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Popliteratur - Ohne Moral keine Literatur? - Tutzinger Tagung zur Freiheit der Literatur

Hausarbeit 2004 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil
I. Maxim Biller: Feige das Land, schlapp die Literatur
II. Popliteratur in der Debatte – zwischen Tradition und Moderne
II. a Popliteratur als Sinnbild des Trivialen
II. b Popliteratur als nationalkultureller Erneuerungsversuch

Ausblick

Literatur

I. Primärliteratur
II. Sekundärliteratur

Anhang

Einleitung

Ich nenne so was Schlappschwanz-Literatur. Es ist eine Literatur, an der man merkt, dass ihre Verfasser sich längst selbst aufgegeben haben. [...] So geistern durch unsere Gegenwartsliteratur Dutzende von Papierleichen, die nichts wollen, nichts hassen, nichts lieben. [...] Ihre Handlungen können [...] niemanden schocken, mitreißen, aufwühlen, da fehlt eine metaphysische Hoffnung, das Leben möge vielleicht doch nicht ein einziger tiefer Fall in diesem beschissenen dunklen Abgrund sein.[1]

Anfang April 2000 lud der Münchner Schriftsteller und Journalist Maxim Biller mehr als hundert Schriftsteller, Verleger und Kritiker[2] zu einer dreitägigen Tagung in die Evangelische Akademie Tutzing ein und stellte die Frage `Freiheit für die deutsche Literatur – Können die Schriftsteller von heute noch so schreiben, wie sie wollen?`.

Biller eröffnete als Initiator der Tagung die Diskussion mit einer impulsiven Polemik. Anstatt einer herzlichen Begrüßung schimpfte er geradewegs über das linke Deutschland, über die in diesem Land durchweg herrschende kleinbürgerliche Angst und über die klägliche Mittelmäßigkeit des öffentlichen Kulturlebens. Leidenschaftliche Feindschaften, mutige Kämpfe und moralische Bekenntnisse zu Gut und Böse seien in der heutigen Gesellschaft nicht mehr anzutreffen. Und wo die Moral fehle, fehle die Kunst und somit auch die Literatur. Aus diesem Grund müsse er den hier Versammelten, mit wenigen Ausnahmen, mitteilen, dass sie allesamt `Schlappschwanzliteraten` seien.

Auf Billers Eröffnungsrede reagierten die Anwesenden einerseits mit großem Gelächter aufgrund des frechen Tons seiner Ausführung, andererseits mit Fassungslosigkeit wegen der Dreistigkeit, mit der Biller sogar seine Freunde beleidigte. Aber niemand packte nach der Attacke beleidigt seine Koffer, sondern man stürzte sich begeistert in die Diskussionsrunden.

Durch die Tutzinger Tagung und den Abdruck seiner Rede ein paar Tage später in der `Zeit` hatte Biller einen Streit über die deutsche Gegenwartsliteratur entfacht, der die deutschen Feuilletons in den darauffolgenden Wochen beherrschte.

Schon seit Ende der Achtziger existiert eine Debatte über das Wesen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, die vor allem von Maxim Biller[3] und Frank Schirrmacher[4] initiiert wurde. Diese Kontroverse stellt eine Kritik am allgemeinen Literaturbetrieb und an bestimmten Normen dar. Sie beinhaltet die Frage, warum die deutschsprachige Gegenwartsliteratur an Profil und Bedeutung verloren hat, sodass sie international kaum noch eine Rolle spielt.

Ende der Achtziger erklärte die Mehrheit der Literaturkritiker unabhängig voneinander die deutsche Literatur zwischen 45´ und 89´ für ein unbedeutendes Ereignis. Als Folge des Holocaust sei die deutsche Literatur zu politisch, zu schöngeistig und zu anspruchsvoll geworden. Für Maxim Biller besaß die deutsche Literatur „soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel“[5]. Die deutschen Autoren sollten vielmehr ein „neues Erzählen entwickeln, Romane, die man liebt, die man genauso atemlos und gebannt durchlebt wie [...] einen guten Film.“[6] Der deutschen Literatur fehle der Realismus.

In den Neunzigern trat dann diese geforderte neue Autorengeneration an, mit Freude am Erzählen selbstbewusst ihre eigene Literatur zu entwickeln. Autoren wie Marcel Beyer, Maxim Biller oder Ingo Schulz beschäftigten sich mit der NS-Zeit, mit den 68ern und mit dem Leben im geteilten Deutschland. Doch am Ende des Jahrtausends kam wieder eine neue Autorengeneration ins Spiel, die als `Generation Golf`[7] bezeichnet wird.

Mit der Veröffentlichung des Romans `Faserland`[8] von Christian Kracht 1995 boomte die Popliteratur und läutete die Entwicklung einer neuen literarischen Richtung ein. Vor allem ehemalige Fernseh- oder Musikjournalisten[9], meist jünger als 28 Jahre und somit Ziehkinder der `New Economy`, begannen kurze Romane zu verfassen, die eher als eine Archivierung von Bildern und Anekdoten aus dem Alltag bezeichnet werden können. Popliteratur bemüht sich in erster Linie um eine neue authentischere Sprache, indem sie sich sehr stark am Zeitgeist orientiert. Gesellschaftliche Außenseiter berichten realistisch aus dem Leben, beziehen sich auf Songs und Erscheinungen der Popkultur, mixen Texte wie Diskjockeys. Popliteratur ist Literatur, die sich der Massen- und Alltagskultur öffnet und damit die Idee einer hochtrabenden bürgerlichen Hochkultur in Frage stellt. In der Konzentration auf die eigene Biographie erblicken die Popliteraten die Chance, sich innerhalb einer Gesellschaft, in der sie sich als Individuum zunehmend isolieren, ihrer selbst zu vergewissern. Aus der eigenen Biographie glaubt man, Entscheidendes über den Zustand einer Gesellschaft ablesen zu können.

Die Popliteraten eröffnen mit ihrer unbekümmerten Schreibweise frei von historischer Gewissenslast und mit ihrem radikalen Individualismus einen nationalen Neuanfang und die ewige Frage `Lässt sich noch erzählen?` scheint keine Rolle mehr zu spielen. Die neue Autorengeneration zeigt keinerlei Bestreben, als moralische Instanz der Nation in Erscheinung zu treten oder sich zu politisieren. Literatur muss vielmehr nur noch als ein sekundäres Medium betrachtet werden. Der Autor verfasst bzw. arrangiert zwar noch den Text, aber noch mehr produziert der Text den Autor. Das Kunstwerk entsteht aus der visuellen und akustischen Darbietung. Literatur soll nicht mehr erziehen, sondern unterhalten.

Biller hat zwar den Kampf gegen die alte Garde der deutschen Literatur erfolgreich gewonnen. Die junge deutsche Literatur wurde wieder gelesen und international spielten deutsche Bücher erneut eine Rolle. Sie war aber für viele qualitativ schlechter als erwartet.

Auf dem Höhepunkt der Popliteratur versammelt nun Biller die Autoren, die er zuvor selbst gerufen hatte, um sich, um sie damit zu konfrontieren, was der deutschen Literatur trotz der hohen Auflagenzahlen fehle: Die Moral.

Tutzing stellt nur eine Etappe in der kritischen Auseinandersetzung mit der deutschen Gegenwartsliteratur dar. Die Geschehnisse auf der Tagung selbst und die darauffolgend entstehende Diskussion in den Feuilletons sollen in dieser Arbeit nachgezeichnet und bewertet werden. Im ersten Teil dieser Arbeit steht der Ausgangspunkt dieser Debatte, Billers Eröffnungsrede in Tutzing, im Zentrum der Betrachtung. Billers einzelne Kritikpunkte an der deutschen Gegenwartsliteratur sollen detailliert herausgestellt werden. Der Hauptteil der Arbeit befaßt sich dann mit der Debatte an sich. Hierbei stehen sich die Anhänger des traditionellen und des modernen Textverständnisses gegenüber. Im ersten Unterpunkt wird die Position und die Argumentationsweise der Anhänger der These, Popliteratur sei das Sinnbild des Trivialen, nachgezeichnet. Im zweiten Unterkapitel wird diskutiert, ob man Popliteratur als einen neuen nationalkulturellen Erneuerungsversuch bezeichnen kann. Ist Pop die neue Hochkultur unserer Epoche? Kann Pop als eine neue Form der Vergangenheitsbewältigung bezeichnet werden, als eine neue Nationalkultur, die die Gräben zwischen Hoch- und Massenkultur schließen kann?

Im Jahre 2001, also nachdem die Popliteratur ihren Höhepunkt überschritten hatte, erschienen die ersten wissenschaftlichen Abhandlungen[10] über die deutsche Popliteratur. Popliteratur wurde zum Studiumsobjekt der Hochkultur. Sie bemühten sich gerade in Abgrenzung von der nicht seltenen Engstirnigkeit mancher Literaturkritik[11], die verschieden Entwicklungslinien und Bezugsrahmen der Popliteratur aufzuzeigen. Seit Mitte der Neunziger findet Popliteratur Leser, Hörer und Zuschauer in Massen, doch keine gute Presse in den Feuilletons. Was beim Publikum Aufmerksamkeit erregt, stößt bei der oft dogmatisch wirkenden Literaturkritik auf tiefgreifendes Misstrauen und Verachtung.

Im Rahmen dieser Arbeit soll Popliteratur frei von jeglichem Misstrauen und Vorurteilen betrachtet und ihrem literarischen Anspruch Rechnung getragen werden.

Am Ende soll die Frage beantwortet werden, was Popliteratur, die Diskussion über sie und die Polemik Billers für die gesamte deutsche Literaturlandschaft gebracht haben.

Zuweilen wirkte die Veranstaltung wie ein Konvent intergalaktischer Lebensformen, die erfolglos versuchen, ihren Sprachdecoder auf eine gemeinsame Frequenz zu schalten.[12]

Hauptteil

I. Maxim Biller: Feige das Land, schlapp die Literatur

Es ist wirklich nicht viel, was Aristoteles und ich wissen, außer dass jede gute Kunst in jenem nicht genau definierbaren Spannungsfeld von Moral und Unmoral, von grässlicher Wirklichkeit und schönem Traum entsteht – also da, wo der Schriftsteller [...] bei seiner Arbeit unbewußt und nahezu unparteiisch-intuitiv, aber dabei umso aggressiver die Frage untersucht, wer die Feinde der Moral sind und wer ihre Freunde.[13]

Für Biller ist Moral der kostbarste existierende politische Begriff. Er selbst lebe jedoch in einer Zeit und in einem Land, in denen dieser Begriff keine Rolle mehr spiele, außer in Holocaust-Debatten. Schuld daran sei natürlich das deutsche Volk, das nur noch aus selbstsüchtigen Neurotikern bestehe, woran wiederum die 68er die Schuld tragen. Den Deutschen sei der Hass auf das Falsche, auf ihren Feind abhanden gekommen und daher seien sie nur noch zur Produktion von `Schlappschwanzliteratur` imstande. Man höre seit Jahrzehnten kein aufrührerisches Wort mehr in Deutschland. Von der eigenen Angst seien die Deutschen beherrscht und die Popliteraten hätten von allen die größten Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit. Sie wüssten genau, dass mit dieser Generation etwas nicht stimme. Aber gerade sie „machen es sich, von Tausenden spitzfindiger Argumente unterfüttert, in der kapitalistischen Warenwelt intellektuell bequem, um sie bloß nicht verlieren zu müssen.“[14]

Zu Beginn seiner Rede diagnostiziert Biller Deutschland eine flächendeckend ausgebreitete `Meinungsdiktatur` und ordnet ihren Ausbruch zeitlich Ende der Siebziger Jahre ein. In seiner Jugend habe es in Deutschland noch echte Feindbilder gegebenen. Diese Feinde seien zwar nicht seine Feinde gewesen, sondern die seiner deutschen Freunde, aber wo Feindschaften existieren, müssen auch moralische Kategorien vorhanden sein. Biller habe aber nie diesen „Hass gegen den Bullenstaat“[15] der Siebziger verstanden. Seine damaligen Mitschüler und Freunde besaßen zwar demnach moralische Grundsätze, aber ihre Einteilungen in Gut und Böse seien Billers Ansicht nach widersinnig gewesen. Diese Moral konnte nicht Billers Moral sein. „Und wie vor allem, konnte ich nicht erkennen, dass meine Freunde fehlprogrammierte, unmenschliche, gedankenlose Dogmatiker waren?“[16]

Seine Freunde hätten in dieser Zeit auch Helden besessen. Einer von ihnen sei Bertolt Brecht gewesen, Billers Meinung nach „der König der Dummköpfe“[17]. Brechts überhebliches Gerede von Moral sei nichts anderes gewesen als Kommunistenpropaganda. Für Biller stellt Brecht nichts geringeres dar als einen Pseudomoralisten.

Die Feinde von Brecht und seinen Siebziger-Jahre-Lemmingen [waren] nicht meine Feinde [..], und weil jede Moral sich entsprechend ihrer Definition von Gut und Böse konstituiert, konnte Brechts dumpfantibürgerliche, militant-kollektivistische Moral nicht meine Moral sein.[18]

[...]


[1] Maxim Biller: Feige das Land, schlapp die Literatur. Über die Schwierigkeiten beim Sagen der Wahrheit. In: Die Zeit, Nr. 16, 13. April 2000, S. 47, Im Anhang S. 1 – 10, hier S. 8.

[2] darunter u.a. Joachim Bessing, Thomas Steinfeld, Joachim Unseld, Matthias Altenburg, Christian Kracht, Alissa Walser, Rainald Goetz, Feridun Zaimoglu, Joseph von Westphalen, Zoe Jenny.

[3] Maxim Biller: Soviel Sinnlichkeit wie der Stadtplan von Kiel. Warum die neue deutsche Literatur nichts nötig hat wie den Realismus. Ein Grundsatzprogramm. In: Görtz, Franz/Hage, Volker/Wittstock, Uwe (Hg.): Deutsche Literatur 1992. Jahresüberblick, Ditzingen 1993, S. 62 – 71. Zuerst in: Die Weltwoche, 25. Juli 1991.

[4] Frank Schirrmacher: Idyllen in der Wüste oder Das Versagen vor der Metropole. Überlebenstechniken der jungen deutschen Literatur am Ende der achtziger Jahre. In: Görtz, Franz/Hage, Volker/Wittstock, Uwe (Hg.): Deutsche Literatur 1992. Jahresüberblick, Ditzingen 1993, S. 15-27. Zuerst in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Literatur-Beilage, 10. Oktober1989.

[5] Biller (Anm. 3).

[6] Biller ebd., S. 71.

[7] Benannt nach dem gleichnamigen Roman von Florian Illies: Generation Golf. Eine Inspektion, Frankfurt am Main 2001.

[8] Christian Kracht: Faserland, Köln 1995.

[9] Autoren wie Joachim Bessing, Florian Illies, Christian Kracht, Benjamin von Stuckrad Barre.

[10] u.a Thomas Ernst: Popliteratur, Hamburg 2001.

[11] Vgl. u.a. Matthias Politycki: Simplifizier und Schubladianer. In: Taz, 27. Oktober 2001, S. 13.

[12] Georg M. Oswald: Anfang für alle. Agony is over: In Tutzing entdeckte eine neue Schriftsteller-Generation sich selbst. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 79, 4. April 2000, S.17.

[13] Biller (Anm. 1), S. 6.

[14] Biller ebd., S. 7, zum Abschnitt vgl. ebd. S. 1-10.

[15] Biller ebd., S.1.

[16] Biller ebd.

[17] Biller ebd.

[18] Biller (Anm. 1), S. 2.

Details

Seiten
19
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638279789
Dateigröße
601 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25308
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Deutsches Seminar
Note
2,3
Schlagworte
Popliteratur Ohne Moral Literatur Tutzinger Tagung Freiheit

Autor

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