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Die Übersetzung von Flüchen und Beschimpfungen im Film

Eine Untersuchung der deutschen Synchronisation und Untertitel im Vergleich zum schwedischen Original am Beispiel von „Jalla! Jalla!“

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 24 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhalt

1. Fluchen und Schimpfen als Untersuchungsgegenstand

2. Das Untersuchungsmateria
2.1 Der Film „Jalla! Jalla!“
2.2 Die Auswertung des Filmmaterials

3. Übersetzung von Flüchen und Beschimpfungen vom Schwedischen ins Deutsche
3.1 Die Lexik des Fluchens und Schimpfens
3.1.1 Religion
3.1.2 Skatologie
3.1.3 Sexualitä
3.1.4 Tiere
3.1.5 Dummhei
3.2 Übersetzung der Flüche und Beschimpfungen
3.2.1 Übersetzung in die Synchronfassung
3.2.2 Übersetzung im Untertite
3.2.3 Synchronisation und Untertitelung

4. Funktionen von Flüchen und Beschimpfungen im Film
4.1 Charakterisierung der Figuren
4.1.1 Fluchende Frauen
4.1.2 Die männlichen Hauptfiguren
4.1.3 Die männlichen Nebenfiguren
4.2 Kontrastierung von Szenen
4.2.1 Flüche und Beschimpfungen in Verbindung mit anderen Gestaltungsmitteln
4.2.2 Kontrast durch die Szenenabfolge

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

Anhang

1. Fluchen und Schimpfen als Untersuchungsgegenstand

Kontrastive Untersuchungen zu Flüchen und Beschimpfungen im Schwedischen und Deutschen wurden vor allem im Bereich der Lexik zahlreich vorgelegt (u.a. Ljung 1984; Sauer 2001; Nübling, Vogel 2004). Auch dem Fluchen und Schimpfen in den Untertiteln eines Films widmeten sich bereits einige Forscher (Mattsson 2006; Kerkkä 2009).

Eine übersetzungswissenschaftliche Betrachtung einer Synchronisation und eines übersetzten Untertitels zum kontrastiven Fluchen und Schimpfen steht allerdings noch aus. In dieser Arbeit werden deshalb die deutsche Synchronfassung eines Films und die deutsche Untertitelung mit dem schwedischen Original verglichen und auf ihre Übersetzungsstrategien hin untersucht.

Abgesehen von Kerkkä betrachteten Forscher Filme als Quelle für die Sammlung von Flüchen und Beschimpfungen. Sie werteten Filme aus, um damit Erkenntnisse über das Fluchen und Schimpfen im Allgemeinen zu gewinnen, da ein Korpus authentischer Flüche und Beschimpfungen weitaus schwieriger zu erstellen war. Sie ignorierten dabei den Kontext des Filmes, in dem Flüche und Beschimpfungen als Gestaltungsmittel eingesetzt werden. Die Ergebnisse aus der Analyse der Flüche und Beschimpfungen werden in dieser Arbeit daher auf die Gestaltung des Films, insbesondere auf die Figurencharakterisierung und Kontrastierung von Szenen, rückbezogen.

Die Definition von Flüchen und Schimpfwörtern folgt in dieser Arbeit der Definition von Sauer (2001: 247).

2. Das Untersuchungsmaterial

2.1 Der Film „Jalla! Jalla!“

Mit seinem Regiedebüt „Jalla! Jalla!“, was so viel heißt wie „Beeil dich!“ feierte Josef Fares den Durchbruch in der schwedischen Filmbranche. Die Komödie kam 2000 in die Kinos und wurde sowohl ins Deutsche als auch ins Italienische übersetzt und offiziell deutsch, englisch, italienisch und schwedisch untertitelt. Neben diesen professionell übersetzten Untertiteln sind weiterhin zahlreiche Laienübersetzungen, sogenannte „Fansubs“ im Internet zugänglich, beispielsweise in polnischer, portugiesischer oder estnischer Sprache (vgl. subtitleseeker).

Der Film spielt in einer typischen schwedischen Kleinstadt und handelt von den zwei Freunden Roro und Måns, die mit Beziehungs-, Kultur- und Generationskonflikten konfrontiert werden. Roro verschweigt seiner Familie die Beziehung zu seiner Freundin Lisa, weil er fürchtet, dass sie sie wegen ihrer schwedischen Herkunft nicht akzeptieren werden. Die Familie wiederum will Roro mit der libanesischstämmigen Jasmin verheiraten. Måns lebt in einer unglücklichen Beziehung und wird von Potenzproblemen geplagt, bis er sich in Jasmin verliebt.

Der Film gewinnt seine Komik besonders durch die starke Übertreibung. Auf diese Weise werden banale Alltagsszenen mithilfe von Musik oder Sprache als dramatisch inszeniert. Im Bereich der sprachlichen Übertreibungsmittel fallen dem Zuschauer besonders die zahlreichen, wilden Aneinanderreihungen von Beschimpfungen und Flüchen auf.

Das deutsche Sychrondrehbuch ist von Hilke Flickenschildt erstellt worden und hat 2002 den deutschen Preis für Synchron erhalten (vgl. auerswald concept: 2002). Über die Autoren des deutschen Untertitels sind leider keine Informationen vorhanden. Im Rahmen dieser Hausarbeit sollen Flüche und Beschimpfungen und deren Übersetzung in Form der deutschen Synchronisation und der Untertitel untersucht werden.

2.2 Die Auswertung des Filmmaterials

Flüche und Beschimpfungen sind ein Mittel, um die ursprünglich schriftlich verfassten Dialoge der spontanen mündlichen Alltagssprache (vgl. Sauer 2001: 251) anzunähern, sodass für den Zuschauer die Illusion entsteht, es handele sich im Film um einen Ausschnitt der wirklichen Lebenswelt oder zumindest um eine glaubhafte Abbildung von ihr. Auch in „Jalla! Jalla!“ fluchen und schimpfen die Charaktere im gesamten Film, um die Authentizität von Gesprächen zu suggerieren.

An einigen Stellen treten Flüche und Beschimpfungen jedoch gehäuft und exponiert auf. Sie werden inflationär eingesetzt, sodass die Gespräche bisweilen absurd und künstlich wirken. Insgesamt wurden für die Betrachtung der Beschimpfungen und Flüche in dieser Hausarbeit acht Filmsequenzen ausgewertet (s. Anhang).

Da kein Dreh- oder Dialogbuch für den Film verfügbar war, um die Dialoge daraus zu entnehmen, wurden sie Szene für Szene von mir abgehört und protokolliert. Die Untertitel wurden ebenfalls protokolliert. Die Schwäche der gewählten Auswertungsmethode hat sich an wenigen Stellen offenbart, an denen Flüche und Beschimpfungen sehr schnell gesprochen und oft unsauber artikuliert werden oder sie in Szenen mit vielen gleichzeitigen Äußerungen unverständlich bleiben. Flüche und Beschimpfungen werden häufig in Momenten großer, emotionaler Erregung geäußert. Dabei geht es nicht in erster Linie um deren Verständlichkeit sondern vielmehr um die emotionale Entlastung des Sprechers. Das führt dazu, dass Flüche und Beschimpfungen im Film bereits für muttersprachliche Zuschauer schwer verständlich sein können. Fremdsprachliche Beschimpfungen sind noch schwerer zu verstehen, zumal Fremdsprachenlerner lediglich mit den gängigen Flüchen und Beschimpfungen vertraut sind und nur selten mit dem kompletten Fluch- und Beschimpfungsrepertoire. Ich danke an dieser Stelle Boel Ballke, die als Schwedisch-Muttersprachlerin die Szenen aufgrund der schweren Verständlichkeit zusätzlich überprüft hat. Einige wenige Gesprächsteile blieben trotzdem unverständlich. Sie sind in den Dialogprotokollen dementsprechend gekennzeichnet (s. Anhang Szenenprotokolle 1-8).

Aus den ausführlichen Dialogprotokollen der schwedischen Dialoge, ihrer deutschen Synchronfassung und der deutschen Untertitelung wurde zur besseren Übersicht eine direkte Gegenüberstellung der Flüche und Schimpfwörter angefertigt (s. Anhang Filmdialoge 1-8). Dazu wurde die schwedische Audiofassung der einzelnen Ausschnitte in einer Tabellenspalte erfasst. Die Flüche und Beschimpfungen wurden darin hervorgehoben. Im Anschluss wurde eine von mir erstellte, möglichst zielsprachenorientierte Übersetzung der schwedischen Dialogsequenzen in einer weiteren Spalte erfasst. In den beiden letzten Spalten befinden sich die Übersetzungsäquivalente der Flüche und Beschimpfungen aus der deutschen Synchronfassung und des Untertitels. Im folgenden Text werden die Figurenäußerungen daraus als Szene…,Äußerung…, kurz (Sz., Äuß.) zitiert.

3. Übersetzung von Flüchen und Beschimpfungen vom Schwedischen ins Deutsche

3.1 Die Lexik des Fluchens und Schimpfens

Beim Schauen des Filmes fällt zunächst die hohe Frequenz von Beschimpfungen und Flüchen auf. Ihre Verschiedenheit ist allerdings auf den ersten Blick nur schwer einzuschätzen, deshalb sollen in diesem Abschnitt die einzelnen Bereiche der Lexik vorgestellt werden, aus denen die Flüche und Beschimpfungen im Film stammen. Folgt man dabei den Ergebnissen der kontrastiven Studie Damaris Nüblings und Marianne Vogels (2004: 20) zum Thema, so sollten im Schwedischen die Flüche und Beschimpfungen vor allem aus dem religiösen Bereich stammen, wohingegen die deutschen besonders im Bereich der Skatologie zu finden sind. Andere Wortschatzbereiche als Quelle dürften nur marginal vertreten sein.

3.1.1 Religion

Nach der Auswertung aller Flüche und Beschimpfungen zeigt sich, dass der Bereich der Religion im Schwedischen am meisten im Film genutzt wird. Am häufigsten wird jävel oder adjektivisch jävla in Fluchszenen eingebunden, bspw. in Sz. 3, Äuß. 5 det var en jävla pudel. Auch fan ist äußerst beliebt als Fluchwort. Es kann allein stehen oder in Phraseologismen vorkommen wie bspw. för fan (Sz.3, Äuß. 7), ge fan i henne (Sz.5, Äuß. 11). Weitaus seltener kommen weitere religiöse Schimpf- und Fluchwörter wie helvete, das auch in Phraseologismen erscheint wie för helvete (Sz.1, Äuß.19) oder Dra åt helvete (Sz.7, Äuß.2), oder satan als Einzelwort. Religiöse Flüche und Beschimpfungen lassen sich ebenso mit anderen Bereichen der Lexik kombinieren, bspw. helvetes kuk (Sz.2, Äuß. 6) oder din jävla gris (Sz. 3, Äuß.8). Wenn auch die Frequenz der Flüche und Beschimpfungen sehr hoch im Vergleich zu alltäglicher Sprache erscheinen mag, werden die Verhältnisse bei den Wortbereichen zumindest realitätsnah wiedergegeben.

Laut Nübling und Vogel (2004: 20) stammen Flüche und Beschimpfungen im Deutschen, verglichen mit dem Schwedischen, seltener aus dem religiösen Bereich. Dieses Verhältnis berücksichtigt sowohl die deutsche Synchronfassung als auch die Untertitelung. Lediglich verdammt wird öfter ausgesprochen bzw. geschrieben. Als verflucht wird lediglich dreimal jemand in der Synchronfassung benannt. Der Teufel wird ein einziges Mal im Phraseologismus Geh zum Teufel! (Sz.7, Äuß.2 - Synchro. und Untertitel) erwähnt.

3.1.2 Skatologie

Die Übersetzung der schwedischen Flüche und Beschimpfungen offenbart, welcher Bereich im Deutschen am häufigsten verwendet wird. Meistgenannt sind alle abgeleiteten Formen von Scheiße, sei es als Einzelwort, als Kompositum wie in Scheißhaufen (Sz.6, Äuß.5), als Präfix z.B. scheißegal (Sz.5, Äuß.6), in Form eines Adjektivs abgeleitet von einem Verb beschissenes Arschloch (Sz.5, Äuß.12) oder als Phraseologismus s cheiß doch auf ihn (Sz.1, Äuß.7). Weiterhin ist das Wort Arsch zum Fluchen und Schimpfen sehr produktiv im Kompositum Arschloch, kommt jedoch auch als Einzelwort oder im Phraseologismus Leck mich [am Arsch]! (Sz.2, Äuß.2) vor. Im weiteren Sinne können die Schimpfworte Dreck und Drecksack, die ebenfalls in der Synchronisation und der Untertitelung verwendet werden, zum skatologischen Bereich gezählt werden, da sie zwar heute nicht mehr zwangsläufig mit dem Analbereich verbunden sind, sich allerdings etymologisch aus diesem Kontext ableiten lassen (Kluge 2002: 214)

Die skatologischen Flüche und Beschimpfungen im Schwedischen kommen im Film viel seltener als die religiösen Flüche vor und „[beschränken] sich hauptsächlich auf das Wort skit “ (Nübling, Vogel 2004: 27), bspw. als Phraseologismus skit i […]dig (Sz.5, Äuß.7). Das Verb pissa ist nur einmal vorhanden.

3.1.3 Sexualität

In diesem Bereich besitzen Nüblings und Vogels Aussagen für den Film nur wenig Aussagekraft, denn sowohl im Schwedischen als auch im Deutschen finden sich eine Vielzahl von Flüchen und Beschimpfungen aus diesem Lexikbereich. Zwar werden die vielfältigen sexuellen Fluchwörter nicht so oft wiederholt, dafür variieren sie hier stärker.

Im Schwedischen wird der Einfluss des Englischen auf den Schimpfwortschatz an fuck und bitchballe ablesbar. Sie sind als Einzelworte vorhanden und werden nicht wie viele zuvor genannte Beispiele bei der Wortbildung oder in Phraseologismen angewendet. Darüberhinaus werden die Figuren im Film als kuk, fitta, bög, tjack und hora beschimpft. Im Schwedischen können nicht nur Frauen sondern auch Männer als fitta beleidigt werden, im Deutschen hingegen richten sich sexuelle Beschimpfungen immer an das eigene Geschlecht.

Die Liste der deutschen Beschimpfungen im Film ist mit acht verschiedenen Beschimpfungen ähnlich umfangreich. Fuck als Anglizismus ist im Deutschen laut dem Duden noch nicht soweit lexikalisiert, dass es einen eigenen Eintrag darin besitzt. In „Jalla! Jalla!“ sagen es die Deutschen Synchronsprecher immerhin dreimal in den ausgewerteten Szenen. Weitere sexuelle Beschimpfungen sind Schwanzgesicht, schwul, Nutte, Fotze, Wichser, Arschficker, Schlampe und Hure.

3.1.4 Tiere

Tiere als Wortschatzbereich für Flüche und Beschimpfungen erwähnen Nübling und Vogel nicht als eigene Kategorie. Sie fügen lediglich kurz an, dass Sau und Schwein im weitesten Sinne der Skatologie zuzurechnen seien (2004: 23). Für den Film lohnt sich jedoch die Betrachtung der Tierflüche, da sie besonders im Deutschen öfter auftritt. In der deutschen Synchronfassung werden Figuren meist in Kombination mit Adjektiven als Sau, Schwein, Ziege, Kuh und Ratte benannt, bspw. du blöde Ziege (Sz.2, Äuß.2). In der Untertitelung kommt weiterhin Viecher als Beschimpfung vor.

Im Schwedischen ist dieser Bereich weniger produktiv. Hier existiert allein das Wort gris als Beschimpfung im Film, das dafür immerhin viermal verwendet wird.

3.1.5 Dummheit

Der letzte Bereich aus dem Flüche und Beschimpfungen gewählt werden, diffamiert den Gesprächspartner, indem er dessen Unzurechnungsfähigkeit und Dummheit unterstreicht. Als schwedische Beispiele lassen sich in dieser Kategorie dum und idiot finden. In der deutschen Übersetzung gibt es neben Idiot noch das Verb spinnen, die Adjektive blöd und bescheuert sowie den Phraseologismus du tickst ja nicht richtig.

Vergleicht man letztlich alle fünf Kategorien im Schwedischen und in der deutschen Übersetzung miteinander, so fällt auf, dass alle fünf Bereiche als Quelle für Flüche und Beschimpfungen dienen. In den Bereichen Tiere und Dummheit sind im Schwedischen nur vereinzelte Beispiele zu finden. In den deutschen Fassungen ist das Verhältnis zwischen den Bereichen des Fluchwortschatzes abgesehen vom skatologischen ausgewogener als im Schwedischen, wo der Anteil der religiösen Beschimpfungen eindeutig überwiegt. Im Deutschen ist dieser Bereich am geringsten mit immerhin noch drei verschiedenen Beschimpfungen ausgestattet. Alle anderen Bereiche im Deutschen können deutlich mehr unterschiedlich Beispiele für Flüche vorweisen. Insgesamt übertrifft das Spektrum der deutschen Beschimpfungen das der Schwedischen im Hinblick auf die Vielfalt der Bezeichnungen.

3.2 Übersetzung der Flüche und Beschimpfungen

Nachdem die einzelnen Lexikbereiche der Flüche und Beschimpfungen ausführlich dargestellt wurden, wird nun die Übersetzungen von der schwedischen Originalfassung in die deutsche Synchronfassung und Untertitelung eingehend betrachtet.

3.2.1 Übersetzung in die Synchronfassung

Bei der Synchronisation handelt es sich um ein arbeitsteiliges Verfahren, bei dem „die gesamte ausgangssprachliche Dialogtonspur durch eine zielsprachliche Dialogtonspur ersetzt wird“ (vgl. Jüngst 2010: 59). Bei der Übersetzung in die deutsche Synchronfassung müssen die Übersetzer, Dialogbuchautoren und Synchronregisseure einige grundlegende Prinzipien berücksichtigen. Sie sind dafür verantwortlich, die Übersetzung an die Lippenbewegungen der Figuren im Bild anzugleichen und sie für die Synchronsprecher gut sprechbar zu gestalten (vgl. Jüngst 2010: 68). Da Schwedisch und Deutsch beide zur Familie der germanischen Sprachen gehören, lassen sich die Übersetzungen oftmals stärker aneinander annähern (vgl. Jüngst 2010:72).

In „Jalla! Jalla!“ wird vor allem auf die quantitative Lippensynchronität beim Fluchen und Schimpfen Wert gelegt, d.h. die Synchronfassung „[setzt] zeitgleich mit der Lautäußerung im Film [ein] und endet“ mit ihr (vgl. Jüngst 2010: 73). An einigen wenigen Stellen erreicht die Synchronisation sogar qualitative Lippensynchronität. Die Beschimpfung mit fuck in der deutschen Übersetzung lässt sich auf die qualitative Lippensynchronität zurückführen, denn fuck ist die direkte Übersetzung des schwedischen fan oder fuck direkt am Satzanfang, bspw. Sz.1, Äuß.2 oder Sz.4, Äuß.1. Obwohl fuck als Schimpfwort im Deutschen noch nicht so gebräuchlich ist, wird es aufgrund der ähnlichen Lippenstellung genutzt. Auch beim schwedischen idiot ist die Nähe zum Deutschen Idiot in der Synchronfassung in Szene 4, Äußerung 8 Din jävla idiot im Vergleich zum Deutschen Du bist ein verrückter Idiot aufgrund der gleichen Lippenstellung einbezogen worden. Das Adjektiv verrückt als Oxymoron ist in der Synchronfassung eigentlich überflüssig, da Idiot bereits auf die mentale Unzurechnungsfähigkeit verweist. Es verstärkt die Beschimpfung lediglich.

Mitunter werden Beschimpfungen in der deutsche Synchronisation umfangreicher ausformuliert als das schwedische Original, wenn die Kamera die Lippenbewegungen des Sprechers nicht erfasst bspw. Vad fan. Lägg av. im Vergleich zum Deutschen Du tickst ja nicht richtig. Was soll das man? Scheiße! (Sz.5, Äuß.8). Außerdem wird in der Synchronfassung meist der Adressat der Beschimpfung noch einmal explizit angesprochen, wohingegen im Original das Schimpfwort allein steht, z.B. wird aus Vad fan håller du på med jävla idiot? [...] Kuk! im Deutschen Was soll das du Idiot? […] Du Schwanzgesicht! (Sz.5, Äuß.12). Neben der Ausformulierung werden in der Synchronfassung weiterhin Beschimpfungen eingebaut, die im Schwedischen an dieser Stelle nicht angelegt sind, wie etwa Dann wirst du heiraten, du blödes Arschloch!, obwohl im Original lediglich Du ska gifta dig! gesagt wird. Eine mögliche Erklärung ist, dass auf diese Weise der Gesprächspartner hervorgehoben wird, der sich gerade vom Schimpfenden entfernt, und die Distanz zwischen beiden durch die Beschimpfung im Deutschen überwunden werden soll. Inhaltlich liefern die zusätzlichen deutschen Beschimpfungen keine weiteren Informationen, sie dienen vielmehr der expressiven Funktion und lassen sich deshalb problemlos in die Übersetzung einfügen. Der Akzent mit denen einige Figuren (bspw. Paul und Roro) ihre Flüche auf Schwedisch sprechen, wird von den deutschen Synchronsprechern nicht aufgegriffen. Während die Flüche durch den Akzent noch schlechter zu verstehen sind, wirken sie im Hochdeutschen durch ihre bessere Verständlichkeit mehr betont.

Die Flüche und Beschimpfungen in der Synchronfassung stammen aus allen oben genannten Wortbereichen. Am häufigsten, und darin stimmt die Synchronfassung mit Nüblings und Vogels Untersuchung von 2010 überein, fluchen die Figuren im Film mit skatologischen Schimpfwörtern.

3.2.2 Übersetzung im Untertitel

Die Untertitelung in einer Fremdsprache wird auch als interlinguale Untertitelung bezeichnet (vgl. Jüngst 2010: 25). Es handelt sich um „die verknappte Übersetzung des Filmdialogs, die als Lesetext zu sehen ist, während der Film mit der orginalsprachlichen Dialogspur läuft“ (Jüngst 2010:25). Drei Prozesse finden bei der Untertitelung statt: Der Text wird von einer Sprache in eine andere übersetzt, der gesprochene Text wird verschriftlicht und gekürzt (vgl. Jüngst 2010:25).

Da die Untertitelung als Schriftsprache zu betrachten ist, folgt sie ebenso schriftsprachlichen Konventionen. Flüche und Beschimpfungen sind jedoch eher ein Phänomen der gesprochenen Sprache und werden nur selten verschriftlicht. Einen Fluch zu lesen erzeugt demnach einen stärkeren Effekt beim Zuschauer als einen Fluch zu hören (vgl. Jüngst 2010: 52). Flüche und Beschimpfungen liefern, keine inhaltlichen Informationen, sondern bringen die Gefühle eines Sprechers zum Ausdruck. Aus beiden genannten Gründen wird im Untertitel daher häufig auf ihre Wiedergabe verzichtet. Festzuhalten bleibt allerdings ebenso, dass Flüche und Beschimpfungen ihren Sprecher charakterisieren (vgl. Kerkkä 2009: 51). Sie können in einem Film wie „Jalla! Jalla!“, in dem in vielen Szenen und von verschiedenen Figuren geflucht und geschimpft wird, nicht im Untertitel ausgespart werden.

Zunächst fällt auf, dass im deutschen Untertitel wie bereits in der Synchronfassung die Akzente nicht berücksichtigt werden, was im Fall des Untertitels den schriftsprachlichen Konventionen geschuldet ist. Einem Zuschauer wäre es nicht zuzumuten das anstrengende Lesen der Untertitel noch durch die schriftsprachliche Wiedergabe eines Dialektes zu verkomplizieren (vgl. Jüngst 2010: 51).

Überdies wird in „Jalla! Jalla!“ nur ein Bruchteil aller gesprochenen Flüche und Beschimpfungen mit dem Untertitel übersetzt. In der ersten Szene gibt es bspw. in der schwedischen Fassung 13 gesprochene Beschimpfungen, in der Synchronfassung sind es neun. Im Untertitel stehen nur noch drei Schimpfwörter, von denen zwei nicht einmal als Beschimpfungen sondern eher in ihrem wörtlichen Sinn gemeint sind.

Die Beschimpfungen, die im Untertitel erscheinen, werden im Vergleich zur schwedischen Fassung oftmals radikal gekürzt. Zum einen liegt dies am Sprechtempo, welches das Lesetempo bei weitem übersteigt. Würden die Untertitel so schnell gezeigt, wie die Flüche gesprochen werden, könnte ein Leser parallel zum Betrachten der Bilder unmöglich alle verstehen. In Szene 2, Äußerung 6 wird z.B. Men vad fan i helvete. […] Fuck i helvetes satan. Helvetes kuk. Jävel. Satan. Jävel. Fan ocks å. Fan. im deutschen Untertitel zu Verdammte Scheiße. Den Drecksack bring ich um. Scheiße eingekürzt . Auf die Wiedergabe sich wiederholender Wörter wird, wie das Beispiel ebenfalls belegt, im Untertitel ganz verzichtet.

Zum anderen ist es nicht nötig jede Beschimpfung im Untertitel darzustellen, da sich die Gefühle des Sprechers aus seiner Intonation, Mimik und Gestik ebenfalls ablesen lassen. Zu Recht ist in Szene 5 darauf verzichtet worden, alle Beschimpfungen von Måns im Untertitel aufzuzählen. Der Zuschauer versteht anhand der Intonation und Körpersprache auch ohne Worte die Verzweiflung der Figur, ohne dass der Untertitel Teile des Bildes einnimmt und von der gezeigten Handlung ablenkt.

Aus allen Wortbereichen sind Flüche und Beschimpfungen im Untertitel vertreten, wobei auch in den Untertiteln am meisten skatologisch geflucht wird, insofern bestätigt der Untertitel das Ergebnis aus der Untersuchung der Synchronisation und der Studie von Nübling und Vogel.

3.2.3 Synchronisation und Untertitelung

Sowohl bei der Synchronfassung als auch bei der Untertitelung handelt es sich um eine zielsprachenorientierte Übersetzung, da überwiegend skatologisch geflucht wird. Der Fluch fan als Interjektion vor einem ganzen Satz (Telemann 1987: 64) oder als Komplement zu einem Fragewort (Telemann 1987: 59), z.B. vad fan oder auch var fan, sind mit einem übersetzten Äquivalent im Deutschen nicht üblich. In der Synchronfassung oder Untertitelung werden Flüche solchen Typs entweder in den darauffolgenden Satz integriert oder nicht übersetzt, bspw. wird Fan! Vill han inte plocka upp? in der Synchronfassung zu Hebt der das nicht auf? (Sz.1, Äuß.6) oder aus Men vad fan glor ni p å? wird ebenfalls in der Synchronisation Was glotzt ihr so dämlich? (Sz.4, Äuß.9).

Dicht am gesprochenen Ausgangstext bleiben die Synchronisation und die Untertitelung, wo im Schwedischen und Deutschen die gleichen Flüche zur Verfügung stehen und, wie bereits erwähnt, qualitative Lippensynchronität erreicht wird bzw. die Zuschauer das schwedische Fluchwort verstehen könnten und es deshalb auch lesen, bspw. Din jävla idiot, in der Synchronfassung Du bist ein verrückter Idiot! und im Untertitel Du Idiot!. Weiterhin werden die Phraseologismen mit Flüchen und Beschimpfungen relativ dicht an der schwedischen Fassung übersetzt und demselben Wortbereich zugeordnet, bspw. der religiöse Phraseologismus Dra åt helvete! in der Synchronisation und im Untertitel Geh zum Teufel. Dies bietet sich bei der Übersetzung ins Deutsche besonders bei den skatologischen Flüchen an, z.B. pissa p å mig in der Synchronisation als mich besche ißen oder bspw. Skit i han. in der Synchronfassung als Scheiß doch auf ihn. (Sz.1, Äuß. 7). Die Übersetzung von skit i… variiert dabei auch, gleichbleibt in allen Übersetzungen jedoch der Bezug zur Skatologie, so kann Jag skiter väl i dig! im Untertitel auch freier als Geht dich einen Dreck an! (Sz.5, Äuß.6) übersetzt werden und in der Synchronisation an der gleichen Stelle mit Du bist mir so scheißegal. Der Präfix scheiß- ist im Deutschen negativ konnotiert, wohingegen der schwedische Präfix skit- durchaus etwas Positives verstärken kann kann, z.B. Är den skitstor[…] (Sz.4, Äuß.7) im Deutschen mit riesengroß übersetzt. Die Synchronisation orientiert sich bei der Übersetzung von skithög zu stark an der Ausgangssprache, indem sie es wörtlich mit Scheißhaufen (z.B. Sz.6, Äuß.5) ins Deutsche übersetzt. Die Untertitelung berücksichtigt hingegen die Zielsprache und übersetzt es als Arschloch.

Die Beschimpfungen aus dem sexuellen Lexikbereich sind größtenteils in der Zielsprache ebenso als sexuelle Beschimpfungen wieder aufgegriffen worden, wenn auch nicht immer in direkter Übersetzung, z.B. din jävla fitta auf Deutsch du beschissener Wichser (Sz.4, Äuß.7). Der einzige Fall bei dem die Synchronisation konsequent eine andere Übersetzungsvariante als der Untertitel wählt, ist im sexuellen Wortschatzbereich zu finden.Die Beschimpfung hora (z.B. Sz.6, Äuß.13). In der Synchronisation wird immer Nutte dafür eingesetzt, wohingegen im Untertitel stets Hure steht. Sonst übersetzen weder die Synchronisation noch die Untertitelung einen Fluch oder eine Beschimpfung über den gesamten Film hinweg aus dem Schwedischen mit einem einzigen festen deutschen Pendant. Die sexuellen Beschimpfungen weichen sowohl im Schwedischen als auch im Deutschen am stärksten von den bereits konventionalisierten Schimpfwörtern wie fan oder Scheiße ab. Dies lässt sich daran festmachen, dass Beschimpfungen wie bitchballe (Sz.2, Äuß.4) oder Schwanzgesicht (Sz.5, Äuß.12) weder in den ein- noch in den zweisprachigen Wörterbüchern zu finden sind. Da die sexuellen Flüche im Verhältnis zu den anderen Wortbereichen seltener eingesetzt werden, wirken sie stärker. Darüber hinaus stehen sie einige Male unmittelbar am Ende eine Fluchtirade und stechen durch ihre Position für den Zuschauer hervor, z.B. Vad fan! Skit! Jävla bitchballe! (Sz.2, Äuß.4). Die Untertitelung beschränkt sich auf diesen letzten und stärksten Fluch und schreibt Dreckige Schlampe. Die Synchronisation wiederum greift die Struktur zwar auf, allerdings positioniert sie nicht die stärkste Beschimpfung am Ende, sondern bezeichnet die Gesprächspartnerin als alte Fotze mitten in der Reihe von Beschimpfungen. Am Ende des Satzes steht die im Vergleich zum schwedischen Original abgeschwächte tierische Beschimpfung als frustrierte Scheißkuh. Diese Übersetzungsvariante nutzt immerhin ein auffälliges, deutsches Wort für eine der ungewöhnlichen, schwedischen Beschimpfungen im Film. Doch Kuh als Schimpfwort wirkt eher harmlos und kindlich. Ungleich ist das Verhältnis zwischen Ausgangs- und Zielsprache ebenso bei der Übersetzung der Beschimpfung Satans tjack! (Sz.2, Äuß.2) . In der Synchronisation wird die sexuelle Beschimpfung erneut in das Tierreich als du blöde Ziege übertragen, obwohl Schlampe die exaktere Übersetzung wäre. In einer Fluchtirade lässt dich die Gewichtung der Flüche und Beschimpfungen nachvollziehen. Natürlich kontrolliert sich der Sprecher beim Fluchen nicht völlig, dennoch kann davon ausgegangen werden, dass die stärkste Beschimpfung am Ende einer Äußerung vorkommt, da es sich nicht um eine spontane Gesprächssituation handelt, sondern um einen schriftlichen, im Voraus geplanten Dialog. Die Steigerung soll einen Effekt beim Zuschauer erzielen. Meist weicht der Gesprächspartner während solch einer Fluchtirade vor dem Schimpfenden zurück, bspw. als die Wachfrau in Szene 2 die Tür des Einkaufszentrums vor dem fluchenden Hundehalter verschließt oder Paul nach der Schlägerei mit Måns im Park davonläuft. In beiden Situationen steht am Ende der Beschimpfungen ein sexueller Fluch, z.B. Kuk!, welches in der Synchronisation mit der markanten Beschimpfung Schwanzgesicht! (Sz.5, Äuß.12) übersetzt worden ist.

4. Funktionen von Flüchen und Beschimpfungen im Film

Natürlich ließen sich aus „Jalla! Jalla!“ Informationen über das Fluchen und Schimpfen während der Entstehungszeit des Films gewinnen. Interessanter hingegen ist, welche gestalterische Funktion sich Hinter der Nutzung von Flüchen und Schimpfen im Film verbirgt. Da es sich beim Film um ein geplantes Kunstwerk handelt, kann davon ausgegangen werden, dass Figuren zu einem bestimmten Zweck fluchen oder schimpfen und dass Fluchszenen eine Funktion im Handlungsverlauf zukommt (vgl. Kerkkä 2009: 51).

4.1 Charakterisierung der Figuren

4.1.1 Fluchende Frauen

Die ausgewerteten Szenen veranschaulichen deutlich, dass Fluchen und Schimpfen im Film eine männliche Ausdrucksmöglichkeit ist. Das liegt zum einen an der Besetzung des Filmes. Die Hauptfiguren sind Männer und ein großer Teil der Nebenfiguren ebenso. Doch im Gegensatz zu den weiblichen Nebenfiguren werden die männlichen viel stärker im Film durch ihr Fluchen und Schimpfen charakterisiert.

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Details

Seiten
24
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656513407
ISBN (Buch)
9783656513100
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262690
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald – Institut für Skandinavistik und Fennistik
Note
1,3
Schlagworte
übersetzung flüchen beschimpfungen film eine untersuchung synchronisation untertitel vergleich original beispiel jalla

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Titel: Die Übersetzung von Flüchen und Beschimpfungen im Film