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Das Freisetzungsparadox aus systemtheoretischer und lebensbewältigungstheoretischer Perspektive am Beispiel Wohnungslosigkeit

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 20 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung
1.1) Aktuelle Relevanz des
1.2) Ziel der Arbeit
1.3) Aufbau der Arbeit

2) Exkurs: Die Problemlage wohnungsloser Menschen

3) Das Fallbeispiel: Frank M.

4) Theoretische Darlegung
4.1) Die Systemtheorie nach Silvia Staub-Bernasconi
4.2) Kritische Würdigung des systemtheoretischen Ansatzes
4.3) Der Lebensbewältigungsansatz nach Lothar Böhnisch
4.4) Kritische Würdigung des Lebensbewältigungsansatzes

5) Die Fallanalyse aus der Perspektive Silvia Staub-Bernasconis

6) Die Fallanalyse im Lichte von Lothar Böhnisch

7) Fazit

Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

1.1) Aktualität und Brisanz des Themas Wohnungslosigkeit

Wohnungslosigkeit als soziales Problem ist aktueller und brisanter denn je. So konstatierte der Dachverband der Wohnungslosenhilfe in Deutschland jüngst 2011 einen drastischen Anstieg der Wohnungsnotfälle von 330000 auf 354000. Auch zukünftig prognostizierte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe bis 2015 einen weiteren Anstieg von etwa 10-15%. Betroffen sind mit steigender Zahl junge Erwachsene unter 30 Jahren, die in prekären Wohn- und Lebensverhältnissen wie bei Freunden, Bekannten oder gar auf der Straße leben. Diese Tendenz ist auf viele Faktoren zurückzuführen: Während die Mietpreise, vor allem in den Städten, kontinuierlich erhöht werden, steigt die Verarmung und damit die Unfähigkeit, aus eigenem Vermögen Miete zu bezahlen. Prekäre Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor, das sogenannte working poor , stehen eng im Kontext mit der Thematik der Wohnungslosigkeit. Sozialpolitische Fehlentscheidungen wie etwa, dass sich Sanktionen auch bei den Kosten der Unterkunft bei jungen Erwachsenen niederschlagen, können für den Aufstiegstrend der Wohnungsnotfälle verantwortlich gemacht werden. Zugleich ist ein Mangel an sozialem Wohnungsbestand vorzufinden. Nachteilig ist insbesondere an dieser Stelle, dass auf wohnungspolitischer Ebene im Jahr 2012 erneut Kürzungen der Mittel für die Städtebauförderung vorgenommen wurden. Demnach verkaufen immer mehr Kommunen und Länder ihre Baubestände an private Investoren (vgl. BAG Wohnungslosenhilfe 2011, S. 160). Privatisierung als ein Kernstück des Neoliberalismus vollzieht sich auch bei den persönlichen Existenzrisiken der Betroffenen von Wohnungslosigkeit. Wie Butterwegge pointiert, trete im neoliberalen Sinne anstelle des Sozialstaates letztlich sozusagen ein Staat der Stifter, privaten Spender und Sponsoren (vgl. Butterwegge 2010, S. 9). Dies hat mich dazu inspiriert über Wohnungslosigkeit zu schreiben.

1.2) Ziel der Arbeit

In der vorliegenden Hausarbeit soll , anhand der Bezugsfolien der Theorien der Systemtheorie nach Silvia Staub-Bernasconi und des Lebensbewältigungsansatzes nach Lothar Böhnisch, die Frage unter welchen Bedingungen Wohnungslosigkeit entsteht und wie sie sich auswirken kann, beleuchtet werden. Diese bilden den Rahmen um die Fallgeschichte des Frank M., der nach der Trennung seiner Partnerin ad hoc von Wohnungsnot betroffen ist. Als Arbeitsgrundlage zog ich Fachliteratur im Bereich der Wohnungslosenhilfe, Literatur zu den Theorien von Silvia Staub-Bernasconi und Lothar Böhnisch, sowie einschlägige Fachzeitschriften, heran.

1.3) Aufbau der Arbeit

Die Arbeit besteht im Wesentlichen aus drei Kernbereichen: Der Darstellung beider Theorien, deren kritische Würdigung, sowie der theoretische Transfer nach den beiden Denkfiguren auf den Fall. Dieser wird bereits zu Beginn der Hausarbeit dargestellt. Im Vorfeld nehme ich jedoch eine Hintergrundskizze zu den Problemlagen wohnungsloser Menschen als Exkurs vor. Den Abschluss bildet das zusammenfassende Fazit meiner Erkenntnisse als auch die Reflexion über das Modul Wissenschaft Soziale Arbeit.

2.) Exkurs: Die Problemlage wohnungsloser Menschen

Da sich meine Fallanalyse auf einen Menschen bezieht, der mit Wohnungslosigkeit konfrontiert ist, möchte ich an dieser Stelle einen Exkurs zur Lebenslage wohnungsloser Menschen vornehmen. Wohnungslosigkeit ist nicht nur durch das Fehlen von Wohnraum gekennzeichnet. Vielmehr handelt es sich hier um ein komplexes Geflecht aus verschiedenen sozialen Problemen, die sich wechselseitig bedingen können. Dazu gehören z.B. Armut, Arbeitslosigkeit, körperliche und psychische Erkrankungen, Gewalt und Kriminalität. Diese korrelieren mit Versorgungslücken der Einrichtungen, die dieses Klientel als Zielgruppe hat. Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe sind oftmals das letzte Netz für Menschen, die sich in (Wohnungs)Not befinden (vgl. Ratzka 2012, S.1235). Dieses Hilfesystem gestaltet sich vielschichtig: Es besteht aus Fachberatungsstellen, Streetwork, Tagesaufenthaltsstätten, Wohnheimen und Übernachtungseinrichtungen in meist freier oder kirchlicher Trägerschaft. Darüber hinaus gibt es einen hohen Anteil an ehrenamtlichen Wohnungslosenprojekten. Schätzungen zufolge gelingt es 20 bis 30 % der Wohnungslosen mithilfe genannter Einrichtungen, sich wieder in die Gesellschaft zu inkludieren und geeignete Wohnverhältnisse wiederherzustellen (vgl. Malyssek, Störch 2009, S. 22). Dass es keinen einheitlichen Typus von Wohnungslosen gibt, konstatieren Lutz & Simon als wichtige und ausschlaggebende Erkenntnis im Hilfesystem. Damit liegen die unterschiedlichsten Hilfebedarfe vor, die voneinander sehr stark abweichend sein können. Es kri Hintergrund der Wohnungslosigkeit sein können. Dieser Terminus wird daher verwendet, da er den sich zuspitzenden Prozess von sozialer Ausgrenzung ausdrückt, der nicht erst mit dem Wohnungsverlust seinen Anfang nimmt (vgl. Lutz, Simon 2012, S.99). So gibt es Klient_innen, die entweder erst kürzlich einen Wohnungsverlust hinter sich hatten und somit eine kurzfristige Beratung ausreichend war, um eine Verschärfung ihrer Situation vorzubeugen. Andererseits gibt es Klient_innen, die sich bereits länger im Hilfesystem aufhalten oder einige Zeit auf der Straße gelebt haben (vgl. Lutz, Simon 2012, S. 101).

Somit muss die Wohnungslosenhilfe auf immer vielfältigere und unübersichtlichere Umstände reagieren. Wohnungslosigkeit bezeichnen Lutz & Simon als Kennzeichen einer sozialen Krise, die bereits ihren zeitlichen Vorlauf hatte und für die keine Lösung gefunden wurde. Zu den Betroffenen gehören vor allem auch junge Menschen im Hilfesystem, die nicht die Möglichkeit hatten, sich in einem Arbeitsverhältnis zu positionieren (vgl. ebd., S.103). Die Lebenslage Wohnungslosigkeit ist trotz der Vielfältigkeit ihrer Auswirkungen durch eine multidimensionale Unterversorgung charakterisiert. Diese manifestiert sich in verschiedenen Dimensionen: Neben dem Mangel an einem mietvertraglich abgesicherten Wohnraum, fehlt die finanzielle Lebensbasis. Das Einkommen ist unregelmäßig, prekär oder nicht vorhanden und verhindert damit eine autonome, wirtschaftliche Planung des täglichen Lebens. Des Weiteren erschwert Niedrigqualifizierung den Zugang zum allgemeinen Arbeitsmarkt. Die Unterversorgung betrifft jedoch auch die sozialen Bezüge: wohnungslose Menschen sind oftmals von familiären und anderen sozialen Verbindungen getrennt. Ihre Beziehungen reduzieren sich häufig auf die Zeit ihrer prekären Situation, nicht selten auf die Szene anderer Betroffener (vgl. ebd., S.98). Die materielle Deprivation zieht nicht automatisch den sozialen Ausschluss mit sich. Butterwegge konstatierte stattdessen, dass der Neoliberalismus mittels des Standortnationalismus einen Sozialdarwinismus betreibt, nachdem Leistungsstarke und weniger Leistungsstarke aussortiert werden. Die soziale Ausgrenzung schlägt sich auf diejenigen nieder, die dem eigenen Wirtschaftsstandort nicht oder gering nützen und deren Qualifikationen ökonomisch nicht verwertbar sind (vgl. Butterwegge 2010, S. 12).

3.) Das Fallbeispiel: Frank M.

Frank M. ist 27 Jahre alt, ledig und lebt derzeit in einem Wohn- und Übernachtungsheim für wohnungslose Männer. Zuvor lebte er bei seiner Partnerin, die sich jedoch unabsehbar von ihm nach sieben Jahren trennte und er aus der Wohnung ausziehen musste. Gleichzeitig verlor er durch die Insolvenz der Firma seine Arbeitsstelle als Lastwagenfahrer. Soziale Bezüge wie die Herkunftsfamilie konnte er als Unterstützung nicht in Betracht ziehen, da er den Kontakt zu seinen Eltern abgebrochen hatte und keinerlei freundschaftliche Beziehungen bestehen. Die Partnerin stellte demzufolge die einzige Bezugsperson dar, auf die sich Frank M. konzentrierte. Zur Biographie des Protagonisten ist zu sagen, dass er als ältestes von drei Kindern in einem sozialen Brennpunkt in einer deutschen Großstadt, das unter den dort Wohnenden - genannt wird, aufwuchs. Als Jugendlicher wurde er spielsüchtig. Herr M. beschreibt die Beziehung zu seinen Eltern als konfliktbehaftet, sodass er nach eigenen Angaben zufolge, immer wieder Spielhallen aufsuchte. Sie interessierten sich wenig für seine schulische wie berufliche Laufbahn. Nach dem Abbruch zweier Ausbildungen, ließ er sich zum Lastwagenfahrer und Staplerfahrer ausbilden. Da ihn dies jedoch nicht erfüllte, begann er eine Ausbildung zum Erzieher, die er jedoch erneut abbrach. Als Grund nennt er vor allem die Suchterkrankung. Diese überwand er jedoch durch den regelmäßigen Besuch von Selbsthilfegruppen und dem Kennenlernen der oben genannten Partnerin. Nach der Trennung lebte er für einige Zeit auf der Straße und flüchtete in eine Kirchengemeinde, wo ihm ein Pfarrer einen Platz im oben genannten Männerwohnheim vermittelte. In negativer Erinnerung habe M. das Erstgespräch mit dem dort zuständigen Sozialarbeiter, der ihn aus ungenannten Gründen nicht aufnehmen wollte. Herr M. sei jedoch überzeugt, dass er bleiben möchte, da er keine andere Alternative für sich sieht, insbesondere wegen der Wohnungs- und Arbeitsmarktsituation. Wenn er heute reflektiere, so fühle er sich für die Problemlage selbst verantwortlich: Er bereue, dass er sich nicht gegen eventuelle Risiken absicherte. Für die Zukunft habe er vor, seine Erzieherausbildung wieder aufzunehmen. Auch wenn er froh sei, dass er im Männerwohnheim aufgenommen wurde, sehe er die Betreuungssituation kritisch. Er habe das Gefühl, dass die Sozialarbeiter_innen zu wenig Zeit für die Bewohner haben und eine Gemeinschaft fehle, die für ihre Interessen eintritt. Die Bewohner seien zwar insgesamt unzufrieden, trauen sich jedoch nicht, dies zu äußern. Herr M. äußert Bedenken an Veränderung, da nach seiner Auffassung, die anderen vor den Konsequenzen der Sozialarbeiter_innen Angst haben. Für ihn üben sie zuviel Kontrolle aus. Besonders Spätheimkehrer müssten sich oft rechtfertigen (vgl. Malyssek, Störch 2009, S. 161-165).

4.) Theoretische Darlegung

4.1) Die Systemtheorie nach Silvia Staub-Bernasconi

Im Weiteren erfolgt eine komprimierte Darstellung der von Silvia Staub-Bernasconi entwickelten Systemtheorie. Hierbei sind unterschiedliche systemistische Strömungen zu unterscheiden: der bekanntere Ansatz von Niklas Luhmann und die Schweizer Systemtheorie nach Obrecht und Lüssi, die durch Staub-Bernasconi konsolidiert wurde. Silvia Staub-Bernasconi zählt zur Traditionslinie der bedeutendsten Frauen der Sozialen Arbeit wie Jane Addams, Gertrud Bäumer, Alice Salomon und Ilse Arlt (vgl. Engelke, Borrmann & Spatschek 2009, S.445). In ihrem theoretischen Fundament vereint sie den systemtheoretischen Zugang, sowie die Aspekte der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und des bedürfnistheoretischen Ansatzes. Hierbei geht es auch um den Fokus auf die Fragen, wie es zu einer unzureichenden Bedürfnisbefriedigung kommt und in welcher Typik soziale Probleme liegen.

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Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656524526
ISBN (Buch)
9783656528180
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263328
Institution / Hochschule
Hochschule Esslingen
Note
1,0
Schlagworte
Sozialarbeitswissenschaft Theorie Lothar Böhnisch Silvia Staub-Bernasconi Wohnungslosigkeit Armut Fallbeispiel

Autor

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Titel: Das Freisetzungsparadox aus systemtheoretischer und lebensbewältigungstheoretischer Perspektive am Beispiel Wohnungslosigkeit