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Konvergenz und Strukturwandel in Ostdeutschland

Seminararbeit 2004 40 Seiten

VWL - Makroökonomie, allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einführung
1.1 Problemstellung
1.2 Vorgehensweise

2 Begriff der Konvergenz

3 Beobachtete Grundtendenzen der Anpassung zwischen Ost- und Westdeutschland
3.1 Pro-Kopf-Einkommen
3.2 Arbeitsproduktivität
3.3 Löhne und Arbeitsmarkt
3.4 Transfers und Verschuldung
3.5 Investitionen

4 Wachstumstheoretische Zusammenhänge: ein endogenes Zwei-Regionen- Wachtumsmodell (Funke/Strulik, 2000)
4.1 Das Modell
4.2 Implikationen für die Entwicklung Ostdeutschlands
4.3 Ergänzungen: Aufhebung des vollkommenen Marktes

5 Stellungnahme des SVR

6 Schlussbetrachtung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Symbolverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

1.1 Problemstellung

Die vorliegende Seminararbeit soll Aufklärung leisten, ob und inwiefern sich der Osten Deutsch- lands seit dem Mauerfall am 09. November 1989, der Übernahme des Rechts-, Wirtschafts- und Sozialsystems ab Mai 1990 und der Vereinheitlichung der Währung am 01. Juli 1990, dem Westen ökonomisch angenähert hat und - wenn es hierfür Evidenz gibt - wie schnell sich der Anpassungs- prozess (Konvergenz) vollzieht. Es wird hierbei von einem sich auf die mögliche Angleichung auswirkender Strukturwandel seit der Wende als notwendige Voraussetzung ausgegangen, da ein solcher mit jedem Wachstumsprozess verbundenen ist.1 Ferner soll untersucht werden, welche Rolle dem Staat als Anbieter produktiver Leistungen in der Zeit nach der „unblutigen Revolution“ im Jahre 1989, die die ehemalige DDR und die alten Bundesländer Deutschlands zu einem gemein- samen Wirtschaftraum werden ließ, zukommt. Da hierbei zwei Regionen ein und desselben Landes betrachtet werden, entfällt eine Berücksichtigung von Ausgleichsmechanismen durch Wechselkurs- reaktionen. Außerdem werden Mobilitätshemmnisse, die bei der Betrachtung isolierter Volkswirt- schaften durch rechtspolitische Reglementierungen zum Tragen kommen, sowie internationale Kapitalbewegungen nicht explizit berücksichtigt.

1.2 Vorgehensweise

Zunächst soll im zweiten Teil geklärt werden, was im Sinne der darauf folgenden Ausführungen unter Konvergenz zu verstehen ist. Anschließend wird im dritten Teil auf Basis empirischer Daten retrospektiv auf die Entwicklung Ostdeutschlands in der vergangenen Dekade eingegangen. Da es sich bei Konvergenz um einen langfristigen Prozess handelt, wird im dritten Teil weniger Wert auf eine tagesgenaue Aktualität sowie absolute Präzision der Daten (zumal sich volkswirtschaftliche Daten oftmals auf Schätzungen beziehen) gelegt. Vielmehr sollen im Rahmen dieses ausschließlich deskriptiven Teils ex-post Grundtendenzen herausgearbeitet werden. Hiervon ausgehend werden im fünften Teil - im Anschluss an die im vierten Teil vorgestellten modelltheoretischen Konzepte und Untersuchungen - eine Beurteilung der bisherigen Entwicklung sowie eine nach vorne gerichtete Betrachtung des Anpassungsprozesses in Anlehnung an die Ausführungen des SVR vorgenommen. Im sechsten Teil folgt dann eine Schlussbetrachtung.

2 Begriff der Konvergenz

Konvergenz kann als eine Annäherung einer Volkswirtschaft an sein langfristiges Steady-State- Wachstum, d.h. - theoretisch gesprochen - an einen Zustand in dem alle Variablen mit einer konstanten (zeitinvarianten) Wachstumsrate wachsen, definiert werden.2 Allerdings macht es vor dem Hintergrund eines - zwar durch die Wiedervereinigung geschaffenen gemeinsamen (einzigen), durch die noch vor 13 Jahren grundverschiedenen Wirtschaftsordnungen dieser beiden Regionen jedoch von wesentlichen beobachtbaren Unterschieden ökonomischer Größen geprägten - Wirt- schaftsraums Gesamtdeutschland durchaus Sinn, der Frage nach raumwirtschaftlicher Konvergenz nachzugehen. Anders gesagt, wird in dieser Arbeit der Begriff als eine interregionale Angleichung relevanter wirtschaftlicher Größen in einem Zwei-Regionen-Modell verstanden, in dem eine ärmere und eine reichere Region hin zu einem gemeinsamen Wachstumspfad konvergieren - oder eben nicht.3 Geht man davon aus, dass sich die Ökonomien, die diese beiden Regionen darstellen, in ihren Pro-Kopf-Charakteristika bis auf das (die) anfängliche Einkommen (bzw. Kapitalausstattung) pro Kopf gleichen, müsste in einer neoklassischen Welt4 (insbesondere auf Grund abnehmender Grenzerträge des Kapitals) Konvergenz in diesem Sinne zu beobachten sein, da dann die ärmere Region schneller wächst als die Reichere - und sie letztlich einholt (absolute β -Konvergenz).5 Anders gesagt handelt es sich bei absoluter β -Konvergenz um die Abnahme interregionaler Wachstumsratenabstände. Bei inhomogenen Regionen müssen die Effekte unterschiedlicher Stea- dy-State-Werte berücksichtigt werden. Werden also weitere (Kontroll-)Variablen außer dem an- fänglichen Pro-Kopf-Einkommen(-Kapitalbestand), wie z.B. Sparquoten oder Bildungsstände ein- bezogen und besteht hierbei ebenfalls negative Korrelation zwischen Wachstumsrate und Ausgang- position (die unterentwickelte Region wächst schneller als die höher Entwickelte), so spricht man von bedingter β -Konvergenz, wobei jede Region zu seinem eigenen Steady-State konvergiert. In dieser Arbeit wird allerdings von absoluter β -Konvergenz ausgegangen. Betrachtet man Streuun- gen, z.B. die der logarithmierten Pro-Kopf-Einkommen zwischen den Ökonomien, so handelt es sich um σ -Konvergenz bzw. -Divergenz, allerdings herrschen hierbei verschiedene Meinungen, worauf sich σ -Konvergenz bezieht: eine im Zeitablauf fallende Streuung (der Pro-Kopf- Einkommen) oder die Konvergenz der Streuung (der Pro-Kopf-Einkommen) gegen einen Steady- State-Wert. Versteht man unter σ -Konvergenz Konvergenz der Streuung gegen einen Steady- State-Wert, ist β -Konvergenz äquivalent mit σ -Konvergenz. Gem. der eingangs genannten Definition von Konvergenz, wäre die zweite Auffassung von σ -Konvergenz korrekt, jedoch - und hieran schließen sich die folgenden Ausführungen an - überwiegt in der Literatur erstere. Diese Festlegung hat zur Konsequenz, dass β -Konvergenz notwendig, aber nicht hinreichend für σ - Konvergenz im Sinne dieser Arbeit ist.6

3 Beobachtete Grundtendenzen der Anpassung zwischen Ost- und West deutschland

Trotz der umstrittenen wirtschaftlichen Lage Ostdeutschlands zum Zeitpunkt der Wiedervereini- gung auf Grund gefälschter Statistiken,7 kann zunächst festgehalten werden, dass Ost- und West- deutschland zu Zeiten der DDR zwischen 1950 und 1989 stark divergierten,8 was für Ostdeutsch- land grundsätzlich eine schlechte Ausgangslage nach der Wiedervereinigung darstellte. Während des Zeitraums zwischen 1950 und 1989 wurden kaum (Ersatz-)Investitionen getätigt, da ein großer Teil des Volkseinkommens „verkonsumiert“ wurde.9 Dieser nachhaltige Abbau der Substanz der Standortes DDR wurde bis heute nicht kompensiert und die neuen Bundesländer sind - dies sei vorweggenommen - auch weiterhin auf Transferzahlungen aus dem Westen angewiesen,10 auch wenn bis zum Jahre 1998 bereits etwa 502 Mrd. DM (257 Mrd. Euro) in Preisen von 1995 für Net- to-Ausrüstungsinvestitionen11 nach Ostdeutschland flossen, was etwa einem heutigen Bruttoin- landsprodukt Ostdeutschlands entspricht und damit den zur Wende nahezu vollständig entwerteten ostdeutschen Kapitalbestand stark ausweitete bzw. erneuerte.12 Nach dem wirtschaftlichem Zu- sammenbruch in Folge der Wende in Verbindung mit einer Produktionssenkung um zwei Drittel innerhalb von eineinhalb Jahren,13 die durch einen Nachfrageschock nach ostdeutschen Gütern ausgelöst wurde, schien die Konvergenzgeschwindigkeit anfangs die ohnehin als sehr hoch Prog- nostizierte zu übertreffen und wurde als „weltweit einmalig“14 bezeichnet, allerdings resultierte die hiermit einhergehende Erhöhung des Lebensstandards (gemessen an Konsumausgaben) der ostdeut- schen Bevölkerung nicht aus allgemeinen Produktivitätssteigerungen, sondern aus den enormen Transferzahlungen aus dem Westen.15 Insgesamt betrugen die Transfers etwa 1,2 Billionen DM (613,5 Mrd. Euro) bis zum Jahre 1999.16 Weiterhin geriet der Konvergenzprozess trotz aller opti- mistischen Prognosen in den letzten Jahren ins Stocken.17 Generell kann der beobachtete Entwick- lungsprozess Ostdeutschlands in zwei Phasen eingeteilt werden. Die hier vorgenommene zeitliche Zerlegung der letzten Dekade ergibt sich aus der Tatsache, dass es insgesamt einen Bruch („Wach- tumsdelle“) bezüglich der Entwicklung relevanter Schlüsselgrößen gab - und zwar etwa 1996. Es wird daher im Folgenden von Phase I und Phase II gesprochen, womit dann die Jahre 1991 bis 1996 bzw. 1997 bis heute gemeint sind.18

3.1 Pro-Kopf-Einkommen

Die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens19 soll zunächst an Hand der von IWH et al.20 ermit- telten Variationskoeffizienten der Pro-Kopf-Einkommen aller in einer Untersuchung einbezogenen 439 Kreise21 Ost- und Westdeutschlands für die Jahre 1992 bis 2000 beschrieben werden: innerhalb der Phase I verringerten sich diese von über 48 auf 41 % bei einem Anstieg des mittleren ostdeut- schen Pro-Kopf-Einkommens (Mittelwert über 112 ostdeutsche Kreise) von 50 auf 70 % des ge- samtdeutschen Durchschnitts und gleichzeitiger Verringerung des durchschnittlichen Pro-Kopf- Einkommens in Westdeutschland (Mittelwert über 327 Kreise) von 117 % auf 110 % des gesamt- deutschen Durchschnitts innerhalb dieses Zeitraumes. Da sich die Streuungen der gesamtdeutschen Pro-Kopf-Einkommen also verringerten und dies offensichtlich aus einem Anstieg der Pro-Kopf- Einkommen in den neuen Bundesländern bzw. aus einer Verringerung der Pro-Kopf-Einkommen in den alten Bundesländern resultiert, deutet dies - trotz leicht abnehmender bzw. steigender Variati- onskoeffizienten innerhalb der beiden Regionen - auf Konvergenz im Sinne fallender Streuungen der Pro-Kopf-Einkommen zwischen den beiden Regionen in Phase I hin (σ -Konvergenz), wohin- gegen das Gegenteil in Phase II zu beobachten war. Bis zum Jahre 2000 erhöhte sich der Variati- onskoeffizient wieder auf rund 45 % begleitet von einem Abfall des mittleren ostdeutschen Pro- Kopf-Einkommens auf 67 % und einem Anstieg des mittleren westdeutschen Pro-Kopf- Einkommens auf 113 % im Verhältnis zum gesamtdeutschen Durchschnitt. Dies lässt sich als Di- vergenz zwischen den Regionen beschreiben. Fraglich ist, ob die Entwicklung Ostdeutschlands auf eine das Pro-Kopf-Einkommen erhöhende (verringernde) Abnahme (Zunahme) der Bevölkerung auf Grund natürlicher Ursachen bzw. Zu-/Abwanderungen oder auf eine tatsächliche Expansion zurückzuführen ist. IWH et al. untersuchten sowohl den Zusammenhang zwischen Veränderung der Bevölkerung und der Einkommensentwicklung sowohl an Hand der pauschalen Veränderungsrate der Bevölkerung als auch auf Basis der Zu-/Abwanderungsrate von 1996 bis 2000.22 Dabei ergab sich, dass die Regionen,23 die eine Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens verzeichnen konnten, diese durch Bevölkerungsrückgang bzw. durch negative Netto-Zuwanderung erreichten. Überwie- gend war in den Regionen allerdings ein Absinken der Pro-Kopf-Einkommen bei rückläufiger Bevölkerung zu beobachten. Die Betrachtung der relativen Niveaus der Pro-Kopf-Einkommen in Ostdeutschland als Indikator für regionales Einkommen stützt diese Darstellung der Entwicklung. 1991 lag das Pro-Kopf-Einkommen lediglich bei rund 40 % des westdeutschen Niveaus,24 seitdem wies das ostdeutsche BIP in Phase I hohe reale Wachstumsraten (im Mittel etwa 8 % p.a. ohne Berlin) auf. So wurde am Anfang der Phase II etwa 61 % des Pro-Kopf-Einkommens Westdeutsch- lands erreicht, was einer Schließung der Anfänglichen Lücke innerhalb dieser halben Dekade um 35 % entspricht ( β -Konvergenz). Vergleicht man diese Entwicklung mit der von Barro/Sala-i-Martin empirisch auf Basis längerfristiger Länderdatenreihen für (die homogenen Volkswirtschaften inner- halb von) Japan, USA bzw. Europa per Regression ermittelte Konvergenzgeschwindigkeit von 2 - 3 Prozent pro Jahr ( β ≈ 2 ) und der sich daraus ergebenden Halbwertszeit von 25 - 35 Jahren für diese Länder, (d.h. die Hälfte der anfänglichen Pro-Kopf-Einkommens-Lücke müsste sich in diesem Zeitraum schließen),25 ist es nicht verwunderlich, dass man anfangs beim Aufholprozess Ost- deutschlands an ein zweites „Wirtschaftswunder“ glaubte. Allerdings kam es zu Anfang der Phase II zu einer „Wachstumsdelle“, ohne die eine bereits im Jahre 1996 durchgeführte Simulationsrech- nung eine vollständige ( β -)Konvergenz der (nominalen) Pro-Kopf-Einkommen bis zum Jahre 2047 ergab.26 Das ostdeutsche BIP wuchs von da an im Durchschnitt (ohne Berlin) lediglich um etwa 0,8 % p.a., im Westen (ohne Berlin) hingegen um knapp 1,7 % p.a.,27 wobei die Wachstumsrate des ostdeutschen BIP 1998 erstmals seit 1991 niedriger als im Westen Deutschlands lag.28 Die Entwick- lung der BIP-Wachstumsraten der beiden Regionen zeigt die folgende Grafik:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Wachstumsraten des BIP in Ost- und Westdeutschland in Preisen von 199529

3.2 Arbeitsproduktivität

Abgesehen von den Verzerrungen, die sich beispielsweise aus der ungenauen räumlichen Zu- rechnung des30 produzierten Einkommens auf die Erwerbstätigen auf Grund von Pendlern ergaben, wies die durchschnittliche Arbeitsproduktivität eine ähnliche Entwicklung wie die des Pro-Kopf- Einkommens auf.31 Das bedeutet, dass in Phase I - neben der Tatsache, dass die Variationskoeffi- zienten der Arbeitsproduktivität (bei insgesamt geringeren Streuungen der Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Pro-Kopf-Einkommen in beiden Regionen) innerhalb Ostdeutschlands in dieser Phase abnahmen bzw. die in Westdeutschland zunahmen - Konvergenz zwischen den beiden Regi- onen hinsichtlich der Streuungen zu beobachten war; die Variationskoeffizienten über alle 439 Kreise fielen bei steigenden Mittelwerten in Ostdeutschland (von rund 58 auf 77 %) und fallenden Mittelwerten in Westdeutschland (von 114 auf 108 %) in Bezug auf die gesamtdeutsche mittlere Arbeitsproduktivität von 30 auf knapp 19 %. In Phase II stiegen die Variationskoeffizienten aller Kreise lediglich marginal an und auch die Mittelwerte beider Regionen blieben im Verhältnis zum gesamtdeutschen Durchschnitt nahezu konstant, mithin divergierte die Arbeitsproduktivität im Vergleich zum Pro-Kopf-Einkommen in Phase II wesentlich schwächer, allerdings ergab sich auch für die kreisfreien Städte, bei denen das Pro-Kopf-Einkommen insgesamt näher an den höheren Werten Westdeutschlands lag, wie auch für die übrigen Kreise, dass es bei den Arbeitsproduktivitä- ten in beiden Phasen kaum Überschneidungsbereiche zwischen Ost- und Westdeutschland gab. Auch hierbei ist es sinnvoll - wenn nicht sogar sinnvoller als bei den Pro-Kopf-Einkommen - der Frage nach dem Zusammenhang zwischen der Veränderung der Bezugsgröße (Erwerbstätige) und Veränderung der Arbeitsproduktivität nachzugehen. Den Untersuchungen des IWH et al. zufolge konnte nur eine Region (Südthüringen) bei steigender Zahl Erwerbstätiger die Arbeitsproduktivität im Zeitraum von 1996 bis 2000 steigern. Eine Region (Havelland-Fläming) konnte zwar die Be schäftigung, die Arbeitsproduktivität jedoch nicht ausweiten. Bei der Mehrheit der ostdeutschen Regionen wurde in diesem Zeitraum allerdings Beschäftigungsabbau festgestellt, wobei es entweder zu einer Steigerung der Arbeitsproduktivität auf Grund kapitalintensiver Produktion in diesen Regi- onen kam, oder - hierunter fielen auch die hinsichtlich der Arbeitsproduktivität ohnehin am schlechtesten entwickelten Regionen (Vorpommern, Oberlausitz-Niederschlesien) - ein Rückgang der Arbeitsproduktivität konnte trotz Beschäftigungsabbau nicht verhindert werden.32 Der ausglei- chende Effekt dieser beiden Gruppen dürfte auch als Grund für die nur schwache Divergenz zu sehen sein. Insgesamt besteht also nach wie vor eine Produktivitätslücke zwischen Ost- und West- deutschland, was in den frühen 90er Jahren, insbesondere auf den die neuen technischen Anforde- rungen nicht erfüllenden Kapitalstock33 und über den betrachten Zeitraum hinweg u.a. auf divergie- rende Wirtschafts- und Unternehmensgrößenstrukturen, sowie mangelnde Spezialisierung34 ost- deutscher Unternehmen auf Grund unterentwickelte Netzwerke (was auch aus unzureichender Verkehrsinfrastruktur resultieren dürfte, vgl. Teil 3.4, S. X) und letztlich auf die zu geringe Kapital- intensität/-produktivität zurückgeführt werden kann.35 Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung der Arbeitproduktivität,36 in der der schnelle Aufholprozess in Phase I und die seit Mitte der 90er Jahre gegenüber dem Pro-Kopf-Einkommen lediglich geringfügig höhere aber dennoch nahezu stagnierende Angleichung verdeutlicht wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Entwicklung der Arbeitproduktivität im Vergleich zu Westdeutschland in Preisen von 199537

3.3 Löhne und Arbeitsmarkt

Mit Übernahme des Sozialsystems Westdeutschlands bildeten sich im Osten als Folge gleichzei- tig faktische Mindestlöhne, die gem. der Entlohnung der Arbeit im Osten gemessen an der durch- schnittlichen Arbeitsproduktivität zu hoch waren und es immer noch sind (Lohn- Produktivitätslücke), auch wenn das Lohnniveau in Ostdeutschland - bei um 10,5 % höheren Lohn- stückkosten im Jahre 2001 - auch heute noch geringer als im Westen ist.38 Gefördert wurde der Anstieg der Löhne um 114 % einschließlich Berlin von 1991 bis 1999 (wovon 87 % bereits in der Phase I erreicht wurden) und von ursprünglich einem Drittel auf bereits drei Viertel des westlichen Niveaus im Jahre 199639 außerdem durch die mit der Einführung des westdeutschen Rechtssystems unmittelbar nach Mauerfall geführten Tarifverhandlungen, bei denen vornehmlich westdeutsche Gewerkschaften Löhne für Betriebe und Branchen auf westlichem Niveau durchsetzten (bei tenden- ziell höheren Löhnen, die in den Geltungsbereich eines Flächentarifvertrages fielen), was der von da an dem gesamtdeutschen und internationalen Wettbewerb ausgesetzten ostdeutschen Wirtschaft einen erheblichen Wettbewerbsnachteil einbrachte - auch wenn deren negative Wirkung auf die Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Unternehmen durch Produktivitätssteigerungen in Phase I kompensiert werden konnte.40 Die zu schnelle Angleichung der Ostlöhne an das westliche Niveau resultierte nicht zuletzt auch aus (zu optimistischen) Erwartungen an die Steigerung der Produktivi- tät innerhalb kürzester Zeit nach der Wiedervereinigung. Die Schließung der Lohn- Produktivitätslücke zwischen Ost und West vollzog sich - begeleitet von starken Streuungen zwi- schen Branchen sowie Unternehmen - bislang schleppend. Sie betrug noch 23 % in Phase II.41 Hierin ist auch ein Hauptproblem zu sehen, denn es wird nur Investiert, wo Gewinne erwartet wer- den (zur Investitionsentwicklung vgl. Teil 3.5, S. 10 f.). Der sich vor allem hieraus ergebende und durch das Auslaufen der Vereinbarungen mit der während des Übergangszeitraums bis 1995 für die Restrukturierung und Privatisierung eingesetzte Treuhandanstalt legitimierte Beschäftigungsabbau insbesondere in den größeren, vor dem Mauerfall bereits bestehenden Betrieben - führte in den neuen Bundesländern zu erhöhter Arbeitslosigkeit, so dass die Anzahl der Arbeitslosen von etwa 0,9 Mio. (1991) auf ca. 1,35 Mio. Personen anstieg42 und die Arbeitslosenquote (AQ, Anteil der registrierten Arbeitslosen an der Zahl der Erwerbspersonen43 ) von 14,4 % (1992) auf 18 % (2002) stieg und sich damit zwar im Verhältnis zur AQ in Westdeutschland - diese stieg im selben Zeit- raum von 5,7 auf 7,9 % - verbesserte, aber weiterhin mehr als doppelt so hoch ist.44 Mithin beträgt das aktuelle Erwerbstätigen-Arbeitsplatz-Verhältnis nur 632 ‰ (im Westen: 717‰). Diese Entwicklung muss noch kritischer gesehen werden, wenn zusätzlich die Unternehmensdichte Ost- deutschlands im Vergleich zu Westdeutschland betrachtet wird, da diese im Jahre 2001 nur etwa 79 % bei durchschnittlich deutlich weniger Angestellten betrug. Hinsichtlich der 1991 noch erheblich von Kurzarbeit geprägten verdeckten Arbeitslosigkeit (Kurzarbeit, Arbeitsbeschaffungs- / Strukturanpassungs-maßnahmen, Weiterbildung etc.) konnte ein fallender Trend von rund 2 Mio. zu Beginn der Phase I auf 0,66 Mio. Personen in 2002 - in den letzten Jahren auf Grund der Rück- führung von Arbeitsbeschaffungs-/Strukturanpassungsmaßnahmen - beobachtet werden.45 Diese „Fortschritte“ dürfen jedoch nicht überbewertet werden, da in Ostdeutschland das verbesserte AQ- Verhältnis und der rückläufige Trend der verdeckten Arbeitslosigkeit mit einem Absinken der Erwerbspersonenzahl einherging (diese sank von 8,4 Mio. (1992) auf 7,6 Mio. (2001)). Hierfür war eine Bevölkerungsabnahme von 1989 bis 2001 um knapp 8 % auf Grund gefallener Geburtenraten und positiver Ost-West-Migrationssalden maßgebend - wodurch auch die Erwerbsquote sank. Hiervon begleitet stellte sich vermehrte Humankapitalflucht, insbesondere im Hinblick auf junge Personen ein, wodurch auch das durch die anfängliche Entwertung des Humankapitals ausgelöste Missmatch-Problem (Struktur-Arbeitslosigkeit, d.h. Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt passen auf Grund des Merkmals Qualifikation nicht zusammen46 ) verstärkt haben dürfte. Der SVR geht davon aus, dass dieses Problem etwa ab dem Jahre 2010 noch stärker zum tragen kommt, da das durch die gesunkene Geburtenrate geschmälerte Potenzial dann etwa in das Erwerbstätigenalter kommt.47

3.4 Transfers und Verschuldung

Transferzahlungen sind nicht nur als Realisierung der Einbeziehung Ostdeutschlands in die Fi- nanzverfassung der Bundesrepublik, sondern auch als Zahlungen zum Ausgleich für transformati- onsbedingte Nachteile der neuen Bundesländer zu sehen. Diese zwar befristeten, aber dennoch in der letzten Dekade als „gigantisch“ zu bezeichnenden Beträge stellten in der letzten Dekade hohe Belastungen der westdeutschen Bevölkerung dar. Insgesamt ergaben sich kumulierte Transferzah- lungen in Höhe von 1,2 Billionen DM netto bis 1999,48 wobei die Fördermittel aus der Gemein- schaftsaufgabe zwischen 1990 und 1998 im Mittel rund 13.700 DM (ca. 7000 Euro) pro Kopf be- trugen. Die Pro-Kopf-Verschuldung in Ostdeutschland erwies sich am Ende der Phase II, nachdem die Defizite seit Mitte der 90er Jahre bereits auf dem Rückführungskurs waren, in zweierlei Hin- sicht als problematisch.

[...]


1 Auf eine detaillierte Darstellung des Strukturwandels wird in den folgenden Ausführungen verzichtet. Zwar verraten wirtschaftliche Aggregate - auf deren Betrachtung sich die vorliegende Seminararbeit beschränken soll - wenig über die Quellen des Wachstums, allerdings würde beispielsweise die Einbeziehung der Produktionszerlegung in Sektoren, die eine umfassende Beschreibung des Strukturwandels bedingt, den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen.

2 Ein Steady-State-Gleichgewicht muss allerdings nicht eindeutig sein, wie es sich beispielsweise aus dem sog. AK- Modell ergibt, vgl. beispielsweise Barro/Sala-i-Martin 1999, S. 141 ff.. Außerdem kann es - auch unter der Annahme einer neoklassischen Produktionsfunktion - im Modell überlappender Generationen zu einem multiplen Wachstums- gleichgewicht kommen.

3 In Anlehnung an das in Teil 4 beschriebene Zwei-Regionen-Modell von Funke/Strulik wird im modelltheoretischen Teil dieser Arbeit davon ausgegangen, dass sich die reichere Region - Westdeutschland - bereits zur Wende im Steady-State befand.

4 Im Zentrum eines neoklassischen Wachstumsmodells stehen die Annahmen bezüglich der Produktionsstruktur. Die Produktionsfunktion weist positive, abnehmende Grenzerträge bezüglich aller Produktionsfaktoren sowie konstante Skalenerträge auf und erfüllt überdies die sog. Inada-Bedingungen (sei z.B. Y = F (K, L) , dann muss lim K →0 K F = lim L →0 F L = ∞ , lim K →∞ K F = lim L → ∞ F L =0 gelten).

5 Es sei angemerkt, dass es auch andere raumwirtschaftliche Konvergenzhypothesen gibt, z.B. die des „Advantage of Backwardness“, die Besagt, dass die unterentwickelte Region die technologisch hoch entwickelte Region durch die Imitation von Produktionsprozessen einholt.

6 Zu den Konzepten von β - und σ -Konvergenz vgl. beispielsweise Barro/Sala-i-Martin 1999, S. 26 ff.

7 Vgl. Tietmeyer 2003, S. 26.

8 Das Pro-Kopf-Einkommen der DDR fiel bis auf wenige Perioden nahezu monoton von ca. 65 % im Jahre 1950 auf ca. 45 % des westdeutschen Niveaus im Jahre 1989.

9 Vgl. Milbradt 1998, S. 185.

10 Vgl. SVR 2002, S. 177, Burda/Hunt 2001, S. 11. Da dieser Zustand an das italienische Mezzogiorno erinnert, wird der Osten Deutschlands in Literatur auch häufiger mit dieser - unterhalb von Rom (einschließlich Sizilien) liegenden

- Region verglichen.

11 Ausrüstungen werden von Burda und Koautorin als der „Flaschenhals“ und somit als der entscheidende Faktor für ökonomisches Wachstum bezeichnet, vgl. Burda/Hunt 2001, S. 19.

12 Vgl. Brainard/Perry 2001, S. xi.

13 Burda/Hunt 2001, S. 5.

14 Vgl. Milbradt 1998, S. 185.

15 Vgl. Steiner/Wagner 1997, S. 1.

16 Vgl. Funke/Rahn 2000, S. 2.

17 Barro/Sala-i-Martin hielten eine kurzfristige Angleichung bereits 1991 für unvorstellbar, und auch Skopp glaubte 1996 nicht an eine Schließung der Niveaulücken innerhalb von 9 Jahren, die sich durch Fortschreibung des bis dahin realisierten Aufholprozesses ergeben würde, vgl. Skopp 1996, S. 4.

18 Wie eingangs bereits erwähnt, sind aktuellste Daten zur Beschreibung der Grundtendenzen nicht erforderlich, so dass die Angabe „bis heute“ nicht wörtlich zu verstehen ist. Die beiden Phasen schließen bezüglich Präzision und Aktualität hinreichend abgegrenzte Zeiträume zur Erfassung der Entwicklung innerhalb dieser ein.

19 Das Pro-Kopf Einkommen ist definiert als Bruttowertschöpfung zu Herstellungskosten pro Einwohner.

20 Vgl. IWH et al. 2002, S. 34f.

21 Die Kreise wurden aus Landkreisen und kreisfreien Städten und Raumordnungsregionen konstruiert, auf deren genaue Abgrenzung hier nicht näher eingegangen werden soll. Allerdings wurde Berlin hierbei Ostdeutschland zuge- ordnet.

22 Vgl. IWH et al. 2002, S. 47 ff.

23 Bei dieser Untersuchung wurde auf Raumordnungsregionen zurückgegriffen.

24 SVR 2002, S. 178.

25 Vgl. Barro/Sala-i-Martin 1999, S. 387 ff.

26 Vgl. Skopp 1996, S. 9.

27 Eigene Berechnung, Zahlen entnommen aus Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, vgl. Stat. Landesamt B.-W. 2003.

28 An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass die Ursachen für die signifikante Wachstumsverlangsamung mit dem Einbruch des Wachstums im ostdeutschen Bausektor - der in Phase I mit Wachstumsraten zwischen 14 und 31,9 % und auf Grund eines hohen Anteils an der aggregierten Bruttowertschöpfung einen großen Beitrag zum Aufschwung leistete - im Zusammenhang stehen, vgl. Nierhaus 1998, S. 14. Die „Bremswirkung“ des Bausektors in den letzten Jahren, die aus der starken Abhängigkeit anderer Sektoren von der Baubranche resultierte, wurde nur durch einen Einmaleffekt in Folge der Beseitigung von Flutschäden abgeschwächt, vgl. beispielsweise Handelsblatt 2003, S. 8.

29 Eigene Darstellung, Zahlen entnommen aus Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, vgl. Stat. Landesamt B.-W. 2003.

30 Die durchschnittliche Arbeitsproduktivität (kurz: Arbeitsproduktivität) ist definiert als Bruttowertschöpfung zu Herstellungskosten pro Erwerbstätigen.

31 Vgl. IWH et al. 2002, S. 37 f.

32 Vgl. IWH et al. 2002, S. 45 f.

33 Vgl. SVR 1999, S. 128.

34 Der SVR misst geringer Spezialisierung innerhalb von Branchen allerdings auch positive Effekte auf Grund von Wissensspillovers sowie einer geringeren Schocksensibilität bei, vgl. SVR 1999, S. 121.

35 Vgl. SVR 2002, S. 182.

36 Diese wurde - entgegen den eben dargestellten Untersuchungen von IWH et al. - nicht am gesamtdeutschem Durchschnitt, sondern in Prozent des westdeutschen Niveaus gemessen.

37 Eigene Darstellung, Zahlen entnommen aus Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen der Länder, vgl. Stat. Landesamt B.-W. 2003.

38 Vgl. Milbradt 1998, S. 185 ff.

39 Vgl. Burda/Hunt 2001, S. 9.

40 Vgl. hierzu die Ausführungen in Teil 3.2, S. 6 f.

41 Vgl. Milbradt 1998, S. 185.

42 Auch bezüglich der Arbeitslosenzahlen ergab sich ein erheblicher Sprung zwischen Phase I und II in Höhe von 30 % (im Jahre 1995 waren es 1,046 und in 1997 1,364 Mio. Personen), vgl. SVR 2000, S. 124.

43 Unter Erwerbspersonen werden Erwerbstätige und Erwerbslose erfasst.

44 Vgl. SVR 2002, S. 184.

45 Vgl. SVR 2002, S. 183.

46 Vgl. Gabler 1997.

47 Vgl. SVR 2002, S. 186.

48 Vgl. Funke/Rahn 2000, S. 1. Der Netto-Betrag berücksichtigt den Abzug der im Osten erzielten Steuereinnahmen.

Details

Seiten
40
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638269612
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v23968
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Makroökonomie & Quantitative Wirtschaftspolitik
Note
2,0
Schlagworte
Konvergenz Strukturwandel Ostdeutschland Seminar Jahresgutachten Sachverständigenrates Begutachtung Entwicklung

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Titel: Konvergenz und Strukturwandel in Ostdeutschland