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Moderner Terrorismus: Herausforderung der internationalen Sicherheit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2000 21 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Frieden und Konflikte, Sicherheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Ethnisch-separatistisch motivierter Terrorismus in Konfliktregionen
a) Terroristische Wirkungsweise und Strategie
b) Zwei Bedingungen des ethnisch-nationalistischen Terrorismus: Bevölkerungsexplosion und Ordnungsimplosion

III. Religiös motivierter Terrorismus
a) Entgrenztheit und Kampfkraft des religiösen Terrorismus
b) Sponsorenstaaten

IV. Ergebnis

Literatur

I. Einleitung

Seit den späten sechziger Jahren stellt das Phänomen des Terrorismus ein Sicherheitsproblem von weltweiter Dimension dar. Die postkolonialen Befreiungsversuche, welche von terroristischen Vereinigungen beispielsweise in Israel, Zypern und Algerien initiiert wurden, haben dabei gezeigt, dass der Terrorismus als Instrument zur Durchsetzung politischen Wandels effizient sein kann.

Zu den wichtigsten Lehren, die diese Terrorismuskampagnen deutlich gemacht haben, zählt die Feststellung, dass es terroristischen Organisationen gelingen kann, durch Akte der Gewalt die internationale Aufmerksamkeit auf ihre jeweiligen Belange zu konzentrieren. Eines der augenfälligsten Beispiele stellt in diesem Zusammenhang die Geiselnahme und Ermordung von elf israelischen Sportlern durch acht Terroristen der Organisation Schwarzer September/PLO während der Münchner Olympiade 1972 dar. Die Weltöffentlichkeit nahm über die Medien teil und war von den blutigen Vorgängen geschockt.

Trotz der weltweit nahezu einmütigen Verurteilung der Gewalttat, ist seitdem aber klar, dass international operierende terroristische Vereinigungen gezielt Mittel und Methoden anwenden, um ein Höchstmass an Publizität für ihre Aktionen zu erreichen.

Die neueren Beschreibungen des Terrorismus reflektieren daher insbesondere die Publikumsbezogenheit des Phänomens, so etwa die Definition Bruce Hoffmanns:

„ Terrorismus ist

- unausweichlich politisch hinsichtlich seiner Ziele und Motive;
- gewalttätig;
- darauf ausgerichtet, weitreichende psychologische Auswirkungen zu haben, die über das jeweilige unmittelbare Opfer oder Ziel hinausreichen;
- von einer Organisation mit einer erkennbaren Kommandokette oder konspirativen Zellenstruktur durchgeführt;
- von substaatlichen oder nichtstaatlichen Gebilden begangen.“[1]

Auf die „weitreichenden psychologischen Auswirkungen“ terroristischer Gewaltakte macht auch Peter Waldmanns aufmerksam, demzufolge Terrorismus planmäßig vorbereitete, schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund [sind]. Sie sollen allgemeine Unsicherheit und Schrecken, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen“[2].

Die vorliegende Arbeit möchte einzelne Aspekte des modernen Terrorismus beleuchten. Dazu wird zunächst der Blick auf einen ethnisch-nationalistischen Terrorismus gerichtet, um die Wirkungsweisen terroristischer Gewalt und seine Strategie als politisches Handeln aufzuzeigen. Der beispielhafte Hinweis auf aktuelle Konfliktherde, in denen terroristische Anschläge und Übergriffe zu beobachten sind, kann dabei einzelne politisch-soziale Bedingungen isolieren, die der Entstehung des Terrorismus Vorschub leisten.

Im Zusammenhang mit dem religiös-fundamentalistischen Terrorismus steht dann die Diskussion der Entgrenzung der Gewalt. Schließlich stellt sich die Frage nach einem gesteigerten Gefahrenpotential für die internationale Sicherheit in der Verbindung von Terrorismus und staatlichen Sponsoren.

Einleitend sei Bill Clinton zitiert, dessen Rede als erster Hinweis auf die Bedrohung zu lesen ist, die der heutige Terrorismus für jede offene Gesellschaft darstellt:

„ Terrorism has a new face in the 1990s. Today terrorists take advantage of greater openness and the explosion of information and weapons technology. The new technology and their increasing availability, along with the increasing mobility of terrorists, raise chilling prospects of vulnerability to chemical, biological, and other kinds of attacks, bringing each of us into the category of possible victim. This is a thread to all human kind.”[3]

II. Ethnisch-separatistisch motivierter Terrorismus in Konfliktregionen

a) Terroristische Wirkungsweise und Strategie

Bis zum Ende des Kalten Krieges reichte die Bipolarität der waffenstarrenden Systemantagonisten UDSSR und USA auch in regionale Konflikte hinein. Solche Konflikte erreichten deshalb selten eine Dynamik, die eine Gesamtregion hätte erschüttern können. Die Logik des Kalten Krieges gebot den Supermächten die Errichtung von sicherheitspolitischen „Brandmauern“[4]. Regionalen Konfliktparteien stand also nur begrenzter Spielraum zur Verfügung, der von den Supermächten überwacht und notfalls weiter eingeschränkt wurde, bevor solche Konflikte den globalen Dualismus weiter anheizen konnten. Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Lagers werden solche gewaltsamen Konflikte - von Huntington als kulturelle Bruchlinienkriege bezeichnet - besser sichtbar und mit ihnen auch die einzelnen Konfliktkomponenten. Dabei gerät der terroristische Aspekt eines aus ethnischen oder nationalistischen Motiven geführten Kampfes ins Blickfeld.

Konflikte zwischen ethnischen Gemeinschaften entstehen, wenn eine oder mehrere Gruppen ihre spezifisch wirtschaftlichen Interessen, ihren sozialen Stellenwert, ihre relative politische oder kulturelle Eigenständigkeit, am Ende ihre Identität oder Existenz bedroht sehen.

Die Koexistenz ethnischer Gruppen wird aber in jenem Moment gefährlich brüchig, in dem es zu einzelnen gewaltsamen Angriffen und Auseinandersetzungen kommt. Fortgesetzte Gewaltakte steigern sich schlimmstenfalls zum Bürgerkrieg und zum offenen Völkermord. Wolfgang Sofsky beschreibt die Spirale der Gewalt, die zum Kampf führt:

„Der erste Anschlag provoziert den Gegenschlag, der erste Verletzte fordert Vergeltung, die Toten schreien nach Rache. [...] Gewalt, Rache, Wut und Hass rufen einander hervor, und diese emotionalen Wechselwirkungen verdichten sich mit der Intensität der Konfrontation“[5]

In ethnischen Konflikten setzen die ersten Anschläge also die latenten Gefühle der Beteiligten frei, sie katalysieren gegenseitige Furcht und Verachtung, bis die Menschen bereit sind, Gewalt zu tolerieren und zu rechtfertigen und am Ende selber auszuüben, während sie sich zugleich immer stärker mit ihrer Gemeinschaft solidarisieren und identifizieren.

Dieses Prozessmuster der Konfliktsteigerung nimmt seinen Ausgang häufig in den Figurationen terroristischer Gewalt. Das Massaker stellt ein besonders drastisches Beispiel einer terroristischen Gewaltfigur dar. Wenn etwa Angehörige einer bewaffneten Terrorgruppe ein Dorf überfallen und einige der Einwohner töten, weil jene eine fremde ethnische Identität haben, so hat das psychologische Auswirkungen für alle Bewohner der Region, die nun um das eigene Leben fürchten müssen.

Zivilisten sind vielfach die Opfer des Massakers, da die terroristischen Banden nicht zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten unterscheiden. Das Massaker ist „ein Exempel für die Macht der Revolte, des Aufstands, für die neue Freiheit“.[6]

Die Terroristen provozieren durch ihr Vorgehen also gezielte Reaktionen bei Freund, Feind und bei zunächst Gleichgültigen. In ethnischen Konflikten können terroristische Aktionen somit zur hochgradigen Polarisierung der auf engem Raum benachbarten Ethnien führen. Eine vorgängige gesellschaftliche Ordnung wird durch die desorientierenden Potentiale der Gewalt dabei erschüttert und brüchig werden.[7] Terrorismus innerhalb ethnisch-nationalistischer Konflikte kann die Feindschaft der Volksgruppen bis zum offenen Kampf steigern. Die Gegner bedienen sich dabei gleichermaßen der Mittel menschenverachtender Gewalt, sie verschleppen, massakrieren, foltern und vergewaltigen Angehörige der fremden Ethnie.

Anders als im Falle der Kriegsführung durch Guerilla-Verbände, deren Angriffe sich auf die unmittelbare Schwächung des politischen Gegners richten (z. B. bei Angriffen gegen Polizeistationen oder militärische Einrichtungen), verfolgt die terroristische Strategie weiterführende Absichten. Die zum Teil wahllose Tötung von Menschen ist dabei nur das Instrument zur Verbreitung eines gesellschaftlichen Klimas der Unsicherheit und des Schreckens.

Bei tödlichen Übergriffen zwischen den Angehörigen verschiedener Ethnien handelt es sich um generell politisch motivierte Gewalttaten. Die ideologische Rechfertigung für einen ethnisch-nationalistischen Terrorismus verschafft das Leitbild der Autonomie. Die Terroristen argumentieren also gewaltsam für vermehrte Autonomie oder die Schaffung eines eigenen Staates und berufen sich dabei auf die historisch gewachsene, einmalige Identität der eigenen ethnischen Gruppe.[8] Ethnisch-nationalistische Terroristen zielen mit ihren Aktionen auf die populäre Verstärkung dieses idealen Leitbildes ab. Ihre Gewalttaten sollen der Eigengruppe eine herrschende Unterdrückung und Fremdbestimmtheit mitteilen, die es zu überwinden gilt. Verbindendes Merkmal der Opfer - gleich welchen Geschlechts oder Alters - eines ethnisch motivierten Terrorismus ist einzig ihre jeweilige kulturelle Andersartigkeit aus Sicht der Terroristen. Jeder getötete Angehörige der fremden Volksgruppe ist zunächst einmal das Zeichen für einen Differenzierungsprozesses, der gewaltsam versucht, sich Geltung zuzuschreiben. Der Schockeffekt, den die mörderische Willkür dieser Gewalt hat, ist ein zentraler Bestandteil terroristischer Strategie und Logik, er dient schliesslich der Provokation des Gegners, den die Terroristen in einem offenen Kampf nicht besiegen können, da sie zu wenige sind.

[...]


[1] Bruce Hoffmann: Terrorismus, S. 55

[2] Peter Waldmann: Terrorismus, S. 10

[3] Eröffnungsrede vor den Vereinten Nationen am 21. 09. 1998

[4] vgl. Klaus Lange: Neue Formen des Terrorismus, S. 14

5 Wolfgang Sofsky: Traktat über die Gewalt, S. 142f.

[6] ebd., S. 177

[7] vgl. Herfried Münkler: Gewalt und Ordnung, S. 154

[8] vgl. Waldmann, S. 91

Details

Seiten
21
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638115841
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v2623
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Institut für Politikwissenschaften
Note
gut
Schlagworte
Moderner Terrorismus Herausforderung Sicherheit Hauptseminar Kriegsformen Gegenwart

Autor

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