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Zu Eugen Dollmanns "Dolmetscher der Diktatoren"

Über welchen Handlungsspielraum verfügte der Dolmetscher?

Hausarbeit 2013 19 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Berufsethik im Dolmetschbereich
2.1 AIIC Verhaltenskodex als Vergleichsmaßstab

3 Eugen Dollmann: Analyse seines Verhaltens und seiner Funktion als Dolmetscher
3.1 E. Dollmann: der Beginn seiner Laufbahn als Dolmetscher
3.2 E. Dollmann: seine Vorstellung vom Dolmetschen
3.2.1 Annehmlichkeiten des Dolmetscherberufs
3.2.2 Macht und Möglichkeiten seiner Stellung
3.2.3 Die Macht der Sprache, Schwächen und Fehler bei der Verdolmetschung
3.2.4 Der Dolmetscher als eigenmächtiger Akteur
3.3 E. Dollmann: mehr als nur ein Dolmetscher

4 Identitätsverlust eines Dolmetschers?

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Während der Verdolmetschung geht der Dolmetscher[1] über die Grenzen seiner Rolle hinaus und ihm ist bewusst, dass er „es in der Hand hat, die Kommunikation in die eine oder andere Richtung zu lenken.“ (Kolb 2005: 64) Stellen wir uns vor, dieser Satz wäre von einer Dozentin in einer Vorlesung zum Thema Dolmetschwissenschaft gesagt worden. Nehmen wir zudem an, sie würde ihren Studierenden damit erklären, worin die Arbeit eines Dolmetschers eigentlich besteht und dass genau dieses Über­schreiten der eigenen Kompetenzen ein Ideal sei, nach dem sie streben sollten. Geht man von der allgemeinen Lehrmeinung in diesem Bereich aus, würde man in der Dozentin eine Dilettantin sehen. Dennoch erscheint eine solche Ansicht als interes­sante Perspektive, denn es rückt ein Thema in den Vordergrund, über das sonst we­nig gesprochen wird.

Die vorliegende Arbeit widmet sich jedoch nicht der Didaktik im Fach Dolmetschwissenschaft. Eine solche Betrachtung würde an dieser Stelle zu weit füh­ren. Die folgenden Kapiteln sind vielmehr der Figur des Dolmetschers der Diktatoren gewidmet: Eugen Dollmann. Da er Italienisch und Deutsch sprach, versteht es sich von selbst, dass es um die zwei Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini geht. Ein solches Thema zu behandeln, lag nahe, da gerade Fragen wie z.B. „was bedeutet es eigentlich, für Diktatoren zu dolmetschen?“ oder „wie durfte sich ein Dolmetscher im Beisein von Hitler und Mussolini verhalten?“, „was durfte er dolmetschen?, was nicht?“ interessante Antworten zu Tage fördern könnten. Die Rolle Dollmanns als Dolmetscher der Diktatoren ist zentraler Gegenstand dieser Arbeit. Dabei wird insbe­sondere der Missbrauch der eigenen Funktion als Dolmetscher thematisiert, der weit über „die Funktion des Brückenbauers und Vermittlers [zweier Sprachen und Kultu­ren]“ (Feldweg 1996: 312) hinausgeht und dabei eigene Interessen verfolgt.

Der Schwerpunkt liegt hierbei auf dem Handlungsspielraum Dollmanns. Mit der vorliegenden Untersuchung wird versucht, eine Antwort auf die Frage nach dem Umfang dieses Handlungsspielraums zu geben. Dies soll anhand von Szenen aus Eugen Dollmanns autobiographischen Buch „Dolmetscher der Diktatoren“ darge­legt werden, in denen Dollmann seine Position als Dolmetscher für eigene Zwecke missbraucht und dadurch Macht über die eigentlich mächtigeren Diktatoren ausübt.

Zu Beginn der Arbeit wird das Thema Berufsethik im Dolmetschbereich thematisiert. Dafür wird der heutige Kodex der Berufsethik der AIIC angeführt, um einen Maßstab für die Bewertung von Dollmanns Verhalten bereitzustellen. Dieses zusammen mit seiner Funktion als Dolmetscher wird im zentralen Teil der Arbeit anhand von Ereignissen und Anekdoten aus Dollmanns Buch analysiert. Abschließend wird das Thema Identitätsverlust des Dolmetschers als eine mögliche Erklärung für das Verhalten Dollmanns und dessen Überschreitung der Grenzen des aus heutiger Sicht angemessenen Handlungsspielraums diskutiert.

Ziel der vorliegenden Arbeit ist außerdem, Licht in einen Aspekt des Dolmetschbereichs zu bringen, der bisher wenig erforscht ist: deviantes Verhalten von Dolmetschern, die ihre Position ausnutzen und eigenmächtig handeln. Gerade an solchen Beispielen können angehende Dolmetscher lernen, was es heißt, als Dolmet­scher für Diktatoren zu arbeiten, aber auch welche Fehler in diesem Beruf zu ver­meiden sind.

2 Berufsethik im Dolmetschen

Bevor die Rolle und das Verhalten Dollmanns in seiner Tätigkeit als Dolmetscher genauer analysiert werden können, soll hier zunächst ein Blick auf die Berufsethik im Dolmetschen geworfen werden. Hierzu werden die wichtigsten Aspekte der Be­rufsethik sowie die Verhaltensregeln hervorgehoben, die von Dolmetschern während, vor und nach der Arbeit eingehalten werden müssen und die heutzutage für eine gute Verdolmetschung unabdingbar sind.

Zu diesem Ziel wird der Kodex der Berufsethik der Association Internationale des Interprètes de Conférence (AIIC) herangezogen, an den alle Mitglieder des Verban­des gebunden sind. Die AIIC ist der erste Dolmetscherverband der Welt, der einen sol­chen Kodex niedergeschrieben hat. (Andres 2008: 400) Artikel 1.1 des Kodex lautet:

Diese Berufsethik (im Folgenden als „Kodex" bezeichnet) schreibt die Normen fest, die alle Mitglieder des Verbands bezüglich Integrität, Professionalität und Verschwiegenheit in ihrer Arbeit als Konferenzdolmetscher zu achten gehalten sind. (Berufsethik AIIC 2009)

Bereits an diesem ersten Artikel des Kodex, der eine gute Definition der Berufsethik liefert, ist das Schlüsselwort Normen enthalten. Diese sind Regeln, an die man sich halten und gegen die man nicht verstoßen sollte. Göhring z.B. erläutert, dass „Nor­men Anweisungsregeln mit Wertcharakter [sind], die ein Individuum als (werdendes) Mitglied einer Gesellschaft erlernt“ (zit. nach Vermeer, 1985: 477). Normen sind somit ein Grundstein jeder Gemeinschaft, deren Einhaltung das reibungslose Funktionieren derselben garantieren soll.

Werden diese Normen nicht eingehalten, droht Konferenzdolmetschern, die Mitglie­der der AIIC oder anderer Verbände, wie z.B. des Bundesverbandes der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ), sind, eine Strafe (AIIC 2009). Es sollte jedoch nicht verges­sen werden, dass es heutzutage immer noch keine mit der Anwalts- oder Ärztekam­mer vergleichbaren Dolmetschkammer gibt, die die Interessen der Kunden vor dem Fehlverhalten unabhängiger Dolmetscher schützt. (Feldweg 1996: 79-81)

Durch entsprechende Ausbildungen im Dolmetschbereich werden angehende Dol­metscher inzwischen für diese Thematik sensibilisiert und können so zum Teil zur Lösung dieses Problems beitragen. In der Vergangenheit war dies jedoch nicht der Fall. Zu Zeiten Dollmanns existierten keine offiziellen Ausbildungen für Dolmet­scher, sondern man wurde lediglich aufgrund der Kenntnisse in einer oder mehreren Fremdsprachen ausgewählt, um als Dolmetscher zu arbeiten.

2.1 AIIC Kodex der Berufsethik als Vergleichsmaßstab

Um einen Vergleichsmaßstab zu haben und besser zu verstehen, wie sich Dollmann mit seinem Verhalten von dem Berufskodex eines Dolmetschers entfernt, werden im Folgenden einige in diesem Zusammenhang wichtige Artikel des Kodex der Berufs­ethik der AIIC aufgeführt:

Artikel 2

1. Die Verbandsmitglieder sind anderen Personen gegenüber in Bezug auf Informationen al­ler Art, von denen sie während eines beruflichen Einsatzes im Rahmen nichtöffentlicher Veranstaltungen Kenntnis erhalten haben, an strengste Geheimhaltung gebunden.

2. Die Mitglieder nehmen Abstand davon, sich durch vertrauliche Informationen, die sie in Aus­übung ihrer Tätigkeit als Konferenzdolmetscher erhalten haben, einen persönlichen Vorteil zu verschaffen.

Artikel 3

1. Die Verbandsmitglieder nehmen keinen Auftrag an, für den sie nicht qualifiziert sind. Die Annahme eines Auftrags bedeutet für jedes Mitglied eine ethisch-moralische Verpflich­tung, mit der erforderlichen Professionalität zu arbeiten. […]

Artikel 4

1. Die Verbandsmitglieder nehmen keinen Auftrag oder Engagement an bzw. lehnen solche En­gagements ab, die der Würde des Berufsstands schaden könnten.

2. Sie nehmen von jeder Handlung Abstand, durch die der Ruf des Berufsstands Schaden neh­men würde. (Berufsethik AIIC 2009)

Die drei wichtigsten Aspekte der Arbeit eines Dolmetschers, die aus diesen Artikeln hervorgehen, sind: Unparteilichkeit, Qualifikation und Vertraulichkeit. Dazu kom­men noch zwei Aspekte, die im Artikel 3.1 implizit enthalten sind, denn Vollständig­keit und Genauigkeit spielen für die Professionalität des Dolmetschers eine bedeu­tende Rolle. Solche Berufskodizes liefern Anhaltspunkte für das korrekte Verhalten eines Dolmetschers, „sie befreien [aber] nicht von der Pflicht, in Eigenverantwortung zu handeln“ (Andres 2008: 402).

Der Kodex der Berufsethik der AIIC gilt natürlich in erster Linie für Konferenzdol­metscher. Für andere Dolmetscharten wie Verhandlungsdolmetschen und Community Interpreting gibt es noch immer keine einheitlichen Verhaltensregelungen (Andres 2008: 402). Dennoch lassen sich weite Teile des Kodex der AIIC auch auf andere Dolmetscharten übertragen und sollten für alle Dolmetscher allgemeingültig sein. Sie bieten sich deshalb als Maßstab für das Verhalten Dollmanns an, das im Folgenden analysiert werden soll.

[...]


[1] Die männliche Form ist hier und im Folgenden inkludierend zu verstehen.

Details

Seiten
19
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656513681
ISBN (Buch)
9783656512844
DOI
10.3239/9783656513681
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Erscheinungsdatum
2013 (Oktober)
Note
1,3
Schlagworte
eugen dollmanns dolmetscher diktatoren über handlungsspielraum

Autor

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