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Es ist eine Illusion… Analyse einer Szene aus David Lynchs Mulholland Dr.

Seminararbeit 2004 13 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhalt[1]

A woman, known only as Rita, is involved in a car crash on Mulholland Drive, in Hollywood California, with two men, who are apparently evil. In the crash, the two men die, but Rita escapes. She remembers nothing afterwards, not even her name, but simply crawls away. She stumbles to an apartment complex and hides in a bush outside of it. Meanwhile, at a restaurant, two men named Herb and Dan converse. Dan re­veals he had a nightmarish dream about the particular restaurant they're in. When the dream begins to come true, the two high-tail it out of there. They go to an alley next to it, where Dan dies for no apparent reason. Later, a wannabe actress named Betty arrives in Los Angeles and takes a cab to the apartment com­plex her Aunt Ruth lives in. There, she meets Coco (Ann Miller), the manager of the apartment complex. She takes Betty to her Aunt's room (her aunt being away, she is letting Betty stay there). Once Coco leaves, Betty finds Rita hiding in there. Rita eventually tells Betty about her amnesia and the two try to figure out who she is. In another part of Los Angeles, a man named Adam Kesher, a film director, is being conned into hiring a specific actress for his new movie by a pair of brothers named Luigi and Vincenzo Castiglia- ne (apparently mafia types). He refuses and returns home, to find his wife in bed with a cleaner. The clea­ner beats Adam up, and Adam goes to stay at a hotel. When he's there, he finds the the Castigliane brothers have evaporated all his money resources, and he has only enough for one night.

Einleitung

Die Schonheit wird konvulsiv sein oder nicht sein.

- Andre Breton, Nadja[2]

David Lynchs Werk wird in seiner Asthetik oftmals mit den bildenden Kunsten, genauer: den Surrealisten, verglichen.i Lynchs Vita bekraftigt diese Deutung, hat er doch als Maler begonnen um dadurch schliefilich beim Film zu enden. Auf die enge Verwandtschaft der Kunste Film und Malerei muss hier nicht gesondert eingegangen werden. Das oben stehende einleitende Zitat bezieht sich auf das Manifest des literarischen Surrealismus, Andre Bretons »Nadja«.[3] Seine Losung der >zuckenden Schonheit[4] konnte gleichsam als Lo- sung Lynchs gelten. Die Bildwelten, die Lynch in seinen Filmen schafft, eint von seinen ersten Filmen bis zu seinem letzten, die zuckende, sich aufbegehrende Differenz zwischen Realitat und Scheinwelt, zwischen ei- ner nicht mehr existenten Wahrheit und der Luge, die der Schonheit nicht mehr zur Unversehrtheit verhel- fen kann. Die Orte in Lynchs Filmen sind geographisch bestimmungslos; von Lumberton in blue velvet uber die Industrie-Kloake in eraserhead bis hin zu dem zwischen Moloch und Zuflucht spendender Oase changierenden Los Angeles aus mulholland dr. Diese Stadte lost Lynch aus ihren Bedeutungen und setzt sie hernach in einen blofi mehr fragmentarischen Zeichenkosmos, dessen Losung bzw. Interpre­tation wir nicht mehr auf der Leinwand sondern vielmehr in uns selbst zu suchen haben.[5]

Lynchs Kosmos ist einer des postmodernen Zitats und der Dekonstruktion. Mit seinen Ausstattungen und Bildkompositionen erinnert er an Edward Hopper, der seines Zeichens wiederum Architektur mal- te. Seine Montagetechniken reichen vom Zitat des Westernfilms bis hin zum klassischen Horror und so- gar zum Slashermovie. Die Atmosphare ist stets bedrohlich und dunkel wie im film-noir; selbst wenn uns - wie in der Eroffnungssequenz von blue velvet - der tidy, all-american suburb vorgespielt wird, sind wir sogleich alarmiert: Hier ist ein Zuviel an Farbe, ein Zuviel an Friede, kurzum, hier kann etwas nicht stimmen.

Anhand der Szene im Club Silencio will ich im folgenden den Kosmos Lynch mit seinen Tropen und Zeichen genauer analysieren und herausarbeiten, inwiefern diese Szene programmatisch fur Lynchs Film ist.

Der Club Silencio

Die Szene im Club Silencio nimmt eine tragende Stellung in mulholland dr. ein - auch weil sie den Umbruch in der zweigeteilten Struktur des Filmes markiert. Der Club Silencio, eine Mischung aus Theta- er, Kino und Kleinkunstbuhne, weist uns direkt zu Beginn der Szene vor allem auf uns selbst hin: Wir, die Kinozuschauer, sitzen hier mit Rita und Betty im Zuschauerraum, wir wundern uns wie Rita und Betty uber die seltsame Atmosphare, wir sind mit Rita und Betty zu Tranen geruhrt, wenn Rebecca del Rio von ebenjenen Tranen singt.

Die Szene beginnt konventionell. Die beiden Frauen betreten den Club Silencio in der Hoffnung, mehr uber Ritas Geschichte zu erfahren. Das Licht ist gedampft, die Atmossphare ruhig, wie wir es in einem Theater erwarten wurden. Der recht sparlich besetzte Zuschauerraum lasst jedoch recht bald darauf schlie- fien, dass es sich bei dem Club Silencio nicht um ein grofies Cineplex oder einen mondanen Theaterpalast handelt. Auch die Betonung des engen Raumes durch die weitgehende Vermeidung von Totalen tragt dazu bei.

Die Farbe und das Licht

Die Dunkelheit ist wie schon in lost highway keine schutzende mehr, sie saugt vielmehr die Bilder in sich auf und mit ihnen die Figuren. Der grofie Protagonist gerade dieser Szene ist das Licht bzw. die Abwe- senheit desselben. Wenn der Moderator im Nebel verschwindet, verschluckt ihn die Dunkelheit, wahrend Rebecca del Rio schon mit einem auf sie gerichteten Spot auftritt.

Als Signalfarbe dient vor allem Rot und - wie bei Lynch ublich[6] - ein kaltes, fahles Blau. Der zweite Mo­derator, der del Rio ansagt und den wir schon aus der Hotelszene mit Adam Kesher kennen, ist ganz in rot gekleidet. Die traditionelle Filmsprache weist bereits darauf hin: Gefahr naht! Interessanterweise tut sich eine Analogie zwischen Betty und Rebecca del Rio auf: Betty ist vor allem zu Beginn des Films in ein un- schuldiges, Frische, Jugend- und Jungfraulichkeit[7] suggerierendes Rosa gekleidet ist, dasselbe Rosa, dass sich jetzt als Lippenstift auf den Lippen Rebecca del Rios wiederfindet. Die genannten Konnotationen wer- den jetzt aber invertiert: Diese Frau erscheint nicht jungfraulich, das Lied[8] lasst auf eine verzweifelte Frau schliefien, auf ein gelebtes Leben, das Betty erst noch vor sich zu haben scheint. Auch die starke Schminke unterstutzt diesen Eindruck. Insofern wird eher der Bezug zu Rita betont. Letztlich handelt es sich deswe- gen bei del Rio wohl vor allem um eine Figur, die die These von Rita und Betty als ein- und dieselbe Per­son stutzt.

Der Moderator

Der Moderator ist eine seltsame Mischung aus einem Zirkusdirektor (sein Stab deutet darauf hin) und ei- nem Illusionisten der alten Schule: Er legt die Karten offen auf den Tisch (»No hay banda.«, Es gibt keine Band.) ohne dadurch irgendetwas zu erklaren. Er hat die Macht, er fuhrt im wahrsten Sinne des Wortes die Zuschauer durch den Abend - und mit ihnen uns. Es scheint eine Analogie zwischen dem Bildzaube- rer Lynch und dem Lichtillusionisten auf der Buhne konstruiert worden zu sein: Wir sehen nur, was er uns sehen lassen will. Wir tappen im Dunkel.

Der Moderator lasst keinen Zweifel an der Irrealitat des Gezeigten: Die Band existiert nicht, alles ist auf- gezeichnet, alles eine Illusion. Und dennoch: Wir fuhlen mit Rita und Betty. Das Lied ist - ob von del Rio vorgetragen oder nicht - ein trauriges. Die Szene existiert wirklich. (Wie sehen sie doch, oder? muss man sich hier fragen.)

Bibliographie

a) Bucher

Andre Breton: Nadja. - Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2002 [=BS 1351]

Jurgen Felix (Hrsg.): Moderne Film Theorie. - Mainz: Bender, 2002 [=filmforschung, Bd. 3]

Knut Hickethier: Film- und Fernsehanalyse. - Stuttgart, Weimar: Metzler, 2001. 3., uberarb. Aufl. [=Sammlung Metzler; Realien zur Literatur, Bd. 277]

James Monaco: Film verstehen. - Reinbek b. H.: Rowohlt, 2002. Sonderausgabe Aug. 2002

Hans Schleugl/Ernst Schmidt jr.: Eine Subgeschichte des Films. Lexikon des Avantgarde- Experimen­tal- und Undergroundfilms. - Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1974. [=edition suhrkamp, Bd. 471]

Georg Seeblen: David Lynch und seine Filme. - Marburg: Schuren, 2003. 5., erw. und uberarb. Aufl. [=nicht benannte Schuren-Reihe mit Monographien zu Regisseuren]

Amos Vogel: Film als subversive Kunst. Kino wider die Tabus - von Einsenstein bis Kubrick. - Rein­bek: Rowohlt, 2000 (Taschenbuchausgabe). [=rororo Sachbuch]

Karsten Witte (Hrsg.): Theorie des Kinos. - Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1973. 2. Aufl. [=edition suhr- kamp, Bd. 557] b) Webseiten International Movie Database: http://www.imdb.com/title/tt0166924/

All you have to do is dream, Salon.com: http://dir.salon.com/ent/movies/feature/2001/11/07/mulhol- land_dream/index.htm >Everything you wanted to know about »Mulholland Drive«, Bill Wyman, Max Garrone and Andy Klein, Salon.com: http://archive.salon.com/ent/movies/feature/2001/10/23/mulholland_drive_ analysis/

The Universe of David Lynch: http://www.davidlynch.de/

Lynch-Net. The David Lynch Resource: http://www.lynchnet.com/

c) Audio Slavoj Zizek: Metastasen des Geniessens - David Lynch mit Lacan. Vortrag im Rahmen der Interventi- onen, 6. Oktober 1993: http://www.ith-z.ch/ith/publikationen/audioarchiv/

[...]


[1] Ubernommen aus The Internet Movie Database, Owen Wolfe (http://www.imdb.com/title/tt0166924/plotsum- mary)

[2] Slavoj Zizek spricht in seiner Vorlesung »Metastasen des Geniessens - David Lynch mit Lacan« von einer Ver­wandtschaft Lynchs mit den Vor-Rafaeliten. Auch diese Deutung scheint schlussig und schliefit die Deutung Lynchs als Surrealisten keinefalls aus.

[3] hier zitiert nach: Andre Breton: Nadja. - Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002 [=BS 1351], S. r39. Im Original wird »konvulsiv« grofi gesetzt.

[4] Karl Heinz Bohrer, der das Nachwort fur die besagte »Nadja«-Ausgabe schrieb, betont die Absichtlichkeit, mit der das franzosische Wort convulsive seine Ubersetzung in dem unbestimmten, daher aber gleichzeitig auch genaueren deutschen Begriff konvulsiv fand und erklart das Zitat, diese Definition der Schonheit, gleichsam als eine Definition einer Kunst, die keine traditionelle Kunst fortsetzt sondern sich selbst neu erschafft - jenseits von Klassik und Ro- mantik. Ein Aspruch, den man auch Lynchs Werk zuschreiben kann.

[5] Lynch betont immer wieder, eine Erklarung seiner Filme sei von seiner Seite aus nicht zu erwarten, die Zuschauer konnten sich durchaus selber einen Reim auf seine Filme machen. Der Glaube an das Motto »The reader completes the written work« findet bei Lynch seine filmische Entsprechung.

[6] Seefilen deutet darauf hin: Seefilen, 2003, S. 218

[7] Die Bettszene zwischen Rita und Betty betont die Jungfraulichkeit Bettys: »Hast du das schon einmal getan?«, fragt Betty dort halb angstlich, halb erwartungsfroh.

[8] Es handelt sich hierbei um eine spanische Version des Roy-Orbison Liedes »Crying« (hier: »Llorando«).

Details

Seiten
13
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638275682
Dateigröße
842 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24775
Institution / Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen – Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft
Note
1
Schlagworte
Illusion… Analyse Szene David Lynchs Mulholland Film- Fernsehanalyse

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Titel: Es ist eine Illusion… Analyse einer Szene aus David Lynchs Mulholland Dr.