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Entwicklung von Wohlfahrtsstaaten. Sind die Leistungen des Staates in den Zeiten von "Geiz ist geil" zur Selbstverständlichkeit geworden?

Schweden und Deutschland im Vergleich.

Hausarbeit 2004 22 Seiten

Politik - Politische Systeme - Allgemeines und Vergleiche

Leseprobe

Inhalt / Gliederung

1.0 Einleitung
1.1 Einführung in das Thema
1.2 Begriffsklärung
1.3 Erläuterung der Fragestellung

2.0 Schweden
2.1 Entwicklung des schwedischen Wohlfahrtsstaates
2.2 notwendige Reformen in den letzten Jahren
2.3 Einstellung der Bürger zu ihrem Wohlfahrtsstaat

3.0 Deutschland
3.1 Entwicklung des deutschen Wohlfahrtsstaates
3.2 notwendige Reformen in den letzten Jahren
3.3 Einstellung der Bürger zu ihrem Wohlfahrtsstaat

4.0 Schweden und Deutschland im Vergleich
4.1 Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Nachbarstaaten
4.2 weitere Entwicklungsmöglichkeiten
4.3 internationale Maßstäbe

5.0 Schlussteil
5.1 zusammenfassende Betrachtungen
5.2 Beantwortung der Fragestellung

Literaturangaben

1.0 Einleitung

1.1 Einführung in das Thema

In den vergangenen 200 Jahren hat sich die Menschheit derart rasant verändert, als könne man meinen, sie habe die Jahrtausende zuvor im Winterschlaf verbracht. Beginnend mit der Industrialisierung hat ein neues Zeitalter begonnen. Technische Entwicklungen verliehen der Welt ein völlig neues Bild. Eine neue Art der Fortbewegung, neue Produktionsabläufe und auch Veränderungen in den herrschenden Machtstrukturen des alten Europas brachten die Welt in eine Zukunft mit ungeahnten Möglichkeiten.

Ursprünglich als Mittel der Machtstabilisierung führte Otto von Bismarck die ersten Sozialversicherungen im neu geschaffenen Deutschen Reich ein. Dieses System der Absicherung fand schnell Nachahmer in ganz Europa. Viele andere Länder bauten ebenfalls ein System der sozialen Absicherung vor allem gegen Alter, Krankheit und Arbeitslosigkeit auf, wobei sich diese Entwicklung bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hineinzog und in einigen Staaten noch bis heute anhält.

Diese neue Errungenschaft, eines Wohlfahrtsstaates, die jedem Menschen ermöglichen sollte gegen mögliche Risiken abgesichert zu sein, wurde im Laufe der Jahrzehnte immer weiter ausgebaut und zahlreichen Reformen unterworfen. Doch die wichtigsten Reformen fanden in den vergangenen zehn Jahren statt oder sind auf dem Wege eingeleitet zu werden. In meiner Arbeit geht es darum: Wie sich die Wohlfahrtsstaaten Schweden und Deutschland entwickelt haben, welche Veränderungen in ihrer Entwicklung stattfanden und auf welchem Weg sie sich in Zeiten von Globalisierung und internationalem Wettbewerb befinden. Weiterhin möchte ich versuchen darzustellen, wie die Bürger der Staaten zu ihrem System der Absicherung stehen und was sie bereit sind dafür zu leisten, beziehungsweise was der Staat ihnen abverlangt.

1.2 Begriffsklärung

Wohlfahrtsstaat bedeute eine institutionalisierte Form der sozialen Sicherung. Der Wohlfahrtsstaat gewährleistet ein Existenzminimum für jeden Menschen und schützt vor den elementaren Risiken der modernen Industriegesellschaft wie zum Beispiel: Alter, Arbeitslosigkeit, Gesundheit, Unfall, Pflege „und bekämpft“ nach dem Verständnis von Josef Schmid „das Ausmaß gesellschaftlicher Ungleichheit.“ Der Wohlfahrtsstaat bildet in den westlichen Ländern zusammen mit der Demokratie und dem Kapitalismus ein komplexes Gefüge von wechselseitiger Abhängigkeit und Durchdringung und ist für diese Systeme charakteristisch. Es muss aber festgestellt werden, dass es markante natürliche Unterschiede gibt, welche von politischen Konflikten geprägt sind.[1]

In der Fachliteratur gibt es zwar zwischen der Definition des Sozialstaates und der des Wohlfahrtsstaates detaillierte Unterschiede, aber in ihrer Verwendung zielen sie auf die gleiche Bedeutung ab. Aus diesem Grund werde auch ich beide Begriffe benutzen und stelle somit den Sozialstaat mit dem Wohlfahrtsstaat gleich.

1.3 Erläuterung der Fragestellung

Das Thema Wohlfahrtsstaat und seine Vor- und Nachteile ist in den vergangenen Jahren ständiges Thema in den Medien, der Politik und der Bevölkerung. Schlechte wirtschaftliche Konjunktur, ein finanzielles Loch in den Krankenkassen und der nicht mehr zu vernachlässigende Faktor in den Rentenversicherungskassen, welcher eine Ungewissheit bei allen denjenigen schürt, die sich derzeit im Arbeitsleben befinden, ob sie jemals von ihren Einzahlungen profitieren lässt, hat ein neues Stimmungstief gegenüber der Politik in Deutschland ausgelöst. Dahingegen sind die Bürger Schwedens in den vergangenen Jahren einen harten Weg der Reformen gegangen und die Politik hat es geschafft, das Vertrauen der Bevölkerung zu halten und den nötigen Richtungswechsel einzuleiten.

Aus diesem Grunde möchte ich mich in meiner Hausarbeit mit dem Phänomen des Wohlfahrtsstaates beschäftigen. Die Entwicklung der beiden Länder Schweden und Deutschland versuchen gegenüber zu stellen und zu untersuchen, wo die Unterschiede zwischen Schweden und Deutschen in der Beziehung zu ihrem jeweiligen Wohlfahrtsstaat liegen.

Insgesamt soll mit dem Vergleich von Schweden und Deutschland die Frage geklärt werden, ob das wohlfahrtsstaatliche System noch ein tragfähiges Konzept darstellt.

2.0 Schweden

2.1 Entwicklung des schwedischen Wohlfahrtsstaates

Der Beginn der sozialen Hilfe gründete sich, wie auch in vielen anderen Ländern mit der Armenfürsorge durch die Kirchen im 19. Jahrhundert. Die Anfänge des schwedischen Wohlfahrtsstaates liegen in der Gewährleistung einer Grundabsicherung für die Bürger mit geringem Lohn, welche aus ihrem Arbeitseinkommen keine eigene Absicherung treffen konnten.

Im Laufe der Zeit musste von staatlicher Seite festgestellt werden, dass die finanzielle Unterstützung im Falle eines Leistungsanspruches kaum ausreichend war, um davon die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens zu bezahlen. Aus diesem Grund sollte eine Verbesserung des Sozialsystems erreicht werden. Ziel war es einerseits mehr Einzahler für die Versicherungssysteme mit Hilfe von Pflichtversicherungen zu gewinnen. Auf der anderen Seite konnten die Sozialleistungen dahingehend erhöht werden, dass für die Empfänger dieser Unterstützung ein Leben ohne weitere finanzielle Unterstützung möglich wurde.

Im Jahre 1913 wurde eine einkommensunabhängige Alters- und Invalidenversicherung eingeführt. Es bestand eine Beitragspflicht für alle erwerbstätigen Bürger im Alter von 16 bis 66 Jahren. Das offizielle Renteneintrittsalter lag bei 67 Jahren. In diese Versicherung wurden keine Arbeitgeberanteile eingezahlt. Um die Altersvorsorge aufzustocken, zahlte man bedarfsorientierte Zuschläge aus, welche mit Steuermitteln finanziert wurden.

„Damit wurde zum ersten Mal auf der Welt eine Alters- und Invaliditätsversicherung geschaffen, die sämtliche Einwohner eines Landes umfasste, unabhängig von Beruf oder Herkunft des Einzelnen.“[2] Im weiteren Verlauf einigte man sich 1932 auf einen festen Grundbetrag plus einen beitragsfinanzierten Zusatzbetrag für die Alterssicherung. 1946 wurde dann der Pensionsanspruch endgültig von den eingezahlten Beiträgen abgekoppelt, was dem Sinn einer Allgemeinen Volkspension entsprach. Weitergehend führte die sozialdemokratische Regierung 1963 allgemeine Vorraussetzung für den Gewährleistungsanspruch der Pension ein; unter anderem musste eine mindestens 30jährige Erwerbstätigkeit vorliegen, um einen Anspruch auf 60 % Rente der 15 einkommensstärksten Erwerbsjahre zu erlangen.

Seit Einführung der Arbeitslosenversicherung geriet die Armenfürsorge immer weiter in den Hintergrund und der Staat trat in die Pflicht. Allerdings gehörte diese Absicherung zu den freiwilligen Versicherungen und galt, wenn auch stark mit Steuermitteln gefördert nur für Gewerkschaftsmitglieder. Erst 1979 gab es eine Vereinheitlichung für die gesamte erwerbstätige Bevölkerung. Bei dem Beispiel Schweden ist an dieser Stelle zu bemerken, dass die Arbeitslosenversicherung stets, gegenüber anderen europäischen Staaten eine vergleichsweise geringe Bedeutung hatte. Grund für dieses Ergebnis war insbesondere eine gezielte Beschäftigungspolitik der Regierung. Frühzeitig wurde erkannt, dass der Erfolg der Staatspolitik und die Absicherung des einzelnen Bürgers von einer hohen Erwerbsquote abhingen. Schweden ging diesbezüglich sogar noch einen Schritt weiter und fordert gar den Arbeitswillen seiner Bürger ein. Es herrscht eine einheitliche, rechtlich selbstständige dezentrale Arbeitsverwaltung, welche hohes Ansehen in der Bevölkerung genießt. Der öffentliche Dienst galt viele Jahrzehnte als Auffangbecken für Arbeitslose, jedoch sind die Ressourcen so gut wie erschöpft, nicht zuletzt bedingt aus der Ölkrise in den 1970er Jahren und anderen Wirtschaftsschwachen Perioden. Der Wohlfahrtsstaat Schweden ist nun nicht mehr in der Lage noch mehr Menschen mit der Erfüllung seiner Aufgaben zu beschäftigen.

Probleme der Amerikanisierung des Arbeitsmarktes und der Globalisierung machen auch vor Schwedens Grenzen nicht halt. Gerade deshalb werden intensive Anstrengungen unternommen, diese neue Situation zu meistern.

Das schwierigste Unterfangen bei der Einführung von den Sozialversicherungen stellte die Krankenversicherung dar. Lange Zeit gab es Bedenken gegen eine solche Pflichtversicherung. Aus diesem Grund wurde 1930 eine freiwillige Krankenversicherung eingeführt, wobei man sich zuvor auf die Einigung von Standards bei der Mindestversorgung festlegte.

Im Jahr 1945 waren etwa 48% der Schweden krankenversichert. Aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten kam es 1955 zur Einführung einer allgemeinen Kranken-versicherungspflicht. Nun wurden im Krankheitsfall 90 % des Einkommens auf unbefristete Zeit gezahlt.

Seit der Einführung der Krankenversicherungspflicht ist das schwedische Gesundheitssystem enorm expandiert und zählt heute zu den Besten in der Welt. Das Gesundheitssystem gehört, wie alle Leistungen die der schwedische Wohlfahrtsstaat gewährt, zum öffentlichen Dienst des Staates.

Der Sozialstaat Schweden will gewährleisten, das jene Bürger die nachweislich nicht mehr arbeitsfähig sind auf schnellstem Weg Hilfe vom Staat erhalten, ohne dabei an der Bürokratie zu scheitern. Grundlage hierfür sind unter anderem die Einheitsversicherung und das Reichsversicherungsamt. Dies bedeutet eine einheitliche Anlaufadresse für alle Leistungsansprüche. Im Ergebnis wird in einem Amt eine Übersicht über die Gesamtsituation eines Antragstellers geführt.

„Grundsätzliche ist das Gesamtsystem der Geld- und Dienstleistungen ‚universalistisch’ angelegt, d.h. alle Sozialleistungen stehen grundsätzlich jedem dauerhaften Einwohner des Landes zu.“[3]

Bei der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in Schweden wurden die sozialen Ansprüche des Einzelnen als Bürgerrechte definiert, aber das schwedische System baut dafür auch auf die Arbeitsbereitschaft seiner Einwohner, welche stark gefordert und gefördert wird.

[...]


[1] vgl.: Nohlen; Schultze: Lexikon der Politikwissenschaften, Seite 1098

[2] Schüler: Ökonomische Aspekte der Volkspensionierung in Schweden, Seite 5

[3] Kaufmann: Varianten des Wohlfahrtsstaates, S. 180

Details

Seiten
22
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638285100
ISBN (Buch)
9783638648936
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v26059
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Politikwissenschaft / Institut für Kanadastudien
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklung Wohlfahrtsstaaten Schweden Deutschland Vergleich Sind Leistungen Staates Zeiten Geiz Selbstverständlichkeit Grundkurs Vergleichende Politik

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Titel: Entwicklung von Wohlfahrtsstaaten. Sind die Leistungen des Staates in den Zeiten von "Geiz ist geil" zur Selbstverständlichkeit geworden?