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MOLIERE - Die Entwicklung von Le Misanthrope bis zu Le malade imaginaire

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 26 Seiten

Romanistik - Französisch - Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Thematik der Stücke

3. Entstehungsgeschichte

4. Die Personen
4.1 Die Personenkonstellation
4.2 Die Gemeinsamkeiten
4.3 Le Misanthrope
4.4 Le Malade imaginaire
4.5 Das Ende und die Entwicklung
4.6 Die Psyche der Personen

5. Die Komik
5.1 Die Gemeinsamkeiten
5.2 Le Misanthrope
5.3 Le Malade imaginaire
5.4 Entwicklung der Komik

6. Autobiographische Elemente
6.1 Le Misanthrope
6.2 Le Malade imaginaire
6.3 Die Entwicklung von Molières Weltanschauung

7. Zusammenfassung und Schlusswort

8. Literaturverzeichnis
8.1 Primärliteratur
8.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die beiden zentralen Werke Molieres, Le Misanthrope und Le Malade imaginaire, sollen in dieser Arbeit untersucht werden. Nach einer kurzen Einführung in die Thematik der Bücher, sowie einigen Angaben über die Stücke, sollen die Unterschiede und Gemeinsamkeiten veranschaulicht und schließlich eine Entwickslungstendenz formuliert werden. Dabei wurden folgende Schwerpunkte gewählt: Als erstes wurden die Personen analysiert, wie realistisch sie dargestellt und ob sie psychologisch fassbar sind. Was die Komik angeht, so liegt das Interesse hauptsächlich in ihrer Entwicklung. Das Kapitel, das die autobiographischen Elemente behandelt, untersucht in wie weit die Protagonisten Gemeinsamkeiten mit dem Autor aufweisen. In der Schlussfolgerung werden die wichtigsten Punkte nochmals zusammengefasst. Des weiteren soll bewertet werden, inwiefern man bei Molière überhaupt von einer Entwicklung sprechen kann.

2. THEMATIK DER STÜCKE

In Le Misanthrope beschreibt Molière die Gesellschaft mit all ihren Lastern. Er veranschaulicht einerseits Scheinheiligkeit und Schöngeisterei, andererseits aber auch die Folgen von übertriebenem Idealismus. Der Gegensatz dieser Charaktereigenschaften ist die Ursache dafür, dass sich die Personen auf die Nerven gehen; diese Tatsache ist gleichzeitig die Hauptquelle der Komik Molières. Für Komik sorgt auch der Protagonist Alceste, dessen Part von Molière selbst gespielt wurde. Für ihn stellt Aufrichtigkeit das höchste Gut der Gesellschaft dar. Er ist von diesem Gedanken so besessen, dass es für das Publikum belustigend wirkt. Außerdem ignoriert er bei der Formulierung seiner Prinzipien die Wirklichkeit und muss feststellen, dass seine Lebensauffassung nicht mit dem menschlichen Verhalten zu vereinen ist. Was bleibt, ist der Rückzug aus der Gesellschaft in die Isolation, ein Leben in Einsamkeit.

In Le Malade imaginaire wird die Ärzteschaft der damaligen Zeit verurteilt. Parallel dazu wird die Autoritätsgläubigkeit als Befehls-Gehorsamsbeziehung zwischen Arzt und Patient thematisiert. Argan, die Hauptperson, vertraut beispielsweise blind den Verordnungen seines Apothekers und Arztes. Darüber hinaus übt Molière Kritik an der Sorbonne, der Universität von Paris, die sich vor allem Neuen verschloss und sich ausschließlich auf veraltete Weisheiten berief. Diese Tatsache kommt deutlich zum Ausdruck, als sich Thomas Diafoirus seinem zukünftigen Schwiegervater und seiner zukünftigen Frau vorstellt. Diese Szene ist, wie noch einige andere, so überspitzt dargestellt, dass sie die Zuschauer zum Lachen bringt.

3. ENTSTEHUNGSGESCHICHTE

Die Erstaufführung von Le Misanthrope fand am 4. Juni 1666 statt. Das Stück ist ein Spiegel “der unmittelbaren sozialen Wirklichkeit Molières.“[1] Dieser kritische Inhalt hatte zur Folge, dass es der König nie am Hof aufführen ließ. Der Menschenfeind zählt aus demselben Grund auch zu Moliéres bittersten, hoffnungslosesten, geradezu swiftisch-satirischen Komödien, ohne happy-end.[2] Das tragische Ende und die Tatsache, dass es während der Aufführung nie zu einem befreiten Lachen, sondern vielmehr zu einem zurückhaltenden Lächeln kommt, entfachte die Diskussion über das Genre des Stücks - Komödie oder

Tragödie? Letztendlich entschied man für die Komödie; dass Molière selbst den Alceste spielte und für sich eigentlich grundsätzlich die komischen Figuren aussuchte, trug zweifellos zu dieser Entscheidung bei.

Der kritische Inhalt war zweifellos auch ein Grund für das erst sehr zurückhaltende Interesse der Öffentlichkeit für das Stück. Auf das anfängliche Misstrauen folgte schließlich doch ein verstärktes Interesse und mit 63 Aufführungen kann man es zu den erfolgreichen Werken Molières zählen.

Molières letztes Stück, Le Malade imaginaire wurde am 10.02.1673 uraufgeführt. Obwohl das Stück für die jüngsten Siege des Königs in Holland geschrieben ist, wurde es ebenso nie am Hof gespielt. Das lag dieses Mal auch daran, dass sich Moliére mit Lully, einem engen Freund des Königs, gestritten hatte. Für die Musik- und Balletteinlagen engagierte er deshalb Marc-Antoine Charpentier.

Beide Stücke sind Ballettkomödien, bzw. Komödien, die Wort, Musik und Tanz verbinden. Auffallend ist die Zunahme dieser Elemente von den ersten Werken Molières bis zum Ende seines Schaffens. Sein Wunsch ist es, “d’enrichir sa comédie de tous les ornements de la musique et de la danse, d’en transformer l’apparence comme il en a transformé l’esprit."[3] Er misst folglich den visuellen und auditiven Mitteln des Ausdrucks, sowie den Sinneswahrnehmungen eine immer stärkere Bedeutung bei. Seine Inszenierungen werden schließlich zum "spectacle pur."[4]

4. DIE PERSONEN

4.1 DIE PERSONENKONSTELLATION

In beiden Komödien ist das Milieu bürgerlich begrenzt und der Konflikt auf einen familiären Rahmen zugespitzt. Die Figuren haben “keine Berufe, nur eine Klassenzugehörigkeit. Sie zirkulieren in der Pariser Gesellschaft oder bei Hof, beschäftigen sich mit der Verwaltung ihres Besitzes oder mit der Schöngeisterei.“[5]

Die Personen Molières können eingeteilt werden in “gens bénéfiques“ und “gens maléfiques,“[6] wobei die g ens maléfiques lügen und zur Intrige greifen, die gens b énéfiques hingegen die Wahrheit sagen und für das Gute kämpfen. Das jeu bénéfiqu e ist von der Commedia dell'Arte beeinflusst.

Gemäß dieser Einteilung kommt man zu folgender Personenkonstellation:

Gens maléfiques Gens bénéfiques

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Le Malade imaginaire

M. Fleurant et M. Purgon Toinette et Béralde

M. et Thomas Diafoirus Argan

Béline et M. Bonnefoy Angélique et Cléante

Einige Figuren können nicht eindeutig den gens bénéfiques oder maléfiques zugeteilt werden, weshalb sie im Übergangsbereich der Farben blau und rot stehen. Die Pfeile zeigen an, wer wen zu beeinflussen versucht, bzw. wer über wen Befehlsgewalt besitzt oder auch nur, wer mit wem in Beziehung steht.

4.2 DIE GEMEINSAMKEITEN

Auffallend sind die zentralen Positionen Argans und Alcastes. Sie sind Hauptperson und stehen mit allen anderen Charakteren in Kontakt. Beide leben in einer imaginären Welt. Argan lebt in der Welt seiner Krankheit, die Medizin hat für ihn fast eine göttliche Stellung. In Alcestes imaginärer Welt hingegen sagen alle Menschen die Wahrheit, Heuchlerei und Scheinheiligkeit existieren nicht.

4.3 Le Misanthrope

Alceste fordert “pleine franchise,“[7] sein Wunsch ist es, dass alle Menschen ihre Individualität ausleben können. Genau deshalb steht er selbst vor Gericht, denn er konnte sich nicht zurückhalten, seine ehrliche Meinung über das Sonett von Oronte preiszugeben.

Der Gegenspieler Alcestes, Philinte, versucht mit seiner anpassungsfähigen, realistisch räsonnierenden, weltmännischen[8] Art, den Streit Oronte und Alceste zu schlichten – ohne Erfolg. Zwar verachtet auch er die heuchlerische Art der Menschen, versucht jedoch nicht wie Alceste gegen sie anzukämpfen. Seiner Meinung nach ist Alcestes Lebensauffassung nicht mit der Realität vereinbar, da sie viel zu idealistisch ist:

La parfaite raison fuit toute extrémité,

Et veut que l’on soit sage avec sobriété.

Cette grande roideur des vertus des vieux âges

Heurte trop notre siècle et les communs usages;

Elle veut aux mortels trop de perfection.[9]

Außerdem glaubt er nicht daran, die Menschen verbessern zu können:

[...] et c’est une folie à nulle autre seconde

De vouloir se mêler de corriger le monde. […]

Je prends tout doucement les hommes comme ils sont

J’accoutume mon âme à souffrir ce qu’ils font;[10]

In gewissem Sinne sind Philinte und seine weibliche Entsprechung Eliante, wie die gens maléfiques, Scheinheilige, die beim Gesellschaftsspiel mitmachen, obwohl sie es verachten; allerdings verletzen sie im Unterschied zu den gens maléfiques damit nicht andere Menschen, sondern ermöglichen lediglich ein harmonisches Zusammenleben. Ebenso verhält es sich mit Toinette. Auch sie benutzt die Intrige, indem sie sich als Arzt verkleidet. Diese Intrige ist jedoch nur ein Mittel zur Selbstverteidigung, bzw. für einen guten Zweck gedacht. Man könnte es auch als eine gutwillige Verstellung bezeichnen.

Célimène hingegen, die in ihrem Verhalten vieles mit Arsinoe gemein hat, ignoriert die Folgen, die sie mit ihrer bösen Zunge anrichtet. Sie ist Schauspielerin, Klatschbase, charmante Kokette und einschmeichelnde Gesellschaftsdame zugleich. Ihre Verhaltensweisen sind extrem an die Gesellschaft angepasst. Mit diesen Charaktereigenschaften bildet sie den perfekten Gegenpol zu Alceste, der absurderweise in sie verliebt ist.

Die beiden Marquis, Acaste und Clitandre dienen lediglich als Konkurrenz, denn auch sie haben es auf Célimène abgesehen. Ihre heuchlerische und scheinheilige Art zeigt die “grimace,“[11] d. h. wie sehr sich die Menschen verstellen können, dass sie alle Masken tragen.

4.4 Le Malade imaginaire

Argan spielt eine doppelte Rolle, er ist “Befehlsempfänger und Befehlszentrale zugleich.“[12] Das heißt er befolgt stillschweigend die Anordnungen seines Arztes und Apothekers, genauso wie die Ratschläge Bélines und Bonnefoys in Sachen Testament, und bestimmt andererseits über das Schicksal Angéliques, indem er ihr vorschreibt, wen sie zu heiraten hat.

Vater und Sohn Diafoirus sind lediglich ein Mittel zum Zweck, durch die Heirat von Angélique und Thomas Diafoirus soll ein Arzt für die Probleme Argans in der Familie präsent sein.

[...]


[1] Jürgen Grimm: Molière. Stuttgart 1984, S. 114.

2Sinngemäß nach Gertrud Mander: Molière. Hannover 1973, S. 77.

[3] Gérard Defaux: Molière ou les métamorphoses du comique: de la comédie morale au triomphe de la folie. Lexington 1980, S. 248.

[4] Ibid, S. 249.

[5] Gertrud Mander: Molière. Hannover 1973, S. 82.

[6] Chris Rauseo: Moeurs et Maximes: personnification, représentation et moralisation théâtrales, du «Gran teatro del mundo» au «Malade imaginaire ». Heidelberg 1998, S. 291.

[7] Grimm 1984, S. 115.

[8] Mander 1973, S. 78.

[9] Jean Baptiste Molière: Le Misanthrope. Der Menschenfeind. Französisch/ Deutsch. Stuttgart 1993, S. 20.

[10] Ibid., S. 20.

[11] Mander 1973, S. 84.

12Ibid., S. 132

Details

Seiten
26
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638101943
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v261
Institution / Hochschule
Universität Stuttgart – Institut für Romanistik/ Literaturwissenschaft
Note
2,3
Schlagworte
Moliere Entwicklung Le malade imaginaire Le Misanthrope Komik Psyche

Autor

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