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Michael Friedman über "Erklären" und "Verstehen" in der Wissenschaft

Hausarbeit 2012 14 Seiten

Philosophie - Theoretische (Erkenntnis, Wissenschaft, Logik, Sprache)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Was bedeutet „Erklären“ und „Verstehen“ und welchen Nutzen haben sie für uns?

2. Erklärungsmodelle
2.1 Das D-N-Model
2.2 Unvertrautes durch Vertrautes erklären
2.3 Der „‘intellectual fashion‘ view“

3. Die drei unabdingbaren Eigenschaften für eine Erklärungstheorie
3.1 Eigenschaft 1: Hinreichende Allgemeingültigkeit
3.2 Eigenschaft 2: Objektivität
3.3 Eigenschaft 3: Verbindung von Erklären und Verstehen

4. Definitionen
4.1 Partition
4.2 K-Atomarität
4.3 K-Partition
4.4 K-Kardinalität
4.5 Reduktion

5. Globalität

6. Fazit

7. Quellen

Michael Friedman über „Erklären“ und „Verstehen“ in der Wissenschaft

1. Was bedeutet „Erklären“ und „Verstehen“ und welchen Nutzen haben sie für uns?

Dinge erklären und verstehen zu wollen, ist für uns Menschen ein Grundbedürfnis. Wir sind neugierig und wollen wissen, warum eine Sache ist, wie sie ist. Warum z. B. hat das Haus gebrannt? Der Blitz ist darin eingeschlagen und hat es in Brand gesteckt. Was kann dagegen getan werden? Metall leitet Strom, der Blitz sucht sich immer die höchste Stelle, in die er einschlagen kann, bei Erdung wird die Kraft des Blitzes abgeleitet. Aus diesen Erkenntnissen baute man den Blitzableiter für das Haus. So wurde das Haus davor geschützt, dass der Blitz erneut einschlägt. Also befriedigt das Verstehen und Erklären nicht nur die Neugier, sondern hat auch einen praktischen Nutzen: der Mensch kann gezielt seine Umwelt beeinflussen. So sind unsere primitivsten Werkzeuge, unsere kompliziertesten Computer und unsere Wissenschaften entstanden. Doch wie funktioniert der Prozess des Erklärens und Verstehens? Was für Arten des Erklärens gibt es und wie hängt Erklären und Verstehen zusammen, wie beziehen sich diese beiden Vorgänge aufeinander? Welche Eigenschaften muss eine Erklärung besitzen, um der Wissenschaft zu genügen?

Diesen Fragen ist Friedman nachgegangen. Ich möchte mich hier auf Friedman und seinen Aufsatz Explanation and Scientific Understanding beziehen und dessen Kernpunkte wiedergeben.

2. Erklärungsmodelle

In seinem Aufsatz Explanation and Scientific Understanding sucht Friedman nach einem gültigen und brauchbaren Erklärungsmodell und untersucht dabei drei der populärsten Modelle.

2.1 Das D-N-Modell

Als erstes Erklärungsmodell führt Friedman das bekannteste dieser Art auf, das Deductive Nomological Model (D-N model). Es wurde 1948 von Carl Gustav Hempel und Paul Oppenheim vorgestellt.

Das D-N-Modell besagt, dass ein Phänomen von anderen Phänomenen erklärt werden kann, dass zwischen dem erklärten und dem bzw. den erklärenden Phänomenen eine deduktive Erklärungsrelation besteht, dass aber „die Beschreibung eines Phänomens die eines anderen nur dann erklären [kann], wenn erstere die letztere logisch impliziert.“[1] Jedoch genügt solch eine Relation noch nicht, damit ein Phänomen ein anderes erklären kann.

Der stärkste Kritikpunkt an diesem Modell ist, dass es zwar das Eintreten von Ereignissen voraussagen kann, diese Fähigkeit aber nicht impliziert, dass Verständnis geschaffen wird, weshalb diese Ereignisse eingetreten sind. Also ist dies kein Modell, mit dem erklärt werden kann, wie Erklärung im Allgemeinen funktioniert, sondern eines, welches lediglich Einzelereignisse erklärt.

2.2 Unvertrautes durch Vertrautes erklären

Es gibt in der Wissenschaft eine weitere, sehr gängige Methode, Sachverhalte zu erklären, vor allem abstrakte Sachverhalte: vertraute Phänomene werden verwendet, um unvertraute zu erklären, es wird ein Vergleich gezogen. Dabei ist es wichtig, dass sich die Funktionsweisen des Erklärten und des Erklärenden ähneln. Scriven schreibt, dass ein Sachverhalt erst dann verstanden wird, wenn er mit schon verstandenen Dingen erklärt, also damit eine Beziehung zwischen Vertrautem und Unvertrautem hergestellt wird. Genannt wird diese Beziehung „realm of understanding“.

Jedoch muss eine Sache nicht verstanden sein, um eine andere zu erklären. Die bloße Tatsache, dass das eine Phänomen ein anderes erklären kann, genügt. Das Vertrautheits-Modell hat also nichts mit der Theorie des Erklärens zu tun, es erklärt nicht, wie Erklären und Verstehen funktioniert.

2.3 Der „‘intellectual fashion‘ view“

Die Vertreter dieses Modells sind der Meinung, ähnlich den Vertrautheitstheoretikern, dass das erklärende Phänomen epistemologisch sein solle, also vertraut oder verstanden. Doch meinen sie auch, dass dieser epistemologische Status vom Wissenschaftler und der jeweiligen Zeitepoche abhänge, also das Phänomen besitze nicht an sich diesen Status, sondern er wird ihm erst zuerkannt. Das Phänomen wird als erklärend anerkannt. Solche Phänomene sind „irgendwie selbsterklärend oder natürlich angesehen“. Sie benötigen keine Erklärung, sondern sind „Ideale der Verständlichkeit“.[2]

In jeder Epoche gibt es solche Ideale und Erklärungen. Sie dienen dazu, ein zu erklärendes Phänomen auf sie zurückführen zu können.

Die Erklärungstheorien und deren erklärende Kraft ändert sich laut dieser Theorie mit der Zeit, da sich auch die Verstehensideale, auf welche sich die Theorien stützend, mit der Zeit ändern. Natürlich ist die Wahl der Verständnisideale nicht willkürlich, sondern ein Ideal ist eine Theorie, welche die stärkste Voraussagekraft besitzt.

N.R. Hanson meint, Voraussagekraft und Verständlichkeit sei dasselbe. Er nennt drei Stadien, die wissenschaftliche Theorien durchlaufen, um anerkannt und zu Idealen zu werden: die Stadien der ‚black box‘, ‚grey box‘ und ‚glass box‘.

Beim ersten Vorschlagen der Theorie ist diese eine ‚black box‘. Bei größerem Vorhersageerfolg als bereits existierende Theorien, wird sie zur ‚grey box‘. Eine ‚glass box‘ ist sie schließlich, wenn sie getrennte Forschungsbereiche miteinander verbinden kann, dann ist sie der Standard der Verständlichkeit.

[...]


[1] Friedman, Michael: Erklärung und wissenschaftliches Verstehen. Die Vereinheitlichung der Gesetze. In: Schurz, Gerhard (Hrsg.): Erklären und Verstehen on der Wissenschaft. München: R. Oldenburg Verlag 1990. S. 173.

[2] Friedman, Michael: S. 180.

Details

Seiten
14
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656527671
ISBN (Buch)
9783656532972
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263763
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Theaterwissenschaft
Note
1,6
Schlagworte
von Wright Georg Henrik von Wright Logik Erkenntnis Verstehen Erklären wissenschaftliche Philosophie Wissenschaft

Autor

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Titel: Michael Friedman über "Erklären" und "Verstehen" in der Wissenschaft