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Die Ethik in der Sozialen Arbeit und die damit einhergehende geschichtliche Entwicklung

Hausarbeit 2012 15 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Berufsethik Sozialer Arbeit
2.1 Ethische Orientierung
2.2 Ethik in der Sozialen Arbeit
2.3 Verantwortungsethik
2.4 Empowerment statt Kolonialisierung
2.5 Ethikkodizes als berufsethische Grundlagen

3. Geschichtliche Hintergründe
3.1 Theologisch begründete Werte
3.2 Philosophisch begründete Werte

4. Schlusswort

Literaturverzeichnis

1. Einführung

Ethische Fragestellungen beeinflussen jegliche Form des gesellschaftlichen Zusammen- lebens, werden überwiegend jedoch nicht bewusst als solche wahrgenommen. Interakti- onen zwischen Menschen sind geleitet von subjektiven oder kollektivistischen Wertvor- stellungen. Permanent bewerten Menschen Situationen, Verhaltensweisen oder Charak- terzüge was konkludierend bedeutet, dass Moral und Ethik als omnipräsente gesell- schaftliche Phänomene zu betrachten sind. Der Begriff Ethik stammt von dem griechi- schen Wort „ēthikós“ (das Sittliche) ab und bedeutet im Allgemeinen die „Lehre vom moralisch guten Handeln.“ Hierbei kann jedoch nicht von der einen Ethik gesprochen werden, da es viele Ethiken gibt, die teilweise konträr zueinander ausgerichtet sind. Von dieser alltäglichen Erscheinungsform ethischer Grundsätze sind Ethiken zu unterschei- den, welche in einem professionellen Rahmen thematisiert werden, um Handlungsmög- lichkeiten zu reflektieren und legitimieren. So verweist beispielsweise Dollinger (2012: S. 987) darauf, dass jeder, der systematisch auf andere Menschen einwirkt, sich zwangsläufig mit ethischen Fragestellungen befassen müsse. Dieser Sachverhalt ist in der Sozialen Arbeit gegeben, da ihre Akteure entscheidend in die Lebenszusammenhänge von Individuen eingreifen, was eine fachliche Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen unabdingbar macht.

2. Berufsethik Sozialer Arbeit

2.1 Ethische Orientierung

Grundsätzlich können Ethiken dahingehend unterschieden werden, ob sie sich am Indi- viduum, der Gesellschaft oder dem Individuum als Teil der Gesellschaft orientieren. In- dividualistische beziehungsweise egozentrische Ethiken vertreten ein Menschenbild der Autonomie und Selbstbestimmung und proklamieren dabei Werte wie körperliche Un- versehrtheit oder Freiheit im Denken und Handeln. Den Individuen werden nach dieser ethischen Ausrichtung vorwiegend Rechte zugeschrieben, während staatliche und ge- sellschaftliche Organe überwiegend Träger von Pflichten sind. Konträr dazu fordern kollektivistische beziehungsweise soziozentrische Ethiken die Unterordnung aller indi- viduellen Strebungen unter das Gemeinwohl. Das Individuum wird hierbei nicht als Subjekt wahrgenommen, sondern fungiert primär als Objekt für das Funktionieren der Gesellschaft. Dementsprechend ist auch die Verteilung von Rechten und Pflichten anti- thetisch zu den individualistischen Ethiken. Einen Ausgleich zwischen diesen polarisie- renden Ethiken versuchen systemische Ansätze zu schaffen, indem sie ein teilweise au- tonomes, teilweise heteronomes Menschenbild als Basis ihrer Überlegungen festsetzen. Individuelle und soziale Werte bedingen einander und sowohl Individuen als auch ge- sellschaftliche Organe werden gleichermaßen an Rechten und Pflichten beteiligt (vgl. Straub-Bernasconi 2006: S. 268ff). Das doppelte Mandat der Sozialen Arbeit und ihre Verpflichtung gegenüber der individuellen Autonomie auf der einen und staatlichen Vorgaben auf der anderen Seite lässt eine solche vermittelnde, systemische Ethik in der Sozialen Arbeit als obligat erscheinen, damit sie der Diskrepanz zwischen Hilfe und Kontrolle bestmöglich gerecht werden kann.

2.2 Ethik in der Sozialen Arbeit

Die Ethik als wissenschaftlicher Diskurs Sozialer Arbeit impliziert sowohl das Ethos, als reflektierte und vom Bewusstsein gesteuerte Gesinnungen, als auch die Moral, als nicht hinterfragte, meist traditionell begründete Wertvorstellungen. Sie erfüllt dabei eine gesellschaftsphilosophische Funktion, indem sie den Beruf der Sozialen Arbeit per se und konkrete Interventionen der Fachkräfte legitimiert. Auf theoretischer Ebene zielt die Ethik Sozialer Arbeit hierbei auf die Allgemeingültigkeit bestimmter Verhaltensanforde- rungen, wie beispielsweise die Achtung der Menschenwürde oder das Einhalten gesetz- licher Vorschriften. Auf praktischer Ebene sind diese Verhaltensanforderungen jedoch oft weniger selbstverständlich, als von den Mitgliedern des entsprechenden Kulturkrei- ses angenommen wird (vgl. Heiner 2007: S. 169ff). Es können übergreifend drei beruf- sethische Grundhaltungen festgestellt werden, welche kennzeichnend für die Soziale Arbeit sind. Zunächst die Grundhaltung der streitbaren Toleranz, also die Bereitschaft, für eigene Wertvorstellungen einzutreten, verbunden mit der Bereitschaft zur vernünfti- gen argumentativen Auseinandersetzung mit Vertretern anderer Wertvorstellungen. Des Weiteren die Achtung eines jeden Menschen als Subjekt und nicht als Träger bestimm- ter Merkmale oder Fähigkeiten. Die dritte Grundhaltung ist die Bereitschaft, für soziale Gerechtigkeit einzutreten, sprich nicht als neutrale Vermittlungsinstanz zu agieren, son- dern Partei zu ergreifen gegen soziale Benachteiligung und Ungerechtigkeit (vgl. Heiner 2007: S. 172; Messmer 2012: S. 6). Vorraussetzung für die Umsetzung dieser Grundhal- tungen in der Praxis Sozialer Arbeit sind zum einen reflexive Kompetenzen der Fach- kräfte, um zu begründeten Werturteilen zu gelangen und diese entsprechend der streitba- ren Toleranz weiterzuentwickeln, und zum anderen die kommunikativen Kompetenzen, diese Wertvorstellungen gegenüber der Klientel und anderen Fachkräften durchzuset- zen. Um darüber hinaus zu gewährleisten, dass diese ethischen Grundlagen nicht rein subjektive Überzeugungen bleiben, ist eine diskursive Begründung von Werten, sowie die Reflexion möglicher Folgen und abschließende Auswertung der tatsächlichen Kon- sequenzen von Nöten. Mit Hilfe professioneller Selbstaufklärung, Selbstkontrolle, Do- kumentation und Evaluation wird die Ethik somit zum eminenten Bestandteil der Refle- xion sozialarbeiterischen Handelns (vgl. Heiner 2007: S. 169ff). Ein so begründeter Be- rufsethos, mit besonderen beruflichen Verhaltens- und Wertstandards, lehrt professionel- le Akteure, konkrete Situationen und Konfliktlagen innerhalb der Praxis angemessen zu beurteilen und richtiges Handeln zu ermöglichen. Um eine professionelle Soziale Arbeit zu ermöglichen bedarf es darüber hinaus immer der korporativen Unterstützung durch adäquate Institutionen und kollegialer Solidarität. Unterstützung und Kontrolle inner- halb der Profession sind wichtige Elemente einer professionalisierten Sozialen Arbeit, da die Richtigkeit der Handlungen nicht an formalen Erfolgskriterien gemessen werden kann (vgl. Bohler 2009: S. 223ff). Das Tätigkeitsfeld der Sozialen Arbeit ist mit hohen moralischen Ansprüchen verbunden, was unter Umständen zu einer Überforderung der Professionellen führen kann. Eine Ethik Sozialer Arbeit verpflichtet deshalb nicht zu einer „Heldenmoral“, sondern ermutigt dazu, moralische Konflikte und Problemstellun- gen offenzulegen, um in Zusammenarbeit mit möglichst vielen Beteiligten Lösungen herbeizuführen. Essentialistische Ethiken, die vorgeben ein sicheres Wissen von Gut und Böse zu vermitteln, verlieren angesichts ambivalenter ethischer Vorstellungen zu- nehmend an Plausibilität und Kredibilität. Ethiken hingegen, die es verstehen mit Kon- tingenz konstruktiv umzugehen und das Nichtwissen bezüglich des eigenen Standpunk- tes in Konfliktsituationen nicht verschleiern, gewinnen an Bedeutung (vgl. Dollinger 2012: S. 994f; Lob-Hüdepohl 2011: S. 237). Festzuhalten ist, dass Moralbildung ein nie abgeschlossener Prozess ist und ethische Entscheidungen eine kontinuierliche und kriti- sche Reflexion gesellschaftlicher Werte und Normen, institutioneller Vorgaben sowie eine Prüfung der Motive und Ziele des eigenen beruflichen Handelns erfordern (vgl. Heiner 2007: S. 181).

2.3 Verantwortungsethik

Anknüpfend an die zuvor thematisierte Notwendigkeit der Berücksichtigung möglicher Folgen und tatsächlicher Konsequenzen sozialarbeiterischen Handelns soll im Folgen- den auf die charakteristischen Unterschiede zwischen Gesinnungs- und Verantwor- tungsethik eingegangen werden. Beide Begriffe, wie auch deren Unterscheidung, gehen auf den Soziologen Max Weber zurück, welcher sich mit ethischen Fragestellungen in gesellschaftlichen und sozialen Diensten befasste. Ist im Allgemeinen von Ethik die Re- de, so ist damit üblicherweise eine Gesinnungsethik gemeint, deren Gesinnung es ist, zu erkennen was gut und was schlecht ist und anschließend das Gute zu wollen. Aus der Intention des Helfen-Wollens heraus können in der Sozialen Arbeit Hilfeprozesse einge- leitet werden, bei denen erst im Nachhinein (beim Gelingen oder Misslingen) die Kon- sequenzen sichtbar werden. Einem solchen überstürzten Beginn eines Hilfeprozesses liegen in den meisten Fällen gesinnungsethische Motive zugrunde (vgl. Bohler 2009: S. 232f; Martin 2001: S. 85). Somit hat eine Gesinnungsethik zur Folge, dass von den Konsequenzen abgesehen wird, indem subjektive Wertvorstellungen verallgemeinert und durch willkürliches Handeln realisiert werden. Gesinnungsethisches Handeln birgt demnach die Gefahr, das Gute zu verfehlen. Für die Praxis der Sozialen Arbeit bedeutet dies, dass die Hilfepraxis misslingt, was sowohl für die Klientel als auch die Fachkräfte verheerende Folgen haben kann (vgl. Bohler 2009: S. 229). Der manifesten Begrün- dungspflicht professionalisierten Handelns in der Sozialen Arbeit kann eine solche Ge- sinnungs- oder Mitleidsethik daher nicht gerecht werden, da sie die Einhaltung unver- änderlicher Prinzipien fordert, nach denen immer und in jedem Fall gehandelt werden muss. Die handlungsorientierten Anforderungen Sozialer Arbeit verlangen jedoch nach einer Ethik, welche sich bestimmten Werten und Normen verpflichtet, gleichzeitig aber von ihren Akteuren verlangt, nicht die Werte um der Werte willen zu vertreten, sondern vor allem die Konsequenzen und nicht beabsichtigten Nebenfolgen ihres Handelns zu bedenken (vgl. Bohler 2009: S. 236f; Heiner 2007: S. 173f). Verantwortung wird somit zum ethischen Schlüsselbegriff der Sozialen Arbeit mit der unbedingten Forderung, ge- genüber der Klientel, ihrer Menschenwürde und Selbstbestimmung, der Gesellschaft, der eigenen Profession, Organisation und beruflichen Fachkollegen, sowie gegenüber der eigenen Person eine verantwortungsethische Haltung einzunehmen. Eine solche Ar- gumentation dient als Grundlage und wesentliches Element der subjektiven Autonomie einer Professionalisierten Sozialen Arbeit (vgl. Bohler 2009: S. 236f; Heiner 2007: S. 174).

2.4 Empowerment statt Kolonialisierung

Neben der Gefahr, welche von subjektiven und rein gesinnungsethisch begründeten Handlungsweisen ausgeht, bestehen weitere Problemfelder, mit denen Fachkräfte der Sozialen Arbeit konfrontiert werden. Aufgrund des doppelten Auftrags der Sozialen Ar- beit, einerseits die größtmögliche Autonomie und Selbstbestimmung der Klientel zu fördern und gleichzeitig Teil des gesellschaftlichen Kontrollsystems zu sein, stehen Pro- fessionelle der Sozialen Arbeit im ständigen Loyalitätskonflikt, sowohl innerhalb der Profession als auch außerhalb zwischen Profession und Klientel (vgl. Bohler 2009: S 238). Fachkräfte der Sozialen Arbeit haben es stets mit Personen zu tun, die in zentralen Bereichen ihres Lebens Probleme erfahren, die sie selbstständig nicht mehr zu behan- deln wissen und für die es keine alltäglichen Lösungen gibt. Da sozialarbeiterische Hilfe per se schon Ausdruck moralischen Handelns ist, zumal sie ohne gleichwertige Gegen- leistung auf die Unterstützung Hilfebedürftiger zielt, entsteht ein Abhängigkeitsverhält- nis zwischen Professionellen und KlientInnen. Ein solches Machtungleichgewicht in institutionellen Einrichtungen Sozialer Arbeit darf den Betroffenen keinen Nachteil ein- bringen. Um einer Entmündigung und Unterdrückung der Klientel entgegenzuwirken bedarf es fester Regelungen und der handlungsbezogenen Selbstreflexion professionali- sierter Sozialer Arbeit. Diese Bestrebung unterstreicht seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Forderung nach einer Stärkung der Selbstlösungskompetenzen der KlientInnen bei gleichzeitigem Abbau einseitig expertokratischer Beurteilungen und Handlungsweisen (vgl. Messmer 2012: S. 6ff; Martin 2001: S. 86ff). Um dies zu gewährleisten müssen in sozialpädagogischen Organisationen und Einrichtungen „Spielräume geschaffen wer- den, die Möglichkeiten bieten, entmündigende Nebenwirkungen zu minimieren und den Betroffenen bei gleichzeitiger Kontrolle optimal zu dienen“ (Martin 2001, S. 96). Die Devise lautet Empowerment statt Vorherrschaft sozialpädagogischer Experten. Statt sich an Defiziten zu orientieren, einzelne Individuen zu fördern und Beziehungsarbeit zu leisten, muss die Tendenz der Sozialen Arbeit dahin führen, Stärken zu fördern, Indivi- duen in Gruppen zu etablieren und helfende Netzwerke zu erschließen. Empowerment beschreibt in diesem Zusammenhang jedoch ausdrücklich keine Methode, sondern eine berufsethische, professionelle Haltung der Sozialen Arbeit (vgl. Martin 2001, S. 96f).

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Details

Seiten
15
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656514862
ISBN (Buch)
9783656514800
Dateigröße
397 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262924
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Arbeit Ethik Sozialpädagogik Professionalität

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Titel: Die Ethik in der Sozialen Arbeit und die damit  einhergehende geschichtliche Entwicklung