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Lessing: 'Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch'. Erläuterung des Zitats im Hinblick auf Miss Sara Sampson und Minna von Barnhelm

Essay 2012 4 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Lessing hat die Poetik des Aristoteles auf seine eigene Weise übersetzt, verstanden und interpretiert, anders als sie von den meisten anderen Theoretikern und Dramatikern vor ihm und zu seiner Zeit verstanden wurde. Bisher hatte man „phóbos“ mit „Schauder“ und „éleos“ mit „Jammer“ übersetzt, Lessing aber übersetzte die Begriffe mit „Furcht“ und „Mitleid“. Dadurch veränderte er die Bedeutung des Dramas und zwar dahin, dass die Katharsis eine Reinigung der tragischen Effekte und nicht eine Reinigung von diesen sei. Der Zuschauer solle also nicht ins Theater gehen, um sich abzureagieren, sondern um seine „Leidenschaften in tugendhafte Fertigkeiten“ zu verwandeln. Die Tragödie sowie die Komödie sollen zum Ziel haben, Mitleid beim Zuschauer zu erregen. Diese Empathie, diese Gefühlsregung in Hinsicht auf die tragischen Figuren mache den Mitfühlenden zu einem besseren Menschen, lenke ihn von seiner Egozentrik weg auf seine Umwelt. Also sei der „mitleidigste Mensch der beste Mensch“, denn dadurch, dass er sich anderen Menschen gegenüber öffnet und mit ihnen fühlt, sei er „zu allen Tugenden, zu allen Arten der Großmuth der aufgelegteste.“ Das war ein essentieller Bestandteil von Lessings Dramentheorie, der Hamburgischen Dramaturgie.

Lessing aber entwickelte seine eigene Interpretation der Poetik nicht nur aus eigenem philologischem Verständnis, sondern auch aus aufklärerisch moralphilosophischen Gründen. In der Aufklärung wurde der Widerspruch zwischen Verstand und Emotion beim Menschen beobachtet, Kopf und Herz schienen im Widerspruch zu stehen. Um diesen Widerspruch aufzulösen, suchte Lessing nach einer dementsprechenden Konzeption. Die Lösung oder auch die Rettung war das Mitleid. Denn Mitleid zeigt die sinnliche, verletzliche und tugendhafte Natur des Menschen, vereint somit Herz und Verstand.

Der Wirkungsmechanismus der Tragödie ist nach Lessing wie folgt: Der Dichter übt seine Kunst mit dem Ziel, Mitleid zu erregen, aus. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit der Handlung wichtig, um die Handlung glaubhaft und dadurch erst wirkungsvoll zu gestalten. Er kann hierfür die historische Glaubwürdigkeit verwenden und/oder den Personen Charaktereigenschaften geben, aus denen sich als logische Folge die jeweils geschilderten Vorfälle ergeben. Es ist wichtig, die Aktionen der Personen und/oder Vorfälle, die ohne den Einfluss der Personen geschehen, in eine logische Reihenfolge zu bringen, dass sich jeweils die Wirkung aus der Ursache ergibt. Weiterhin müssen die Leidenschaften der Personen genau „abgemessen“ sein, dass diese nicht anders handeln können, als sie der Dichter handeln lässt und diese Leidenschaften müssen sich allmählich steigern. Dies alles ist wichtig, um dem Stück „den natürlichsten, ordentlichsten Verlauf“ zu geben, sodass der Zuschauer sich mit den Figuren identifizieren und sich vorstellen kann, unter denselben Umständen genauso zu handeln bzw. handeln zu müssen. Dies führt dazu, dass der Zuschauer einerseits mit den Figuren mitleidet, sich andererseits davor fürchtet, ihn selbst könnte ein ähnliches Schicksal treffen.

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Details

Seiten
4
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656526773
ISBN (Buch)
9783656574989
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263711
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Lessing Minna von Barnhelm Miss Sara Sampson 19. Jahrhundert Aufklärung Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch

Autor

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Titel: Lessing: 'Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch'. Erläuterung des Zitats im Hinblick auf Miss Sara Sampson und Minna von Barnhelm