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Herlinde Koelbls Körperbilder in "Starke Frauen": Eine exemplarische Untersuchung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2011 20 Seiten

Kunst - Kunstgeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Starke Frauen
2.2 Susan
2.3 Nina

3 Fazit

4 Literatur

5 Abbildungen

1. Einleitung

„[Herlinde Koelbl schafft] in der Regel groß angelegte Zyklen, häufig zu in der Gesellschaft tabuisierten Themen. Seit Ende der 80er Jahren eine der in Deutschland meistdiskutierten Fotografinnen“.1

Herlinde Koelbls Fotoband Starke Frauen erschien im Jahre 1996 und zeigt eine Bilderfolge weiblicher Akte, die gerade nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Zwölf Jahre zuvor, 1984, setzte sich die Fotografin bereits mit dem Pendant zur Weiblichkeit auseinander und widmete dem männlichen Geschlecht eine Fotoreihe. Auf den Bildern sind Männer voller Widersprüche zu sehen, sie zeigen Zärtlichkeit, Stärke und Aggression.

Obwohl Herlinde Koelbl sich mit keinem Wort explizit auf das Thema „Doing Gender- Doing Art“ bezieht, so eignet sich Starke Frauen eindeutig für die Analyse und Diskussion im Bereich der Gender Studies. Zunächst ergibt sich die Frage, wie und was Herlinde Koelbl, als weibliche Künstlerin, zur feministischen Kunstgeschichtsschreibung beigetragen hat. So wurde die akademische Kunstgeschichte lange vor allem durch den „weißen Mann westlicher Prägung“ geschrieben.2 Damit ist das Frauenbild, das uns in der Kunstgeschichte begegnet oftmals Resultat männlicher Imagination, männlicher Wunschvorstellung und Phantasien, und zugleich ist es an den männlichen Betrachter adressiert.3

Dadurch, dass sie sowohl Männer und Frauen in ihrer Fotografie thematisiert, bestünde ferner auch die Möglichkeit vergleichend zu arbeiten und die Unterschiede, beziehungsweise Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten. Diese Arbeit soll sich jedoch vor allem mit Koelbls Körperbildern und den gesellschaftlich geprägten Idealvorstellungen beschäftigen. Die Betonung der weiblichen Stärke bereits im Titel der Arbeit - ihr Männerband trägt kein charakterisierendes Adjektiv - macht es zu einem zentralen Gegenstand. Im Folgenden soll daher zunächst eine theoretische Basis zu diesem Motiv gelegt werden, die im Anschluss exemplarisch auf drei der zahlreichen Fotografien angewendet wird.

Um Herlinde Koelbls Vielseitigkeit zu verdeutlichen, sollen zwei Modelle aus ihrem Band exemplarisch behandelt werden. Susan, Koelbls erstes Modell, ist eine britisch-amerikanische Künstlerin, die die Fotografin 1993 in Cincinnati traf.4 Die insgesamt acht Aufnahmen präsentieren sie als selbstbewusste Frau, die sich durch ihre fülligen Maße von dem zeitgenössischen Schönheitsideal absetzt. Nina, das letzte Modell im Bildband, ist Tochter eines russischen Fürsten und arbeitete dreißig Jahre lang als Modell an der Münchener Kunstakademie. In den 14 Fotografien von der achtzigjährigen, wird das Thema Altern dokumentiert.

2. Hauptteil

2.1 Starke Frauen

„Strength and weakness are understood to be the natural corollaries of gender difference“.5

Darstellungen nackter Frauen existieren seit der Antike und stellen somit kein außergewöhnliches Konzept dar, denn „seit der Mensch sich künstlerisch betätigt, ist der weibliche Körper, seine Nacktheit und Schönheit, seine Fruchtbarkeit und Verführungskraft ein zentrales Motiv”.6 Über die Jahrhunderte hinweg lässt sich jedoch eine durchgängige Zurückhaltung von Künstlerinnen gegenüber dem Sujet des nackten Körpers - vor allem dem des männlichen - feststellen. Erst seit der Zeit um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert wird der Akt auch von Frauen nicht nur als Ausnahme gemalt.7 Herlinde Koelbl nähert sich diesem Thema mit einer besonderen Manier und bricht mit den vorherrschenden Traditionen. Sie stellt das gängige Frauenbild infrage, verwendet dazu jedoch weder Fotomontage, Collagen oder Verbindungen von Text und Bild, wie Barbara Kruger, Annegret Soltau, Cindy Sherman oder Mary Kelly es taten. Ihre Fotografien gleichen einer reinen Dokumentation und werden damit zum Medium des unverfälschten Realismus. Waren es vormals allegorische, mythologische, biblische oder reale Figuren, die Eva oder Venus, Leda oder Odaliske, Olympia oder Poserpina, Jungfrau Maria oder Mona Lisa, Sissi oder Jeanne d’Arc hießen,8 so schafft Koelbl Raum für einen Frauentypus, mit dem sie Stärke evoziert. Der Begriff von Stärke hinterfragt dabei die sozio-kulturelle Stellung der Frau und arbeitet dabei interdisziplinär mit den Gender Studies zusammen. Als Basis erscheint daher ein Blick auf das Konstrukt von Leib, Körper und Geschlecht sinnvoll, der die a­typischen Merkmale von Männlichkeit und Weiblichkeit beleuchtet. Im Prozess der Geschlechtswerdung spielt der eigene Leib-Körper eine grundlegende Rolle.9 Die Person wird durch die geschlechtliche Klassifikation ihres Körpers als ,Frau‘ und ,Mann‘ wahrgenommen. Sie nimmt sich in der Folge selbst so wahr und nutzt ihren Körper zugleich zur Darstellung ihrer Geschlechtsidentität. Die Person interpretiert ihren Körper und vergleicht ihn mit den Normen, die sich darauf beziehen. Letztlich ist demnach das, was ein Menschen als ,die Natur der Geschlechter 4 zu erkennen glauben ein kulturell erzeugtes Wissen. Was bedeutet also „weiblich“ und was ist „männlich“?

In der Literatur werden „Männlichkeit“ und „Weiblichkeit“ zumeist anhand dreier Kategorien festgemacht: So ist erstens eine weibliche oder männliche Person jemand, der die vorherrschenden- kulturell geprägten­Geschlechterrollen ausfüllt.10 Einer Frau kommt dabei beispielsweise die Mutterrolle zu, einem Mann die des Ernährers. Die zweite Kategorie kommt der ersten sehr nahe und zielt darauf ab, die Geschlechtlichkeit einer Person daran zu konstituieren, wie diese die Eigenschaften, die der Geschlechterdifferenzierung dienen, durch ihr Beispiel belegt.11 Kleine Mädchen sollten demnach mit Puppen spielen, da dieses zuvor als weiblich festgelegt wurde. Zuletzt gilt als besonders weiblich, bzw. männlich, wer für das andere Geschlecht attraktiv ist. Dabei greifen in der modernen Gesellschaft folgende Aspekte:

„Als feminin gelten in der modernen Gesellschaft Frauen, die sexuell attraktiv sind. Sie sind möglicherweise aufmerksame Zuhörerinnen und können sich sensibel auf ihr Gegenüber einstellen. Männliche Attraktivität hingegen ist gegenwärtig schwerer zu definieren; ein Mann sollte groß sein und über einen muskulösen Körperbau verfügen; es wird erwartet, dass er sich durchsetzen kann und dass er selbstbewusst auftritt“.12

Auch Nochlin hält ähnliche Kriterien für Frauen- und Männerbilder fest, “The Male image is one of power, possession, and domination, the female one of submission, passivity, and availability“.13 Es scheint, als sei eine Frau besonders weiblich, wenn sie sich zurücknimmt, einfühlsam ist und sich sensible auf den Mann einstellt. Wie passt demnach das Adjektiv „stark“ in die Beschreibung einer derart bieg- und beugsamen Persönlichkeit?

Der Begriff „stark“ ist vieldeutig. Das Duden Universallexikon bietet folgende Möglichkeiten einer Leseart:

„1. a) viel Kraft besitzend, 2. a) dick, stabil, fest und daher sehr belastbar, b) beleibt, 5. Hohe Leistung bringend; einen hohen Grad von Wirksamkeit besitzend; leistungsstark, 8. ausgezeichnet und deshalb jemanden tief beeindruckend“14

Stärke wurde lange Zeit mit dem Männlichen gleichgesetzt, während Schwäche mit dem Weiblichen verbunden wurde. Daher rühren auch Begriffe, wie „das starke und das schwache Geschlecht“. In der Tat ist dieses Bild auch heute noch weitverbreitet und viele Frauen streben danach erfolgreich zu sein wie ein Mann, Geld zu verdienen wie ein Mann und gesellschaftliche Anerkennung zu finden wie ein Mann. Die Annahme “In the social construction of gender male is the primary construction“,15 scheint nicht an Gültigkeit eingebüßt zu haben. Dennoch ist klar, dass eine starke Frau nicht dasselbe wie ein starker Mann ist, bzw. es für Frauen nicht nötig ist, ihre Weiblichkeit abzulegen, um gesellschaftlich anerkannt zu sein oder als stark zu gelten. Nochlin geht sogar soweit zu behaupten, “The discourse of power and the code of ladylike behavior can maintain only an unstable relationship: the two cannot mix“.16 Was ist demnach ein weibliches Konzept von Stärke, das sich nicht an der Gleichung „stark=Mann“ orientiert? Dabei erweist sich gerade das Konstrukt der Geschlechtlichkeit als hinderlich. Dadurch, dass Frauen immer in Abhängigkeit betrachtet wurden, und „eine Person [auch] nur dann als ,weiblich‘ wahrgenommen [wird], wenn ,männliche‘ Zeichen abwesend sind“,17 ist oftmals kein eigenständiges Bild für die Frau vorhanden.

[...]


1 Das Lexikon der Fotografen. 1900 bis heute, München 2002.

2 Vgl. Nochlin, Linda: „Warum hat es keine bedeutenden Künstlerinnen gegeben?“, in: Rahmenwechsel. Kunstgeschichte infeministischerPerspektive, hrsg. von Beate Söntgen, Berlin 1996, S. 27.

3 Vgl. Müller, Petra; Wieland, Rainer (Hrsg.): Frauen schön und stark, München 2009, S.6.

4 Vgl. Koelbl, Herlinde: StarkeFrauen, München 1996, S. 9.

5 Nochlin, Linda: Women, Art, and Power and other Essays, London 1994, S. 3.

6 Müller 2009 (wie Anm. ), S. 6.

7 Vgl. Maiwald, Salean Angelika: Derfehlende Akt in der Kunst von Frauen. Psychoanalytische Betrachtungen eines Tabus, Frankfurt am Main 1993, S. 4.

8 Vgl. Müller (wie Anm. ), S. 6.

9 Die nachfolgenden Ausführungen sind entnommen aus: Schaufler, Birgit: Schöne Frauen-Starke Männer. Zur Konstruktion von Leib, Körper und Geschlecht, Opladen 2002, S. 107f.

10 Vgl. Ebenda, S. 106.

11 Vgl. Ebenda, S. 106.

12 Ebenda. S. 106.

13 Nochlin 1994 (wie Anm.). S. 142.

14 Duden Deutsches Universallexikon, 7. überarbeitete und erweiterte Auflage, Mannheim 2011, S.1667.

15 Gildemeister, Regine: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung, in: Handbuch Frauen-und Geschlechterforschung, hrsg. von Ruth Becker und Beate Kortendiek, Wiesbaden 2010, S. 140.

16 Nochlin 1994 (wie Anm. ), S. 8.

17 Gildemeister, Regine: Soziale Praktiken der Geschlechterunterscheidung, in: Handbuch Frauen-und Geschlechterforschung, hrsg. von Ruth Becker und Beate Kortendiek, Wiesbaden 2010, S. 140.

Details

Seiten
20
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656522751
ISBN (Buch)
9783656523482
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263399
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
1,0
Schlagworte
herlinde koelbls körperbilder starke frauen eine untersuchung

Autor

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Titel: Herlinde Koelbls Körperbilder in "Starke Frauen": Eine exemplarische Untersuchung