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Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und geschlechtsspezifische Sozialisation als Deutungsmuster sogenannter psychosomatischer Beschwerden von Frauen

Diplomarbeit 1998 121 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

I. Psychosomatische Beschwerden von Frauen
1. Einleitung
2. Krankheitsbilder von Frauen
3. Frauen, eine andere somatische Kultur
3.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und Männern
3.2. Patriarchale Strukturen in der Medizin

II. Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung
1. Definition der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung
2. Traditionelles Konzept
2.1. Konzeption
2.2. Hausarbeit
2.3. Kindererziehung
2.4. Beziehungsarbeit in Ehe und Partnerschaft
2.5. Darstellung, der daraus entstehenden spezifischen Belast- ungen
3. Doppelrollenkonzept
3.1. Konzeption
3.2. Berufstätigkeit
3.3. Hausarbeit
3.4. Kindererziehung
3.5. Beziehungsarbeit in Ehe und Partnerschaft
3.6. Darstellung, der daraus entstehenden spezifischen Belast- ungen
4. Sogenanntes partnerschaftliches Konzept
4.1. Konzeption
4.2. Berufstätigkeit
4.3. Hausarbeit
4.4. Kindererziehung
4.5. Beziehungsarbeit in Ehe und Partnerschaft
4.6. Widerspruch zwischen Theorie und Praxis
4.7. Darstellung, der daraus entstehenden spezifischen Belast- ungen
5. Zusammenfassung

III. Geschlechtsspezifische Sozialisation in bezug auf weibliche Krankheitsbilder
1. Relevanz der geschlechtsspezifischen Sozialisation
1.1. Sozialisation als lebenslanger Prozeß
1.2. Gesundheitskonzepte von Frauen
1.2.1. Explizite Gesundheitskonzepte
1.2.2. Implizite Gesundheitskonzepte
1.3. Weibliche Bewältigungsstrategien und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit
1.3.1. Ressourcen der Lebensbewältigung
1.3.2. Durchhalten
1.3.3. Klagen
2. Frühkindliche geschlechtsspezifische Erziehung und ihre Bedeutung für die weiblichen Krankheitsbilder
2.1. Ansätze zur Erklärung frühkindlicher geschlechtsspezifischer Sozialisation
2.1.1. Verhaltenstheoretischer Ansatz
2.1.2. Lerntheoretischer Ansatz
2.1.3. Kognitive Rollenübernahme
2.2. Erziehung zur Schwäche und zum Klagen
2.3. Sexuelle Gewalt und die Krankheitsfolgen am Beispiel von Eßstörungen
2.4. Krankheit als Ausdruck des Hilfesuchens

IV. Zusammenfassung
1. Kritik an der patriarchalen Medizin
1.1. Medikalisierung der Frau
2. Zusammenfassende Betrachtung der Erkenntnisse

V. Literaturverzeichnis

Vorwort

Das gesellschaftliche System verwickelt Frauen in Widersprüche und es entstehen daraus oftmals nicht miteinander zu vereinbarende Anforderungen. Daraus bildet sich ein Mißverhältnis zwischen den eigenen Bedürfnissen von Frauen und den Erwartungen anderer. Die Erfüllung der eigenen Wünsche stößt an die Grenze der Verwirklichung. Hieraus entstehen für Frauen Konflikte, die in Form von Krankheiten verarbeitet werden.

Frauen erkranken nicht wahllos, sondern in den ihnen zugeordneten Schwächebereichen. Sie leiden häufiger an Befindlichkeitsstörungen und das Bild herrscht vor, daß sie schwächer und kränker sind als Männer. Sie gehen häufiger zum Arzt und erhalten mehr Verordnungen. Frauenspezifische Störungen, wie Benommenheit, Abgespanntheit, Schlafstörungen, Verstimmungen, Angstgefühle, innere Unruhe, Schlafstörungen und Kreislaufstörungen lassen Ärzte oft ratlos demgegenüber stehen, da es sich hier um Beschwerden handelt ohne organischen Befund. Häufig werden aus dieser Ratlosigkeit heraus, Frauen Medikamente verordnet, wie z.B. kreislaufstärkende Mittel, Beruhigungsmittel oder Psychopharmaka. So werden zwar zeitweilig die Beschwerden beseitigt, aber nach den Ursachen wird von seiten der Medizin nicht geforscht.

In meiner Diplomarbeit werde ich auf verschiedene Bereiche eingehen, wie die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung, die geschlechtsspezifische Sozialisation und die geschlechtsspezifische frühkindliche Erziehung, die Erklärungen über die Lebenszusammenhänge von Frauen geben. Zusammengenommen geben sie Aufschluß über die Entstehung “psychosomatischer” Beschwerden von Frauen.

Im weiblichen Lebenszusammenhang treffen unterschiedliche Tätigkeitsfelder aufeinander, die es gilt zu vereinbaren. Für die meisten Frauen spielt der Beruf neben der Familienarbeit eine wichtige Rolle. Aus den Anforderungen, die durch die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung entstehen, lassen sich die spezifischen Belastungen der Frauen darstellen.

Gesundheit und Krankheit können allerdings nur angemessen diskutiert werden, wenn die Unterschiede zwischen den Geschlechtern berücksichtigt werden, denn wie später dargestellt wird, ist die Bewertung und Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit keineswegs geschlechtsneutral. Frauen entwickeln aus ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung bestimmte Strategien, die Bedingungen, die das Leben an sie stellt, zu bewältigen. Dazu bedarf es gewisser Vorstellungen über Gesundheit, die bei jeder Frau unterschiedlich sind, je nach ihren persönlichen Lebenserfahrungen, die sie während ihrer Sozialisation gemacht hat. Unter Betrachtung der geschlechtsspezifischen Sozialisation werde ich die Widersprüchlichkeiten des weiblichen Lebenszusammenhanges herausarbeiten, um dort die Ursachen für die Entstehung der Konflikte zu finden. Oftmals sind die Lebenssituationen von Frauen unerträglich und Krankheit kann so als Flucht oder stillen Protest gewertet werden.

Die Erziehung hat entscheidenden Einfluß auf die weitere Entwicklung von Frauen. Bestimmte Kindheitserlebnisse, wie ein überbehütetes Elternhaus, das von der Tochter alles fernhält und sie in Watte packt, bis über autoritäre Elternhäuser, mit Prügel und/ oder sexueller Gewalt prägen das spätere Krankheitsverhalten von Frauen. Solche Sozialisationserfahrungen, die die Gefühle von Mädchen unterdrücken, führen zu späteren “psychosomatischen” Beschwerden. Hier treten die Körperorgane stellvertretend in Aktion, um die erfahrenen Kindheitserlebnisse auszudrücken. Konflikte werden bei Frauen geschlechtstypisch nach innen verarbeitet. Krankheiten gelten als erfolglose Verarbeitungsversuche, aber auch der Griff zu Hilfsmitteln, wie Alkohol oder Medikamente.

Die Medizin, auch geprägt von den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, hinterfragt nicht die Ursachen für Erkrankungen bei Frauen, sondern macht sie wieder zu funktionstüchtigen Frauen. Wie das Gesundheitswesen die gesellschaftlichen Bedingungen aufrechterhält wird am Ende der Arbeit nochmals beleuchtet.

Absicht dieser Arbeit ist es, die Ursachen für frauenspezifische Erkrankungen darzustellen, die sich im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang finden lassen.

I. Psychosomatische Beschwerden von Frauen

1. Einleitung

In den letzten Jahren hat sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft stark verändert. Zum ersten Mal in der Geschichte können Frauen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und wählen zwischen: Hausfrau und Mutter oder Hausfrau, Mutter und Beruf? In diesen Begriffen stecken viele verschiedene Rollen, die es zu erfüllen gilt. Aus welchen Merkmalen die neue Frauenrolle letztendlich zusammengesetzt ist, läßt sich noch nicht genau ermitteln, jedoch kann man vorab schon feststellen, daß den Frauen in ihrer neuen Rolle viele Zwänge und Verpflichtungen auferlegt werden. Diese Zwänge bedeuten für die Frauen Anstrengung, Überforderung, Fremdheit und oftmals ständigen Kampf.[1]

Im Gegensatz zum Mann, der sicherlich durch seinen Beruf auch große Belastungen erfährt, leben Frauen mit “anderen Formen der Verausgabung”, wie es Cornelia Helfferich genannt hat.[2] Ihr Leben besteht - im Gegensatz zum Mann - oftmals aus einer Doppelt- und Dreifachbelastung. Obwohl heute Frauen viel autonomer in ihren Entscheidungen bzgl. ihres Lebens geworden sind, darf ihre Leistungsfähigkeit durch diese Mehrbelastung nicht beeinträchtigt werden. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, daß trotz der vielen Erfolge, die erzielt worden sind, viele Frauen krank sind: krank an Körper, Geist und Seele.

Viele sind zerrissen durch die Diskrepanz zwischen ihren Rechten und ihren angeblichen Pflichten: wie man als Frau zu sein hat, welche Normen man zu erfüllen hat, um akzeptiert und in die Gesellschaft integriert zu sein. In früheren Kriegsjahren durften die Frauen “an der Heimatfront ihren Mann stehen”, während die Väter an der richtigen Front kämpften. Nach dem Krieg sollten die Männer aber wieder ihren angestammten Platz in der Familie einnehmen, und die Familie wurde wieder in ihre alte Rolle zurückgedrängt.

Heute ist es nicht viel anders: wir dürfen uns spezialisieren, Berufe erlernen, doch wenn die “Arbeitsmarktsituation es erfordert”, wieder zurück ins zweite Glied treten. Wenn Frauen heute den Mund aufmachen, Erfolge erreichen, gestattet man ihnen dieses sogar, doch “richtige Frauen” sind sie dann nicht mehr. Um die seelischen Nöte auszudrücken haben Frauen in unserer Gesellschaft gelernt, sich Gehör und Beachtung über das Mitteilen von Krankheiten zu verschaffen. Diese Krankheiten kann man als “psychosomatische” Beschwerden beschreiben. Durch sie können sie ihre Gefühle und Ängste zum Ausdruck bringen, und erhalten dafür keine Sanktionen von der Gesellschaft.

Um zu begreifen, was psychosomatische Beschwerden bedeuten, muß man von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen ausgehen. Sie ist ein wesentlicher Bestandteil in der Psychosomatik, und charakterisiert als personenzentrierte Medizin. Sie betrachtet die Wechselwirkung zwischen Bewußten und Unbewußten, zwischen Seelischem und Organischem.

Die personenzentrierte Medizin beschreibt die körperlichen Auswirkungen seelischer Zustände beschrieben, an sich selber und an anderen zu beobachten sind. Man kann hier nicht direkt von Krankheiten im klassischen Sinne sprechen, sondern vielmehr sind hier Krankheiten gemeint, die aus dem Zusammenhang von Stimmungen und Konflikten, Ängsten und Beziehungsstörungen mit körperlichen Folgeerscheinungen entstehen. Körperliche und seelische Befindlichkeitsstörungen stehen in Wechselwirkung zueinander.

In der Psychosomatik gibt es keine Unterbrechung zwischen Gesundheit und Krankheit, wohingegen die Medizin zwischen Gesundheitszustand und Krankheitszustand trennt. Die Krankheit hat immer einen pathologischen Befund, was dann ein Endzustand ist, doch der Weg dorthin wird nicht betrachtet. Dieser liegt oftmals in dem Bereich, in dem die Organmedizin nichts findet. Ursachen für einen Krankheitszustand müssen auf psychosozialer Ebene gesucht werden, die die Person selbst, ihr Leben und die derzeitige Situation betrachtet. Krankheit kann auch als Metapher gesehen werden, als Ausdruck für ein Problem oder eine Überlastung in der jeweiligen Lebenssituation.

Bei der Entstehung und Bewältigung von psychosomatischen Erkrankungen sind soziale Faktoren eine wesentliche Determinante, wie z.B. die Sozialisation und die hierarchischen Machtverhältnisse zwischen Frauen und Männern. Menschen sind einer großen Anzahl von sozialen und anderen Stressoren ausgesetzt und werden mit Hilfe eines “sozialen Immunsystems” mit diesen Belastungen, den Krankheitserregern fertig und schützen somit ihre physische und psychische Gesundheit. Dieses Immunsystem wird durch die Lebenssituationen eines jeden Einzelnen geschwächt oder gestärkt.

Cornelia Helfferich stellt fest, daß psychische Gesundheit verbunden ist mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Als psychisch gesund gilt der, der sich an der Normalität und Konformität orientiert, an dem, was uns die Gesellschaft vorgibt und von uns erwartet. Vielen Menschen fällt es schwer gewisse Normen und Werte einzuhalten, d.h., das Menschen nach bestimmten Regeln richten, die das Zusammenleben verschiedener Individuen ermöglicht. Die Gesellschaft bestimmt was normal ist und daran wird das Ideal des “richtigen Lebens” gemessen. Laut Helfferich kann man sagen, daß Gesellschaft auf einzelne Individuen krankmachend wirkt, insbesondere auf Frauen. Jede Frau hat ihre individuelle Wirklichkeit, die sich aus ihren subjektiven Vorstellungen ergibt, die sich wiederum aus dem Geschlecht und der sozialen Schicht zusammensetzen. Da Frauen heute mehr Selbstbewußtsein, Selbständigkeit und dadurch auch mehr Freiheit erlangt haben, muß man feststellen, daß die Gesundheitsstandards, die von der Gesellschaft vorgegeben werden, nicht mehr mit der “normalen” Frauenrolle, die Frauen als passiv und abhängig beschreibt, übereinstimmen.[3] Deshalb ist es interessant, die individuellen Gesundheitsstandards zu untersuchen und die mit denen der Gesellschaft zu vergleichen, um zu sehen, wo die Ursachen für die Entstehung von Krankheiten bei Frauen liegen.

In meiner Arbeit möchte ich diese subjektive Ebene, die Erlebens- und Gefühlsebene, die abhängig von Sozialisation, Biographie, Lebensumstände und Empfinden jedes Einzelnen ist, betrachten, auf der sich Wohlbefinden und Beschwerden feststellen lassen. Daraus manifestieren sich Krankheitsbilder, die der Psychosomatik zugeordnet werden können.

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte möchte ich das Augenmerk auf die Frau richten. Sie wird krank, weil sie den Anforderungen, die die Gesellschaft an sie stellt, nicht mehr gerecht wird. Gesundheit ist für die Frau die Voraussetzung, um zu arbeiten und zu funktionieren. Doch diese Anforderungen, die in erster Linie meistens die Familie an sie stellt, können sie überlasten und krank machen. Daraus resultieren verschiedene Krankheitsbilder, die die Frauen bewußt oder unbewußt erleben. Zum Teil haben psychosomatische Krankheiten für manche Frauen auch eine Art Schutzfunktion, die einen Konflikt oder eine Situation erst aushaltbar machen.

Im nächsten Punkt möchte ich einige frauenspezifische Krankheitsbilder, aufzeigen.

2. Krankheitsbilder von Frauen

Die Krankheitsbilder von Frauen sind oft gekennzeichnet durch sogenannte vegetative Störungen (nervlich bedingte Störungen), die ihre Ursache meist im seelischen und sozialen Bereich haben. Am Beginn der Erkrankung, vielfach bei jungen Frauen, kann der Arzt häufig keine organische Erkrankung feststellen, aber die funktionellen Störungen im Sinne von “psycho-vegetativen” Beschwerden und “psychosomatischen” Krankheiten liegen vor. Die Erfahrungen, die ich während meiner Arbeit im Kurheim für Müttergenesung gemacht habe, zeigen deutlich: die Frauen leiden an ihrem Leben, den Lebensumständen, der oft pausenlosen jahrelangen häuslichen Beanspruchung, dem sozialen Umfeld. Diese dauerhaften Überlastungen, denen Frauen vielfach ausgesetzt sind, gehen einher mit zunehmenden Verschleißerscheinungen, mit Schmerzen und Beschwerden, psychischen und physischen Erschöpfungszuständen.

Frauen werden spezifische Krankheitsbilder zugeordnet, die auch als “Frauenkrankheiten” gelten. Sehr häufig wird auch der Begriff “Frauensyndrom” verwendet, da man in der Frauengesundheitsforschung festgestellt hat, daß Frauen mehr psychische, pseudo- somatische und vegetative Gesundheitsstörungen haben. Es zählen darunter Krankheiten, wie Eßstörungen, Depressionen, Befindlichkeitsstörungen oder der Konsum von Alkohol und Medikamenten.

Um zu verdeutlichen, um welche Arten und Erscheinungsformen von Krankheiten es sich bei Frauen handelt, möchte ich mich auf eine Studie von Barbara Goebel beziehen, die Krankheiten von Frauen anhand von Befragungen ermittelt hat, und diese zusammengefaßt aufführen.[4]

Sie unterteilt auf einer Beschwerdeliste Krankheiten in “bereits manifest bestehende Gesundheitsstörungen” und in “Befindlichkeitsstörungen”.

Unter “manifesten Gesundheitsstörungen” sind zu verstehen:

Herz- Kreislaufbeschwerden, psychische Störungen, Übergewicht, Untergewicht, Rheuma, Erkrankungen der Atmungsorgane, Galle-, Leber-, Stoffwechselstörungen, Venenerkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, gynäkologische Erkrankungen, Nieren-/Blasenleiden, Anämie, Diabetes, Krebserkrankungen, Suchtkrankheiten, körperliche Behinderungen und sonstige Erkrankungen.

Die “Befindlichkeitsstörungen” umfassen:

Abgespanntheit, Nervosität, Angstzustände, Verstimmungen, Niedergeschlagenheit, zu hoher/niedriger Blutdruck, Kreislaufstörungen, Durchblutungsstörungen, leichte Ermüdbarkeit, Schwindelgefühle, Herzjagen, Schlafstörungen, Magenbeschwerden, Appetitlosigkeit, Allergien, Kopfschmerzen, Migräne und Verspannungen.

Die meisten Frauen leiden zunächst unter Befindlichkeitsstörungen. Es sind Beschwerden, die keine organischen Schäden oder faßbaren Funktionsstörungen haben.

“Es sind diffuse Leidenszustände, denen noch nicht unbedingt Krankheitswert zukommt, die auf dem Kontinuum Gesundheit - Krankheit eher in der Nähe von Gesundheit angesiedelt sind.”[5]

Es kann hier noch nicht von einer Krankheit gesprochen werden. Größtenteils nehmen die Frauen ihre Beschwerden wahr, doch können die Zustände der Beschwerden wechseln, so stellt Anke Ochel fest:

“Wesentlich von den sozialen Lebenslagen, den subjektiven Bewältigungsmöglichkeiten und den Reaktionen zu Rate gezogener Ärzte hängt es ab, ob sie sich zu körperlichen, psychischen und psychosomatischen Krankheiten manifestieren. Momente der Beschwerdefreiheit und Perioden psychischen und körperlichen Unwohlbefindens können einander abwechseln und ineinander übergehen, wobei die Grenzen zwischen psychischer und somatischer Beeinträchtigung schwer zu ziehen sind. Unterschiedliche Symptome können im Vordergrund stehen und mit der Zeit wechseln.”[6]

In der Medizin gibt es keine begriffliche Bestimmung für die Krankheitsäußerungen der Frauen. Die Beschwerden entstehen offenbar aus komplex- en Zusammenhängen, die miteinander verwoben sind und lassen sich nur unter genauer Betrachtung diagnostizieren und behandeln.

So hat man bei Frauen festgestellt, daß sich Krankheiten oft dann auf physischer Ebene äußern, wenn Konflikte ins Unbewußte verdrängt werden. Dann entstehen die genannten Befindlichkeitsstörungen oder auch psychosomatische Symptome sind auszumachen. Diese Krankheiten werden sehr oft unter dem Begriff des “Hausfrauensyndroms” zusammengefaßt.

“Die soziale Isolation, die ökonomische und psychische Abhängigkeit vom Ehemann, die Eigenart der Hausarbeit selbst, die Verantwortung für die Kindererziehung und Ehebeziehung usw. ...”[7]

Durch die Eigenart von Hausarbeit fehlt Frauen die Möglichkeit sich abzugrenzen. Die ständige Verfügbarkeit, die ihr abverlangt wird, ruft enormen Druck hervor. Verdrängte Konflikte brechen irgendwann auf und äußern sich in psychosomatischen Störungen.

“Ein Migräneanfall dagegen legitimiert dieses Bedürfnis vor anderen und vor sich selbst, entbindet gewissermaßen aus der Verantwortung (dies ist allerdings nicht als instrumenteller Einsatz des Symptoms zu verstehen, sondern als weitgehend unbewußt verlaufender Prozeß).”[8]

Wie man später noch sehen wird, gehört Krankheit zum weiblichen Rollenverhalten. Die andere Form der Problemlösung, etwas an ihrer Lebenssituation zu ändern, wäre mit Sicherheit der schwerere Weg mit den meisten Konflikten und Auseinandersetzungen für die Frau. Das würde nicht der traditionellen weiblichen Rolle entsprechen und in unserer Gesellschaft auf heftigsten Widerstand treffen.

3. Frauen, eine andere somatische Kultur

Frauen kann man deswegen als eine andere somatische Kultur bezeichnen, da man bei ihnen ein anderes Krankheitsverhalten als bei Männern erkennen kann.

Die Gesundheit von Frauen hat im Laufe der Zeit eine andere Bedeutung bekommen, aufgrund von sozialen und historischen Ursachen. Resultierend aus der patriarchalen Unterdrückung, wurde die Frau immer gleichgesetzt mit Krankheit, Leiden und Beschwerden. Dies waren die spezifischen Persönlichkeitsmerkmale der Frau. Wenn man die biologischen Funktionen der Frau betrachtet, wurde sie auf die Reproduktivität beschränkt, die für sie eine potentielle Verletzlichkeit darstellte. Damit wurde die Frau aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Krankheit und Beschwerden machten es ihr unmöglich am ökonomisch und politischen Leben teilzunehmen. Aus der Pathologisierung der weiblichen Körpervorgänge, wie Schwangerschaft, Geburt und Menstruation entstanden männliche Gesundheitsdefinitionen. Sie setzten den weiblichen Körper gleich mit Krankheit und gingen dabei so weit zu sagen, daß “die gesunde Frau ein kranker Mann ist”.[9]

Frauen haben ein anderes Krankheitsverständnis, da sie ihr eigenes Körperkonzept haben. Sie gehen feinfühliger mit ihrem Körper um, sie nehmen eher Symptome von Krankheiten wahr und bewerten sie eigenständig.

Ingeborg Stahr stellt fest,

“..., daß Frauen eine größere Anfälligkeit gegenüber gesundheitlichen Störungen, zumindest aber eine hohe Sensibilität für die psycho- somatischen Signale ihres eigenen Körpers...”[10]

haben. Dies kann einmal auf der biologischen Ebene erklärt werden, da die Frau durch hormonelle Prozesse eine höhere Konzentration auf ihren Körper hat und zum anderen wird ihr ein differenzierteres Körperbewußtsein auf der sozialisatorischen Ebene durch Erziehung und familiäre Arbeitsteilung vermittelt.

Die erhöhte Sensibilität hat auch zur Folge, daß Frauen Krankheitssymptome wahrnehmen und versuchen zu deuten und so sehr oft zur Selbstmedikamentation greifen. Die vermehrte Medikamenteneinnahme zeigt, daß Frauen ihre Krankheiten anders leben als Männer, denn sie versuchen dadurch ihren Körper in Schach zu halten und nicht aus der Rolle zu fallen, und so weiter den patriarchalen Strukturen und Mustern zu entsprechen. Es handelt sich offenbar um kränkere Menschen, um Menschen mit einem problematischen weiblichen Körper. Dieses Verhalten wird von der Medizin unterstützt, die den Frauen ein Angebot einer Vielzahl von verschiedenen Medikamenten zur Verfügung stellt, durch den Arzt und die Pharmaindustrie.

“Frauen lernen, die Ursachen von Problemen seien in ihren Körpern zu suchen (und nicht etwa in ungerechten Chancenstrukturen der Gesellschaft), sie seien eben nervös, reizbar, anfällig. Das erhöht nicht nur die Körper- und Symptomaufmerksamkeit, sondern bindet Frauen auch an die Medizin, die dafür Heilung bereithält; aber gleichzeitig bestärkt diese Medizin mit ihrem Bild des Frauenkörpers sie in dieser Meinung, die Ursachen von Problemen seien im Körper zu finden. Und je mehr Frauen sich reflexiv ihrem Körper zuwenden, Symptome wahrnehmen und beklagen, sie als Botschaft im Sinn der Psychosomatik präsentieren und interpretieren, desto eher bekommen sie auch psychosomatische und psychiatrische Diagnosen (Conen/Kuster, 1988, DGVT, o.J.) und ein Rezept für Psychopharmaka.”[11]

Um dem Druck, der daraus entsteht, den Krankheiten zu widerstehen oder sie zu bewältigen, entwickeln Frauen ein Gesundheitskonzept, welches individuell unterschiedlich ist. Jedoch kann man sagen, daß jede Frau ihr eigenes Konzept hat, um mit den unterschiedlichen Situationen in ihrem Leben zurechtzukommen. Diese Konzepte sind abhängig von Schicht und Alter und reichen von Durchhaltestrategien über Klagsamkeitsorientierungen. Jedes Konzept hat aber die gleiche Funktion, klarzukommen mit den spezifischen Belastungen Hierauf werde ich an anderer Stelle ausführlicher eingehen.

Frauen sind deshalb eine andere somatische Kultur, weil sie die Neigung haben, über Krankheiten ihre individuelle Wirklichkeit zu leben und auszudrücken. Auf den weiblichen Körper wird ein anderes Augenmerk geworfen, als es bei dem männlichen Körper der Fall ist. Es spiegeln sich in ihm und an ihm Zustände wieder, die mit der ganzen Umwelt in Zusammenhang stehen.

Ich möchte an dieser Stelle auf Cornelia Helfferich verweisen, die sagt, daß Probleme von Frauen “auf dem Körper ausgetragen werden”.[12] Ihre Gesundheit ist abhängig von der jeweiligen sozialen Situation.

“In der Beziehung zwischen Belastungen somatischer Kultur und medizinischer Versorgung liegen die Möglichkeiten, strukturelle Aspekte der sozialen Situation von Frauen als Bedingungen für Gesundheit und Krankheit zu fassen, und gleichzeitig das soziale Handeln und die subjektiven Deutungen einzubeziehen. Hier liegen die Ansatzpunkte für eine Erklärung, warum Frauen “anders” krank sind als Männer. Hier liegt auch der Schlüssel dafür, daß Frauen mit Beschwerden und Beschwerdeäußerung auf Streß reagieren, denn prinzipiell gibt es auch andere (funktional äquivalente) Reaktionsformen, wie z.B. abweichendes Verhalten. Warum, so fragten schon Piven/Cloward (1984) werden Frauen krank, warum gründen sie nicht Banden, warum überfallen sie nicht eine Bank?”[13]

Hier wird sehr klar formuliert, daß bei Frauen der Zusammenhang zwischen Krankheit und der jeweiligen Lebenssituation viel deutlicher zu erkennen ist. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei den Krankheitsbildern zwischen Männern und Frauen möchte ich im folgenden Punkt beschreiben.

3.1. Geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen Frauen und Männern

In Befragungen hat man festgestellt, daß Frauen und Männer eine unterschiedliche Bereitschaft haben, Beschwerden zu äußern. Frauen sind häufiger krank und sie gehen öfter zum Arzt als Männer, sie nehmen mehr Medikamente, zahlen höhere Krankenkassenbeiträge und sind Hauptabnehmerinnen gesundheitsbezogener Kurse. Man hat festgestellt, daß Frauen in ihrem Krankheitsempfinden, in der Symptomaufmerksamkeit aufmerksamer sind als Männer. Sie interpretieren ihre Beschwerden eher als psychische Problemlagen. Sie geben sich schnell mit dem ärztlichen Befund “vegetative Dystonie” (nervlich bedingte Störung des normalen Spannungszustandes der Muskeln und Gefäße; zusammenfassende Bezeichnung für alle durch Erkrankung des vegetativen Nervensystems, des Eingeweidenervensystems, bedingten Symptomenkomplexe) zufrieden, der als Sammelbegriff für alle Beschwerden und Krankheiten, die von Frauen genannt werden, benutzt wird. Man spricht den Frauen damit eigene Krankheiten zu. Frauen und Männern werden dadurch in zwei verschiedene Beurteilungskategorien von Krankheit eingeordnet, weil sie eine unterschiedliche Art haben, Krankheiten und Beschwerden aufzufassen, und sie in ihren Lebenszusammenhang zu stellen. Geschlechtsunterschiede im Gesundheits- und Krankheitsstatus lassen sich auf dem Hintergrund sozialer Konstruktionen begreifen. Wenn man die Gesundheitskonzepte von Frauen und Männern betrachtet, kann man erkennen, daß durch die weibliche und männliche Sozialisation Unterschiede in den Empfindungen für Krankheit entstehen. Frauen bewerten ihre Gesundheit nach sozialen und persönlichen Dimensionen, Männer dagegen sehen ihre Gesundheit im Zusammenhang mit Krankheit und die Meidung von Risiken für Krankheiten. Sie bevorzugen es ihre eigenen Körpergrenzen zu betonen und ihre Grenzen der Belastbarkeit auszutesten. Bei Frauen beobachtet man eher ein mehrdimensionales Gesundheitskonzept. Damit ist gemeint, daß es bei Frauen eine verschwimmende Grenze zwischen Körper und Selbst gibt, sie leben dadurch im Idealfall in Übereinstimmung und Gleichgewicht mit dem eigenen Körper. Der Bezug zu dem eigenen Körper verstärkt sich bei Frauen durch körperliche Erfahrungen, wie das Gebären oder überhaupt die Gebärfähigkeit. Dem Körper wird mehr Aufmerksamkeit geschenkt und dadurch entsteht ein anderes Körperbewußtsein.

Durch die immer höher ansteigenden Erwartungen, die von unserer Gesellschaft an die Frauen gestellt werden, müssen deren Krankheiten unter anderen Aspekten betrachtet werden, z.B. solche, die den ganzen Lebenszusammenhang der jeweiligen Frau mit einschließen.

“Der Unterschied zwischen Männern und Frauen scheint sich, was Gesundheitskonzepte angeht, weniger als duale Aufteilung Frauen sind eher reflexiv, Männer instrumentell` beschreiben zu lassen. Die Gesundheitskonzepte von Frauen sind vielmehr stärker als die von Männern mehrdimensional (wie die Häufigkeit der Mehrfachnennungen zeigt, s.o.), sie sind stärker sozialschichtunabhängig als die von Männern.”[14]

Cornelia Helfferich weist auf zwei wichtige Komponenten hin, die das mehrdimensionale Konzept beinhalten. Einmal wird die Gesundheitsvorstellung von Frauen mit Harmonie, Übereinstimmung und Gleichgewicht in Verbindung gebracht. Eine oftmals fiktive Vorstellung, die durch die gesellschaftlichen Zusammenhänge (z.B. das hierarchische Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen) verhindert wird. Die andere Komponente stellt die tatsächliche Situation der Frauen dar, sich den Zwängen der Gesellschaft durch das Erbringen von frauenspezifischen Pflichten (Hausarbeit, Kindererziehung) zu unterwerfen. Durch eine entsprechende “Normalisierung”von körperlichen Problemen, z.B. durch Medikamenteneinnahme, erlangen Frauen wieder den Status von “Gesundheit”.

Männer dagegen haben ein anderes Gesundheitskonzept, welches auf ein weniger ausgeprägtes Körperbewußtsein zurückzuführen ist. Für sie steht Gesundheit nicht im Vordergrund. Sie setzen ihren Körper großen Belastungen aus, gehen “harten” Risikopraxen nach und aggressiven Nervenkitzeln. Im Gegensatz zu den Frauen legen Männer nicht so viel Wert auf die Pflege ihres Körpers, d.h. sie messen ihm nicht so viel Bedeutung, er hat mehr funktionelle Aufgaben. Sie nutzen ihn eher verschwenderisch, als “Lebens-Mittel” zum Zweck der Erbringung von Leistung. Wenn Männer erkranken, empfinden sie plötzlich eine gewisse Hilflosigkeit. Der Körper, der vorher als selbstverständlich galt, ist nun nicht mehr so strapazierfähig, kein Kraftpaket mehr, dem man eine gewisse Zähigkeit nachsagen konnte. Ihm muß auf einmal Aufmerksamkeit gewidmet werden und ein gewisses Maß an Pflege zukommen.[15]

Petra Kolip stellt fest, daß die männliche Rolle durch ihre spezifischen Rollenmerkmale gesundheitsschädigendes Verhalten hervorruft:

“Danach ist die männliche Rolle, idealtypisch gekennzeichnet durch Härte, Stärke, Risikofreudigkeit, Unempfindlichkeit und geringere Hilfsbedürftigkeit, verknüpft mit gesundheitsschädlichem Risikoverhalten. Verbunden mit männlichen Rollenmerkmalen sind das Ignorieren körperlichen Unbehagens und die verringerte Bereitschaft, Vorsorge- und Versorgungsangebote wahrzunehmen.”[16]

Man kann also sagen, daß die Gesundheitskonzepte bei Männern und Frauen unterschiedlich sind, und die Krankheiten anders gelebt und empfunden werden. Es ergibt sich daraus eine unterschiedliche Symptomaufmerksamkeit gegenüber den Krankheiten und sie haben für Männer und Frauen verschiedene Bedeutungen.

Für das frühe Kindesalter gilt, daß Jungen häufiger krank sind als Mädchen. Mädchen scheinen in jüngeren Jahren weniger anfällig für Krankheiten zu sein, in der Pubertät jedoch dreht sich das Erscheinungsbild genau um:

“Zwischen 12 und 20 Jahren steigt der Anteil der bei ÄrztInnen vorgestellten Mädchen steil an, in enger Verbindung dazu nimmt auch ihr Arzneimittelkonsum zu. Von einem rein medizinisch-naturwissenschaftlichen Krankheitsbegriff her muß man Jugendliche dieser Altersgruppe eigentlich als “gesund” einstufen. Die Kinderkrankheiten sind vorbei, die altersbedingten Krankheiten noch nicht in Sicht. So sind es eher die Befindlichkeitsstörungen und die Krankheiten mit einem hohen psychosomatischen Anteil, die im Vordergrund der Beschwerden von Jugendlichen stehen- und dies mit geschlechtsspezifischen Unterschieden.[17]

Anhand von Untersuchungen kann man erkennen, daß es typisch weibliche und typisch männliche Beschwerden und Krankheitsformen im Erwachsenenalter gibt.

“Übelkeit, Schwindelgefühl, Kloßgefühl im Hals, Schwächegefühl, Schwere in den Beinen, Schlaflosigkeit und Mattigkeit sind die Hauptbeschwerden der Frauen . Männer klagen am meisten über Stiche und Schmerzen in der Brust, Sodbrennen, starkes Schwitzen, Druck- Völlegefühle, Rückenschmerzen, Kurzatmigkeit, innere Unruhe, Reizbarkeit, Gewichtsabnahme, Nacken-/Schulter- Schmerzen (Nationaler Untersuchungssurvey der deutschen Herz- Kreislauf- Präventionsstudie 1984-1986, zitiert nach Maschewsky- Schneider et al. 1991).”[18]

Bei Männern werden organische Beschwerden festgestellt, deren Erscheinungsformen klar einzugliedern sind in bestimmte Krankheitsbilder, wodurch vom Arzt eine klare Diagnose und Behandlungsmethodik erstellt werden kann. Für die oftmals nur sogenannten Befindlichkeitsstörungen von Frauen gibt es in der Medizin keine klare Diagnose. Die Ursachen hierfür liegen darin, daß die meisten Ärzte männlich sind und die Sprache der Frauen nicht verstehen: Männer und Frauen unterscheiden sich in ihrer Ausdrucksweise, wenn sie über Krankheiten sprechen. Während Männer eine auf das Körperliche, Organische bezogene Sprache sprechen, teilen Frauen eher ihre Empfindungen und Gefühle mit, die ihre Beschwerden, die durchaus auch körperliche Ursachen haben können, hervorrufen. Auch die Medizin ist nicht in der Lage Krankheiten geschlechtsneutral zu beurteilen und zu behandeln. Man kann sogar sagen, daß sie die Unterschiede nicht nur hervorhebt, sondern sie auch noch bestärkt und fördert. Doch auf die Tatsache möchte ich im nächsten Kapitel (3.2) erst weiter eingehen, zunächst sollen hier lediglich die Geschlechtsunterschiede von Frauen und Männern behandelt werden.

Nicola Böhm zeigt in ihren Untersuchungen, daß Männern in unserer Gesellschaft mehr Spielräume zugebilligt werden, die ihnen erlauben sich dem Druck und dem Streß, dem sie in ihrem Alltag ausgesetzt sind, zu entledigen.

“So haben Männer in unserer Gesellschaft sehr viel mehr Handlungsspielräume, und damit auch mehr Möglichkeiten, psychischen Druck oder Widerstand auszuagieren: sei es im Sport, in den Vereinen, in Jugendbanden oder in politischer Betätigung. Sie haben eine breitere Palette kulturell sanktionierter Abwehrmittel zur Verfügung.”[19]

An Frauen werden höhere Rollenerwartungen gestellt, denn zu der beruflichen Beanspruchung kommt noch die Beanspruchung durch die Familie und den Ehepartner hinzu. Dadurch erhält sie einen viel engeren Handlungsspielraum und ebenso viel weniger Möglichkeiten den psychischen Druck zu kompensieren. Nicola Böhm schließt daraus, daß hieraus eine Art “Berufskrankheit” entsteht, die eine “psychische Erkrankung” als Ausdruck für eine Überlastung durch spezifische Rollenanforderungen zur Folge hat.[20] Es scheint offensichtlich so zu sein, daß die Frau krankheitsanfälliger ist, durch die hohen Anforderungen, die an sie gestellt werden und durch ihren beschränkten Handlungsspielraum, sie daher entsprechend weniger Möglichkeiten hat, sich ihres Drucks zu entledigen.

3.2. Patriarchale Strukturen in der Medizin

Aus diesen oben aufgeführten Geschlechtsunterschieden zwischen Männern und Frauen entstehen in der Medizin Differenzen bei der Diagnostik von Krankheiten. Männer und Frauen haben unterschiedliche Erscheinungsformen von Krankheiten, wobei sich die Frage stellt, wer dies bestimmt und festlegt. Hier muß auf die Vorgehensweise der Medizin, bzw. Des Arztes ein Augenmerk geworfen werden.

Wenn wir uns krank fühlen, suchen wir Ärzte verschiedener Fachrichtungen auf. Wir schildern ihnen unsere Beschwerden und Symptome und sie sind es, die Krankheit diagnostizieren und behandeln. Wir schenken ihnen unser Vetrauen und begeben uns in ihre Hände, indem wir die Verordnungen befolgen und uns auf ihr Urteil verlassen.

Auch heute noch bekleiden überwiegend Männer das Berufsbild des Mediziners. Wenn man zurückblickt in das vergangene Jahrhundert, so läßt sich feststellen, daß für Frauen nicht viele Möglichkeiten bestanden, diesen Beruf zu erlernen. Dies lag in der Tatsache begründet, daß Frauen aus dem öffentlichen Bereich ausgegrenzt wurden, und somit eine Herabsetzung erfuhren.

Als die Organmedizin im 19. Jahrhundert immer mehr an Bedeutung gewann, wurden die Frauen als “krankes Geschlecht” bezeichnet. Damals gehörten die Frauen zum bevorzugten Klientel der Ärzteschaft. Sie galten als schwach, empfindsam und stimmungsabhängig. Der defizitäre weibliche Körper gab der Medizin genügend Stoff, um die “Frau als Krankheit” zu beschreiben. Es ging sogar so weit, daß sie mit Krankheit gleichgesetzt wurde. Die Gebärmutter, Eierstöcke, Menstruation, Schwangerschaft und Geburt galten als Krankheitsherde im weiblichen Körper.

Die Entwicklungen in der bürgerlichen Kultur im 19. Jahrhundert, die Frauen mehr zu “kultivieren” und sie dadurch stärker zu machen, beschreibt Nietzsche sehr deutlich. Diese Entwicklungen hatten ein Frauenbild zur Folge, in dem die Frau als schwächlich und dekadent dargestellt wurde. Es herrschte die Auffassung, daß Frauen durch die Förderung ihres Intellekts kränker würden und sie dadurch nicht mehr ihrer eigentlichen Aufgabe, die des Kindergebährens, nachkommen könnten.

“Man will hier und da selbst Freigeister und Literaten aus den Frauen machen: als ob ein Weib ohne Frömmigkeit für einen tiefen und gottlosen Mann nicht etwas vollkommen Widriges und Lächerliches wäre-; man verdirbt fast überall ihre Nerven mit der krankhaftesten aller Arten Musik (unser deutschen neuesten Musik) und macht sie täglich hysterischer und zu ihrem ersten und letzten Berufe, kräftige Kinder zu gebären, unbefähigter.[21]

Man kann hier sehr deutlich die Angst der Männer erkennen, die mit der möglichen Entstehung eines neuen Frauenbildes erwächst. Mit Hilfe der Medizin gelang es ihnen die Frau auf ihre Schwächen zu reduzieren: Ihr Urteilsvermögen wurde herabgesetzt und es wurde ihr untersagt, ihre Meinung, Gefühle und Wünsche zu äußern. Die Frau mit Krankheitsbegriffen von Schwächlichkeit und Zerbrechlichkeit bis hin zur Hysterie in Verbindung gebracht. Hin- und hergerissen zwischen ihren sogenannten Pflichten und ihren Wünschen, akzeptierten die Frauen, daß Krankheit als ein weibliches Vorrecht galt. Regina Schaps beschreibt in ihrem Buch am Beispiel der Hysterie, wie einseitig das Denken der Mediziner in der bürgerlichen Kultur war, und wie einfach die charakteristischen Merkmale (oder besser gesagt die “Dekadenz der Frauen”) mit Hilfe einer Krankheit zu erklären waren.

“Die Hysterie symbolisierte als soziokulturelles Deutungsmuster einen Kult weiblicher Kränklichkeit, der sich schließlich als gängiger Lebensstil in Form eines Wechsels von Widerstand und Unterwerfung durchsetzen konnte. Krankheit wurde zum weiblichen Vorrecht innerhalb einer männlichen Kultur, in der die Frauen die ihnen zugewiesenen Rolle der Leidenden und Pflegebedürftigen willig akzeptierten.”[22]

Durch stereotype Krankheitszuschreibungen konnte die männliche Ärzteschaft ein unglaubliches Machtpotential entwickeln, und Herrschaft über die Frauen erlangen. Die Vorurteile den Frauen gegenüber sind immer noch nicht ganz abgebaut. Obwohl es heute viele Ärztinnen gibt, sind doch noch einige von ihnen von einer am Mann orientierten Medizin, geprägt.

Anhand einer Studie über Herzerkrankungen, (eine immer noch als typisch geltende Krankheit für Männer), stellt auch Ulricke Maschewsky- Schneider fest, daß es bei den Ärzten eine Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Beschwerden gibt. Auch heute noch werden Herzerkrankungen bei Frauen weniger diagnostiziert, weil diese Krankheitsform nicht in das weibliche Krankheitsbild in der Medizin paßt.

“Vielmehr scheinen Vorurteile über typisch männliche und typisch weibliche Krankheiten eine Rolle zu spielen, mit dem Ergebnis, daß bei Frauen seltener ein Verdacht auf einen Herzinfarkt vermutet wird und deshalb seltener als bei Männern eine entsprechende Diagnostik angewandt wird. Auch dies hat etwas mit dem Mythos “Krankheit Frau” zu tun. Während Männern eher organische Krankheiten zugeschrieben werden, so den Frauen eher psychische oder psychosomatische Krankheiten. Eine Herzsymptomatik wird dann bei Männern eher als organisch, bei den Frauen als seelisch bedingt interpretiert.”[23]

Die Entwicklungen gehen dahin, daß heute auch immer mehr Frauen an Herzerkrankungen leiden. Ihre Lebenssituation hat sich verändert durch das Ausüben mehrerer verschiedener Rollen. Sie werden mindestens so hohen Belastungen, wie es bei Männern der Fall ist, ausgesetzt. So entstehen entgegen der Vorurteile in der Medizin bei Frauen solche Erkrankungen, die dann nicht nur unbedingt eine psychosomatische Ursache haben müssen. Der Herzinfarkt ist ein Indiz dafür, da dieser bei Frauen eine Folge der erhöhten Stressfaktoren in ihrem Leben ist.

Im nächsten Kapitel stelle ich die unterschiedlichen Tätigkeitsfelder von Männern und Frauen dar, die durch die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung entstehen. Es soll aufgezeigt werden, wie und woraus Belastungen resultieren, die Frauen unter Umständen krank machen können.

3. Doppelrollenkonzept

Wenn man den Lebenszusammenhang insbesondere von jungen Frauen betrachtet, stellt man fest, daß zu ihren Aufgaben, die sie in der Familie erfüllen, die Rolle der Erwerbstätigen mit dazugehört. Frauen erlangen aus der Berufstätigkeit heraus mehr Eigenständigkeit und die Möglichkeit ihr Leben nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Sie fühlen sich nicht mehr so abhängig von ihrem Ehemann, der meist erwerbstätig ist und in der Regel die finanzielle Versorgung der Familie übernimmt. Durch die Berufsarbeit erlangen Frauen mehr Selbstwertgefühl als durch die alleinige Hausarbeit. Frauen, die nach dem Doppelrollenkonzept leben, erleben in der “Nur”- Hausarbeit nicht die Bestätigung, die sie suchen, weil Hausarbeit weniger gesellschaftliche Anerkennung genießt als die Berufsarbeit. Obwohl Frauen einem Beruf nachgehen, fühlen sie sich weiterhin verpflichtet, die gesamte Hausarbeit zu erledigen. Wenn in der Familie noch Kinder sind, dann übernehmen die Frauen auch die Kindererziehung und richten häufig ihre Arbeitszeiten nach den Bedürfnissen der Familie.

“Für erwerbstätige Frauen aber ist Arbeit immer beides, marktvermittelte Arbeit und Arbeit im familiären Bereich. Insbesondere Mütter von Kleinkindern werden - auch wenn sie erwerbstätig sind - damit konfrontiert, daß durch ein Kind neben der Pflege- und Beziehungsarbeit auch die rein materielle Hausarbeit hinzukommt”[24]

Die Arbeitskraft der Frauen richtet sich auf berufliche Aufgaben, Haushaltsführung und kindbezogene Alltagsarbeit. In der Doppelrolle kommen alle Tätigkeiten einer “Nur”- Hausfrau zu denen der Berufstätigkeit hinzu. Viele Frauen haben sich bewußt dazu entschieden diese Doppelbelastung auf sich zu nehmen, denn sie möchten sich nicht mehr vorschreiben lassen, die bestimmen, in welchem Bereich sie zu arbeiten haben. Durch die Berufstätigkeit erhoffen sich viele Frauen von der alleinigen Zuständigkeit für den privaten Bereich zu lösen, und dadurch ein Stück in den öffentlichen, außerhäuslichen Bereich zu gelangen, der ja eigentlich nur für die Männer in unserer Gesellschaft vorgesehen ist.

Wie sich nun der Beruf mit Haus- Familien- und Beziehungsarbeit in bezug auf den weiblichen Lebenszusammenhang miteinander verbinden läßt, werde ich in den folgenden Punkten aufzeigen.

[...]


[1] Vgl. “Psychologie heute”, 1989, S.8 ff.

[2] Vgl. Helfferich, 1993, S.53

[3] Vgl. Helfferich, 1993, S. 36 ff.

[4] Vgl. Goebel, 1992, S. 18 ff.

[5] Ochel, 1989, S. 170

[6] Ochel, 1989, S.170

[7] Ochel, 1989, S.171

[8] Ochel, 1989, S.171

[9] Vgl. Helfferich, 1994, S. 7 ff.

[10] Stahr, 1991, S.9

[11] Helfferich, 1994, S.60

[12] Vgl. Helfferich, 1994, S.16

[13] Helfferich, 1994, S.16

[14] Helfferich, 1993, S.53

[15] Vgl. Helfferich, 1993, S.52 ff.

[16] Kolip, 1994, S.11

[17] Stein- Hilbers, 1994, S. 84

[18] in: Stein- Hilbers, 1994, S.85

[19] Böhm, 1987, S.93

[20] Vgl. Böhm, 1987, S.93

[21] Nietzsche, 1955, S.702 f., in: Schaps, 1992, S.129

[22] Schaps, 1992, S. 130 ff.

[23] Maschewsky- Schneider, 1996, S.12

[24] Krüger, 1987, S.28

Details

Seiten
121
Jahr
1998
ISBN (eBook)
9783638101844
Dateigröße
672 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v242
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
2,5
Schlagworte
Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung Sozialisation Deutungsmuster Beschwerden Frauen

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Titel: Geschlechtshierarchische Arbeitsteilung und geschlechtsspezifische Sozialisation als Deutungsmuster sogenannter  psychosomatischer  Beschwerden von Frauen