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Liebe und Sexualität bei Cervantes und María de Zayas

Examensarbeit 2009 90 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2.THEORETISCHE GRUNDLAGEN
2.1. Intertextualität
2.1.1 Was ist Intertextualität?
2.1.2. Zayas Novelle als ré-écriture von Cervantes
2.2. Die Analyse des Geschlechts in der Literatur
2.2.1. Frauenbewegung und Feministische Literaturwissenschaft
2.2.2. Geschlechterforschung oder Gender-Studies.
2.2.3. Queer-Theory und Queer-Reading.
2.2.4. Praktische Ansätze
2.3. Lotmans Raumstrukturierungstheorie

3. DIE LIEBESKONZEPTION IM SIGLO DE ORO
3.1. Die Philosophie
3.1.1. Die platonische Liebe
3.1.2. Von der platonischen Liebe zur christlichen Liebe.
3.1.3. Die Seele (nach Aristoteles)
3.2. Die Medizin
3.2.1. Die Drei-Kammer Theorie
3.2.2. Die Geister
3.2.3. Die Vier-Säfte-Lehre
3.2.4. Die Liebeskrankheit
3.3. Die Literatur

4.DIE FRAU IN DER GESELLSCHAFT
4.1. Das Bild der Frau
4.1.1 Natur und Funktionen der Frauen
4.1.2. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft
4.1.3. Moralische Modelle und Realität
4.2. Die räumliche Darstellung bei Cervantes und María de Zayas
4.2.1. El Celoso Extremeño
4.2.2. El Celoso extremeño und la burlada Aminta.
4.2.3. Das Haus
4.2.4 Das Überschreiten der Grenzen
4.3. Die Frau bei Zayas und Cervantes

5. MARÍA DE ZAYAS PROLOG „AL QUE LEYERE“.

6. DAS HEIRATEN
6.1. Die Hochzeitsverhandlungen
6.2. La fuerza de la sangre und la fuerza del amor.
6.3. Das Motiv der Hochzeit als Kritik der Gesellschaft.

7. GELD UND IMPOTENZ
7.1. Die Täuschungen der Frauen
7.1.1. Das Haus
7.1.2. Der geheime Liebhaber.
7.1.3. Doña Isidoras Alter
7.1.4. Der Diebstahl
7.2. Don Marcos‘ Geiz
7.3. Die Geldsymbolik

8. „PRÄHOMOSEXUALITÄT“ BEI ZAYAS UND CERVANTES
8.1. Prähomosexuelle Konzepte
8.1.1. Die Päderastie
8.1.2. Männerfreundschaft
8.1.3. Effemination und Inversion
8.2. la ilustre fregona
8.2.1. Die Figur des Carriazos
8.2.2. Familienbund und erotisches Dreieck
8.2.3. Raumanalyse
8.2.4. Der Esel
8.3. La burlada Aminta 76
8.3.1. Die Beziehung zwischen Flora und Aminta
8.3.2. Das erotische Dreieck.
8.3.3. Raumanalyse
8.4. Das homoerotische Begehren bei Zayas und Cervantes

9. DIE PROSTITUTION
9.1. La ilustre fregona 81
9.2. El castigo de la misería
9.2.1. Don Marcos und Carriazo
9.3. Die Umkehrung der Gender

10. SCHLUSSBETRACHTUNG

11. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

„Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“. „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“. Solche „pseudo-wissenschaftliche Schriften“ erreichen in der heutigen Gesellschaft problemlos in den Bestsellerlisten. Meine Absicht ist es nicht, diese Bücher in irgendeiner Weise zu analysieren. Ihre Erwähnung in dieser Einleitung zeigt lediglich, dass Männer und Frauen anders denken. Dies scheint zumindest die herrschende Meinung der westlichen Welt zu sein. In dieser Arbeit befasse ich mich mit der Frage, ob die Liebe und die Sexualität im Spanien des 17. Jahrhunderts von einer Frau anders wahrgenommen wird, als von einem Mann. Um diese Frage beantworten zu können, stütze ich mich auf einen Vergleich zwischen zwei Autoren aus dieser Epoche.

Miguel de Cervantes Saavedra bedarf es keiner großen Vorstellung mehr. Durch seinen Roman el ingenioso hidalgo Don Quijote de la Mancha erreichte er die Unsterblichkeit. Sein Name ist heute noch synonym für Kultur und Literatur. In aller Welt stehen die Cervantes-Institute für die Verbreitung der spanischen Kultur. Sein Porträt schmückt die spanischen 10-, 20- und 50-Eurocent-Münzen. Die größte Online-Bibliothek über die spanische Literatur trägt ebenfalls seinen Namen.

Der Don Quijote ist allerdings nicht das einzige von ihm verfasste Werk. Das Thema dieser Arbeit ist zum Teil seine etwas weniger bekannte Novellensammlung, die 1613 erschien: die novelas ejemplares. In 12 Kurzgeschichten, die meistens die Liebe thematisieren, portraitiert er mit viel Ironie die Gesellschaft seiner Zeit. Obwohl der Titel schon darauf hinweist, dass diese Geschichten ‚exemplarisch‘ seien (und dementsprechend eine gewisse Moralvorstellung verteidigen), vertritt diese Arbeit die These, dass Cervantes Strategien anwendet, um als unmoralisch geltende Aspekte der Gesellschaft darzustellen, vor allem wenn es um die Sexualität geht.

1637, also vierundzwanzig Jahre nach der Veröffentlichung der novelas ejemplares erschien die erste Novellensammlung von María de Zayas: novelas amorosas y ejemplares. Es ist sehr wenig bekannt über diese Autorin des 17. Jahrhundert, außer dass sie zu den wenigen schreibenden Frauen ihrer Zeit gehörte.

Meiner Meinung nach handelt es sich bei Zayas um eine Neudichtung der Novellen von Cervantes unter Berücksichtigung ihres eigenen Geschlechts. Diese Theorie wurde schon zum Beispiel von Ursula Jung in ihrem Aufsatz „Novellenerzählen und Geschlecht im Siglo de Oro: María de Zayas‘ ré-écriture der cervantinischen Novelle“ vertreten. Dabei interpretiert sie jede einzelne Geschichte als neue Variante einer cervantinischen. Ich glaube jedoch, dass diese ré-écriture über die Grenze der einzelnen Novellen hinausgeht. Eine Novelle von Zayas besteht aus verschiedenen Elementen der novelas ejemplares. Diese Elemente zu isolieren erlaubt es uns, zwei Auffassungen zum gleichen Motiv kennenzulernen: die der Frau und die des Mannes.

Mit seiner neoplatonisch geprägten Gesellschaft besitzt das 17. Jahrhundert eine Vorstellung der Liebe, die aus der Antike stammt. Wie diese Liebeskonzeption in der Literatur von Zayas und Cervantes dargestellt wird, soll hier näher untersucht werden, unter Berücksichtigung philosophischer und medizinischer Aspekte, von der Antike bis zur frühen Neuzeit.

Das Bild der Frau ist einer der wichtigsten Aspekte, die in dieser Arbeit behandelt werden. Die Gesellschaft ist im 17. Jahrhundert eine sehr patriarchale Gesellschaft, dementsprechend beruht sie auf dem Glauben, dass die Frau im Vergleich zum Manne minderwertig sei. Bei einem Vergleich der Auffassungen eines männlichen und eines weiblichen Autors ist die Frage berechtigt, ob diese sich grundlegend voneinander unterscheiden.

Schließlich sollen zwei weitere Facetten der Sexualität untersucht werden, nämlich die Homosexualität und die Prostitution. Weder das eine noch das andere Phänomen waren in der frühen Neuzeit selten.

Um diese These zu stützen, ist es notwendig Ansätze aus verschiedenen Forschungsrichtungen zu berücksichtigen. Als erstes sollen die Theorien der Intertextualität (insbesondere Genette), sowie der Gender-Studies zusammengefasst werden. Der Bezug eines Textes ( novelas amorosas) auf einen anderen ( novelas ejemplares) ist Hauptgegenstand der Intertextualität. Die Ansätze der Gender-Studies sind in diesem Fall relevant, denn das Geschlecht der Autoren beeinflusst ihre Auffassung der verschiedenen Aspekte von Liebe und Sexualität. Ein weiterer Grundsatz, der zum Beispiel bei der Darstellung des Geschlechtsunterschieds eine wichtige Rolle spielt, ist Lotmans Raumstrukturierungstheorie. Im folgenden Kapitel werden diese unterschiedlichen Theorien vorgestellt und kurz erläutert.

2.THEORETISCHE GRUNDLAGE N

2.1. Intertextualität

2.1.1 Was ist Intertextualität?

Das Wort Intertextualität setzt sich aus ‚inter‘ (zwischen) und ‚Text‘ zusammen. Die Theorie der Intertextualität ist der Teil der Literaturwissenschaft, der sich mit den Beziehungen zwischen den Texten beschäftigt. Es handelt sich um eine „rezeptionsbezogene Theorie, die in literarischen Texten nach Manifestationen von Vorgängertexten sucht und nach möglichen Lesearten von Texten vor dem Hintergrund von anderen Texten fragt“ [1].

Der Terminus wurde 1967 von Julia Kristeva eingeführt, in ihrem Aufsatz „ Bachtin, das Wort, der Dialog und der Roman “. Obwohl Bachtin den Bezug auf vorexistierende Literatur nicht näher untersucht [2], knüpft Kristeva an seine Theorie der Dialogizität an, um zum Schluss zu kommen:

Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes. An die Stelle des Begriffs der Intersubjektivität tritt der Begriff der Intertextualität und die poetische Sprache läßt sich zumindest als eine doppelte lesen. [3]

2.1.1.1. Die poststrukturalistische Intertextualität

Nach Julia Kristevas Einführung des Begriffes entwickelten sich zwei verschiedene Arten, die Intertextualität zu betrachten. Die poststrukturalistische Intertextualität verfolgt Kristevas Ansätze weiter, die die Intertextualität unabhängig von Produktion und Rezeption betrachten [4]. Es wird angenommen, dass jeder Text ein Teil eines Universaltextes ist, der alle Texte beeinflusst. Bei einer solchen Betrachtungsweise verliert der Autor an Wichtigkeit, denn der kreative Prozess ist nicht länger relevant [5]. Bei einem Textvergleich ist dieser Ansatz jedoch problematisch. Wenn jeder Text ein Teil des Universaltextes ist, kann es keine zwei verschiedenen Texte geben, die zu vergleichen wären.

2.1.1.2. Die hermeneutisch-strukturalistische Intertextualität

Neben der poststrukturalistischen Intertextualität hat sich auch die hermeneutisch-strukturalistische Intertextualität entwickelt. Sie entstand als Reaktion auf die poststrukturalistischen Ansätze [6] und im Gegensatz zu ihnen ist diese Art der Intertextualität für die Interpretation zweier Texte sehr wohl geeignet, da sie versucht, die Bezüge zwischen den Texten einzeln zu analysieren [7].

2.1.1.3. Genettes Theorie der Transtextualität

Für Gérard Genette ist die Intertextualität nur ein Teil von dem, was er ‚Transtextualität‘ nennt. Dabei unterscheidet er fünf transtextuelle Beziehungen. Als eine von ihnen bildet die intertextualité die unterste Stufe der transtextuellen Leiter und bezeichnet die effektive Präsenz eines Textes in einem anderen [8]. Hierbei handelt es sich um Zitate, Plagiate oder Anspielungen.

Die paratextualité befindet sich eine Stufe höher und betrifft die Präsenz eines Textes im Paratext eines anderen. Mit Paratext ist alles gemeint, was zur Umgebung eines Textes gehört, wie

[le] titre, sous-titre, intertitres; préfaces, postfaces, avertissements, avant-propos, etc. notes marginales, infrapaginales, terminales; épigraphes ; illustrations ; prière d’insérer, bande, jaquette et bien d’autres types de signaux accessoires, autographes ou allographes , qui procurent au texte un entourage (variable) et parfois un commentaire, officiel ou officieux, dont le lecteur le plus puriste et le moins porté à l’érudition ne peut pas toujours disposer aussi facilement qu’il le voudrait et le prétend. [9]

Die Beziehung, die zwischen zwei Texten besteht, wenn der Text kommentiert wird, nennt Genette metatextualité [10]. Dabei ist nicht relevant, ob der Bezugstext namentlich zitiert, erwähnt oder auch nicht genannt wird. [11]

Auf der Ebene der architextualité [12] werden die Gattungen verglichen. Seit der Antike wurden Modelle gebildet, die die verschiedenen Gattungen bestimmen. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Gattungen beibehalten, weil die Künstler ständig die Strukturen, die Formen und die Themen ihrer Vorgänger nachahmten [13]. Die architextuelle Beziehung unterscheidet sich insofern von den anderen transtextuellen Beziehungen, als nicht der Inhalt eines Textes in einem späteren Werk übernommen wird, sondern nur die Form.

Schließlich ist die Rede von hypertextualité [14]. wenn der spätere Text (Hypertext) von dem früheren (Hypotext) abgeleitet wird. Dies ist zum Beispiel der Fall im Pastiche [15] oder in der Parodie. Der ursprüngliche Text wird umgeschrieben, entweder durch ‚Nachahmung‘ oder durch ‚Transformation‘ [16]. Ein klassisches Beispiel, um den Transformationsprozess zu erläutern, ist James Joyce Ulysses. Dabei handelt es sich um die Verlegung des homerischen Epos ins Dublin des 20. Jahrhundert. Bei einer hypertextuellen Beziehung braucht der Hypertext den Hypotext, um entstehen zu können.

2.1.2. Zayas Novelle als ré-écriture von Cervantes

Der Titel von María de Zayas Novellensammlung Novelas Amorosas y ejemplares ist nicht zufällig gewählt. Durch diesen Titel wird der Bezug auf Cervantes‘ Novelas ejemplares evident. Auf den ersten Blick haben jedoch beide Werke nicht viel gemeinsam: Cervantes verwendet gern die Ironie und meistens haben seine Novellen ein glückliches Ende. Die Heldinnen von Zayas sind hingegen selten glücklich und mit Grausamkeit und Todesfällen wird hier nicht gespart.

Bei einer genaueren Analyse werden die Parallelen sichtbar. Der Bezug auf Cervantes ist bei María de Zayas so eindeutig, dass er kaum geleugnet werden kann. Wenn wir Genettes Theorie anwenden, zeigt sich, dass die beiden Werke auf mehreren Ebenen der transtextuellen Leiter verbunden sind.

2.1.2.1. Intertextualität
2.1.2.1.1. El castigo de la misería und el casamiento engañoso.

Ein intertextueller Vergleich zweier Novellen fängt zwangsläufig mit einem Vergleich der behandelten Themen an. So ist festzustellen, dass es in el. castigo de la misería und in el casamiento engañoso um einen Mitgiftsbetrug geht. Bei Cervantes heiraten Alférez Campuzano und Doña Estefania. Nach der Hochzeit erfährt Alférez, dass seine Frau nicht so reich ist, wie sie behauptet hat. Ihr angebliches Haus gehört in Wirklichkeit ihrer Freundin. In der Zwischenzeit ist Doña Estefania mit dem Geld ihres Ehemannes geflohen. Dieselbe Grundstruktur ist bei Zayas zu finden: fasziniert von ihrem Haus heiratet Don Marco die schöne Doña Isidora. Nach der Hochzeitsnacht entdeckt er, dass er betrogen wurde: Seine Frau ist bei weitem nicht so jung, wie sie in der Öffentlichkeit erscheint. Außerdem gehört das Haus ebenfalls nicht ihr. Genau wie bei Cervantes erfährt der Protagonist dies zu spät, das heißt nachdem Doña Isidora mit seinem Geld verschwunden ist.

2.1.2.1.2. Las dos doncellas und la burlada Aminta.

Die Ähnlichkeiten zwischen las dos doncellas und la burlada Aminta fallen auf, wenn die Themen der Rache und der verlorenen Ehre behandelt werden. Genau wie Teodosia, die cervantinische Heldin, wird Aminta von einem Mann betrogen. Dies hat in beiden Fälle zur Folge die Verletzung ihrer honra (‚Ehre‘). In beiden Novellen verkleidet sich die Frau als Mann und begibt sich auf die Suche nach dem Betrüger. Erst am Ende laufen die Erzählungen auseinander: während Teodosia auf ihre Rache verzichtet, begeht Aminta den geplanten Doppelmord, der ihre Ehre wiederherstellt.

2.1.2.1.3. El celoso extremeño und el prevenido engañado.

In ihrem Aufsatz “ Novellenerzählen und Geschlecht im Siglo de Oro: María de Zayas‘ ré-écriture der cervantinischen Novelle “ vertritt Ursula Jung die These, dass el prevenido engañado eine Umschreibung des Celoso extremeño sei. Ihrer Meinung nach versucht Zayas Carrizales' Verhalten zu erklären. Sie geht davon aus, dass Carrizales eine ähnliche Erfahrung mit Frauen haben muss wie Fadrique und dies sei der Grund für seine krankhafte Eifersucht [17].

2.1.2.1.4. Eine multiple Intertextualität.

Diese Interpretationen sind zwar plausibel und berechtigt, jedoch ist die Intertextualität, die zwischen den beiden Autoren besteht, meiner Meinung nach so komplex, dass sie sich nicht auf eine einfache Umschreibung einer Novelle in eine andere reduzieren lässt. Je nachdem welches Motiv untersucht wird, besteht die Möglichkeit andere Novellen zu vergleichen. Ein treffendes Beispiel dafür ist la burlada Aminta. Wie ich im weiteren Verlauf dieser Arbeit mehrmals aufzeigen werde, kann la burlada Aminta mit las dos doncellas, la ilustre fregona oder el celoso extremeño verglichen werden, je nachdem ob die Maskerade, die Homosexualität oder das Einsperren der Frau unter die Lupe genommen wird.

2.1.2.2. Paratextualität

Die Ähnlichkeit, die zwischen den Titeln der beiden zu untersuchenden Werke besteht, liegt auf der Ebene der Paratextualität. Der Titel gehört nur indirekt zum Text. Er ist für die Erzählung nicht relevant, darum gehört er zum Paratext, also zur Umgebung des Textes.

2.1.2.2.1. La fuerza de la sangre, la fuerza del amor und el celoso extremeño.

In den Titeln einzelner Novellen ist manchmal der cervantinische Einfluss zu erkennen. So ist der Titel der von Nise erzählten vierten Novelle la fuerza del amor zweifelsohne auf den Titel der cervantinischen Novelle la Fuerza de la sangre zurückzuführen.

Durch die Wahl ihres Titels schafft Zayas eine eindeutige Verbindung zu Cervantes‘ Novelle. Jedoch stellt sich die Frage, warum Zayas diese beiden Novellen paratextuell miteinander verbunden hat. Die Möglichkeit besteht, dass sie die beiden Erzählungen als naheliegend erachtet hat. Andererseits könnte es auch ein Streich der Autorin sein, um den Leser auf einen falschen Pfad zu führen. Wie später erläutert wird, ist eine intertextuelle Beziehung zwischen den beiden Novellen durchaus möglich und gerechtfertigt [18].

Allerdings scheint la fuerza del amor viel mehr Gemeinsamkeiten mit el celoso extremeño zu haben. Beide Novellen beginnen mit einer Hochzeit und enden mit dem Tod des Ehemannes. Die zur Witwe gewordene Ehefrau tritt in den Konvent ein. Die Ähnlichkeit wirkt umso größer, wenn man berücksichtigt, dass das Thema des adulterio in beiden Novellen eine große Rolle spielt. Carrizales kommt ums Leben, als er das Loaysas Anwesenheit in Leonoras Gemach entdeckt. Das Verhältnis zwischen Diego und Nise ist bei Zayas viel eindeutiger. Dieser Ehebruch führt zur Annullierung der Ehe von Laura und Diego.

Der Unterschied liegt darin, dass Cervantes seine Erzählung mit der Exposition der Figur Carrzales einleitet. Hier wird beschrieben, wie er Spanien verlässt, sowie seine Rückkehr nach Sevilla. Zayas beginnt hingegen la fuerza del amor mit der Einführung von Lauras Familie. Wenn wir annehmen, dass die Betonung auf der Figur liegt, die als erstes und am ausführlichsten dargestellt wird, dann ist zu bemerken, dass Zayas‘ Novelle aus der Perspektive der Frau erzählt wird, während Cervantes eine männliche Perspektive wählt.

2.1.2.3. Architextualität

Die spanische Novelle als Gattung ist zu Zayas‘ Zeit etwas Neues. Cervantes selbst bezeichnete seine Kurzgeschichten als ejemplares, weil die Novelle in dieser Form vorher nicht existierte:

A esto se aplicó mi ingenio, por aquí me lleva mi inclinación, y más que me doy a entender, y es así que yo soy el primero que he novelado en lengua castellana, que las muchas novelas que en ella andan impresas, todas son traducidas de lengua estranjeras, y éstas son mías propias, no imitada ni hurtadas; ni ingenio las engendró, y las parió mi pluma, y van creciendo en los brazos de la estampa [19].

Trotz Cervantes‘ Aussage besteht eine Architextualität zwischen seinem Werk und früheren Schriften, sei es auch nur verglichen mit den von ihm erwähnten ausländischen Novellisten wie Boccaccio. Durch die Anpassung dieser Gattung an die spanische Sprache und Kultur, sowie durch Cervantes‘ Bemühen, sich von seinen Vorgängern zu distanzieren, wurde eine ganz neue Gattung erschaffen:

Con Cervantes, la novela breve se convertido en un género muy distinto al boccacciano: ha aumentado su extensión, hasta el punto de que cada novela cobra entidad e independencia, por lo que el autor prescinde del marco introductorio. Desaparece la noción de relato construido en torno a un único suceso. Se incorporan elementos y técnicas procedentes de otros géneros, como la novela bizantina y picaresca, etc [20] .

Durch den Erfolg der Novelas ejemplares wurde die von Cervantes neu erschaffene Gattung zu einem der beliebtesten und kultiviertesten Genres der Literatur. Berühmte Autoren, wie Lope de Vega, Tirso de Molina oder Castillo Solórzano veröffentlichten ebenfalls Novelas [21].

Mit ihrer 1637 erschienenen ersten Novellensammlung gehört Zayas zu diesen Autoren, die zwangsläufig eine architextuelle Beziehung zu Cervantes haben, da er die Gattung begründet hat.

2.1.2.3. Hypertextualität

Ob eine Hypertextualität zwischen María de Zayas und Cervantes besteht, ist schwierig einzuschätzen. Zayas übernimmt Cervantes‘ Titel, aber die Novellen an sich sind sehr verschieden. Zayas‘ Texte sind weder Parodie noch Pastiche. Andererseits sind die intertextuellen Beziehungen zwischen beiden Werken so zahlreich, dass kaum anzunehmen ist, Zayas hätte die novelas amorosas geschrieben, wenn die Novelas ejemplares nie erschienen wären.

Zweifellos sind Zayas Novellen durch ihre eigene Persönlichkeit geprägt. Trotzdem ist eine hypertextuelle Beziehung zwischen ihr und Cervantes nicht auszuschließen. Wie Joyce die homerische Odyssee aus der Perspektive des Iren im 20. Jahrhundert umdichtet, so werden die cervantinischen Novellen bei Zayas aus der Frauenperspektive neu geschrieben. Allerdings ist die Hypertextualität viel subtiler, denn die Autorin geht bei ihrer Umschreibung über die Grenzen der einzelnen Novellen hinaus. Wären die Novelas ejemplares ein mehrstöckiges Haus könnte Zayas Transformationsprozess wie folgt erläutert werden: Sie reißt das Gebäude ein und baut aus den einzelnen Bausteinen ein neues Haus auf. So ist es eher unwahrscheinlich, dass die Bausteine, die früher ein Stockwerk gebildet haben, ebenfalls ein Stockwerk in der neuen Konstruktion bilden. Viel plausibler ist, dass die Steine, aus denen zum Beispiel der erste Stock früher bestand, jetzt auf allen Ebenen des Hauses wiederzufinden sind. Auf diese Weise sind die Novelas amorosas zu betrachten: Eine einzige Novelle von Zayas besteht aus verschiedenen Elementen der novelas ejemplares.

2.2. Die Analyse des Geschlechts in der Literatur

Wenn wir annehmen, wie es in dem Kapitel über die Intertextualität näher erläutert wurde, dass Zayas eine weibliche Umschreibung der novelas ejemplares liefert, ist es notwendig sich mit den Interpretationstheorien des Geschlechts in der Literatur auseinanderzusetzen.

2.2.1. Frauenbewegung und Feministische Literaturwissenschaft

Die internationale Frauenbewegung und die feministische Literaturwissenschaft sind eng miteinander verbunden. Die erste Welle des Feminismus begann 1830 mit der Suffragettenbewegung und dauerte bis ca. 1920. Erst in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich eine zweite Welle des Feminismus, die bis zum heutigen Tag andauert.

Die Proteste der Frauen und ihr Verlangen nach Gleichberechtigung bewirkten Veränderungen in vielen Bereichen der Gesellschaft und der Wissenschaft. In der Geschichte oder in der Literatur fiel auf, dass die Frau in den vergangenen Jahrhunderten ausgegrenzt wurde, sei es als Figur, als Autorin oder als Literaturwissenschaftlerin [22].

Die Frauenbewegung setzte sich zum Ziel, die Erweckung eines weiblichen Selbstbewusstseins als Ziel. Dieses Ziel wurde jedoch durch den fehlenden Niederschlag von Frauen und ihren Leistungen in der offiziellen Geschichtsschreibung erschwert. Aus diesem Grund begannen Historikerinnen an, über bestimmte Frauen zu recherchieren, die geschichtlich etwas bewirkt hatten. Andere bemühten sich, die Jahrhunderte lange Unterdrückung der Frauen darzustellen [23].

2.2.2. Geschlechterforschung oder Gender-Studies.

2.2.2.1. Sex und Gender

Mit ihrem 1949 erschienen Buch Le. deuxième Sexe hat sich Simone de Beauvoir als Autorin von großer Bedeutung für den Feminismus durchgesetzt. Sie vertritt die Meinung, dass die Frau nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird [24]. Diese Aussage bildete das Fundament, auf dem die Frauenforschung später aufgebaut wurde. 1968 bewies der Psychologe Robert J. Stoller, dass die Geschlechtsidentität sich erst nach der Geburt bildet und dass sie besonders durch die ersten achtzehn Monate geprägt wird [25]. Dabei führt er den Begriff Gender ein, um das Geschlecht als „soziokulturelles Konstrukt [26] “ zu bezeichnen. Auf dieser Weise wird zwischen sozialem Geschlecht ( Gender) und anatomischem Geschlecht ( Sex) unterschieden. Beide werden unabhängig voneinander betrachtet, und das eine entspricht nicht notwendigerweise dem anderen.

2.2.2.2. Die essentialistische Debatte.

Diese Vorstellung löste eine Debatte innerhalb der feministischen Kreise aus, vor allem zwischen den Befürwortern dieser Theorie und den Essentialisten. Diese waren der Meinung, dass der psychologische und emotionale Unterschied zwischen Männern und Frauen auf den biologischen Unterschied zurückzuführen ist, zum Beispiel unterschiedliche hormonelle Einflüsse. Essentialisten wehren sich gegen eine männlich orientierte Welt und definieren den Feminismus als die Suche nach der weiblichen Identität:

They argue that feminism should work to liberate women from a system of male-centred values and beliefs, and should empower them to discover their own uniquely female identity. This identity is frequently described as being more empathetic and co-operative, more connected to others, and more accepting of multiple viewpoints, unlike male-identity which is monolithic, authoritarian, and founded in a rationalist belief in one truth [27].

Die Theorie der Trennung zwischen Sex und Gender ist nicht mit der Ansicht des Essentialismus zu vereinbaren, deswegen werden ihre Anhänger ‚Anti-Essentialisten‘ genannt. Beide verfolgen zwar das gleiche Ziel, nämlich die Gleichberechtigung für Männer und Frauen, sie gehen aber dafür in zwei entgegengesetzte Richtungen. Die einen thematisieren die Geschlechtsidentität als natürlich gegeben, während die anderen diese Determiniertheit des Genders ablehnen. Für sie wird die Geschlechtsidentität von der Gesellschaft aufgezwungen. Von den ersten Monaten an verhält sich das Kind, wie die Erwachsenen aus seiner Umgebung es von ihm verlangen. Ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, spielt natürlich eine Rolle für die Geschlechtsidentität. Diese ist aber keineswegs natürlich gegeben. In diesem Fall kann nicht mehr angenommen werden, dass eines der beiden Geschlechter dem anderen überlegen ist.

Neben den feministischen Ansätzen der Literaturwissenschaft entwickelten sich die Gender-Studies, die das „Geschlecht“ als analytische Forschungskategorie betrachten [28]. Diese setzt sich mit dem weiblichen und männlichen Geschlecht auseinander, sowie mit ihrer Beziehung zueinander [29]. Dabei geht diese Forschungsrichtung weit über die Grenzen der Literaturwissenschaft hinaus, da sie auch u.a. soziologische und historische Aspekte berücksichtigt.

2.2.3. Queer-Theory und Queer-Reading.

In den 90er Jahren wird die Trennung zwischen Sex und Gender wieder in Frage gestellt. In ihrem 1990 erschienenen Gender Trouble, auf deutsch " Das Unbehagen der Geschlechter", vertritt Judith Butler die Meinung, dass das biologische Geschlecht ( Sex) ebenso wie das Gender ein kulturelles Konstrukt sei. Und im Gegenteil zu dem, was in der früheren Forschung behauptet wurde, ist die geschlechtliche Anatomie ein Produkt des sozialen Geschlechtes.

Die Geschlechtsidentität darf nicht nur als kulturelle Zuschreibung von Bedeutung an ein vorgegebenes anatomisches Geschlecht gedacht werden (...). Vielmehr muß dieser Begriff auch jenen Produktionsapparat bezeichnen, durch den die Geschlechter (Sexes) selbst gestiftet werden.(...) Die Geschlechtsidentität umfaßt auch jene diskursive / kulturellen Mittel, durch die eine « geschlechtliche Natur » oder ein « natürliches Geschlecht » als « vordiskursiv », d.h. als der Kultur vorgelagert oder als politische neutrale Oberfläche, auf der sich die Kultur einschreibt, hergestellt und etabliert wird [30].

Butler spricht von einer Zwangsordnung zwischen Sex, Gender und Begehren, die innerhalb der Kultur als selbstverständlich erscheint [31]. Das mit einem Penis bestückte Individuum wird als Mann angesehen und begehrt Individuen mit einer Vagina. Dementsprechend hängen innerhalb der Gesellschaft das Gender und das Begehren von dem biologischen Geschlecht ab.

Butlers Argumentation gilt als grundlegender Text für die Queer Studies. Dieses besondere Forschungsgebiet beschäftigt sich mit allem, was nicht in dieses gesellschaftlich gesetzte Verhältnis zwischen Sex, Gender und Begehren passt. Dies bezieht Homosexualität, Bisexualität, Sadomasochismus, Transvestismus etc. ein. Ähnlich wie das deutsche Wort ‚ schwul ‘ wurde der Begriff ‚ queer‘ ursprünglich als Beschimpfung verwendet, allerdings wurde er im Laufe der Jahre immer mehr von den Homosexuellen in Anspruch genommen. Hauptsächlich beschäftigen sich Queer Studies mit der Sexualität in ihrem geschichtlichen Kontext [32]. Darum bietet Foucault und seine " Geschichte der Sexualität" einen entscheidenden Ausgangspunkt für dieses mittlerweile institutionalisierte Forschungsgebiet. Das sog. Queer-Reading ist ein relativ neues literaturwissenschaftliches Lektüreverfahren, bei dem die Abweichungen von der Norm im literarischen Kanon ans Licht gebracht werden.

[...]


[1] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.93

[2] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.94

[3] Vgl. Kristeva (1972) S.348

[4] Vgl. Leopold (2003) S.89

[5] Vgl. Köppe/Winko (2008) S.128

[6] Vgl. Köppe/Winko (2008) S.128

[7] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.98ff

[8] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.100

[9] Vgl. Genette (1982) S.9

[10] Vgl. Genette (1982) S.10

[11] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.102

[12] Vgl. Genette (1982) S.11

[13] Vgl. Leopold (2003) S.96

[14] Vgl. Genette (1982) S.11

[15] Pastiche und Parodie sind zwei Aspekte der literarischen Karikatur. Bei dem Pastiche handelt es sich um die Imitation des Stils eines Autors, während die Parodie den Inhalt eines Werkes übernimmt.

[16] Vgl. Klawitter/Ostheimer (2008) S.104

[17] Vgl. Jung (1999) S.141

[18] Vgl. Kapitel 6.2.

[19] Vgl. Cervantes (2007) Band I, S.52

[20] Vgl. Yllera (1983) S.25

[21] Vgl. Yllera (1983) S.26

[22] Vgl. Köppe/Winko (2008) S.201

[23] Vgl. Martschukat/Stieglitz (2005) S.17ff.

[24] Vgl. Steffen (2006) S.13

[25] Vgl. Steffen (2006) S.12

[26] Vgl. Köppe/Winko (2008) S.203

[27] Vgl. Tolan (2006) S.323

[28] Vgl. Martschukat/Stieglitz (2005) S.22

[29] Vgl. Martschukat/Stieglitz (2005) S.20

[30] Vgl. Butler (1991) S.24

[31] Vgl. Butler (1991) S.22

[32] Vgl. Schößler (2008) S.107

Details

Seiten
90
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783656514183
ISBN (Buch)
9783656513766
Dateigröße
999 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262849
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Liebe sexualität Cervantes Zayas Literatur Literaturwissenschaft Romanistik Spanisch Gender Genderanalyse Intertextualität Vergleich Siglo de Oro 16. Jahrhundert Homosexualität Frauenrolle

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Titel: Liebe und Sexualität bei Cervantes und María de Zayas