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Die Gender-Theorie als Denk- und Kopfproblem

Wenn sich Menschen von der Natur, innerhalb der Gesellschaft und von Sprache benachteiligt fühlen.

Hausarbeit 2013 75 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Unwissenschaftlichkeit in der Wissenschaft

1. Definition der Begriffe Gender, Doing Gender, Gender Mainstreaming und Gender Studies
1.1. Gender / Doing Gender
1.2. Gender Mainstreaming
1.3. Gender Studies

2. Die Gender-Theorie in der Praxis
2.1. Das Gender-Manifest
2.2. Die Ziele der Gender-Theorie
2.2.1. Geschlechterstereotype
2.2.1.1. Geschlechterasymmetrie vs. Geschlechtersymmetrie
2.2.1.2. Partielle Unveränderbarkeit des inneren Geschlechts
2.2.2. Gender-Ziele kontra Lebenswirklichkeit
2.2.3. Politische Wirklichkeit der Gender-Theorie

3. Die Gender-Theorie als Denk- und Kopfproblem – eine generelle Kritik
3.1. Die Gender-Theorie als Denkproblem
3.1.1. Wenn aus einer Ideologie Wissenschaft werden soll
3.1.2. Die Instrumentalisierung von sexueller Orientierung – wenn aus Minderheit Mehrheit werden soll
3.1.3. Die Gender-Theorie in der Erziehung & bildungspolitische Gefahren 36
3.2. Die Gender-Theorie als Kopfproblem
3.2.1. Sprache und Gesellschaft – Benachteiligungen, wo das Auge hinsieht

4. Kritik unerwünscht
4.1. Ungleich – die Notwendigkeit und Unauflösbarkeit des biologischen Geschlechts

Schluss: Ausblick für eine zweigeschlechtliche Zukunft voller Ungleichheiten

Literatur

Einleitung: Unwissenschaftlichkeit in der Wissenschaft

Ein Problem innerhalb der Wissenschaften ist zusehends, dass die Maxime »Sine ira et studio«, die für eine wertfreie und unparteiische Wissenschaft stehen soll, sich in der Praxis nicht mehr so sehr nach objektiven Geltungsansprüchen sondern immer öfter nach subjektiven Analysekriterien richtet bzw. von einem subjektiven Standpunkt aus objektive Wissenschaft betrieben wird, die trotzdem noch als objektiv gelten soll – was keine Wissenschaft mehr darstellt, sondern unwissenschaftlich ist.

Die Gender-Theorie ist ein Paradebeispiel für einen äußerst unwissenschaftlichen Standpunkt und im Fokus dieser Arbeit soll deshalb stehen, die Unwissenschaftlichkeit der Gender-Theorie hervorzuheben und dabei gleichzeitig näher zu erörtern, was die Gender-Theorie eigentlich genau ist, um die Perspektive der Gender-Theorie nicht zu vernachlässigen.

Mir ist bewusst, dass dies zweifelsohne eine parteiische Wertung meinerseits darstellt, da ich gegenüber der Gender-Theorie bereits im Vorfeld dieser Arbeit den Vorwurf erhebe, sie sei unwissenschaftlich und subjektiv. Mein Anliegen ist es daher mit dieser Arbeit, diesen Vorwurf rational und wenn möglich aus wissenschaftlicher Perspektive zu begründen.

Mir ist ebenfalls bewusst, dass das Zitat »Sine ira et studio« aus den Annalen des Tacitus, das für eine Maxime in der Wissenschaft steht bzw. stehen soll, nicht hundertprozentig einhaltbar ist, da der Mensch nur die eigene (menschliche) Perspektive kennt und damit durchaus als parteiisch gelten muss, zumal Tacitus selbst es ebenfalls versäumt hat, in seinen Werken wertfrei und unparteiisch zu sein, indem er oft selbst Partei ergriff und somit seine eigene Maxime nicht eingehalten hat. Eine Unterscheidung zwischen subjektiv und objektiv innerhalb der Wissenschaft ist also schwierig und solch eine Wertung im Vorfeld muss natürlich rational und begründet sein bzw. anhand von stichhaltigen und unbezweifelbaren Argumenten in der Arbeit selbst gestützt werden. So gilt für jede Wissenschaft: Der objektive Standpunkt der Wissenschaften richtet sich nach einem gegenwärtigen Ist-Zustand. Dieser Ist-Zustand ist der Gradmesser für Objektivität, der in Zukunft überholt sein kann – aber nicht sein muss. So gibt es innerhalb der Wissenschaft Standpunkte, die sich nach diesen objektiven Maßstäben und dem Ist-Zustand der Wissenschaft richten, es gibt aber auch solche, die von diesem Ist-Zustand aufgrund ihres subjektiven Standpunktes abweichen und aufgrund des Ist-Zustandes der Wissenschaften als »falsch« beurteilt und durch wissenschaftliche Erkenntnisse leicht widerlegbar sind. Ziel dieser Arbeit ist es deshalb, einerseits nachzuweisen, dass die Gender-Theorie unwissenschaftlich und subjektiv ist, und zum anderen dazulegen, dass aufgrund der einseitigen und parteiischen Perspektive des Menschen, die wir (und auch ich) nicht abstellen können, die Gender-Theorie dennoch eindeutig als unwissenschaftlich überführt werden kann und nicht dem Ist-Zustand der Wissenschaften entspricht.

Im ersten Teil dieser Arbeit gehe ich auf die Gender-Theorie ein und definiere anhand der Begriffe Gender, Doing Gender, Gender Mainstreaming und Gender Studies, was Gender ist.

Im zweiten Teil wende ich die Gender-Theorie auf die Praxis an, gehe näher auf die Ziele der Gender-Theorie ein und untersuche, inwieweit Theorie und Praxis miteinander vereinbar sind. Dabei stehen vor allem die Anwendbarkeit der Gender-Ziele auf die unmittelbare Lebenswirklichkeit und die Umsetzung dieser Ziele in der politischen Wirklichkeit im Fokus.

Der dritte Abschnitt stellt den Kern dieser Arbeit dar, in dem die Gender-Theorie einer generellen Kritik ausgesetzt werden soll. Diese Kritik verfolgt das Ziel, die Gender-Theorie als Denk- und Kopfproblem zu entlarven, wobei die Gender-Theorie als Denkproblem auf die Unwissenschaftlichkeit und ihre Stellung innerhalb der Wissenschaft zurückzuführen ist und andererseits als Kopfproblem als Problem jedes einzelnen Individuums und seiner eigenen Wahrnehmung in Bezug auf die Mitmenschen und die Umwelt verstanden werden kann.

Der letzte Teil der Arbeit setzt sich mit der Problematik auseinander, dass sich die Gender-Theorie von Kritik isoliert, kein öffentlicher Diskurs seitens der Gender-Anhänger angestrebt wird und Kritiker bloßgestellt werden, damit die Gender-Theorie und ihre Ziele nicht öffentlich hinterfragt werden. Außerdem gehe ich abschließend darauf ein, warum das biologische Geschlecht notwendig und unauflösbar innerhalb der (objektiven) Wissenschaft seinen Platz hat und auch in Zukunft dieser Ist-Zustand des biologischen Geschlechts für die menschliche Existenz erforderlich und unauflösbar ist. Diese Arbeit bemüht sich eine Lücke innerhalb der Forschungsliteratur zu füllen, da die Gender-Theorie innerhalb der akademischen, wissenschaftlichen und politischen Welt sich bereits so stark positioniert und etabliert hat, dass Gegendarstellungen scheinbar ihre Notwendigkeit und Relevanz verloren haben und in Anbetracht der Akzeptanz und des Einflusses, den die Gender-Theorie in Politik und Wissenschaft ausübt und genießt, ist es mehr als notwendig geworden, diesen Entwicklungen auch weiterhin kritisch gegenüberzustehen und mit dem wissenschaftlichen Ist-Zustand abzugleichen – zumal die (Gegen-)Positionen immer seltener werden und somit ein ausgewogenes Verhältnis von Position und Gegenposition zugunsten der Gender-Theorie umschlagen, was mit den Maximen der Wissenschaft kontrastiert.

Außerdem möchte ich mich im Vorfeld für etwaige unwissenschaftliche Ansätze meinerseits entschuldigen, dies mag auf den ersten Blick als meine eigene und persönliche Wertung anmuten, was teilweise durchaus zutreffend sein mag, liegt aber auf den zweiten Blick auch an der Unwissenschaftlichkeit des Themas und der Gender-Theorie selbst.

1. Definition der Begriffe Gender , Doing Gender , Gender Mainstreaming und Gender Studies

1.1. Gender / Doing Gender

Gender bezeichnet allgemein das soziale Geschlecht, welches dem biologischen Geschlecht gegenübergestellt wird, dabei wird vorwiegend das biologische Geschlecht als »sex« und das soziale Geschlecht als »gender« definiert. Die Definition des sozialen Geschlechts innerhalb der Gender-Theorie ist Ausgangspunkt für die Hypothese, dass die Geschlechtsidentitäten wie ‚Weiblichkeit‘ und ‚Männlichkeit‘ nicht angeboren sind, sondern vielmehr ein Produkt sozio-kultureller und historischer Konstruktionen sind, die in jedem Moment des Alltaghandeln interaktiv hergestellt werden müssen, was gemeinhin als » doing gender « bezeichnet wird. Als Verfechterin dieser Theorie ist vor allem Judith Butler zu nennen, die die Existenz von sex als einen ahistorischen, universell gegebenen Sexualkörper, als einen Effekt diskursiver Praktiken dechiffriert haben will, somit sollen Geschlechtsidentitäten, Geschlechternormen und –wahrnehmungen in historische und kulturell variable Macht-Wissens-Komplexe eingebunden sein (vgl. Fuchs-Heinritz, Balösius 2007, S. 225). Der Terminus Sex bezieht sich also auf bestimmte, der Vererbung unterliegende physische, insbesondere fortpflanzungsrelevante Unterschiede zwischen Frauen und Männern, wohingegen Gender die soziokulturell ausgeprägten Unterschiede zwischen den sozialen Rollen, Selbstauffassungen (Identität), Erscheinungsbildern und Verhaltensweisen von Frauen und Männern bezeichnet (Hillman, Karl-Heinz 2007, S. 273). Der Begriff gender geht auf den Psychoanalytiker Robert Stoller zurück, der das Sex-Gender-Konzept prägte, „das zwischen (biologisch vorgegebenem) Geschlecht und Geschlechterrolle unterscheidet. Daraus entwickelte sich die Vorstellung von den zwei mehr oder weniger getrennten Geschlechtskategorien (Rosenkranz 2008, S. 36). Allgemein gesagt, drückt gender „die Vorstellung aus, dass Männer und Frauen sich nur deshalb unterschiedlich verhalten, weil sie von der Gesellschaft dazu erzogen werden“ (Pfister 2007) und doing gender ist „die Annahme, dass man in einem komplexen Prozess von Erziehung, gesellschaftlichen Normen und Werten, Stereotypen, Identifikationen, Bildern und Traditionen erst zu Frau oder Mann ‚gemacht‘ wird“ (Rosenkranz 2008, S. 37f.).

Doing Gender sind alle Tätigkeiten, durch die Geschlecht dargestellt wird, alle Tätigkeiten, durch die Geschlecht wahrgenommen wird (Breitenbach 2005, S. 79). „Um den ‚heimlichen Biologismus‘ der sex-gender Unterscheidung zu überwinden, wurde mit dem Konzept des ‚doing gender‘ eine dreigliedrige Neufassung dieser Unterscheidung erarbeitet, die dem Kriterium der Selbstbezüglichkeit (Reflexivität) Rechnung trägt und ohne ‚natürliche‘ Vorgaben auskommt. Unterschieden wird: 1. „sex“ als die Geburtsklassifikation des körperlichen Geschlechts aufgrund sozial vereinbarter biologischer Kriterien; 2. „sex-category“ als die soziale Zuordnung zu einem Geschlecht im Alltag aufgrund der sozial geforderten Darstellung einer erkennbaren Zugehörigkeit zu einen oder anderen Kategorie. Diese muss der Geburtsklassifikation nicht entsprechen; und 3. „gender“ als intersubjektive Validierung in Interaktionsprozessen durch ein situationsadäquates Verhalten und Handeln im Lichte normativer Vorgaben und unter Berücksichtigung der Tätigkeiten, welche der in Anspruch genommenen Geschlechtskategorie angemessen sind (Gildemeister 2010, S. 138).

1.2. Gender Mainstreaming

Gender Mainstreaming bezeichnet den Versuch, die Thematik und den Inhalt der Gender Theorie auf die ganze Gesellschaft, also den Mainstream, auszuweiten. Gender Mainstreaming ist eine Strategie zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern, die der Erkenntnis geschuldet ist, dass Frauen- und Gleichstellungspolitik nur dann zu langfristigen Veränderungen und Ergebnissen beitragen kann, wenn Gleichstellung als Querschnittsthema aller Politik- und Arbeitsbereiche betrachtet wird. Genauer gesagt ist Gender Mainstreaming eine Doppelstrategie, d.h. alle Vorhaben werden auf ihre geschlechtsspezifischen Wirkungen hin überprüft und so gestaltet, dass sie einen Beitrag zur Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern leisten. Darüber hinaus sollen spezifische Förderprogramme weiterhin gezielt den Abbau von Ungleichheit beschleunigen (vgl. Fuchs-Heinritz, Balösius 2007, S. 225). Gender Mainstreaming ist also die politische Strategie, Einfluss auf den Mainstream und die Gesellschaft durch die Politik und auf politische Entscheidungen zu nehmen, in der die Ungleichheiten zwischen Mann und Frau nach wie vor existieren – somit verfolgt Gender Mainstreaming das Ziel, durch eine sogenannte „Top down“-Strategie Gleichheit, Gleichberechtigung und Gleichbehandlung am unteren Ende der Gesellschaft durch die obere Gesellschaft bzw. Politik wieder herzustellen.

Gender Mainstreaming steht für ein gesellschaftspolitisches Vorhaben, das nicht nur positive Maßnahmen zur Förderung von Frauen beinhalten soll, sondern generell zielorientierte Maßnahmen zur strukturellen Veränderung der Gesellschaft zu Gunsten einer gerechten Verteilung von Positionen und Ressourcen zwischen Männern und Frauen. – Gender Mainstreaming zielt auf Chancengleichheit und auf das Bemühen um Geschlechtergerechtigkeit als Querschnittsaufgabe ab, also auf die Veränderung von Geschlechterverhältnissen (Bermann, Sorger 2007, S. 9). „Gender Mainstreaming will nicht nur die Lage der Menschen ändern, sondern die Menschen selbst“ (Pfister 2007).

1.3. Gender Studies

Gender Studies bezeichnet allgemein die Frauen-, Männer- und Geschlechterforschung, mit der an Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen das kulturell bestimmte Verhältnis der Geschlechter zueinander „ wissenschaftlich“ analysiert wird, wobei alle Untersuchungen im Rahmen der Gender Studies auf der Grundannahme beruhen, dass die Bedeutungen, Rollen, Aufgaben und Funktionen, die als typisch weiblich oder typisch männlich wahrgenommen werden, nicht aus den biologischen Unterschieden zwischen Mann und Frau resultieren, sondern gesellschaftlich konstruiert werden und damit veränderlich sind (Fuchs-Heinritz, Balösius 2007, S. 225).

2. Die Gender-Theorie in der Praxis

Die Gender-Theorie ist ein Ziehkind der Europa-Politik, so hat „die EU mit der Verabschiedung des Amsterdamer Vertrags ihre Mitgliedsstaaten dazu aufgefordert, im Rahmen des »Gender Mainstreamings« die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern“ (Deuber-Mankowsky 2008, S. 156). So besteht „Gender Mainstreaming in der (Re-) Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluierung der Entscheidungsprozesse mit dem Ziel, dass die an politischer Gestaltung beteiligten Akteure und Akteurinnen den Blickwinkel der Gleichstellung zwischen Frauen und Männern in allen Bereichen und auf allen Ebenen einnehmen“ (Rosenkranz 2008, S. 34). Gender Mainstreaming hat in der Praxis somit das hochgesteckte Ziel für eine Geschlechtergerechtigkeit zu sorgen. Zur Erreichung dieses Prozess wird die „Top-down“- Strategie angewandt, bei der die Leitungsebene bzw. die Politik die Verantwortung trägt, dass das gemeinsame Ziel der Gleichstellung auf politischer Ebene umgesetzt und möglichst schnell erreicht wird. Auf der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung hört sich dieses Vorhaben so an: „Gender Mainstreaming bedeutet, dass die Politik, dass aber auch Organisationen und Institutionen jegliche Maßnahmen, die sie ergreifen möchten, hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf die Gleichstellung von Frauen und von Männern untersuchen und bewerten sowie gegebenenfalls Maßnahmen zur Gleichstellung ergreifen. Das heißt, in allen Phasen der Planung, Durchführung und Auswertung von Maßnahmen müssen die unterschiedlichen Lebenslagen von Frauen und Männern und die Auswirkungen auf beide Geschlechter berücksichtigt werden. Eine treibende Kraft für die Umsetzung von Gender Mainstreaming stellt die EU dar, welche 1997 im Amsterdamer Vertrag Gender Mainstreaming offiziell als verbindliche Richtlinie für alle Mitgliedsstaaten zum Ziel der EU-Politik gemacht hat. In Deutschland wurde durch die Novellierung der Gemeinsamen Geschäftsordnung der Bundesministerien durch Kabinettsbeschluss vom 26. Juli 2000 ein wichtiger Schritt zur Verankerung von Gender Mainstreaming getan. Der § 2 GGO stellt alle Ressorts der Bundesregierung vor die Aufgabe, den Gender Mainstreaming-Ansatz bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen der Bundesregierung zu berücksichtigen“ ( http://www.bpb.de/gesellschaft/gender/gender-mainstreaming/). Dies bedeutet nicht nur einen riesigen und immensen bürokratischen Aufwand, wenn alle politischen Entscheidungen und Maßnahmen im Hinblick auf ihre Geschlechterverträglichkeit überprüft werden sollen, sondern ist ebenfalls mit hohen Kosten verbunden, die letzten Endes der Steuerzahler aufbringen muss, deshalb erscheint es mir, mehr als notwendig zu sein, die Aspekte und Auswirkungen der Gender-Theorie im Hinblick auf ihren praktischen Nutzen einer kritischen Reflexion zu unterziehen, zumal Wissenschaft und Politik bereits ihre „Gender-Brillen“ aufgesetzt haben und dahingehend zu einer objektiven Kritik nicht mehr in der Lage zu sein scheinen. Außerdem werden alle politischen Entscheidungen hinter dem Rücken der Bevölkerung getroffen, was einen Einschnitt in die Privatsphäre jedes Individuums darstellt und was darüber hinaus auch das demokratische Mitbestimmungsrecht des Bürgers beschneidet, da alle politischen Entscheidungen durch die „Top-down“-Strategie initiiert werden und eine direkte Einflussnahme auf die politischen Entscheidungsträger Gang und Gebe zu sein scheint, ohne eine öffentliche Diskussion anzustreben.

Die Gender-Theorie tarnt sich gerne mit Forderungen nach Gleichheit, Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit, aber das Gender-Konzept muss aufgrund ihres unklaren Begriffs, ihres fragwürdigen Inhalts und ihrer unklaren Ziele durchaus kritisch betrachtet werden – eine Position, die in der hiesigen Geschlechter-Debatte, in der Wissenschaft, der Forschung, Politik und Öffentlichkeit viel zu unterrepräsentiert ist.

2.1. Das Gender-Manifest

Auf der Internetseite www.gender.de kann jeder Interessierte das sogenannte Gender-Manifest herunterladen, das ein „Plädoyer für eine kritisch reflektierte Praxis in der gender orientierten Bildung und Beratung“ darstellen soll. Die Verfasser des Manifests verfolgen zwei Ziele: „Einerseits geht es ihnen um die Aufhebung vergeschlechtlichter Normen und Zuweisungen in der gender orientierten Bildungs- und Beratungsarbeit. Zum anderen möchten sie zu einer Rückbesinnung auf den inhaltlichen Kern und kritischen Gehalt des Gender begriffs beitragen“. Allgemein prangern die Verfasser an, dass aktuelle Genderkonzepte dominieren, „die die derzeitige Ordnung der Geschlechter eher reproduzieren als verändern“. In der Praxis wird durch die Gender-Theorie also durchaus das dualisierende Konzept von Geschlecht eher verstärkt als hinterfragt, es werden Stereotype nicht analysiert und sichtbar gemacht, sondern vielmehr reproduziert. Die Verfasser „beobachten des Weiteren eine zunehmende Interpretationsweise von Gender Mainstreaming als neoliberaler Reorganisationsstrategie zur Optimierung ‚geschlechterspezifischer Humanressourcen‘. Eine solche Engführung des Gleichstellungsbegriffs auf organisationsbezogene Effizienzsteigerung verfehlt u. E. das ursprüngliche emanzipatorische Ziel gleicher Rechte, Chancen und gesellschaftlicher Teilhabe von Männern und Frauen als umfassendes Menschenrecht. Wo vermeintlich geschlechtsspezifische Fähigkeiten als quasi natürliches Verhalten ‚entdeckt‘ werden, mutiert Gleichstellung zum cleveren Management angenommener Differenzen. In der Konsequenz werden soziale Ungleichheiten und Ausschlüsse durch eine bloße Vielfaltsrhetorik verdeckt“ (Gender -Manifest, S. 1).

Die Gender-Theorie bzw. das Gender-Konzept erfährt also nicht nur Kritik von außen sondern auch von innen, es verfehlt die eigenen aufgestellten Ziele, verschleiert durch ausgefallene Rhetorik die tatsächlichen Ziele, so dass eigentlich schon aufgrund des wagen Begriffs, was Gender eigentlich meint oder bezwecken will, die eigenen intendierten Ziele zu einem weitläufigen Feld werden, da niemand genau weiß bzw. jeder zu wissen glaubt, was Gender eigentlich erreichen will und dabei ist es im Grunde unerheblich, ob sie Ungleichheit verschleiert oder Ungleichheiten bestärkt, denn wenn eine Theorie oder ein Konzept nicht klar definiert ist, kommt es zwangsläufig zu falschen Interpretationen. So heißt es weiter: „Ein bedenklicher Nebeneffekt der Gender -Analyse liegt in der Homogenisierung von Frauen und Männern und in der Ausblendung von Unterschieden innerhalb der Genusgruppen. Zum Zweck der Operationalisierbarkeit geschieht eine Komplexitätsreduktion auf eine duale Geschlechterordnung. Damit laufen Gender -Analysen Gefahr, sich unhinterfragt an einem Doing Gender zu beteiligen, das diejenigen Differenzen dramatisiert, die vorgeblich nur analysiert werden. Damit wird freilich eben jene Geschlechterordnung manifestiert, die es aus unserer Perspektive zu überwinden gilt“ (Gender -Manifest, S. 2). Die Gender-Theorie orientiert sich ebenfalls an einer Geschlechterdualität, nimmt sie als Ausgangslage ihrer Analysen und versucht dennoch die Differenzen der Geschlechter zu beseitigen, die durch die natürliche biologische Ordnung hergestellt worden sind. „Die Reduktion von Gender auf biologisches Mann- oder Frausein allerdings ist ein Beispiel für Doing Gender, das Geschlechterpolitik zu einem banalen Abzählen von weiblichen und männlichen Köpfen (also bloßem sex-counting) werden lässt – egal, was in diesen Köpfen steckt, und egal, was diese Menschen verkörpern. Eine solche biologische Fundierung von Gender läuft mithin der Grundidee der Gender -Begriffs zuwider“ (Gender -Manifest, S. 3). Es zeigt sich also, dass sich auch die Gender-Theorie teilweise nicht über die biologisch-bedingte Geschlechterdualität hinwegsetzen kann, schlimmer noch, sie sorgt sogar dafür, dass durch das Prinzip Gender-Mainstreaming ein rein oberflächliches Hinsehen nach bloßem Mann- und Frausein etabliert wird, dass individuelle Aspekte vernachlässigt, so dass Mann und Frau allein auf ihre „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ bzw. auf ihr Geschlecht reduziert werden. Eine Herangehensweise, die maßgeblich auf die Gender-Theorie zurückzuführen ist.

Die Gender-Theorie negiert sich im Prinzip selbst, zumal es ohne diese Dualität der Geschlechter gar nicht möglich gewesen wäre, die Theorie zu entwickeln, dass das biologische Geschlecht nicht mehr relevant sei. Die Gender-Theorie ist im Prinzip nur eine Negation bzw. Weiterentwicklung der Zweigeschlechter-Theorie, ohne diese Zweigeschlechtlichkeit würde sich die Gender-Theorie selbst nicht verstehen und keine Grundlage haben, somit zeigt die Tatsache, dass sich die Gender-Theorie auf eben jene Zweigeschlechtlichkeit beruft bzw. berufen muss und zur Ausgangssituation ihrer Analysen macht, die biologische Zweigeschlechtlichkeit eben doch von Relevanz ist und nicht einfach durch eine „ dahergelaufene “ (subjektive) Theorie gänzlich dekonstruiert werden kann.

2.2. Ziele der Gender-Theorie

2.2.1. Geschlechterstereotype

Geschlechterstereotype sind in den Augen der Gender-Theorie ein Hauptgrund für die Hypothese, dass Geschlecht allein sozio-kulturell konsturiert wird und eben nicht biologisch terminiert ist. Deshalb sieht die Gender-Theorie hauptsächlich die Probleme im geschlechterstereotypen Denken (innerhalb der Bevölkerung), die zu den Unterschieden zwischen ‚Mann‘ und ‚Frau‘ führen und die es aufzuheben gilt. Inwieweit dies überhaupt möglich ist, sollte etwas genauer untersucht werden, um sich ein besseres Bild über die Ziele der Gender-Theorie zu verschaffen. „Für Geschlechterstereotype ist (anders als für nationale Stereotype oder Altersstereotype) kennzeichnend, dass sie deskriptive und präskriptive Anteile haben. Die deskriptiven Anteile umfassen traditionelle Annahmen darüber, wie Frauen und Männer sind, welche Eigenschaften sie haben und wie sie sich verhalten. Frauen ‚sind‘ danach verständnisvoll und emotional, Männer ‚sind‘ dominant und zielstrebig. Aus Verletzungen dieser Annahmen folgt typischerweise Überraschung. Die präskriptiven Anteile beziehen sich auf traditionelle Annahmen darüber, wie Frauen und Männer sein sollen oder wie sie sich verhalten sollen. So ‚sollen‘ Frauen einfühlsam sein, Männer ‚sollen‘ dominieren. Werden präskriptive Annahmen verletzt, resultiert in der Regel Ablehnung oder Bestrafung. Wie auch immer die Reaktion lautet, Verletzungen der stereotypen Erwartungen führen nur selten zu einer Änderung der Stereotype. Mit anderen Worten, Geschlechterstereotype sind in hohem Maße änderungsresistent“ (Eckes 2010, S. 178). Das hochgesteckte Ziel diese Geschlechterstereotype in der Gesellschaft zu verändern oder gar zu beseitigen, ist ein ans Utopische grenzender Gedanke bzw. Wunsch. Es ist dabei ziemlich irrelevant, ob die deskriptiven oder präskriptiven Anteile der Geschlechterstereotype verändert werden sollen, beide Anteile sind, was die öffentliche Meinung angeht, nur schwer aus den Köpfen der Menschen zu tilgen, da sich allgemein in der Gesellschaft etabliert hat, was als typisch ‚männlich‘ und als typisch ‚weiblich‘ gilt bzw. wie sich ‚Frau‘ und ‚Mann‘ verhalten sollten.

Es ist im Prinzip nicht problematisch, dass es Geschlechterstereotype gibt – so wie uns beispielsweise die Gender-Theorie weißmachen will, indem sie in diesen geschlechterstereotypen Denkmustern die Wurzel allen Übels bzw. der Benachteiligung vermutet – denn „Geschlechterstereotype würden nicht so früh erworben und nicht in so hohem Maße kulturell geteilt, wenn sie sich nicht als nützlich für die individuelle Orientierung und Handlungsplanung in der sozialen Welt erwiesen. Allgemein gesprochen ist ihre Nützlichkeit abhängig vom Grad, in dem sie folgende Funktionen für das Individuum erfüllen. (a) Ökonomie: Maximierung von Informationsgehalt bei Minimierung des kognitiven Aufwandes, (b) Inferenz: Reduktion der Unsicherheit durch Schlüsse auf nicht direkt beobachtbare Merkmale (hierunter fallen auch Erklärungen, Vorhersagen, Verallgemeinerungen), (c) Kommunikation: sprachliche wie nichtsprachliche Verständigung zwischen Menschen, (d) Identifikation: Selbstkategorisierung mit dem Ziel eines kohärenten Selbstkonzepts, und (e) Evaluation: Bewertung von Eigengruppen (d.h. Gruppen, zu denen sich ein Individuum selber zählt) und ihren Merkmalen in Relation zu Fremdgruppen“ (Eckes 2010, S. 181). Geschlechterstereotype als allgemein negativen Aspekt menschlichen Zusammenlebens zu konnotieren, wäre gänzlich falsch und entspräche auch gar nicht der (menschlichen) Wirklichkeit, da Geschlechterstereotype allgemein auch als nützlich gelten und die oben genannten Funktionen für das einzelne Individuum erfüllen, wobei in diesem Zusammenhang besonders die Identifikation hervorzuheben ist, die ohne eine klaren Bezug zu einem Geschlecht äußerst instabil und inkohärent wäre.

2.2.1.1. Geschlechterasymmetrie vs. Geschlechtersymmetrie

Geschlechtlichkeit ist ein zentraler Aspekt der menschlichen Existenz, ohne den es die Menschheit nicht geben würde, da der Mensch darauf angewiesen ist, dass es eine weibliche und eine männliche Form innerhalb seiner Art gibt. So ist der Mensch innerhalb der Natur ein Wesen, dass zur Fortpflanzung zwei unterschiedliche Geschlechter benötigt – im Gegensatz zu einigen wenigen Arten innerhalb der Natur, die nur ein Geschlecht, gar kein Geschlecht oder wie die Bodenamöbe sogar drei Geschlechter haben und die sich sowohl geschlechtlich als auch ungeschlechtlich fortpflanzen kann – das Menschsein ist jedoch nach wie vor an eine geschlechtliche Fortpflanzung gekoppelt, die eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern erfordert, die grundsätzlich nicht auflösbar ist oder angeglichen werden kann.

„Eine der Grundannahmen der feministischen Philosophie [und Gender-Theorie] lautet, dass es zwischen den Geschlechtern eine Asymmetrie gibt. Im Zusammenhang damit spricht man von Geschlechterasymmetrien, die es zu überwinden gilt, und begreift dieÜberwindung der Geschlechterasymmetrien‘ oder den ‚Abbau der Asymmetrien zwischen Frauen und Männern‘ als eines der Hauptziele der feministischen Philosophie. […] Die Überwindung oder der Abbau von Geschlechterasymmetrien, die notwendig mit dem Ziel einer Geschlechtersymmetrie einhergehen, teilt die feministische Philosophie mit allen anderen feministischen Projekten wie der Frauenforschung, den Gender Studies oder der konkreten politischen Frauenbewegung“ (Stoller 2010, S. 295). „Gemeint ist damit nicht so sehr der Unterschied der Geschlechter, der als solcher nicht notwendigerweise problematisch ist, sondern in erster Linie die Ungleichbehandlung der Geschlechter, also wie der Unterschied der Geschlechter interpretiert und dann praktisch vollzogen wird. Nicht der Unterschied der Geschlechter als solcher macht die sogenannte ‚Ungleichheit‘ oder ‚Asymmetrie‘ zwischen den Geschlechtern aus, sondern die Interpretation und Bewertung des Geschlechterunterschieds und die daraus folgenden politischen, ethischen und sozialen Konsequenzen. Der eingangs erwähnte Begriff von Asymmetrie, auf dem die feministische Philosophie aufbaut, ist folglich eine politische Kategorie. ‚Asymmetrisch‘ bedeutet diesbezüglich, dass Frauen beispielsweise nicht die gleichen Rechte haben wie Männer, dass sie ungleich behandelt werden, d.h. im Vergleich zum männlichen Geschlecht benachteiligt, diskriminiert und unterdrückt usw. werden“ (Stoller 2010, S. 295f.). Problematisch ist, dass in solchen Theorien der Aspekt der unterschiedlichen Geschlechter oder der Anteil des Individuums daran oft ausgeklammert wird – oder wie in der Gender-Theorie komplett verleugnet wird – aber, wenn es darum geht, Ungleichheiten und Benachteiligungen wissenschaftlich und empirisch zu analysieren, ist der Aspekt der Geschlechtlichkeit eine Größe, die entscheidend ist und nicht etwa ausgeklammert oder verleugnet werden sollte. „Nach Auffassung des Gleichheitsfeminismus [und der Gender-Theorie] muss folglich die herrschende Asymmetrie zwischen den Geschlechtern in eine zukünftige Symmetrie der Geschlechter münden“ (Stoller 2010, S. 296). Der Begriff der Asymmetrie zwischen den Geschlechtern wird also fast ausschließlich negativ konnotiert oder es fehlt eine explizite, detaillierte Analyse des Begriffs der Asymmetrie selbst. So ist „das ‚asymmetrische Geschlecht‘ umschreibender oder metaphorischer Ausdruck dafür, dass das Geschlecht in seiner Beziehung zu anderen nicht in eine Beziehung der geschlechtlichen Symmetrie übergeführt werden kann. Das will heißen, dass das Geschlechterverhältnis trotz aller berechtigten feministischen Symmetrieforderungen einen ebenso begründeten, notwendigen Aspekt von Asymmetrie beibehält“ (Stoller 2010, S. 299). Klammern jene feministischen Theorien nun diese Asymmetrie aus oder wird sie wie in der Gender-Theorie komplett verleugnet bzw. als sozio-kulturell konstruierbares Geschlechtsmerkmal verschrien, das somit veränderbar ist, rücken die Ziele jener Theorien zugunsten eines „(Wunsch)Traums von Symmetrie“ in utopische Ferne und degradieren jene Forschung zu einer Pseudowissenschaft. Die menschliche Realität ist in Stein gemeißelt: Es wird immer eine Unterscheidung von Mann und Frau bzw. Unterschiede zwischen beiden Geschlechtern geben, die unauflösbar sind und dies kann aus der Sicht des jeweilig anderen Geschlechts als Benachteiligung empfunden werden, aber in Wahrheit handelt es sich um keine Benachteiligung, weil sie auf die subjektive Sichtweise eines Geschlechts (oder des Individuums) zurückzuführen ist, das die Perspektive des anderen Geschlechts (oder des Individuums) zwar nachempfinden kann, aber niemals wissen kann, wie es ist das andere Geschlecht zu sein (selbst nach einer Geschlechtsumwandlung nicht!). Erschwerend kommt hinzu, „wenn hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses von Symmetrie oder Asymmetrie gesprochen wird, geht man implizit davon aus, dass Geschlechter miteinander verglichen werden können. Dieser Vergleich folgt in der Regel einer bestimmte Vergleichslogik: Geschlecht A wird mit Geschlecht B verglichen, und aus diesem Vergleich resultiert ein Unterschied: ein Unterschied der Geschlechter. Jemand Dritter steht in Beziehung zu den beiden Vergleichsobjekten und vollzieht den Vergleich von einer quasi neutralen Position aus. Die oder der Vergleichende nimmt einen Außenstandpunkt ein und gibt sich neutral“ (Stoller 2010, S. 300). Dieser Vergleich aus einer angeblich neutralen Position ist jedoch nicht möglich, weil die neutrale Position keine neutrale Position ist, denn ein neutraler Beobachter kann sich nicht nur nicht von seinem eigenen Geschlecht subjektiv und objektiv lösen, sondern er kann ebenfalls nicht subjektiv und auch nicht objektiv sagen, wie es ist das andere Geschlecht (oder ein anderes Individuum) zu sein. Ihm fehlt jeweils die Perspektive des anderen Geschlechts, die weder Objektivität noch Neutralität zulässt. „In der Regel geht man bei einem Vergleich von einem neutralen Dritten aus, einer Art stummem Beobachter, der den Vergleich vollzieht: Er oder sie vollzieht den Vergleich. Doch schon dieser kurze Hinweis auf das soeben genannte grammatikalische Geschlecht deutet auf die Problematik der Neutralitätsannahme hin, denn es macht einen Unterschied, wer den Vergleich vollzieht. Denn wenn ich selbst es bin, die vergleicht, bin ich Teil dieses Vergleichs, und der Vergleich ist nicht mehr neutral oder objektiv im strengen Sinne. Ich greife deutend ein; ich bin es, die vergleicht – und nicht ein anderer oder eine andere. Die Subjektposition ist Bestandteil des Vergleichs. Ich vergleiche mich mit dem anderen, nicht ich vergleiche den einen mit dem anderen. […] Daraus folgt: Wenn wir sagen: ‚Das ist eine Frau‘, ‚Das ist ein Mann‘ oder ‚Die Frau unterscheidet sich vom Mann‘, ‚Der Mann unterscheidet sich von der Frau‘ usw., so sagen wir das als geschlechtliche Wesen und nicht als neutrale oder objektive Dritte“ (Stoller 2010, S. 301). Dies ist einer der Hauptkritikpunkte an den Zielen der Gender-Theorie, denn Geschlecht ist eben nicht sozio-kulturell bedingt, denn wenn dies der Fall wäre, müsste ja jemand, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat, allein vom kulturellen und soziologischen Aspekt her gesehen, nicht nur wissen, wie es ist eine Frau oder ein Mann zu sein, sondern er wäre dann sogar eine Frau oder ein Mann, was er eben nicht ist, da ihm die biologische Komponente des Geschlechts fehlt, die maßgeblich dafür verantwortlich ist, zu wissen, wie es ist Mann oder Frau zu sein, also wie es ist der andere zu sein, weil man von Geburt an nur man selbst und eben nicht der andere oder das andere Geschlecht war.

Die davon betroffenen Mensch, die vermeintlich im falschen Körper geboren wurden, können somit zwar durchaus fühlen, wie es ist Mann oder Frau zu sein, sie können es aber nicht wissen, da sie im falschen Körper geboren worden sind und ihnen diese Perspektive eben nur dieses einseitige Wissen ermöglicht. „Ein neutrales Drittes, mittels dessen die Differenz zwischen zweien gemessen werden könnte, gibt es nicht“, „der objektive Vergleich nährt [lediglich] die Illusion, dass man die Vergleichsobjekte von beiden oder gar von allen Seiten sehen kann. Dagegen ist als erstes einzuwenden, dass man immer nur auf einer Seite steht und nicht auf beiden Seiten zugleich. […] Und das gilt für die Frau in ihrem Bezug auf den Mann ebenso wie für den Mann in seinem Bezug auf die Frau – und letztlich für jede geschlechtliche Existenz in Bezug auf eine andere“ (Stoller 2010 S. 302, 303).

Für Transsexuelle, die im Rahmen der Gender-Theorie gerne als Beispiel für Geschlechtslosigkeit und als Negation bzw. Gegenargument zur biologischen Geschlechtstheorie missbraucht werden, gilt dies ebenso. „Man könnte einwenden, dass ich mich sehr wohl in den Anderen hineinversetzen kann. Das mag zutreffen, doch heißt das nicht, dass ich damit auch den Standpunkt des Anderen einnehmen kann, denn wenn ich mich in den Anderen hineinversetze, so tu ich das von mir aus gesehen: Ich versetze mich in den Anderen. Selbst wenn ich gänzlich die Position des Anderen und nicht meine eigene vertrete; wenn ich die Welt ‚durch die Brille‘ eines Anderen sehe, wenn ich gar Züge eines Anderen annehme, weil ich mich in ihn hineinversetzt habe oder mich ganz mit ihm identifiziere, so werde ich vielleicht anders, d.h. mich verändern, aber dennoch werde ich kein anderer als ich selbst werden“ (Stoller 2010, S. 304). „Transsexuelle nehmen freiwillig das andere Geschlecht an. Sie wechseln vom einen zum anderen Geschlecht über. […] So hat die soziologische Transsexuellenforschung anhand von empirischem Material gezeigt, dass die Identifizierung mit dem neuen Geschlecht nicht bruchlos verläuft. ‚Die Wirklichkeit des neuen Geschlechts von Transsexuellen ist […] auf vielfältige Weise gebrochen. Eine einfache Realisierung […] ist nur begrenzt möglich, da zumindest in Bezug zur eigenen Geschichte das neue Geschlecht immer wieder in Frage gestellt wird‘. Dadurch, dass das ‚neue Geschlecht‘ eine Geschichte hat, bleibt die entworfene neue Geschlechtsidentität paradox. ‚Selbst im Falle einer optimalen Anpassung […] ist eine bruchlose Realisierung des neuen Geschlechts ausgeschlossen, da ihre Geschichte auch nach einer ontologischen Neukonstruktion nicht die Geschichte einer Person des neuen Geschlechts sein wird‘. Das heißt, dass die Schwierigkeiten, die neue Identität zu leben, nicht mit einem Male beseitigt sind, wenn der oder die Transsexuelle alle ihre bzw. seine technischen, medizinischen und rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft hat“ (Stoller 2010, S. 305). Die Ausprägung des Geschlechts ist ein irreversibler biologischer Prozess. „Eine Mann-zu-Frau-Transsexuelle [oder ein Frau-zum-Mann-Transsexueller] kann die neue Geschlechtsidentität bestmöglich angenommen haben. Was aber für ihre [oder seine] Identität gültig bleibt, ist die Tatsache, dass sie [oder er] einst ein Mann [oder eine Frau] war, unabhängig von der Frage, ob sie [oder er] sich mit dieser geschlechtlichen Identität identifiziert hat oder nicht, und dass dieses Faktum eine Vergangenheitsdimension ihres [und seines] gegenwärtigen neuen Lebens bleibt. Dass das ‚Ausgangsgeschlecht‘ auch dann noch da ist, wenn man sich der neuen geschlechtlichen Identität sicher ist, zeigt sich schon an dem Wunsch, ‚das andere Geschlecht‘ werden zu wollen, insofern das ‚andere‘ Geschlecht auf das Ausgangsgeschlecht zurückverweist“ (Stoller 2010, S. 305f.). „Neben der Irreversibilität stellt die Irreziprozität eine weitere Form von Asymmetrie dar. Bezüglich der Geschlechterdifferenz heißt das, dass das Verhältnis der Geschlechter zueinander durch eine Nicht-Wechselseitigkeit gekennzeichnet ist. […] [Aber] bis heute stellt in der feministischen Ethik die Reziprozität das geltende Gerechtigkeitsmodell

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zwischen den Geschlechtern dar. Doch trifft ‚A B = B A‘ logischer Ausdruck der wechselseitigen Relation, wirklich auf das Geschlechterverhältnis im Sinne der oben

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angesprochenen gelebten Geschlechterbeziehung? ‚A B = B A‘ bedeutet, dass es keinen Unterschied macht, wer auf wen wie bezogen ist. Es spielt also keine Rolle, in welche Richtung man geht, der eine Weg wäre so gut wie der andere. Geht man jedoch von konkreten Subjekten aus und ihren konkreten Beziehungen zu anderen Subjekten, kann keine Wechselseitigkeit geltend gemacht werden, es sei denn auf Kosten ihrer spezifischen Differenz. Aus der Perspektive der gelebten Relation verhält sich eine Frau zum Mann nicht wie ein Mann zur Frau. Schon die Richtung ist eine andere. Wenn etwas von der anderen Seite herkommt, dann kann man nicht mehr von derselben Richtung sprechen. In einem konkreten zwischenmenschlichen Verhältnis ist der eine anders auf den anderen gerichtet als der andere“ (Stoller 2010, S. 307). Das Geschlechterverhältnis ist nicht umkehrbar und ist nicht durch eine Wechselseitigkeit gekennzeichnet, die weder eine objektive noch neutrale Beurteilung, wie es ist Mann oder wie es ist Frau zu sein, zulässt. „Die Unmöglichkeit, sich vom eigenen Leib zu entfernen, hat aber entscheidende Konsequenzen theoretischer Natur. Da ich mich nicht von mir selbst entfernen kann, kann ich auch keinen ‚äußeren Standpunkt‘ einnehmen, einen Standpunkt außerhalb meiner selbst“ (Stoller 2010, S. 312).

„In Das Unbehagen der Geschlechter stellt Butler die These auf, dass die Geschlechtsidentität (gender) weder etwas Naturgegebenes noch etwas Stabiles ist, sondern dass es im Unterschied dazu etwas ist, was erst kulturell hergestellt werden muss, und zwar permanent“ (ebd. S. 418), aber Tatsache ist, dass „uns der eigene Leib eine Perspektive aufzwingt, der wir uns nicht einfach entledigen können, und er bringt auf diese Weise eine asymmetrische Dimension ins Spiel, die das Verhältnis zwischen Personen ebenso sehr bestimmt wie dasjenige zwischen Geschlechtern“ (ebd. S. 313).

2.2.1.1. Partielle Unveränderbarkeit des inneren Geschlechts

Alle Theorien der Geschlechterforschung, sei es der Gender-Ansatz oder die Theorie der Geschlechterdifferenz, basieren auf einem Ursprungsgedanken – nämlich dem, dass Geschlecht gewissen Veränderungen ausgesetzt ist – ein Ansatz, der strikt genommen, falsch ist. Es geht bei jenen Theorien, um die partielle Veränderbarkeit gewisser Körper- und Geschlechtsmerkmale, die nicht als irreversibel vorausgesetzt werden, was jedoch ebenfalls nicht stimmt. So gibt es im Menschen jeweils Geschlechtsmerkmale, die veränderbar und nicht veränderbar sind – außer Acht gelassen werden dabei jedoch fast immer, dass die veränderbaren Geschlechtsmerkmale nicht maßgeblich für die Geschlechtsidentität verantwortlich sind, weil sich die Identität nach dem Geburtsgeschlecht richtet, also nach dem inneren Geschlecht eines Menschen, welches generell unveränderbar ist und bleibt.

Wir können nicht ändern, was wir sind oder wie wir auf die Welt kommen – dennoch gibt es Menschen, die so etwas glauben und versuchen. „Der amerikanische Mediziner John Money war einer der Ersten, die wissenschaftlich zu beweisen versuchten, dass Geschlecht nur erlernt ist, er war einer der Pioniere der Gender-Theorie. Money ging bei seiner Forschung nicht zimperlich vor: Im Jahr 1967 unterzog er den knapp zwei Jahre alten Jungen Bruce Reimer einer Geschlechtsumwandlung; dessen Penis war zuvor bei einer Beschneidung verstümmelt worden. Schon bald zeigte sich, dass sich die Realität nicht Moneys Theorie beugen wollte. Schon als kleines Kind riss sich Brenda, wie Bruce nun hieß, die Kleider vom Leib, um Mädchenspielzeug machte sie einen weiten Bogen. Als Brenda mit 14 erfuhr, dass sie als Junge auf die Welt gekommen war, ließ sie die Geschlechtsumwandlung rückgängig machen. Im Frühjahr 2004 erschoss sich Bruce Reimer mit einer Schrotflinte“ (Pfister 2007).

Dieses Beispiel zeigt ebenfalls, dass die Wandelung in ein anderes Geschlecht nicht bruchlos verläuft, wir können nicht plötzlich eine Frau oder ein Mann sein, nur weil wir es wollen. Die partielle Veränderbarkeit von Geschlecht bezieht sich zugegebenermaßen auf gewisse Teile des Inneren, so ist beispielsweise im Inneren der Wunsch, ein anderes Geschlecht sein zu wollen und die damit einhergehende eigene Wahrnehmung durchaus wandelbar, was zur partiellen Veränderbarkeit des Geschlechts gezählt werden kann und was ebenfalls für das äußere Erscheinungsbild und die äußeren Genitalien gilt oder die Art und Weise, wie man sich kleidet und gibt. Demgegenüber steht jedoch die partielle Unveränderbarkeit des inneren Geschlechts, denn egal wie sehr ich mich auch selbst verleugne oder mir vorgaukle, das andere Geschlecht sein zu wollen, ich bin als ein eindeutiges Geschlecht geboren worden und werde auch als dieses Geschlecht sterben, unabhängig davon, wie sehr an mir herumoperiert oder herumgedoktert wurde – ich kann meine Natur nicht künstlich oder nachträglich ändern. So ist die (Un-)Veränderbarkeit meiner Äußerlichkeit so lange primäres Geschlechtsmerkmal, wie ich mein Äußeres und meine Geschlechtsorgane nicht operativ verändern lasse. Die Gender-Theorie geht nun von einer generellen Wandelbarkeit des Geschlechts aus, da Geschlecht allein sozial und kulturell konstruiert wird, dabei wird jedoch die partielle Unveränderbarkeit jedes Menschen und seines inneren Geschlechts außer Acht gelassen bzw. unter den Tisch gekehrt, denn selbst wenn ich mich äußerlich, wie das andere Geschlecht darstelle, bleibt mein Ausgangsgeschlecht ein Teil von mir – und selbst wenn ich mich für eine operative Geschlechtsumwandlung entschieden habe, bin ich zwar äußerlich wie mein Wunschgeschlecht, bleibe aber in einem Teil meines Inneren an die Tatsache meines Ausgangsgeschlechts gebunden, das inoperabel ist. Somit ist Geschlecht keine soziale oder kulturelle Entscheidung, sondern eine unveränderbare Naturgegebenheit, an deren Entscheidung ich weder mitzureden habe, noch kann ich irgendetwas an ihr „ drehen “.

Mein soziales Umfeld und meine Kultur bzw. ferner die Gesellschaft suggerieren mir zwar, dass ich bei meinem Geschlecht durchaus eine „Wahl“ hätte, aber weder die Gesellschaft noch ich können an der naturbedingten Tatsache meines Geschlechts etwas ändern – alles andere ist Haarspalterei und menschlicher Irrglaube.

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Titel: Die Gender-Theorie als Denk- und Kopfproblem