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Franziska zu Reventlow als Maria, Susanna und Herr Dame - Grenzen weiblicher Lebensführung um die Jahrhundertwende

Seminararbeit 2001 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I) Einleitung

II) Konzepte von Weiblichkeit um die Jahrhundertwende
1. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen, Simmel und der „Hetärismus“
2. Andere Weiblichkeitsdiskurse um die Jahrhundertwende
2.1. Die Frau als Dämon
2.2. Bürgerliche Konzepte in Abgrenzung zum Sozialismus

III) Weiblichkeit in Herr Dames Aufzeichnungen 6
1. Herr Dame
2. Maria und Susanna
2.1. Maria
2.2. Susanna

IV) Positionierung und Bewertung Reventlows

Maria, Susanna und Herr Dame: Grenzen weiblicher Lebensführung um die Jahrhundertwende

I) Einleitung

Einen „Schlüsselroman“ nannte Franziska Gräfin zu Reventlow ihre „Herrn Dames Aufzeichnungen“. Wegen seiner Aussagekraft über die Vorgänge innerhalb des Münchner „Kosmiker- Kreises“ wird ihm in der Forschung seine Bedeutung zugemessen. Sein direkter Bezug zu realen Begebenheiten gibt dem Roman doch gerade im Hinblick auf seine Autorin noch eine weitere Dimension: Er enthält in der Darstellung der Frauenfiguren Maria und Susanna, sowie in der „Zwitterfigur“ Herr Dame Einblick in einen grundlegenden inneren Konflikt, dem die Autorin ausgesetzt war. Es ist der Konflikt um die Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Lebensführung um die Jahrhundertwende. Konkret bedeutet das, daß Franziska zu Reventlow als Person zwischen Theorien von Weiblichkeit und gesellschaftlichen Konventionen existierte und durch ihre selbst bestimmte Lebensweise immer wieder an Grenzen stieß.

Wegen des Schlüsselromanstatus fungieren die Romanfiguren in meiner Betrachtung als direkte Repräsentanten von Franziska zu Reventlows gelebter Biographie. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der Romanfiguren Maria, Susanna und Herr Dame aufzeigen, worin dieser Konflikt bestand. Dazu stelle ich zuerst verschiedene Weiblichkeitsbilder vor, die um die Jahrhundertwende existierten, vor allem das in den kosmischen Theorien auftauchende Bild der Hetäre. Danach soll eine Analyse von Herrn Dame, Maria und Susanna unter Einbezug Franziska zu Reventlows biographischen Hintergrunds die Grenzen dieser Weiblichkeitsbilder deutlich machen. Die Arbeit schließt mit einer Bewertung Reventlows als reale Person in dem dargestellten Kontext.

II) Konzepte von Weiblichkeit um die Jahrhundertwende

1. Das Frauenbild der Kosmiker: Bachofen, Simmel und der „Hetärismus“

Dem Frauenbild der Kosmiker liegen im wesentlichen zwei Ansätze zugrunde, Johann Jakob Bachofens „Mutterrecht“, bereits 1861 veröffentlicht und von den Kosmikern wiederentdeckt, und Georg Simmels Auffassung von einer „weiblichen Kultur“ (1902).

Bachofens Weiblichkeitstheorie[1] leitet sich aus Überlegungen zur Entstehungsgeschichte des Universums her. Er proklamiert einen Urzustand des Universums, wo alles mit allem in Verbindung stand und noch keine Abtrennung existierte. Der Mensch ist hierbei Teil dieses großen Ganzen, was er „Kosmos“ nennt. In diesem „Kosmos“ existieren zwei Prinzipien: Das geistige Lichtprinzip Apollons, ein männliches, methaphysisches Prinzip, welches zu rational-zivilisatorischen Gesellschaftssystemen führte und das „Mutterrecht“, welches mit Chaos und Sinnlichkeit in Verbindung gebracht wird. Bachofen greift dabei auf die aus der griechischen Mythologie stammenden Gottheiten Apollo und Dionysos, um die Polaritäten zwischen Licht und Klarheit als männlich-phallisch, sowie Dunkelheit als weiblich-chaotisch aufzubauen. Nach Bachofen ist eine Transformation von der Vorherrschaft des rationalen Prinzips zur Rückkehr des Intuitiven, weiblichen Prinzips notwendig, mit dem die Seele in Verbindung steht. Da Bachofen das aus seiner Sicht „weibliche Prinzip“ über das „männliche“ stellt, kommt der Frau als Vertreterin des „fortschrittlicheren“ Prinzips die zentrale Rolle zu.[2] Diese Rolle erfüllt sie nach Bachofen am besten, wenn sie sich an den Hetären des Altertums orientiert.

Auch Georg Simmel konstruiert in seiner Theorie zur Weiblichkeit ein dichotomes Bild.[3] Die Frau unterscheidet sich vom Mann in ihrer Nähe zur Natur. Die besondere Qualität dieser weiblichen Essenz besteht, ähnlich wie bei Bachofen, darin, daß die Frau das Bewußtsein der ursprünglichen Einheit aller Dinge in ihrem Körper trägt. Doch ist dies nicht geistiger Natur, wie beim Mann, sondern ihr bloßes „Sein“. Er spricht von „diesem unmittelbaren Zusammenhang der Persönlichkeit mit jeder ihrer Äußerungen, dieser Unteilbarkeit des Ich, die nur ein alles oder nichts kennt“[4] und vom „Weibsein“ als „Eingesenktheit der Frau in das eigene Sein“, als „absolute Einheit von Sein und Geschlechtlichsein“.[5] Dies macht die Frau zu

einem „Kunstwerk“.[6]

Im Gegensatz zu Bachofen hat die Frau bei Simmel keine tragende Funktion in einem Umwandlungsprozeß, sondern ergänzt sich mit dem Mann in „arbeitsteiligen Verschiedenheiten“.[7] Simmel sieht, konkreter als Bachofen, die Funktion der Frau innerhalb der Kultur in der Hauswirtschaft und Mutterschaft.

Die Kosmiker übernahmen von Simmel die Überlegungen zum Wesen des Weiblichen und seiner Erfüllung in der Mutterschaft und kombinierten diese mit der Bachofenschen Idee des „Hetärismus“. Sie proklamierten die Hetäre als ideale und früheste Lebensform, die sexuelle Selbstbestimmtheit einerseits und geistige sowie körperliche Freiheit in sich vereinte:

„Chton, der dunkle Schoß der Erde.- Das ältere Heidentum neigte dazu, sich die schöpferische Urkraft blind gebärend vorzustellen- Wahnmoching schließt sich ihm an, der Hetärismus gilt ihm als das Höchste, Urschauer, die noch durch keine molochitisch rationalen Hemmungen geschwächt sind“.[8]

Hier zeigt sich deutlich die Abgehobenheit der kosmischen Weiblichkeitsvorstellungen, zumal ein unter den Kosmikern gängiger Jargon benutzt wird, den Außenstehende nur schwer nachvollziehen konnten. Keiner der Ansätze, die in das Frauenbild der Kosmiker beeinflußt haben, fußt in der Realität. Sie alle konstruieren ein mytisch- abgehobenes Bild von Weiblichkeit, welchem schwer zu entsprechen war.

2. Andere Weiblichkeitsdiskurse um die Jahrhundertwende

2.1. Die Frau als Dämon

Ein weiteres Phänomen der Jahrhundertwende war das Auftauchen eines neuen Frauentyps in Kunst und Literatur. Ulrich Meyer nennt dies „die Frau als verhängnisvolles Sexualwesen“,[9] die als Vampir, Kastriererin, Mörderin in der Kunst auftaucht. Er begründet dies mit Peter Gay, welcher behauptet, daß es sich bei diesem Phänomen um eine „Offensive des weiblichen Geschlechts“ handelt, welches mit „Ängsten des in die Defensive gedrängten Mannes“[10] einhergehe. Ein zweiter Grund für die traumatische Auffassung von Weiblichkeit leitet sich aus der Domestizierung der Gefühle her, die die romantische Liebe im 19. Jahrhundert vollbringt und die erotische Leidenschaft absterben läßt:

„Die Dämonisierung der Frau ist das rational- irrationale Ergebnis dieses Entlastungsangriffs. Man wirft dem Weib die Urheberschaft ungestümer Regungen allgemein ein Bündnis mit unterirdischen Kräften vor“.[11]

Obwohl Meyer als Beispiel Wedekinds „Lulu“ anführt, werden doch Parallelen zu dem Gedankengut der Kosmiker deutlich, („chtonisch“[12] ), nur fällt deren Mystifizierung von Weiblichkeit weniger bedrohlich aus.

2.2. Bürgerliche Konzepte

Im Gegensatz zu den bisher erläuterten Konzepten beschäftigen sich die sogenannten bürgerlichen Konzepte von Weiblichkeit mehr mit der realen Situation von Frauen im 19. und am Anfang des 20. Jahrhunderts und den daraus folgenden gesellschaftlichen Aufgaben. Sie werden hier zur Verdeutlichung des Spannungsfelds aufgeführt, in welchem Franziska zu Reventlow als sexuell selbstbestimmte und schreibende Frau agieren mußte. Die bürgerliche Frauenbewegung grenzte sich durch eine Annäherung an adlige Umgangsformen im 19. Jahrhundert von der sozialistischen Frauenbewegung ab.[13]

Die Sozialistinnen lehnen eine ungleiche Rollenverteilung aufgrund eines natürlichen Geschlechtsunterschiedes ab und forderten gleiche politische und gesellschaftliche Rechte für Frauen. Problematisch im Hinblick auf die Fragestellung nach der Positionierung Reventlows ist hierbei, daß die Frau vor allem als gesellschaftliches, nicht aber als sexuelles Subjekt gesehen wird und die Frage nach der sexuellen Selbstbestimmung gar nicht erst aufkommt.

Zwei Vertreterinnen unterschiedlicher Zweige der bürgerlichen Frauenbewegung sind Marie Stona und Thekla Skorra[14]. Die bürgerliche Frauenbewegung geht grundsätzlich davon aus, daß die Geschlechtsunterschiede zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Aufgaben führen. Sie sucht die Bestimmung der Frau in der Berufung auf ein höheres Kulturideal. Marie Stona begreift die Existenz der bürgerlichen Frauen als von Pflichten geprägt, die ihnen „Sitte und Notwendigkeit“[15] vorschreiben. Die Ehe dient bei Stona beispielsweise als „Vertrag ebenbürtiger Menschen, der von beiden Teilen eingehalten wird“, der aber „nur für Elitegeister geschaffen ist“.[16]

Ein weiteres Beispiel für die Orientierung der bürgerlichen Frauenbewegung gibt Thekla Skorra. Christiane Krause schreibt in ihrem Aufsatz „Hetärismus gegen bürgerliche Verbesserung“:

„Thekla Skorra sieht im ‚kulturellen Beruf‘ nicht nur die Chance für Partizipation, sondern sie behauptet eine besondere Pflicht für Frauen, die sich aus ihrem natürlichen Rang herleitet“.[17]

Für Skorra sind Frauen aufgrund ihrer weiblichen Natur zu „Erzieherinnen des Menschengeschlechts“[18] berufen, in deren „Fürsorge und Obhut“ die Männer gegeben worden sind.

Auffällig bei beiden ist der stark moralisierende Anspruch an eine einem höheren Kulturideal verpflichtete Frau, der an Protestantismus und Aufklärung denken läßt. Reventlow sprengt mit ihrer Selbstentfaltung „jenseits von gut und böse“ auch diesen Rahmen.

III) Weiblichkeit in Herr Dames Aufzeichnungen

1. Herr Dame

Züge von Franziska zu Reventlow finden sich in Maria, Susanna und Herrn Dame. Sie alle verbindet die Heimatlosigkeit, die Franziska zu Reventlows Leben prägte. Die Aufspaltung der Reventlow in mehrere Persönlichkeitsteile ironisiert gleichzeitig die Entindividualisierung in den kosmischen Theorien:

„(...) unseren Plural (...) die große Vereinfachung und andererseits die ungeheure Bereicherung des Lebens, die wir ihm verdanken. Wie armselig, wie vereinzelt, wie prätentiös und peinlich unterstrichen steht das erzählende oder erlebende ‚Ich‘ da- wie reich und stark dagegen das ‚Wir‘. Wir können in dem, was um uns ist, irgendwie aufgehen, untergehen- harmonisch damit verschmelzen. Ich springt immer wieder heraus, schnellt empor, wie die kleinen Teufel in Holzschachteln (...). Immer strebt es nach Zusammenhängen- und findet sie nicht“.[19]

[...]


[1] Übernommen aus Székely Johannes: Franziska Gräfin zu Reventlow, Leben und Werk. Bouvier. Bonn 1979, S.92

[2] Nach Székely Johannes, a.a.O., S.93

[3] Nach Janz Marlies: ‚Die Frau‘ und ‚Das Leben‘- Weiblichkeitskonzepte in der Literatur und Theorie um 1900; In: Eggert Hartmut (Hrsg.): Faszination des Organischen. Indicium. München 1995, S. 38

[4] Simmel Georg: Weibliche Kultur (1. Fassung von 1902). In: Dahme/ Köhnke (Hrsg.): Georg Simmel: Schriften zur Philosophie und Soziologie der Geschlechter. Frankfurt am Main 1985, S. 162

[5] Simmel Georg: Das Relative und das Absolute im Geschlechter- Problem. In: Dahme/ Köhnke (Hrsg.), a.a.O., S.213

[6] Simmel Georg: Das Relative und das Absolute im Geschlechter- Problem. In: Dahme/ Köhnke (Hrsg.), a.a.O., S.221

[7] Simmel Georg: Weibliche Kultur (1902). In: Dahme/ Köhnke (Hrsg.), a.a.O., S.171

[8] Reventlow Franziska zu: Herrn Dames Aufzeichnungen. München 1913, S.159

[9] Meyer Ulrich: Verführerinnen der Jahrhundertwende; In: Kreuzer Helmut (Hrsg.): Don Juan und Femme Fatale. Fink. München 1994, S.230

[10] Gay Peter: Erziehung der Sinne. Sexualität im bürgerlichen Zeitalter. München 1986, S.225

[11] Meyer Ulrich, a.a.O., S.235

[12] Chton ist in der griechischen Mythologie der Gott der Unterwelt.

[13] nach Krause Christiane: ‚Hetärismus‘ und ‚Freie Liebe‘ gegen ‚Bürgerliche Verbesserung‘: Franziska zu Reventlow in den ’Züricher Diskußionen‘; In: Roebling Irmgard (Hrsg.): Lulu, Lilith, Mona Lisa...:Frauenbilder um die Jahrhundertwende. Centaurus-Verlags-Ges.. Pfaffenweiler 1988, S.82

[14] Krause Christiane, a.a.O., S.82 ff.

[15] Stona Marie: Das Frauenphantom des Mannes. Eine Entgegnung; In: Die Gesellschaft. 14, 1898, 1. und 2.Quartal, S.818 ff.

[16] Stona Marie, a.a.O., S.818 ff.

[17] Skorra Thekla: Wie die ‚Bewegungsweiber‘ sich zum Manne stellen; In: Die Gesellschaft. 14, 1898, 3.Quartal, S.172

[18] Skorra Thekla, a.a.O., S. 171 ff.

[19] Reventlow Franziska zu: Herrn Dames Aufzeichnungen, a.a.O., S. 105

Details

Seiten
19
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638270830
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24143
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für deutsche und niederländische Philologie
Note
1
Schlagworte
Franziska Reventlow Maria Susanna Herr Dame Grenzen Lebensführung Jahrhundertwende

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