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Die Phasen der sozialpädagogischen Einzelfallhilfe anhand eines Praxisbeispiels

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 30 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der Fall oder die Situation

3 Sozialpädagogische Anamnese
3.1 Anamnese im Fall Mirko
3.2 Hypothesen

4 Die Sozialpädagogische Diagnose
4.1 Diagnose im Fall Mirko
4.1.1 Hypothese 1
4.1.2 Hypothese 2
4.1.3 Hypothese 3
4.1.3.1 Hilfe für junge Volljährige nach § 41 SGB VIII
4.1.3.1.1 Voraussetzungen
4.1.3.1.2 Ausgestaltung
4.1.3.1.2.1 §34 SGB VIII
4.1.3.1.2.2 § 35 SGB VIII (ISPE)
4.1.3.1.3 Zusammenfassung
4.1.3.2 „Hilfe zur Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten“ (§ 72 BSHG)
4.1.3.2.1 Art der Hilfe
4.1.3.2.2 Voraussetzungen der Gewährung
4.1.3.2.3 Leistungen
4.1.3.2.4 Formen der Hilfe
4.1.3.2.5 Dauer der Hilfe
4.1.3.2.6 Zusammenfassung
4.1.3.3 „Bestellung eines Betreuers“ (§§ 1896 ff BGB)
4.1.3.3.1Voraussetzungen[§1896 ff. BGB]für die Bestellung eines Betreuers:
4.1.3.3.2Verfahren[§ 65 ff. FGG]für die Bestellung eines Betreuers:
4.1.3.3.3 Rechtliche Stellung des Betreuers:
4.1.3.3.4Aufgaben undBefugnisse[ §1901 ff. BGB]des Betreuers:
4.1.3.3.5 Zusammenfassung
4.1.3.4 Vergleichende Betrachtungen
4.1.4 Hypothese 4
4.1.4.1 Werkstatt für behinderte Menschen
4.1.4.1.1 Grundsatzintention
4.1.4.1.2 Voraussetzungen
4.1.4.1.3 Kosten
4.1.4.1.4 Arbeitsentgelt
4.1.4.1.5 Zusammenfassung
4.1.4.2 Abschließende Betrachtung
4.1.5 Hypothese 5
4.2 Zusammenfassung

5 Die sozialpädagogische Intervention
5.1 Intervention im Fall Mirko

6 Die sozialpädagogische Evaluation
6.1 Evaluation im Fall Mirko

7 Abschließende Betrachtungen

8 Verwendete Literatur und Materialien

1 Einleitung

In dieser Arbeit wird ein Fall aus meiner Praxis in der Jugendhilfe beschrieben. Dieser Fall hat bereits eine lange Geschichte, d.h. der Jugendliche befindet sich schon seit längerer Zeit in der Jugendhilfe, davon auch schon eine Weile in unserem Verein. Ein paar Dinge sind noch als Vorbemerkung wichtig. Erstens wird die Jugendhilfemaßnahme, die unser Verein durchführt wahrscheinlich bald enden, da der Jugendliche mittlerweile 18 Jahre alt ist und das Jugendamt eine Beendigung Hilfe zur Erziehung anstrebt. Zweitens bin ich durch eine vereinsinterne Strukturveränderung mittlerweile nicht mehr für die Betreuung des Jugendlichen zuständig.

Es sind mittlerweile auch schon einige Schritte für die weitere Lebensgestaltung des Jugendlichen überlegt und eingeleitet worden.

D.h. es soll in dieser Arbeit nicht vordergründig darum gehen diesen Fall zu „lösen“ und am Ende entsprechende Interventionsideen parat zu haben, die dann so umgesetzt werden. Vielmehr soll es einerseits darum gehen, die einzelnen Schritte der sozialpädagogischen Einzelfallhilfe exemplarisch am Fall nachzuvollziehen und andererseits das bisherige Hilfegeschehen anhand der intensiven Beschäftigung mit dem Fall zu überprüfen, gegebenenfalls neue Aspekte in den Blick zu bekommen und evtl. neue Alternativen zu den bisher geplanten und eingeleiteten Maßnahmen zu erhalten, unabhängig davon, von wem diese Maßnahmen durchgeführt werden. Diese Arbeit wird also den Fall an sich in den Blick nehmen, nicht den Fall aus Sicht unserer Institution.

Ein Teil dieser Arbeit wird sich deswegen auch mit der Thematik des Betreuers aus juristischer Sicht beschäftigen, da dieses Maßnahme als ein Teil der zukünftigen Hilfe bereits eingeleitet und beantragt ist.

Die Betrachtung des Falls geschieht dabei in den Schritten:

- Sozialpädagogische Anamnese
- Sozialpädagogische Diagnose
- Sozialpädagogische Intervention
- Sozialpädagogische Evaluation.

Zum Inhalt der einzelnen Schritte werde ich jeweils eine kurze Einführung geben.

2 Der Fall oder die Situation

Der Jugendliche Mirko ist im September letzten Jahres 18 geworden. Zur Zeit wohnt er im Betreuten Wohnen unseres Vereins, nach § 34 in Verbindung mit § 41 SGB VIII. Er wohnt zusammen mit einer anderen Jugendlichen, ebenfalls 18 Jahre, in einer Wohnung. Jeder Jugendliche hat sein eigenes Zimmer, Küche und Bad werden gemeinsam benutzt. In dieser Wohnform ist in den Nachmittags- und Abendstunden immer ein Betreuer vor Ort.

Mirko ist in der Jugendwerkstatt einer Integrationsgesellschaft tätig und das seit ca. 1 Jahr. Diese Beschäftigungsmaßnahme, die der Orientierung dienen soll, ist in drei Stufen eingeteilt, Mirko befindet sich zur Zeit in Stufe 2 und hat gute Chancen, die Stufe 3 ab Herbst zu besuchen.

Mirko ist ein körperlich normal entwickelter Jugendlicher, allerdings mit einer leichten Intelligenzminderung, d.h. seine kognitiven Fähigkeiten liegen weit unter dem, wie es für sein Alter normal wäre, was ihn in seiner Belastbarkeit und Frustrationstoleranz sehr einschränkt.

Da das betreute Wohnen unseres Vereins konzeptionell nur bis zum 18. Lebensjahr angelegt ist und auch das Jugendamt eine Beendigung der Hilfe anstrebt, geht es nun um die Lebensperspektiven für Mirko. Wo soll Mirko wohnen? Soll er auf sich allein gestellt werden oder in irgendeiner Form betreut werden und wenn ja in welcher Form? Welche Perspektiven gibt es für Mirko beruflich, kurzfristig, mittelfristig und langfristig?

3 Sozialpädagogische Anamnese

Bei der sozialpädagogischen Anamnese geht es darum, die Hintergründe eines Falls besser kennenzulernen. Es geht dabei darum, mich so an den Fall und seine Geschichte heranzutasten, als lerne ich etwas ganz neues kennen. Damit soll vermieden werden, daß ich bei einem Fall „sofort Bescheid weiß“ und ihn in ein Schema einordne („solche Fälle löst man so“). Das heißt, von meinem Fall ausgehend frage ich nach Hintergründen, Episoden und Geschichten die mich den Fall besser verstehen lassen. Ich gehe also von meinem Ausgangspunkt immer mehr in die Tiefe mit der Bereitschaft Neues zu entdecken und meine Voransichten korrigieren zu lassen und immer dann mit forschen aufzuhören, wenn das für das Fallverstehen nicht mehr notwendig ist. Es soll also nicht um Informationssammlung um jeden Preis gehen, sondern auch um eine Eingrenzung des Relevanzbereichs, um die Privatsphäre des Klienten zu schützen soweit es geht.

Bei der Anamnese kann dabei nach dem folgenden Frageschema vorgegangen werden[1]:

-Was weiß ich genau und was nicht?D.h. welche Tatbestände und Fakten gibt es?
-Wie kam es dazu?D.h. wie ist das Problem entstanden bzw. wo liegen oder könnten Ursachen für die festgestellten Tatsachen liegen? Hier wird die „Geschichte“ des Falls zur Sprache gebracht. D.h. es geht hier um Meinungen, Überzeugungen, Sichtweisen, Wünsche. Außerdem geht es auch um die institutionelle Vorgeschichte, denn diese gibt auch Aufschluß über Vorerfahrungen des Klienten mit Sozialarbeitern und die Erwartungen an diese.
-Wie komme ich zu der Geschichte darüber?Desweiteren muß ich mich fragen, wie ich zu der „Geschichte“ gekommen bin. Woher meine Informationen stammen, aus welcher Perspektive ich die Sache beurteile.
-Welche Geschichte gibt es noch dazu? (Welche wäre denkbar?)Zusätzlich muß ich bereit sein auch andere Perspektiven und „Geschichten“ in den Blick zu nehmen und zu überprüfen.

Aus den „Geschichten“ des Falles lassen sich nun Hypothesen ableiten die es zu prüfen und gegebenenfalls zu revidieren gilt, die aber wichtig für folgende Interventionsideen sind.

Bei dem beschriebenen Frageschema führt die letzte Frage wieder zur Ersten, denn ein Fall ist immer ein komplexes Geschehen bei dem immer mehrere Aspekte eine Rolle spielen, die sich wechselseitig beeinflussen.

Das bedeutet auch, das Anamnese nie vollständig sein wird und kann und immer wieder beginnt.

3.1 Anamnese im Fall Mirko

Mirko ist jetzt 18 Jahre und für ihn steht eine Veränderung seiner Lebenssituation an, da er aus dem Betreuten Wohnen unseres Vereins ausziehen muß. Die Fragen die anstehen sind:

Wo soll Mirko wohnen?

Braucht Mirko noch Betreuung und Hilfe, in welchem Umfang und wenn ja, wie soll diese gestaltet werden?

Wie könnten die beruflichen Perspektiven für Mirko aussehen?

Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir uns erst einmal ein Bild von Mirko und seiner bisherigen Lebensgeschichte machen.

Mirko kam vor etwa einem Jahr in das Betreute Wohnen unseres Vereins. Er kam, weil ihm diese Wohn- und Hilfeform von der Sozialarbeiterin seines Jugendamtes und von seinen bisherigen Betreuern nahegelegt worden war und dies auch sein eigener Wunsch war. Er war hochmotiviert sich in dieser Wohnform zu bewähren. Er war glücklich darüber, nur mit ein bis zwei anderen Jugendlichen zusammenzuwohnen, sein eigenes Zimmer zu haben, keine 24 Stunden Betreuung zu haben, also in gewissem Maß selbständig und frei zu sein und er hat diese Wohnform von Anfang an als Übergang in eigenen Wohnraum angesehen. Fast zeitgleich fing Mirko eine berufsvorbereitende Maßnahme in der Jugendwerkstatt einer Integrationsgesellschaft an. Der Beginn dieser Maßnahme war lange Zeit unsicher, was Mirko sehr zu schaffen machte, da er endlich etwas zu tun haben wollte. So begann er auch diese Maßnahme sehr motiviert und nahm regelmäßig teil. Seine Ausbilder bescheinigten ihm immer Zuverlässigkeit. Nur für den theoretischen Teil der Maßnahme bekam er immer schlechte Beurteilungen, daß er sich nicht einbringe, nicht interessiert sei, mitunter störe und manchmal auch fehle.

Im Betreuten Wohnen konnte sich Mirko gut auf die Regeln und Anforderungen einstellen. Einkauf von Lebensmitteln, selbständige Verpflegung, Ordnung und Sauberkeit seines Zimmers und der Gemeinschaftseinrichtungen, Ausgangszeiten und selbständiges Aufstehen gelangen ihm von Anfang an gut und wurden in Teilen während seiner Zeit noch verbessert.

Was ihm nicht gelang oder nur sehr schlecht, war der Umgang mit seinem Taschengeld. Mirko kaufte sich mitunter teure Dinge, die er eigentlich gar nicht brauchte und wobei er sich auch nicht vorher mit seinen Betreuern absprach. Das führte mitunter zu Schulden. Außerdem schloß Mirko mehrere Mobilfunkverträge ab, die ihn auch in Schulden stürzten. Ein weiteres Problem, daß auf das eben beschriebene auch auswirkte, sind seine sozialen Kontakte. Mirko hat keine richtigen Freunde, sehnt sich aber danach. Er hängt sich dann oft an Leute, die ihn ausnutzen (z.B. hat er Mobilfunkverträge für sie abgeschlossen, für die er jetzt geradestehen soll).

Das eben Beschriebene beschreibe ich aus eigenem Wissen, da ich eine Zeitlang in diesem Betreuten Wohnen gearbeitet habe und Mirko dort so erlebt habe. Im Folgenden soll anhand der Biographie von Mirko nach Ursachen, Mustern und Hintergründen für das eben Beschriebene gesucht werden.

Mirko ist im Prinzip sein ganzes Leben im Heim gewesen. Seine Eltern gaben ihn kurz nach seiner Geburt ins Heim, da sie überlastet waren. Beide Eltern besitzen eine geringe Intelligenz. Beide waren als Hilfsarbeiter tätig. Der Vater im Lager eines großen Betriebes, die Mutter in einer Wäscherei. Es ist nicht bekannt, ob die Eltern je eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Seit längerer Zeit sind beide arbeitslos. Sie kommen beide aus einer Kleinstadt bei Dresden und leben immer noch dort. Mirko ist das einzige Kind. Über andere Verwandte ist nichts bekannt. Es liegt kein Genogramm vor. Bei Gesprächen mit Mirko stellte sich heraus, daß er nichts über andere Verwandte, nicht einmal über seine Großeltern weiß. Dies deutet auf Abrüche in den Verwandschafts- und Familienbeziehungen hin. Von welcher Seite ist nicht bekannt. Da aber jegliche Beziehungen abgebrochen zu sein scheinen, deutet es daraufhin, daß die Eltern selbst es waren.

Mirkos Heimaufenthalt wurde immer wieder von kurzen Episoden zu Hause unterbrochen. Seine Eltern holten ihn immer wieder nach Hause, gaben ihn aber nach kurzer Zeit immer wieder ins Heim zurück. Die Aufenthalte zu Hause waren von Vernachlässigung und Gewalterfahrungen durch beide Elternteile geprägt.

Mit ca. 12 Jahren kommt Mirko für längere Zeit nach Hause zurück, da das Heim in Meißen, wo er bis jetzt untergebracht war, schließt. In dieser Zeit besucht Mirko eine sozialpädagogische Tagesgruppe in der Kleinstadt. Die Probleme zu Hause sind aber nach wie vor vorhanden, auch die Gewalterfahrungen. Dies wird so schlimm für Mirko, daß er nach einem reichlichen halben Jahr zu Hause von allein in das Kinderheim in Radebeul geht, das ein paar Jahre später von unserem Verein übernommen wurde. Er wird dort aufgenommen und bleibt jetzt ohne Unterbrechungen im Heim. Mirkos Verhalten in der ersten Zeit im Kinderheim ist von großer Aggressivität geprägt. Im Heim gibt es eine Kunsttherapeutin, die viel und intensiv mit Mirko zusammenarbeitet. Bis zu seinem 16. Lebensjahr lernt er so ganz gut seine Aggressionen abzubauen.

Mirko geht seit seiner Einschulung in eine Förderschule für lernbehinderte Kinder. In der Schule gibt es immer wieder Probleme mit Mirko. Er hat große Konzentrationsschwächen, geringes Durchhaltevermögen und insgesamt Schwierigkeiten, den Lernstoff überhaupt zu erfassen. Das führt dazu, daß er im 9. Schuljahr, daß auch sein letztes ist, nur 3 Unterrichtsstunden pro Tag besucht, wovon eine Stunde Einzelbeschulung ist. Auffällig ist, daß Mirko in den Einzelstunden gut vorankommt und oft länger bleiben will. Auch sein soziales Verhalten ist immer dann viel akzeptabler, wenn er eine Bezugsperson hat, die viel Zeit für ihn hat. Mirko zeigt immer dann Verhaltensauffälligkeiten und stört den Unterricht, wenn er vom Lernstoff überfordert ist. Er bekommt außerdem logopädische Betreuung, da bei ihm Sprachstörungen festgestellt werden, er stottert und kann sich mitunter nur schwer ausdrücken. Ende 2000 wurde eine psychologische Untersuchung bei Mirko durchgeführt. Auch hier wurde wieder deutlich, daß Mirko nur gering belastbar ist, zumindest, was den theoretischen Teil anbelangt, im praktischen Bereich waren Mirkos Leistungen zufriedenstellend. Was hier festgestellt wurde und auch bis heute bestätigt bleibt, ist, daß Mirko geringe kognitive Fähigkeiten besitzt, geringes Abstraktionsvermögen, Probleme sich verbal zu artikulieren und kaum in der Lage ist zu Lesen (er kann die Worte entziffern, aber kaum den Sinn und Inhalt erfassen). Ähnlich ist es beim Schreiben, bei dem er ohne fremde Hilfe kaum einen zusammenhängenden sinnvollen Text verfassen kann.

Im Hinblick auf seine Persönlichkeitsstruktur wurde geringe Frustrationstoleranz, Ich- Schwäche, kindlich- infantile Züge und starke Affektlabilität festgestellt. „Emotional-sozial wird Patient als deutlich gestört (Bindungsstörung, Persönlichkeitsstörung) angesehen. Obwohl er sich Nähe und Akzeptanz wünscht, kann er diese aber eigenständig schwer annehmen und damit umgehen...“[2]Auch diese Einschätzung bestätigt sich bis heute durch meine eigenen Erfahrungen mit Mirko. Hervorgehoben wird auch hier wieder die Notwendigkeit und positive Wirkung einer konstanten Bezugsperson.

Im Anschluß an die Förderschule besucht Mirko einen berufsvorbereitenden Lehrgang beim Kolping-Bildungswerk. Im Rahmen dieses Lehrgangs absolviert Mirko zwei Praktika. Auch in diesem Lehrgang werden die bekannten Muster wieder deutlich. Mirko ist gut motiviert im praktischen Bereich und bringt dort zufriedenstellende Leistungen. Im theoretischen Teil ist er überfordert. Er erhält dort keinen Einzelunterricht, so daß er permanente Probleme mit der Überforderung hat und diesen durch Fernbleiben begegnet. Die Situation führt schließlich dazu, daß das Arbeitsamt das Ausbildungsverhältniss beendet.

Mirko ist danach etwa ein halbes Jahr ohne Beschäftigung, was ihm sehr zu schaffen macht. In dieser Zeit lerne ich Mirko kennen, da ich die Arbeit in dem Heim aufnehme, in dem Mirko lebt. Es wird in dieser Zeit intensiv versucht für Mirko eine Beschäftigung zu finden, da er massiv unter der Untätigkeit leidet. Mirko ist kaum in der Lage, seine freie Zeit selbständig sinnvoll zu gestalten. Im September 2002 beginnt Mirko mit der schon beschriebenen AQJ - Maßnahme in der Jugendwerkstatt. Auch dort sind wieder die bekannten Muster mit theoretischem und praktischen Teil zu beobachten. Allerdings hat Mirko dort eine Sozialpädagogin, die sich intensiv um ihn bemüht und sehr auf ihn eingeht. Mit ihrer Hilfe schafft er es, den theoretischen Teil annehmbar zu gestalten.

Im Folgenden noch ein paar Gedanken zu Mirkos Heimgeschichte. Mirko hat in seinen Aufenthalten in den Kinder- und Jugendheimen wenig Kontinuität erfahren. Seine Heimaufenthalte in Meißen waren geprägt durch Unterbrechungen (Rückkehr ins Elternhaus) und Wiedereintritten. Das bedeutet einen ständigen Wechsel von Bezugspersonen. Auch die Zeit im Kinderheim in Radebeul war von solchen Wechseln geprägt. Zwar fanden keine Rückführungen ins Elternhaus mehr statt (außer Besuche und Wochenendbeurlaubungen), allerdings wechselten die Betreuer des öfteren. Bedingt durch den miterlebten Trägerwechsel und durch eine ständige starke Fluktuation im Betreuerteam erlebte Mirko öfter einen Betreuerwechsel mit. Auch der Wechsel von Kindern- und Jugendlichen, die das Heim bewohnen ist sehr häufig. Aufgrund der mir vorliegenden Berichte zum Hilfeplan ist festzustellen, daß es in Mirkos Sozialverhalten ein ständiges Auf und Ab gab. Einerseits wird in den Berichten beschrieben, daß Mirko sich gut in die Gruppe integriert, die Regeln einhält und Konflikte annehmbar bewältigen kann, andererseits wird zwischendurch auch immer wieder das Gegenteil beschrieben. Anhand der Berichte und der Aussagen einer Betreuerin, die Mirko relativ lange erlebt hat, finden diese Wechsel in seinem Sozialverhalten meist dann statt, wenn sich die äußeren Umstände für Mirko ändern.

Seine sozialen Kontakte sind von Ambivalenz geprägt. Mirko hat, wie schon oben beschrieben keine festen Freunde. Er sehnt sich aber danach. Er hat ein natürliches Verhältnis von Nähe und Distanz noch nicht gefunden. Das führt dazu, daß er teilweise sehr distanzlos auf Menschen zugeht und diese ihn daraufhin ablehnen. Andererseits verstört er Menschen, mit denen er eine Beziehung hat, immer wieder dadurch, daß er urplötzlich aggressiv seine Freiräume einklagt. Durch seine extremen Kontaktschwierigkeiten und dem gleichzeitigen Wunsch nach Nähe wird Mirko dann immer wieder von Menschen, die ihm geistig überlegen sind, ausgenutzt und für ihre Interessen mißbraucht. Das führte und führt zu Problemen für Mirko, wie den schon oben beschriebenen Mobilfunkverträgen. In der Vergangenheit ließ sich Mirko auch immer wieder zu Straftaten (Diebstähle, Sachbeschädigung) verleiten und wurde deswegen auch schon zu einer Jugendstrafe verurteilt (gemeinnützige Stunden).

Ganz besonders ambivalent ist das Verhältnis zu seinen Eltern und zwar von beiden Seiten. Mirko ist bis heute immer bestrebt den Kontakt zu seinen Eltern zu halten und sie so oft es geht zu besuchen, auch in den problematischen Zeiten. Er sehnt sich nach ihrer Liebe und Anerkennung und leidet sehr darunter, daß sie ihm dieses immer wieder versagen. Er ruft regelmäßig an, ob er zu Besuch kommen darf und wird oft abgewiesen. Trotzdem sucht er immer wieder von sich aus den Kontakt. Nach seinen Besuchen zu Hause ist er oftmals geschafft von den Streitereien und Vorwürfen und sagt, er will nie mehr dahin gehen, was er allerdings nie schafft. Von Seiten seiner Eltern ist die Beziehung geprägt von Desinteresse und Vorwürfen. Die Eltern interessieren sich nicht für das, was Mirko bewegt und was ihm gelingt. Sie halten ihm immer nur die Sachen vor, die bei ihm nicht klappen. Wenn er sie besuchen will, fragt er immer bei seiner Mutter an, da der Vater noch weniger Interesse an Kontakt hat als sie. Die Mutter gibt ihm dann immer zu verstehen, daß er eigentlich nicht zu kommen braucht, aber wenn er unbedingt will kann er es machen. Da Mirko manchmal das Telefon lautgestellt hat wenn er mit ihr telefonierte, konnte ich manche Gespräche mitverfolgen. Die Kommunikation ist geprägt von verbalen Demütigungen. Trotzdem macht seine Mutter ihm Vorwürfe, wenn er sich nach einem Streit mal nicht zur „geregelten“ Zeit bei ihr meldet.

Mirko zieht sich bei auftretenden Konflikten zurück. Das braucht er auch, da er von Problemen meist erstmal überfordert ist. Wenn er eine Zeit des Rückzuges hat, kann man das Problem mit ihm besprechen, muß allerdings immer kleine überschaubare Einheiten des Problems finden, damit Mirko sie verstehen und bewältigen kann.

Mirko ist seit seinem Einzug in das Kinderheim Radebeul bei der Freiwilligen Feuerwehr. Er nahm dort ohne größere Unterbrechungen teil. Der Leiter der Jugendfeuerwehr hat ein gutes Verhältnis zu Mirko und geht einfühlsam auf in ein.

Das was ich jetzt zu Mirkos Biographie niedergeschrieben habe, ist größtenteils den Akten entnommen und zum anderen Teil habe ich es aus Gesprächen mit früheren Betreuern von Mirko erfahren. In den Gesprächen mit Mirko selbst ist es sehr schwierig etwas über seine Lebensgeschichte zu erfahren. Er bestätigt in groben Zügen das, was ich oben beschrieben habe. Es ist allerdings kaum möglich, detailliertere und chronologische Angaben von ihm zu erhalten. Mirko ist nicht in der Lage zusammenhängend zu denken und zu erzählen. Chronologische Zusammenhänge herzustellen oder in Zeitkategorien wie Monat, Woche, Jahr zu denken fällt ihm schwer bzw. beherrscht er es gar nicht. Auch inhaltlich äußerte er sich wenig über seine früheren Heimaufenthalte. Wenn er etwas erzählt, berichtet er über Personen, die ihm wichtig waren. In Bezug auf seine Eltern ist sich Mirko bewußt, daß er unter der Beziehung hauptsächlich leidet. Er kann aber nicht reflektieren oder die Reflexion annehmen, woran es liegen könnte. Auch über Wünsche und Vorstellungen von seinem Leben mit ihm zu reden, ist schwierig. Mirko geht meist vom Ist-Zustand aus und will ihn nur ein wenig verändern. Zukunftsplanung über einen längeren Zeitraum kann er nicht bewältigen. Seine Wünsche, die er relativ klar formuliert sind eine eigene Wohnung haben (als Rückzugsraum), zu arbeiten (als was, kann er nicht genau sagen) und weiterhin betreut zu werden.

[...]


[1]nach B. Müller „Sozialpädagoisches Können: ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit“, 3. Aufl., Freiburg im Breisgau: Lambertus, 1997

[2]Aus dem Befund der Psychologischen Untersuchung im Zeitraum September bis Dezember 2000 des Sozialpädiatrischen Zentrums Dresden vom 12. Dezember 2000

Details

Seiten
30
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638279512
ISBN (Buch)
9783638648646
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25276
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH) – FB Sozialpädagogik
Note
1,7
Schlagworte
Phasen Einzelfallhilfe Beispiel Falls Mirko

Autor

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Titel: Die Phasen der sozialpädagogischen Einzelfallhilfe anhand eines Praxisbeispiels