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Integrationsprobleme und Therapiemöglichkeiten bei Autismus

Examensarbeit 2001 68 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Autismus und seine Geschichte

3 Klinische Gesichtspunkte und Verbreitung des Autismus
3.1 Symptomatik
3.1.1 Signifikante Symptome in der Sprache
3.1.2 Sensorische Defizite bei autistischen Kindern
3.1.3 Motorisches Verhalten
3.1.4 Sonderleistungen autistischer Kinder
3.1.5 Stereotypien
3.1.6 Die Gefühlswelt
3.1.7 Aggression und selbstverletzendes Verhalten
3.1.8 Epileptische Anfälle
3.1.9 Physiognomie
3.1.10 Eßstörungen
3.1.11 Signifikante Symptome im sozialen Handeln
3.2 Epidemiologie
3.2.1 Anzahl der autistischen Kinder
3.2.2 Geschlechtsverteilung
3.3 Diagnose
3.3.1 Fachärztliche Diagnose
3.3.2 Diagnostische Klassifikation
3.3.3 Artverwandte Krankheitsbilder und Störungen
3.4 Ursachen für die Entstehung von Autismus
3.4.1 Die psychogenetische Hypothese
3.4.2 Biochemische Indikatoren
3.4.3 Strukturelle Veränderung des Zentralnervensystems
3.4.4 Genetische Disposition
3.4.5 Allgemeine Störung der Wahrnehmungsverarbeitung
3.4.6 Hirnschädigung
3.4.7 Theory of Mind

4 Therapie von Autismus
4.1 Ziele der Therapie
4.2 Ort der Therapie
4.3 Therapiekonzepte
4.3.1 Sensomotorische Therapieansätze im Hinblick auf gestörte Körperwahrnehmung
4.3.1.1 Sensorische Integrationstherapie nach Ayres
4.3.1.2 Therapie nach Affolter
4.3.1.3 Therapiekonzept nach Bobath
4.3.1.4 Pattering
4.3.2 Lernpsychologischer Therapieansatz im Hinblick auf Verhaltensauffälligkeiten
4.3.3 Konfliktpsychologischer Therapieansatz zur Verbesserung der Anpassungsfähigkeit
4.3.4 Audio-sensorischer Therapieansatz zur Steigerung der Hörwahrnehmungsfähigkeit
4.3.5 Von Lautsprache unabhängige Therapieansätze zur Verbesserung der Kommunikation
4.3.5.1 Musiktherapie
4.3.5.2 Tiertherapie und Reittherapie
4.3.5.3 Gebärdensprachentherapie
4.3.6 Physikalische Therapie
4.3.7 Medikamentöse Therapie
4.3.8 Vitamintherapie
4.3.9 Gestützte Kommunikation
4.3.9.1 Begriffserklärung
4.3.9.2 Funktion der Stütze
4.3.9.3 Auswirkung der Gestützten Kommunikation auf die Kommunikationsmöglichkeit
4.3.9.4 FC in der Schule
4.3.9.5 Kontroverse Diskussion über FC
4.3.10 Therapie einzelner gestörter Verhaltensweisen
4.3.10.1 Behandlung von Stereotypien
4.3.10.2 Sprachtherapie
4.3.10.3 Behandlung von Aggressivität und selbstverletzendem Verhalten
4.3.10.4 Toilettentraining

5 Entwicklung und Prognose

6 Pädagogische und soziale Aspekte
6.1 Autismus und Schule
6.1.2 Bestimmung des Lernortes
6.1.3 Verwirklichung von kindorientierten Förderformen
6.1.4 Integrative Förderung durch mobile therapeutische Betreuung in der wohnortnahen Schule
6.2 Formen außerschulischer Betreuung und Förderung
6.2.1 Die Eltern autistischer Kinder
6.2.2 Konkrete Formen der Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus
6.2.3 Notwendigkeit eines gemeinsamen Förderkonzepts
6.3 Praktische Hilfen für Eltern mit autistischen Kindern
6.3.1 Kooperation mit außerschulischen Fachdiensten
6.4 Soziales Umfeld
6.5 Der Übergang zum Jugendalter (Sexualität und Autonomiebedürfnis)
6.6 Berufliche Ausbildung, Freizeitgestaltung, Wohnen und Arbeit

7 Zusammenfassung

8 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit möchte ich mich gezielt mit den Therapiemöglichkeiten bei autistischen Kindern und Jugendlichen und deren Integrationsproblemen, besonders in der Schule, beschäftigen. Beginnen werde ich mit einem Fallbericht eines Jungen, der autistische Züge zeigte. Ich lernte diesen Jungen während der letzten zwei Monate meines Zivildienstes 1995 in der Kindertagesstätte 114 in Frankfurt a/M kennen. O. wurde am XX.X.1991 in Deutschland geboren. Die Mutter und der Vater sind beide türkischer Abstammung und leben seit 1980 in Deutschland. O. kam Ende 1995 in die integrative Gruppe der Kindertagesstätte. Diese Gruppe bestand insgesamt aus 12 Kindern, von denen 4 Kinder Behinderungen aufwiesen. O. schien schon als Säugling nicht auf seine Eltern oder Gegenstände zu reagieren, berichteten die Eltern. Seine ersten Wörter sprach er mit 3 ½ Jahren, aber die Sprache entwickelte sich nie richtig. Man konnte ihn häufig nur sehr schwer verstehen, denn seine Aussprache war sehr undeutlich. Oft vertauschte er einzelne Wörter oder verdrehte ganze Sätze. Auch konnte man sehr häufig bei ihm stereotype Bewegungen wie Sich-Wiegen oder Sich-um-sich-selbst-Drehen beobachten. Besonders ist mir aber die sehr geringe Schmerzempfindung aufgefallen. Selbst wenn er sich mit einem Messer geschnitten hatte, schien ihm das keine besonderen Schmerzen zu verursachen. Er hatte sehr wenig Kontakt zu den anderen Kindern und man erhielt den Eindruck, er würde diese förmlich meiden.

Welche Krankheit zeigt so viele Symptome, wobei diese aber nicht alle auf einmal auftreten müssen? Im ICD-10 definiert sich Autismus als „eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die zu schwerer Mehrfachbehinderung führt“ (10. Überarbeitung der International Classification of Diseases, der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, ICD-10 Nr. F 84.0).

2. Autismus und seine Geschichte

Der Begriff „Autismus“ wurde von dem Schweizer Psychiater Eugen Beuler im Jahr 1914 als medizinischer Fachbegriff geprägt und dem Bereich der schizophrenen Erkrankungen zugeordnet (Hans E. Kehrer, 2000, S.9). Der eigentliche Ausdruck „Autismus“ läßt sich aus dem griechischen Wort autos, das selbst bedeutet, ableiten. Beuler kennzeichnete autistische Verhaltensweisen durch erhöhte Kontaktabwehr bzw. Rückzugstendenzen und durch einseitig auf sich selbst bezogenes Denken.

1943 berichtete der amerikanische Kinderpsychiater Leo Kanner zum ersten Mal über mehrere Kinder, welche extreme Beziehungsstörungen und außergewöhnliche Bezogenheit auf sich selbst aufwiesen. Kanner bezeichnete die beobachteten Störungen als „frühkindlichen Autismus“. Zur selben Zeit, doch völlig unabhängig voneinander, berichtete der österreichische Kinderarzt Hans Asperger über einen Jungen, der signifikante Auffälligkeiten zeigte. Er beschrieb sie als „autistische Psychopathie“ (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 14). Erst nach dem zweiten Weltkrieg begann man sich in Europa für diese Verhaltensstörung zu interessieren, wenngleich das Interesse an solch einem neuen Syndrom erst Anfang der sechziger Jahre rapide zunahm. In den 70er Jahren traten mehr und mehr neurologische Aspekte in den Vordergrund der Autismusforschung. Das Interesse, sich mit dem Thema des frühkindlichen Autismus auseinanderzusetzen, erhielt seinen vorläufigen Höhepunkt Mitte der 80er Jahre. Auch in Deutschland bildete sich 1976 der Verband Hilfe für das autistische Kind e.V., der seitdem betroffenen Eltern und Kindern vielfältige Hilfe anbietet (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 15).

Zu Beginn der Erforschung des frühkindlichen Autismus ging es vorwiegend um die Diagnose und die Abklärung der Ursachen, während nach und nach die Therapiemöglichkeiten und die heilpädagogischen Maßnahmen in den Vordergrund rückten, denn um das Syndrom des kindlichen Autismus klar definieren zu können, bedarf es einer gezielten Diagnose der einzelnen Symptome.

3. Klinische Gesichtspunkte und Verbreitung des Autismus

3.1 Symptomatik

Das typische „autistische“ Verhalten entwickelt sich während der ersten Lebensjahre und ist im Alter von ca. 3 - 5 Jahren am stärksten ausgebildet (J. K. Wing, 1973, S.19). Hierzu zählen eine Vielzahl von Verhaltensabnormitäten des autistischen Syndroms, welche ich nachfolgend gezielt beschreiben werde. Charakteristisch ist die Unfähigkeit, zu Menschen normale Beziehungen aufzunehmen, die Neigung zum Wiederholen und signifikante Unregelmäßigkeiten im Bereich der sensorischen Wahrnehmung. Auch verschiedene Störungen im Sprachvermögen und der Kommunikationsfähigkeit können ersichtlich werden (Hans E. Kehrer, 2000, S.31).

Dies führt u.a. so weit, daß das autistische Kind zu seinen eigenen Eltern keine emotionale Beziehung aufbauen kann. Des weiteren ist die Angst vor Veränderung ein weiteres wesentliches Kennzeichen (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 22). Mit Sicherheit sind dies nicht die einzigen Verhaltensauffälligkeiten autistischer Kinder und natürlich können auch diese in bestimmten Stadien ihrer Entwicklung bei normalen Kindern durchaus auftreten, doch läßt sich jetzt schon erkennen, wie vielfältig die Symptomatologie des autistischen Syndroms ist.

3.1.1 Signifikante Symptome in der Sprache

Bei rund 40 % der autistischen Kinder kommt es zu keinerlei Sprachentwicklung, d.h. sie sind mutistisch. Bei den verbleibenden 60 % der autistischen Kinder lassen sich gewöhnlich irgendwelche Sprachstörungen erkennen. Doch kann es durchaus auch vorkommen, daß bei einigen Kindern die erworbene Sprache nach einer gewissen Zeit wieder verloren geht (J. K. Wing, 1973, S.21). Vielen Kindern bleibt demnach die Sprache als wichtigstes Kommunikationsmittel vorenthalten bzw. wird nie richtig eingesetzt.

Eine der markantesten Sprachstörungen ist die Echolalie. Die von den Eltern oder anderen Personen vorgesprochenen Wörter und Sätze werden immer wieder wiederholt. Dieses Wiederholen einzelner Wörter ist auch während der Sprachentwicklung bei normalen Kindern zu beobachten. Denn um sprechen zu lernen, muß ein Kind Sprache imitieren. Doch bei autistischen Kindern bleibt die Echolalie über einen viel längeren Zeitraum erhalten. Manchmal sogar bis in das Jugendalter des Kindes (Hans E. Kehrer, 2000, S.32). Auffallend ist die Tatsache, daß der Autist diese Sätze häufig in ein und demselben Tonfall wiedergibt, wie sie gesprochen worden sind (G. Spiel u. A. Gasser, 2001, S.238f).

Eine weitere spezielle Sprachabnormität ist die verzögerte oder verspätete Echolalie. Das Kind gibt ganze Sätze oder Satzfragmente, häufig auch Verbote, die es gehört hat, zu einem späteren Zeitpunkt wieder. Dies geschieht weitestgehend auch immer mit derselben Flexion. Das ständige Wiederholen dieser Sätze nennt man Iteration (Hans E. Kehrer, 2000, S. 32).

Auch das mitunter sehr häufige Führen von Selbstgesprächen ist ein typisches Beispiel dafür, daß Sprache nicht zur Kommunikation genutzt wird (M. Aarons u. T. Gittens, 2000, S.80ff). Oft wird bei einem autistischen Kind noch eine weitere typische Sprachabnormität festgestellt. Der Autist benennt sich sehr häufig selbst mit „Du“.

Dieses Phänomen wird pronominale Umkehr genannt. Will ein Kind z.B. sagen: „Ich habe Durst“, kann es sehr oft vorkommen, daß es statt dessen „Du hast Durst“ sagt. Diese Besonderheit scheint aber eher ein linguistisches, als ein psychologisches Problem zu sein (Dr. Gudrun Kane u. Prof. Dr. J. F. Kane, 1990, S.25).

Manchmal werden aber auch erlernte Wörter zu konkret verwendet. Für ein autistisches Kind kann es durchaus sein, daß das Wort „Nagel“ nur der Fingernagel sein kann, aber niemals z.B. der Nagel in der Wand. Manche Kinder ziehen längere Sätze auch zu einem einzigen Wort zusammen, welche dadurch aber völlig unverständlich werden. Bisweilen kommt es sogar vor, daß Autisten eine eigene Sprache entwickeln. Sie erfinden Ausdrücke oder benennen Gegenstände in einer Weise, die für Außenstehende nicht oder nur sehr schwer zu verstehen sind. Man nennt dieses eigenartige Sprachphänomen Neologismus (Hans E. Kehrer, 2000, S.34).

3.1.2 Sensorische Defizite bei autistischen Kindern

Im allgemeinen zeigen Kinder mit autistischen Verhaltensweisen im Bereich der auditiven Wahrnehmung Empfindlichkeiten gegenüber alltäglichen Geräuschen oder Lärm (M. Aarons u. T. Gittens, 2000, S.58ff). Es kommt häufig vor, daß sie sich die Ohren zuhalten, weglaufen oder in Unruhe verfallen. Vielfach reagieren sie aber auch überhaupt nicht auf Geräusche. Häufig läßt sich beobachten, daß autistische Kinder weniger reagieren, wenn ein Geräusch hinter ihrem Rücken zu hören ist, daß selbst auf extrem laute Geräusche wenig oder gar keine Reaktion erfolgt. Wiederholt wurden Kinder mit solchen Symptomen sogar für taub gehalten. Um so erstaunlicher ist es, daß diese Kinder aber oft ein besonderes Interesse an Musik haben. Auch im Bereich der visuellen Wahrnehmung treten häufig Probleme auf.

Eine nicht ausreichende Hand-Auge-Koordination ist charakteristisch für autistische Kinder (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 22). Sie haben zudem die Schwierigkeit, gesehene Dinge wirklich zu erfassen. Manchmal versuchen autistische Kinder wegzuschauen oder verdecken sich die Augen, da sie visuelle Reize nicht sinnvoll verarbeiten können. Auch das Wiedererkennen von Gesichtern fällt ihnen oft schwer. Ebenso kann häufig eine starke Lichtempfindlichkeit auftreten. Viele Autisten besitzen ein auffallend gutes oder schlechtes Orientierungsvermögen (B. Rollert u. U. Kastner-Koller, 2001, S.25f).

3.1.3 Motorisches Verhalten

Oft haben autistische Kinder Defizite im Bereich der Feinmotorik (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 24). Viele lassen Gegenstände, die ihnen in die Hand gelegt werden, fallen. Im Bereich des Tastens und Berührens wird häufig beschrieben, daß schmerzhafte Reize bei autistischen Kindern keine Reaktionen hervorrufen. Andererseits zeigen sie Abneigung selbst bei leichtesten Berührungen. Bestimmte Bewegungen wie Schaukeln, Sich-Drehen oder Fingerbewegungen an der Peripherie des Gesichtsfeldes werden zudem häufig beobachtet (J. K. Wing, 1973, S.25).

3.1.4 Sonderleistungen autistischer Kinder

Unter den Sonderleistungen autistischer Kinder wurde oft ein besonderer Sinn für Musik beschrieben. Eine Vielzahl von Autisten weist sogar ein absolutes Gehör auf oder spielt eigene Instrumente, die sie sich zum Teil selbst beigebracht haben.

Ebenso kann man bei einigen autistischen Kindern das besonders schnelle Lernen von Melodien beobachten. Grundsätzlich weisen viele Autisten eine spezielle musikalische Begabung auf (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S. 43). Als eine weitere Sonderleistung autistischer Kinder gilt die besonders gute Erinnerungsfähigkeit. Vielen fällt das Auswendiglernen ganzer Bücher oder das Lösen extrem schwieriger Puzzles unwahrscheinlich leicht. Sehr häufig wird das sogenannte Kalendergedächtnis beschrieben (Hans E. Kehrer, 2000, S.38). Nennt man Personen mit einem derartigen Kalendergedächtnis ein beliebiges Datum, so sind diese in der Lage, nach kürzester Zeit den richtigen Wochentag zu nennen. Es hat den Anschein, daß es für manche Autisten keinerlei Schwierigkeiten bereitet, einmal gewonnene Daten und Kenntnisse aus einem bestimmten Gebiet wiederzugeben. Daneben gibt es auch einige autistische Kinder, die spezifische Gedächtnisschwierigkeiten haben. So scheint die Wiedergabe von zuvor gespeicherten Daten nur dann zu funktionieren, wenn zwischen dem Erlernten und der Abfrage des Erlernten keine größere Zeitspanne liegt (Hans E. Kehrer, 2000, S.38).

3.1.5 Stereotypien

Im allgemeinen werden sich ständig wiederholende Bewegungen, wie z.B. stundenlanges Drehen von Gegenständen oder exzessives Schaukeln, als „Stereotypien“ bezeichnet (B. Rollert u. U. Kastner-Koller, 2001, S.16). Bei autistischen Kindern treten diese Art von Stereotypien sehr häufig auf. Es ist beobachtet worden, daß Stereotypien häufiger werden, wenn autistische Kinder in ihrer Umgebung wenig Anregung vorfinden.

Genau der gleiche Effekt tritt aber auch auf, wenn die Anregungen zu stark werden und ein für das Kind zu hoher Stimulationsgrad besteht (B. Rollert u. U. Kastner-Koller, 2001, S.80).

Auch scheint es für ein autistisches Kind extrem schwierig zu sein, einmal erworbene feste Gewohnheiten zu ändern.

Manchen Autisten fällt sofort jede noch so kleine Veränderung in ihrem gewohntem Umfeld auf und sie beharren auf der Wiederherstellung (J. K. Wing, 1973, S.25). Man erhält den Eindruck, daß es für einen Autisten enorm wichtig erscheint, daß er von seiner Umgebung ein getreues Gedächtnisbild erstellen kann. Jede Veränderung dieses Gedächtnisbildes gefährdet demnach seine Orientierung. Zudem zeigt sich häufig, daß es autistischen Kindern sehr schwer fällt Neues zu erlernen oder routinemäßige Gewohnheiten aufzubauen, seien sie biologischer oder sozialer Art (J. K. Wing, 1973, S.25ff).

3.1.6 Die Gefühlswelt

Im allgemeinen fällt es schwer, die Gemütsverfassung autistischer Kinder eindeutig zu erkennen. Vielmals fällt es dem Autisten schwer, seine Gefühle durch sein Verhalten oder verbal so auszudrücken, daß es andere Personen verstehen. Im Alter zwischen 3 bis 4 Jahren treten die folgenden Erscheinungsbilder wie z.B. Abkapslung oder Unzugänglichkeit am häufigsten auf (J. K. Wing, 1973, S.27).

In aller Regel sind autistische Kinder fröhlich und guter Stimmung. Dies läßt sich vor allem bei Kindern mit intellektuellen Einschränkungen erkennen. Mitunter kann es aber auch vorkommen, daß ein autistisches Kind ohne erkennbaren Grund zu Wutausbrüchen neigt, genauso schnell aber auch wieder zur Ruhe kommt.

Häufig werden auch fälschlicherweise Erziehungsfehler angenommen, wenn ein autistisches Kind plötzlich und ganz unbegründet z.B. Spielzeug zerstört oder ein anderes Kind schlägt und zu einem späteren Zeitpunkt regelrecht zärtlich mit anderen Personen, vor allem der Mutter, umgeht (Hans E. Kehrer, 2000, S.40). Immer wieder wird das mangelnde Gefahrenbewußtsein beschrieben (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 23f).

3.1.7 Aggression und selbstverletzendes Verhalten

Der Drang zu selbstverletzendem Verhalten oder zu aggressiven Handlungen stellt häufig ein ernst zu nehmendes Problem dar. Da es meistens ganz unbegründet ist oder sich gegen besonders nahestehende Personen richtet, ist der Umgang mit Autisten oft nicht leicht. Vielfach bleiben einfach die Zusammenhänge, welche die Aggressionen ausgelöst haben, unverstanden. Für den Autisten sind diese wohl vorhanden. Nur eine kleine Veränderung in der gewohnten Umgebung des Autisten kann eine aggressive Handlung hervorrufen (Hans E. Kehrer, 2000, S.44). Häufig begreift das autistische Kind auch einfach nicht, daß es der anderen Person Schmerz zufügen kann. Das Ausmaß an selbstverletzendem Verhalten (Autoaggression) kann extreme Formen annehmen. Dies kann von Sich-Beißen oder Sich-Kratzen bis zu Knochenbrüchen führen. Dieses Verhalten der Selbststimulation ist für viele Autisten typisch. Da viele autistische Kinder Schmerzen als weniger stark empfinden als normale Kinder, kann man verstehen, warum dieses selbstverletzende Verhalten nicht als schmerzhaft oder unangenehm erfahren wird (Hans E. Kehrer, 2000, S.44). Ein großes Problem kann aber die Dauer dieser Handlungen sein.

Es kann vorkommen, daß autistische Kinder sich stunden- und tagelang schlagen oder beißen. Dies hat zur Folge, daß diese Kinder sich so stark mit sich selbst beschäftigen, daß sie für therapeutische Maßnahmen nicht zugänglich sind (Hans E. Kehrer, 2000, S.43f).

3.1.8 Epileptische Anfälle

Abgesehen von angeborenen Fehlbildungen oder Begleiterkrankungen sind autistische Kinder körperlich gesund. Dennoch kommt die Neigung zu epileptischen Krankheiten bei Autisten häufig vor.

Vielfach treten sie erst nach dem Säuglings- oder Kleinkindalter auf, wobei sie vereinzelt aber auch davor diagnostiziert werden können. Häufig treten sie als Epilepsie mit epileptogenem Herd im Schläfenlappen des Gehirns (Temporallappenepilepsie) auf (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S.115).

Das Spektrum reicht aber auch von Absencen (Epileptischer Anfall mit plötzlich einsetzender Bewußtseinsminderung und nachfolgenden Erinnerungslücken) über BNS-Krämpfe bis zu großen Anfällen. Diese epileptischen Anfälle nehmen in der Regel im Alter zu und treten bei geistig behinderten Autisten häufiger auf (Hans E. Kehrer, 2000, S.43).

3.1.9 Physiognomie

Kanner und Asperger haben schon zu Beginn der Autismus-Forschung festgestellt, daß die meisten autistischen Kinder besonders ansprechend aussähen.

Auch in anderer Literatur wird häufig von dem sog. „Prinzengesicht“ berichtet. 1983 versuchte Elisabeth Aust anhand von Photographien autistischer Kinder festzustellen, ob sich diese von Geistigbehinderten und von normalen Kindern unterscheiden (Hans E. Kehrer, 2000, S.42). Zwischen diesen drei Gruppen konnte man deutliche Unterschiede feststellen. Die Photographien der Geistigbehinderten unterschieden sich deutlich von denen der Normalen oder den Portraits der Autisten. In vieler Hinsicht stimmten also die Photographien der Autisten mit denen der normalen Kinder überein.

3.1.10 Eßstörungen

Bei autistischen Kindern werden häufig Störungen beobachtet, die mit der Nahrungsaufnahme und der Darmentleerung einhergehen.

Dabei kann es sich unter anderem um viel Trinken, eigentümliche Vorlieben für salzige, saure oder scharfe Speisen, was für Kinder ganz ungewöhnlich ist, oder mangelndes Kauen handeln. Auch unmäßiges Essen und das Verspeisen von nicht eßbaren Dingen kommen nicht selten vor. Damit verbunden kann es durchaus auch zu einer gestörten Ausscheidung der Nahrungsmittel bei autistischen Kindern kommen. Häufig wird der Stuhl viel zu selten entleert. Er wird bewußt oder sogar zwanghaft zurückgehalten. Anscheinend hängen diese Erscheinungsbilder mit einer gestörten Wahrnehmungsverarbeitung zusammen. Nicht nur die Reize aus der Umwelt des Autisten, sondern sogar die aus dem eigenen Körper werden vermeintlich gestört wahrgenommen. Besonders bei einem mutistischen Kind ist es deshalb schwer, etwas über sein Unwohlsein herauszufinden (Hans E. Kehrer, 2000, S.41f).

3.1.11 Signifikante Symptome im sozialen Handeln

Im allgemeinen mißdeuten autistische Kinder soziale und emotionale Signale.

Auffällig ist das Meiden von Blick- und Körperkontakt und oft scheint es auch so zu sein, daß viele dieser Kinder visuelle Reize nur oberflächlich wahrnehmen. Der Blickkontakt bei autistischen Kindern ist vielfach kürzer als bei normalen Kindern (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S.116). Manche Autisten versuchen sogar, den Kopf der gegenüberstehenden Person wegzudrehen, um einen Blickkontakt zu vermeiden.

Dies läßt bisweilen den Eindruck entstehen, man könne zu diesen Kindern nur schwer eine persönliche Beziehung aufbauen. Viele autistische Kinder ziehen sich auch ganz aktiv zurück und weisen zum Teil Anzeichen von Taktlosigkeit und Ich-Zentriertheit auf (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S. 23).

Prinzipiell scheint es so zu sein, daß die Gruppengröße, in der sich das Kind aufhält, eine wichtige Rolle spielt. Denn je größer die Gruppengröße, desto höher ist die Tendenz des Autisten, sich zurückzuziehen (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S.116).

3.2 Epidemiologie

3.2.1 Anzahl der autistischen Kinder

Die exakte Zahl, wieviele autistisch behinderte Menschen es momentan in der Bundesrepublik Deutschland gibt, ist nur sehr schwer zu ermitteln.

Probleme für eine genauen Erhebung der Zahlen wirft vor allem die Abgrenzung des frühkindlichen Autismus von schweren Formen der geistigen Behinderung auf.

Deshalb wird in der Regel eine Art Vorerhebung zur Auswahl von möglicherweise autistischen Kindern gemacht.

Laut der neuesten Untersuchung leben in der Bundesrepublik Deutschland vermutlich 40 000 autistisch behinderte Menschen. Grenzt man die Altersgruppe auf die Kinder zwischen 4 und 15 Jahren ein, so ergibt sich eine Zahl von etwa 5000 bis 6000 (Bruno J. Schor u. Alfons Schweiggert, 1999, S.11).

Vergleicht man diese Zahlen mit denen anderer Behinderungen so fällt auf, daß sie z.B. weit über denen der Blinden (1000), Sehbehinderten (1250) und fast identisch mit denen der Gehörlosen (4300) liegen (Hans E. Kehrer, 2000, S.104). Die wahre Verbreitung des frühkindlichen Autismus ist dennoch schwer zu schätzen. Häufig wird der frühkindliche Autismus nicht richtig oder gar nicht diagnostiziert, denn je jünger die Kinder sind, desto schwieriger und unsicherer ist die Diagnose.

3.2.2 Geschlechtsverteilung

Was im Vergleich zu anderen Behinderungen auffällt, ist der sehr hohe Anteil der männlichen Personen, die von dem Symptom des Autismus betroffen sind. Das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Personen beträgt etwa 4:1 (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S.176).

3.3 Diagnose

3.3.1 Fachärztliche Diagnose

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der WHO ICD-10 und der DSM-IV sind die wesentlichen Merkmale zur Diagnose von Autismus zusammengefaßt.

Es müssen nach ICD-10 und DSM-IV qualitative Beeinträchtigungen im Bereich der sozialen Interaktion und der Kommunikation vorliegen. Des weiteren müssen diese Auffälligkeiten vor dem 30. Lebensmonat vorhanden sein (Michele Noterdaeme, 1999, S.33).

Qualitative Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion können z.B. der geringe Gebrauch sozialer und emotionaler Signale, fehlende Verhaltensanpassung im sozialen Kontext und/oder unangemessene Einschätzung sozialer und emotionaler Signale sein. Qualitative Beeinträchtigungen der Kommunikation können z.B. das Fehlen von Gestik, Mimik oder Sprache in der sozialen Interaktion, unangemessene Sprachanwendung und/oder Auffälligkeiten in der Intonation sein. Auch ist nach ICD-10 und DSM-IV die Störung durch eingeschränkte, sich wiederholende und stereotype Verhaltensmuster und Aktivitäten, wie z.B. kaum kreatives Spiel, zwanghaftes Verhalten und Rituale im Alltag, stereotype Bewegungen und Beschäftigungen und/oder das Bestehen auf immer gleich bleibenden Abläufen gekennzeichnet

(Michele Noterdaeme, 1999, S.33).

Wenn all diese Symptome zusammen auftreten, auch wenn sie in ihrem Ausprägungsgrad variieren, und wenn man dann noch hinzunimmt, daß diese Auffälligkeiten im allgemeinen vor dem 30. Lebensmontat beginnen, dann kann man von den sogenannten „Kernsymptomen“ sprechen (Paul Innerhofer u. Christian Klicpera, 1988, S.180). Im großen und ganzen wird die Diagnose aufgrund der früheren und der bestehenden Verhaltensauffälligkeiten des Kindes gestellt. Oft beruht sie auf der Verhaltensbeschreibung der Eltern.

Die Beobachtung des Verhaltens spielt also eine entscheidende Rolle, um autistische Kinder von andersartig verhaltensgestörten oder auch normalen Kindern zu differenzieren. Häufig werden zur Unterstützung der Diagnose mehrere Fragebögen und Diagnose-Instrumente eingesetzt.

Dies können z.B.: ABC (Autism Behavior Checklist), ADOS (Autistic Diagnostic Observation Schelude) oder CARS (Childhood Autism Rating Scale) sein (Hans E. Kehrer, 2000, S.49).

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Details

Seiten
68
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638276399
Dateigröße
603 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v24867
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Sonderpädagogik
Note
1
Schlagworte
Integrationsprobleme Therapiemöglichkeiten Autismus

Autor

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Titel: Integrationsprobleme und Therapiemöglichkeiten bei Autismus