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Charakterliche Ideale in den asiatischen Kampfkünsten. Spiegel von Historie, Kultur und Mentalität

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Didaktik - Deutsch - Deutsch als Fremdsprache

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Jede Gesellschaft hat den Sport, den sie verdient

2. Charakterliche Ideale in den asiatischen Kampfkünsten als Spiegel von Historie, Kultur und Mentalität
2.1 Der Kodex der Samurai: Bushido
2.1.1 Gi und Yu: Rechtschaffenheit und Tapferkeit
2.1.2 Jin und Makoto: Güte und Aufrichtigkeit
2.1.3 Meiyo: Ehre
2.1.4 Chugi und Rei: Loyalität und Selbstdisziplin

3. Der Begriff „Do“ als Schlüssel zur japanischen Seele

4. Gewaltlosigkeit als scheinbar widersprüchliches Postulat

5. Der Weg in den Westen

6. Literaturverzeichnis

1. Jede Gesellschaft hat den Sport, den sie verdient

Gemäß der im Titel anklingenden These einer Sportsoziologin, ist Sport im Allgemeinen als ein Spiegelbild der Gesellschaft zu verstehen, in der er betrieben wird. Aus diesem Grund unterliegen asiatische Kampfkünste im Westen häufig falschen Interpretationen. Vorherrschend ist deshalb der Mythos von unschlagbaren Kämpfern, die durch mediale Repräsentationen in Film und Fernsehen gespeist werden. Die Industrie verstand es, das Bild der asiatischen Kampfsportarten dem westlichen Erwartungshorizont anzugleichen. So werden diejenigen Personen als Meister dargestellt, die nicht den Kampf vermeiden, sondern siegreich aus ihm hervorgehen. Die komplizierten geistigen Inhalte der Kampfkünste wurden dabei ausgeklammert, das Ruhige und Stille dem Spektakulären und Sensationellen geopfert. So kam es häufig zu der typisch westlich geprägten Ansicht, dass Kampfkunst auch ohne Verbindung mit einer Philosophie ausgeübt werden könne, wie dies beispielsweise in Europa in Kampfsportarten wie Boxen oder Ringen, als ihren populärsten Vertretern, der Fall ist.[1] Gerade aus diesem Grund soll den philosophisch-historischen Hintergründen verstärkt Beachtung geschenkt werden, da sie nicht allein auf den Sport bezogen bleiben, sondern sich im asiatischen Raum auch in den Normen der Gesellschaft manifestieren.[2]

Die Betrachtung der Ideale, die den Kampfkünsten inhärent sind, hilft dabei die Mentalität Asiens besser zu begreifen.[3] Ziel dieser Arbeit wird es sein, die östliche Moralität zu verdeutlichen und die unterschiedlichen Denkweisen verständlich zu machen, um auf diesem Wege zu einem besseren Verständnis einer Kultur beizutragen, die Personen aus dem Westen auf den ersten Blick so fremd erscheint.[4] Denn das moralische Gedankengut im heutigen Japan ist untrennbar mit seiner Historie des Feudalismus und den Kampfkünsten, die das Erbe des Bushido forttragen, verwoben.[5] Deshalb wird die folgende Arbeit im Wesentlichen zweigeteilt ausfallen. Während sich der erste Teil hauptsächlich mit den historischen Wurzeln der Kampfkünste im Bushido beschäftigt, wird der zweite Teil einige Aspekte der Kampfkünste aufgreifen, die zusätzlich eine wichtige Rolle zum Verständnis spielen, hier seien der Begriff des Do und das Konzept der Gewaltlosigkeit genannt. Die Symbiose beider Teile sollte einen kleinen Einblick in die angestrebten Ideale und damit in die asiatische Kultur gewähren. Keinen eigenen Punkt wurde dem Buddhismus, in seiner speziellen Ausformung dem Zen gewidmet, da sich Bushido und Buddhismus gegenseitig beeinflusst haben.[6] Hingegen wurde versucht, die Lehren des Zen, die im Bushido und den Kampfkünsten auftauchen, in angemessener Weise zu integrieren. Dabei ist zu beachten, dass die Philosophie der Kampfkünste nur schwerlich ‚erlesen‘ werden kann, vielmehr muss sie selbst über Jahre hinweg erlebt und verinnerlicht werden. Aus diesem Grund kann diese Arbeit auch nur als kleiner Wegweiser und Einstieg dienen.

„Jemand sah eines Tages am Rand einer Klippe zum ersten Mal in seinem Leben das Meer. ‚Wie schön es ist! Welch großartiger Anblick!‘, sagte er fast atemlos. ‚Und dabei‘, sagte ein Freund, ‚siehst Du doch nur die Oberfläche!‘“[7]

2. Charakterliche Ideale in den asiatischen Kampfkünsten als Spiegel von Historie, Kultur und Mentalität

2.1 Der Kodex der Samurai: Bushido

„Das Rittertum ist eine Blüte des Erdenreichs Japans, dort nicht weniger heimisch wie sein Wappenbild, die Kirschblüte. Es ist gleichfalls kein ausgedörrtes Musterstück antiker Tugenden in einer Sammlung getrockneter Pflanzen aus unserer Geschichte. Es ist noch immer ein lebendes Objekt mit Macht und Schönheit unter uns – und auch wenn es keine greifbare Gestalt und Ordnung angenommen hat, versprüht es seinen Wohlgeruch in der moralischen Atmosphäre und lässt uns seines fortwährenden Zaubers gewahr werden. Die gesellschaftlichen Beweggründe und Zusammenhänge, die es hervorgebracht und genährt haben, sind lange verschwunden. Aber wie Sterne, die einmal waren und jetzt nicht mehr sind, vergießen sie merklich ihre Strahlen über uns. Ebenso verhält es sich mit dem Glanz der Ritterlichkeit – dem Kind des Feudalismus – der noch immer unsere moralischen Wege beleuchtet, auch wenn es seine mütterliche Institution längst überlebt hat.“[8]

Wie sich zeigt, gehen viele heute noch als lebendig wahrgenommene Tugenden auf das japanische Rittertum und den Kodex des Bushido zurück. Bei Bushido handelt es sich wörtlich übersetzt um den ‚Weg des Kriegers‘. Dieser Begriff steht für Grundsätze, die kämpfende Adlige, sie sogenannten Samurai, in ihrem täglichen Leben und in ihrer Berufung befolgen sollten. Deshalb bezeichnet man sie auch als ‚Gebote der Ritterwürde‘ oder ‚noblesse oblige‘ der Mitglieder des Kriegerstandes. Bushido ist somit als ein Regelwerk moralischer Verhaltensgrundsätze zu verstehen, denen Ritter Folge zu leisten hatten. Dabei handelte es sich um kein schriftlich festgelegtes Gesetz, sondern eher um Handlungsmaximen, die mündlich oder durch die Niederschrift bekannter Krieger und Gelehrter tradiert wurden. Die Notwendigkeit solcher Handlungsmaximen ergab sich aus dem zunehmenden Ansehen, den wachsenden Privilegien und der daraus resultierenden großen Verantwortung, die die Samurai trugen. Als Gedankenkonstrukt ist es nicht auf eine einzelne Person zurückzuführen, Bushido unterlag vielmehr einem evolutionären Wachstumsprozess durch die militärischen Entwicklungen über Jahrzehnte und Jahrhunderte hinweg. Somit kann ein genauer Ort und eine genaue Zeit der Entstehung nicht benannt werden.[9]

Wichtig für den Einfluss von Bushido auf die Gesellschaft ist die Kenntnis, dass der Geist des Bushido, ursprünglich für den Krieger verbindlich, später auch Leitlinie der Geschäftsleute und Businessmen wurde. Durch die Übertragung des militärisch-feudalen Prinzips auf die moderne Industriegesellschaft orientierte sich der gesamte japanische Volkscharakter noch viel stärker am Bushido, als dies in den früheren Jahrhunderten der Fall gewesen war, in denen die Samurai ein von der übrigen Gesellschaft eher getrenntes Leben geführt hatten. Die Identifikation mit den Normen und Werten dieser alten Ideologie wurden auf diese Weise allen sozialen Schichten möglich.[10]

Im Folgenden sollen die Ideale des Bushido näher erläutert werden, die teilweise in den heutigen Kampfkünsten ebenso wie in der asiatischen Gesellschaft fortleben.

2.1.1 Gi und Yu: Rechtschaffenheit und Tapferkeit

„Rechtschaffenheit ist, in Übereinstimmung mit der Vernunft, die Macht der Entscheidung über eine bestimmte Handlungsweise zu besitzen, ohne zu schwanken: zu sterben, wenn es richtig ist zu sterben; zu streiken, wenn zu streiken richtig ist.“[11]

Damit kommt der asiatische Begriff dem europäischen sehr nahe. Rechtschaffenheit bezieht sich auf die Fähigkeit moralisch-ethisch richtig zu handeln. Getragen wird sie von der ratio des Menschen. Aufs engste war sie mit dem Ideal der Tapferkeit verbunden.[12] Das Ideal der Gerechtigkeit ist auch heute noch in den Kampfkünsten präsent. Gichin Funakoshi hat in seinem Manifest für das Karate-Do zwanzig Wegweiser verfasst. Seine dritte Regel lautet, dass „Karate […] auf der Seite der Gerechtigkeit [steht]“[13]. Seine Intention war, dass Karate nicht ungerechtfertigt und unangemessen genutzt werden darf. Diese wird auch heute noch gelehrt und ist damit in der Tradition der Lehren der Samurai verankert.[14]

Es mag überraschend erscheinen, dass die Tapferkeit unter den Tugenden nur Bedeutung zukam und für ehrwürdig erachtet wurde, wenn sie als Mittel der Rechtschaffenheit fungierte. Dabei stand nicht im Zentrum, sich in jede Gefahr zu begeben und sich dem Tod auszuliefern.[15] So stellte der Prinz von Mito fest: „In einen Kampf zu geraten und dort umgebracht zu werden ist einfach genug, und selbst der niedrigste Flegel ist dieser Aufgabe gewachsen – aber die wahre Tapferkeit bedeutet zu leben, wenn es richtig ist zu leben und zu sterben, wenn es richtig ist zu sterben“.[16] Das Sterben für eine unwürdige Sache wurde abwertend gar als der „Hundetod“[17] bezeichnet. Attribute wie Kraft, Mut, Furchtlosigkeit, Tapferkeit fruchteten vor allem in den jugendlichen Gemütern, die diesen Idealen stark nacheiferten.[18] Die Worte Inazo Nitobes machen deutlich, was unter der Tapferkeit eines Samurai zu verstehen war:

„Der geistige Aspekt des Mutes ist mit Selbstbeherrschung gleichzusetzen, einer ruhigen geistigen Bewusstheit. Ruhe ist Tapferkeit in der Erholung. Es ist die statische Manifestation des Mutes sowie die waghalsigen Taten dynamisch sind. Ein wahrhaft tapferer Mensch ist immer gelassen, er wird niemals überrascht, nichts kann seine geistige Gelassenheit in Unruhe versetzen. In der Hitze des Gefechts bleibt er besonnen, inmitten einer Katastrophe behält er die Übersicht. Erdbeben lassen ihn nicht erzittern, er lacht über Stürme. Wir bewundern denjenigen als wahrhaftig großartig, der in der lauernden Gefahr des Todes seine Selbstbeherrschung behält, der unter heraufziehender Gefahr beispielsweise ein Gedicht verfasst oder im Angesicht des Todes eine Melodie summt.“[19]

Zentraler Aspekt der Tapferkeit stellt also neben der reinen Furchtlosigkeit auch eine innere Ruhe und Selbstbeherrschung in gefahrvollen Situationen dar. Was ebenfalls bereits anklingt, ist eine Geringschätzung des eigenen Todes, die später noch eruiert werden soll. Auch die enge Verknüpfung von körperlicher Gewalt und künstlerischer Betätigung klingt an. So war es in der alten Kriegsführung nicht selten, Schlagfertigkeiten auszutauschen oder einen rhetorischen Wettstreit zu beginnen. Kampf war somit nicht nur eine Frage physischer Gewalt, er war gleichfalls eine intellektuelle Auseinandersetzung zweier Parteien.[20]

Dabei kam auch dem Feind eine besondere Ehrerbietung zu. Der Gedanke dahinter bestand darin, mit den Worten Nietzsches sprechend, dass hochdekorierte und starke Gegner dem eigenen Ruhm eher zu gute kamen als schwache.[21] „In der Tat – solche Ehre und solche Tapferkeit verlangen gleichermaßen, dass wir nur Feinde haben sollten, die wir als Freunde im Frieden wertschätzen würden.“[22]

[...]


[1] Vgl. Grundmann, Michael: Die Niederlage ist ein Sieg. Tradition, Geist und Technik des asiatischen Kampfsports. Düsseldorf/Wien 1983, S. 242-247.

[2] Vgl. Grundmann: Niederlage, S. 250-256.

[3] Vgl. Nitobe, Inazo: Bushido. Der Weg des Kriegers. Neuenkirchen13 2009, S. 9.

[4] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 12.

[5] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 16/17.

[6] Vgl. Deshimaru-Roshi, Taisen: Zen in den Kampfkünsten Japans. München 1985, S. 28.

[7] Deshimaru-Roshi: Zen, S. 11.

[8] Nitobe: Bushido, S. 23.

[9] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 23-25.

[10] Vgl. Grundmann: S. 250/251.

[11] Nitobe: Bushido, S. 37.

[12] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 37.

[13] Funakoshi: Karate-do, S. 31.

[14] Vgl. Funakoshi: Karate-do, S. 31.

[15] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 41.

[16] Nitobe: Bushido, S. 41.

[17] Nitobe: Bushido, S. 41.

[18] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 41/42.

[19] Nitobe: Bushido, S. 44.

[20] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 43-45.

[21] Vgl. Nitobe: Bushido, S. 46/47.

[22] Nitobe: Bushido, S. 46/47.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656496748
ISBN (Buch)
9783656503958
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v233442
Institution / Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,3
Schlagworte
charakterliche ideale kampfkünsten spiegel historie kultur mentalität

Autor

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Titel: Charakterliche Ideale in den asiatischen Kampfkünsten. Spiegel von Historie, Kultur und Mentalität