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Methoden des Schriftspracherwerbs für DaZ-SchülerInnen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 16 Seiten

Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)

Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fibelunabhängiger Ansatz zum Schriftspracherwerb
2.1 Lesen durch Schreiben
2.2 Effizienz/ Ergebnisse/ Erfahrungen

3. Fibelbasierter Unterricht
3.1 Die Fibel
3.1.1 Synthetische Verfahren
3.1.2 Analytische Verfahren - Die Ganzheitsmethode
3.2 Effizienz/ Ergebnisse/ Erfahrungen

4. Methodeneffizienz im Vergleich nach W. Grießhaber

5. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„ Die guten Leutchen wissen nicht, was es einen für Zeit und Mühe kostet, um lesen zu lernen. Ich habe 80 Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, dass ich am Ziel wäre. “

Johann Wolfgang von Goethe 25.01.1830

Der Zweitspracherwerb stellt für die Schulen und für den Lernenden, unabhängig des Alters, eine große Herausforderung dar. Das Lesen- und Schreibenkönnen sind zwei wichtige Kom- petenzen, dessen Vermittlung zentrale Aufgabe der Institution Schule sind. Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben fördert die Sozialisation der Kinder und ermöglicht die Eingliederung in eine Gesellschaft und deren Kultur. Die Beherrschung dieser Kulturtechniken sind Grund- voraussetzung für die Teilnahme an gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen und unbe- dingt erforderlich für das Erreichen von Bildungszielen. Für die Schulanfänger ist der Leseun- terricht das erste zentrale Erfahrungsfeld schulischen Lernens und der Erfolg dieses Lernpro- zesses ist für jedes Kind im Blick auf sein künftiges Schulschicksal von entscheidender Be- deutung (Reichen, 2008). Jugendliche mit Migrationshintergrund verlassen häufiger als ein- sprachige deutsche Schüler die Schule ohne Abschluss (Bericht der Beauftragten der Bundes- regierung für Ausländerfragen(2002: 182)). Laut PISA überschritten fast fünfzig Prozent der Zugewanderten die elementare Kompetenzstufe I im Lesen nicht (Deutsches PISA- Konsortium 2001: 376).

Ich beschäftige mich in meiner Hausarbeit mit Vermittlungsmodellen des Schriftspracher- werbs. Der Schriftspracherwerb von Zweitsprachlern soll hier im Vordergrund stehen. In ei- nem ersten Schritt werde ich den fibelunabhängigen Ansatz zum Schriftspracherwerb anhand der Methode „Lesen durch Schreiben“ von Jürgen Reichen erläutern und ihre Effizienz darle- gen. In einem zweiten Schritt zeige ich die Herangehensweise des fibelbasierten Unterrichts und die Erfahrungen mit Fibellehrgängen auf. Im Zuge dessen werde ich die zwei unter- schiedlichen Verfahren des fibelbasierten Unterrichts, das synthetische und analytische, kurz erläutern. Im nächsten Schritt möchte ich die beiden Modelle im Vergleich betrachten, indem ich ein Förderprojekt von Wilhelm Grießhaber zu Hilfe ziehe und auswerte. Ziel der Ausar- beitung soll sein, anhand verschiedener Aspekte aufzuzeigen, dass DaZ-SchülerInnen immen- se Probleme mit dem Schriftspracherwerb haben und deshalb besonders gefördert werden müssen.

2. Fibelunabhängiger Ansatz zum Schriftspracherwerb

2.1 Lesen durch Schreiben

Das Verfahren „Lesen durch Schreiben“ geht auf den Schweizer Pädagogen Jürgen Reichen zurück. Er hat sein Konzept nach sechs verschiedenen Prämissen entwickelt, die davon ausgehen, dass Kinder sich in ihrer grundsätzlichen Lernfähigkeit, die in besonderem Zusammenhang mit unterschiedlichen biologischen Voraussetzungen und spezifischen Umweltbedingungen stehen, unterscheiden (Reichen 1991, 14).

Insgesamt handelt es sich bei „Lesen durch Schreiben“ um ein Lernkonzept, welches die Kin- der vom Schreiben zum Lesen führen möchte. Dies geschieht mit dem Verzicht auf alles Le- sedidaktische (Reichen 2008, 4). Stattdessen werden die Stützfunktionen des Lernens gestärkt und es wird eine ausgiebige Denkerziehung betrieben (Reichen 2008, 4). Das Konzept geht von der pädagogischen Grundüberzeugung aus, dass die meisten Kinder aus sich heraus lern- fähig und lernbereit sind und viele didaktisch-methodische Maßnahmen der Schule das kind- liche Lernen wahrscheinlich eher stören als unterstützen (Reichen 2008, 4). Mit Zuhilfenahme vielfältiger, speziell didaktisch aufbereiteter Unterrichtmaterialien sollen die selbstgesteuerten Lernprozesse ermöglicht werden. Die SchülerInnen können aus den angebotenen Materialien frei wählen und im Werkstattunterricht individuell, selbstständig und fächerübergreifend ar- beiten. Die LeseanfängerInnen lernen also zunächst das Schreiben. Die Lesekompetenz ent- wickelt sich auf diesem Weg allmählich als automatisches Begleitprodukt des Schreibens (Reichen 1994, 71; Peschel 2004, 42). Reichen lehnt aus diesem Grund gezielte Erstleseübun- gen, bei denen die Wörter buchstabenweise auflautiert werden, vollkommen ab. Seiner Mei- nung nach behindere dies sogar das Lesenlernen, da ein solches Vorgehen nicht der Lesestra- tegie eines geübten Lesers entspreche (Reichen 1998, 327ff.).

Lesen durch Schreiben folgt nicht dem Fehlervermeidungsprinzip. Es wird zunächst ein lautgetreues Verschriften angestrebt und Abweichungen von der normgetreuen Orthographie werden als diagnostische Entwicklungsfehler betrachtet. Darüber hinaus werden Überforderungen bei einzelnen Kindern bewusst in Kauf genommen, da sie aus einer Fülle von Materialien frei wählen können und somit das Prinzip vom Einfachen zum Schwierigen bewusst außer Acht gelassen wird (Reichen 1982, 8).

Das praktische Vorgehen läuft nun, ausgehend von der Überlegung, dass Lesen und Schreiben prozesshaft zusammengehören, so ab, dass die Kinder zunächst nur lernen, wie Sprache auf- geschrieben wird. Dem Kind wird so von Anfang an Einsicht in das Prinzip unserer Schrift vermittelt. Die Hinführung zur Lautstruktur der Sprache - also die Festigung von phonologi-scher Kompetenz - steht im Mittelpunkt der Lernanstrengungen des Anfangsunterrichts (Rei- chen 2008, 5). Das zentrale Arbeitsmittel dieser Methode ist eine Anlauttabelle (Reichen nennt sie Buchstabentabelle), mit deren Hilfe der Schüler gesprochene Wörter schrittweise in eine schriftliche Form umsetzen kann. Es wird schließlich von Anfang an mit dem gesamten Laut- und Buchstabenbestand gearbeitet (Reichen 1988a, 8). In dieser Anlauttabelle werden möglichst alle typischen bedeutungsunterscheidenden Phoneme einer Sprache verschriftlicht. Zusammen mit einem Anlaut-Bild werden den Phonemen zugeordnete Buchstabenzeichen (Grapheme) aufgeführt. Neben jedem Laut ist ein Objekt abgebildet, dessen Bezeichnung mit diesem Laut beginnt, zum Beispiel ein Bild eines Apfels neben dem Schriftzeichen <a>. So können die SchülerInnen mit Hilfe der Anlauttabelle das Schriftbild eines Wortes Laut für Laut zusammensetzen. Auf diese Weise schreiben die Kinder Wort für Wort, bis sie eines Tages ohne Hilfe der Tabelle schreiben können - und begleitend zu diesem Schreiben zu- gleich das Lesen lernen (Reichen 2008, 5). Reichen betont, dass sich das Lesenkönnen unbe- wusst nebenbei entwickelt, wenn nicht gezielt geübt wird (Reichen 2008, 5). Lesekompetenz stellt sich als Produkt des Schreibens von selbst ein - sofern die Kinder nie zum Lesen aufge- fordert oder gar gezwungen werden (Reichen 2008, 5).

2.2 Effizienz/ Ergebnisse/ Erfahrungen

Abgesehen von den Erfahrungen der Kinder kann die Methode „Lesen durch Schreiben“ auch für LehrerInnen Probleme schaffen. Sie müssen sich umstellen, da die wenigsten in der Ausbildung vergleichbare Konzeptionen kennengelernt haben und nun hinsichtlich ihrer Unterrichtsgestaltung mit etwas Neuem konfrontiert werden (Reichen 2008, 8). Daher wird zunächst für die Unterrichtsvor- und -nachbereitung mehr Zeit beansprucht. Die pädagogische Präsenz wird im Unterricht mehr gefordert und die Lehrpersonen werden womöglich durch Besonderheiten des Werkstattunterrichts verunsichert (Reichen 2008, 8). Aber vor allem wird den LehrerInnen großes pädagogisches Zutrauen in die Selbstentwicklungskräfte und Selbstlernfähigkeiten der Kinder abverlangt (Reichen 2008, 8).

Für die Schulanfänger stellt diese Methode keine Probleme dar. Für sie ist alles neu und jedes Kind hat die Motivation bei Schuleintritt Schreiben und Lesen zu lernen, egal mit welcher Methode. Die Selbständigkeit durch diese Methode vermittelt ihnen eine besondere Art von Erfolgserlebnissen, die ihr Selbstbewusstsein stärken. Dieses Verfahren verschafft dem Kind die lernmotivierende und selbstbewusstseinshebende Überzeugung, dass es selbst, ganz allei-ne, das Lesen und Schreiben gelernt hat.

Ein Vorteil dieser Methode ist vor allem das Tolerieren von Fehlern, wodurch kein Leis- tungsdruck entsteht. Das selbstständige Schreiben eigener Texte motiviert und steigert das Selbstvertrauen. Die Kinder können bereits nach kurzer Zeit kleinere Texte verfassen und erleben so gleich am Anfang ihrer Schullaufbahn eine Reihe von Erfolgserlebnissen. Der wahrscheinlich schwerwiegendste Nachteil dieses Ansatzes ist, dass er für DaZ-SchülerInnen absolut ungeeignet ist. Um mit der Anlauttabelle arbeiten zu können, benötigen die Schüle- rInnen einen gewissen Wortschatz und Kenntnisse über den Aufbau der gesprochenen Spra- che. Ihre innere Lautsprache orientiert sich in den meisten Fällen an der Semantik des Bildes, welches mit der Primärsprache belegt ist. Diese lernen Kinder implizit, wenn sie mit Deutsch als Muttersprache aufwachsen. Für DaZ-SchülerInnen ist es deshalb nahezu unmöglich, die Anlauttabelle als Grundlage für einen erfolgreichen Schriftspracherwerb zu nutzen. Doch auch deutschsprachige Kinder können Probleme mit dieser Methode haben. Es fällt vielen Kindern schwer, die einzelnen Laute eines Wortes zu erkennen und voneinander zu unter- scheiden. Wenn die Erfolgserlebnisse ausbleiben, empfinden die Kinder das viele Schreiben als ermüdend und es kann zu Frustration führen.

Kritiker des Konzeptes sehen ein Problem im Einsatz der Anlauttabelle als zentrales Arbeits- mittel. Ein wesentlicher Nachteil des Anlautverfahrens ist der, dass es zwar einen wichtigen Zugriff auf geschriebene Sprache darstellt, für den Schriftspracherwerb aber letztlich nicht ausreichend sei, denn zum einen kommen einige Laute unserer Sprache gar nicht als Anlaut vor (z.B. die Laute für <ng> und der Ach-Laut für <ch>) und zum anderen können einige Laute vom Hören her nicht eindeutig einem Buchstaben zugeordnet werden (Buck 2002, 372f.). Einen weiteren problematischen Bereich sehe ich bei der Verwendung von Groß- und Kleinbuchstaben. Die Schreiblerner befinden sich in einer vororthographischen Phase, in die die Groß- und Kleinschreibung nicht hineinfällt und die Möglichkeit der Auswahl zu Verwir- rung führen kann.

3. Fibelbasierter Unterricht

3.1 Die Fibel

Eine Fibel ist ein Leselernbuch oder Leselehrbuch für den Anfangsunterricht mit kindgerech- ter, umfangreicher Bebilderung (Grömminger 2002, 7).

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Details

Seiten
16
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656522683
ISBN (Buch)
9783656530589
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263448
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,3
Schlagworte
methoden schriftspracherwerbs daz-schülerinnen

Autor

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