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Die deutsche Querelle des Anciens et des Modernes, Schlegels Position und die Einflüsse der Querelle auf seine "Lucinde"

Seminararbeit 2004 36 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt:

1.0 Einleitung

Teil I: Vorraussetzungen und Ergebnisse der Querelle des An­ciens et des Modernes in Frankreich und Deutschland

2.0 Vorraussetzungen der Querelle

3.0 Die französische Querelle

4.0 Die deutsche Querelle
4.1 Die Fragen der Querelle
4.2 Die Vertreter der deutschen Querelle
4.2.1 Herders Briefe „Zur Beförderung der Humanität“
4.2.2 Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentale Kunst“

5.0 Die Querelle als Missverständnis?
5.1 Das Zeit- und Geschichtsverständnis als Problem der Querelle
(A) Qualitativer versus quantitativer Zeitbegriff
(B) Synchrone versus diachrone Geschichtsauffassung
5.2 Die Ästhetikkonzepte als Problem der Querelle Konsumentenorientiertes versus produzentenorientiertes Kunstkonzept

Teil II: Friedrich Schlegel Position in der Querelle des Anciens et des Modernes und Einflüsse auf seine Philosophie und Poesie

6.0 Schlegels Position in der Querelle: „Über das Studium der griechischen Poesie“
6.1 Schlegels Universalphilosophie und –poesie als Produkt der Querelle
6.1.2 Schlegels Theorie der Naturpoesie als Sublimation und Substitu­tion gesellschaftlicher und religiöser Funktionen, der Entzweiung von Mensch und Natur, von natürlicher und künstli­cher Kunst

7.0 Die Wirkung der Querelle des Anciens et des Modernes auf Schlegels Lucinde

8.0 Schlusswort

Bibliographie

Die deutsche Querelle des Anciens et des Modernes –

Schlegels Position und Einflüsse der Querelle auf Schlegels „Lu­cinde“

1.0 Einleitung

Der Querelle des Anciens et des Modernes hat in der Literaturgeschichte vergleichsweise wenig Beachtung gefunden, obwohl seine Wirkung auf unser gegenwärtiges Kunst- und Ästhetikkonzept sowie die Perspektive unserer heutigen Geschichtsbetrachtung von großer Bedeutung ist.

Mit der Querelle des Anciens et des Modernes beginnt sich das, für uns heute selbstverständliche lineare, diachronisch-historische Geschichtsmo­dell durchzusetzen. Weiterhin setzt sich das systemtheoretische Basis-Überbau-Modell[1] durch, das heißt, Entwicklungen und Neuerungen künstleri­scher Berei­che werden im Zusammenhand sozialer und politischer Verände­rungen begrif­fen. Ohne die Querelle wäre unser heutiges Kunstverständnis autonomer Kunst undenkbar. Die Legitimation der epochalen nationalen Kunst als Er­gebnis der Querelle führte überdies zur Stärkung des nationa­len Selbst­wertgefühls und zur Rückbesinnung auf die eigene Kultur. Eigene Brauchtü­mer und Traditionen werden wie­der entdeckt. Die sogenannte Deutschtümelei findet Ausdruck in deutschen Märchen (Grimms Märchensamm­lung), Sagen und Volksliedern. Hier sind auch die Anfänge der deutschen Literaturwissen­schaften zu finden.

Auf die Literatur der Romantik hatte die Querelle großen Einfluss und in vielen frühromantischen Werken werden die Fragen der Querelle implizit eingeflochten und bearbeitet. Insbesondere Schlegel war maßgeblich an der deutschen Querelle beteiligt und auch sein Roman „Lucinde“ spiegelt die Fragen der Querelle wieder. Ohne das Wissen um die Querelle würde ein wichtiger Zugang zu diesem frühen Werk Schlegels fehlen.

Ich werde in der folgenden Arbeit nach dem geistesgeschichtlichen Ansatz vorgehen und versuchen die Hintergründe und Ursa­chen des Querelles darzu­legen. Weiter möchte ich auf die deutsche Quer­elle und ihre Vertreter, insbesondere auf Schlegels Position und die Wir­kung des Streites auf seine Philosophie und Poesie eingehen.

Die Gründe für die Querelle, ihre Durchführung und Folgen sind allerdings so vielfältig und komplex, daß es mir im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich sein wird den Streit in seiner Uni­versalität darzustellen.

Teil I: Vorraussetzungen und Verlauf der Querelle des An­ciens et des Mo­dernes in Frankreich und Deutschland

2.0 Vorraussetzungen der Querelle:

In der Naturmystik der Griechen wurden Naturphänomene noch durch Perso­nifi­zierung der beseelten Natur erklärt, durch das willkürliche Eingrei­fen der Götter in das Naturgeschehen. Der antike Mensch stellte eine Ein­heit mit seiner Umwelt und der Natur dar und wurde zum Sinnbild der huma­nistischen Bildung. Im Laufe der Entwicklung des Logos wurden Naturphäno­mene zunehmend nicht mehr durch das Eingreifen der Götter, sondern durch na­turwissenschaftliche Hinterfragungen erklärt. An die Stelle der vielen Götter, die Verantwor­tung über die Elemente tru­gen, trat im Zuge der ger­manischen Christianisierung der eine omnipräsente moralische Gott.

Aus der ursprünglichen Naturmythologie entsprangen sowohl die Kunst als auch die Wissenschaft. Diese Entwicklung führte zu einer zunehmenden Ent­zweiung von Mensch und Natur. Die Suche nach den Wurzeln und Ursprüngen führte tragischerweise zur Entwurzelung. Naturwissenschaftliche Entde­ckungen (Kopernikus, Descartes) bestä­tigten in den folgenden Jahrhun­der­ten den Fortschrittsopti­mismus und bedeu­teten gleichzeitig die absolute Diskredition der antiken Naturphiloso­phie.

Aufgrund dieser Entwicklungen veränderte sich auch die Poesie sowohl the­matisch als auch formal, was zu der Frage nach der Vormachtstellung anti­ker imitierender Kunst oder moderner experimenteller Kunst führte. Die Frage wurde zuerst in Frankreich von den Vertretern des Anciens und der Partei der Modernen diskutiert und mündete Ende des 17. Jhdt. in die Querelle des Anciens et des Modernes.

Die Querelle des Anciens et des Modernes ist seitdem ein, auch heute noch hochaktueller literarischer Topos, „der in den generationsbeding­ten Re­volten der Jugend wiederkehrt und nunmehr anzeigt, wie sich von Jahrhun­dert zu Jahrhundert die Proportionen zwischen den alten und den neuen Schriftstellern verschieben“[2]. Der Wortgebrauch des Alten und Moder­nen „bezeichnet […] die Grenze zwischen dem Heutigen und dem Gestri­gen“[3] und ist immer dort erkennbar, wo durch geschichtlichen Wandel und das Selbst­verständnis einer neuen Gegenwart „die Abscheidung einer Ver­gangenheit“ der neuen Gegenwart zur eigenen Entfaltung verhilft.

Schon in der Antike wurde -zwar ohne historisches Bewusstsein im Sinne eines Epochen- und Entwicklungsbegriffes- die gegenwärtige Literatur mit den lite­rarischen Leistungen der Vergangenheit ver­glichen. Damals herrschte noch die Geschichtsauffassung der ewigen Wiederholung der Ge­schichte vor. Dieses zyk­lische Geschichtsbild wurde gestützt durch den Gegensatz von Neu und Alt, wobei die Beg­riffe alt und neu, antiquitas und modernus (lat. modo = jetzt, soeben) wertfrei verwandt wurden und ledig­lich eine zeitliche Be­grenzung darstellten.

Zunehmend fand eine Bedeutungsverschiebung der beiden Begriffe antik und modern statt. In der karolingischen Zeit, im 8. bis 10. Jahrhundert, in der Zeit der Missionierung und Christianisierung der Germanen wurden die Begriffe alt und neu stark bewertet. In dieser Zeit „umfasst der Begriff (Moderne) schon die gesamte christliche Zeit im Gegensatz zur heidnischen Antike“[4].

In der Renaissance, im 14. bis 17. Jahrhundert, einer Zeit wo sich die Kunst, insbesondere die Malerei wieder stark an antiken Vor­bildern orien­tierte, sich um den Wiederaufstieg zu dieser verlore­nen kulturellen Höhe bemühte, und diese noch zu übertreffen suchte, kehrte man zu der zykli­schen Vorstellung des Geschichts­bildes zurück. Allerdings erkannte man auch die eigene Distanz zu der vorbildlichen, aber nicht mehr verfügbaren Antike.

In der Romantik ist der Begriff modern zunächst stark negativ konnotiert, da eine Orien­tierung an schnell wechselnden Moden als tadelhaft empfunden und als menschliches Variationsbedürfnis abgewertet wird.

3.0 Die französische Querelle

Die führende Kraft der französischen Querelle war Charles Perrault. 1687 wird die Querelle in Frankreich von Charles Perrault ausge­löst und fo­kalisiert sich auf die Frage des Rückgriffs auf die Antike als Modell.

Diese Debatte wurde 1687 von Perrault in der Académie Francaise mit der These begonnen, dass der seit Descartes und Ko­pernikus manifeste Fort­schritt der Wissenschaften auch in den Künsten seinen Ausdruck finde.

In der Sitzung der Académie francaise am 26.Januar 1687 trägt Per­rault sein Gedicht „Le Siécle de Louis le Grand“ vor, worin er, nicht ohne auf den Beifall des Königs zu schielen, die Überlegenheit sei­ner eige­nen Epo­che über die Antike postu­liert, die bis dahin in allem als vorbild­haft galt. Er leugnet den Charakter des Lehrer-Schüler-Verhältnisses zwischen den Epochen der Antike und Modern. Er löst hiermit unerwartet die heftige Querelle des Anciens et des Moder­nes aus, den wohl berühmtesten Litera­tenstreit der an querelles so reichen französischen Literaturgeschichte.

Kurz darauf erscheint Perraults Werk „Paralléle des Anciens et des Moder­nes“. Dieses Werk besteht aus fünf Dialogen über die bilden­den Künste, Be­redsamkeit, Dichtung und Wissenschaft. Diese Berei­che werden zu einem Epo­chenvergleich herangezogen mit dem Ergeb­nis eines einheitlichen Fort­schrittmo­dells und der Überlegenheit der Moderne über die Antike.

Implizit wird als Fazit die Relativität des Schöne formuliert und die lang­same Näherung an ein historisches Verständnis der Antike und antiken Kunst, womit die Fragestellungen der Querelle hinfäl­lig werden.

Die Annahme nur eines goldenen Zeitalters, nämlich der Antike wird abge­lehnt zugunsten mehrerer goldener Zeitalter.

Im Endergebnis der Querelle wurde ein dreistufiger Zeitablauf etabliert – An­tike/Mittelalter/Moderne, in welchem die Moderne nunmehr positiv gese­hen wurde, als der Höhepunkt der Wissenschaf­ten und der Künste.

4.0 Die deutsche Querelle

Erst hundert Jahre nach der französischen Querelle des anciens et des mo­dernes findet die Auseinandersetzung in Deutschland statt.

Während die französische Klassik schon längst die absolute Ver­schieden­heit von Antike und Modernen erfasst und historisiert hatte, steht die deutsche Klassik noch immer vor diesem Dilemma. Die antike Kunst galt in Deutschland noch immer als ideale voll­kommene nachahmenswerte Kunst.

Die gesellschaftlichen Strukturen verändern sich in der Zeit der Ro­mantik in Deutschland gravierend. Das Lehnswesen wurde aufgelöst, das Ständesys­tem ver­ändert sich, aufgrund der Funktionspluralität gab es keine beste­hende klare Aufgabenverteilung mehr. Wo bislang eine Einheit von Kirche und Staat bestand, wurde im Zuge der Humanismusbewegung und seiner Re­naissance in der Aufklärung nun zwischen Gesellschaft und Religion unter­schieden. Die Kirche verlor an Einfluss und Stellenwert, 1789 wurden Kir­chen enteig­net, 1803 die kirchli­chen Güter in Deutschland an weltliche Organisationen vergeben, religiöse Entscheide privatisiert. Durch die Entmachtung der Kirchen und Funk­tions­verlust der Religion herrschten Ver­wirrung, Unsicherheit und Desori­entie­rung vor. Die Gründe der Existenz in der Rea­lität waren nicht mehr ausrei­chend. Die Romantiker flüchteten sich in den Pool der Möglichkeiten, ins Unendliche der Reflexionen und Phanta­sien. Die rationale Durchdringung der Welt wurde als Feindin der Poe­sie erkannt, man wandte sich gegen alles Nor­mative und Rationale. In Überstei­gerung des aufkläreri­schen Gedankenguts, was letztlich zu einer gegenaufklä­rerischen Haltung führte, wurde die moderne romantische Kunst zur subjektiven Kunst und persönlicher Ressource als Bollwerk gegen den Verlust gesellschaftlicher Sicherheit.

Mit dem Wandel der Kunst von der objektiven zur subjektiven Kunst wurde auch in Deutschland die Diskussion um das Vorrecht antiker imitierende oder moderner innovativer Kunst eröffnet.

4.1 Die Fragen der Querelle:

(1) Wie ist die Verschiedenheit antiker und moderne Poesie zu bestimmen, wenn sie in ihrem historischem Kontext betracht wird und nicht als einsei­tig abstrahierter Begriff der Poesie aus ihrem Kontext gelöst wird?
(2) Wenn man derart verschiedene und historisch soweit voneinander ent­fernte Dinge objektiv betrachten will, gibt es dann, neben dem hinfällig gewordenen Begriff des antiken Zeitlosen und interesse­losen Schönen, ei­nen höheren gemeinschaftlichen Begriff, eine ob­jektive Philosophie der Kunst, ein höheres Wesen der Kunst, das erlaubt eine Kunst gesondert zu betrachten und Aussagen über ihre Qualität zu und individuelle Vollkom­menheit in der übergeordneten Einheit zu machen?
(3) Wenn die Sichtweise auf die Antike in ein neues Verhältnis zur Gegen­wart gerückt wird, wie wird dieses neue Bild der Antike in das aufkläreri­sche, romantische Geschichtsbild eingefügt?
(4) Wie ist das eigene Existenzrecht der beiden Epochen mit der Theorie der Perfektibilität (Vollkommenheit der antiken Kunst) und Kants Satz der Ver­nunft, mit der notwendigen und unendlichen Ver­vollkommnung der Mensch­heit zu verbinden?

4.2 Die Vertreter der deutschen Querelle

Die Vertreter der deutschen Querelle des Anciens et des Modernes waren neben Goehte, Winkelmann und vielen anderen vor allem Schlegel, Schiller und Herder. Fast zeitgleich aber unabhän­gig voneinan­der entstanden, er­scheinen 1795 Schlegels Aufsatz „Über das Studium der grie­chischen Poe­sie“ und 1796 Schillers Ab­handlung „Über sentimentale und naive Dich­tung“. Die Ähnlichkeit beider Schriften lässt sich durch das gemeinsame Erbe der Aufklä­rung und allgemeinen literarischen epochalen Strömungen er­klärt werden.

Alle Schriften greifen die Fragen des Querelles auf und suchen nach ei­ner Lösung des Dilemmas zwischen moderni und antiqui. Ob sie die Fragen der Querelle beantwortet haben, möchte ich dahingestellt lassen.

4.2.1 Herders Briefe „Zur Beförderung der Humanität“

Herders Briefe „Zur Beförderung der Humanität“[5] erschienen 1796 und sind zeitlich zwischen Her­ders Aufsatz und Schillers Ab­handlung erschienen.

Herder fällt es schwer den Rangstreit moderner und antiker Kunst zu beant­worten, die Unterschiede herauszuarbeiten „und dabei jeder Nation und Zeit ihr Recht widerfahren zu lassen“, wo „diese schöne Blume der Humanität, Po­esie in Denkart, Sitten und Sprache […] überall und allezeit gleich glück­lich“ blühe (S. 441). Ihre Blüte sei abhängig von Parametern wie Witterung, Bodenqualität und Pflege. Herder sucht nach diesen Parame­tern ihrer Veränderung, einem Gesetz für den Fortgang der Kultur, nach einem Ge­setz historischer Kontinuität, nach dem sich Kunst fort­während verän­dert und entwickelt.

Das zentrale Argument in Herders Briefen ist der Begriff der Humanität.

Herder richtete sich zwar gegen die platonische Ideenwelt, geht aber auch von der Vorstellung aus, daß die göttliche Anlage der Humanität dem Menschengeschlecht angeboren sei und ausgebildet werden müsse. Die Dupli­zi­tät des menschlichen Wesens führe zum immerwährenden Kampf um Humani­tät. Die Gottähnlichkeit des Menschen finde Ausdruck in der Bildung, stehe aber in beständigem Widerstreit mit dem Rohen Tierischen des menschlichen Ge­schlechts. Wie unter den Tieren gebe es auch unter den Menschen zerstörende und erhal­tene Gattungen, gegen diese Duplizität und kontrahierenden Triebe habe der Mensch in seinem Streben nach Perfektibi­lität und Humanität zu kämpfen und diese zu überwinden. Aus diesem Grunde verneint Herder generell die Vollkommenheit der Kunst, weil Kunst von zwitterhaften Indi­viduen geschaffen ist, die ih­rerseits unvollkommen seien. Die Unvoll­kommen­heit des Schöpfers von Kunst determiniere die Schönheit und Voll­kommenheit der Kunst. Somit wird die Frage nach ästhe­tisch kritischen Urteilen und der Vergleichbarkeit der Epo­chen hinfällig.

Herder geht davon aus, daß jedes Volk eine genetische Disposition zu ei­nem ganz eigenen Volksgeist besitze. Jede Nation habe also ihren indivi­duellen Nationalcharakter und somit auch einen ganz individuellen Charak­ter der Po­esie. Jede Nation unterliege außerdem ihrem eigenen geschicht­lichen Zyklus, ihrer Jugend, Blüte und ihrem Verfall. So spricht Herder jeder Nation und jeder Epoche ihr Eigenrecht zu und so könne Kunst ohne­hin nur an Ort und Stelle gewürdigt werden.

Er geht nicht von einem Gesamtzyklus aus, sondern vielmehr von vielen Teil­zyklen einzelner Nationen. Alle einzelnen Nationen sind aber wiederum auch Teil der gesamten Menschheit. Der Geist der Zeit, die Weltseele sei aber nicht gleichzusetzen mit der Mode, die wie der Schall der Äolsharfe flüchtig verklingt, sondern der Geist der Zeit ist na­turgegeben und „der menschlichen Natur einwohnend“ (S. 86). Dieser Geist ist der Geist der Humanität und strebt danach, „ein ganzes Chaos der Dinge zur Wohlgestalt und Ordnung“ zu bringen (S. 87). Der menschliche Verstand sei wie eine große Weltseele (Humanität), er fülle alle Gefäße, die sie aufnehmen wol­len. Diese Gefäße sind sinnbildlich als die einzelnen Nationen zu verste­hen, die alle einen Teil der Weltseele aufnehmen und in ihrer Nation aus­bilden. So gibt es auch kein einzig von Gott auserwähltes Volk. Aber aus dem humanis­tischen Streben nach Gesamtheit und Perfektibilität heraus könne es zur Synthese der nationalen Teilzyklen kommen, um zur Gesamtheit der Weltseele zu gelangen. Herders Idealvorstellung ist eine Gemeinschaft der Freunde der Humanität, „Elemente und Nationen kommen in Verbindung […] und es entsteht endlich eine gemeinschaftliche Produktion mehrer Völ­ker“ (S. 127). Die Humanität ist „ein Bau, der fortgeführt werden soll, […] er erstreckt sich über alle Jahrhunderte und Nationen; wie physisch, so ist auch mora­lisch und politisch die Menschheit im ewigen Fortgange und Streben“ (S. 131).

Er fragt kritisch, ob die „Idee von einer fortgehenden […] Vervollkomm­nung des Menschengeschlechts nicht ein bloßer Traum“ sei, denn der Men­schenfreund „Prometheus wußte seinen armen Kranken (den Menschen) kein ande­res Hilfsmittel zu geben, als die täuschende blinde Hoffnung“ (S. 121).

Weiter fragt Herder, wie die Vollkommenheit zu erreichen sei. „Die Linie dahin, ist sie eine Asymptote? eine Ellipse? eine Zykloide? oder welch eine andere Kurve?“ (S. 121).

Die Vollkommenheit des Einzelnen wie auch der gesamten Menschheit sei, daß er „im Kontinuum seiner Existenz Er selbst sei und werde“, seine an­gebore­nen Kräfte ausbilde, zur Erhaltung des Lebens und Gesundheit (S. 124).

Durch stetige Übung verfeinerten sich diese naturgegebenen Kräfte, alles würde „künstlicher, geschickter, feiner“ (S. 125). Die Natur des Menschen sei die Kunst und die Kunst sei ihrerseits das höchste Ziel der Humanität und die höchste Verfeinerung seiner Kräfte. „Die Perfektibilität ist also keine Täuschung, sie ist Mittel und Endzweck zu Ausbildung alles dessen, was der Charakter unseres Geschlechts Humanität verlanget und gewähret“ (S. 131). Die Linie des Fortganges sei aber keine einförmige, sondern verliefe „in allen möglichen Wendungen und Willkür“ (S. 126).

Das Ge­setz der historischen Kontinuität sieht Herder folglich in dem Ideal der verwirklichten Humanität. Unabhängig von den individuellen na­tionalen Teilzyklen und unterschiedlichen Nationalcharakteren entwickele sich die Menschheit auf das Ziel des Humanismus zu, dem Idealbild der Menschheit durch die freie Entfaltung der Persönlichkeit und Bildung.

[...]


[1] Basis-Überbau-Modell (sozialgeschichtlicher Ansatz): Die Basis des sozial-ästheti­schen Gebäudes ist der Staat, ist die Gesellschaft. Den Überbau stellen die Künste, die auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Literatur ist ein Überbauphänomen, gesellschafts- und ideologiekritische Instanz. Beide Systeme, Basis als auch Überbau sind strukturell offen, zwischen ihnen bestehen notwendige dialektische Wechselbeziehungen.

[2] Jauß, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation, suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 14

[3] Jauß, Hans Robert: Literaturgeschichte als Provokation, suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1970, S. 14

[4] Pago, Thomas: Gottsched und die Rezeption der Querelle des An­ciens et des Modernes in Deutschland, S. 2

[5] Irmscher, Hans Dietrich (Hrsg.): Johann Gottfried Herder – Werke, Bnd. 7, Briefe zur Beförderung der Humanität, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt a. M. 1991

Details

Seiten
36
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638280914
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25482
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Fachbereich 09 Germanistik und Kunstwissenschaften
Note
unbenotet
Schlagworte
Querelle Anciens Modernes Schlegels Position Einflüsse Lucinde Friedrich Skandalon Frühromantik

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