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Netzwerke zielorientiert steuern

Hausarbeit 2013 31 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Thesen

1. Einleitung

2. Grundgedanken
2.1. Netz
2.2. Werk
2.3. Akteure
2.4. Schwärme
2.5. Millionen Lichter

3. Subsidiarität

4. Grundkategorien
4.1. Ziele
4.2. Arbeitsgruppen
4.3. Leitung

5. Netzwerkarbeit in der Praxis
5.1. Jugendamt Vogtlandkreis
5.2. Katholisches Netzwerk Kinderschutz

6. Weiterführende Gedanken und Ausblick
6.1. Bereicherung durch Methoden der TZI
6.2. Fazit

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang
8.1. Liedtext: Millionen Lichter
8.2. Beispiel einer Strukturlandkarte
8.3. Beispiel einer Vereinbarung

0. Thesen

1. Wer Netzwerke bewusst installiert steuert die Gesellschaft auf dem Weg ihrer Veränderung in eine grobe Richtung und handelt so ziel orientiert mit offenem Ausgang.
2. Steuerung von Netzwerken ist schon durch ihre Benennung möglich, denn durch den Namen bekommt ein Netzwerk seine Ausrichtung und wird so in der Art seiner potentiellen Ergebnisse vorherbestimmt.
3. Durch Motivationsimpulse sind Netzwerke steuerbar.
4. Indem die Umstände eines Netzwerkes beeinflusst werden, werden kreative Handlungen und somit die Ergebnisse, die ein Netzwerk hervorbringt, in eine intendierte Richtung gesteuert.
5. Wer die Tagesordnung aufstellt, die Teilnehmenden einlädt, moderiert und Protokoll schreibt, übt im Netzwerk die steuernden Funktionen aus.
6. Netzwerke werden durch die Begrenzungen der teilnehmende Akteure sowohl unbewusst als auch aktiv gelenkt und sind durch begrenzende Absprachen steuerbar.
7. Die Eigenschaft von Netzwerken Phänomene wahrzunehmen, die das Wahrnehmungsvermögen der einzelnen Akteure übersteigen, kann zielgerichtet eingesetzt werden.
8. Netzwerke leben vom Austausch und transportieren auf vielschichtigen Kommunikationsebenen Informationen durch die Wirkungen an deren Knotenpunkten und darüber hinaus erzielt werden.

1. Einleitung

Hinter der Überschrift »Netzwerke unter der Frage nach ziel orientierter Steuerung« verbirgt sie die Frage: „Wie können Netzwerke auf ein bestimmtes Ziel hin eingesetzt werden?“ Dafür wird das Wort »Netzwerk« auseinander genommen um die Möglichkeiten zu benennen, die ein solches Etwas hat. Das entsprechende Kapitel gründet sich auf eigene Überlegungen.

Netzwerke gibt es in unterschiedlichen Formen. Unterschieden werden drei Gruppen: Erstens Primäre Netzwerke; die hat jeder Mensch zu den engsten Bezugspersonen. Primäre Netzwerke sind über lange Zeiträume stabil und sind einfach vorhanden – Freunde, Familie, … Dazu kommen zweitens die Sekundären Netzwerke. Diese zeichnen sich durch lose verbundene Personen aus, die gemeinsam Ressourcen teilen. Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit sind die Grundlagen um teil eines solchen Netzes zu sein. Zu diesen gibt es drittens die Tertiären Netzwerke.[1]

„(Vernetzung von öffentlichen/sozialwirtschaftlichen/zivilgesellschaftlichen Akteuren im Non-Profit-Sektor – z.B. Stadtteil, Marktnetzwerke): In ihnen werden überwiegend professionelle Ressourcen zur Bildung von Koalitionen und zur Koordination von Aktivitäten gebündelt. Tertiäre Netzwerke gewinnen die Bedeutung einer Infrastruktur, wenn sie stabil und als Kollektivgut permanent verfügbar sind.“[2]

Solche Tertiären Netzwerke beleuchtet die vorliegende Ausarbeitung im Zusammenhang des Studienmoduls »Theorieansätze der Sozialen Arbeit in der Erziehungs- und Familienhilfe« vorrangig. Auf Parallelen und Unterschiede in den drei Netzwerkformen wird nicht eingegangenen. Auch ist es nicht Thema dieser Arbeit die Zuordnungen zu schärfen oder gar eine vierte Form festzustellen. Dies könnte ein Ergebnis sein, wenn die Betrachtung der internbasierten Sozialen Netzwerke Thema wäre.

Um zu erfahren, wie ein Netzwerk ziel orientiert eingesetzt werden kann, ist die Frage nach dem Ziel, zu beantworten und es sind mögliche Steuerungsmechanismen zu betrachten sowie einige Aspekte dieser Mechanismen zu beleuchten. Jedes angerissene Thema kann gründlicher untersucht werden. Die getroffene Auswahl ist ein Angebot für meine Seminargruppe in die strategischen Gedanken rund um Netzwerkarbeit einzusteigen um diese in ihren alltäglichen Bezügen wahrnehmen zu können. Aus dieser Wahrnehmung heraus ist es möglich die eigene Position zu beschreiben und eigenverantwortlich den unterschiedlichen Erwartungen zu begegnen.

Mein eigener Erfahrungshorizont reicht in ein Netzwerk im Sozialraum hinein: Ich war im Auftrag eines früheren Arbeitgebers Abgesandter in ein lokales Netzwerk »Bündnis für Familien« und habe die Arbeit dieses Netzwerkes als Bereicherung für die Stadt empfunden. Oberstes Ziel meines Arbeitgebers mich dorthin zu delegieren war der informelle Austausch mit anderen Akteuren des Netzwerkes.

Ein Beispiel der positiven, praktischen Umsetzung der Absichten dieses Netzwerkes: Der Bedarf an öffentlichen Sitzgelegenheiten an den Ausfallstraßen wurde von einer Person, die mit Senioren zu tun hatte, als Problem in den Raum gestellt. Mein Arbeitgeber hat gelegentlich Sitzgelegenheiten im öffentlichen Raum installiert. Ich sprach also mit Verantwortlichen in meinem Haus und lernte die Schwierigkeiten der Entscheidungswege im (für so ein Projekt als Partner benötigten) Rathaus kennen. Dort sprach ich mehrfach vor. Einige Zeit später standen die entsprechenden Sitzgelegenheiten ohne Zutun meines Arbeitgebers. Das Netzwerk hat Erfolg gehabt und etwas für Familienfreundlichkeit erreicht. Unterschiedliche Motive, die in einer Situationsbesprechung ausdifferenziert werden könnten, haben eine Rolle gespielt. Es ist das Zusammenspiel unterschiedlicher Ziele, das zu einem solchen (kleinen, aber messbaren) Ergebnis geführt hat.

Zur Form: Meine Intuition will das Wort »zielorientiert« zusammenschreiben. Die aktuelle deutsche Rechtschreibung nimmt es jedoch auseinander in »ziel orientiert«. Ich habe mich dieser Form angepasst und »Ziel« in der Kombination klein geschrieben.

Rangfragen unter Geschlechtern sind nicht Thema der vorliegenden Arbeit. Ich gebrauche die Worte in ihrer grammatikalisch üblichen Form und verwende Beispiele so, wie sie zum jeweiligen Zeitpunkt in meinem Kopf sind.

Ich lade hiermit zur Auseinandersetzung ein und wünsche einen spannungsvollen Austausch. Zitate in dieser Arbeit sind Einladungen – Einladungen die entsprechende Literatur selbst zu lesen. Besonders gilt das für die jüngeren Zeitschriftenartikel, die mir selbst intensive Anregung geworden sind.

2. Grundgedanken

Netzwerke finden sich in der Enzyklopädie aus dem Hause Brockhaus in vier verschiedenen Bereichen: Elektrotechnik, Informatik, Sprachwissenschaft sowie in miteinander verbundener Weise in Soziologie und Sozialpsychologie. Der Begriff Netzwerk dient in der Sprachwissenschaft zum Erklären von Beziehungen zwischen sprachlichen Elementen und in den letztgenannten Disziplinen zum Erklären von zwischenmenschlichen Beziehungen.[3] Um Aussagen über zielgerichtetes Einsetzen von Netzwerken zu treffen erscheint es mir von Nutzen das Wort Netzwerk in seine zwei sprachlichen Kerne zu zerlegen.

2.1. Netz

Der erste Kern, das Wort »Netz«, bedeutet allgemein eine „Struktur aus einzelnen Elementen (N.-Knoten), die miteinander verbunden sind bzw. in Verbindung treten können.“[4] Knotenpunkte können auf unterschiedliche Weise aufeinander bezogen sein und haben damit unterschiedliche Wirkungen aufeinander.

Netze kommen in vielen Zusammenhängen vor. Damit ist eine einheitliche Zielaussage aller Netze nahezu ausgeschlossen. Soll ein Netz zielgerichtet eingesetzt werden, ist es notwendig zu wissen auf welche Eigenschaft des Netzes das Ziel aufbauen soll.

Netze haben Knoten, die miteinander verbunden sind. Kleinste Einheit ist demnach die Verbindung zwischen zwei Punkten mit Verbindung zu dritten. Zwischen diesen ist ein Austausch möglich – zum Beispiel: Informationen (Daten), Materialien (Gas), Wellen (Licht). Netze zeichnen sich durch eine Menge dieser kleinsten Einheiten aus. Es findet über zentral liegende Knoten ein Austausch auch unter entfernteren Knoten statt. Die Eigenschaft dieses Austausches kann zielgerichtet genutzt werden.

Ein Netz wirkt in seiner Gesamtheit. Viele Knotenpunkte und ihre Verbindungen begegnen andersartigen Gebilden und Eindrücken: So sind bestimmte Netze geeignet etwas zu fangen, andere nehmen Veränderungen im Raum wahr. Auch Netzwerke zwischen Menschen haben die Eigenschaft Phänomene neben der Information einzufangen und wahrzunehmen. Diese Eigenschaft von Netzen kann zum Ziel gemacht werden.

Netze sind endliche Gebilde. Sie sind räumlich zu ihren Rändern begrenzt und haben im Inneren durch die Größe ihrer Lücken eine Begrenzung. Jenseits der Grenze eines Netzes können die Ziele des Netzes nicht greifen. Da Netze aus Knotenpunkten bestehen an die weitere angehängt werden können, ist es grundsätzlich möglich die Grenzen von Netzen zu verändern: Knotenpunkte können entfernt oder zusätzlich angegliedert werden. Die Grenzen eines Netzwerkes sind so beschreibbar, dass sie auch als Grenzen zum Erreichen von potentiellen Zielen angenommen werden können.

2.2. Werk

Der zweite Kern im Wort Netzwerk ist das Wort »Werk«. Zu diesem ist in der Enzyklopädie aus dem Hause Brockhaus etwas aus drei Bereichen zu lesen: Die Betriebswirtschaft bezeichnet mit Werk eine Produktionsstätte, die einen gemeinsamen lokalen Raum einnimmt. Das Militär versteht unter Werk den Teil einer größeren Festung, der als Graben oder Wall um diese herum angeordnet ist und ein geschlossenes Gebilde darstellt. Im Bereich Recht bedeutet »Werk« eine Erfolgsleistung, die im Werkvertrag beschrieben wird. Im Sinne des Urheberrechts bedeutet »Werk« eine Leistung in Kunst, Literatur oder Wissenschaft, die auf eine schöpferische geistige Leistung einer Person zurückgeführt werden kann.[5]

Das Wort »Werk« beschreibt also ein Etwas, was zu einem bestimmten Zweck oder aus einem bestimmten Anlass heraus da ist: Die Produktionsstätte oder der Wall übernehmen schon durch ihr Vorhandensein Aufgaben. Andererseits ist das Ergebnis einer Leistung wieder ein Etwas; wird dann aber im Regelfall in seiner neuen Form benannt und genutzt. ( Ausnahme bilden eine neu errichtete Produktionsstätte oder Befestigungsanlage, die das Werk eines Erbauers ist und nun wieder Werk genannt wird.) Wesentlich für die Beschreibung des Begriffes Netzwerk in Bezug auf die Soziale Arbeit und in Bezug auf einen möglichen zielgerichteten Einsatz sind beide Grundaussagen: Ein Werk ist beschreibbar anhand seiner Lokalität und der produktiven oder schützenden Aufgabe, kann aber auch als Ergebnis einer Produktivität entstehen.

Netzwerke sind ebensolche Gebilde: Indem die Akteure sich zusammenschließen entsteht ein Etwas in dem produktives passieren kann. Dieses Gebilde schützt wiederum die Akteure in einem bestimmten Gebiet. In einem solchen Netz-WERK entstehen neue kulturelle Leistungen. Um ein Netzwerk in der Art eines Werkes zu gestalten benötigt es also Menschen, die im übertragenen Sinn einen Wall / einen Schutzraum errichten und damit Freiraum schaffen, in dem produktives Miteinander möglich wird. Netzwerke haben immer wieder geographische und / oder thematische Benennungen mit denen dieser Wall gekennzeichnet wird. In diesem Rahmen geschieht dann Werk–Tätigkeit. Durch die Benennung eines Netzwerkes kann dieses in der Richtung seiner potentiellen Ergebnisse beeinflusst werden.

2.3. Akteure

Eine weitere Überlegung: Netzwerke sind mehrdimensionale Gebilde. In der bildhaften Darstellung haben Netze eine Netzebene; also zwei Dimensionen. Ein Werk im militärischen oder betriebswirtschaftlichen Sinn ist dreidimensional und ein Werk im rechtlichen Sinn bekommt zudem eine zeitliche Komponente. Netzwerke verbinden diese Eigenschaften und haben darüber hinaus die Eigenschaft der Kreativität seiner Knoten, der Menschen die Teil dieser Netzwerke sind.

Um Netzwerke zu verstehen (und steuerbar zu machen) ist das Wesen der Knotenpunkte ein Schlüssel. Je nach Netzwerk sind diese Knoten Menschen oder Gruppen von Menschen. Die Erkenntnisse aus anthropologischen und gruppentheoretischen Blickwinkeln müssen für eine umfassende Betrachtung herangezogen werden. Dies übersteigt bedauerlicher Weise den Umfang dieser Hausarbeit. Weil Menschen kreativ und eigenständig handeln sind die Ergebnisse ihrer Handlungen grundsätzlich nicht vorhersehbar und es gibt unkontrollierbare Optionen. Auf dieser Grundlage haben Menschen in der Geschichte unmögliche Umstände bewältigt. Eingebunden in ein Netzwerk ist diese Eigenschaft nützlich: In der Hoffnung auf neue, kreative Ideen ist ein Netzwerk einsetzbar. Indem die Umstände eines Netzwerkes beeinflusst werden, werden Ergebnisse in bestimmte Richtungen angeregt.

Gleichzeitig sind die einzelnen Akteure, die Knotenpunkte des Netzwerkes – einzelne Menschen oder Gruppen (zumeist Organisationen) – eigenständig. Welche Impulse sie wie verarbeiten und was sie davon weitergeben und welche Folgen das wiederum hat, birgt unzählige Möglichkeiten und Optionen. So lange diese Akteure nicht mit dem Nachbarakteur verschmelzen (Beispiel Organisationsfusion) sind sie voneinander abgrenzbar. Diese Eigenständigkeit fordert Respekt gegenüber den Persönlichkeiten der Nachbarknoten. Eine Grenze der Netzwerkarbeit ist das Wollen oder Können der Nachbarknotenpersonen. Auch diese Grenze kann für die Steuerung von Netzwerken eingesetzt werden: Wenn mehrere Knotenpunktpersönlichkeiten gemeinsame (jeweils) eigene Grenzen haben, bildet dies stabile Grenzen der jeweiligen Netzebene. Werden solche Grenzen für ein Netzwerk formuliert und bilden diese eine Quasi – Grenze der allermeisten Knotenakteure, ist Steuerung durch Absprachen möglich. Weil Netzwerke dynamische Gebilde sind, ist eine Steuerung der entsprechenden Kommunikations-prozesse nur Akteuren möglich, die über längere Zeiträume aktiv gestaltend an den Prozessen des jeweiligen Netzwerkes teilnehmen. Netzwerke werden in ihrer Ausrichtung von innen heraus gelenkt. Dies geschieht sowohl bewusst durch Begrenzungsabsprachen als auch unbewusst durch die Grenzen, die den Akteuren eigen sind.

[...]


[1] Vergleiche (Vgl.): Motzke / Schöning, Neue Praxis 03/2012, Seite (S.): 235.

[2] Ebenda.

[3] Vgl.: Brockhaus Enzyklopädie (Band 19), S.: 514.

[4] Brockhaus Enzyklopädie (Band 19), S.: 510.

[5] Vgl.: Brockhaus Enzyklopädie (Band 29), S.: 748 – 749.

Details

Seiten
31
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656509998
ISBN (Buch)
9783656510109
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262616
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
1,0
Schlagworte
netzwerke

Autor

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