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Vergleichende Rezension von Michelle Borelli und Karl-Heinz Dickopp

Rezension / Literaturbericht 2002 23 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

Gliederung:

1 Einleitung

2 Die Systematische Pädagogik Karl-Heinz Dickopps
2.1 Einleitung
2.2 Die Zusammenfassung des Kurses
2.2.1 Die anthropologischen Grundlagen der Pädagogik
2.2.2 Die wissenschaftstheoretische Fragestellung der Pädagogik
2.2.3 Die Auseinandersetzung mit den Methoden der Pädagogik
2.2.4 Die Bildung pädagogischer Theorien
2.2.5 Das Projekt einer personal-transzendentalen Pädagogik

3 Die deutsche Gegenwartspädagogik von Michele Borelli
3.1 Einleitung
3.2.1 Die Zusammenfassung des Buches
3.2.1 Über die Unerlässlichkeit der Bildung
3.2.2 Bildung und Freiheit
3.2.3 Systematische Pädagogik – Die Pädagogik und ihre wissenschaftliche Begründung
3.2.4 Hermeneutisch-didaktische Rekonstruktion interkultureller Pädagogik
3.2.5 Empirische Erziehungswissenschaften und andere Erziehungstheorien: Differenzen und Verständigungsmöglickeiten
3.2.6 Wie ist Theoriebildung für politische Didaktik möglich?
3.2.7 Schulreform und praktisches Lernen
3.2.8 Anmerkungen über Erziehung – Bausteine einer Erziehungstheorie
3.2.9 Bildungsperspektiven – Grundzüge internationaler Erziehung
3.2.10 Vorüberlegungen zu einer künftigen Ethik für Pädagogen
3.2.11 Empiristische-utilitaristische Pädagogik
3.2.12 Pädagogik der Kommunikation
3.2.13 Konturen einer geschichtsmaterialistischen Kritik der Erziehung

4 Vergleichende Rezension
4.1 Der Einblick in eine wissenschaftliche Position der Pädagogik
4.2 Der Überblick über verschiedene Richtungen der Pädagogik
4.3 Resümee

1 Einleitung

Vielen Studienanfängern bereitet der Einstieg in die Systematische Pädagogik große Schwierigkeiten. Reduzieren lässt sich dies nur durch die richtige Auswahl des Einstiegskurses, die von den Mitarbeitern des entsprechenden Lehrgebiets getroffen wird. Ein Vergleich von Büchern kann helfen, zu entscheiden, welches Buch dem Student den Einstieg in dieses Gebiet der Erziehungswissenschaft besser ermöglicht. In dieser Hausarbeit sollen zwei Bücher miteinander verglichen werden, „Systematische Pädagogik I“ von Karl-Heinz Dickopp und „Deutsche Gegenwartspädagogik I“ von Michele Borelli. Beide Autoren haben verschiedene Wege gefunden, dieses Thema zu bearbeiten. Dickopp konstruiert in seinem Buch seinen Ansatz der Systematischen Pädagogik, nämlich die Personal-transzendentale Pädagogik. Borelli dagegen vertieft sich in seinem Werk nicht in eine Richtung, sondern nimmt verschiedene Autoren mit unterschiedlichen Ansätzen auf, um dem Leser einen Überblick über die Systematische Pädagogik zu geben. Im folgenden soll nun nach einer Zusammenfassung beider Bücher eine vergleichende Rezension Aufschluss darüber geben, in welchem Buch der studentische Anfänger besser in die pädagogische Theoriebildung eingeführt wird beziehungsweise inwieweit beide Werke diese Aufgabe erfüllen.

2 Die Systematische Pädagogik Karl-Heinz Dickopps

2.1 Einleitung

Der Mensch wird als biologisches Wesen geboren und muss erst zum kulturellen gesellschaftlichen Wesen erzogen werden. Durch die richtige Erziehung wird der Mensch zum selbständigen Denken angeregt und in die Lage versetzt moralisch vertretbar zu urteilen (vgl. Dickopp 1997, S.177; Anmerkung: Die folgenden Seitenzahlen beziehen sich alle auf das gleiche Werk.). Dies ist die Begründung von Bildung und Erziehung bei Karl-Heinz Dickopp und kann laut ihm nur durch eine personal-transzendentale Pädagogik erreicht werden. Auf diese Theorie der Erziehung arbeitet er in seinem Kurs „Systematische Pädagogik I“ hin. Er konstruiert diesen Ansatz schrittweise, so dass der Leser die Möglichkeit hat sich in diesen Gedankenvorgang hineinzufinden. Dickopp regt in den vielen Graphiken und Reflexionsanregungen zum Nachdenken über das bereits Gelesene an und gibt so dem Einzelnen die Chance zur Reflexion. Im ersten Kapitel gibt Dickopp einen Überblick über seinen Kurs und klärt grundlegende Begrifflichkeiten, so wie den Gegenstandsbereich der Pädagogik.

2.2 Die Zusammenfassung des Kurses

2.2.1 Die anthropologischen Grundlagen der Pädagogik

Die „Anthropologie thematisiert das Menschliche“ (S.5), das sowohl einen konstitutiven, als auch konstruktiven Bezug aufweist, denn Erziehung und Bildung sind für die Menschwerdung genauso notwendig, wie die körperliche und kulturellen Entwicklung. Die Anthropologie muss also unbedingt in die Pädagogik mit einbezogen werden, denn je nachdem welcher Ansatz gewählt wird, richtet sich die Pädagogik in eine andere Richtung. Der Mensch kann erst durch seine Mitmenschen und die Erziehung zum Menschen werden und das Ziel der Pädagogik, zu einer autonomen Persönlichkeit zu werden, erreichen (S.5). Autonomie wird auch dadurch gekennzeichnet, dass man die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu erziehen. Dafür bedarf es aber, laut Kant, einer gründlichen Vorbereitungszeit, die beispielsweise der Erzieher geschickt gestalten. Er sollte immer die Balance zwischen Einfluss und Selbsterziehung finden, um sein Einwirken auf den Entwicklungs- und Konstitutionsprozess ethisch vertretbar zu machen. Das Ziel seiner Erziehung muss die Autonomie und Selbstermächtigung sein. Um dieses Ziel zu erreichen, können drei unterschiedliche Modelle der Erziehung eingesetzt werden. Das einfachste ist es, unveränderliche Werte in die Erziehungswirklichkeit zu übernehmen, wie dies in Waldorfschulen oder islamischen Schulen praktiziert wird. Die geisteswissenschaftliche Pädagogik nimmt Normen und Werte der Gesellschaft, die den Kinder anerzogen werden und sich so wieder auf die Gesellschaft auswirken. Eine weitere Methode ist es zu diesen gesellschaftlichen Werten auch noch transzendentale dazu zu nehmen. Der Freiheitscharackter des Menschen kann beispielsweise so ein transzendentaler Wert sein. Dickopp legt besonders großen Wert darauf, dass vor aller Erfahrung bereits Kriterien vorhanden sein müssen, die als Richtlinien für ein konkretes Verhalten dienen sollen. Diese apriorischen Werte müssen für ihn unbedingt in den Erziehungsprozess mit einbezogen werden. Dickopp bezeichnet dies als das Gesollte, welches in der Bildung vom Denkenden thematisiert wird (S.72). Dieser schafft die Theorie, die ideale Wirklichkeit, die der Erziehungspraxis als Orientierung dienen soll. Sie ist ein anschaulich machen dessen, was sinnlich nicht erfassbar ist (S.51). Aus diesem Grund sind Theorien keine Gegebenheiten, sondern Gedankenkonstrukte, die reflexiv vermittelt worden sind. Die Ordnungszusammenhänge werden also vom Denkenden in der Bildung selbst produziert. Maßgebende Basis ist hier die Sicht des Menschlichen des einzelnen, danach richtet sich dann auch die konkrete Pädagogik. Es gibt keine beständige, historisch unveränderliche und für alle Menschen gleichermaßen gültige Theorie, denn gegebene soziale, wirtschaftliche und schulische Verhältnisse sollen zum Gegenstand der Frage nach Besserung und Selbstermächtigung der menschlichen Position des einzelnen gemacht werden und diese sind bei jedem Menschen verschieden. Doch die universalistische Anthropologie geht davon aus, „dass es jenseits aller menschlichen Unterschiedlichkeiten etwas gibt, das für alle Menschen in gleicher Weise zutreffend ist und damit auch für jeden einzelnen Geltung hat“ (S.126). Es gibt also Aussagen, die sowohl allgemeine wie individuelle Bedeutung haben. Aus diesem Grund fordert Dickopp, dass so eine universalistische Anthropologie ein Konstruktionsrahmen für pädagogische Theorien sein muss.

Bildung hat jetzt also die Aufgabe, die notwendigen Güter und Werte für den Erzieher transferierbar und vollziehbar zu machen, so dass dieser sie auf die jeweilige Erziehungswirklichkeit anwenden kann. Beispielsweise muss das theoretische pädagogische Wissen im Unterricht für den Lehrer verwertbar sein, so dass Sinn und Zusammenhänge für sein Tun deutlich werden. Die Erziehung lässt sich als, die Bildung realisierendes Handeln im Individuellen verstehen. Hier werden Absichten und Zielsetzungen realisiert, die in der Bildung heraus gearbeitet wurden, das heißt Bildung ist notwendig, dass Erziehung stattfinden kann. Auf der anderen Seite ist Bildung nur sinnvoll, wenn sie in der Erziehung auch umgesetzt werden kann. Erziehungstheorie ist Handlungstheorie.

2.2.2 Die wissenschaftstheoretische Fragestellung der Pädagogik

Die wissenschaftstheoretische Fragestellung ist der zweite Bereich, der von Dickopp in dem Kurs aufgegriffen wird. Die Pädagogik bedient sich notwendiger Hilfswissenschaften, wie Psychologie, Biologie , Theologie oder Soziologie, um sich als Wissenschaft legitimieren zu können. Vor allem die Philosophie, die den Menschen aus anthropologischer Sicht im Ganzen betrachtet, fließt stark in die Erziehungswissenschaft mit ein. Allerdings beschränkt sich die pädagogische Anthropologie auf das Menschliche, das durch Erziehung und Bildung hervorgebracht wird, bezieht sich also immer auf das Handeln des Erziehers. Bei der Gestaltung dieses Handelns spielen Reflexionsprozesse eine entscheidende Rolle. Diese Bildungsphilosophie, die sich auf die Erziehungspraxis bezieht, ist von prinzipieller Natur, das heißt sie orientiert sich an den Leitlinien des allgemeinen Menschen. Dieses Verständnis des Menschen wird geprägt durch theologische, religiöse und weltanschauliche Zusammenhänge und hat eine unmittelbare Auswirkung auf die Bildungsvorstellungen. Unter dieser Einbeziehung philosophischer und theologischer Gedankengänge ist es Aufgabe der Pädagogik die Individualität und Besonderheit des Menschen hervorzuheben. Das hat zur Folge, dass pädagogisches Handeln immer ein indirektes Handeln sein muss, denn das Ziel bleibt die Autonomie und Mündigkeit des Heranwachsenden, was bedeutet, dass die Förderung des Selbsterziehungsprozesses im Mittelpunkt stehen muss.

Die Pädagogik lässt sich weder zu den Naturwissenschaften zuordnen, deren Basis im Kausalgesetz festgelegt ist und messbaren Methoden unterliegt, noch zu den Prinzipienwissenschaften, deren Grundlagen im transzendentalen liegen und bei denen es um die Aspekte geht, dass es hinter allem Seienden noch etwas anderes Seiendes gibt. Platon beispielsweise meint damit, dass hinter jedem konkret Gutem auch die Idee des Guten steht. Diese Idee ist apriorische Bedingung des Erkennens, sie liegt also vor unserer Erfahrung. Die Pädagogik gehört zu einem neuen Wissenschaftsbereich, der im 19. Jahrhundert entstanden ist, zu den Geisteswissenschaften, die sowohl kulturelle Traditionen als auch gesellschaftliche Situationen mit einschließt (S.13). Die Werte werden hier mit Hilfe der Hermeneutik erschlossen, die sowohl naturwissenschaftliche als auch prinzipienwissenschaftliche Methoden beinhaltet.

2.2.3 Die Auseinandersetzung mit den Methoden der Pädagogik

Bevor Dickopp den Begriff der Hermeneutik näher beleuchtet, werden erst die drei anderen methodischen Grundformen der Pädagogik, Deduktion, Induktion und Dialektik, geklärt. Die Methoden gibt den Weg an und bedeutet für den Pädagogen planvolles, zielgerichtetes, verfahrensmäßiges geregeltes Vorgehen beim Denken und Handeln über und für Erziehung (S.95). Die Deduktion ist typisch für Prinzipienwissenschaften. In ihr wird das Besondere vom Allgemeinen hergeleitet, wodurch es dann seine normative Legitimation bekommt. Durch Kant wurde die transzendentale Deduktion in die Philosophie eingeführt, bei der die den Ableitungsverfahren selbst zu Grunde liegenden generellen, apriorischen Formen des Anschauens und Denkens reflektiert werden. Das induktive Verfahren zielt auf eine Verallgemeinerung indem es das Konkrete analysiert und interpretiert. Dazu sind eine Vielzahl an beobachteter Einzelfälle nötig. Da aber in der Regel nicht alle Fälle berücksichtigt werden können, handelt es sich um unvollständige Induktionen, die aber eine gewisse Wahrscheinlichkeiten ausdrücken. Die Dialektik ist die Verschränkung von Induktion und Deduktion und somit der Zusammenhang der Gegensätze. Nach dem eine These und eine Antithese aufgestellt worden sind, werden sie in der Synthese zusammengefasst. Das Besondere und das Allgemeine existieren hier also zwischen Spannung und Einheit nebeneinander.

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Details

Seiten
23
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638268516
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23812
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Pädagogisches Institut
Note
bestanden
Schlagworte
Vergleichende Rezension Michelle Borelli Karl-Heinz Dickopp

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