautet demnach: Wie hat Riefenstahl in ihrem zweiten Parteitagsfilm filmische Bilder instrumentalisiert, um den Faschismus zu sexualisieren? Oder im Gewand des zugegebenermaßen schlüpfrigen Wortspiels: Wie viel „feuchter Traum“ steckt im „ästhetischen Tagtraum“ (Lessen 1999: 66)?

Der Einleitung folgt der Theorieteil. Er enthält Überlegungen zu den Funktionsprinzipien der NS-Diktatur und sexueller Wahrnehmung sowie Begriffsdefinitionen von Sexualität. Einem Forschungsbericht schließt sich der Methodenteil an, der eine kurze Biographie der Regisseurin umfasst, die veranschaulicht, wie Riefenstahl es stets gelungen ist, durch strategisch kluges Handeln, Talent und Ehrgeiz ihre Karriere voranzutreiben. Er umfasst weiterhin eine Analyse der Bildmittel ihres Filmes „Triumph des Willens“. Zuletzt werden die Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst und ein Ausblick auf weitere relevante Forschungsfragen gegeben.

2. Theorie

„Alles ist sexuell. Alles ist politisch. Alles ist ästhetisch. Zur gleichen Zeit“ (Baudrillard 1992: 15). Diese Aussage des postmodernen Soziologen Jean Baudrillard hat eine autodestruktive Note. Wo sie im ersten Moment einen geradezu überwältigenden, weil kompromisslosen Sinn zu haben scheint, nimmt sie sich diesen auf den zweiten Blick selbst. Denn in einer Realität, in der alles durch die gleichen Qualitäten gekennzeichnet wird, verfallen die Qualitäten ins Bedeutungslose. Will man realen Sachverhalten auf die Spur kommen, gilt: Genauso wie man der Verlockung des „alles ist“ nicht nachgeben sollte, darf man auch dem Reiz des „nichts ist“ nicht erliegen. Denn das Absolute ist ein theoretisches Konstrukt, in der Praxis intervenieren multiple Faktoren, die mithilfe logisch begründeter Entscheidungen eingegrenzt, beschrieben und interpretiert werden können.

Neben dem Bewusstsein fungiert das Unterbewusstsein als selektierende Instanz, auch was die Wahrnehmung sexueller Signale angeht. Wenn Freud also schreibt:

„Wir können dem 'Trieb’ nicht ausweichen als einem Grenzbegriff zwischen psychologischer und biologischer Auffassung“ (Freud 1913: 410),

und jeder Mensch durch seine Prädispositionen von anderen Reizen erregt wird, dann geht es nicht um „den Trieb“, sondern um „den jeweiligen Trieb“. Die Definition von Sexualität geschieht auf subjektiver Ebene. Veranschaulichend ist hierbei beispielsweise ein Fetisch, der auf eine Person hocherotisch wirkt, auf eine andere jedoch die gegenteilige Wirkung hat. In jedem Fall ist die Grundlage sexueller Perzeption die Beziehung. So kann es unter Umständen bei der Wahrnehmung des visuellen Reizes einer weißen Wand durch die Bezugslosigkeit des Rezipienten zum Gezeigten zu keiner Aktivierung von Trieben, Bedürfnissen und Affekten kommen. Es sei denn, diese Person wäre objektsexuell, was wiederum die thematisierte Problematik veranschaulicht (vgl. Marsh 2010). Es gibt allerdings Darstellungen, die von einer Mehrheit als sexuell wahrgenommen werden (vgl. Kap. 4).

So wie die Grundlage von Sexualität die Beziehung ist, ist auch die Grundlage von Gesellschaft die Beziehung. Ironischerweise kann ein Individuum allerdings zu einem Kollektiv wie es in Großveranstaltungen vorhanden ist höchstens eine Scheinbeziehung aufbauen. Der Grund: Die Qualität solch einer Zwischenmenschlichkeit impliziert eher die Anonymität des Nebeneinander als die authentische zwischenmenschliche Beziehung eines Miteinander. Insbesondere zu Zeiten des Nationalsozialismus musste solch ein Kollektiv den Menschen zugleich verängstigen und faszinieren, weil es ihn einerseits mit der Anonymität der entindividualisierten (vgl. Loiperdinger 1987: 1) Masse konfrontierte, einer Kraft, deren Wirkungsmechanismen sich dem Verständnis des Einzelnen entziehen, und andererseits durch das Teilhaben an einer aggressiv-primitiven Machtdemonstration berauschte. Diese Verführungskraft war sadomasochistischer Natur, weil sie unter anderem auf der Macht basierte, die Bedürfnisse des Individuums zu steuern und zu unterdrücken. Gordon schreibt hierzu:

„Nazi Germany is generally understood to have been a sexually repressive society, and in fundamental social and political ways, it was repressive. The National Socialist Party intervened in the private space of the body to an extent never before experienced and in hitherto unprecedented ways. The state instituted a politics of the body that rendered the individual body a public site whose purpose was to further the larger social organism.” (Gordon 2002: 164).

Es ist falsch, davon auszugehen, die Nationalsozialisten seien generell repressiv gegen jede Form von Sexualität vorgegangen (vgl. Herzog 2005: 16), sie haben Sexualität vielmehr institutionalisiert, um sie sich zunutze zu machen. Reichs (1946) These von der Sexualunterdrückung als Grundlage autoritärer Herrschaft wird an dieser Stelle somit die Sexualsteuerung als Mittel autoritärer Herrschaft entgegengestellt. Davidson unterstützt diese Annahme, wenn er schreibt:

“Long-standing wisdom holds that the National Socialists were ingenious at enlisting support for their cause by using peopleʼs libidinal desires” (Davidson 2006: 101).

Die staatliche Steuerung von Sexualität und Reproduktion war eine Methode, die menschliche Psyche und den Genpool des „deutschen Volkes“ gemäß der faschistischen Ideologie zu manipulieren. Hierzu gehörten Praktiken wie beispielsweise der Völkermord sowie die Kriminalisierung von Abtreibung. Opfer dieser repressiven Politik waren unter anderem Homosexuelle, Juden, Roma und Sinti, aber auch der „Musterdeutsche“, denn ein weiteres Steuerungsinstrument neben der Unterdrückung war das Animieren zu Sexualkontakten zwischen „Deutschen“ (vgl. Herzog 2005: 16).

Dies darf aber nicht als sexuelle Befreiung missverstanden werden, es ist eher eine Art durch Hitler angeleitete pathologisch-narzisstische Phase der Deutschen, in denen der Versailler Vertrag tiefe Komplexe hervorgerufen hatte. Ihre Schuld hätte dieser Theorie folgend darin bestanden, in ihrer gekränkten Eitelkeit den Missbrauch durch den Sadisten Hitler zu genießen, der sie gleichzeitig von ihrer angeblichen Überlegenheit überzeugte. Schließlich wurden sie zu in einem sadomasochistischen System gefangenen Mittätern.

Der nationalsozialistische Führungsapparat hatte hierbei die Funktion einer regulierenden Instanz inne, die die „‚Formung der Masse‘ zur Volksgemeinschaft“ (Loiperdinger 1987: 2) anleitet und überwacht. Die NS-Elite machte sich das propagandistische Medieninstrument zunutze, das sich ironischerweise auf ein „positives Grundgefühl“ (vgl. Oberwinter 2007: 64) berief, um die Perversion dieses sadomasochistischen Konstrukts zu überdecken. Diese durch die faschistischen Medien verbreitete Grundstimmung wird bebildert durch künstliche Schemen der Konventionalität. Hierunter fallen auch Schemen konventioneller Erotik (vgl. hierzu Kap. 4), da das sadomasochistische Prinzip in seinem vollen Umfang nicht telegen ist – Szenen aus Konzentrationslagern hätten die deutsche Öffentlichkeit vermutlich eher verstört, als sie zu einer Unterstützung des Systems zu bewegen. An dieser Stelle wird Riefenstahls Arbeit für das Regime verortet, die den Faschismus ästhetisiert und sexualisiert.

Die vorliegende Arbeit geht von der Überlegung aus, dass der „‚schöne nationalsozialistische Schein‘ durch die Synthese von Politik und Kunst“ (Petrovic 2006: 3), bei Benjamin (1936) die Ästhetisierung der Politik, Momente der Sexualisierung mit einschließt. Um eine Masse erschöpfend zu kontrollieren, müssten dem Bürger neben den ihm weniger bewussten sadomasochistischen Strukturen des Faschismus auch Angebote konventioneller Sexualität gemacht werden. Dies geschieht durch eine Vermenschlichung des Faschismus: Die in ihrem Geist gewalttätige, weil im Sinne der Kriegsvorbereitung systematisch organisierte, hierarchische Struktur wird somit aufgebrochen und nahbar.

2.1 Begriffsdefinitionen

Der belgische Sexologe, Ethiker und Historiker Jos van Ussel (1918-1976) liefert in seiner Definition von Sexualität eine Grundlage für ein Verständnis des Begriffes, das ihn als soziales Phänomen beobachtbar und somit fassbar macht. Bei Sexualität handele es sich um:

„[…]alles, was Verhaltensweisen und Handlungen der Menschen miteinander oder mit sich selber als Geschlechtswesen betrifft.“ (Van Ussel 1977: 10)

Van Ussel geht hier auf die wesentliche Sexualitäts-Komponente der Beziehung ein. Dennoch bleibt unklar, was genau solch eine Beziehung kennzeichnet. Reiche et al. konkretisieren diese Überlegungen, indem sie definieren:

„[Sexualität] umfasst nicht nur alle Tätigkeiten, Denk- u. Gefühlsinhalte, die in unmittelbarer Beziehung zum Lustgewinn durch die Funktion der Geschlechtsorgane stehen, sondern ist auch als Motivation für eine Vielzahl kultureller Ausdrucksformen (z.B. Sprachgebräuche, bestimmte Formen des Tanzes, Mode etc.) anzusehen. […] Die Funktion der S. kann entwicklungsgeschichtlich zunächst als auf die Erhaltung der Art gerichtet gesehen werden. Sie hat aber im Verlauf der sozialen Entwicklung des Menschen insoweit eine Besonderheit erfahren, als sie sich ihrer ausschließlich auf die Fortpflanzung gerichteten Zielbestimmtheit entzogen hat. Die S. ist der Ursprung einer Vielzahl anderer Funktionen (z.B. Lustgefühle, Ekel, Phantasien). Sie kann auch Ursache von Verhaltensweisen sein, die auf den ersten Blick nicht als solche mit sexuell motivierter Komponente erkennbar sind (z.B. Sympathie oder Antipathie gegenüber bestimmten Personen). Die spezifische Ausprägung der S. ist abhängig von den im jeweiligen Kulturkreis vorhandenen Moralvorstellungen, seinen Gebräuchen, seinem rechtlichen, religiösen Kontext“ (Reiche et al. 2003).

Sexualität kann demnach nicht ausschließlich auf ihre reproduktive Funktion beschränkt werden, wirkt teilweise als versteckte Motivation und ist gesellschaftlich und subjektiv gebunden. Die Diffusität des Begriffes bleibt als allerdings Problem bestehen. Die theoretische Überlegung, dass Darstellungen der Sexualität keine allgemeingültige sexuelle Bedeutung beanspruchen können, ist jedoch für das Vorhaben einer Analyse auf ein eben solches Kriterium unbrauchbar. Es erfordert also einer Operationalisierung (vgl. Kap.4).

3. Forschungsstand

Über Leni Riefenstahl, die „begabte und avantgardistische Filmemacher[in]“ (Petrovic 2006: 9) des Dritten Reiches, sowie ihr Werk sind viele Forschungsbeiträge erschienen. Nennenswerte jüngere Beispiele sind ein Katalog des Filmmuseums Potsdam (1999) zum Anlass einer Ausstellung zu Riefenstahls Lebenswerk im gleichen Jahr, Rainer Rothers (2000) Untersuchung des Gesamtwerks der Regisseurin sowie zwei zu ihrem hundertsten Geburtstag 2002 erschienene Biographien (vgl. Trimborn 2002, Kinkel 2002). Neben Forschungsbeiträgen beschäftigen sich auch zahlreiche journalistische Veröffentlichungen mit Leni Riefenstahl, wobei ein Großteil einen biographischen Charakter aufweist – die Grundlage für eine oft moralisierend-kritische Auseinandersetzung mit der Regisseurin (vgl. exemplarisch Jessen 2003). Viele Beiträge thematisieren die Frage, wie die politische Bedeutung von Riefenstahls Werk für den Faschismus eingeschätzt werden muss. Susan Sontag (1975) vertritt im Diskurs in ihrem Essay „Fascinating Fascism“ die Position, dass Riefenstahl unabhängig vom faschistischen Kontext vor allem an der Schönheit des Dargestellten gelegen war. Während sie somit die Bedeutung von Riefenstahls Figur für den Nationalsozialismus relativiert, sind Kracauer (1947) und Benjamin (1936) der Ansicht, dass die Regisseurin mit ihrer Inszenierung von Menschenmassen der faschistischen Ideologie zu ihrer Bildsprache verhalf.

Fragen nach Intention, Wirkung, Bedeutung und Ästhetik bestimmen auch den Diskurs um Riefenstahls berühmtesten Film „Triumph des Willens“. Seit den späten 1970er und 1980er Jahren erschienen Fachpublikationen zu dem Film (vgl. Oberwinter 2007: 13), als Autoren sind unter anderem Kelman (1973), Deutschmann (1991) und Kanzog (1995) zu nennen.

Kristina Oberwinter (2007) legte im Rahmen ihrer Magisterarbeit die erste ausführliche Untersuchung der Bildsprache des Filmes vor . Im Anschluss an die Schilderung der Handlung und Interpretation der formalen Mittel, attestiert sie dem Film mit Bezug auf dessen Fähigkeit, den Zuschauer zu beeindrucken und zu vereinnahmen, eine Funktion als „emotion machine“ (Oberwinter 2007: 171). Oberwinter erkennt die Herausforderung der Erforschung des Reichparteitagsfilms in folgender Problematik:

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656494249
ISBN (Buch)
9783656494157
Dateigröße
585 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233164
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
sexualität leni riefenstahls triumph willens

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Titel: Sexualität in Leni Riefenstahls „Triumph des Willens“