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Bestattung und Totenkult der Beamten des Alten Reiches in Giza

Wissenschaftlicher Aufsatz 2010 8 Seiten

Ägyptologie

Leseprobe

Vorwort

Bei meinen Kemet-Artikeln handelt es sich um Texte, in denen ich versuche auf wenigen Seiten viele Informationen zu liefern. Der inhaltliche Rahmen ergibt sich aus dem Titel-Thema der jeweiligen Kemet-Ausgabe. Alle Artikel in den Kemet-Magazinen sind bebildert; die Fotos ergänzen die Texte.

Mir war bei jedem einzelnen Artikel wichtig, nicht lediglich schon bekannte und überall nachzulesende Informationen zusammenzustellen und nachzuerzählen. Ich betrachte alle Themen aus einer über den Tellerrand der Ägyptologie hinausgehenden Perspektive und stelle oftmals Thesen in den Raum, die eine Diskussion anstoßen sollen. Es handelt sich dabei aber immer um begründete und nicht aus der Luft gegriffenen Überlegungen.

Für viele meiner Artikel bilden ethnologische, soziologische oder religionswissenschaftliche Ansätze den Rahmen, um alternative Sichtweisen zu ermöglichen. Dabei gehe ich durchaus – aus ägyptologischer Sicht – etwas provokativ an ein Thema heran. Aber immer nur mit dem Ziel, neue oder unbekanntere Aspekte darzustellen.

Um altbekannter Kritik von vornherein entgegenzutreten: Grundsätzlich ist ein über räumliche und zeitliche Grenzen hinwegreichender Kulturvergleich ebenso statthaft wie ein sich ausschließlich an die Originalquellen haltender Versuch, Erkenntnisse über die altägyptische Kultur zu gewinnen. Das Argument, es handle sich bei dem einen um eine anachronistische und bei dem anderen um die einzig akzeptable Vorgehensweise, greift nicht. Denn schließlich findet auch das sprachwissenschaftlich fundierte Interpretieren einer altägyptischen Originalquelle alles andere als zeitnah zu ihrer Entstehung statt. Und eine Quelle aus der ägyptischen Spätzeit ist immerhin auch schon zweitausend Jahre jünger als etwa eine aus der Pyramidenzeit, so dass die Interpretationsergebnisse der jüngeren Quelle als anachronistisch bewertet und zum Verständnis der älteren nicht herangezogen werden dürften, wollte man dieser Argumentation folgen.

Nicht nur der Kulturvergleich, sondern gerade auch der interdisziplinäre Ansatz erweitert unseren Verstehenshorizont. Dann finden sich Antworten auf Fragen, die sich aus ägyptologischer Sicht nie stellen würden und werfen Licht auf unbeachtete oder unbekannte kulturelle Phänomene. Auch scheinbar wissenschaftlich längst bearbeitete Bereiche müssen immer wieder auf den Prüfstand; allein, weil jedem Wissenschaftler und jeder Wissenschaftlerin eine subjektive Sichtweise zueigen ist und jeder Versuch, Subjektivität aus der Arbeit auszuschließen und reine Objektivität walten zu lassen, niemals gelingen kann.

Letztendlich kann es immer nur darum gehen, ein weiteres kleines Fenster zum Verständnis der altägyptischen Kultur aufzustoßen.

Bestattung und Totenkult der Beamten
des Alten Reiches in Giza

Einleitung

Bei den Inhabern und Inhaberinnen der Beamtengräber der Königsnekropole von Giza handelte es sich um die herrschende Elite des Alten Reiches. Die Verstorbenen waren die Repräsentanten der obersten gesellschaftlichen Ränge. Bis zum Ende der 4. Dynastie waren es Mitglieder der königlichen Familie, später vor allem nichtkönigliche Beamte, die im Auftrag des Königs das Land verwalteten. Viele hatten aufgrund ihrer beruflichen Pflichten die größte Nähe zum König, wie etwa Frisöre oder Handpfleger, was alleine schon ihre hohe soziale Stellung rechtfertigte. Die Gräber und der Totenkult der Beamten waren nicht zu vergleichen mit denen der Menschen der unteren sozialen Schichten. Für die Sicherung ihres jenseitigen Lebens wurde ein ungleich höherer Aufwand betrieben. Und da sie eine Erziehung und Ausbildung am Königshof und in den königlichen Institutionen genossen hatten, waren auch ihre Jenseitsvorstellungen elitärer Natur und ausgesprochen materiell ausgerichtet. Die „Idealkonzepte der Elitekultur“ hatten „den wohlhabenden Mann und Familienvater im Blick, der nach einem erfüllten Leben im Dienst des Staates starb“.[1]

Die Beamtengräber des Alten Reiches in Giza

Die Beamtengräber in Giza waren zumeist Mastabas, gegen Ende des Alten Reiches wurden aber vermehrt Felsgräber angelegt. Die Grabbesitzer waren vor allem Männer, aber es gab auch Frauen, die Inhaberinnen eigener Gräber waren. Während unter Cheops die Mitglieder der königlichen Familie östlich seiner Pyramide auf dem sog. Ostfriedhof bestattet wurden, befanden sich die Mastabas der Beamten auf dem Westfriedhof. Die unterirdischen Anlagen der Gräber waren für die sichere Aufbewahrung des Leichnams bestimmt, die oberirdischen für den Totenkult, der ab der 5. Dynastie immer individueller und monumentaler gestaltet wurde.

Bis zum Ende der 4. Dynastie wurden die bedeutendsten Positionen im Staat von den männlichen Mitgliedern der königlichen Familie besetzt,[2] insofern sagte zu dieser Zeit die Größe eines Grabes etwas über den Verwandtschaftsgrad des Verstorbenen zum König und damit auch über seinen gesellschaftlichen Rang aus. So ist etwa die Mastaba des Hem-iunu (G 4000), auf dem Westfriedhof errichtet, eine der größten in Giza überhaupt. Hem-iunu war ein Enkel Snofrus und Wesir unter Cheops und somit der zweite Mann im Staat; und er war einer der maßgeblichen Architekten der Cheops-Pyramide. Seine Statue befindet sich heute in Hildesheim. Die größte Mastaba des Ostfriedhofs gehört Anch-haf (G 7510), wie Cheops ein Sohn Snofrus. Er war Wesir unter Chefren. Seine Büste befindet sich in Boston.

[...]


[1] Stephan Seidlmayer, Vom Sterben der kleinen Leute. Tod und Bestattung in der sozialen Grundschicht am Ende des Alten Reiches, in: Heike Guksch/Eva Hoffmann/Martin Bommas (Hg.), Grab und Totenkult im Alten Ägypten, FS Assmann, 2003, 73

[2] S. Aidan Dodson/Dyan Hilton, The Complete Royal Families of Ancient Egypt, 2004, 56ff

Details

Seiten
8
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783656505075
ISBN (Buch)
9783656505976
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262205
Note
Schlagworte
Ägyptologie Ägypten Giza Pyramiden Beamtengräber Altes Reich Jenseits Grab Architektur Religion Königtum

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