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Ludwig Tieck - Der Runenberg

Hausarbeit 2004 14 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Christians Wege

3. Die Landschaftscodierungen

4. Die Verbindung Christians mit der Natur

5. Fazit

6. Literaturliste

1. Einleitung

Ludwig Tieck verfasste das Märchen „Der Runenberg“ in einer Nacht im Jahre 1802. Es gilt als eines der letzten Zeugnisse seiner Zugehörigkeit zur literarischen Romantik. Er greift in dieser Erzählung neben dem Gefühl des Ausgeliefert- Seins, die Einsamkeit und das Unheimliche auf.

Entstanden ist eine Märchennovelle, in der die Natur als eine dunkle Macht wirkt, die für den Menschen unwiderstehlich ist und somit seine freien Entschlüsse verhindern kann.[1]

„Der Runenberg“ spiegelt die für die Romantik so typischen Gefühle des Einsseins und des Verschmelzens wieder. Die Romantiker suchten solche Erfahrungen auch in erotischen Momenten, welche als religiöse Erlebnisse gedeutet wurden und eine Erfahrung der göttlichen Liebe darstellten.[2] Die Beschreibung der Frau, die Christian durch die Gemäuer des Runenberges beobachtet und die bei der Überreichung der Runentafel die Worte des Abendmahls spricht, könnte ein solches Erlebnis darstellen, da ihre Gestalt in Einzelheiten geschildert wird und Christians Sehnsüchte offen darlegen. Durch den am darauf folgenden Tag besuchten Gottesdienst, erhält die Szene eine christliche Parallele.[3]

Tiecks Werke sind durch zahlreiche Aspekte der modernen Psychologie verfeinert, auf die im weiteren Verlauf der Hausarbeit eingegangen wird. Speziell soll es um den Zusammenhang der Naturbeschreibungen mit der Adoleszenz Christians und die Verbindung der Handlung mit der Natur gehen. Auch die Modernen Denkweisen, die in Tiecks Schriften in einem hohen Maß hervortreten und deren wesentliche Merkmale das Spiel der Figuren bis zur Auflösung ihrer Identität und die unsichtbaren Grenzen zwischen Bewusstsein und Traum sind, werden näher beschrieben und erläutert.

Die Grundlage für die Hausarbeit bildet der Aufsatz: „Romantische Adoleszenzkrisen“ von Hartmut Böhme, der speziell auf diese Problematik eingeht und sie näher beschreibt, sowie das Buch: „Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. Der Runenberg.“ von Hanne Castein.

2. Christians Wege:

Christian, der Protagonist der Erzählung, signalisiert durch seine Gebirgswanderung, dass er etwas Neues, Spannendes erleben möchte. Es scheint, als ob es ein Ausbruch bzw. ein Neubeginn aus seinem bisherigen, für ihn eintönigen Leben sei. Das wohlbehütete Elternhaus und die väterliche Fürsorge scheinen Christian einzuengen und lassen ihn unglücklich und rastlos wirken. Er ist auf der Suche nach dem Abenteuer. Diese Aspekte sind weit verbreitete und typische Merkmale für die Romantik.

Kindheit und Adoleszenz sind um 1800 nicht in den ihnen eigenen Dynamiken und Abläufen bekannt. Die Phasen dieser Entwicklungen werden nach ihrer Entdeckung als „gefährliche Epochen unzivilisierter Natur und verführbarer Sinnlichkeit global der Unvernunft zugeschlagen und rationalistischen Strategien der pädagogischen Formierung unterworfen.“ bezeichnet.[4]

Aus diesem Grund entwickeln die Romantiker zur Verdeutlichung kindlicher und adoleszenter Reifungsprozesse in ihren Texten, komplexe symbolische Topographien, räumliche Grenzziehungen, Raumbewegungen, Zeitordnungen sowie Mittlerfiguren, welche als protopsychoanalitisch bezeichnet werden können.[5]

Die räumlichen Aspekte sind unter anderem die Abgeschiedenheit des dörflichen Lebens in der Tiefe der Gebirgslandschaft, zum zeitlichen Aspekt zählt die Geschichte/ Urgeschichte. Der Protagonist begibt sich bei Mondschein auf den Weg zum Runenberg, das ist keine „Kulissensprache“. L. Tiecks Dichterkollege und Literaturkritiker August Wilhelm Schlegel bemerkt dazu: „Die Nacht umhüllt diese „Wirklichkeit“ mit einem wohltätigen Schleier und eröffnet uns dagegen durch die Gestirne die Aussicht in die Räume der Möglichkeit; sie ist die Zeit der Träume.“[6]

Auf dem Weg zum Runenberg nimmt der Mond bedeutenden Einfluss auf Christians Gemütszustand und es scheint, als ob er eine Reise in das Land der Phantasie und verborgenen Wünsche antritt. Das helle Licht inspiriert den Protagonisten und deutet ihm den richtigen Weg. Er ist auf der Suche nach seinen Ursprüngen und findet erst auf dem Runenberg die Erfüllung seiner Erwartungen und Träume.

Der amerikanische Germanist Theodore Ziolkowski deutet das Bergwerk als Verkörperung der menschlichen Seele und ist der Ansicht, dass Christian in die Tiefe des Berges steigt um dort „seine Lebensgeschichte“ zu erforschen. Er begibt sich auf den Weg um seine Identität bzw. Seele zu verstehen und sich selbst zu finden.

Er ist von der Schönheit der Bergfrau überwältigt und von ihrem Dasein fasziniert. „Erst nahm sie einen goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes schwarzes Haar floß in geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu atmen, als sie nach und nach alle Hüllen löste.“[7]

Die entgrenzende Phantasie der Hauptfigur ist an die Lust gekoppelt. Nach Herbert Marcuses spricht die Phantasie „die Sprache des Lustprinzips(…), die Sprache der Freiheit von Unterdrückung und Verdrängung, von ungehemmten Wünschen und Erfüllungen.“[8]

In dieser Erzählung gibt es nur einen Hinweis auf die materielle Habgier der Hauptfigur. Als Christian das Geld des Fremden anvertraut bekommt, entwickelt er die Neigung, sein Glück an seinem materiellen Wohlstand zu messen. In fast jeder Nacht zählt er das zurückgelassene Geld und er ist sehr beunruhigt, dass der Fremde wiederkommt, um sich das Geld abzuholen. Das Geld verändert sein Wesen und beeinflusst entscheidend sein Verhalten. Christian drängt seinen Vater, dass Geld in Ländereien anzulegen. Er genießt seinen neu erworbenen Reichtum und ist vergnügter und zufriedener als früher. „Alle seine Furcht war jetzt in seiner Seele verschwunden.“[9] Aber gleichzeitig zieht sich der Protagonist in seine eigene Phantasiewelt zurück und nimmt die Ängste und Gefühle seiner Familie nicht wahr. Positiv zu bewerten ist jedoch, dass er das verdiente Geld für die Ausbildung seiner Kinder verwenden möchte.

[...]


[1] Hanne Castein (Hrsg.): Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Stuttgart 1987, S.18f.

[2] Wolf Wucherpfenning: Die Geschichte der deutschen Literatur. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Leipzig 1996, S.138.

[3] Hanne Castein (Hrsg.): Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Stuttgart 1987, S.11.

[4] Hartmut Böhme: Romantische Adoleszenzkrisen in: K. Bohnen, S.- A. Jörgensen, F. Schmöe: Text und Kontext, Sonderreihe Bd. 10, Literatur und Psychoanalyse, 1981, S.136.

[5] ebd. S. 138ff.

[6] August Wilhelm Schlegel: Kritische Schriften und Briefe, in: Edgar Lohner (Hrsg), Bd. III, Stuttgart 1964, S.65.

[7] Walther Münz: Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“, Stuttgart 2003, S. 95.

[8] Herbert Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt am Main 1982, S. 142 f.

[9] Walther Münz: Ludwig Tieck. Märchen aus dem „Phantasus“, Stuttgart 2003, S. 98.

Details

Seiten
14
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638273640
Dateigröße
507 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24501
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Ludwig Tieck Runenberg

Autor

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Titel: Ludwig Tieck - Der Runenberg