Lade Inhalt...

Von der Prostitution zur Sexarbeit

Erkenntnisse, Probleme, Herausforderungen

Seminararbeit 2013 17 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Prostitution im feministischen Diskurs

2. Sex Work/ Sexarbeit- ein Überblick
2.1. Sexarbeit: Sextourismus und Krankheiten
2.2. Sexarbeit und Pornographie
2.2.1. Pornographie feministisch betrachtet
2.3. Sexarbeit und Universität
2.4. Prostitution und Sexarbeit in Wien (Beratungsinstitut)

3. Erkenntnisse

4. Literaturangabe

Einleitung

Prostitution polarisiert. Noch immer und stärker denn je. Sollen Prostituierte rechtlich mit anderen ArbeitnehmerInnen gleichgestellt werden? Im österreichischen Gesetz wird Prostitution wie folgt definiert: „Personen, die gegen Entgelt und gewerbsmäßig sexuelle Dienstleistungen direkt am Kunden erbringen“.1 In Deutschland folgendermaßen: „Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begründet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses, für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält“.2

Die ersten Bordelle in Europa wurden im 12. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Oft waren, trotz der strengen Sitten und Moral, auch Kirchen und Klöster Betreiber dieser Etablissements. Einerseits wurde zwar die Prostitution von der Kirche verurteilt, doch gesellschaftlich war sie erlaubt, da man so die „ehrbaren Frauen“ schützen wollte.3

Die Prostitution, eines der ältesten Gewerbe der Menschheitsgeschichte, wurde immer wieder tabuisiert, Prostituierte angefeindet und verfolgt. Sie wird als ein Minus in der Gesellschaft angesehen.4 Die Prostitution als Versinnbildlichung der kapitalistischen, patriarchalen Gesellschaft. Trotz dieser öffentlichen Ablehnung floriert das Gewerbe mit dem Sex. Auch wenn das Anbieten von sexuellen Dienstleistungen nach wie vor als Sittenwidrig gilt und Honorare nicht eingeklagt und Dienstverträge nicht abgeschlossen werden können, wird Prostitution straffrei gestellt und geduldet. Die Arbeit im Rotlichtmilieu ist noch immer stark an kriminelle Machenschaften und der Anonymität der Prostituierten, die meist aus Osteuropa kommen, gebunden.

Prostitution kommt in vielen verschiedenen Varianten vor: Straßenstrich, in Bordellen, in Clubs, freiwillig oder unfreiwillig, durch Frauenhandel oder auch als Prostitution von Minderjährigen, sowohl Männer als auch Frauen. Gewerbsmäßige Prostituierte unterscheiden sich auch nach Herkunft, Bildungsgrad, sozialer Schicht und Motivation. Diese Fakten machen einen einheitlichen Diskurs nahezu unmöglich.

Man kann die Prostitution aber auch als „normale“ Arbeit betrachten und die Opferrolle der Prostituierten hinterfragen.

1. Prostitution im feministischen Diskurs

Seit dem Beginn der zweiten Frauenbewegung in den 70er Jahren, begannen Feministinnen sich der Problematik der Prostitution anzunehmen. Vor allem die frühen Feministinnen übten Kritik an der Sichtweise des weiblichen Körpers als Objekt.3 Wird im Gleichheitsansatz (einer der ältesten feministischen Ansätze) davon ausgegangen, dass Mann und Frau gleich sind und der Sexus zwar unterschiedlich sei, das Geschlecht (Gender) jedoch durch soziale Umstände bestimmt werde und nicht festgelegt sei, so steht im Gegensatz hierzu die Theorien der Differenzfeministinnen die davon ausgehen, dass männlich und weiblich grundverschieden ist, was durch die Möglichkeit der Schwangerschaft der Frau bewiesen wird. Erst durch den Dekonstruktion Feminismus (Judith Butler) wurde der Körper vom Geschlecht getrennt und steht nun als eigenständiges Ich für sich.

Die Prostitution im 19. Jahrhundert stieg überproportional stark an, was einerseits mit der Militarisierung und Verbürgerlichung der Männer zu tun hatte. Gab es auch schon in früheren Zeiten Prostitution, doch mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in vielen Teilen Europas wurden die jungen Männer aus ihren sozialen Gefügen herausgerissen und in fremde Regionen geschickt. Ihre Ehefrauen blieben zurück. Auch die soziale Situation änderte sich. Die Berufsausbildungen dauerten länger und dadurch heirateten die Männer später, in der Regel zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr. Bis zu dieser Zeit war es gesellschaftlich üblich heimlich zu Prostituierten und Mätressen zu gehen. Dieses Zitat vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche spiegelt das wieder: „Die Huren sind ehrlich und tun, was ihnen lieb ist, und ruinieren nicht den Mann durch das Band der Ehe.“ (Aus: Unschuld des Werdens 1, 903.) Diese Situation wirkte sich massiv auf die Prostituierten aus, sie mussten demütigenden medizinische Untersuchungen über sich ergehen lassen und wurden strafrechtlich verfolgt, während die Freier unbehelligt blieben.5

Im Zuge dieser Debatten über Gender und Feminismus wurde auch erstmals die Prostitution näher beleuchtet. Prostitution geht einher mit Dualismen wie Gut/Böse, Gesund/ Ungesund, Täter/ Opfer und der Reduktion der Prostituierten auf ihren Körper. Die Prostitution als ein notwendiges Übel? Der weibliche Körper steht im Zentrum dieser Debatte. In der Prostitution wird der Körper der Prostituierten zum Maßstab. Andere Frauen sollen handeln und ihre Sexualität (die „Sexualität der Frau“) auf die Reproduktion beschränken und andere Formen von Verlangen unterdrücken. Der Körper der Prostituierten wurde als leeres Symbol gesehen, in dem all der negativ behaftete „Schutt“ abgeladen wurde. In anderen Worten, die Prostituierte ist der Antagonist im Drama der Sexualität. Als Protagonistin beschränken sich die sexuellen Handlungen der „guten“ Frau auf die Fortpflanzung. Andere sexuelle Bedürfnisse werden ausgeklammert und der Prostituierten angehaftet.6

Dieses System der Rollenteilung in Gut/ Böse etc. ist ein Konstrukt des Patriachats indem die Frauen in zwei Lager gespalten werden. Das Konstrukt der Ehe gab dem Mann die Möglichkeit im sozialen Bereich akzeptierten Zugang zum weiblichen Körper zu erhalten. Die Prostitution ist ein wichtiger Bestandteil des patriarchalen Kapitalismus, sie gibt dem Mann die Möglichkeit sexuelle Dienstleistungen gegen Bezahlung zu erhalten. Sex wird zur Ware, jederzeit abrufbar und handelbar. Eine Austauschhandlung zwischen Anbieter und Kunden. Prostitution als extremes Beispiel sozial konstruierter weiblicher Sexualität zum Zwecke männlicher Befriedigung. Die Kritik an dieser Sichtweise bezieht sich auf die Einseitigkeit eben dieser. Die Frau bzw. die Prostituierte wird reduziert auf ihre Sexualität. Andere Aspekte wie Herkunft oder Kultur werden vernachlässigt oder gänzlich weggelassen.7

Die Meinungen sind auch zwischen den Feministen konträr. Während die einen für eine völlige Abschaffung der Prostitution plädieren, wollen die anderen eben diese als anerkannten Beruf etablieren. Das Problem das sich hier auftut ist die Tatsache, dass der rechtliche Schutz nicht nur die Prostituierten schützt, sondern auch die Zuhälter. In diesem Diskurs fehlen aber wichtige Punkte. Einerseits kann nicht nur von der einseitigen Betrachtungsweise der Prostituierten ausgegangen werden, man muss auch die Freier mit einbeziehen, andererseits wird im deutschen Sprachraum hauptsächlich immer nur von der Prostitution gesprochen. Die Diskussion müsste viel weiter gehen und Sexarbeit (Sex Work) mit einschließen. Wie im folgenden Kapitel näher erläutert, sind auch PornodarstellerInnen, Dominas, Strippdancer, etc. betroffen.

Die Prostitution, wie der allgemein übliche Geschlechtsverkehr unter Partnern folgt einem strikten Ritus: Vorspiel, Penetration, Orgasmus. Diese sozial, gesellschaftliche konstruierte Sexualität wurde von den Frauen „gelernt“. Dieser genitalfixierte Koitus ohne Fortpflanzung, war und ist mit einem hohen Risiko für Frauen behaftet, Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften mit all ihren Folgen (Abtreibungsdebatte) sind keine Ausnahmen. Dieses Gesellschaftlich akzeptierte Bild des Geschlechtsverkehrs, insbesondere der Frau, die am Ende einen Orgasmus haben muss, wurde auch durch die Pornographie verstärkt. Die unrealistische Erwartungshaltung und die Frau als Objekt, die zur Verfügung steht, dient vielen Frauen als Regieanweisungen für das Ehebett. Die strikten und immer gleichen Abläufe, die den Zweck verfolgen den weiblichen Orgasmus um jeden Preis zu erreichen. Diese Bild der Sexualität ist überall anzutreffen, vom Porno bis zur Werbung, von Filmen bis zum Ehebett.8

Diese Problematik unserer Gesellschaft ist nicht nur ein feministischer Diskurs. Solange aber die sozialen Strukturen nicht verändert werden und nur die Prostituierten als „Abschaum der Gesellschaft“ angesehen werden, wird sich nicht sehr viel ändern. Die Diskussion gehört auch auf die Freier und auf die Sexarbeit im Allgemeinen ausgeweitet. Im folgenden Kapitel wir näher auf Sex Work/ Sexarbeit eingegangen und die Problematik des Sextourismus behandelt.

2. Sex Work/ Sexarbeit- ein Überblick

Sex Work oder Sexarbeit wurde ab 1978 von Carol Leigh geprägt. Etabliert wurde der Begriff hauptsächlich im anglophonen Raum durch die Publikation Sex Work: Writings by Women in the Sex Industry (San Francisco 1987) von Frédérique Delacoste und Priscilla Alexander. Ich verwende in diesem Kapitel Sexarbeit gleichbedeutend mit Sex Work. Prostitution ist ein Teil der Sexarbeit, da die Prostituierten Sex gegen Bezahlung anbieten und in einem Handelsverhältnis mit einem Kunden (Freier) stehen. Sexarbeit bezeichnet alle Arten von Arbeit die mit Sex zu tun hat.

Melissa Hope Ditmore beschreibt Sexarbeit wie folgt: “ […] sex work refers to a wide variety of sexual services exchanged for money or items of value.”9 Nicht alle SexarbeiterInnen verwenden den Begriff, er ist vielmehr unter Aktivisten und Wissenschaftlern gebräuchlich. SexarbeiterInnen werden oft als Menschen zweiter Klasse mit entwürdigenden Namen wie Hure, Nutte, usw. genannt. Da es lange Zeit (bis ins 20. Jahrhundert) keinen offiziellen Namen für die Prostitution gab entwickelten sich umgangssprachliche Bezeichnung für eben diese. Sexarbeit schließt unter anderem Prostitution, Dominas, Strippdancers, PornodarstellerInnen, Telefonsex AnbieterInnen, etc. Diese Liste zeigt, dass sehr viele Menschen in der Sexindustrie arbeiten. Die meisten dieser Angestellten tun dies aber entweder in Illegalität, Unfreiwilligkeit (Sexsklaverei) oder als letzte Möglichkeit um Geld zu verdienen.

In der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind Sex ArbeiterInnen großteils stigmatisiert und werden als Menschen zweiter Klasse behandelt. Sie haben oft keine Möglichkeit ihren Lohn einzufordern, sind ihrem Zuhälter schutzlos ausgeliefert oder leben mit dem Risiko schwer zu erkranken. Diese Problematik wird später naher beleuchtet, da dies vor allem PornodarstellerInnen und Prostituierte betrifft, die direkten sexuellen Kontakt mit sehr vielen Partnern haben und so Gefahr laufen an AIDS oder anderen schweren Krankheiten zu erkranken. Redet man von Sexarbeit oder Prostitution wird meist von Frauen oder jungen Mädchen (Kinderprostitution, Kinderpornographie) gesprochen. In der Sexarbeit sind alle Geschlechter vertreten, Männer und Frauen aber auch Transgender, Transsexuelle oder Genderqueere Personen deren Geschlecht nicht in ihrer Geburtsurkunde zu finden ist bzw. die sich nicht mit den gesellschaftlichen Normen identifizieren und daher eine Randgruppe bilden.10 Diese Personen haben mir besonderen Anfeindungen und Beleidigungen zu kämpfen, sowohl privat als auch in der Arbeitswelt. Obwohl Diskriminierung aufgrund von Geschlecht geahndet wird solange sie im öffentlichen Bereich stattfindet (Arbeit), finden sie dennoch statt. Das wiederum macht diese Menschen anfällig für Arbeiten in der Sexindustrie. Dennoch bilden heterosexuelle Frauen den Großteil der Sexarbeiter.11

[...]


1 Prostitution in Österreich. Rechtslage, Auswirkungen, Empfehlungen. ExpertInnenkreis Prostitution im Rahmen der Task Force Menschenhandel (Wien 2008).

2 Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten (Prostitutionsgesetz – ProstG) Bundesgesetzblatt Jahrgang 2001 Teil I Nr. 74 (Bonn 2001).

3 Carolin Licht, Susann Grösch/ Freudenthal ( Hg .), Prostitution (Norderstedt 2006) 6.

4 Wolfgang Sorge, Geschichte der Prostitution (Bremen 2012).

5 Sozialwissenschaftliche Forschung & Praxis für Frauen e.V. (Hg.), Prostitution. In: Beiträge zur Feministischen Theorie und Praxis 58 (2001) 5-11.

6 Teela Sanders, Maggie O'Neill, Jane Pitcher (Hg.), Prostitution. Sex Work Policy and Politics (London 2009) 5.

7 Sanders, Sex Work, 6.

8 Sozialwissenschaftliche Forschung & Praxis für Frauen e.V., Prostitution, 5-11.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656520405
ISBN (Buch)
9783656523437
Dateigröße
857 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263242
Institution / Hochschule
Universität Wien – Geschichte
Note
2,0
Schlagworte
prostitution sexarbeit erkenntnisse probleme herausforderungen

Autor

Zurück

Titel: Von der Prostitution zur Sexarbeit