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Gadamers hermeneutische Dialektik. Hermeneutischer Vorrang der Frage

Ausarbeitung 2013 9 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Hermeneutische Erfahrung

Der hermeneutische Vorrang der Frage

Das Vorbild der platonischen Dialektik

Offenheit der Frage als Bedingung für Erkenntnis und Verstehen

Richtungssinn und Begrenzung durch die Frage

Das Wissen vom Nichtwissen

Die Kunst der Dialektik – Das wahre Gespräch

Die maieutische Produktivität des Gesprächs

Literaturverzeichnis

Einleitung

Um sich Gadamers Entwurf der hermeneutischen Dialektik anzunähern, ist es lohnenswert, sich dessen Kritik an Hegels Dialektikverständnis zu betrachten. So schreibt er hierzu, dass Hegels Dialektik ein „Monolog des Denkens“ sei, „der vorgängig leisten möchte, was in jedem echten Gespräch nach und nach reift.[1] Genau dieses Gespräch ist es, welches in Gadamers Neukonzeption der hermeneutischen Dialektik einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Jedes wahre Gespräch nämlich, sei gleichzeitig abhängig von der Struktur von Fragen und Antworten. Diese dialektische Abhängigkeit ist es dann, welche dialogisches Denken und somit auch dialogisches gemeinsames Verstehen erst ermöglicht.

Im Folgenden soll näher auf Gadamers Neukonzeption der dialektischen Hermeneutik eingegangen werden. Hierzu wird zuerst die Idee der hermeneutischen Erfahrung beschrieben, welche in starkem Zusammenhang steht mit der Dialektik von Frage und Antwort. Hieraus wird darauf folgend, eine Begründung für den hermeneutischen Vorrang der Frage abgeleitet, welche ihren Ursprung in der platonischen Dialektik hat. Später wird auf die Bedingungen und Begrenzungen für das Fragestellen eingegangen, bevor näher erläutert wird, was unter der Kunst der Dialektik verstanden werden kann.

Hermeneutische Erfahrung

Da die Dialektik von Frage und Antwort stark im Zusammenhang steht mit der Idee der hermeneutischen Erfahrung, soll im Folgenden näher auf diese eingegangen werden. So beschreibt Gadamer den Prozess der hermeneutischen Erfahrung als „negativ“. Negativ in Gadamers Verständnis meint jedoch nicht, dass Erfahrungen an sich nutzlos oder schlecht seien. Vielmehr bezieht er sich hierbei auf die Tatsache, dass „ständig falsche Verallgemeinerungen durch die Erfahrungen widerlegt, für typische Gehaltenes gleichsam enttypisiert wird“[2] Dies bedeutet für ihn gleichzeitig, dass nur Erfahrungen, welche unser Vorverständnis erschüttern, indem sie es widerlegen, wirkliche Erfahrungen sind, die wir „machen“. Entsprechen Erfahrungen demnach unseren Erwartungen, kann von Erfahrungen im eigentlichen Sinne nicht mehr gesprochen werden.

Hier lässt sich auch der Zusammenhang mit Gadamers Begriff des „Vorurteils“ erkennen. Dieser wird von ihm nicht negativ verstanden, wie beispielsweise in der Aufklärung, sondern eher als produktive Bedingung des Verstehens bewertet.[3] Der Mensch kann nach Gadamer immer nur aus seiner individuellen, durch dessen Lebensgeschichte und Bildungsgeschichte vorstrukturierten, Verstehensfähigkeit - dem „Vor – Urteil“ - urteilen und hat somit bestimmte Erwartungen. Diese kann er dann auf das „Neu-Zu-Verstehenden“ anwenden, wodurch es in Frage gestellt wird und meist zugunsten der neu erworbenen Erfahrungen korrigiert wird. In diesem Sinn ist das Vorurteil für Gadamer wichtig, um Verstehen erst zu ermöglichen.

Bezugnehmend auf das zuvor Gesagte bedeutet dies, dass man an einem Gegenstand nur dann wirkliche Erfahrungen machen kann, „wenn man an ihm ein besseres Wissen nicht nur über ihn, sondern über das, was man vorher zu wissen meinte, also über ein Allgemeines gewinnt“.[4] Gleichzeitig wird man sich demnach über das zu verstehende Objekt klarer, sowie aber auch über das eigene Verständnis und dessen Abhängigkeit von zuvor gemachten Erfahrungen und somit auch der Wirkungsgeschichte. Durch diese Negation wird diese Art der Erfahrung für Gadamer „dialektisch“.[5] Durch solche „wirklichen Erfahrungen“ wird ein neuer Horizont gewonnen, innerhalb dessen der Mensch neue Erfahrungen machen kann. So enthält „die Wahrheit der Erfahrung … stets den Bezug auf neue Erfahrung“.[6]

Erfahren ist man demnach erst dann, wenn man durch die gemachte Erfahrung gleichzeitig offen für neue Erfahrungen geworden ist. Dies setzt jedoch voraus, dass der Mensch sich, wie schon von Platon gefordert, bewusst macht, dass er nichts weiß. Nur wenn er sich der „Beschränktheit“ seines eigenen Horizontes und demnach der Endlichkeit des Menschen bewusst wird, kann er sich für neue Erfahrungen öffnen.

[...]


[1] Gadamer, 1965, S. 351.

[2] ebd., S. 335.

[3] Besprochen im Seminar am 06.06.2013.

[4] Gadamer, 1965, S. 336

[5] ebd.

[6] ebd., S. 338

Details

Seiten
9
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656523116
ISBN (Buch)
9783656523703
Dateigröße
486 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263613
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1,0
Schlagworte
gadamers dialektik hermeneutischer vorrang frage

Autor

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Titel: Gadamers hermeneutische Dialektik. Hermeneutischer Vorrang der Frage