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Auswirkungen des Rätsels in Roberto Bolaños Werk "Llamadas telefónicas" auf den Leser

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 18 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1) Einleitung

2) Definition „Rätsel“ und „Mysterium“

3) Rätsel und Mysterium in Llamadas telefónicas
3.1) Enrique Martín
3.2) Una aventura literaria
3.3) Compañeros de celda

4) Auswirkungen auf den Leser

5) Fazit

6) Bibliographie

1) Einleitung

Roberto Bolaño wird als außergewöhnlicher Autor, der ein vielfältiges Talent besitzt, beschrieben (vgl. Echevarría 54). Im Laufe seines Lebens hat er zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem das 1997 erschienene Buch Llamadas telefónicas, das Gegenstand dieser Arbeit sein wird. Das Buch besteht aus vierzehn Kurzgeschich- ten, die in drei Abschnitte Llamadas telefónicas, Detectives und Vida de Anne Moore gegliedert sind.

In Relatos de supervivientes schreibt Echevarría, dass jede Geschichte dieses Buches „[...] no hace más que plantear un enigma que la más minuciosa reconstrucción de los hechos no contribuiría a despejar” (ebd.: 54). Im Rahmen dieser Hausarbeit soll nun nicht der Wahrheitsgehalt dieser Aussage überprüft werden, interessant scheint vielmehr welche Auswirkungen ein solches Rätsel auf den Leser hat. Aus diesem Grund soll dies, im Rahmen dieser Hausarbeit unter der Fragestellung: „Welche Auswirkungen hat das Rätsel in Roberto Bolaños Werk Llamadas telefónicas auf den Leser“ behandelt werden.

Rätsel sind schon seit Jahrhunderten Bestandteil der Literatur und somit auch die Beschäftigung mit ihnen. So kommen sie beispielsweise bereits in Werken von Aris- toteles, Cicero und Donatus vor (vgl. Cook 2006: 31). In Werken von Plutarch, Porphyny und Strabo kommt es erstmals zu einer „[...] identification of myth as enig- ma[...] “ (ebd.: 30).

Im Folgenden sollen daher zunächst die Begriffe Rätsel und Mysterium definiert werden, um anschließend drei der vierzehn Geschichten aus Llamadas telefónicas zu analysieren. Für diese Analyse wurden zwei Geschichten aus dem ersten Abschnitt Llamadas telefónicas, Enrique Martín und Una aventura literaria und Compañeros de celda aus dem dritten Abschnitt Vida de Anne Moore ausgewählt, da diese in besonderem Maße geeignet schienen. Um abschließend herausstellen zu können welche Auswirkungen das Rätsel auf den Leser hat, soll während der Analyse ein besonderes Augenmerk auf die Konstruktion dieses gelegt werden.

2) Definition: „Rätsel“ und „Mysterium“

Um im Folgenden die Rolle des Rätsels und des Mysteriums in Bolaños Werk Llamadas telefónicas analysieren zu können, muss zunächst die Bedeutung dieser Begriffe genauer betrachtet werden.

Laut der Real Academia Española ist ein Rätsel ein „dicho o cosa que no se alcanza a comprender, o que difícilmente puede entenderse o interpretarse”(Real Academia Española 2009: 917). Das Mysterium hingegen wird als “cosa arcana o muy recóndita, que no se puede comprender o explicar”(ebd.: 1515) definiert. Zudem klingt im Zusammenhang mit der Definition des Mysteriums häufig auch eine religiöse Bedeutung an (vgl. ebd.: 1515).

Schlägt man die Bedeutung dieser beiden Begriffe im Duden nach, findet man ähnliche Aussagen. Das Rätsel wird als „Sache oder Person, die jemandem unbegreiflich ist, hinter deren Geheimnis er [vergeblich] zu kommen sucht“ (Scholze-Stubenrecht et. al. 2010: 1357) definiert. Das Mysterium ist laut dem Duden etwas „Geheimnisvolles, mit dem Verstand nicht ergründbares Geschehen, [ein] unergründliches Geheimnis, besonders religiöser Art“ (ebd.: 1180).

Beide Nachschlagewerke klassifizieren das Rätsel, ebenso wie das Mysterium als etwas, dessen Bedeutung nicht offensichtlich ist. Doch während es beim Rätsel die Möglichkeit zu Lösung gibt, wird diese in Bezug auf das Mysterium negiert. Der fun- damentale Unterschied zwischen Rätsel und Mysterium liegt also in der Möglichkeit zur Entschlüsselung des sich stellenden Geheimnisses, wobei an dieser Stelle be- achtet werden muss, dass es bei einem Rätsel die Möglichkeit auf eine Lösung gibt, diese jedoch nicht zwingend ist. Ein weiterer Aspekt, der das Mysterium von dem Rätsel unterscheidet, ist der oft irrationale, unerklärliche Charakter, der dem Mysteri- um zugeschrieben wird. Weiterhin wird in beiden Definitionen des Mysteriums auf die vornehmlich religiöse Bedeutung hingewiesen. Diese erscheint in Bezug auf diese Arbeit jedoch unerheblich und soll daher nicht näher betrachtet werden.

In der Literatur unterscheidet man drei Arten des Rätsels: unlösbare Rätsel, Rätsel- fragen, die ausschließlich von einem Eingeweihten gelöst werden können und lösba- re Rätsel, für dessen Lösung allerdings die Kombination von allgemein zugänglichen Sachwissen vorausgesetzt wird (vgl. Schweikle 1990: 374). Aristoteles klassifizierte das Rätsel seinerzeit als eine Art Metapher (vgl. Cook 2006: 38). Mit der Renais- sance änderte sich jedoch das Verständnis von Rätseln (vgl. ebd.:50). Heute „[the] enigma is variously defined[...], but it is not defined as a figure of speech“(ebd.: 31).

Die in Metzlers-Literatur-Lexikon zu findende Beschreibung des Rätsels als eine ver- hüllende Umschreibung, die sich verschiedener rhetorischer Mittel bedient, erscheint daher passend (vgl. Schweikle1990: 374). Auch die Konstruktion des Mysteriums bedient sich zahlreicher rhetorischer Mittel, wie beispielsweise Ellipsen, wobei mystische Äußerungen oft auf der Schwelle zwischen fiktionaler und nicht-fiktionaler Literatur stehen (vgl. ebd.: 316).

3) Rätsel und Mysterium in Llamadas telefónicas

3.1) Enrique Martín

Die dritte Geschichte des Abschnittes Llamadas telefónicas, Enrique Martín lässt sich in eine autobiographische und eine fiktionale Geschichte unterteilen. Diese sind laut Piglia ineinander verwoben und während die eine Geschichte an der Oberfläche erzählt wird, handelt es sich bei der zweiten um eine, sich zwischen den Zeilen befindende, geheime Geschichte (vgl. Andrews 2005: 33). Der Dichter Enrique Martín weist laut Decante Araya eine subtile Beziehung mit einem real existierenden Autor auf. Zu beachten ist jedoch, dass eine Beziehung zwischen Enrique Martín und Enrique Vila-Matas, dem die Erzählung gewidmet ist, irreführend ist und oft fälschlicher Weise angenommen wird (vgl. Decante Araya 2005: 131).

“El tema de la desaparición [...] se sublima y viene construir otra forma de relacionar autores ficcionales y autores reales [...]” (ebd.: 132), was dazu führt, dass die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt (vgl. ebd.: 132). Das Verschwimmen dieser Grenze wurde bereits in Kapitel zwei im Zusammenhang mit mystischen Äußerungen erwähnt. Dieser mystische Charakter des in Enrique Martín etablierten Rätsels wird auch an den übernatürlichen Phänomenen wie Außerirdischen und UFOs deutlich (vgl. Bolaño 1997: 42/48).

Ferner scheint die Geschichte in zwei Teile gegliedert zu sein. Martínez spricht in seinem Artikel El cuento como sistema lógico von eben diesem Phänomen. Aus der bereits erwähnten These Piglias leitet Martínez die Idee „[...] de una lógica única que se desdobla en dos en el transcurso del cuento“ (Martínez 1998: o.S.) ab. Dies scheint sich nun in der Geschichte Enrique Martín widerzuspiegeln. Der Bruch mit der ersten etablierten Logik erfolgt mit dem ersten rätselhaften Brief den Arturo Belano von Enrique Martín erhält (vgl. Bolaño 1997: 44). Vorher ist Enrique Martín ein schlechter Dichter, der trotz allem nicht von der Dichtung ablassen kann. Bei ei- nem Abendessen erzählt er Arturo Belano dann, er schreibe keine Gedichte mehr und bei einem Weiteren berichtet er, er würde nun bei einer Zeitschrift namens Preguntas & Respuestas mitwirken (vgl. ebd.: 42). Ob er der Dichtung tatsächlich abgeschworen hat, ist jedoch fragwürdig, da sich in der Mappe, die er Arturo Belano später zur Aufbewahrung überlässt Gedichte befinden (vgl. ebd.: 51). Sicher ist jedoch, dass bis zu diesem Abendessen, worauf eine erneute Phase ohne Kontakt zwischen Arturo Belano und Enrique Martín folgt, keine rätselhaften Ereignisse vorkommen. Doch auch wenn der angebliche Bruch mit der Dichtung und die Mitwirkung bei der Zeitschrift Preguntas & Respuestas zum ersten Abschnitt, der einer allgemeingültigen Logik folgt, zählen, spielt dies eine signifikante Rolle für den zweiten Abschnitt, in dem die Geschichte dieser Logik nicht mehr zu folgen scheint, worauf an späterer Stelle noch genauer eingegangen werden soll.

Bereits der siebte Satz der Geschichte kündigt dem Leser den Verlauf der Geschich- te an. „El primer enunciado es cierto, pero conduce a la ruina, a la locura, a la muerte“ (ebd.: 37). Diese Enumeration nennt die verschiedenen Stadien, die das Le- ben von Enrique Martín durchläuft. Trotz des durch Entschlossenheit charakterisier- ten Strebens ein guter Dichter zu werden (vgl. ebd.: 38), sieht Enrique Martín sich gezwungen der Dichtung zu entsagen, was wohl mit ruina gemeint ist. Dann setzt der zweite Abschnitt der Geschichte ein. Das Verhalten Enrique Martíns ändert sich. Als er eines Abends Arturo Belano aufsucht, um ihm ein Paket zur Aufbewahrung zu überlassen, wirkt er nervös (vgl. ebd.: 46) und wie Arturo Belano rückblickend fest- stellen muss, fühlte er sich wohl auch von jemandem oder etwas verfolgt (vgl. ebd.: 50). Auch die Briefe, die er Arturo Belano schickt, wirken rätselhaft und teilweise auch verrückt. Der rätselhafte Höhepunkt dieser Briefe findet sich dann in dem letz- ten Brief, den Arturo Belano erhält.

„El resto de la carta era confuso. Hablaba de un escritor francés cuyo nombre no me sonaba de nada que afirmaba que los extraterrestres éramos todos, es decir todos los seres vivientes del planeta Tierra [...]. Esta parte era ininteligible. Mencionaba a la policía de la mente, hacía conjeturas acerca de túneles dimensionales [...]. La carta terminaba con una frase enigmática: todos los que saben se salvan” (ebd.: 48).

Diese konfus ausgedrückten, realitätsfernen Mitteilungen verdeutlichen den mentalen Zustand Enrique Martíns. Es scheint als befinde er sich in der Schwebe zwischen Fiktion und Realität und kann diese nun nicht mehr unterscheiden, was dem Zustand der locura entspricht.

Der letzte Punkt „[...] a la muerte“ (ebd. 37) erfüllt sich mit dem Selbstmord Enrique Martins (vgl. ebd.: 48f). Dieser wird zudem von Bolaño durch einen Vergleich Enrique Martíns mit schlechten Banditen aus Spielfilmen angedeutet: „[...] aquellos que caen como moscas bajo las balas del héroe y que sin embargo perseveran de forma suicida en su empeño” (ebd.: 38). Der Leser erhält somit bereits am Anfang der Ge- schichte Hinweise auf ihren Verlauf, die ihn allerdings nicht befähigen das Rätsel, das sich ihm stellt, zu lösen.

Um herauszustellen warum der Leser trotz den Hinweisen nicht dazu in der Lage ist das etablierte Rätsel zu lösen, soll an dieser Stelle die Stilistik Bolaños genauer be- trachtet werden. Eines der elementaren rhetorischen Mittel dieser Geschichte sind die eingesetzten Elipsen. „Las informaciones faltantes, retraceadas o elididas [funcionan] como motor de buena parte de estas ficciones [...]” (Decante Araya 2005: 124). Die entscheidene Elipse ist wohl die Phase ohne Kontakt zwischen Arturo Belano und Enrique Martín, die nach dem letzten gemeinsamen Abendessen ein- setzt. Dem Leser fehlen so Informationen über das Leben Enrique Martíns, die mög- licherweise die Veränderung seines Verhaltens erklären könnten. Man könnte sogar sagen, dass „[...] tal misterio se alimenta gracias a [estas] elipsis [...]” (ebd.: 124). Doch auch vage Aussagen, wie „[...] vaya uno a saber por que oscuros motivos [...]” (Bolaño 1997: 40) oder „[...] por razones que no quise averiguar [...]” (ebd.: 41) ver- weigern dem Leser einen fundierten Einblick in das Geschehen.

Neben diesen fehlenden Informationen, die es dem Leser unmöglich machen das etablierte Rätsel zu lösen, spielt auch die Verlässlichkeit des Erzählers eine wichtige Rolle. Durch den häufigen Gebrauch von Ausdrücken wie „Creo que[...] “ (ebd.: 45) und von Verben, die Unsicherheit ausdrücken, wie „[...] parecían[...] “ (ebd.: 41) und „[...] imaginé[...] “ (ebd.: 44) wirkt dieser homodiegetische Erzähler unzuverlässig, sodass der Leser seinen Aussagen nicht ohne Zweifel gegenüberstehen kann. Weiterhin auffällig sind die korrigierenden und auch explizierenden Klammern. „[...] En dirección contraria a la montaña (decidí finalmente que debía ser una montaña)” (ebd.: 44) oder „[...] fotografiaron los números (659983 + 779511 - 336922, cosas de ese tipo, incomprensibles)” (ebd.: 48f). Diese sind laut Decante Araya eines der Mit- tel, die Bolaño dazu befähigen eine absurde Realität zu kreieren (vgl. Decante Araya 2005: 134).

[...]

Details

Seiten
18
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656511229
ISBN (Buch)
9783656510697
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262419
Institution / Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Schlagworte
Roberto Bolanp Llamadas telefonicas Rätsel Auswirkungen auf Leser

Autor

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