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Enturbanisiert sich die Stadt?

Eine Betrachtung am Beispiel der gated communities in Istanbul

Hausarbeit 2013 17 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Öffentlichkeit und Privatheit
2.2. Urbanität und Stadt
2.3. Gated communities

3. Gated communities in Istanbul
3.1. Kurze Entstehungsgeschichte und Merkmale
3.2. Soziale Exklusion und neue Vergemeinschaftung

4. Neue Strukturen der Stadt am Beispiel der gated communities
4.1. Privatheit und Öffentlichkeit in gated communities
4.2. Privatheit und Öffentlichkeit in der Stadt
4.3. Enturbanisiert sich die Stadt?

5. Schlussbetrachtung

6. Abbildungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In den letzten zwei Jahrzehnten sind in Istanbul zahlreiche geschlossene Siedlungen - gated communities- entstanden, in denen vorwiegend die gehobene Mittel- und Oberschicht lebt, Tendenz rasant steigend. Die Bewohner dieser umzäunten Nachbarschaften grenzen sich durch ihre Art des Wohnens, durch ihr Leben in einer eigenen privaten Stadt, durch den Ausschluss anderer Personen der Stadt, aus der städtischen Umgebung aus, und ziehen sich aus der Öffentlichkeit ins Private zurück. Gleichzeitig entsteht innerhalb der abgeschotteten privaten Lebensräume Orte der Öffentlichkeit, die die Grenze zwischen privat und öffentlich verschwimmen lässt.

Da sich durch diese Wohnform Teile der Stadt in das Private einhausen, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, in welchem Verhältnis der private und der öffentliche Raum zueinander stehen und ob sich dieses Verhältnis im Hinblick auf die geschlossenen Wohnkomplexe verändert. Es soll der Frage nachgegangen werden, ob und inwiefern diese Entwicklung dem Konzept der Urbanität mit ihren beiden Polen Öffentlichkeit und Privatheit gegenläufig ist und ob man daher von einer „Enturbanisierung“ sprechen kann, was am Beispiel der gated communities in Istanbul erfolgt. Hier soll das Augenmerk vor allem auf die Wohnkomplexe für die Mittel- und Oberschicht gelegt werden, da sich anhand dieser besonders deutlich die zu untersuchenden Pole Öffentlichkeit und Privatheit ablesen und -grenzen lassen.

Die Arbeit bewegt sich dabei im theoretischen Rahmen der Begriffe Öffentlichkeit und Privatheit von Hannah Arendt sowie Walter Siebel und Jan Wehrheim. Bei der Definition von Urbanität werde ich mich auf Arbeiten von Martina Löw und Walter Siebel stützen.

Durch den begrenzten Umfang der Ausführung kann lediglich ein kurzer Überblick über die Entstehung der geschlossenen Wohnkomplexe und den Wohnungsmarkt in Istanbul und den Zusammenhang mit Globalisierung gegeben werden. Auch können die Begriffe Urbanität und Stadt nur umrissen werden.

Die Forschungslage zu dem Thema Wohnformen in der wissenschaftlichen Landschaft in der Türkei richtet das Augenmerk vor allem auf den Zusammenhang mit Globalisierung und Gentrifizierung. So sind in den letzten Jahren sind in der Türkei zahlreiche interessante kritische Arbeiten entstanden, beispielweise von der Politologin Hatice Kurtuluş und der Soziologin Ayşe Öncü sowie des Historikers Rıfat N. Balı, die sich diesem Thema widmen. Jedoch vernachlässigen sie die Auswirkungen der Veränderungen im Zuge des globalen Wandels auf die Stadt selbst. Diese Arbeit soll dazu beitragen, diese Lücke zu schließen und die Diskussion über städtische Veränderungen in der Türkei und besonders in Istanbul in die Überlegungen zum Wandel des Konzepts der Stadt an sich einzubinden.

2. Theoretischer Rahmen

2.1. Öffentlichkeit und Privatheit

Um das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit[1] in der Stadt und deren Verschiebung analysieren zu können, bedarf es zuerst einer Definition der beiden Begriffe. Die Philosophin Hannah Arendt beschreibt in Anlehnung an Jean-Jaques Rousseau das Private als eine Sphäre der Intimität, als die stärkste Kraft unseres Innenlebens, als „unantastbare Verborgenheit vor dem Öffentlichen und der allen gemeinsamen Welt, also der Gesellschaft. Innerhalb des Öffentlichen erscheint das Private als ein Eingegrenztes und Eingezäuntes.“ (vgl. Arendt 2013: 77f.) Die private Wohnung ist also der Ort, an dem emotionale, intime Sozialbeziehungen gelebt werden. Es ist das ganz Eigene, das von vier Wänden umgeben ist und sich so den Augen anderer vollständig entzieht.

Das Öffentliche hingegen stellt für Arendt erstens jener Bereich dar, der „vor der Gemeinschaft erscheint, für jedermann sichtbar und hörbar ist“, dadurch erst komme ihm eine Wirklichkeit zu. Zweitens stelle das Öffentliche die Welt selbst dar, die allen gemeinsam ist und sich von dem Privaten unterscheide (ebd.: 62, 65).

Für Arendt lässt sich das Private aber in der Neuzeit nicht mehr klar vom Öffentlichen unterscheiden, da mit dem Aufkommen eines gesellschaftlichen Raums die Grenzen zwischen dem als privat bezeichneten Bereich des Haushalts und dem öffentlichen Raum des Politischen verwischen. Gesellschaft sei dann entstanden, als das Wirtschaften, das vorher im privaten Haushalt vorgenommen wurde, eine Sache der Öffentlichkeit wurde (ebd.: 38, 57). In dem für sie ungreifbare Gesellschaftlichen sieht sie ein Zusammenleben von Menschen, die voneinander abhängig sind und deren lebenserhaltende Tätigkeiten den öffentlichen Raum bestimmen. Es ist „ein Familienkollektiv, das sich ökonomisch als eine gigantische Über-Familie versteht und dessen politische Organisationsform die Nation bildet“ (ebd.: 39).

Es seien somit nicht nur zwei Sphären, das Private und das Öffentliche zu unterscheiden, sondern diese auch noch vom Gesellschaftlichen abzugrenzen. Diese Abgrenzung erscheint jedoch unmöglich, da das Gesellschaftliche das Öffentliche zu verschlingen droht, sich alles Gesellschaftliche in der Öffentlichkeit abspielt. Eine klare Abgrenzung könne man lediglich anhand von Objekten treffen, nicht aber von Tätigkeiten. Tätigkeiten und Verhaltensweisen könnten nicht mehr in diese beiden Bereiche eingeteilt werden, da durch das Gesellschaftliche das Öffentliche bedroht sei. Dadurch sei auch das Private in Gefahr, weil es nur bestehen könne, wenn es sich vom Öffentlichen unterscheide (ebd.: 75).

Im Hinblick auf die Frage der Arbeit, ob sich Städte „enturbanisieren“, soll hier noch ein Blick auf die Unterscheidung des Öffentlichen und Privaten aus Sicht der Stadtsoziologie geworfen werden.

Mit der Industrialisierung wurden die Bereiche Arbeit und Haushalt getrennt, vereinfacht gesprochen entwickelte sich dadurch eine klar abtrennbare Einheit des Haushalts und ein Bereich des öffentlichen Lebens. Der Alltag und somit auch der städtische Raum polarisiert sich in eine öffentliche und eine private Sphäre: Arbeit wird in der Öffentlichkeit ausgeübt, die Freizeitgestaltung verlagert sich ebenfalls aus dem Privaten heraus, Privatheit meint somit nur die Einheit der Familie, das Intime und die Gefühlswelt.

Die Stadtsoziologen Walter Siebel und Jan Wehrheim beschreiben die Trennung anhand von vier Dimensionen. Die Einteilung erfolgt erstens anhand der juristischen Dimension zwischen öffentlichem Recht und Privatrecht. Zweitens anhand der Funktionen, die in ihnen ausgeübt werden. Dabei umfasst der öffentliche Raum den Markt, die Freitzeitgestaltung, kulturelle Angebote und das Politische. Unter privat fallen die Reproduktion (Wohnung) und die Produktion in einem Betrieb, den sie ebenfalls als privaten Raum auffassen. Drittens unterscheiden sich die beiden Sphären in sozialen Aspekten. So bietet die Öffentlichkeit Raum für Anonymität und Distanz, das Private hingegen von Intimität, Gefühlen und Körperlichkeit. Schließlich unterscheiden sie sich auch symbolisch und materiell: anhand architektonischer und städtebaulicher Merkmalen ließen sich die Öffnung beziehungsweise Abschottung von Räumen ablesen (vgl. Siebel/Wehrheim 2003: 4).

Um nun der Frage nachgehen zu können, ob sich anhand von gated communities und der damit einhergehenden Verschiebung der Grenzen zwischen öffentlichen und privaten Orten eine „Enturbanisierung“ der Stadt abzeichnet, soll im folgenden Kapitel erklärt werden, was unter Urbanität zu verstehen ist.

2.2. Urbanität und Stadt

Um gesellschaftliche Entwicklungen analysieren zu können, hat sich in der Stadtsoziologie seit den späten 70er Jahren die Tradition durchgesetzt, Städte als eine Art Spiegel der Gesellschaft zu betrachten. Die Soziologin Martina Löw weist darauf hin, dass sich dazu Städte jedoch als eigenständige Gebilde betrachten lassen können müssten. Um diese Gebilde klar definieren zu können, habe sich die Stadtsoziologie darauf konzentriert, Städte als Formen räumlicher Verdichtung anzusehen. Sie würden also sowohl geografisch, als auch in ihrer Dichte gefasst (vgl. Löw 2010: 24, 68).

„Begreift man also in diesem Sinne Grenzziehung und Verdichtung raumsoziologisch als konstitutiv für die Form von „Stadt“, dann sind Städte als Ergebnis einer Konstruktions- und Benennungspraxis sozial und materiell konstitutive Einheiten und damit klar abgrenzbar.“ (ebd.: 70)

Auch der Soziologe Hans-Paul Bahrdt hält Verdichtung für ein wesentliches Merkmal von Stadt, eine Verdichtung jedoch der Polarität und der Wechselbeziehungen zwischen öffentlichen und privaten Sphären. Je stärker sich diese ausprägen, desto „städtischer ist [...] das Leben einer Ansiedlung“ (vgl. Bahrdt 1998: 83f).

Walter Siebel versteht unter Stadt hingegen zum einen Zentralität, also „das Gefälle von hochgetürmter Stadt herunter zum Stadtrand“, zum zweiten sei die Stadt abgegrenzt durch den Stadt-Land-Gegensatz, und drittens durch die „Mischung, das lebendige Neben- und Miteinander von Arbeiten, Wohnen, Erholung und Verkehr, von Jung und Alt, Einheimischen und Ausländern, Armen und Wohlhabenden“ (vgl. Siebel 2000: 28).

Darüber hinaus wird in der Soziologie unter dem Begriff Stadt auch eine dazugehörige Lebensweise verstanden, das urbane Leben. Siebel versteht unter Urbanität „eine verfeinerte, intellektualisierte und distanzierte Lebensweise, die Trennung von öffentlichem und privatem Leben, von Arbeit und Freizeit.“ (ebd.: 28) Er erklärt weiter:

[...]


[1] In dieser Arbeit werden die Begriffe Öffentlichkeit, das Öffentliche und öffentlicher Raum synonym verwendet, da eine Unterscheidung den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656500797
ISBN (Buch)
9783656501510
Dateigröße
766 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233353
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Schlagworte
enturbanisiert stadt eine betrachtung beispiel istanbul

Autor

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Titel: Enturbanisiert sich die Stadt?