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Walter Hasenclevers 'Antigone'. Umgang mit dem Mythos am Anfang des 20. Jahrhunderts

Referat (Ausarbeitung) 1999 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Tragischer Konflikt
1.1 Kreon und Antigone: Ethische Entscheidung und Schuld.
1.2 ”Das Volk“: Masse und Trieb

2. Umdeutung der Figuren
2.1 Antigone
2.2 Das Volk
2.3 Teiresias

3. Tragische Schuldkonzeption

4. Wirkungskonzept des Dramas: Katharsis versus Apokalypse

5. Schluß

6. Literatur

Einleitung

Walter Hasenclever schrieb sein Drama Antigone im Jahre 1916, mitten im Ersten Weltkrieg. Es erschien 1917 in mehreren Auflagen. Die erste Aufführung war für 1917 geplant, unterlag aber einem Verbot der Zensur und fand möglicherweise erst 1919 statt. Das Stück wurde vom Publikum begeistert aufgenommen, unterlag aber ab 1920 erneut öffentlichen Sanktionen[1]. Diese Rezeption des Antigone-Mythos, angelehnt an die antike Vorlage Sophokles‘, fand also starke Resonanz beim Publikum seiner Zeit: Begeisterung von der einen, Verbote von der anderen Seite. Hasenclevers Antigone scheint den wunden Punkt seiner Zeit genau getroffen zu haben – kaum etwas anderes ist solch ein präziser Seismograph für die kritische Aktualität eines Textes wie das Verbot durch die Zensur, einem Instrument staatlicher Gewalt und Kontrolle.

Wir haben in unserem Referat über Hasenclevers Antigone (17./24. 06. 99) versucht, den Umgang mit einem Mythos am Beginn des 20. Jahrhunderts in Verschränkung mit Bezügen zur Aktualität, zur Wirklichkeitserfahrung dieser Zeit darzustellen. Dazu bedurfte es der Synthese zweier Perspektiven auf den Text: Zum einen der Analyse der literarischen Methoden und Mittel einer Mythosrezeption, die in das antike Muster vielschichtige Diskurstraditionenen deutet. Zum anderen der Einbettung des Werkes in sein literaturgeschichtliches, historisches, intellektuelles Umfeld, um so auch die Fluchtpunkte der Aktualisierung des Mythos einzubinden. Ich möchte mich in den folgenden Ausführungen auf die erstere Perspektive, also die Umdeutung bzw. literarische Rezeption des antiken Mythos konzentrieren, und verweise für den zweiten Aspekt unserer Darstellungen auf die Ausführungen meiner Mitreferentin, Annegret Hoffmann. Ich werde mich für Belege meiner Thesen und Interpretationen aus Gründen des Umfangs auf exemplarische Zitate, auf Szenenverweise und Motivkomplexe beschränken müssen.

Es sei mir eine grundsätzliche Vorbemerkung über unser Verständnis von Hasenclevers ’Mythos-Rezeption‘ gestattet:

Hasenclevers Rezeption des Antigone-Stoffes am Anfang des 20. Jh.s ist nicht mehr der Versuch, den Mythos für die eigene Zeit fortzuschreiben (den letzten ’modernen‘ Versuch dieser Art finden wir wohl bei Hölderlin), die eigene Wirklichkeit also mythisch zu deuten, sondern der antike Stoff wird zur Folie, zur ’materiellen Basis‘ für die Auseinandersetzung mit der eigenen Zeit. Hasenclever rezipiert den Mythos sozusagen nicht-mythisch, er übernimmt die mythische Figuration und deutet sie in vielschichtigen Diskurszusammenhängen um, ohne den mythischen Gehalt zu bewahren. In diesem Sinne erscheint Hasenclevers Antigone -Rezeption als ein grundsätzlich neuer Ansatz des Umgangs mit dem Mythos, ein Ansatz, der sich in der Antigone -Rezeption des 20. Jahrhunderts durchsetzen sollte.

Meine Überlegungen zur literarischen Umdeutung des Mythos orientieren sich an der thematischen Gliederung, die wir für unser Referat erarbeitet hatten: Ich werde Hasenclevers Art und Weise der dramatischen Umgestaltung anhand wichtiger dramatischer Konzepte der antiken Tragödie untersuchen, angefangen beim ’tragischen Konflikt‘ bis hin zum Vergleich der Wirkungskonzepte bei Sophokles und Hasenclever.

1. Tragischer Konflikt

1.1 Kreon und Antigone: Ethische Entscheidung und Schuld.

Der der Sophokleischen Tragödie zugrundeliegende Konflikt zwischen dem Gesetz der Götter und dem der Menschen, vertreten von Antigone bzw. Kreon, kulturgeschichtlich gesehen die Einschreibung der Gesetze der Zivilisation in einen älteren urmythischen Zusammenhang, ist nicht nur im Konflikt dieser beiden Figuren verankert, sondern er äußert sich auch als innerer Konflikt einander ausschließender Prinzipien dieser tragischen Helden, an dessen schicksalhafter Konsequenz sie unweigerlich zugrunde gehen müssen. Dabei ist das Handeln der Helden eine Funktion zur Erfüllung des an sich tragischen Schicksals, der Moira, der Notwendigkeit. Die antike Antigone ist auch die Tragödie der Individuation und der Durchsetzung allgemeingültiger, von Menschen gesetzter (Handlungs-)Normen, der Entfremdung des Lebens vom Absoluten[2]. Die tragischen Helden vertreten also nicht nur antagonistische Prinzipien, sondern der Konflikt dieser Prinzipien ist ihnen im Innersten eingeschrieben, ist Voraussetzung ihres Handelns und der Auflösung dieses Konfliktes im tragischen Scheitern. Dabei begründet sich die Notwendigkeit ihres Handelns aus einer grundsätzlichen Teleologie des Weltgeschehens, einem allgemeinen ’Sinn‘ des Schicksals, das sich vermittels des tragischen Schicksals des Einzelnen äußert.

Bei Hasenclever erfolgt nun eine Umdeutung dieses antiken tragischen Konfliktes in die Konfrontation zweier ’Geisteshaltungen‘, oder genauer, in die Konfrontation von menschenverachtender Herrschergewalt, Willkür, Machtstreben – vertreten durch Kreon – und das ethische Prinzip mitleidiger Menschlichkeit, christlichen Humanismus‘, einer Doktrin der Gewaltlosigkeit und Nächstenliebe, figuriert in Antigone als Erlöserfigur, als Märtyrer. Die Kollision dieser Prinzipien findet zwischen ihren Vertretern statt. Der innere Konflikt der Helden ist vollständig nach außen verlagert, dadurch werden die Helden zu symbolischen Vertretern menschlicher Entscheidungsalternativen. Ihr Handeln wird zur Konsequenz ihrer ethischen Entscheidung. Die moralische Verantwortung wird eng verknüpft mit dem Wissen über die eigene Schuld (vgl. 3.), der Mensch bekommt mit der Macht über auch die Schuld an seinem eigenen Handeln zugesprochen.

Kreon wird als starker, eroberunglüsterner, gewalttätiger Herrscher eingeführt, der allen Widerstand im Volk unterdrückt, für den es nichts zwischen Sieg und Niederlage gibt, der seine Feinde und seine Freunde selbst definiert, klare Grenzen zieht und sie gnadenlos verteidigt[3]. In der Konfrontation mit Antigone büßt die Argumentation Kreons immer mehr an inhaltlicher Substanz ein, wird zur leeren Hülle herrscherlicher Willkür und Gewalt[4]. Kreon erscheint als der Inbegriff eines Tyrannen (im heutigen, nicht im antiken Sinn), als der Vertreter von Brutalität und Willkür, von Machtdemonstration, Expansionspolitik und Skrupellosigkeit, zumindest bis zum Beginn seiner Läuterung. Aber als die einsetzt, läuft er dem Schicksal Antigones, so gesprochen, nur noch hinterher, erfolgt keine Konfrontation mehr zwischen diesen beiden.

Antigone vertritt von Anfang an jene oben beschriebene Doktrin des Mitleids, der Nächstenliebe, des Pazifismus und Humanismus (vgl. dazu 2.). Sie ist damit der Gegenpol zu Kreon auf der Ebene dieser Auseinandersetzung, die sich noch eng an die Sophokleische Konstellation anlehnt. Daneben wird sie, wie auch Kreon, zum Gegenüber des ’Volkes‘ (in seinen verschiedenen Varianten, siehe 2.) und ist damit ebenfalls Bezugspunkt für das ’ganz andere Stück, was da noch gespielt wird‘ (so etwa Prof. Heukenkamp am 24. 06. 99), für einen neben der Handlungsebene der Helden eröffneten Diskurs über die Masse, die Triebe der Menschen, einen gewissermaßen anthropologischen Diskurs über das Wesen des Menschen.

[...]


[1] Siehe: Kasties, Bert: Walter Hasenclever. Eine Biographie der deutschen Moderne. Tübingen 1994

[2] Vgl. Hegel: Vorlesungen zur Ästhetik.

[3] Vgl. I. 3: Kreons Rede vor dem Volk

[4] Vgl. II. 2; II. 5

Details

Seiten
14
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638266352
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23530
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für deutsche Literatur
Note
1,0
Schlagworte
Walter Hasenclevers Antigone Umgang Mythos Anfang Jahrhunderts

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