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Medizin im Mittelalter, mit Bezug auf Hartmann von Aues "Der arme Heinrich"

Seminararbeit 1999 12 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

INHALT

I EINLEITUNG

II HAUPTTEIL
II 1. Zum Krankheitsbegriff allgemein: Die Wechselbeziehung zwischen den weltlichen Qualen und der Rettung der Seele
II 2. Die Mönchmedizin
II 2a. Die Anfänge: Der Übergang von der Antike in das frühe Mittelalter
II 2b. Cassiodor und sein Erbe
II 2c. Das 12. Jahrhundert und Hildegard von Bingen
II 3. Die scholastische Medizin
II 3a. Salerno (mit Bezug auf Hartmann)
II 3b. Das Neue an der Scholastik
II 3c. Der arabische Einfluß und Constantinus Africanus
II 3d. Die Humoralpathologie, allgemein betrachtet
II 3e. Blut und Aderlaß

III SCHLUSSBEMERKUNGEN
III 1. Was noch zu erwähnen wäre
III 2. Die Klostermedizin nach 1200

LITERATURVERZEICHNIS
Primärliteratur
Sekundärliteratur

I: EINLEITUNG

Den wissenschaftlichen Hintergrund der mittelalterlichen Medizin findet man größtenteils in der Medizin der Antike, deren große Verfechter unter anderem Galen (129 - 199) und Hippokrates (ca. 460 - 377 v.Chr.) waren. Aus deren Hinterlassenschaft wurde auch die Krankheitstheorie der Humoralpathologie übernommen, die im Mittelalter noch einseitiger praktiziert wurde als im Altertum[1] und auf die in dieser Arbeit mit besonderem Schwerpunkt eingegangen wird. Auch die Astrologie spielte, vor allem ab dem 12. Jahrhundert, eine ent-scheidende Rolle. So bezieht sich die Diätetik (was soviel heißt wie die Lehre eines gesunden Lebens, insbesondere in Bezug auf Ernährung)[2] immer wieder auf die Astrologie.

Wir werden sehen, daß vor dem Aufkommen der scholastischen Medizin und der ersten Universitäten im 12. und 13. Jahrhundert alle Theorien, die aus dem Altertum stammten, den Lehren des Christentums unterlagen, und natürlich auch nur so lange Gültigkeit beibehielten wie sie mit dessen Ideologie in Einklang gebracht werden konnten (was ja auch in einer von der Kirche so überschatteten Epoche wie dem Mittelalter naheliegend ist). Dies war aufgrund der geringen Anzahl verfügbarer Schriften der Antike möglich, die im Frühmittelalter (oder in der Zeit der sogenannten Mönchmedizin) in den Klöstern erhalten und weiter tradiert worden sind, dank Cassiodor (ca. 485 - nach 580) und den Benetiktinern. Spätestens aber mit den Übersetzungstätigkeiten des Constantinus Africanus treffen wir auf eine enorme Werteverschiebung in der mittelalterlichen Weltanschauung. Es wurden wieder Ansätze gemacht, wissenschaftlich zu argumentieren, und endlich fing die Medizin an, sich langsam von der Theologie zu lösen. Dies ist auch die Epoche, der sich die meiste Literatur zu diesem Thema schwerpunktmäßig widmet. Im Laufe der Zeit änderte sich auch der ideologische Kontext, in dem der Kranke gesehen wurde. Es ist daher sinnvoll, zuerst den damaligen Krankheitsbegriff zu erläutern.

II: HAUPTTEIL

II 1: Zum Krankheitsbegriff allgemein: Die Wechselbeziehung zwischen den weltlichen Qualen und der Rettung der Seele

Was den Zustand der infirmitas (Gebrechlichkeit) angeht, so wurde dieser gesellschaftlich als negativ empfunden und bedeutete Arbeitsunfähigkeit, Abhängigkeit und Schwäche sowie ein Fehlen von Rang und Würde.[3] Die Krankheit wurde als eines der tria mala (drei Übel) gesehen, die seit dem Sündenfall - als Adam die Unversehrtheit des Körpers, die Unsterblichkeit und die Ähnlichkeit mit Gott verlor - auf den Menschen lasteten, und wurde somit als normal angesehen und keineswegs verdrängt.[4] Der Kranke bezeugte und symbolisierte somit den Sündenfall; gab aber gleichzeitig den körperlich Gesunden die Möglichkeit, sich von ihrer Sünde freizukaufen, indem sie misericordiae ausübten. Diese zielte aber zunächst mehr auf das Seelenheil der Hilfeleistenden ab als auf die körperliche Genesung des Kranken.[5] Deswegen will auch die Meierstochter im „armen Heinrich“ letztendlich nicht sterben, um ihren Herrn zu heilen, sondern um die eigene Seele zu retten.

Außerdem bedeutete die infirmitas corporis (Gebrechlichkeit des Leibes) eine Ähnlichkeit mit Christus, der ja ebenfalls durch körperliches Leid das Seelenheil der Menschheit errettete; und je größer die körperlichen Leiden waren, desto näher mehr war man dem Glück im Jenseits. So dominierte bis zum 12. Jahrhundert die Auffassung, daß das Wohlbefinden des Geistes in der Drangsal des Leibes bestünde (Papst Gregor I: „salus cordis sit molestia corporalis“).[6] Diese Geisteshaltung führte in der Praxis oft zu Formen der Askese, die manche Menschen dazu veranlaßte, mit einer für uns heute kaum nachzuvollziehenden Bereitschaft körperliche Qualen auf sich zu nehmen.

Das wichtigste war also nicht, die körperlichen Leiden zu lindern, sondern diese mit patientia (Geduld) zu ertragen, denn diese galt als fromme Tugend und wurde immer wieder von den Kirchenvätern gepredigt. Das Gebrechen wurde als Zeichen Gottes betrachtet, der den Kran-ken mit seinen flagella, den körperlichen Züchtigungen, noch mehr zu seinem Auserwählten machte, indem er ihn dadurch von der Sünde abhielt.[7] Von diesem Standpunkt aus betrachtet wird auch die Sünde erkennbar, die der arme Heinrich begangen hat, als er „trûric und unvrô“ (V.148) war, im Gegensatz zu Hiob, der sein Leid ertrug:

V. 140-145 mit geduldigem muote,

dôz im ze lîdenne geschach,

durch der sêle gemach

den siechtuom und die swacheit,

die er von der werlte leit:

des lobete er got und vreute sich.

Krankheit wurde oft als eine Art Buße für begangene Sünden gesehen, über deren Verlauf allein Gott zu richten hatte. In der wundersamen Heilung, die dem armen Heinrich widerfährt, kommt dies zum Ausdruck - als er erkennt, daß er sterben muß, wenn er „diz lasterlîche leben“ (V.1249), das ihm „gôt hât gegeben“ (V.1250) nicht bereitwillig hinnimmt wie es ist.

Bis zum 12. Jahrhundert, der Zeit der sogenannten Mönchmedizin, ist Medizin, oder all-gemeiner die Krankenpflege, hauptsächlich im Namen der misericordiae, die als des Arztes größte Tugend galt[8], ausgeübt worden. Meistens kümmerten sich die Geistlichen um die Versorgung der Armen, Obdachlosen und Kranken, wobei besonders die Benediktiner, die das Caritas-Gebot größtenteils in der Krankenpflege praktizierten, eine wichtige Rolle spielten.

II 2: Die Mönchmedizin

II 2a: Die Anfänge: Der Übergang von der Antike in das frühe Mittelalter

In den ersten Jahrhunderten des sogenannten Frühmittelalters (ca. 600 - 1100), die durch den Verfall des römischen Reiches sowie zahlreiche Kriege, Zerstörungen und Seuchen gekennzeichnet waren, liegt auch die Wiege des christlichen Europas. Dies ist wohl einer der Hauptgründe dafür, warum die ersten Ärzte des abendländischen Mittelalters, wie bereits erwähnt, Mönche waren. Deren Medizin war zum einen vom Christentum geprägt, in dessen Rahmen die spärlichen Überreste der Medizin der Antike interpretiert und weitergegeben wurden, zum anderen aber auch von germanischer Volksmedizin. Patienten wurden meistens mit Heilkräutern und Bädern behandelt, und oft reichte es auch aus, den Kranken in eine Kirche zu transportieren. Der Arzt war in der Regel medizinisch nicht viel gebildeter als sein Patient, und der Mönch sah seine Aufgabe zum größten Teil im christlichen Beistand.

II 2b: Cassiodor und sein Erbe

Die wenigen Kenntnisse über antike Heilkunst waren im wesentlichen dem römisch-syrischen Staatsmann Cassiodor zu verdanken, der sich in seinem von ihm gegründetem Kloster Vivarium (555) für eine höhere Bildung der Mönche einsetzte, denen er einen besseren Zugang zur Heiligen Schrift ermöglichen wollte, indem er ein Studienprogramm aufstellte und auf genauestem Kopieren alter Texte bestand.[9] Den Ärzten unter den Mönchen empfahl Cassiodor die lateinische Übersetzung des Hippokrates, Galen und Dioskurides Kräuterbücher.[10] So bewirkten Cassiodors Initiativen, daß zahlreiche Schriften der Antike (nicht nur aus dem Bereich der Medizin) nicht der Vergessenheit anheim fielen und somit auch zu verschiedenen späteren Zeitpunkten wieder aufgegriffen werden konnten.

[...]


[1] Kurze, Dietrich (Hg): Büchelin wye der Mensch bewar das Leben sein. (Faksimile aus der Handschrift D692/XV3 der Kirchenbibliothek zu Michelstadt um 1460. Regimen Sanitatis). Hürtgenwald 1980, Einleitung S.15.

[2] Ebd., S.16.

[3] Agrimi, Jole / Crisciani, Chiara: Wohltätigkeit und Beistand in der Christlichen Gesellschaft. In: Die Geschichte des medizinischen Denkens. Hg. Mirko Grmek München 1996. S. 182-216, hier S.185.

[4] Ebd., S.186.

[5] Ebd., S.188.

[6] Ebd., S.187.

[7] Ebd., S.187.

[8] Schipperges, Heinrich: Der Garten der Gesundheit. Medizin im Mittelalter. München und Zürich 1985, S.23 f.

[9] Lichtenthaeler, Charles: Geschichte der Medizin. 4.Auflage. Köln 1987, S.296.

[10] Kurze, S.3. (Dioskurides: griechischer Arzt im 1. Jhdt. n.Chr.).

Details

Seiten
12
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638283625
ISBN (Buch)
9783656068976
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25848
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Institut für Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Medizin Mittelalter Bezug Hartmann Aues Heinrich Einführung Mediävistik

Autor

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