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Soziale Arbeit ohne Arbeit?

Bedingungsloses Grundeinkommen und Soziale Arbeit

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Hinführung
1. Hinführung
1.1. Sozialstaat
1.2. Arbeit

2. Bedingungsloses Grundeinkommen
2.1. Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens
2.2. Historische Wurzeln des Bedingungslosen Grundeinkommens
2.3. Werners Modell des Bedingungslosen Grundeinkommens
2.4. Kritik des Bedingungslosen Grundeinkommens

3. Bedingungsloses Grundeinkommen und Soziale Arbeit
3.1. Bedenken
3.2. Neue Perspektiven

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Internetquellverzeichnis

Anhang

1. Steigende Sozialkosten

2. Handlungstheorien in der Sozialen Arbeit
2.1. Das Case Management
2.2. Die Systemische Sozialarbeit
2.3. Der Empowerment-Ansatz

0. Einleitung

„Ich halte von einem Grundeinkommen ohne Gegenleistung eigentlich gar nichts.“[1]

(ein Sozialamtsleiter)

Die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens[2] wird kontrovers diskutiert. Befürworter und Kritiker stehen sich unversöhnlich gegenüber. Gerade in der Sozialen Arbeit Tätige scheinen eher negativ zum Grundeinkommen eingestellt zu sein. Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, warum dies so ist und welche möglichen Impulse das Modell im Zusammenhang mit der Sozialen Arbeit geben könnte.

Um die möglichen Auswirkungen des Bedingungslosen Grundeinkommens besser einordnen zu können, werden zunächst die in diesem Zusammenhang wichtigen Begriffe Sozialstaat und Arbeit näher erläutert. Anschließend erfolgt die Vorstellung der Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens, nach einem kurzen historischen Überblick, wird das Modell von Werner exemplarisch für andere Modelle vorgestellt, um daran anschließend auf Argumente für oder gegen die Idee einzugehen.

Abschließend wird das Bedingungslose Grundeinkommen in Zusammenhang mit der Sozialen Arbeit betrachtet. Dabei wird auf mögliche Bedenken gegen und mögliche neue Perspektiven für das Bedingungslose Grundeinkommen verwiesen.

1. Hinführung

1.1. Sozialstaat

Deutschland ist ein Sozialstaat. Das Sozialstaatsprinzip ist eine der Grundlagen der deutschen Verfassung, dem Grundgesetz. Dort heißt es im Artikel 20 „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“[3] Artikel 28 des Grundgesetzes bestimmt weiter: „Die verfassungsmäßige Ordnung in den Ländern muss den Grundsätzen des republikanischen, demokratischen und sozialen Rechtsstaates im Sinne dieses Grundgesetzes entsprechen.“[4] Somit ist das Prinzip der Sozialstaatlichkeit als Staatsziel verankert[5] und verpflichtet sowohl den Gesetzgeber (Legislative), als auch die Rechtsprechung (Judikative) und die ausführende Gewalt (Exekutive) nach sozialen Gesichtspunkten zu handeln und die Rechtsordnung dementsprechend zu gestalten. Daraus folgt, dass der Staat dazu verpflichtet ist, für soziale Sicherheit und Gerechtigkeit zu sorgen. Die konkrete Bedeutung von sozialer Gerechtigkeit bzw. deren Ausgestaltung sind jedoch je nach politischer Umsetzung (z.B. konservativ, neoliberal, sozialdemokratisch) umstritten und liegen teilweise weit auseinander.[6]

Hinzukommt, dass der Sozialstaat unter den sich wandelnden ökonomischen Rahmenbedingungen immer stärker kritisiert wird bis hin zu der Feststellung er wäre „den heutigen, gesellschaftlichen Verhältnissen nicht mehr angemessen“.[7]

Nach Thimm lassen sich drei Dimensionen der Krise des Sozialstaates unterscheiden[8]. Neben der ökonomischen („Der Sozialstaat ist zu teuer“) und der soziokulturellen Dimension (Demographie, Individualisierung versus Solidarität), steht die politische Dimension. Auf diese soll nachfolgend[9] näher eingegangen werden, da sie in der vorliegenden Betrachtung in der Diskussion um das BGE und eventuelle Auswirkungen auf die Soziale Arbeit besondere Bedeutung erlangt.

Bei der politischen Krise des Sozialstaates geht es um die politische Steuerungsfähigkeit und um die Frage der grundsätzlichen Berechtigung staatlicher Interventionen, also vorrangig um die Diskussion von Effizienz und Legitimität.

Bei der Entwicklung des modernen Sozialstaates[10] wurden Soziale Leistungen immer weiter professionalisiert. Die Funktionsweise des Sozialstaates hing zunehmend vom Wissensstand und dem Zusammenwirken der Fach- und Sachkundigen ab. Insbesondere nach dem zweiten Weltkrieg weitete sich die Überzeugung aus, der Staat könne die gesellschaftliche Entwicklung gestalten und planen. Ab den 1960er Jahren wurde Sozialpolitik weiter gefasst, neben der allgemeinen Absicherung gegen Lebensrisiken wurde nun auch der Zugang zu Bildung oder zur Infrastruktur miteinbezogen. Die stetige Ausweitung der sozialpolitischen Handlungsfelder war mit einem stetigen Anstieg an Kosten verbunden, dazu gehören auch die sog. Transaktionskosten. Diese beschreiben jegliche Kosten einer Transaktion[11]. Durch den Kostenanstieg verengten sich die wirtschafts-, finanz- und steuerpolitischen Handlungsspielräume und somit auch die staatlichen Leistungskapazitäten. Auch die Reform zur Grundsicherung für Arbeitsuchende nach dem SGB II (ugs: „Hartz IV“) hat in diesem Zusammenhang nicht die gewünschte Wirkung erzielt (s. Anhang). Von Interesse ist in diesem Zusammenhang die Äußerung Goehlers in einem Interview die Leistungen nach „Hartz IV“ seien ein „hochbedingtes Einkommen“ [12] Abschließend bleibt damit nur festzustellen, dass die Effizienz des Sozialstaates in der heutigen Ausprägung nicht gegebenen ist.

Eine weitere relevante Fragestellung zielt auf die staatliche Kompetenz intervenierenden Handelns, also auf die Legitimation des Sozialstaats generell. In den 1960er Jahren brachten die Menschen dem Staat ein sehr großes Vertrauen in seine Handlungsfähigkeit entgegen. Unter den sich wandelnden ökonomischen Bedingungen wurde dann ab den 1970 Jahren über einen Rückbau des Sozialstaates diskutiert, Reformen erfolgten aber nur in Ansätzen. So ist z.B. der Kern des deutschen Sozialstaates, das System der Sozialversicherungen bis heute nie angetastet wurden. Sozialwissenschaftler nennen dies Pfadabhängigkeit. Darunter ist zu verstehen, dass ein einmal eingeschlagener Pfad (hier: Art und Ausgestaltung sozialpolitischer Maßnahmen) nicht verlassen wird, auch wenn sich kostengünstigere oder effizientere Alternativen aufzeigten.[13]

Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit und damit die Kompetenz sozialstaatlichen Handelns, also die Legitimation des deutschen Sozialstaates, ist damit ebenso wie dessen Effizienz infrage gestellt.

1.2. Arbeit

Bei der etymologischen Annäherung[14] an den Begriff Arbeit fällt eine Zweiteilung auf. Einerseits wird Arbeit (labour, travail, lavoro, labor) als Last, Mühe, Qual, Geburtswehen, Sicherung des Lebensunterhaltes und Quantität verstanden, andererseits klingt die Bedeutung von Arbeit als Werk, Leistung, Schöpfungsergebnis, Frucht, Qualität (Werk, work, oevre, opera, obra) an.

Zunächst impliziert der Begriff Arbeit die Bedeutung von Lohn- bzw. Erwerbsarbeit. Arbeit ist in diesem Sinne eine Tätigkeit die entlohnt bzw. für die ein Gehalt gezahlt wird. Diese Betrachtungsweise ist historisch auf die Menschheitsgeschichte gesehen noch jung. Über Jahrmillionen wurde nur für die eigene Versorgung gearbeitet bzw. Ware, die durch eigene Arbeit entstanden ist, mit anderen getauscht. Erst während der Industrialisierung im 18. und 19. Jahrhundert, wo erstmals eine Monetarisierung[15] von Arbeit stattfand [16], wuchs die Bedeutung der Lohnarbeit. Sie wurde für immer breitere Bevölkerungsschichten zur wichtigsten Beschäftigungsform. Gleichzeitig ist festzustellen, dass gegenwärtig durch die im 20. Jahrhundert fortschreitende Rationalisierung und jetzt zu Beginn des 21. Jahrhunderts die „meiste Arbeit jedoch verschwand, indem Arbeitsplätze komplett verloren gingen. Umgekehrt war Wachstum fast immer „jobless growth“ – eine Zunahme der Wirtschaftsleistungen, ohne dass neue Arbeitsplätze entstanden wären.“[17] Erwerbsarbeit in den wohlhabenden Staaten der Welt wird knapp. Der Unternehmer Werner (Drogeriekette dm) konstatiert: „Wir müssen diese neue Wirklichkeit akzeptieren: Die Zeiten der Vollbeschäftigung sind endgültig vorbei. Vollbeschäftigung ist ein Mythos (...)“ [18] Zum Nachdenken Anlass gibt in diesem Zusammenhang auch Werners folgende Aussage: „Wachsender Wohlstand mit immer weniger Arbeit – das sind doch in Wahrheit paradiesische Zustände! [Jedoch die] letzte Nachwirkung des Sündenfalls ist der Irrglaube, Einkommen könne nur aus Erwerbsarbeit stammen. Dabei bestünde die Erlösung in der Erkenntnis, dass unsere Wirtschaft heute einen Entwicklungsstand erreicht hat, der die Trennung von Arbeit und Einkommen denkbar und möglich macht“[19]

Eine zweite Bedeutungsebene, wie sie schon in der etymologischen Betrachtung anklingt, ist Arbeit verstanden als Tätigkeit. Dies umfasst wiederum mehrere Bedeutungsebenen. So sind zum Beispiel alle Tätigkeiten die zur Lebensgrundlage gehören (Kindererziehung, Hausarbeit), aber auch die der Selbstentfaltung dienende Tätigkeiten (Muße, künstlerische Tätigkeiten) oder auch freiwillige Arbeit mit oder ohne Anspruch zur Selbstverwirklichung hier zu nennen. Nach Füllsack könnte demnach Arbeit als Tätigkeit definiert werden, die zwar nicht entlohnt werden muss, „die aber immerhin entlohnt werden könnte [Hervorhebung im Original],...“[20] Da diese Definition noch nicht alle Aspekte des Arbeitsbegriffs einschließt, erweitert er diese um den Aspekt der sogenannten Intentionalität [21]. Als Arbeit würden dann all jene Tätigkeiten bezeichnet werden, die in der Intention unternommen werden, Güter oder Dienste für sich oder andere zu schaffen.

Dem Aspekt der theoretischen Entlohnung und der Intentionalität fügt Füllsack schließlich noch einen weiteren hinzu, dem der Problemlösung. Nach Füllsack kann die menschliche Arbeit als der Versuch betrachtet werden, Probleme zu lösen: „Sowohl jene Aktivitäten, die ganz simpel der Erhaltung unserer Art und unserer Gattung, unserer Reproduktion also dienen, wie auch die, die dann in der Gesellschaft entlohnt werden, oder die, die zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktivität unternommen werden, sowie die, die der Erziehung, Ausbildung, oder der Pflege von Mitmenschen oder auch der Klärung gesellschaftstheoretischer Fragen dienen, können unter dieser Vorstellung erfasst werden.“[22]

[...]


[1] Opielka; Müller; Bendixen; Kreft 2009, S. 125

[2] Die Idee des Grundeinkommens ist unter vielen Namen bekannt, zum Beispiel unter „Grundeinkommen“, „garantiertes Grundeinkommen“, „Bürgergeld“ (nicht „Liberales Bürgergeld“) oder bedingungsloses Grundeinkommen. In dieser Arbeit wird der Begriff Bedingungsloses Grundeinkommen als Eigenname verwendet.

[3] Grundgesetz Artikel 20 Absatz 1

[4] Grundgesetz Artikel 28 Absatz 1 Satz 1

[5] vgl. Thimm 2010, S. 21

[6] ebd.

[7] Metzler 2003, S. 7

[8] vgl. Thimm 2010, S. 25

[9] vgl. ebd., S. 33ff

[10] Gemeint ist die Entwicklung der „alten“ Bundesrepublik bis heute im vereinten Deutschland.

[11] Nach Thimm 2010 gehören dazu: Such-, Informationsbeschaffungs-, Anbahnungs-, Vereinbarungs-, Kontroll-, Durchführungs-, Such-, Informations-, Zurechnungs-, Verhandlungs-, Entscheidungs-, Vereinbarungs-, Abwicklungs-, Absicherungs-, Durchsetzungs-, Kontroll-, Anpassungs- und Beendigungskosten

[12] Goehler im ZDF Nachtstudio: 1000 Euro für jeden - Zukunftsmodell Grundeinkommen? (http://www.youtube.com/watch?v=j-QZ-6nc-cY [17min37s], Abruf: 20.04.2013)

[13] vgl. Metzler 2003, S. 222

[14] vgl. Erikson 2008, S. 7

[15] Arbeit wird einem Geldwert (Lohn) zugemessen.

[16] vgl. Erikson 2008. S.9

[17] Werner 2007, S. 25

[18] Werner 2007 zit. in: Erikson 2008, S. 11

[19] Werner 2007, S. 26

[20] Füllsack, 2002, S. 14

[21] vgl. ebd.

[22] ebd., S. 15

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656511410
ISBN (Buch)
9783656510710
Dateigröße
795 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262188
Institution / Hochschule
CVJM-Kolleg Kassel
Note
1,0
Schlagworte
soziale arbeit bedingungsloses grundeinkommen

Autor

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Titel: Soziale Arbeit ohne Arbeit?