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Neustrelitz: Die Stadt. Das Schloss. Und ihre Beziehung zueinander

Hausarbeit 2013 49 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Die historische Entwicklung des Schlosses und Entstehung der Stadt

3. Über den Neustrelitzer Stadtgrundriss.
3.1 Entwicklungsgrundlagen und Ausführung.
3.2 Weitere Beispiele mit vergleichbaren Stadtgrundrissen.
3.3 Vergleich der beschriebenen Stadtformen mit Neustrelitz.

4. Über die Verbindung von Stadt und Schloss.
4.1. Die Axialität im Bezug auf die Lage des Schlosses.
4.2. Die Verbindung von Schloss und Stadt

5. Resümee.

Bibliographie.

Abbildungen.

Abbildungsverzeichnis.

Anhang.

“In der barocken Vorstellung einer idealen Stadt

oder eines Schlosses herrschen strenge, weit

ausgreifende Prinzipien, die auf unterschiedliche

Beobachtungen vergangener Epochen zurückgreifen.

Nicht zuletzt aus dem Militärwesen werden die Erfahrungen

von Schusslinien der Geschütze als gestalterische Form

einer (Sicht-)Achse in die Architektur übernommen. [...]

Als Herzog Adolf Friedrich III. sich anschickt, nach dem

verheerenden Brand im alten Strelitzer Schloss das

Jagdhaus Glieneke zum Residenzschloss auszubauen, wächst

eine etwas kuriose und eigentlich verdrehte Situation heran.“ [1]

1.Einleitung

In der Nacht vom 29. zum 30. April 1945 stand das Schloss Neustrelitz so lichterloh in Brand, dass das Feuer im Umkreis mehrerer Kilometer sichtbar gewesen sein soll.[2] Zwar war das Löschen wohl aussichtslos, doch sind sich Fachleute heute auch einig, dass der Zustand des Schlosses nicht irreparabel gewesen wäre.[3] Nach dem Brand wurde die Ruine dann den Quellen nach von Deutschen und Russen beiderseits geplündert. Ausgelagerte Sammlungsbestände des Schlossmuseums, wurden in alle Winde zerstreut und die Ausstellungsstücke, die den Brand im Keller überlebt hatten und in die Städtischen Werke verbracht wurden, verschwanden und konnten bis heute nicht aufgefunden werden.[4] Der endgültige Todesstoß für die Ruine [Abb. 1] kam dann im Oktober 1949, als man die Sprengung der Reste beschloss, um die Steine bei dem Bau der neuen Poliklinik in Neustrelitz zu nutzen. Immherin drei Sprengungen am 24. Oktober 1949, 1. November und 7. Februar 1950, brauchte es noch, um das gerade erst kurz nach der Jahrhundertwende erweiterte und mit dem charakteristischen Turm versehene alte herzogliche Schloss letztlich zu Fall zu bringen.

Bereits kurz nach der Entstehung des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz, in der Nacht vom 24. zum 25. Oktober 1712, raubte ein Feuer „dem wahrlich nicht reichsten deutschen Kleinfürsten seine Residenz“ [5] in Strelitz. Infolge dieses früheren Brandes aber wurde das vormalige Jagdschloss in Glieneke bei Strelitz ausgebaut, ein Garten angelegt und die Beamten und Schlossbediensteten um das neue herzogliche Schloss angesiedelt und Neustrelitz entstand.

In dem folgenden Text wird es kurz um die historische Entwicklung von Schloss und Stadt gehen. Der Schwerpunkt liegt dann aber auf der Untersuchung des charakteritschen Stadtgrundrisses, welcher auch heute das selbstgewählte Logo [Abb. 2] der Stadt Neustrelitz ist und somit für die Identität der Stadt, vor allem in Zeiten, wo es sein Schloss bereits eingebüßt hat, eine wichtige Rolle spielt. Dabei sollen historisch frühere Stadtgrundrisse anderer Städte mit einer ähnlichen Form und gedankliche Grundlagen der Idealstadt zur vergleichenden Betrachtung herangezogen werden. Der zweite Schwerpunkt wird die Verbindung zwischen Stadt und Schloss sein. Die Problematik der beiden axial ausgerichteten Anlagen, die aber zueinander für eine Residenzstadt sehr ungewöhnlich liegen, soll hier beleuchtet werden.

2.Die historische Entwicklung des Schlosses und Entstehung der Stadt

Nachdem Herzog Gustav Adolf von Mecklenburg-Güstrow 1695 verstarb, ohne Söhne zu hinterlassen, kam es zu Auseinadersetzungen zwischen dem Herzog von Mecklenburg-Schwerin, Friedrich Wilhelm und Adolf Friedrich II.[6], einem Schwiegersohn von Gustav Adolf. Beide erhoben Anspruch auf die Herrschaft über das Gebiet und verstrickten sich in jahrelange Intrigen am kaiserlichen Hof und im niedersächsischen Kreis. Nach längerem Hin und Her wurde in Hamburg eine Kommission eingesetzt, die 1701 den „Hamburger Vergleich“ erarbeitete und die dritte Mecklenburgische Landesteilung zur Folge hatte, die auch bis zum Ende der Monarchie im Jahr 1918 bestand. Demnach erhielt Adolf Friedrich II. zwar nicht Güstrow, welches Mecklenburg-Schwerin zufiel, aber immerhin noch den Kreis Stargard und das Fürstentum Ratzeburg, welche von da an das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz bildeten [Abb. 3]. Wenn Mecklenburg-Strelitz territorial auch nur rund fünfzehn Prozent des Landes Mecklenburg darstellte[7], wurde Adolf Friedrich II. doch als selbstständiger Reichsfürst anerkannt. [8]

Mit der Entstehung des Landes Mecklenburg-Strelitz wurde die Stadt Strelitz zur Residenz und der Herzog ließ sich in der alten Wasserburg nieder. Im Jahr 1710[9] ließ Adolf Friedrich III. im nahen Glieneke ein „fürstliches Haus“ [10] errichten, welches in einer Landschaft, die von Seen, Hügeln, Wald, geriner Bevölkerungsdichte aber viel (Reh-)Wild geprägt war, bald zu einem quadratischen Jagdschloss mit Mansarddach ausgebaut wurde.[11] Als 1712 das alte Gebäude in Strelitz einem Brand zum Opfer fiel, wollte man zunächst an der gleichen Stelle einen neuen Bau erreichten. Da aber die Strelitzer Bürger ihre Hand- und Spanndienste verweigerten und zudem die „wenig angenehme Lage [...] am Rande einer großen sumpfigen Niederung, die zwar für eine Burg gute Sicherheit bot, aber für ein Residenzschloß, das des Schutzes der Lage entbehren konnte, nicht geeignet war“ [12] , entschloss man sich 1726 das Jagdschloss in Glieneke auszubauen[13], nachdem bereits 1721 in der Nähe der Tiergarten angelegt worden war. Die Planung für Schloss, Garten und dann auch die Stadt oblag Christoph Julius Löwe, einem hochfürstlichen Kunstgärtner aus Braunschweig. Das neue Schloss war 1731 bezugsfertig. Die Dreiflügelanlage war in wesentlichen Teilen als Fachwerkbau aufgeführt und zu diesem Zeitpunkt zweigeschossig mit einem Mansarddach. Der Schlossgarten wurde zeitgleich von Löwe angelegt und erstreckte sich zunächst auf einem eher kleinen Areal (ca. 1248 mal 892 Fuß)[14] auf der abfallenden Ebene hin zum Zierker See. Dem Schloss sind drei zum See hin absteigende Terassen vorgelagert, die den Geländeabfall verdeutlichen und die erhöhte Position des Schlosses verstärken. In der Mittelachse wurde eine sich stark zum See hin verjüngende Lindenallee angelegt, die jeweils rechts und links von Rasenparterres flankiert wurde. Der Figurenschmuck, der sich heute sowohl in der Mittelachse als auch im Rest des Parkes befindet, stammt zum Großteil aus dem 19. Jahrhundert. Nachdem sich der Herzog nun in Glieneke niedergelassen hatte, erwuchs der Wunsch, dass sich auch die Bedienten und Beamten beim Schloss ansiedeln sollten. Wenn sich auch bereits vorher nachweislich Bewohner niedergelassen hatten, so gilt der Erlass Adolf Friedrichs III. vom 20. Mai 1733, der die „Gründungspriviligen“ enthielt, von da an offiziell als das Gründungsdatum der Stadt.[15] Angelegt wurde die Stadt als Stern, dessen Zentrum der rechteckige Marktplatz darstellt und von dem acht Strahlen, exakt nach den Himmelsrichtungen verlaufend, wegführen [Abb. 4 und 5]. Aus der Vogelperspektive aufgrund der großen Genauigkeit kaum zu erahnen, liegt der Martkplatz auf einem steilen Hang, wobei auch sechs der acht Strahlen direkt von dort aus in Senken führen. Trotz des schwierigen Geländes an diesem Ort hatte es aber wohl trotzdem keinen anderen Platz für ihn gegeben. [16] Bis 1787 waren alle auf dem Stadtplan gekennzeichneten Stellen bebaut, sodass das Wachstum der Stadt ab da an sogar von fürstlicher Seite gehemmt wurde[17], was aber später im 19. Jahrhundert wiederum zu Wohnungsnot führte, der durch das Aufstocken der Häuser Abhilfe geschaffen wurde.

Größere Umbauten erfuhren Schloss und Garten dann unter Adolf Friedrich IV., der neue Eindrücke von einer Frankreichreise mitbrachte. [18] So wurde das Schloss zu dieser Zeit verputzt und die Stadtseite nach Versailler Vorbild umgestaltet [Abb. 6]. Der Parkplan von 1791 zeigt dabei eine aufgelockert Bepflanzung, während auf einer Abbildung der Stadtseite des Schlosses Arkaden und Laubengänge zu sehen sind [Abb. 7].

Sehr umfangreiche Arbeiten wurden am Schloss unter dem kunstliebenden Großherzog Georg[19] vor allem durch den Schinkelschüler und späteren Hofbaumeister Friedrich Wilhelm Buttel (1796 bis 1869) im 19. Jahrhundert durchgeführt [Abb. 8]. Unter anderem bekam das Schloss hier einen sandsteinfarbenen Anstrich und einen neuen Balkon zum Schlossgarten hin. Durch die Umbauten im Inneren des Schlosses kam es auch zu einer Auslagerung der Schlosskapelle, die infolgedessen ab 1855 unter Buttel als gelber Backsteinbau östlich des Schlosses entstand [Abb. 9]. Auch die Pavillons vor dem Schloss wurden in der Zeit von 1824 bis 1834 mit einem zweiten Geschoss versehen und erhielten einen Mittelrisalit, in dessen zweiten Geschoss sich vier ionische Säule befinden, das erste Geschoss als Sockel nutzend und einen Dreiecksgiebel tragend [Abb. 10 und 11]. Auch der Schlosspark erhielt erst zur Zeit Großherzog Georgs seine heutige Ausdehnung, denn in den 1850er Jahren erhielt die bereits 1790 begonnene Umgestaltung der Schlosskoppel zum Englischen Landschaftspark[20] [Abb. 12] durch den Neustrelitzer Hofgärtner Hugo Stark vermutlich beeinflusst durch Peter Jospeh Lenné[21] westlich der barocken Parkanlage seine Gestalt. Unter Großherzog Friedrich Wilhelm wurde in diesem Teil des Gartens 1891 auf dem Kaninchenberg die „Gedächtnishalle für die Königin Luise“ [22] oder auch der „Luisentempel“[23] zum Gedenken an die 1810 gestorbene preußische Königin und Tochter des Neustrelitzer Herzogs Carl errichtet. Zudem fanden zur Zeit Friedrich Wilhelms wiederum Umbauten am stadtseitigen Schlossflügel statt, der dieses Mal durch Buttel und Friedrich August Stüler durch einen Eckpavillon vergrößert und um ein viertes Geschoss, das durch Hermen gegliedert[24] und mit einer Balustrade abgeschlossen war, erhöht wurde [Abb. 13]. Stilistisch war der Flügel nun von einer Mischung aus italienischer Renaissance und englischer Tudorgotik geprägt – wohl eine Anspielung auf die britische Herkunft von Friedrich Wilhelms Gattin.[25]

Letzte maßgebliche Erweiterungen, die das Schloss in seiner Größe nochmals verdoppelten[26], fanden am Schloss in den Jahren 1905 bis 1909 unter Großherzog Adolf Friedrich V. statt [Abb. 14]. Die Veränderungen am Schloss wurden nach Plänen von Albert Geyer (1946 bis 1938) durchgeführt und bestanden in dem kompletten Neubau des westlichen Teils des Schlosses in Form eines massiven Putzbaus im „Wilhelminischen Neobarock“ [27] , der in der Mitte einen rechteckigen Innenhof bildete. Der neue Bauteil nimmt die Formen des älteren, östlichen auf, wobei der charakteristische Turm nach dem Vorbild des Turmes am Charlottenburger Schloss von Johann Friedrich Eosander Freiherr von Göthe (1669 bis 1728) zusätzlich die Aufgabe hatte, zwischen beiden Bauteilen zu vermitteln und die unterschiedlichen Geschosshöhen im Inneren des Gebäudes zu überwinden.[28] Zwar sind danach keine weiteren größeren Bauarbeiten mehr am Schloss erfolgt, bekannt ist aber, dass Adolf Friedrich VI. „Pläne für eine historisch einwandfreie Wiederherstellung verschiedener Abschnitte im Charakter der Zeit um 1770“ [29] hatte. Überlegungen dieser Art konnten bedingt durch Krieg, Kriegsende 1918, Freitod Adolf Friedrichs VI. im selben Jahr und das Ende der Monarchie in ganz Deutschland nicht mehr umgesetzt werden.

Im Anschluss wurde das Schloss als Sitz des Landtages, Landesmuseums, der Landesbibliothek und als Hauptarchiv genutzt. 1934 zog in den Westteil des Schlosses eine SA-Führerschule ein und in den Kriegsjahren zudem ein Lazarett.

3.Über den Neustrelitzer Stadtgrundriss

3.1 Entwicklungsgrundlagen und Ausführung

Neustrelitz ist die erste und neben Ludwigslust, welches als Stadt 1763 entstand, eine von nur zwei Planstädten in Mecklenburg. Entworfen wurde der Stadtgrundriss von Christoph Julius Löwe aus Braunschweig, der auch für das Schloss und den Schlossgarten verantwortlich war und damit vorbildlich die von dem französischen Architekturtheoretiker Marc-Antoine Laugier 1753 postulierte Verwandtschaft von Park- und Stadtstrukturen des Barock erfahrbar macht: „Wer einen Park zu planen versteht, kann auch eine Stadt planen.“ [30] Betrachtet man die örtlichen Gegebenheiten der Stadt Neustrelitz, erkennt man die Notwendigkeit der „Gründungsprivilegien“, um einen Zuzug von Bürgern zu begünstigen. Anfang des Jahres 1732 sollen bereits nachweislich Bürger dort gelebt haben, die sich aber in der deutlichen Minderheit zu den Hofbediensteten befanden.[31] Neustrelitz befand sich „abseits aller Verkehrsstraßen“ [32] und noch 1772 klagt der Geheimratspräsident Dewitz: „In ganz Mecklenburg […] ist wohl keine Stadt, die bei ihrer Fundation so schlecht dotiert worden als unser Neustrelitz. Kein Ackerbau, keine Viehzucht, kein Wiesenwachs und kaum kümmerliche Weide. Alles lebt vom Hofe und Serenissimi Bedienten […]“ [33] Locken sollten neue Bürger die 1733 vom Herzog erlassenen Privilegien, laut denen der Bauplatz kostenlos vergeben wurde, eine zehnjährige Befreiung von der Grundsteuer gewährleistet, kostenloses Bauholz, Kalk und Ziegel zum reinen Lohnkostenpreis gestellt wurden und Zunftfreiheit gewährt werden sollte.[34] Die Bauherren konnten ihre Häuser dabei „nach eigener Gefälligkeit klein oder groß […], doch aber nur von einer Etage hoch und in gewissen Gassen mit Mansardendach“ errichten, „die aber dazu kein Belieben haben, können auch in anderen Gassen mit schlechtem Dach bauen und wer 2 Etagen hoch zu bauen Lust hat, dem kann ebenfalls am Markte damit gedient werden. En general aber müssen die Gebäude mit Ziegel gedecket und vorn im Holz gemauret (!) werden.“ [35] Nachdem ab 1787 alle Stellen nach dem ursprünglichen Stadtplan bebaut waren, wurde eine weitere Ausdehnung der Stadt zunächst vom Herzog beschränkt. Nachdem ab circa 1820 aber eine große Wohnungsnot herrschte, versuchte man dem Problem mit dem Aufstocken der Häuser Abhilfe zu schaffen.

Der ziemlich exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtete sternförmige Grundriss der Stadt, der in dem rechteckigen Markt sein Zentrum findet, ist von Beginn an das Ergebnis starker Reglementierung durch herzogliche Baubeamte.[36] Die Verwirklichung einer dergestalten idealen Stadtform, geradezu einer „Stadt als Gesamtkunstwerk“, kann nur in Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Strukturen des 18. Jahrhunderts und der Position des Herzogs, welcher die strengen Rahmenbedingen für die Ansiedlung und die Vergabe von Privilegien bestimmen konnte, gesehen werden.[37] Und so hatte die Neugründung der Stadt Neustrelitz vor allem den Vorteil, dass ein unbesetzter und urbanistisch unangetasteter Baugrund mit der Planung belegt werden konnte und frei nach einem idealen Muster, „nur“ auf die geographischen Probleme reagierend, entstehen konnte.

Formal sind die acht Straßen des Sternes, die vom Marktplatz aus in die Himmelsrichtungen wegführen, gleichrangig angelegt [Abb. 4 und 5]. Jedoch geben Martin Möhle und Michael Scheftel zu bedenken, dass es durch die Grundstückseinteilung zu Haupt- und Nebenachsen kommt, die mit der verkehrstechnischen Wertigkeit der Straßen korrespondieren. So ergäben sich die Hauptachsen aus den aus der Stadt herausführenden Straßen: Zierker, Glambecker und Strelitzer Straße[38] und die Nebenachsen aus den innerstädtischen Straßen Seestraße, Sassenstraße, Bruchstraße und Töpferstraße, die laut den beiden Autoren lediglich das Muster vervollständigen.[39] Zwar kann ihnen in diesem Fall grundsätzlich zugestimmt werden, eine Ergänzung verdient jedoch die Schlosstraße, welche hier auf keiner der beiden Seiten Erwähnung fand. Wenn auch nur eine innerstädtische Verbindung, so stellte sie doch die Beziehung zwischen Stadt und Schloss her und sollte dementsprechend nicht vernachlässigt werden. Die Beschreibung der Stadtanlage durch den Reisenden Thomas Nugent aus dem Jahr 1766 unterstützt diese Überlegung über die Schlossstraße: „This new town is laid out in a most regular manner, in the form of a star; the centre is a spacious marketplace; and from thence a number of streets branch out in straight lines: the chief one leads to the palace, and is called Palace-street; the next to the water-side, where a pleasant lake attracts the eye. The buildings in these two streets are elegant and commodious, and in some of the others there are handsome houses.” [40] Die geringe Bedeutung der genannten Nebenstraßen und die Unbeliebtheit bei neu Bauenden, zu denen bis zur Entstehung der Durchgangsstraße Neubrandenburg – Penzlin 1770 auch die Strelitzer Straße gehörte, spiegelt sich eindrucksvoll in den frühen Klagen der Bevölkerung wider, welche die Straßen als „nahrlos“ [41] bezeichneten. Diese Klage bezog sich im Jahr 1761 sogar dezidiert auf die Strelitzer Straße, welche dann aber zu einer Hauptachse anwachsen sollte, während die Schlossstraße bei Zuziehenden zu der Zeit bereits ähnlich beliebt war wie Zierker und Glambecker Straße, ebenso wie die Seestraße.[42]

Ob die sternförmige Anlage äußerlich noch hätte quadratisch oder oktogonal begrenzt werden sollen, kann nicht eindeutig gesagt werden [Abb. 5]. Die Straße An der Promenade mit ihrer rechtwinkligen Lage zur Schlossstraße und dem ebenfalls abgerundet rechtwinkligen Abknicken im Norden in die Semmelweissstraße hinein, die die Seestraße beendet und dann auf die Zierker Straße trifft, lässt zumindest diesen Gedanken aufkommen. Da die Semmelweissstraße jedoch abrupt an der Zierker Straße endet, die Straße An der Promenade im Süden diesbezüglich die Form nicht weiterführt und auch weder ältere noch neuere Literatur mehr als die genannten Vermutungen aufgreifen[43], kann keine Antwort gegeben werden.

3.2 Weitere Beispiele mit vergleichbaren Stadtgrundrissen

In Bezug auf die urbane Formgebung Neustrelitz‘ sollten die italienischen Idealstadtentwürfe des 16. Jahrhunderts nicht unerwähnt bleiben. Was eine Idealstadt auszeichnet, findet sich bei Georg Münter wie folgt beschrieben: „Die stadtbaugeschichtliche Forschung versteht unter dem Begriff Idealstadt eine vorgestellte Stadt, die in idealer Weise und gleichsam mathematisch-exakter, gesetzmäßiger Form die materiellen und ideellen Wünsche erfüllen soll, die eine bestimmte Zeit mit einer Anlage einer Stadt verbindet. Das schließt nicht aus, daß manche solcher Stadtideale auch realisiert wurden.“ [44] Dabei spielen sowohl die künstlerische Gestaltung als auch die Suche nach der besten Verteidigungsfront bedingt durch technische Faktoren die entscheidenden Rollen.[45] Erste Überlegungen zu einer zentral angelegten Stadt stammen wohl schon von Vitruv, der Gedanken dazu vor allem in dem dritten seiner zehn Bücher umfassenden „de architectura“ beschreibt, sich über das Aussehen dieser Stadt aber nur sehr vage äußerte. Ein zentraler Punkt seiner Überlegungen sind dabei acht Winde, nach denen das Straßensystem der Stadt angelegt werden solle, sodass sich keiner der Winde schädlich für die Stadt auswirken würde.[46] Da Vitruv keine Illustration zu dieser Stadt hinterließ, sehen die Umsetzungen, die von seinen Gedanken ausgehen, sehr unterschiedlich aus. Filarete (Antonio Averlino) setzte diese Gedanken im 15. Jahrhundert als einen achteckigen Stadtentwurf mit einem zentralen Platz um. Ähnliche Vorstellungen zur Anlage einer Zentralstadt und vermutlich angeregt durch Filarete[47] findet man wenig später bei Francesco di Giorgio Martini, dessen Zeichnungen Radialstädte zeigen, in deren Mitte ein zentraler Platz liegt, von dem aus Straßen strahlenförmig den Stadtraum erschließen. Im 16. Jahrhundert setzen sich dann zunehmend Fortifikations-Ingenieure mit dem Problem der Idealstadt auseinander, die nun stärker nach militärisch-technischen Gesichtspunkten hin entworfen wird. Georg Münter beschreibt diese Entwicklung und die Dominanz des Technischen über das Künstlerische, die zur Folge hatte, dass die „ideale Stadtanlage allmählich so unkünstlerisch wie nur irgend möglich“ [48] ausfiel als einen einsetzenden Verfall der Idealstadt in Italien. Aus dieser Zeit, zum Ende des 16. Jahrhunderts, findet sich auch ein Entwurf von Giovanni Belucci, der formal bereits große Ähnlichkeit mit dem späteren Entwurf von Neustrelitz zeigt. Er entwirft eine Festung, von deren zentral gelegenen, quadratischen Marktplatz ausgehend sich sternförmig acht Straßen entwickeln, von denen die vier diagonalen an den Ecken des äußeren Begrenzungsquadrats in Bastionen enden und die vier übrigen Straßen als Stadtzugänge auf die Seitenmittelpunkte des Quadrats treffen [Abb. 15].

Eine bauliche Umsetzung, die diesem Typus sehr ähnelt und sogar etwas früher entstand als der Entwurf Beluccis Ende des 16. Jahrhunderts, findet sich im heutig belgischen Mariembourg [Abb. 16 und 17]. Die Festungsstadt entstand im Zuge der französisch-niederländischen Kriege (1542 bis 1544) und wurde von dem italienischen Ingenieur Donato de Bono entworfen.[49] Der Grundriss von Mariembourg maß etwa 270 Meter mal 290 Meter und ist somit anscheinend nach außen hin nicht ganz genau quadratisch. Der rechteckige Marktplatz liegt zentral innerhalb der Anlage, die im Ganzen die Form eines auf der Ecke stehenden Rechtecks ausbildet. Vom Marktplatz gehen insgesamt acht Straßen ab, von denen die die Ecken verbindenden breiter und dominanter angelegt sind als die Straßen, welche vom zentralen Platz zu den Seitenmittelpunkten verlaufen. Die vier Ecken der Stadt sind so miteinander verbunden, dass sie nach außen hin ein Rechteck bilden und die Anlage auch optisch abschließen. Betrachtet man den Grundriss etwas genauer, fällt auf, dass die Straßenorientierung den Himmelsrichtungen nicht exakt entsprechen und ein wenig in östliche Richtung verschoben sind. Auch innerhalb des Rechtecks gibt es kleine Verschiebungen, denn die acht Straßen lassen sich nicht ohne Abweichungen zu einem idealen Sternsystem verbinden und sind, am Beispiel der nordwestlichen Diagonalstraße, auch nicht ganz gerade.

[...]


[1] Siehe Gust, Michael; Peters, Christian, Das Neustrelitzer Residenzschloss, Neustrelitz 1998, S. 35f.

[2] Siehe Gust; Peters 1998, S. 33.

[3] Ebd.

[4] Borth, Helmut, Zwischen Fürstenschloss und Zahrenhof. Unterwegs zu Guts- und Herrenhäusern im alten Mecklenburg-Strelitz, Friedland 2005, S. 161.

[5] Siehe Gust; Peters 1998, S. 4f.

[6] Die Lebens- und Regierungsdaten der Herzöge und Großherzöge sind der Übersicht wegen dem Anhang zu entnehmen.

[7] Siehe Kienitz, Gerlinde, Die Geschichte des Herzogtums Mecklenburg-Strelitz, in: Stadt Neustrelitz (Hrsg.), Die Schlosskirche in Neustrelitz. Geschichte Architektur Plastik, Friedland 2000, S. 7-13, hier S. 7.

[8] Siehe Endler, August, Aus Mecklenburgs Volkstum und Geschichte. Geschichte des Landes Mecklenburg-Strelitz (1733-1933), Hamburg 1935, S. 12.

[9] Siehe Endler, Carl August, Die Geschichte der Landeshauptstadt Neustrelitz (1733-1933), Neustrelitz 1995 (Reprint von 1933), S. 4; während Gust; Peters 1998, S. 4 das Jahr 1711 nennt.

[10] Siehe Gust; Peters 1998, S. 4.

[11] Ebd.

[12] Siehe Endler 1995, S. 4f.

[13] Michael Gust vermutet an dieser Stelle eher einen Neubau als Umbau. Er berichtet von einem erbärmlichen Zustand, zerstörtem Holz und vermutlich Schwamm, siehe Gust; Peters 1998, S. 6.

[14] 1 Fuß entspricht etwa 29cm, daraus ergeben sich die Maße 361,91 Meter mal 258,68 Meter, siehe Kienitz, Gerlinde; Jung, Horst-Günter, Schloßpark Neustrelitz, Waren (Müritz)/Neustrelitz (ohne Jahr), S. 6.

[15] Siehe Endler 1995, S. 8.

[16] Siehe Endler 1995, S. 12f.

[17] Siehe Endler 1995, S. 61.

[18] Gust; Peters 1998, S. 9.

[19] Siehe Endler 1995, S. 134. Seine Aktivitäten wurden im Nachhinein so hoch geschätzt, dass er im Jahr 1866 ein Standbild mittig auf dem Markt bekam, welches vom Bildhauer Albert Wolff ausgeführt wurde und sich heute auf dem Friedrich-Wilhelm-Buttel-Platz in unmittelbarer Nachbarschaft zur Schlosskirche befindet.

[20] Siehe Krüger, Georg, Kunst- und Geschichts-Denkmäler des Freistaates Mecklenburg-Strelitz, Bd. 1, Neubrandenburg 1921, S. 41.

[21] Wie weitreichend dieser Einfluss war, ist den Quellen nach nicht mit Sicherheit zu klären. Kienitz; Jung (o.J.), S. 8 und Kienitz 2000, S. 12. Matthias Barth beschränkt seine Position auf die eines Ratgebers, siehe Barth, Matthias, Mecklenburgische Residenzen. Landesfürstliche Repräsenationsarchitektur aus sieben Jahrhunderten, Leipzig 1995, S. 75.

[22] Siehe Krüger 1921, S. 45.

[23] Siehe Kienitz; Jung (o.J.), S. 20.

[24] Hermen dieser Art lassen sich heute noch an der Giebelseite des Marienpalais in Neustrelitz finden, siehe Borth 2005, S. 156.

[25] Ebd.

[26] Siehe Kienitz 2000, S. 13.

[27] Siehe Barth 1995, S. 76.

[28] Borth 2005, S. 156.

[29] Borth 2005, S. 158.

[30] Siehe Koch, Wilfried, Baustilkunde, München; Gütersloh292009, S. 405.

[31] Siehe Endler 1995, S. 8.

[32] Siehe Endler 1995, S. 12.

[33] Siehe Endler 1995, S. 64.

[34] Siehe Endler 1995, S. 9f.

[35] Ebd.

[36] Siehe Möhle, Martin; Scheftel, Michael, Neustrelitz. Eine barocke Planstadt in Mecklenburg, in: Arbeitskreis für Hausforschung (Hrsg.), Historischer Hausbau zwischen Oder und Elbe (Jahrbuch für Hausforschung), Bd. 49, Marburg 2002, S. 355-372, hier S. 355.

[37] Siehe Schröteler-von Brandt, Hildegard, Stadtbau- und Stadtplanungsgeschichte, Stuttgart 2008, S. 71.

[38] Die Strelitzer Straße ist jetzt eine Einkaufsstraße und verkehrsberuhigt und kann somit im Stadtkern zumindest für den Autoverkehr nicht mehr als verkehrstechnische Hauptachse bezeichnet werden.

[39] Siehe Möhle; Scheftel 2002, S. 364.

[40] Siehe Nugent, Thomas, Travels through Germany. With a particular Account of the Courts of Mecklenburg, Vol. 1, London 1768, S. 333.

[41] Siehe Endler 1995, S. 60.

[42] Siehe Endler 1995, S. 59.

[43] Siehe Möhle; Scheftel 2002, S. 363.

[44] Siehe Münter, Georg, Idealstädte. Ihre Geschichte vom 15. bis 17. Jahrhundert, Berlin 1957, S. 7.

[45] Siehe Münter 1957, S. 36.

[46] Siehe Münter 1957, S. 39.

[47] Siehe Münter 1957, S. 43.

[48] Siehe Münter 1957, S. 58.

[49] Siehe Roosens, Bernhard, Neue Festungsstädte in den alten Niederlanden zur Zeit Karls V. und Philips II. Mariembourg, Hesdinfert, Charlemont & Philippeville, in: Marten, Bettina; Reinisch, Ulrich; Korey, Michael (Hrsg.), Festungsbau. Geometrie – Technologie – Sublimierung, Berlin 2012, S. 134-146, hier S. 136.

Details

Seiten
49
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656515067
ISBN (Buch)
9783656514732
Dateigröße
13.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262539
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Kunst- und Bildgeschichte
Note
1,7
Schlagworte
neustrelitz stadt schloss beziehung

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Titel: Neustrelitz: Die Stadt. Das Schloss. Und ihre Beziehung zueinander