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Jüdische Bewegungen. Raphael Samson Hirsch, Gründer und Vertreter der Neo‐Orthodoxie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 18 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Judentum vor Raphael Samson Hirsch

3. Raphael Samson Hirsch
3.1 Jugend und Ausbildung
3.2 Der „kleine“ Austritt
3.3 Wanderjahre

4. Hirschs Konzeption des Judentums
4.1 Die „Neunzehn Briefe“
4.2 Das Prinzip Tora-im-Derech-Eretz

5. Die Berufung nach Frankfurt am Main
5.1 Die Spaltung der Frankfurter Gemeinde

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit hat das Ziel Raphael Samson Hirsch (1808-1888), den bedeutenden Gründer und Vertreter der Neo-Orthodoxie vorzustellen und ihn in den Kontext der jüdischen Bewegungen einzuordnen. Besonders wird dabei der Fokus auf die Bedeutung Hirschs im Zusammenhang mit der Entstehung der Neo-Orthodoxie gelegt.

Der Autor geht in dieser Arbeit davon aus, dass es vor der Entwicklung der Neo-Orthodoxie in Deutschland1 keine Vereinbarkeit zwischen orthodoxer2 Religionsausübung und Gesellschaft gegeben hat. Die Neo-Orthodoxie füllte die durch die Aufklärung entstandene Lücke zwischen Religion und Staat auf und ermöglichte religiös gesetzestreu lebenden Juden die Partizipation an der weltlichen Welt, ohne gegen die Gebote Gottes verstoßen zu müssen.

Die seit der Aufklärung entstandenen Umwälzungen des Judentums und seine Anpassung an christliche Traditionen durch die jüdischen Reformgemeinden stellten die jüdischen Bewegungen3 vor zentrale Fragen: wie sollte man einerseits die jüdischen Gesetze einhalten und sich andererseits der modernen, die Juden umgebenden, Gesellschaft anpassen? Durch diese Arbeit möchte der Autor ein tieferes Verständnis der Neo-Orthodoxie ermöglichen und versuchen die aufgeworfenen Fragen zu beantworten.

Die oben genannten Umwälzungen sind für uns besonders in Form der Haskallah, der jüdischen Aufklärung, fassbar. Diese veränderte das Wesen eines Großteils des deutschen Judentums durch Reformen. Als Beispiele für Veränderungen sollen hier auszugsweise die Essgewohnheiten, die Einführung der deutschen Sprache im jüdischen Gottesdienst und die Anpassung der Kleidung das Judentum genannt werden, da auch die Neo-Orthodoxie nur anhand einiger Faktoren dargestellt werden kann.4

Die Arbeit wird sich daher im Folgenden mit der im Vergleich zum gesamten Judentum kleinen, jüdischen Gruppierung, der Neo-Orthodoxie, auseinandersetzen, die aus der Ablehnung (besonders der persönlichen Ablehnung Hirschs) des zu dieser Zeit in Deutschland vorherrschenden Reformjudentums entstanden war.5

Der Autor wird dafür in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit einen Überblick über die Biographie Hirschs geben, um dann anhand der Gründung der Austrittsgemeinde und Hirschs Übernahme des dortigen Rabbinats zu belegen, dass die Entwicklung der NeoOrthodoxie eine alternative Lebens- und Glaubenskonzeption eröffnete.

2. Das Judentum vor Raphael Samson Hirsch

Seit Beginn der Aufklärung6 hatte sich herauskristallisiert, dass diese sich nicht nur auf das Christentum auswirken würde. Die christlichen Religionen Europas sowie auch die jüdische Religion, wurden von der Aufklärung maßgeblich beeinflusst und mussten sich zwangsläufig zu den entstehenden Gedankenkonstrukten und Konzepten positionieren. In Deutschland geschah dies vor allem durch Moses Mendelsohn und die mit ihm beginnende jüdische Aufklärung (Haskallah), die das Judentum großen Veränderungen unterwarf. So kann durch Mendelsohn (1729-1786), aber besonders durch seine „Nachfolger“ insgesamt von einem beginnenden Anpassungsprozess der Juden bezogen auf ihre Umwelt gesprochen werden, der besonders mit dem Fachbegriff der Emanzipation umschrieben wird und die bürgerliche und religiöse Gleichstellung der Juden mit der christlichen Umwelt bedeutet.7 Diese Anpassung äußerte sich in der Gründung jüdischer Reformschulen, bei denen der Schwerpunkt auf der Vermittlung profaner Inhalte lag,8 in der Imitierung des christlichen Lebensstils (unter anderem dem Rasieren des Bartes),9 dem Benutzen der deutschen Sprache im Gottesdienst,10 der Ablehnung der Speise- und Schabbatgesetze als unzeitgemäß und der Einführung der Orgel im Gottesdienst.11 In diesem Zusammenhang ist besonders das Phänomen des „Hofjuden“ sehr ausführlich untersucht worden und immer noch Gegenstand aktueller wissenschaftlicher Forschung.12 Austausch und Kontakt zwischen Juden und Christen, intensivierten sich in dieser Zeit, mit der Folge, dass das Judentum sich weiter der christlichen Umgebung anpasste, wodurch sich die jüdische Lebenssituation veränderte und durch diese Entwicklung in eine anpassungswillige und eine diese Anpassung ablehnende Gruppe zerfiel.13 Dieser innerjüdische Zerfallsprozess spitzte sich durch die häufige Berufung polnischer Rabbiner in Deutschland zu, da diese nicht Teil der aufklärerischen Bewegung waren und die inneren Spannungen im „deutschen Judentum“ verschärften.14

Neben diesen Gründen gab es weitere das Judentum verändernde Ereignisse wie die französische Expansion unter Napoleon I. (1769-1821), die zur gesetzlichen Angleichung der Juden für eine begrenzte Zeit führte, das heißt die napoleonischen Gesetze zumeist nach seinem Sturz wieder aufgehoben wurden.15

3 .Raphael Samson Hirsch

3.1 Jugend und Ausbildung

In dieser Zeit der Wirren und Umwälzungen wurde Raphael Samson Hirsch am 20. Juni 1808 in Hamburg geboren, wo seine Familie bereits seit Generationen ansässig war. In der Kindheit Hirschs wurden durch die Eltern die Weichen für die spätere Entwicklung Raphael Samsons in Hinblick auf die Neo-Orthodoxie gelegt. Er besuchte die Bildungsanstalt Israel Abraham Islers, die sich nicht nur um eine religiöse, sondern auch um eine weltliche Ausbildung der Schüler bemühte. Von dort wechselte Hirsch auf das Hamburger Johanneum, das für seine Zeit eine moderne Ausbildung ermöglichte: vor allem das neu eingerichtete Kurssystem und die Möglichkeit, Kurse nach Neigung, Können und Willen wählen zu können ermöglichte eine spezialisierte Ausbildung.16

Neben diversen europäischen Sprachen wurden auch Latein und Hebräisch unterrichtet, womit Hirsch eine weitere Grundlage für sein späteres Leben legen konnte, da er später als Rabbiner nicht auf Hebräisch hätte verzichten können. Auch naturwissenschaftliche Fächer und das Unterrichten der deutscher Dichter und Denker sollten ihn zeitlebens prägen, wie nachgewiesene Parallelen von Zitaten aus seinen Neunzehn Briefen von Shakespeares Macbeth belegen.17

Matthias Morgenstern schreibt, dass auch schon Hirschs Großvater eine Talmud-Tora- Anstalt in Altona begründet hatte, die nicht nur religiöse Fächer, sondern gerade auch weltliche Fächer lehrte.18 Interessant ist dabei, dass diese vom Großvater angebotene Ausbildung den Eltern Hirschs scheinbar nicht genügte, denn ein Besuch dieser Anstalt durch Raphael Samsons ist nicht nachweisbar19 und der Besuch des Johanneums wäre in diesem Fall unnötig geworden.

3.2 Der „kleine Austritt“

Bereits im Alter von dreizehn Jahren wurde Raphael Samson mit der unterschiedlichen

Auslegung der jüdischen Gesetze konfrontiert: der Vorstand der Hamburger Gemeinde hatte beschlossen das in Berlin begründete Reform-Judentum in die Gemeinde einzuführen.20 Hirschs Eltern standen dem entgegen, sodass er selbst Zeuge dieses innerjüdischenZerwürfnisses wurde, zumal sich die Altgläubigen im Haus seiner Eltern versammelten.21 Eine endgültige Spaltung wurde nur verhindert, indem 1821 Isaac Bernays (1792-1849) das Rabbineramt antrat und dies von beiden Fraktionen positiv begrüßt wurde.

Dabei konnte Hirsch von wenigen, wenn auch wichtigen, Reformen in der Hamburger Gemeinde profitieren. So ließ Bernays nicht nur den Talmud unterrichten, sondern führte auch die Bibelinterpretation und das Studium der hebräischen Grammatik ein. Den Reformern kam er entgegen, indem er Schreiben, Rechnen, Erd- und Weltkunde lehren ließ und, als sich kein jüdischer Deutschlehrer für die Gemeinde finden lassen wollte, einen christlichen Lehrer für dieses Fach bestellen ließ.22

Diese neuartige Konzeption des Religionsunterrichts begründete sich vor allem dadurch, dass Bernays neben dessen eigenen Freund Jakob Ettlinger (1798-1871) der erste jüdische Gelehrte in Deutschland war, der neben der traditionellen religiösen Ausbildung ein universitäres Studium absolviert hatte.23 Infolge der Hirsch der engen Bekanntschaft mit Bernays konnte Hirsch einer von dessen wenigen Privatschülern werden und wurde wiederum besonders von ihm gefördert.24

Trotz des hohen elterlichen Bildungsanspruches war Hirsch durch seine Eltern dazu ausersehen worden Kaufmann zu werden, was er zunächst versuchte, aber bald aufgab. Stattdessen begann er 1826 das Akademische Gymnasium zu besuchen.25 Der baldige Abbruch dieser Schule wird von Tasch damit begründet, dass Hirsch sich nur kurzzeitig für Ideen und Ausbildung hätte begeistern können.26

3.3 Wanderjahre

Im Jahr 1821 verließ Hirsch Hamburg und wechselte in die Mannheimer Jeschiwot, eine Taldmud-Schule, die von Bernays Freund Ettlinger geleitet wurde. Dort erhielt er weiteren Unterricht im Talmudstudium, da er selber sein Wissen für nicht ausreichend hielt.27 Hier blieb Hirsch nur eineinhalb Jahre und wechselte von dort zur Universität Bonn, an der sein Freund Meyer Isler studierte und lernte an dieser seinen späteren langjährigen Freund Abraham Geiger kennen,28 mit dem er bis zum Hervortreten ihrer religiösen Gegensätze befreundet blieb.29 Damit traten die späteren Häupter der beiden entgegen gesetzten Richtungen im deutschen Judentum schon frühzeitig miteinander in Beziehung.30 Nach einem Jahr verließ Hirsch die Universität und hatte damit seine persönliche Ausbildung abgeschlossen, auch wenn er nicht ein einziges Zeugnis vorweisen konnte, was für Tasch als Zeichen des mangelnden Durchhaltewillens Hirschs gilt.31 Die Beurteilung, ob sich Hirsch mit diesem Ausbildungsweg eine breite Universalbildung aneignete oder sich an keinem seiner Studienorte endgültig beweisen konnte sind in der Forschung bis heute umstritten.32

Mit diesem Werdegang stellt Hirsch aus der Sicht des Verfassers dieser wissenschaftlichen Hausarbeit den Prototypen des Mendelssohnschen Juden dar: er war universal ausgebildet, sprach die deutsche Sprache und war an der „Wissenschaft des Judentums“ interessiert. Diese Wissenschaft, die Mendelsohn gedanklich erfunden hatte begriff das religiöse Denken als Entwicklungsprozess und nicht mehr als „Offenbarung als einmaligem Akt des Eingreifens Gottes in die Welt“33. Zum damaligen Zeitpunkt hätte man daher bei dem späteren „Welt“- Gelehrten Hirsch nicht vermutet, dass gerade er eine andere Reform des Judentums umsetzen würde und nicht zu einem der „gelehrtesten“ Reform-Rabbiner werden würde. 34

4. Hirschs Konzeption des Judentums

Schon an der Universität bildeten sich Hirschs Positionen gegenüber denen der reformorientierten Juden heraus. Hirsch stimmte in vielen Positionen, wie bei der Anpassung der Juden an die sie umgebenden Mehrheitsgesellschaft oder dem Sprechen der deutschen Sprache, mit den Reformjuden überein. Allerdings nahm er auch konträr stehende Positionen ein, da er, hier beispielhaft genannt, die uneingeschränkte Observanz des jüdischen Gesetzes einforderte, also das unverminderte Festhalten an der Halacha.35 Hirsch erkannte die Entfremdung der jüdischen Jugend vom Judentum in der Moderne und die dadurch entstandene Missdeutung und Unkenntnis des Judentums durch selbige.

Er war sich der Zwiespalts zwischen der Anziehungskraft, die die moderne Welt auf die Juden ausübte, und dem Judentum als eine Jahrtausendalte gesetzlich wie religiös tradierte Kultur, bewusst.36

[...]


1 Auch wenn es keine einheitliche Staatsstruktur der deutschen Länder zur Zeit R.S. Hirschs gab, so wird aus Gründen der Einheitlichkeit und der Vereinfachung der Terminus „Deutschland“ im Folgenden verwendet.

2 Orthodox wird hier als „Gesetzestreu lebend“ verstanden. Auf eine ausführlichere Definition des Begriffs „Orthodox“ wird verzichtet.

3 Von einem einheitlichen Judentum kann grundsätzlich nicht ausgegangen werden; eine Ausdifferenzierung und Erklärung ist aber aus Platzgründen nicht möglich.

4 Vgl. allgemein: Reinke, Andreas: Geschichte der Juden in Deutschland 1781-1933, Darmstadt 2007.
1

5 Homolka, Walter/ Rosenthal, Gilbert S.: Das Judentum hat viele Gesichter. Die religiösen Strömungen der Gegenwart. 1. Auflage 2000, S. 147.

6 Aufklärung wird hier als Epochenbegriff verstanden, einzelne Differenzierungen nach Zeit und Ort werden nicht getroffen.

7 Meyer, Michael A.: Antwort auf die Moderne. Geschichte der Reformbewegung im Judentum, 1. Auflage Wien/ Köln/ Weimar 2000, S. 32.

8 Reinke: Juden 1781-1933, S.29.

9 Litt, Stefan: Geschichte der Jude Mitteleuropas 1500 - 1800, Darmstadt 2009, S. 118f.

10 Schubert, Kurt: Jüdische Geschichte, München 1995, S. 102.

11 Brenner, Michael: Kleine jüdische Geschichte, Bonn 2008, S. 195f.

12 Siehe dazu u.a.: Litt, Stefan: Juden 1500 - 1800, S. 104-111; oder das Kapitel „Die Hofjuden und ihre Zeit“ in: Schubert, Kurt: Jüdische Geschichte, München 1995, S. 91-97; oder: Ries, Rotraud/ Battenberg, J. Friedrich:
Hofjuden - Ökonomie und Interkulturalität. Die jüdische Wirtschaftselite im 18. Jahrhundert, Hamburg 2002.

13 Meyer: Antwort, S. 33.

14 Ebenda.

15 Ebenda, S. 76.

16 Tasch, Roland: Samson Raphael Hirsch. Jüdische Erfahrungswelten im historischen Kontext. 1. Auflage, Berlin2011, S. 38.

17 Ebenda, S. 39.

18 Morgenstern, Matthias: Von Frankfurt nach Jerusalem. Isaac Breuer und die Geschichte des „Austrittsstreits“ in der deutsch-jüdischen Orthodoxie. 1. Auflage Tübingen 1995, S. 111.

19 Ebenda.

20 Tasch: Erfahrungswelten, S. 41.

21 Ebenda, S. 46.

22 Tasch: Erfahrungswelten, S. 46.

23 Morgenstern: Frankfurt, S. 111.

24 Tasch: Erfahrungswelten, S. 47.

25 Ebenda, S. 48.

26 Ebenda.

27 Ebenda, S. 49.

28 Ebenda, S. 50.

29 Morgenstern: Frankfurt, S. 112.

30 Rosenblüth, Pinchas E.: Samson Raphael Hirsch - Sein Denken und Wirken, in: Liebeschütz, Hans / Paucker, Arnold: Das Judentum in der Deutschen Umwelt 1800 - 1850. Studien zur Frühgeschichte der Emanzipation, 1. Auflage Tübingen 1977, S. 303.

31 Tasch: Erfahrungswelten, S. 49.

32 Ebenda.

33 Rosenthal/ Homolka: Das Judentum, S. 16.

34 Vgl. dazu: Meyer: Antwort, S.122. Meyer bezeichnet Hirsch durch seine Erziehung als „Beispiel des Mendelssohnschen Ideals“.

35 Ebenda, S. 123.

36 Rosenblüth: Hirsch, S. 302.

Details

Seiten
18
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656515180
ISBN (Buch)
9783656515197
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v262966
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2,0
Schlagworte
Judentum Neo-Orthodoxie Raphael Samson Hirsch Frankfurt a. M. Hamburg Abraham Isler Isaac Bernays Juden Deutschland

Autor

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