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Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sowjetische Raketen auf Kuba

3. Die Reaktion der USA

4. Der Verlauf der Krise

5. „Patria o muerte“ – die kubanische Perspektive

6. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Die Welt am Abgrund“, „an der Schwelle zum Atomkrieg“ – mit vergleichbaren Superlativen wird nicht gegeizt, wenn von einer der schwersten politischen Krisen der Nachkriegsgeschichte die Rede ist, welche sowohl den Höhepunkt des Kalten Krieges als auch eine wichtige Zäsur in den Ost-West-Beziehungen darstellte. Die so genannte „Kuba-Krise“ um die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba ist sicherlich einer der am besten untersuchten und dokumentierten politischen Konflikte seiner Art, auch wenn hier die Geschichtsschreibung wohl noch immer nicht völlig beendet ist.

Um die Entscheidungsprozesse der amerikanischen Führung nachvollziehen zu können war man die ersten Jahre noch auf die Gedächtnisprotokolle und Stellungnahmen der damaligen Mitwirkenden angewiesen, ein Beispiel hierfür liefert das von Robert Kennedy verfasste Buch „thirteen days“ (KENNEDY 1969). Durch die stufenweise Freigabe der geheimen Dokumente und Memoranden der US-Regierung sowie durch die Analyse der heimlich von John F. Kennedy angefertigten Tonband-Mitschnitte der betreffenden Sitzungen im Kabinettsaal des Weißen Hauses ergibt sich jedoch in dieser Hinsicht heute ein sicherlich objektiveres und differenzierteres Bild der Krise. Da die geheimen Akten in Kuba und Russland bis heute noch nicht freigegeben sind, waren für das Verständniss der kubanischen und sowjetischen Position vor allem die 1990 veröffentlichten Briefe zwischen Castro und Chruschtschow sowie fünf zwischen 1987 und 1992 abgehaltene Konferenzen von entscheidender Bedeutung. Auf diesen Konferenzen – in Hawks Cay (Florida), Cambridge (Massachusetts), Moskau, Antigua und Havanna - diskutierten wichtige Entscheidungsträger aller beteiligten Parteien zur Zeit der Kuba-Krise zusammen mit Historikern über die damaligen Ereignisse, woraufhin eine ganze Reihe von neuen Erkenntnissen gewonnen wurden und die Kuba-Krise teilweise völlig neu interpretiert werden musste. Wie der damalige Verteidigungsminister McNamara später schrieb, waren sich die drei beteiligten Parteien durch diesen erstmaligen freien Gedankenaustausch darüber klar geworden, dass sie die jeweiligen Gegner grundsätzlich falsch eingeschätzt und deren Aktionen nur allzu oft missinterpretiert hatten: „(...) it had become clear that the decisions of each of the three nations, immediately before and during the crisis, had been distorted by misinformation, miscalculation, and misjudgment“ (CHANG 1998, xi).

Die vorliegende Arbeit basiert auf dem bis heute gewonnenen Wissensstand, jedes Buch über dieses Thema muss jedoch bis zur Freigabe der betreffenden Dokumente aller drei beteiligten Parteien als unvollständig angesehen werden.

2. Sowjetische Raketen auf Kuba

Laut seinen Memoiren kam dem sowjetischen Generalsekretär Nikita Sergejewitsch Chruschtschow die Idee, Atomraketen auf Kuba zu stationieren, während seines Besuches in Bulgarien im Frühjahr 1962 (vgl. TALBOTT 1971, S. 493). Das Politbüro stimmte seinem Vorschlag zu, und nach kurzer und hastiger Planung wurde damit begonnen, unter dem Codenamen „Anadyr“ heimlich die ersten Truppen und Ausrüstungsteile auf die Insel zu verschiffen.

Wie kam es zu dieser folgenschweren Entscheidung? Die Gründe, die für Chruschtschow letztendlich den Ausschlag gaben, lassen viel Raum für Spekulationen. Fakt ist, dass sich die Beziehungen zwischen Washington und Moskau seit der Teilung Europas nach dem 2. Weltkrieg kontinuierlich verschlechtert hatten und dass die Sowjetunion beim schon seit Jahren andauernden Wettrüsten im Zuge des Kalten Krieges deutlich ins Hintertreffen gelangt war. Entgegen den kriegerischen und selbstbewussten öffentlichen Äußerungen Chruschtschows besaßen die USA zur Zeit der Kuba-Krise ein bei weitem größeres atomares Waffenarsenal als ihr Gegner: das Verhältnis zwischen den einsatzbereiten Nuklearsprengköpfen lag bei etwa 12:1 zu ihren Gunsten (vgl. CHANG 1998, S. 2). Laut Sergei Chruschtschow – dem Sohn des Parteivorsitzenden – hatte sein Vater durch diverse technische Probleme auch keine Aussicht, die vorhandene Anzahl an Interkontinentalraketen schnell zu erhöhen (vgl. BLIGHT 1993, S. 348f). Die Sowjetunion war unter Zugzwang, da die USA schon einige Zeit zuvor in ihrem NATO-Partnerland Türkei 15 Jupiter-Mittelstreckenraketen stationiert hatten, welche das Gebiet der Sowjetunion viel schneller erreicht hätten als die sowjetischen das der USA - bezeichnenderweise nun wurden diese Jupiter-Raketen etwa zur selben Zeit endgültig einsatzbereit, als Chruschtschow seinen Vorschlag bezüglich Kuba zum ersten mal äußerte. Die Verlegung von atomaren Mittelstreckenraketen auf die nur 150 km von der Südküste Floridas entfernte Insel hätte der Sowjetunion in dieser Situation in der Tat einen gewissen strategischen Vorteil gebracht, außerdem hätten sie sich so für die Jupiter-Raketen „revanchieren“ können. In seinen postum veröffentlichten Memoiren schreibt Chruschtschow hierzu: „wir würden nichts weiter tun, als ihnen ein bißchen von ihrer eigenen Medizin zu verabreichen“ (TALBOTT 1971, S. 494). Dieser Ausgleich des strategischen Ungleichgewichtes war für westliche Analysten seit jeher der Hauptgrund für die Verlegung der Raketen nach Kuba gewesen, daneben schienen auch noch innenpolitische Gründe, eine mögliche Stärkung der sowjetischen Position gegenüber China sowie eine Verbesserung der Verhandlungsbasis in der Berlin-Frage (der Status der geteilten deutschen Hauptstadt war nach wie vor ungeklärt und verursachte schwere Spannungen zwischen den Supermächten) als sowjetische Motive plausibel (BLIGHT 1993, S. 344). Die Behauptung vieler damaliger sowjetischer Entscheidungsträger, die Raketen seien in erster Linie zur Verteidigung Kubas gegen einen drohenden amerikanischen Angriff gedacht gewesen, wurde meist abgetan als Aussage zur Wahrung ihres Gesichtes.

Doch genau dieser Grund wurde vermutlich viel zu lange unterschätzt. Seit der geglückten Machtergreifung Castros am 1. Januar 1959 hatten die USA alles in ihrer Macht stehende versucht, die revolutionäre Regierung ihrer kleinen Nachbarinsel wieder zu stürzen. Die massenhaften Enteignungen von US-amerikanischen Firmen und die verheerende Signalwirkung an andere Länder der Region waren für sie inakzeptabel. Nachdem schließlich die von ihnen unterstützte und von Exilkubanern ausgeführte Invasion in der Schweinebucht am 16. April 1961 kläglich gescheitert war, Castro seine Revolution öffentlich als sozialistisch ausgerufen hatte und immer engere ökonomische und militärische Bande mit der Sowjetunion zu schmieden begann, erlangte dieses Vorhaben höchste Priorität. Für John F. Kennedy war die Bekämpfung des Sozialismus in der Dritten Welt seit seinem Amtsantritt das wichtigste außenpolitische Ziel, da in Europa „die Würfel längst gefallen“ waren und sich seiner Meinung nach die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus dorthin verlagern würde (GREINER 1991, S. 14). Ein sozialistisches Land direkt im Hinterhof der Vereinigten Staaten konnte er nicht hinnehmen, ein im Sommer 1961 durch Che Guevara übermitteltes Signal für eine Annäherung fand dementsprechend in Washington auch kein Gehör mehr - „John F. Kennedy lehnte einen ‚modus vivendi‘ mit Fidel Castro prinzipiell ab“ (ebd., S. 19). Stattdessen wurde unter dem Decknamen „Mongoose“ ein groß angelegtes Projekt des Geheimdienstes ins Leben gerufen, welches verdeckte Einsätze auf Kuba mit Erntevernichtungen, Sabotageakten und Attentaten auf die kubanische Führung sowie die Vorbereitung einer Konterrevolution beinhaltete. Desweiteren ließ Kennedy Pläne für eine mögliche neuerliche Invasion mit regulären amerikanischen Truppen ausarbeiten – beim Angriff in der Schweinebucht hatte er noch die direkte Teilnahme amerikanischer Soldaten verboten – und aufwendige Manöver in der Karibik abhalten, die eine Invasion Kubas simulieren sollten (vgl. CHANG 1998, S. 5-6).

Dem sozialistischen Lager blieben die genannten Aktivitäten nicht verborgen, und als im Januar 1962 Kuba auf amerikanische Initiative hin aus der OAS ausgeschlossen wurde und dem kubanischen Geheimdienst Dokumente mit konkreten Zeitplänen einer möglichen Invasion in die Hände fielen, festigte sich auf Kuba die Annahme, dass ein amerikanischer Angriff unmittelbar bevorstand (vgl. ebd., S. 6). Im Rückblick auf die Krise bestreiten die damaligen amerikanischen Entscheidungsträger bis heute, dass sie Kuba vor der Installation der Raketen wirklich angreifen wollten. Der ehemalige Verteidigungsminister McNamara räumte auf der Moskau-Konferenz zwar ein, dass es nach außen hin wohl so gewirkt habe („...if I had been a Cuban leader, I think I might have expected a U.S. intervention“; BLIGHT 1993, xii), betont aber mehrfach, dass es sich bei den besagten Plänen lediglich um Eventualplanungen gehandelt habe. Keineswegs abwegig ist es jedoch, die amerikanischen Aktivitäten trotz dieser Dementis als Vorbereitungen für eine Invasion der Insel zu deuten, welche der endgültigen und langfristigen Stabilisierung des Castro-Regimes zuvorkommen sollte.

Die Kreml-Führung jedenfalls teilte die Besorgnis Castros, und Chruschtschow sah sich zum Handeln gezwungen. Kuba war inzwischen zum wichtigsten Verbündeten der Sowjetunion in der westlichen Hemisphäre geworden, zudem war es das strahlende Beispiel einer geglückten sozialistischen Revolution, die als Vorbild und als Magnet für andere lateinamerikanische Länder für Moskau von unschätzbarem Wert war. Wie Chruschtschow in seinen Memoiren anführt, wäre ein Verlust Kubas „ein schrecklicher Schlag für den Marxismus-Leninismus“ gewesen und hätte dem Ansehen der Sowjetunion in der Dritten Welt schweren Schaden zugefügt (TALBOTT 1971, S. 493). Da Chruschtschow von der Unmöglichkeit der Verteidigung Kubas mit konventionellen Waffen überzeugt war, fasste er den Beschluss, heimlich Atomraketen zu installieren und die USA nach der Herstellung ihrer Einsatzbereitschaft im November 1962 vor vollendete Tatsachen zu stellen. Er ging fälschlicherweise davon aus, dass er die USA überrumpeln könne und dass Kennedy die neue Situation dann zähneknirschend hinnehmen würde - der amerikanische Präsident erschien ihm als „zu jung, zu intellektuell, zu liberal und zu unerfahren“ als dass er es zu einer Konfrontation mit der Sowjetunion kommen lassen würde (GREINER 1991, S. 22). Im Falle eines Angriffs auf die feuerbereiten Raketenstellungen würden die USA außerdem nicht alle sofort zerstören können, so dass die übrigbleibenden noch auf das amerikanische Festland abgefeuert werden könnten - diese Tatsache hätte Kennedy Chruschtschows Meinung nach für immer von einem Angriff abgehalten. Ende Mai schließlich wurde der Vorschlag Fidel Castro unterbreitet, die Antwort fiel positiv aus.

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Details

Seiten
18
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638271523
DOI
10.3239/9783638271523
Dateigröße
835 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt – Zentralinstitut für Lateinamerika-Studien
Erscheinungsdatum
2004 (April)
Note
sehr gut
Schlagworte
Kuba-Krise Kuba kalter Krieg Sowjetunion Castro Guevara USA

Autor

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Titel: Die Kuba-Krise 1962