Lade Inhalt...

Der Schlankheits- und Diätenwahn sowie psycho-soziale Ursachen von Essstörungen. Präventions- und Interventionsmaßnahmen für Schulen und Unterricht

Examensarbeit 2004 137 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Essverhalten, Gewicht und Normalität
2.1. Essen als Grundbedürfnis
2.2. Gestörtes und normales Essverhalten
2.3. Welches Gewicht ist „normal“?

3. Theoretische Grundlegung – Erscheinungsbild der Magersucht und Bulimie
3.1. Begriffsbestimmung und Diagnosekriterien
3.1.1. Anorexia nervosa (Magersucht)
3.1.2. Bulima nervosa (Ess-Brechsucht)
3.2. Symptomatik – das anorektische und bulimische Verhalten
3.2.1. Anorexia nervosa
3.2.2. Bulimia nervosa
3.3. Zusammenhang von Magersucht und Bulimie

4. Historische Entwicklung der Magersucht und Bulimie
4.1. Geschichte der Anorexia nervosa
4.2. Geschichte der Bulimia nervosa

5. Ursachen und Erklärungsansätze der Magersucht und Bulimie
5.1. Verbreitung und Häufigkeit von Essstörungen
5.2. Entstehungsmechanismen
5.2.1. Prädisponierende Faktoren
5.2.2. Auslösende Ereignisse
5.3. Erklärungsansätze
5.3.1. Soziokulturelle und gesellschaftliche Ansätze
5.3.2. Psychologische – Individuelle Ansätze
5.4. Zusammenfassung

6. Der Schlankheits- und Diätenwahn mit seinen Folgen
6.1. Daten und Fakten zum Schönheitsideal und Diäten
6.2. Steuerung des Essverhaltens
6.3. Regulation des Körpergewichts und der Nahrungsaufnahme
6.4. Vielfalt der Diäten
6.5. Gezügeltes Essverhalten - von der Diät zur Essstörung

7. Behandlung, Intervention und Prävention bei Magersucht und Bulimie
7.1. Therapeutische Maßnahmen
7.2. Pädagogische Maßnahmen
7.2.1. Interventionsmöglichkeiten des Lehrers – Konkrete Ratschläge für Lehrer von Betroffenen
7.2.2. Pädagogische Präventionsmaßnahmen

8. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

ANLAGE

1. Einleitung

Überall lesen wir „zu fett“, „zu süß“, „zu viel“. Ich möchte aber von jenen anderen schreiben „zu mager“, „zu dünn“, „hungrig“, „isoliert“. Der Körper ist die Sprache dieser Betroffenen, ihr Hilferuf in die Welt des Nahrungsüberflusses.

Vor allem Mädchen in der Pubertät zählen zu den potentiellen Kandidaten, die an einer Essstörung erkranken. Die Jugendlichen befinden sich zu dieser Zeit in einer schwierigen Phase. Sie werden mit körperlichen, aber auch persönlichen Veränderungen konfrontiert, die ihnen vorher noch nicht begegnet sind. Gerade deshalb ist es wichtig, dass man in dieser schwierigen Zeit für die Jugendlichen da ist. Sie benötigen eine Bezugsperson, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht und die gemeinsam mit den Pubertierenden nach Lösungsmöglichkeiten sucht.

Deshalb ist es für mich als angehende Lehrerin sehr wichtig auf diese aktuelle Problematik aufmerksam zu machen. Die heutigen Lehrer werden nicht nur mit Gewalt und Drogen konfrontiert, sondern auch mit Problemen, die das Essverhalten der Jugendlichen betreffen. Allerdings ist zu bedenken, dass die Thematik falsch verstandenen Essverhaltens sehr selten als Inhalt einer pädagogischen Lehramtsausbildung zu finden ist. Als Lehrperson muss man demnach bereit sein, sich mit Hilfe von Literaturrecherchen, Beratungsstellen oder Fachpersonen ein spezifisches Wissen anzueignen, dass denjenigen Lehrer befähigt mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen und ihrer Krankheit präventiv und interventiv umzugehen und entsprechend zu agieren.

Das folgende Beispiel spiegelt die Problematik von falsch verstandenem Essverhalten sehr anschaulich wieder.

„Ich wollte nicht mehr so pummelig aussehen. Ich fand mich am Bauch, den Oberschenkeln und an den Hüften viel zu dick und wabbelig. Ich wollte so aussehen wie Irina, der Star unserer Klasse. Deshalb nahm ich ab. Die ersten Pfunde purzelten ganz rasch. Ich war ziemlich euphorisch. Doch dann ging es nur noch im Schneckentempo. Mit 37 Kilo fand ich mich in Ordnung, hatte aber panische Angst wieder zuzunehmen. Deshalb aß ich weiterhin lieber weniger. Wenn ich ein Mädchen in der U-Bahn in einen Krapfen beißen sah, dachte ich nur: > Die kann sich das ja leisten, die ist dünn. Aber ich? Nein, ich kann das wirklich nicht machen, Ja, wenn ich noch schlanker wäre…. < Nach dem die ersten Pfunde runter waren, bewunderten mich meine Klassenkameradinnen. Auch meine Mutter fand mich jetzt hübscher und machte mir Komplimente. Doch als ich noch weniger wog, wollte sie mich ständig zum Essen verführen. Sie kochte meine Lieblingsspeisen wie Fleischpflanzl mit Bohnengemüse und zum Nachtisch Palatschinken. Aber mich kriegte sie nicht rum. Später bettelte sie, ich solle doch wenigsten ein bisschen was essen. Manchmal weinte sie. Täglich gab es Krach bei Tisch wegen des Essens. Meine Mutter stellte mir häufig etwas Leckeres in den Kühlschrank, weil sie wusste, dass ich abends manchmal nachschaute und auch ein wenig davon naschte. Mein Vater sprach ein Machtwort und wurde ziemlich wütend. Dann appellierte er an meine Vernunft. Aber ich wollte nicht wieder fett werden. Davor hatte ich eine unheimliche Angst. Lieber ließ ich Spaghetti in der Serviette verschwinden und manchmal sogar im Ausschnitt des weiten Pullis. Das war ziemlich eklig und glitschig. Aber ich konnte nicht anders. Meine jüngere Schwester war ziemlich sauer auf mich. Sie fand, dass ich immer eine Extrawurst spielen wollte. Aber sie als Nesthäkchen brauchte sich nun wirklich nicht zu beklagen. Mir tat die Aufmerksamkeit sehr gut. Jedenfalls am Anfang. Später, als ich noch 33kg wog, fror ich im Winter entsetzlich. Ich zog mehrere Lagen Pullover übereinander. Aber es half nichts. Eines Morgens stand ich bei minus zwanzig Grad an der Straßenbahnhaltestelle und klapperte vor Kälte mit den Zähnen. Tränen liefen mir über die Wangen. Ich glaubte, diese Kälte nicht mehr aushalten zu können. Da schwor ich mir, abends einen riesigen Teller Spaghetti zu essen, um meinen Bauch aufzuwärmen. Aber am Abend brachte ich es nicht fertig, so viele Kalorien zu mir zu nehmen.“ (Anja, 17 Jahre) (Wolfrum / Papenfuss 1993, 12).

Welche Gedanken gehen in solchen Menschen vor, die einen Selbstmord auf Raten mit ihrem Körper anstreben?

Dieses junge Mädchen leidet an einer Krankheit die heutzutage weit verbreitet ist. Sie hat eine Essstörung die Magersucht und ,in Fachkreisen Anorexia nervosa, genannt wird. Im Folgenden werde ich mich mit zwei Formen von Essstörungen, der Magersucht und Bulimie (Bulimia nervosa), auseinandersetzen.

Vor allem in den westlichen Ländern, in denen man aufgrund des Nahrungsmittelüberflusses nicht mehr an Hunger leiden müsste, sollte man meinen, dass solch eine Krankheit der Vergangenheit angehört. Doch wenn wir uns die Statistiken anschauen müssen wir mit Entsetzen feststellen, dass die Zahl der an Essstörungen Erkrankten immer mehr zunimmt. 20 Prozent einer Jahrgangsstufe gelten als gefährdet, während letztendlich immerhin noch fünf Prozent daran erkranken. Zu bedenken ist aber die steigende Tendenz (Wolfrum / Papenfuss 1993, 13).

Das aufgeführte Beispiel des jungen Mädchens zeigt sowohl die schlimme Realität der Krankheit, die Gedanken der Betroffenen, die nur um das Essen kreisen, als auch die verzweifelten und oft hilflosen Versuche Angehöriger den Betroffenen zu helfen. Des Weiteren werden das weit gefächerte Ursachennetz bzw. die Multikausalität von essgestörtem Verhalten, sowie das Diäthalten als „Einstiegsdroge“ in den Teufelskreis, deutlich. Die möglichen Ursachen von Magersucht und Bulimie, der aktuelle Schlankheits- und Diätenwahn wird daher auch einen Schwerpunkt meiner Arbeit bilden.

Zu Beginn der Arbeit werde ich klären, was ein gestörtes Essverhalten von einem „normalen“ Essverhalten abgrenzt. Dabei wird deutlich, dass sich die Grenzen vom „normalen“ Essverhalten sehr stark verschoben haben, dass heute beispielsweise Diäten als völlig gesellschaftsfähig empfunden werden. Im weiteren Verlauf wird die Problematik der Figur und des Gewichtes aufgegriffen um zu klären welches Gewicht, medizinisch gesehen, „ideal“ ist. Im weiteren Verlauf werde ich die Erscheinungsbilder der Magersucht und Bulimie erläutern. Dazu werden die Krankheitsbilder und die Betroffenen mit ihren typischen Verhaltensweisen hinsichtlich ihrer physischen und psychischen Symptome untersucht. Das vierte Kapitel gibt einen Einblick in die historische Entwicklung der erwähnten Formen abweichenden Essverhaltens. Es zeigt sich, dass das Phänomen Essstörung bereits im Abendland bekannt war.

Im Kapitel fünf geht es um die Ursachen, die zur Entstehung einer Essstörung führen können, sowie die unterschiedlichen Erklärungspositionen aus soziokultureller, gesellschaftlicher und psychoanalytischer Sicht. Es wird sich zeigen, dass es nicht die eine Ursache für essgestörtes Verhalten gibt, sondern dass eine Vielzahl von Faktoren bei der Entstehung einer Essstörung zusammen wirken. Diäten gelten dabei als die Einstiegsdroge für Essstörungen. Diäten sind „in“, „cool“ und fast jeder hat schon einmal eine von diesen so genannten „Wunderdiäten“ ausprobiert. Daher möchte ich im darauf folgenden Kapitel den Diät- und Schlankheitswahn genauer unter die Lupe nehmen. Neben dem historischen Wandel des Schönheitsideals und dem Vergleich verschiedener Diäten werde ich versuchen zu erläutern, warum eine Diät sehr gefährlich werden kann und warum unser Körper sich gegen diätetische Maßnahmen „wehrt“. Parallel dazu wird der biologisch-psychologische Prozess der Steuerung des Essverhaltens dargestellt. Zum Abschluss des Kapitels soll der Weg „von der Diät zur Sucht“ aufgezeigt werden. Dazu werde ich die Thematik „gezügeltes Essverhalten“ genauer untersuchen.

Wegen der bereits oben genannten Gründe werde ich abschließend Vorschläge zur Intervention und Prävention in Bezug auf die Arbeit in der Schule, hier konkret zu Bildungsinhalten im haushälterischen Arbeitslehreunterricht (WAT) der Sekundarstufe 1 darstellen.

Die vorrangige Absicht meiner Arbeit besteht darin auf das aktuelle Diäten- und Schlankheitsverhalten, besonders junger Mädchen, mit seinen oft katastrophalen Folgen aufmerksam zu machen. Dabei ist es mir als angehende Lehrkraft wichtig, andere Lehramtsstudenten aber auch bereits erfahrene Lehrer und Lehrerinnen für die Thematik zu sensibilisieren.

Abschließend möchte ich noch bemerken, dass das Phänomen „Essstörung“ in unserer Gesellschaft zunehmend beide Geschlechter betrifft. Da der Anteil der Betroffenen noch immer überwiegend weiblichen Geschlechts ist, werde ich in meinem Text die weibliche Form verwenden. Jungen und Männer mögen sich mitgemeint fühlen. Die Forschungslage hierzu ist jedoch noch so dürftig, dass es nicht in allen Fällen möglich ist deutliche Unterscheidungen zu treffen. Außerdem werde ich im Verlauf der Arbeit statt der medizinischen Bezeichnungen Bulimia nervosa und Anorexia nervosa auch synonym die alltagstauglichen Begriffe „Bulimie“, „Ess-Brechsucht“ bzw. „Magersucht“ verwenden.

2. Essverhalten, Gewicht und Normalität

2.1. Essen als Grundbedürfnis

Die Nahrungsaufnahme ist als ein Grundbedürfnis lebensnotwendig für alles tierische und menschliche Leben. Biologisch gesehen dient die Ernährung der Lebenserhaltung, im Sinne der Aufrechterhaltung des Stoffkreislaufes. Die Zufuhr von Nahrungsstoffen in fester und auch flüssiger Form ermöglicht dem Organismus Wachstum und Leistung. Dabei sind Eiweiß, Kohlenhydrate und Fette die Hauptnährwertträger, welche bei Verbrennung Kalorien liefern. Nahrungsmittel enthalten darüber hinaus Wasser, Mineralsalze, Spurenelemente, Vitamine und unverdauliche Stoffe, wie z.B. Zellulose (Diedrichsen 1990, 11).

Doch Essen ist mehr als das bloße Einnehmen von Nahrung, es ist etwas Alltägliches, Wiederkehrendes und scheint auf den ersten Blick das Natürlichste und Selbstverständlichste der Welt. Seit Menschengedenken gehört das gemeinsame Essen zum Ritual des Zusammenlebens. Redewendungen wie "Ich habe dich zum Fressen gern", "Es kotzt mich an" oder "So einfach lasse ich mich nicht abspeisen" zeugen davon, dass Menschen schon immer mit dem Essen eine Vielzahl unterschiedlicher Gefühle in Verbindung gebracht haben.

Heute ist die Nahrungsaufnahme nur selten eine direkte Reaktion auf körperlichen Hunger. Wir essen aus Gewohnheit zu bestimmten Uhrzeiten oder wenn es die Arbeit gerade mal zulässt. Wir essen aus Langeweile vor dem Fernseher. Wir gehen Essen um uns einmal etwas zu gönnen. Unsere Lieblingsspeise verschafft uns Trost und Belohnung. Farbstoffe und Geschmacksverstärker machen uns Appetit obwohl wir keinen Hunger haben. Nahrungsmittel im Überfluss locken uns zu probieren. Neben der Quantität der Nahrungsaufnahme steht wohl auch die Qualität der Nahrung in keinem Verhältnis zu natürlichen Bedürfnissen, da ein großer Teil der Nahrungsgewohnheiten auf Einflüsse aus Werbung und Mode zurückzuführen ist.

2.2. Gestörtes und normales Essverhalten

Was heißt aber nun ein normales oder gesundes Essverhalten? Es ist schwer ein gestörtes Essverhalten von einem Gesunden eindeutig abzugrenzen. Die Ernährungswissenschaft spricht von einem normalen Essverhalten, wenn sich die

Nahrungsaufnahme durch Appetit, Hunger- und Sättigungsgefühle weitgehend selbst so reguliert, dass die vom Körper benötigten Nährstoffe in angemessener Menge aufgenommen werden (BARMER Ersatzkasse, .5)

Die Auffassung der Gesellschaft über ein normales oder unnormales Essverhalten hat sich stark verschoben. Beispielsweise galt früher das Diäthalten als eine Ausnahmesituation im Ernährungsalltag. Heute wird diese Verhaltensweise als normal akzeptiert. Auch die Tatsache, dass Männer immer häufiger einem gewissen Schönheits- und Schlankheitsideal nacheifern wird heute als normal und selbstverständlich anerkannt. Ebenso normal scheint es heute zu sein, Schwierigkeiten mit dem Essverhalten zu haben. Dabei wurde nach zahlreichen Studien herausgefunden, dass die typischen Schwierigkeiten im Essverhalten (Süßhunger, Heißhunger oder stressbedingtes Essen) in enger Beziehung stehen zu der Häufigkeit, mit der in der Vergangenheit Diäten durchgeführt wurden. Diese Ergebnisse untermauern auch die Annahme, dass chronisches Diäthalten einen Risikofaktor für die Entstehung von gestörtem Essverhalten darstellt. Darauf werde ich aber im Verlauf meiner Arbeit noch genauer eingehen.

Spontanes, unbefangenes Essverhalten scheint eher selten geworden zu sein. Es dominiert vielfach ein Verhalten, welches zu ernsthaften gesundheitlichen Schwierigkeiten führen kann. Problematisch ist darüber hinaus die Tatsache, dass ein solches Verhalten heute nicht mehr als eine Abweichung der gesellschaftlichen Norm betrachtet wird. Aufgrund der Normalität von Essproblemen kann heute demnach nicht mehr davon ausgegangen werden, dass normales Essverhalten auch nicht gestört bedeutet. Diese erschreckende und gleichzeitig verwirrende Erkenntnis macht es schwierig, ernsthaft gestörtes Essverhalten im Alltag zu erkennen. Leider wird dadurch auch ermöglicht, dass sich Erkrankungen wie Bulimie oder Magersucht relativ unbemerkt verbreiten können, ohne dass rechtzeitig eingegriffen wird (Becker 1994, 16f.).

Wie bereits erwähnt sind die Grenzen zwischen einer Essstörung und gesundem

Essverhalten sehr fließend. Sicherlich wird sich jeder Leser bei genauem Nachdenken fragen, ob man von sich behaupten kann kein gestörtes Essverhalten zu zeigen. Es müssen jedoch besondere Bedingungen erfüllt sein, um von einer

Essstörung ausgehen zu können.

Kriterien für ein gestörtes Essverhalten

Kuni Becker (1994) beschreibt in ihrem Buch acht Kriterien die ein gestörtes Essverhalten kennzeichnen. Sie geht davon aus, dass bereits ein Kriterium, welches über mehrere Monate auf eine entsprechende Person zutrifft, auf ein gestörtes Essverhalten oder eine ernsthafte, behandlungsbedürftige Entwicklung einer Essstörung hinweist: „

1. Das Essverhalten ist angstbesetzt:

Der Umgang mit Essen wird als ausgesprochen schwierig empfunden, und es bestehen diesbezüglich große Unsicherheiten. Entscheidungen in Bezug auf das Essen treffen zu müssen (wann, was, wie viel) wird als Überforderung und sogar Bedrohung erlebt. Essen ist eher mit Angst verbunden als mit Spaß und Genuss.

2. Das Essverhalten ist überwiegend außenorientiert:

Körperliche Appetit- und Sättigungssignale werden nur unklar wahrgenommen, und / oder es wird nicht angemessen darauf reagiert.

Das heißt: Bei Hunger wird nicht (oder nur unregelmäßig) gegessen, bei Sättigung nicht (oder selten) mit dem Essen aufgehört. Das Essverhalten orientiert sich nicht (oder selten) an diesen inneren Signalen, sondern hauptsächlich an äußeren Bedingungen wie Gelegenheit, Uhrzeit, Kalorienzahl, Anblick und Geruch leckerer Speisen, Ort etc.. Eine gewisse Außenorientiertheit in Bezug auf das Essen lässt sich kaum vermeiden (z.B. durch festgelegte Pausen am Arbeitsplatz). Problematisch wird es, wenn auch sonst, sozusagen „freiwillig“, außenorientiert gegessen wird, ohne auf innere Signale zu achten.

3. Das Essverhalten ist rigide:

Es wird übermäßig kontrolliert und manipuliert, zum Beispiel durch strenge Diätpläne und die Einteilung der Lebensmittel in „erlaubte“ und „verbotene“. Der Umgang mit dem Essen ist nicht flexibel und lässt keinen Raum für individuelle

Bedürfnisse und Vorlieben. Das Essverhalten ist nicht spontan, entspannt und ungefangen.

4. Das Essverhalten ist chaotisch:

Es zeigt keine klare Struktur, entweder weil die Person nicht auf einen geregelten Essensrhythmus achtet (Mahlzeiten werden vergessen, zugunsten anderer Tätigkeiten ausgelassen, oder es wird keine Zeit dafür eingeplant) oder weil sie sich außerstande sieht, eine klare Mahlzeitenstruktur herzustellen beziehungsweise einzuhalten (das Essen wirkt für die betroffene Person unbeherrschbar, und/oder es bestehen große Unsicherheiten darüber, wann, was und wie viel gegessen werden darf bzw. sollte).

5. Das Essverhalten ist abwechselnd rigide und chaotisch:

Beispiel: Das stark kontrollierte Essverhalten wird regelmäßig durch Heißhungeranfälle unterbrochen, bei denen die Menge und Dauer der

Nahrungsaufnahme nicht mehr kontrolliert werden kann. Es besteht das Gefühl, dem Essen hilflos ausgeliefert zu sein.

6. Das Essverhalten als Mittel zur Stressbewältigung:

Das Essen wird oft dazu benutzt, um mit unangenehmen Situationen oder intensiven Gefühlen fertig zu werden. Wechselnde persönliche Stimmungen wirken sich stets deutlich auf das Essverhalten aus; es wird auf Stimmungsschwankungen hauptsächlich mit Mehr- oder Weniger- Essen oder mit dem Verzehr sonst gemiedener Nahrungsmittel reagiert.

7. Das Essverhalten ist extrem gewichtsabhängig:

Das Essen wird maßgeblich unter dem Aspekt der Gewichtskontrolle betrachtet und mit entsprechenden Ängsten und Zwängen belastet. Es besteht ein

übertriebener Wunsch nach Schlankheit – selbst bei Ideal- oder Untergewicht.

Bereits eine geringe Gewichtszunahme löst entweder Resignation („Jetzt ist sowieso alles egal“) mit nachfolgendem vermehrtem Essen aus oder aber starke

Angst und die sofortige Einleitung von Gegenmaßnahmen (Fasten, Sport, Erbrechen, Abführmitteleinnahme, Appetitzüglergebrauch etc.).

8. Das Essverhalten kontrolliert die Gedanken:

Ein großer Teil des Tages wird damit verbracht, zu überlegen, was (noch) gegessen werden darf oder sollte. Die gedankliche Beschäftigung mit Essen und Nicht-Essen fordert einen Großteil der Aufmerksamkeit und Energie, so dass andere Aktivitäten deshalb zu kurz kommen“

(Becker 1994, 20f.).

Die hier aufgeführten Kriterien führen letztendlich zu einem zusammenfassenden Gedanken. Bei Personen die an Essstörungen leiden, nimmt die Beschäftigung mit Nahrung in ihrem Leben einen übermäßig großen Raum ein. Die Gedanken kreisen vorrangig um das Essen und alle anderen Dinge des Lebens werden nebensächlich. Dabei wird das tägliche Kalorienzählen, das Essen nach strengem Diätplan, aber auch unkontrollierte Essanfälle, exzessives Sporttreiben, das Streben nach Perfektionismus begleitet mit dem Gefühl der Wertlosigkeit und die

ständige Gewichtskontrolle zum Lebensmittelpunkt eines jeden Betroffenen.

„Bevor jedoch sicher ist, dass tatsächlich eine Essstörung vorliegt, muss zweifelsfrei ausgeschlossen werden, dass einer Gewichtsabnahme oder

einer Gewichtszunahme keine organische Erkrankung zugrunde liegt. Schließlich gibt es einige Krankheiten, die mit dem Verlust des Appetits einhergehen (z.B. Gastritis) oder bei denen es zu Gewichtszunahmen kommt (z.B. Schilddrüsenunterfunktion). Wenn jemand unter einer Depression leidet, kann dies zu Appetitlosigkeit und starker Gewichtsabnahme führen.“ (Mucha / Hoffmann 1998, 13)

2.3. Welches Gewicht ist „normal“?

Die oben genannte Definition von einem normalen Essverhalten spricht von „einer angemessenen Menge an Nährstoffen…“. Das Problem dabei ist aber, dass es wohl keine geeignete Methode gibt mit der sich die angemessene Menge benötigter

Nährstoffe genau ermitteln lässt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.br-online.de/.../sprechstunde/

200203/img/0326/waage.jpg

Folglich scheint es nicht angebracht, den Bezug zur oben genannten Definition als Ausgangspunkt einer möglichen Diagnose gestörten Essverhaltens zu setzen. So hat es den Anschein, dass nur das Körpergewicht (im Verhältnis zur Größe und zum Alter) eine Normalität zum Krankhaften abgrenzen kann.

Im Folgenden werde ich verschiedene Bezugsgrößen vorstellen, die eine Untergewichtigkeit, Übergewichtigkeit bzw. Normal- oder Idealgewichtigkeit kennzeichnen.

Neben der medizinischen Sicht des normalen Gewichts, werden auch kulturelle, ästhetische, schichtspezifische oder berufsrollenspezifische (von dem Turner oder der Balletttänzerin zum Sumo-Ringer) Sichtweisen zum Klassifizieren des Normalgewichtes zu Grunde gelegt. Ich möchte mich hier auf die medizinische Betrachtung beschränken.

Eine sehr verbreitete und bekannte Formel zur Berechnung des Normal- und Idealgewichtes stammt von dem französischen Chirurgen und Anthropologen Paul Broca aus dem 19. Jahrhundert. Broca hat dazu Soldaten vermessen und festgestellt, dass sie durchschnittlich soviel Kilogramm wiegen, wie sie in Zentimeter minus 100 groß sind. So entstand die Formel nach Broca:

Körpergröße in cm – 100 = Normalgewicht

Das Idealgewicht ist durch die angeblich höchste Lebenserwartung (laut Lebensversicherungsstatistiken) gekennzeichnet. In den 50er Jahren wurde von der amerikanischen Gesellschaft der Versicherungsstatistiker eine „Statur-und Blutdruckstudie“ veröffentlicht und darin eine Tabelle mit dem „Idealgewicht“. Die Daten dafür stammten aber nur von Mitgliedern der einflussreichen „Metropolitan Life“-Versicherung – also von einer eher wohlhabenden Klientel – und waren nicht repräsentativ. Aus der Annahme, dass die Lebenserwartung bei Idealgewichtigen am höchsten ist (und damit auch das Risiko für die Lebensversicherung am geringsten) ließ sich folgende Schlussfolgerung ziehen:

Übergewicht = höheres Sterberisiko = höhere Versicherungsprämie !

Das Idealgewicht wird folgendermaßen berechnet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Den Versicherungen ging es somit weniger um medizinische Interessen als um finanzielle. Doch die Formel war bis vor wenigen Jahren noch unangefochtener Maßstab für das Idealgewicht. Heute sind dieser Begriff und die Berechnung nicht mehr relevant. Das Körpergewicht wird heute wesentlich individueller gesehen. In den achtziger Jahren wurden die Ergebnisse einer amerikanischen Langzeitstudie veröffentlicht. Diese belegte, dass das Idealgewicht nach Broca nicht maßgebend für eine lange Lebenserwartung ist. Es zeigte sich, dass die zu dünnen und die zu dicken Menschen die geringste Lebenserwartung haben. Bei jedem Gewicht dazwischen wurden keine nachhaltigen Folgen für die Gesundheit nachgewiesen. Anstelle des Idealgewichts ist heute das Sollgewicht oder Wohlfühlgewicht getreten. Gesunde Erwachsene sollten sich am so genannten Sollgewicht orientieren, da es das Gewicht mit der höchsten Lebenserwartung ist.

Das Gewicht kann individuell zehn Prozent über oder zehn Prozent unter dem Broca-Normalgewicht liegen, ohne dass der Mensch sich unwohl fühlen oder krank werden muss. Übergewicht wird ab einer Gewichtszunahme von 15-20% über dem Normalgewicht diagnostiziert. ( Cuntz / Hillert 2003, 18f.)

Für wissenschaftliche Zwecke ist heute der Body-Maß-Index (BMI) üblich.

Hierzu wird das Gewicht in kg durch das Quadrat der Körperlänge in Metern (kg/m2) geteilt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese relativ komplizierte Formel berücksichtigt besser die individuellen körperlichen Gegebenheiten bei der Gewichtsberechnung und ermöglicht damit Wissenschaftlern und Ärzten eine Kategorisierung. Aber der BMI sagt noch lange nichts aus über das persönliche Befinden oder die Leitungsfähigkeit.

Außerdem berechnet der BMI nur die Körpermasse, nicht die Fettmasse. Die Fettmasse ist nur ein Teil der Körpermasse neben Muskeln, Knochen und Organen. Diese positive Korrelation wird als ausreichend angesehen um mit einer einfachen Formel die Fettmasse indirekt schätzen zu können.

Im Erwachsenenalter wird dieser BMI zur Einteilung der Gewichtsklassen herangezogen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

aus: LEITZMANN, C. et al (2001): Ernährungsabhängige Erkrankungen. In: Ernährung in Prävention und Therapie. Hippokrates Verlag, Stuttgart, S. 220.

Weit komplexer ist die Beurteilung des BMI-Wertes bei Kindern und Jugendlichen. Da sich meine Arbeit auf Essstörungen im Jugendalter konzentriert möchte ich im Folgenden erläutern wie man den BMI von Heranwachsenden ermittelt.

Hierbei müssen alters- und geschlechtsspezifische Veränderungen des BMI, bedingt durch altersphysiologische Veränderungen der Fettmasse als auch fettfreier Masse, berücksichtigt werden. Deshalb gibt es für Kinder und Jugendliche jeden Alters und Geschlechtes Referenzwerte. Diese Werte basieren auf einer Stichprobe von über 34.000 deutschen Kindern und Jugendlichen. Die Berechnung für den BMI erfolgte dabei aus den Körpergrößen- und Körpergewichtsdaten von insgesamt 14.147 Jungen und 17.275 Mädchen im Altersbereich von 0-18 Jahren (www.a-g-a.de). Aus diesem Grunde sind Vergleiche zwischen Individualwert mit Referenzwert auch nur für deutsche Heranwachsende aussagekräftig.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) hat dazu eine Tabelle herausgegeben, bei der man die entsprechende Zuordnung und Bedeutung des BMI-Wertes ablesen kann.

Tab.1: Body Maß Index für Kinder und Jugendliche (7-18 Jahre) unter Berücksichtigung von Körpergewicht, Körpergröße, Alter und Geschlecht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (www.bzga.de)

Ob jemand ein ungesundes oder „unnormales“ Gewicht hat und somit auf ein gestörtes Essverhalten hinweist, hängt natürlich nicht nur vom BMI bzw. Gewicht ab. Dieser stellt lediglich eine grobe Richtschnur dar und für Mediziner eine Berechnungsmethode um verschiedene Gewichtsklassen abzugrenzen bzw. Über-und Untergewicht zu diagnostizieren. Allerdings orientieren sich auch viele junge Frauen an diesen vorgegebenen Zahlen. Sicherlich ist dies problematisch, da sich die Nahrungsaufnahme bei gesunden Menschen über Appetit, Hunger und Sättigung so reguliert, dass sie ein ihrer körperlichen Konstitution angemessenes Gewicht erreichen, welches sie über lange Zeit halten. Dieses Gewicht wird Set Point-Gewicht genannt. Es ist stark anlagebedingt und steigt mit zunehmendem Lebensalter allmählich an. Übersetzt wurde der Begriff Set Point-Gewicht mit Wohlfühlgewicht, zu dem ich mich schon kurz geäußert habe. Dies lässt darauf schließen, dass dieses Gewicht das individuell richtige im Sinne von gesundheitlich zuträglich, ist. Auf den Aspekt der Set-Point Theorie werde ich im Kapitel 6 noch genauer eingehen.

Es ist offensichtlich, dass sich eine Orientierung an den vorgegeben Normen zum Gewicht, nicht besonders eignet um zu bestimmen, ob man ein „gesundes“ oder „krankes“ Gewicht hat. Allerdings ist der BMI-Index für viele Mediziner eine Orientierungsgröße zur Diagnose einer gewichtsabhängigen Erkrankung. Wohlfühl- oder Set-Point– Gewicht sind Begriffe, die die persönliche Befindlichkeit einbeziehen und nicht mit mathematischen Formeln errechnet werden. Für den Arzt sind sie daher kaum greifbar und nicht relativierbar.

Problematisch ist, dass sich immer mehr junge Frauen unabhängig vom eigenen Wohlfühlgewicht, starr wie ein Mediziner, an diesen Werten orientieren und für ihr Idealgewicht „kämpfen“. Ich glaube allerdings, dass es besser wäre ohne Waage und Maßband zu spüren, wann man sich in seinem Körper und seiner Haut wohl fühlt, wann man emotional ausgeglichen und körperlich fit ist. Diese Aspekte kann man in keiner Tabelle ablesen. Das Problem dabei ist, dass man lernen muss seine Körpersignale zu beachten, ernst zu nehmen und angemessen auf sie zu reagieren, sich also nicht mit dem Kopf zu kontrollieren, sondern in sich „hineinzuspüren“.

LehrerInnen sind keine Mediziner und sollten in keiner Tabelle „ablesen“, ob eine Schülerin vielleicht eine Essstörung aufweist. Das Gewicht ist kein eindeutiges Kriterium für ein krankhaftes Essverhalten. Es ist es daher von Bedeutung offensichtlichere und eindeutige Merkmale von Essstörungen zu kennen, um Betroffene zu erkennen und ihnen zu helfen. Im nächsten Kapitel werde ich daher Kriterien, Symptome und Verhaltensweisen erläutern, die abweichendes Essverhalten kennzeichnen.

3. Theoretische Grundlegung – Erscheinungsbild der Magersucht und Bulimie

3.1. Begriffsbestimmung und Diagnosekriterien

Essstörungen werden als psychosomatische Erkrankungen, individuell mit mehr oder weniger deutlichem Suchtcharakter, beschrieben. Gegenstand und Auftrag der psychosomatischen Medizin ist die Untersuchung und Wechselwirkung von psychosozialen und biologischen Faktoren bei Krankheit und Gesundheit, wie auch die Behandlung entsprechender Störungen (Petermann 1995, 425). Im Folgenden werde ich eine Begriffsbestimmung von Anorexia nervose und Bulimia nervosa vorstellen. Damit die Fachleute nun bei der Diagnose von Krankheiten über eine gemeinsame Basis verfügen, wurden Klassifikationssysteme zur Beschreibung von Krankheiten zusammengestellt. Diese Systeme enthalten verbindliche Leitlinien und diagnostische Beschreibungen. Es existieren mehrere Fassungen, zum einen die von der internationalen Klassifikation psychischer Störungen (International Classification of Diseases – ICD), zum anderen die von der American Psychiatric Association DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Discorders) Kriterien. Letzt genannter Diagnose-Schlüssel ist weltweit angewandt. Daher werde ich mich auf die aktuellste Version der DSM IV beschränken.

3.1.1. Anorexia nervosa (Magersucht)

Anorexia nervosa ist eine psychogene Essstörung mit psychosomatischen Folgeerscheinungen.

Der Begriff an – orexis (griech.) bedeutet etymologisch, „frei von Begierde“, „frei von Hunger“, „fehlendes Verlangen“. Dieser Begriff ist jedoch irreführend, da Magersüchtige in der Regel nicht unter Appetitlosigkeit leiden, im Gegenteil - sie versuchen durch ganz bewusstes Fasten oder sehr geringe Nahrungszufuhr das

Hungergefühl zu unterdrücken (Stahr 1998, 23). Der Zusatz „nervosa“ weist auf die psychischen Ursachen der Essstörung hin. Zentrales Merkmal der Magersucht, ist die Verweigerung der Betroffenen eine ausreichende Nahrungsmenge zu sich zu nehmen. Bruch (1990, 20) stellt drei Merkmale für die Anorxia nervosa als charakteristisch heraus: „die beinahe wahnhafte Fehlwahrnehmung des Körpers (gestörtes Körperbild), Konfusion hinsichtlich körperlicher Empfindungen und ein alles umfassendes Gefühl von Unzulänglichkeit.“ Betroffene beschäftigen sich demnach übermäßig mit ihrem Körpergewicht und ihrer Figur, definieren ihr Selbstwert darüber und haben große Angst vor einer Gewichtszunahme. Ihren eignen Körper nehmen sie als „viel zu fett“ wahr. Trotz des sich selbst auferlegten Hungerns, kreisen ihre Gedanken ständig um das Thema Essen.

In dem aktuellstem Klassifikationsschema DSM – IV von 1994 werden folgende Kriterien für die Diagnose einer Magersucht zusammengestellt:

A. Weigerung, das Minimum des für Alter und Körpergröße normalen Körpergewichts zu halten (z.B. der Gewichtsverlust führt dauerhaft zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts; oder das Ausbleiben einer während der Wachstumsperiode zu erwartenden Gewichtszunahme führt zu einem Körpergewicht von weniger als 85% des zu erwartenden Gewichts.)
B . Ausgeprägte Ängste vor einer Gewichtszunahme oder davor, dick zu werden, trotz bestehenden Untergewichts.
C . Störungen in der Wahrnehmung der eignen Figur und des Körpergewichts, übertriebener Einfluss des Körpergewichts oder der Figur auf die Selbstbewertung, oder Leugnen des Scheregrades des gegenwärtigen Körpergewichts.
D. Bei postmenarchalen Frauen das Vorliegen einer Amenorrhöe, d.h. das Ausbleiben von mindestens drei aufeinander folgenden Menstruationszyklen (Amenorrhöe wird auch dann angenommen, wenn bei einer Frau die Periode nur nach Verabreichung von Hormonen, z.B. Östrogen eintritt).

Zwei spezifische Untertypen der Magersucht werden nach DSM – IV unterschieden:

1) Asketischer Magersuchtstyp ( restriktiver Typ ):

Während der aktuellen Episode der Anorexia nervosa hat die Person keine regelmäßigen Fressanfälle gehabt.

2) Bulimischer Magersuchtstyp (purging Typ ):

Während der aktuellen Episoden der Anorexia nervosa hat die Person regelmäßig Fressanfälle gehabt oder selbstinduziertes Erbrechen durch den missbrauch von Abführmitteln, Diätmitteln oder anderen Medikamenten.

(Gerlinghoff 1997, 152f.)

3.1.2. Bulima nervosa (Ess-Brechsucht)

Das Wort `Bulimie` ist abgeleitet aus den griechischen Wörtern bous = Ochse / Stier und limos = Hunger und bedeutet soviel wie Stierhunger, im übertragenen Sinn Heißhunger.

Der Heißhungeranfall stellt zwar ein wichtiges Erkrankungsmerkmal dar, ist aber nur eines von mehreren zentralen Symptomen, die zusammen das Syndrom Bulimia nervosa bilden. Das Beiwort nervosa b edeutet dabei seelisch bedingt (Becker 1994, 25). Auffällig ist, dass sich innerhalb der Literatur keine einheitliche Bezeichnung der Bulimie finden lässt. Häufig werden die Begriffe „Bulimie“, „Bulimia“, „Bulimia nervosa“ oder „Bulimie-Syndrom“ verwendet. Umgangssprachlich und im Alltag wird auch von „Ess – Brech – Sucht“ oder „Fress – Kotz – Sucht“ gesprochen.

Die Bulimia nervosa (Bulimie) ist durch wiederholte Anfälle von Heißhunger (Essattacken) und eine übertriebene Beschäftigung mit der Kontrolle des Körpergewichts charakterisiert. Dies veranlasst die Patientin, mit extremen Maßnahmen den dickmachenden Effekt der zugeführten Nahrung zu mildern.

(Dilling 1993, 202)

In zahlreichen Untersuchungen wurde festgestellt, dass viele Magersüchtige auch bulimische Episoden erleben. Daher war lange Zeit umstritten, ob die Bulimia nervosa als eigenständiges Krankheitsbild angesehen, oder ob sie einfach als eine Variante der Anorexia nervosa aufgefasst werden sollte (Gerlinghoff 1997, 154).

1980 entschied die American Psychiatric Association den Streit, indem sie die Bulimie erstmals als ein von der Magersucht getrenntes Krankheitsbild anerkannte und sie als eigenständiges Syndrom klassifizierte.

Ähnlich wie für die Magersucht werden im DSM – IV von 1994 auch für die Bulimie zwei Subtypen charakterisiert, die sich in der Art der Verhaltensweise zur Gewichtsregulierung unterscheiden.

Die diagnostischen Kriterien zur Bestimmung der Bulimia nervosa sind im DSM – IV wie folgt festgelegt:

A. Wiederholte Episoden von Fressattacken – eine Fressattacken – Episode ist gekennzeichnet durch beide der folgenden Merkmale:

(1) Verzehr einer Nahrungsmenge in einem bestimmten Zeitraum (z.B. innerhalb eines Zeitraums von zwei Stunden), wobei diese Nahrungsmenge erheblich größer ist als die Menge, die die meisten Menschen in einem vergleichbaren Zeitraum und unter vergleichbaren Bedingungen essen würden.
(2) Das Gefühl, während der Episoden die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren (z.B. das Gefühl, weder mit dem Essen aufhören zu können, noch Kontrolle über Art und Menge der Nahrung zu haben).

B. Wiederholte Anwendung von unangemessenen, einer Gewichtszunahme gegensteuernden Maßnahme, wie z.B. selbstinduziertes Erbrechen, Missbrauch von Laxantien, Diuretika, Klistieren oder anderen Arzneimitteln, Fasten oder übermäßuge körperliche Betätigung.

C . Die Fressattacken und das unangemessene Kompensationsverhalten kommen drei Monate lang im Durchschnitt mindestens zweimal pro Woche vor.

D. Figur und Körpergewicht haben einen übermäßigen Einfluss auf die Selbstbewertung.

E. Die Störung tritt nicht ausschließlich im Verlauf von Episoden einer Anorexia nervosa auf.

Bestimmung des Typus:

1. Purging – Typus

Die Person induziert während der aktuellen Episode der Bulimie nervosa regelmäßig Erbrechen oder missbraucht Arzneimittel.

2. Nicht - Purging – Typus

Die Person hat während der aktuellen Episode der Bulimia nervosa andere unangemessene, einer Gewichtszunahme gegensteuernde Maßnahmen gezeigt, wie beispielsweise Fasten oder übermäßige körperliche Betätigung, hat aber nicht regelmäßig Erbrechen induziert oder Arzneimittel missbraucht.

(Gerlinghoff 1997, 157f.)

In den Kriterienkatalogen sowohl zur Bulimia nervosa als auch zur Anorexia nervosa fehlen fast gänzlich soziale, gesellschaftliche und familiäre Aspekte, die mit dieser Störung einhergehen.

3.2. Symptomatik – das anorektische und bulimische Verhalten

Wie erkennt man als Lehrer, Eltern oder Freunde ob ein Jugendlicher essgestört ist? Wie verhalten sich essgestörte Betroffene? Sicherlich gibt es darauf keine allgemeingültige Antwort. Gestörtes Essverhalten lässt sich nicht verallgemeinern. Es gibt jedoch Ähnlichkeiten im Verhalten von Magersüchtigen und Bulimiekranken, welches die Symptome und Anzeichen ihrer Krankheit am besten beschreibt.

Daher wird die Symptomatik im folgenden Verlauf meiner Arbeit nicht einseitig in einzelnen Punkten abgehakt, sondern im Zusammenhang mit dem Krankheitsverlauf und den typischen Verhaltensweisen der Betroffenen beschrieben. Dabei werde ich zur Veranschaulichung und zum Praxisbezug verschiedene Fallbeispiele von Betroffenen Magersüchtigen und Bulimiekranken anbringen.

3.2.1. Anorexia nervosa

Quelle: www.fvss.de/.../ausgabe10/images/magersucht/magersucht1.jpg

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Krankheitsverlauf der Magersucht kann bei den einzelnen Anorektikerinnen sehr unterschiedlich aussehen. Es können jedoch sichtbare Symptome festgehalten werden, die das Krankheitsbild und Erscheinungsbild der Magersucht fast eindeutig diagnostizieren.

Der Krankheitsverlauf kann sehr unterschiedlich ablaufen. Allerdings werden immer wieder Gemeinsamkeiten beobachtet. Gerlinghoff und Backmund beschreiben den Krankheitsverlauf der Anorexia nervosa folgendermaßen: Alles beginnt mit einer ,,harmlosen" Diät, die jedoch über den natürlichen Zeitrahmen hinausgeht. Die Betroffenen definieren für sich immer wieder ein neues, niedrigeres Wunschgewicht, erreichen dieses - und hungern weiter. Sie sind stolz auf ihre erbrachte Leistung, auf das Erreichen ihres Zieles, und gerade das ermutigt sie dazu, weiterzumachen, das nächste Ziel zu erreichen. Der Abstand zwischen Untergewicht und Idealgewicht vergrößert sich fortlaufend, und schließlich "hat sich die Gewichtsabnahme verselbständigt und ist zur Leistung geworden" (Gerlinghoff 1999, 38). Die anfänglichen Ziele, wie z. B. ein flacher Bauch, dünnere Beine oder Attraktivität wurden abgelöst von dem einen Ziel "die Dünnste" zu sein. Es gibt unterschiedliche "Hungerpraktiken", wie z. B. Mahlzeiten auslassen, die Ernährung auf Rohkost umstellen oder Unmassen von Flüssigkeit zu sich nehmen. Im Laufe der Zeit entwickeln fast alle Magersüchtigen ihre eigenen Essensrituale und Kontrollmaßnahmen, um die Gewichtsabnahme sicherzustellen. Viele Magersüchtige wollen nicht nur durch Hungern Leistung erbringen, sondern z.B. auch durch übertriebene Hausarbeit oder gute schulische und sportliche Leistungen. Die Betroffenen wollen Anerkennung finden, und so wandelt sich normale Leistungserbringung in Leistungszwang, der von diesem Zeitpunkt an den Tagesablauf bestimmt und das

Krankhafte offensichtlich macht. Der extreme Leistungszwang, vor allem in den übertriebenen sportlichen Aktivitäten, ist schon lange nicht mehr gesundheitsfördernd - er geht langsam in Gesundheitsschädigung und schließlich in Selbstzerstörung über, wenn Schwindel, Schwäche, Frieren und andere negative Anzeichen ignoriert und nicht als Warnsignale des Körpers verstanden werden (Gerlinghoff 1999, 38f.). Symptome und Anzeichen der Magersucht werden oft von Angehörigen oder Freunden nicht oder zu spät erkannt, mitunter weil die Anorektikerinnen bewusst versuchen ihre Krankheit zu verheimlichen. Die Betroffenen leiden meist jahrelang unter ihrer Krankheit, bevor sie sich einer notwendigen Therapie unterziehen. Im Folgenden möchte ich nun die Symptome der Magersucht näher beschreiben:

Physische Symptome

Abmagerung

Das auffälligste äußerliche Symptom

der Magersucht ist die körperliche

Abmagerung. Die an Magersucht

leidenden Menschen stechen

schon aufgrund ihres abgemergelten

Erscheinungsbildes hervor.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: www.selbsthass.com/ magersucht.htm

Dieses entsteht aufgrund der Weigerung der Patientinnen, das Körpergewicht über einem dem Alter und der Größe berechnetem minimalem Normalgewicht zu halten. Hinzu kommt noch, dass das Ausbleiben einer erwarteten Gewichtszunahme während einer Periode des Wachstums zu einem Körpergewicht führt, das fünfzehn Prozent unterhalb des Erwartungswertes liegt (Wolfrum / Papenfuss 1993, 14). Die Gewichtsverluste bei Magersüchtigen erreichen oft 20-40 Prozent des ursprünglichen Gewichtes. Die Fettschichten verschwinden und ebenso die charakteristischen Kurven des Körpers.

Diese extreme Gewichtsreduktion erreichen die Magersüchtigen durch:

- die Verweigerung der Nahrungszufuhr
- die Einnahme von Appetitzüglern und Abführmitteln
- bulimische Verhaltensweisen (erbrechen nach dem Essen)
- das Auferlegen harter Trainingsprogramme.

(vgl. www.magersucht.de/diagnose.shtml)

Amenorrhoe (das Nichteintreten oder Ausbleiben der Regelblutung)

Stark eingeschränktes Essverhalten bzw. Hungern können das Ausbleiben der monatlichen Regelblutung bewirken. Tritt die Magersucht bereits vor der Pubertät auf, so kann die Menstruation auch ganz ausbleiben.

Jedoch kann man nicht grundsätzlich beim Ausbleiben der Regelblutung davon ausgehen, dass die zu Behandelnde an Magersucht leidet. Das Ausbleiben der Menstruation kann auch psychische oder andere somatische Ursachen (z.B. Ausüben eines Hochleistungssportes) haben.

Die Magersüchtigen müssen sich bewusst machen, dass es nach erfolgreichem Besiegen der Krankheit nicht automatisch zu einem Wiedereinsetzen der Regelblutung kommt. Irreparable Schäden des Körpers können die Ursache dafür sein (Gerlinghoff 1999, 51).

Vegetative und andere klinische Befunde

Neben der Abmagerung und einer möglichen Amenorrhoe können noch weitere somatische Befunde auftreten. Hierzu gehören:

- die verlangsamte Herztätigkeit (Mangel- und Unterernährung sind dafür verantwortlich)
- der niedrige Blutdruck (entsteht aufgrund einer Mangel- und Unterernährung)
- die schlechte Durchblutung der Haut
- Haarausfall
- die verminderte Magen- und Darmtätigkeit (entsteht u.a. durch die oft einseitige Zusammensetzung der Nahrung)
- die erhöhte Kälteempfindlichkeit (auf eine Störung der Temperaturregulation zurückzuführen)
- die Lanugobehaarung (Flaumhaar).

(Gerlinghoff 1999, 51 ff.)

In der Regel verschwinden diese Symptome bei Erreichen des Normalgewichtes wieder. Es können jedoch organische Schäden wie z.B. das Schrumpfen eines Organs auftreten, die irreversibel sind und sogar zum Tod führen können.

Psychische Symptome

Krankheitsverleugnung

Die fehlende Krankheitseinsicht ist wohl das psychische Hauptmerkmal, das die Magersucht kennzeichnet. Die Magersüchtigen fühlen sich wohl und sehen ihr Gewicht und ihr äußeres Erscheinungsbild als völlig normal an (Bruch 1994, 117). Der ständige Druck dünn sein zu wollen, unter dem diese Menschen leiden, wird völlig verdrängt. Aufgrund dessen kommt es erst gar nicht zu einer Krankheitseinsicht. Die körperlichen Folgen die diese Krankheit mit sich bringt, versetzen die Anorektikerinnen in keinen besorgten Zustand. Im Gegenteil, sie fühlen sich durch das ständige Abnehmen bestätigt in ihrem Handeln.

Warum Magersüchtige sich nicht als krank verstehen, wird besonders deutlich bei der Betrachtung der Spannungsverhältnisse zwischen positiven Aspekten der Krankheit und dem Leiden der Krankheit. Über lange Zeit haben Magersüchtige nicht nur kein Krankheitsgefühl, sondern sie empfinden vielmehr ihr verändertes Verhalten als Stärke, als Zuwachs an Leistung, es bringt ihnen das Gefühl etwas Elitäres zu sein, über Kräfte zu verfügen, die andere, z.B. ihre Eltern oder Geschwister, nicht haben (Gerlinghoff 1997, 139). Somit verleiht ihnen dieses Verhalten einen Zuwachs an Macht und gleichzeitig gelingt es ihnen mit der Aufrechterhaltung ihrer Krankheit, Schwäche zugeben zu können, was das folgende Fallbeispiel einer Patientin von Gerlinghoff (1997, 142) verdeutlicht:

„Hungern – Können beweist Stärke und Willen.

Hungern macht stark und mächtig, gleichzeitig aber

auch schwach. So konnte ich durch Hunger Stärke beweisen

und auf gesellschaftliche Weise Schwäche ausdrücken, die ich sonst niemals

zugeben durfte.“

Für Außenstehende ist es aufgrund dieser fehlenden Krankheitseinsicht bzw. der Krankheitsverleugnung sehr schwer, die unter dieser Krankheit leidenden Menschen für eine Therapie zu gewinnen und sie von deren Notwendigkeit zu überzeugen. Fremde Hilfe wird erst dann angenommen bzw. muss angenommen werden, wenn ein körperlicher Zusammenbruch nicht mehr verhindert werden konnte.

Gestörte Körperwahrnehmung

Quelle: BZgA: Ess- Störungen. Bulimie-Magersucht-Ess-Sucht.S.13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Am besten bekannt unter den Wahrnehmungsstörungen bezüglich der Körpermaße ist die Leugnung des Anorektikers, seine heftige Verteidigung des ausgemergelten Körpers als nicht zu dünn, sondern gerade richtig, als normal.“ (Bruch 1994, 117). Diese gestörte Wahrnehmung geht sogar soweit, dass die Magersüchtigen aufkommende Körperreize nicht mehr wahrnehmen können und infolgedessen auch beim Deuten von Hunger versagen. Der Körper magert infolgedessen immer mehr ab. Die Patientinnen identifizieren sich mit diesem skeletthaften Erscheinungsbild und verleugnen, dass mit ihrer Figur etwas nicht stimmt. Die Anorektikerinnen leiden unter „Störungen im Erleben des eigenen Körpergewichts und der Figur.“ (Weber / Stierlin 1989, 27). Sie fühlen sich bei jedem Anblick im Spiegel zu dick und wollen noch mehr abnehmen.

Hierzu ein Beispiel: „Eine zwanzigjährige Frau, die allem Anschein nach in der Therapie gute Fortschritte machte, gab zu

„Ich kann wirklich nicht sehen, wie dünn ich bin.

Ich schaue in den Spiegel und sehe es immer noch

nicht. Ich weiß, dass ich dünn bin, weil ich bei

mir nichts als Knochen spüre.“

(Bruch 1994, 118).

Die Menschen sind einfach nicht in der Lage zu erkennen, in welch bedrohlichem Zustand sie sich befinden. Selbst bei bestehendem drastischem Untergewicht finden sie immer wieder Körperpartien an denen sie zu dick sind, und die Folge davon ist erneutes Hungern.

Gewichtsphobie

Quelle: http://ranglackhr.bei.t-online.de/Essstoerungen.htm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Gewichtsphobie beschreibt ein weiteres typisches psychisches Merkmal der Anorexia nervosa. Sobald etwas gegessen wurde wird die Waage nach einer Zunahme bzw. Abnahme des Gewichtes befragt. Die unter Anorexia nervosa Leidenden steigen bis zu 30-mal am Tag auf die Waage, während ein „normaler Mensch“ sich höchstens einmal die Woche auf die Waage stellt, um sein Gewicht zu kontrollieren. „Mehrmals am Tag wird die Waage befragt, ob die Nadel sich dem Wunschgewicht nähert. Ist es erreicht, steigen sie dennoch weiter voller Angst auf die Waage, um zu überprüfen, ob sie nicht doch wieder zugenommen haben.“ (Wolfrum / Papenfuss 1993, 15). An diesem Auszug wird deutlich, zu welch wichtigem Bestandteil die Waage für die Magersüchtigen im Laufe der Zeit geworden ist.

Aus der Gewichtsphobie heraus resultiert auch die zwanghafte Haltung dem Essen gegenüber. Obwohl die Magersüchtigen regelrecht Angst vor Nahrungsmitteln entwickeln, müssen sie sich ständig in deren Nähe aufhalten (Wolfrum/ Papenfuss 1993, 21). Die Gedanken der Kranken beschäftigen sich nahezu immer mit dem Essen und auch mit der Zubereitung von Nahrungsmitteln. Besonders gerne bereiten sie Speisen für Familienmitglieder zu, nehmen dann aber normalerweise nicht am gemeinsamen Essen teil. Werden sie doch einmal gezwungen, so schieben sie das Essen auf ihrem Teller hin und her, schneiden es in entsetzlich kleine Stücke oder lassen dieses unter Servietten verschwinden, um es nach dem Essen in den Abfalleimer zu werfen bzw. an ihr Haustier zu verfüttern (Selvini Palazzoli 1998, 35). Die Anorektikerinnen verstehen es also perfekt, ihr menschliches Umfeld zu täuschen.

Hyperaktivität

Die extreme Drosselung der Kalorienzufuhr reicht nicht aus, um das Gewissen der Magersüchtigen zu beruhigen. Parallel dazu entwickeln sie harte Trainingsprogramme, die sie mit enormer Entschlossenheit durchführen. Sie verbringen mehrere Stunden am Tag mit verschiedenen sportlichen Tätigkeiten wie z.B. joggen, Rad fahren, tanzen und schwimmen. Weiterhin versuchen sie das Hungern durch die Übernahme der Versorgerrolle zu kompensieren. Sie kochen in erhöhtem Maße für die Familie und sorgen für sie. Wie Bliss und Branch jedoch richtig erkannt haben, handelt es sich bei den Magersüchtigen eher um eine scheinbare als reale Hyperaktivität. Auf uns wirken diese Menschen hyperaktiv, weil es uns bei jeder noch so kleinen Tätigkeit erstaunt, wie ein abgemagerter Körper solche Leistungen erbringen kann (Selvini Palazzoli 1998, 36).

Verlust der eigenen Identität

Kennzeichnend für die anorektische Symptomatik sind Gefühle der inneren Leere, mangelnder Autonomie, Ich-Schwäche und Hilflosigkeit (Karren 1986, 15). Magersüchtige haben oft das Gefühl, dass eigene Dasein nicht allein meistern zu können. Sie haben kein Gefühl von Eigenständigkeit und auch keinen Zugang zu ihren Empfindungen, weil sie nie auf ihre Gefühle hören bzw. sie gar nicht kennen. Stattdessen fühlen sie sich in ihrem Denken, Fühlen und Handeln von anderen Personen abhängig. Dies hat zur Folge, dass Betroffene ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr von den Erwartungen der anderen unterscheiden können. Aus diesem Gefühl der Machtlosigkeit resultieren oft starke Minderwertigkeitsgefühle, die von einer großen Angst begleitet werden, zu versagen. Somit werden Magersüchtige in ihrem Willen bestärkt, noch mehr abzunehmen, weil es das einzige ist was ihre Identität bestimmt (Stahr 1998, 38).

„Durch Essenskontrolle haben manche

zum ersten Mal das Gefühl, dass ihre

Persönlichkeit einen Kern besitzt und

dass sie Zugang zu ihren Empfindungen

haben“ (Bruch 1980, 23).

3.2.2. Bulimia nervosa

Quelle: www.asjas-welt.de/bulimie/ bulimiehs.htm

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zwischen den Essstörungen Bulimie und Magersucht sind fließende Übergänge zu beobachten. Dennoch existiert, wie bereits erwähnt, die Bulimia nervosa auch als eigenständiges

Krankheitsbild.

Im Folgenden werde ich nun sowohl physische, als auch psychische Symptome und das typische Erscheinungsbild der Ess-Brechsucht erläutern.

Nach Habermas beginnt die bulimische Symptomatik mit dem Versuch einer Gewichtsabnahme durch Diäten. Die Betroffenen sind dabei meist Normalgewichtig mit leichter Tendenz zum Übergewicht.

Als drei Hauptsymptome werden in der Literatur, gestörtes Essverhalten, extreme Methoden der Gewichtskontrolle und übermäßige Beschäftigung mit Gewicht und Körperform genannt. Ess-Brechsüchtige beschäftigen sich permanent mit Essen und Figur und versuchen ihre bulimischen Anfälle zu verheimlichen. Zugleich besteht eine Einteilung der Nahrungsmittel in „erlaubte“ (kalorienarme/“gesunde“) Kost, die hauptsächlich in geringen Mengen zwischen den bulimischen Vorfällen gegessen wird. Die zweite Einteilung der Nahrungsmittel erfolgt in „verbotene“ (kalorienreiche/“ungesunde“) Kost, die zumeist während des bulimischen Vorfalls konsumiert wird (Thies 1997, 4).

Das Auftreten dieser Symptome wird häufig als Teufelskreis beschrieben. Orleans und Barnett (nach Thies 1997) haben den Zusammenhang von Hungern, Essanfällen, Erbrechen, Scham- und Schuldgefühlen und erneutem Hungern in einer Abbildung dargestellt.

[...]

Details

Seiten
137
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638284882
ISBN (Buch)
9783656234562
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26024
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Arbeitslehre/Ernährung
Note
1,3
Schlagworte
Schlankheits- Diätenwahn Ursachen Essstörungen Präeventions- Interventionsmaßnahmen Schulen Unterricht

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Der Schlankheits- und Diätenwahn sowie psycho-soziale Ursachen von Essstörungen. Präventions- und Interventionsmaßnahmen für Schulen und Unterricht