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Seneca und Epikur: Das Glück. Ein Vergleich

Seminararbeit 2002 17 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhalt/Contents

1. Einleitung

2. Glück
2.1. Der Begriff des Glücks in der Philosophie
2.2. Der Glücksbegriff Senecas
2.3. Der Glücksbegriff Epikurs

3. Seneca & Epikur: Über Glück, den Kosmos und das Leben

4. Schlussbemerkungen

1. Einleitung

Viele Wege führen zum Glück! Doch wer oder was ist denn Glück? Ist es die Abwesenheit von körperlichen und seelischen Leiden? Ein „gutes Leben“? Zufriedenheit? Ist Glück ein Zustand oder ein Gefühl? Oder Stillstand? Und wäre es dann ein Gut? Oder ist es vielleicht Fortuna selbst? In der Philosophie herrscht bezüglich des Begriffs „Glück“ ein Pluralismus der Ansichten. Die verschiedenen philosophischen Standpunkte weisen Gemeinsamkeiten in bezug auf bestimmte dem Glücksbegriff anhaftende äußere Umstände und Erscheinungen auf. Es besteht also nur eine formale Einheit des Glücksbegriffs. Herauszufinden, was aber das Wesen des Glücks ist, scheint Aufgabe jedes Einzelnen Selbst zu sein. Im Folgenden sollen zwei Ansichten erläutert werden, die die Philosophie, insbesondere die Ethik, aufgrund der Betonung der praktischen Aspekte beider Ansichten, stark beeinflußt haben; die des Seneca und die des Epikur. Ihre vermeintliche Gegensätzlichkeit läßt auf den zweiten Blick jedoch einige Parallelen erkennen, die sich freundschaftlicher zueinander verhalten, als es auf den ersten Blick scheint.

2. Glück

Zunächst muß das Zufallsglück Fortuna, also das Eintreten günstiger Umstände in bestimmten Situationen, unterschieden werden vom Glücksbegriff in der Philosophie, welchem folgende Betrachtung gilt.

2.1. Der Begriff des Glücks in der Philosophie

Glück ist ein Letztes, nach dem jeder Einzelne strebt. Es gibt aber keine einheitliche Glücksvorstellung.[1] Was für den einzelnen Menschen Glück ist, läßt sich folglich nur vom Standpunkt des Einzelnen aus beurteilen. Der Mensch ist aber nicht nur ein Individuum, ein Ganzes, sondern auch seinem Wesen nach Teil eines ganzen, nämlich der Menschheit. Und genauso sucht der Mensch (der Einzelne und die/in der Menschheit) die Dinge zu strukturieren, und begibt sich damit auf die Suche nach dem Glück und versucht, es begrifflich zu bestimmen. Sei das Glück definiert als „Art von Zufriedenheit, die aus der menschlichen Tätigkeit selbst erwächst und über längere Zeit anhält“[2], oder als „Idealzustand vollkommener Befriedigung und Wunschlosigkeit, dessen Verwirklichung erstrebbar ist (Eudaimonia)“[3], oder anders, immer bleibt die Suche nach dem Wesen des Glücks eine Suche nach dem heiligen Gral. Im Lexikon der Ethik sind die Merkmale des Glücks wie folgt beschrieben: Glück ist ein inklusives Ziel und nicht die Spitze einer Hierarchie von Zielen, denn es ist kein direkter Gegenstand des Strebens, sondern eine Begleiterscheinung im Falle des Gelingens.1 Das Glück ist also kein Ding und läßt sich auch nicht „verdinglichen“, wie manche andere Erscheinungen. Wahrscheinlich tut sich der Mensch deshalb so schwer, sich einem einheitlichen Glücksbegriff zu nähern, weil Dinge für uns am besten (be)greifbar sind und wir uns das Glück in diesem dinglichen Sinne nicht wirklich vor-stellen können. Das Glück fügt sich nicht leicht in das menschliche Denken, das insofern schöpferisch ist, als es Ordnungssysteme für die Dinge schafft. Wenn also das Glück durch beispielsweise Verdinglichung dem Menschen nicht als ein gemeinsam denkbares, greifbares Wesensmerkmal des Seins dargestellt werden kann, so kann Glück vorläufig nur als „Inbegriff der Erfüllung der dem jeweiligen Menschen wesentlichen Bedürfnisse und Wünsche“1 beschrieben werden. Folglich kann u. a. geschlossen werden, daß Glück nur die Intentio indirecta öffentlichen Handelns sein kann.1 Eine andere Möglichkeit wäre, den Schluß zu ziehen, daß das Glück sowohl im Sinne eines inneren, zuständlichen Wertes (Eudaimonia), als auch im Sinne eines Sachverhaltswertes (Eutychia) ethisch ohne Belang sind.3 Denn wenn das Glück kein gemeinsam Denkbares ist, und das Glücksempfinden auch nicht vom erstrebten Glücksgut (sei es ein gemeinsames oder ein Individuelles) abhängt, sondern von der eigenen Glücksfähigkeit, die wiederum einen Persönlichkeitswert darstellt,3 dann ist das Glück ethisch nicht von Belang, denn die Ethik betrifft vor allem die sozialen Gefüge. Persönliche Gefüge aber verändern sich merklicher und schneller und somit auch der Begriff des Glücks. Glück ist also etwas wandelbares? Wollte man etwas als Maßstab nehmen, was sich ständig ändert, wäre dieser Versuch im vorhinein zum Scheitern verurteilt. So kann auch das Glück kein allgemeiner Maßstab für eine allgemeine Ethik sein, aber im besten Falle ein Maßstab für die persönliche Lebensführung. Wie eine solche Lebensführung aussehen kann, wenn in einer für das Individuum in sich geordneten Lebensphilosophie ein persönlicher Glücksbegriff gefunden oder vorhanden ist, wird bei Seneca und Epikur deutlich. Dazu muß vorausgesetzt sein, daß Glück Beständigkeit annehmen kann.

2.2. Der Glücksbegriff Senecas

Nach Seneca gehört es zum Wesen des Menschen, nach Glück zu streben.[4] Glück ist gleichzeitig aber das einzige und höchste Gut nach dem zu streben sich lohnt, denn es ist als einziges ein beständiges. Es ist ein inneres Gut.[5]

„Das höchste Gut ist eine Gesinnung, die Zufälligkeiten verachtet, aber Freude an seiner Tugend findet, oder: Sie ist die Kraft eines ungebrochenen Geistes, mit Lebenserfahrung, voll ruhiger Tatkraft, die sich im Verkehr mit Mitmenschen sehr umgänglich und fürsorglich zeigt.“[6]

Es ist die Apatheia, die Leidenschaftslosigkeit, die die einzige notwendige Bedingung für Glück darstellt. Erst in der Apatheia ist Glück.[7] Leidenschaftslosigkeit darf jedoch nicht als Gefühllosigkeit oder Indifferenz interpretiert werden. Sie muß als Unabhängigkeit von Gütern und Liebe zum Leben an sich begriffen werden. Sie kann als ein Zustand interpretiert werden, der von sich aus besteht, bzw. kein weiteres Zutun mehr erfordert. Vielmehr muss das Fundament, auf dem sie ruht, stabilisiert werden. Dieses besteht aus dem Vorhandensein eines Bewusstseins, einem gesunden Geist, einem tugendhaften Leben und der Bekämpfung der Leidenschaften.

Nur der Mensch kann nach Seneca glücklich sein, denn nur der Mensch besitzt ein Bewußtsein. Glücklich kann sich also nur der nennen, der sich des Glücks auch bewußt ist.[8] Des weiteren ist ein „gesunder Geist“ Voraussetzung für das Glück. Nur ein gesunder Geist kann eine gesunde Urteilskraft entwickeln und vernünftige Urteile fällen, denn die Vernunft ist Instrument des Geistes. Und ein gesunder Geist wird eine vernünftige Entscheidung treffen, um sich nicht selbst zu schaden, d. h., er wird zwischen Gutem, Üblem und Wertneutralem unterscheiden können:

„Zum Glück gehört geistige Gesundheit; […]. Ein wirklich glücklicher Mensch wird also über eine gesunde Urteilskraft verfügen, sich in seine jeweilige Gegenwart schicken und im Einklang mit seinem Geschick leben. Kurz, er ist ein Mensch, dessen gesamten Lebensstil die Vernunft bestimmt.“[9]

Diesen von der Vernunft bestimmten Lebensstil nennt Seneca ein tugendhaftes Leben.

„Zu einem Leben, das angenehm genannt zu werden verdient, gehört die Tugend notwendig dazu.“

Sind andere Tugenden, wie beispielsweise Tapferkeit, Mäßigung oder Sanftmut zwar wichtig, so ist doch die Treue sich selbst gegenüber die einzige und höchste, denn sie stellt den Maßstab für alle anderen Tugenden dar.[10] Deshalb hat Seneca auch keine Tugendethik entwickelt, denn der Maßstab ist immer ein individueller und nie ein allgemeiner, sondern eine Pflichtethik. Es besteht nur die eine Pflicht, seiner Natur gemäß zu Leben. Da der Mensch ein Vernunftwesen ist, bedeutet dies ein vernunftgemäßes Leben. Für Seneca folgt daraus, dass es nur natürlich ist, nicht das Schlechte zu wählen, denn, wie schon erwähnt, ist die Vernunft das Instrument des (gesunden) Geistes. So wie die Vernunft ein Instrument des Geistes ist, kann der Geist als ein Instrument der Seele verstanden werden. Vernunft artikuliert sich im Denken, das Denken ist also diejenige Sphäre in der Vernunft wirksam wird. Somit folgt, dass die Philosophie die Methode ist, zu seinem Glück zu gelangen.[11] Philosophie ist Gegenstand des vernünftigen Denkens, das seinerseits dem Geist als Instrument zum Verstehen dient, was wiederum einen Erkenntnisgewinn und die Ausformung/eine Wohltat der/für die Seele bedeutet. In der Philosophie definiert sich der Mensch selbst, sie lehrt das Sterben und stellt den einzigen sicheren Besitz da, den ein Mensch erlangen kann.[12]

[...]


[1] Höffe („Glück“)

[2] Prechtl („Glück“)

[3] Schmidt („Glück“)

[4] Seneca (De vita beata), S. 81

[5] Seneca (De vita beata), S. 84

[6] Seneca (De vita beata), S. 86

[7] Störig, S. 214 ff.

[8] Seneca (De vita beata), S. 88

[9] Seneca (De vita beata), S. 89

[10] Kröner (Seneca)

[11] Seneca (De brevitate vitæ), 18,4

[12] Seneca (De brevitate vitæ), 14,5–15,4

Details

Seiten
17
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638284318
Dateigröße
509 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v25942
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Philosophie
Note
2,0
Schlagworte
Seneca Epikur Glück Vergleich Philosophie Zeiten Unübersichtlichkeit

Autor

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