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Sprechaktanalyse am dramatischen Dialog: Heinrich von Kleists 'Amphitryon'.

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 21 Seiten

Germanistik - Semiotik, Pragmatik, Semantik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Theoretischer Teil: Sprechaktklassifikation nach Schmachtenberg (1984)

2. Das Textmaterial
2.1 Hintergrund und Zusammenhang

3. Analyseteil: Sprechaktanalyse
3.1 Dialoganalyse
3.2 Thesen zur Interpretation
3.2.1 Hierarchische Überlegenheit Jupiters
3.2.2 Dialogtyp: ”Verbale Hetzjagd“ (Verhör?)
3.2.3 Scheintriumph Jupiters

4. Schluß

5. Anhang
5.1 Anhang (1): Übersichten
5.2 Anhang (2): Dialogauszug
5.3 Anhang (3): Matrixanalyse

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Ich habe in meinem Referat den Versuch unternommen, einen Ansatz der Sprechakttheorie auf die Untersuchung eines fiktiven Textes, in diesem Falle eines dramatischen Dialogs, anzuwenden. Dabei stütze ich mich auf Reinhard Schmachtenbergs (1984) Adaption der sprechakttheoretischen Theorien, insbesondere Searles (1972), auf die Analyse dramatischer Texte.

Zur Anwendung dieser Methode auf dramatische (fikitve) Texte ist grundsätzlich zu bemerken, daß sich eine Sprechaktanalyse ausschließlich auf die Interpretation der innerdramatischen Rede, also der Interaktionen zwischen den Figuren im Drama beziehen, nicht aber zur Analyse der Wirkungsebenen außerhalb der dramatischen Handlung, so z.B. zwischen Drama und Zuschauer, dienen kann. Die sprachlichen Interaktionen im Drama unterliegen grundsätzlich nicht wesentlich anderen Regelhaftigkeiten als nicht-fiktive Sprachhandlungen, zeichnen sich aber als fiktive Handlungen durch eine Reihe von Merkmalen aus: So fehlen weitgehend Performanzphänomene wie unvollständige syntaktische oder grammatische Strukturen. Weiterhin müssen deiktische Angaben (raum-zeitliche, personale Orientierung) in fiktiven Texten über die Sprachhandlungen der Figuren dem Zuschauer erst mitgeteilt werden, bzw. die Interaktionsbedingungen im Drama konstituieren sich erst über die sprachlichen Handlungen der Figuren. Außerdem treten im Drama bestimmte konventionalisierte gattungstypische Sprechakttypen mit festgelegten dramaturgischen Funktionen auf, wie z.B. das Beiseite-Sprechen (aside), das als Anrede an den Zuschauer per definitionem für die anderen Figuren auf der Bühne nicht hörbar ist, ebenso wie andere Formen des ’lauten Denkens‘, innere Monologe werden laut vorgetragen, etc. Grundsätzlich lassen sich aber sprechakttheoretische Instrumentarien, die ursprünglich für die Analyse ’authentischer‘ Äußerungen (Alltagssprache) entwickelt wurden, mit einigen Modifikationen auch auf dramatische Dialoge anwenden, da die Figurenrede im wesentlichen den gleichen Interaktionsregeln, Glückensbedingungen, etc. unterliegt.

Zum besonderen Charakter poetischer Texte stellen sich nun folgende Fragen: Welchen sekundären Strukturierungsprozessen unterliegt die poetische Gestaltung eines dramatischen Dialogs in Bezug auf die Verwendung unterschiedlicher Sprechakttypen und ihrer Funktion für die ikonische Gestaltung/ Darstellung dessen, was gesagt wird im Verhältnis zu dem, was in der sprachlichen Form gezeigt wird, woraus sich letztendlich die Bedeutung des Textes ergibt.

Systematisch gesehen besteht die Besonderheit der poetischen Gestaltung von Sprache darin, daß das, was gesagt wird, auch auf verschiedenen Ebenen der sprachlichen sekundären Strukturierung gezeigt wird. Solche Ebenen reichen von der phonetischen Gestaltung (Vokal-/ Konsonantenverteilung; Reime) über die Rhythmik (Versmaß, Lesedynamik), die grammatisch-syntaktische Gestaltung u.a bis hin zu makrosegmentalen Ebenen.

In dramatischen Texten, in denen die deiktischen Ordnungsschemata (raum-zeitliche, personale Orientierung) im fiktionalen Text mitgeliefert werden müssen, wird prinzipiell Handlung über sprachliche Akte, in der Regel in Form des Dialogs, manifestiert wird, ist die Analyse der Sprechakte also besonders aufschlußreich für Erkenntnisse darüber, wie das, was von den Figuren gesagt wird, in der Art und Weise, wie sie das tun, abgebildet wird, und wie sich über dieses Verhältnis von Gesagtem und Gezeigtem die eigentliche Bedeutung, Funktion und Wirkung dieser sprachlichen Handlungen offenbart.

1. Theoretischer Teil: Sprechaktklassifikation nach Schmachtenberg (1984)

Zu Analyse des dramatischen Dialogs bediene ich mich der modifizierten Klassifikation von Schmachtenberg (1984). Ohne hier auf Einzelheiten zur Begründung dieser Taxonomie eingehen zu können, werde ich sie im folgenden kurz vorstellen, Schmachtenbergs Untersuchungsmatrix für dramatische Texte skizzieren und die wichtigsten Punkte aus seinem ”Fragenkatalog“ zur Dramenanalyse aufführen, die mir als Orientierung für meine eigenen Untersuchungen dienten[1].

Schmachtenberg übernimmt die wichtigsten Differenzkriterien für Sprechakte von Searle (1972) (vgl. Anhang (1): Übersicht 1) und unterteilt sechs Obergruppen von Sprechakten (vgl. Anhang (1): Übersicht 3), die ich noch einmal in ihrer jeweiligen Charakteristik in Bezug auf die genannten Differenzkriterien aufgeschlüsselt habe (vgl. Anhang (1): Übersicht 2). Ich sehe hier von einer ausführlichen verbalen Beschreibung jeder dieser Sprechakttypen ab, werde aber die für meine Analyse relevanten Sprechakttypen im Zuge der Untersuchung noch detaillierter besprechen. Ich verweise alle, deren Interesse darüber hinaus geht, auf die sehr instruktive Lektüre von Schmachtenberg (1984).

Die Dialoganalyse orientiert sich an der Matrix von Schmachtenberg, der Sprechakttyp, illokutiven Akt und kommunikative Funktion eines Sprechaktes in Beziehung setzt, diese dann in größere Diskurseinheiten wie Sequenzen und thematische Einheiten einordnet. Er geht dabei in fünf Analyseschritten vor (hier als a – e bezeichnet):

a) Zuordnung Sprechakt zu Illokutionstyp
b) Identifizierung der illokutiven Akte
c) Beschreibung der kommunikativen Funktion
d) Beschreibung der Sprechaktsequenz nach Obligationen und Strategien
e) thematische Einheiten

An dieser Stelle ist es notwendig, etwas zur Unterteilung der dramatischen Rede in Sequenzen bestimmter Größe und Hierarchien zu sagen. Ich unterscheide in Anlehnung an Schmachtenberg unterschiedlich große Redeeinheiten, die in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen: Die kleinste diskursive Einheit ist dabei der Sprechakt, also die einzelne sprachliche Handlung, die mit einer bestimmten Äußerung verbunden ist. Dabei orientieren sich Sprechakte nicht an der syntaktischen Einheit des Satzes, d.h. mehrere Sätze können einen Sprechakt bilden, aber es können auch mehrere Sprechakte in einem Satz abgebildet sein. Die nächstgrößere Einheit ist der Redebeitrag (turn), der seine Relevanz vor allem für die Untersuchung von Allokationsmustern hat. Hierarchisch darüber steht die Einteilung der Rede in Sequenzen. Eine Sequenz bezeichnet alle sprachliche Handlungen, die der Verwirklichung eines bestimmten Interaktionszieles zuzurechnen sind. Dabei müssen allerdings in der Analyse Gesamt- und Teilziele noch genauer differenziert werden. Die Analyse der Sequenzen erhält ihre Bedeutung in Hinblick auf die Anwendung und Verwirklichung von Obligationen zum Erreichen bestimmter Interaktionsziele. Dabei ist die Verwendung einzelner Redestrategien in Hinblick auf die gegebenen Handlungsalternativen in einer bestimmten Situation als strategisch günstig oder ungünstig zu werten. Die größte hierarchische Einheit bezeichnet das Thema, das dem jeweiligen Redeabschnitt unterliegt. Die thematische Einheit steht offensichtlich in engem Zusammenhang mit den Interaktionszielen, die die Dialogpartner jeweils verfolgen und ermöglicht Aussagen über kommunikative Dominanzen der Figuren.

Mit Hilfe der o.g. Taxonomie und Analysematrix lassen sich nun direkte und indirekte (Verhältnis von illokutivem Typ zu Kommunikationsfunktion), aufrichtige und unaufrichtige (Einhaltung oder Suspendierung von Sprechaktregeln), illokutive und perlokutive (sprachlich indizierte oder nicht explizit verbalisierte Interaktionsziele, z.B. Täuschungshandlungen), gescheiterte und geglückte Sprechakte unterscheiden. Außerdem erlauben sie Aussagen über die interne Figurencharakterisierung über deren Kommunikationseigenschaften und über die Manifestation von Handlung über sprachliche Akte.

Dieser stark verkürzte Abriß der theoretischen Grundlagen wird, so hoffe ich, genügen, um die folgende Analyse transparent und plausibel zu machen. Grundsätzlich ist zu betonen, daß jeder Analyseschritt schon ein Stück Interpretation ist, d.h. jede vorgenommen Sequenzierung und Klassifizierung ist schon das Ergebnis (m)einer ganz bestimmten Lesart des Textes, die dann durch linguistische Indize glaubhaft belegt werden soll. Insofern bietet auch eine solche linguistische Analyse eines dramatischen Textes Raum für kontroverse Deutungen, für interpretatorische Kritik.

2. Das Textmaterial

2.1 Hintergrund und Zusammenhang

Ich setze die Grundkenntnis des Stückes Amphitryon von Kleist voraus: Jupiter besucht Alkmene in der Gestalt ihres Gemahls Amphitryon und verbringt mit ihr eine Liebesnacht. Als nun der wahre Amphitryon aus der Schlacht heimkehrt, gerät Alkmene in eine tiefe Verwirrung und Verzweiflung darüber, ihrem Mann untreu gewesen zu sein, ohne es zu wissen. Jupiter besucht Alkmene daraufhin ein zweites Mal, um ihr das Geständnis ihrer Liebe zu ihm, dem Gott, abzuringen. Als er das erreicht glaubt, ist sein Triumph aber nur eine Fehlinterpretation von Alkmenes Worten, und Jupiter muß am Ende noch in seiner Offenbarung als Gott seinen Irrtum anerkennen: Alkmene hat immer nur ihren Gemahl und Geliebten, Amphitryon, geliebt, auch wenn ihr Gegenüber der Gott war.

Der ausgewählte Dialogauszug spielt in jener zweiten Nacht mit Jupiter, II. Akt 5. Szene: Jupiter ist Alkmene zum zweiten Mal als Amphitryon erschienen. Er sucht ihre Anerkennung als Gott und Geliebter in der Gestalt Amphitryons, aber im Unterschied zum Gemahl, ohne sich zu offenbaren. Als Zeichen hat er ihr ein Diadem mit einem ’J‘, dem Namenszug Jupiters, statt eines ’A‘s hinterlassen. Er bringt Alkmene dazu, anzuerkennen, daß ein Gott ihr erschienen ist, sogar, daß das eine große Ehre und gleichzeitig Strafe dafür sei, daß sie ihren Gatten vergöttert. Was Jupiter nun noch will, ist Alkmenes Anerkennung nicht nur des Unterschieds zwischen Gemahl und Geliebtem, sondern ihrer Liebe zu ihm, dem Gott, als Geliebtem im Unterschied zum Gemahl: „Auch der Olymp ist öde ohne Liebe./ Was gibt der Erdenvölker Anbetung/ Gestürzt in Staub, der Brust, der lechzenden?/ Er will geliebt sein, nicht ihr Wahn von ihm“ (1520-22)

Jupiter und Alkmene haben folglich ganz unterschiedliche Interaktionsziele: Jupiter will erstens, daß Alkmene anerkennt, daß er, der Gott, ihr erschienen ist, sie ihn dann in der Gestalt Amphitryons als den Geliebten erkennt, den Unterschied zwischen Gatten und Geliebtem (Mensch und Gott) anerkennt und daß sie den Geliebten (Gott) liebt.

Alkmene ringt um die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Wirklichkeit, um Realitätskonstanz: Für sie besteht kein Unterschied zwischen ihrer Wahrnehmung und der Wirklichkeit, so daß Jupiters Verwirrspiel sie schließlich in den Identitätsverlust treibt.

3. Analyseteil: Sprechaktanalyse

Ich werde im praktischen Teil zunächst den gesamten Dialog in Form einer Leseanleitung für die Sprechaktanalyse durchgehen. Ich empfehle dazu, die ”Matrixanalyse“ (Anhang (3), 5.3.2) parallel zu lesen, da dort die notwendigen Details systematisch aufgeführt sind. Die Arbeit ist nicht fest gebunden, so daß der Anhang separat herausgenommen werden kann, was ein Parallellesen erleichtern sollte.

Im zweiten Teil werde ich drei Thesen zur Interpretation der vorgenommenen Analysen vorstellen und exemplarisch am Text belegen.

3.1 Dialoganalyse

Ich werde nun den Dialog Sprechakt für Sprechakt mit Angabe der jeweiligen Zeilen beschreiben in Bezug auf die Beziehungen zwischen Sprechakt, Obligationen und Strategien, Illokutionstyp, kommunikativer Funktion und thematischer Einheit. Auch die vorgenommene Sequenzierung des Dialogs und die Unterteilung in Sprechakte ist das Ergebnis meiner Interpretation, so wie jeder einzelne Analyseschritt einer bestimmten Lesart des Textes geschuldet ist.

[...]


[1] Zu Einzelheiten vgl. Schmachtenberg (1984), Kap. 3; 5; Anhang

Details

Seiten
21
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638266376
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23532
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institu für deutsche Sprache und Literatur
Note
2,3
Schlagworte
Sprechaktanalyse Dialog Heinrich Kleists Amphitryon Linguistische Analyse Texte

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