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Möglichkeiten der aktiven Abwehr von "Cybermobbing" für Betroffene und Angehörige

Bachelorarbeit 2013 73 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Mobbing
2.1 Ursprung und Begriffsklärung
2.2 Formen des Mobbings
2.3 Rollenverteilung beim Mobbing

3 Internet
3.1 Entstehung und Rolle des Internets
3.2 Neue Medien und Web 2.0
3.3 Nutzungsfrequenz, Trend und Aktivitäte
3.4 Chancen und Risiken

4 Cybermobbing
4.1 Begriffsklärung und Definition
4.2 Medien und Methoden des Cybermobbings
4.3 Cybermobbing in Abgrenzung zu Mobbing
4.4 Rollenverteilung beim Cybermobbing
4.4.1 Cyberopfer
4.4.2 Cybertäter
4.4.3 Weitere Beteiligte
4.5 Folgen des Cybermobbings
4.6 Studie Cyberlife
4.6.1 Wichtige Erkenntnisse aus der
4.6.2 Ausblick der Studie

5 Handlungsmöglichkeiten gegen Cybermobbing
5.1 Zielgruppen
5.1.1 Schüler
5.1.2 Schule und Lehrer
5.1.3 Eltern
5.1.4 Weitere Personengruppen
5.2 Prävention
5.2.1 Medienhelden
5.2.2 Surf-Fair
5.2.3 Präventive Handlungsempfehlungen
5.2.4 Zusammenfassung
5.3 Intervention
5.3.1 No Blame Approach
5.3.2 Interventionsprogramm Dan Olweus
5.3.3 Intervenierende Handlungsempfehlungen
5.4 Prävention & Intervention
5.4.1 Kinderschutz in sozialen Netzwerken
5.4.2 Zusammenfassung
5.5 Strafverfolgung
5.5.1 Eine Person wird geschädigt
5.5.2 Die Freiheit einer Person beschnitten
5.5.3 Die Persönlichkeitsrechte einer Person werden verletzt
5.5.4 Zusammenfassung

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Anlage

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“

Artikel 1 Absatz 1, Grundgesetz Bundesrepublik Deutschland

1 Einleitung

„Sie hielt die Hänselei nicht mehr aus: Amanda Todd aus Kanada wurde monatelang von ihren Mitschülern wegen eines Nacktfotos im Internet gemobbt. Ein Mann hatte es an die ganze Schule verschickt.

‘Ich habe niemanden’,steht in schwarzer Mädchen-Schrift auf einer weißen Karteikarte.’Ich brauche jemanden.’

Darunter hat das junge Mädchen einen traurig guckenden Smiley gemalt. Dann wird der nächste Zettel in die Kamera gehalten.

‘Mein Name ist Amanda Todd.’

Das Video ist der neun Minuten lange Hilferuf eines Mobbingopfers. Amanda mit den langen, braunen Haaren, die in dem schwarz-weißen Internetvideo zu sehen ist, bleibt während des gesamten Videos stumm. Und kaum einen Monat nach der Veröffentlichung ist sie tot.

Die 15-Jährige aus der Nähe der westkanadischen Stadt Vancouver hat sich das Leben genommen, nachdem es zum Martyrium geworden war. Und zwar wegen eines Nacktfotos, das im Internet kursierte […] Mehrmals wechselt sie die Schule, doch die Mobbing-Attacken wird sie nicht mehr los, genauso wenig wie sie das Foto löschen kann. Die Hetzjagd geht immer weiter. Amanda nimmt Drogen, Alkohol, verletzt sich selbst, ritzt sich die Arme auf. Ein Selbstmordversuch mit Bleichmittel scheitert, der zweite am 10. Oktober gelingt (Mitic, 2012).“

Auf der Internetpräsenz „Welt Online“, wird Ende Oktober 2012 über den bis dahin wohl medienträchtigsten Fall von Cybermobbing berichtet. Die Geschichte der Amanda Todd ist ein extremes und trauriges Beispiel für die gewaltigen Dimensionen des Cybermobbings. Und sie ist bei Weitem nicht die Ausnahme.

Weiterhin berichtet „Welt Online“ über die 15-jährige Phoebe Prince aus dem US-Bundesstaat Massachusetts. Das hübsche und intelligente Mädchen wurde 2010 nach einem Schulwechsel aus Eifersucht von ihren neuen Klassenkameradinnen im Internet gemobbt. Eine Schülerin bewarf sie auf dem Heimweg mit einer Dose und fragte, warum sie sich nicht umbringe. Wenig später erhängte sie sich.

Im September 2012 bot in den Niederlanden ein Mädchen einem 14-jährigen Jungen 50 €. Er sollte eine 15-Jährige ermorden, weil diese Gerüchte über ihre beste Freundin im sozialen Netzwerk Facebook verbreitet haben soll. Das Mädchen wurde tatsächlich von dem jungen Auftragskiller ermordet.

Der 13-jährige Joel aus Österreich warf sich nach monatelangen Quälereien 2010 vor einen Zug, weil ihn Mitschüler im Internet immer wieder als Homosexuellen bezeichneten (vgl. Mitic, 2012).

Auch in Deutschland berichten 16,6 Prozent der Schüler, bereits Opfer von Cybermobbing geworden zu sein (vgl. Schneider, Dr. Katzer, & Leest, 2013, S. 93).

Aufgrund der zuvor genannten Fälle von Cybermobbing und der erschreckenden Zahlen von Fällen in Deutschland wird klar, wie bedeutend es ist, sich genauer mit dieser Problematik zu befassen.

Diese Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, genau aufzuschlüsseln, was Cybermobbing sowie Cyberlife bedeuten und welche Relevanz diese Begrifflichkeiten im Leben von Kindern und Jugendlichen haben. Um sich diesem neuzeitlichen Problem, welches eine Abwandlung des traditionellen Mobbings darstellt, zu nähern, ist es erforderlich, vorweg eine Wissensgrundlage über das klassische Mobbing zu schaffen.

Cybermobbing erscheint als eine neue Herausforderung für unsere Gesellschaft unter anderem auch für die Soziale Arbeit. Daher ist bisher wenig einschlägige Fachliteratur zu möglichen Interventions- und Präventionsmaßnahmen zu finden. Auch einen Gegenstand der Forschung stellt Cybermobbing erst seit Kurzem dar.

Die Fragestellung „Welche Präventions- und Interventionsmöglichkeiten gegen Cybermobbing, sind anwendbar für welche Zielgruppen?“, liegt daher in der Darstellung und der anschließenden Auseinandersetzung mit verschiedenen Möglichkeiten der Intervention und Prävention gegen Cybermobbing.

Abschließend sollen Ergebnisse darüber geliefert werden, welche Methode am effektivsten für die Zielgruppen Schüler, Schule und Lehrer, Eltern und weitere Personengruppen ist. Diese Analyse wird anhand aktueller Fachliteratur diskutiert und mittels der im Mai 2013 erschienenen Studie „Cyberlife ─ Spannungsfeld zwischen Faszination und Gefahr – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“ vom „Bündnis gegen Cybermobbing“ belegt. Diese Studie stellt die bisher aktuellste (Stand: Mai 2013) und umfangreichste repräsentative Erhebung über Cybermobbing in Deutschland dar (vgl. Schneider, Dr. Katzer, & Leest, 2013, S. 3).

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Arbeit überwiegend die Männlichkeitsform benutzt. Dies soll in keinster Weise als eine Diskriminierung des weiblichen Geschlechtes verstanden werden.

Des Weiteren wird in dieser Arbeit ausschließlich der Begriff „Cybermobbing“ verwendet. Damit ist ebenfalls der im englischen Sprachraum geläufige Begriff „Cyberbullying“ gemeint.

2 Mobbing

In diesem Kapitel wird eine abstrahierte Darstellung des klassischen Mobbings vorgenommen. Neben der Ursprungs- und Begriffsklärung wird auf die unterschiedlichen Formen und die Rollenverteilung im Mobbingprozess eingegangen.

2.1 Ursprung und Begriffsklärung

Das Wort „Mobbing“ kommt ursprünglich aus dem Englischen. Das Verb „to mob” bedeutet anpöbeln, bedrängen, attackieren und angreifen. „Mob“ steht für Meute oder einen randalierenden Haufen (vgl. Fereidooni, 2013, S. 19).

Eingeführt wurde das Wort Mobbing erstmals vom deutschen Verhaltensforscher Konrad Lorenz. Dieser arbeitete mit Gruppen von Graugänsen und entdeckte dabei, dass eine kranke, schwache oder behinderte Gans von den restlichen Graugänsen ausgeschlossen und von Futter und Wasser verdrängt wurde, bis sie schließlich starb. Folglich wurde die Ganspopulation vor ansteckenden Krankheiten und Gendefekten geschützt. Später ergänzte Lorenz den Vorgang, indem er dazurechnete, dass die Gänse sich gegen einen gemeinsamen Feind wie etwa einen Fuchs wehrten (vgl. Dambach, 2011, S. 13). Diesen Vorgang definierte Lorenz als Mobbing, „ein aggressives Verhalten von mehreren Gruppenmitgliedern gegen ein einzelnes Tier, um dieses zu vertreiben“ (vgl. Donhauser, 2010, S. 9─10).

Erst der schwedische Arbeitswissenschaftler Heinz Leymann prägte im Jahre 1990 den Begriff des Mobbings als Phänomen der Stressbelastung in Zusammenhang mit der Arbeitswelt (vgl. Donhauser, 2010, S. 10).

Mobbing ist demnach eine besondere Form der Aggression, bei der das Opfer immer wieder und systematisch der Ausgrenzung und Erniedrigung eines oder mehrerer Täter ausgesetzt ist. Dabei besteht zwischen Opfer und Täter ein ständiges Ungleichgewicht an Stärke, welches sich psychisch wie physisch auswirken kann. Würden sich beispielshalber zwei gleich starke Personen in einem Unternehmen oder einer Bildungseinrichtung miteinander streiten, würde es sich hierbei nicht um Mobbing handeln (vgl. Donhauser, 2010, S. 10).

Ab wann jemand etwas als schädigende Handlung empfindet, hängt von unterschiedlichen Aspekten ab. Zum einen kann nur der Betroffene selbst bewerten, ab wann eine Schädigung stattfindet. Zum anderen hängt die Bewertung dieser Form der Aggression von der gesellschaftlichen Normabweichung ab (vgl. Morgenthaler).

2.2 Formen des Mobbings

Mobbing findet oft als einseitige Kommunikation statt. Die Form der zwischenmenschlichen und wechselseitigen Interaktion fehlt hier. Eher kann man Mobbing als ein Ergebnis von fehlerhaften Kommunikationsprozessen bezeichnen (vgl. Fawzi, 2009, S. 9─10).

Um das Verhalten der mobbenden Menschen in Prozesse zu unterteilen, entwickelte Leymann den sogenannten LIPT-Fragebogen (LIPT steht für „Leymanns Inventory of Psychological Terror“). Im Fragebogen führte er insgesamt 45 Handlungen[1] auf, die in folgende fünf Kategorien unterteilt wurden (Fawzi, 2009, S. 8─9).

Seinen ersten Ansatzpunkt nennt er die „Angriffe auf die Möglichkeiten, sich mitzuteilen“. Damit ist beispielsweise das permanente Unterbrechen des Opfers gemeint. Den zweiten Unterteilungspunkt „Angriffe auf die sozialen Beziehungen“ bezeichnet Situationen, in denen ein Mensch ganz bewusst ignoriert wird. Die „Angriffe auf das soziale Ansehen“, indem jemand lächerlich gemacht wird, stellen den dritten Aspekt Leymanns dar. Im vierten Punkt werden die „Angriffe auf die Berufs- und Lebenssituation“ wie z.B. das Auftragen unsinniger Aufgaben festgehalten. Die letzte Form des Mobbings nach Leymann wird als „Angriffe auf die Gesundheit“ bezeichnet, damit sind körperliche Übergriffe gemeint (vgl. Fawzi, 2009, S. 8─9).

Mobbing kann also viele verschiedene Formen annehmen. Dies können üble Nachreden, Verleumdungen, Beleidigungen, Ausgrenzungen, sexuelle Belästigungen, Schlechtmachen, Vorenthalten von Informationen, Nichtbeachten, Weiterleiten von Fehlinformationen, Dinge-verschwinden-lassen oder ungerechtfertigte Kritik sein (vgl. Werner, 2013, S. 20─21).

Zusammenfassend wird festgestellt, dass Mobbing auf drei verschiedenen Ebenen geschieht. Es kann direkt, alsokörperlichoderverbalund indirekt, d.h.psychologischstattfinden (vgl. Fawzi, 2009, S. 10).

2.3 Rollenverteilung beim Mobbing

Im traditionellen Mobbingprozess konnten bislang sechs verschiedene Rollen nach Salmivalli et al ausgemacht werden. Das aus der Forschung von Salmivalli et al bekannte Modell zum traditionellen Schulhofmobbing wird hier als „gruppendynamischer Prozess“ beschrieben. Hier gibt es nebenTäterundOpfervier weitere Zuschauerrollen. Dazu zählen zum einen die sogenannten „Verstärker“, also Menschen, die den Täter in seinem Handeln damit bestärken, dass sie das Opfer denunzieren, Beifall klatschen oder den Täter anfeuern (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 14).

Personen, die das Opfer festhalten und den Täter dadurch unterstützen, bezeichnet man nach Salmivalli et al als „Assistenten“. Teilnehmer, die versuchen, dem Opfer zur Seite zu stehen, indem sie ihm zu Hilfe eilen oder den Täter verbal zum Abbruch seiner Handlung bringen, nennt man „potenzielle Verteidiger“. Die letzte Rolle ist die der „Außenstehenden“. Damit sind Zuschauer gemeint, die das Mobbing durchaus wahrnehmen, sich aber aus dem Konflikt heraushalten (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 14─15).

Die Zuschauer werden in der Literatur auch als „Bystander“ bezeichnet und beeinflussen den Mobbingverlauf entscheidend mit. Je größer die Aufmerksamkeit ist, die sie dem Mobber schenken, umso mehr unterstützen und ermutigen sie ihn in seinem Handeln (Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 14─15).

Die Charakteristik von Opfern und Tätern im Mobbingprozess weist einige Parallelen zu den Cyberopfern- wie -tätern auf. Daher wird im Kapitel 4.4, dem Unterthema „Rollenverteilung beim Cybermobbing“, auf die Opfer- und Tätertypologie näher Bezug genommen.

3 Internet

Ein Leben ohne Internet ist in unserer heutigen Zeit nahezu unvorstellbar. Das Internet hat viele Vorzüge und bereichert und vereinfacht unser Leben wesentlich. Gerade für junge Menschen ist die virtuelle Welt zu einem selbstverständlichen Teil des Lebens geworden (vgl. Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2011, S. 11).

In diesem Kapitel werden daher die Anfänge und die Bedeutung des Internets beschrieben. Anschließend wird aufgezeigt, wie häufig und in welcher Form Kinder und Jugendliche, und somit eine der zentralen Zielgruppen für diese Arbeit, sowie ihre Eltern das Internet nutzen. Außerdem birgt das Internet neben Chancen vor allem auch Risiken. Wie deutlich wird, ist Cybermobbing nur ein Aspekt von vielen.

3.1 Entstehung und Rolle des Internets

Der eigentliche Grundstein für das „Internet“ wurde bereits um 1969 vom US- Verteidigungsministerium mit dem sog. ARPANET initiiert. Bereits zu diesem Zeitpunkt wurden Daten zwischen Forschungs- und Bildungseinrichtungen ausgetauscht. Den Weg für das World Wide Web ebnete 1989 der britische Informatiker Tim Berners-Lee, indem er mittels „Hypertext“ Daten weltweit verfügbar machte. Aber erst mit der Veröffentlichung des ersten grafikfähigen Webbrowsers namens „Mosaic“ im Jahre 1993 verzeichnete das Internet eine stetig wachsende Zahl von Nutzern (vgl. WDR & SWR, 2009).

Das bedeutet, dass in nur 18 Jahren die Zahl der aktiven Internetnutzer bis zum Jahr 2011 weltweit auf 2,1 Milliarden gestiegen ist. Das entspricht nach einer Studie des Website-Monitoring-Dienstes Pingdom 30 Prozent der Weltbevölkerung (vgl. Whitney & Beiersmann, 2012).

Im Buch „Hilfen für Familien ─ Eine Einführung für psychosoziale Berufe“, erschienen im Jahr 1998, erkannte man schon damals eine Veränderung der Lebenswelten eines Kindes durch die Medien (vgl. Textor M. , 1998, S. 9). Und das, obwohl der Ursprung des Internets zu diesem Zeitpunkt erst auf eine fünfjährige Geschichte zurückblickte.

Der Autor Textor beschreibt einen Wandel der Kindheit, begründet mit der Urbanisierung und verschiedenen Gefahren wie etwa durch den Straßenverkehr oder sexuellen Missbrauch. Seiner Meinung nach, findet Kindheit immer mehr in „kindgemäßen Sonderumwelten“ innerhalb der unbekannten Erwachsenenwelt statt. Die Kinder konsumieren das vorgegebene Spiel- und Beschäftigungsprogramm und werden im Sinne der Eltern gebildet. Der Tagesablauf wird von den Erwachsenen verplant und zerstückelt. Folglich ist es den Kindern nicht mehr möglich, ihre Umwelt ausreichend selbst zu erschließen. Das Ergebnis ist, dass Kinder weniger Selbsttätigkeit, Sinneserfahrungen sowie unzureichende motorische Stimulierung und Körperbeherrschung erfahren (vgl. Textor M. , 1998, S. 10).

Auch der zunehmende Medienkonsum prägt nach Textor das Familienleben und die Kindheit. Sekundärerfahrungen treten immer mehr an die Stelle der Primärerfahrungen. Zunehmend wird die Welt medial vermittelt und seltener real erkundet (vgl. Textor M. , 1998, S. 10).

Im Gegenzug dazu zeigen die Ergebnisse der JIM-Studie 2012, dass 80 Prozent der 12─19 jährigen Jugendlichen sich regelmäßig in der Freizeit mit Freunden treffen. Etwa ein Drittel treibt regelmäßig Sport, jeder Vierte gibt an, dass er an mehrmaligen Familienunternehmungen in der Woche teilnimmt und ein Fünftel macht selber Musik. Bei der Vereinszugehörigkeit geben zwei Drittel an, aktiv in einem Sportverein zu sein, 57 Prozent haben eine feste Clique, etwa jeder Fünfte ist in einer kirchlichen Gruppe, einem Chor oder einem Musikverein (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 62).

Festzustellen ist somit lediglich, dass das Internet, das Handy und das Fernsehen „die Medien“ sind, die von 91 Prozent der Jugendlichen regelmäßig genutzt werden (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 12).

Aufgrund dieser Tatsache, werden Jugendliche auch als digitale Eingeborene, als „Muttersprachler der digitalen Sprache von Computern, Videospielen und Internet“ bezeichnet. Denn das Internet, als eine Form der Neuen Medien, ist zum natürlichen Bestandteil des Teenagerlebens geworden und stellt ein wesentliches Hilfsmittel dar, um ein soziales Leben zu führen und mittels Web 2.0 gestalten zu können (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 10).

3.2 Neue Medien und Web 2.0

Aber was wird unter dem Begriff „Neue Medien“ verstanden? Ist er doch mittlerweile aus unserem alltäglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Grundsätzlich kann man feststellen, dass es „die“ Neuen Medien nicht gibt. Denn damit werden immer die gegenwärtigen Medientechniken bezeichnet. Man könnte also das Radio, den Fernseher, das Telefon oder Videospielkonsolen meinen.

Jedoch werden hauptsächlich die heutigen modernen Kommunikations- und Informationstechnologien wie das Internet, das Mobiltelefon sowie das Smartphone, welches beide Medien verbindet, gemeint (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 18).

Mittels des sogenannten Web 2.0 haben die Nutzer des Internets die Gelegenheit, dieses nicht nur als Konsument zu nutzen, sondern sogar als Produzent die Inhalte des Internets aktiv mitzugestalten. Sie fungieren somit als Prosument, d.h. sie drehen ihre eigenen Filme, schreiben und bearbeiten Artikel in Online-Enzyklopädien, schreiben Online-Tagebücher, rezensieren Filme, Bücher und Musik oder tauschen in Foren Meinungen aus (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 18).

Diese nutzergenerierten Inhalte können aber auch Schwachstellen aufweisen. Die Grenze zwischen Inhaltsproduzenten und dem Empfänger (Rezipient) verwischt sodass es sehr schwer wird, den eigentlichen Urheber eines Inhaltes auszumachen.

Gerade Kindern und Jugendlichen können im partizipativen Web Risiken begegnen. Es könnte passieren, dass diese auf urheberrechtlich geschütztes Material zurückgreifen. Auch stellt sich die Frage nach der Qualität der nutzergenerierten Inhalte. Des Weiteren erscheint es problematisch, dass Kinder und Jugendliche das Web als Plattform nutzen, um ihre kreativen Leistungen zu präsentieren. Damit einhergehend, kann es zu Offenbarungen persönlicher Daten kommen (vgl. Gasser, Cortesi, & Gerlach, 2012, S. 105─106).

Ein wesentlicher Unterschied bezogen auf die Nutzung des Web 2.0 besteht in den Generationen der Nutzer. Während Erwachsene im Internet verstärkt nach Informationen suchen, dient es den Minderjährigen vordergründig zur Kommunikation mit Freunden und der eigenen Identitätsfindung (Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., 2011, S. 11).

3.3 Nutzungsfrequenz, Trend und Aktivitäten

Bezogen auf die Ergebnisse der KIM-Studie, die sich jährlich mit dem Medienumgang von Kindern im Alter von 6─13 Jahren beschäftigt und der JIM Studie, (Jugendliche im Alter von 12─19 Jahren) lassen sich folgende wegweisende Schlussfolgerungen bezüglich der Entwicklung der Nutzungshäufigkeit des Internets ziehen.

Allgemein lässt sich ein rasanter Anstieg der Nutzung und Bedeutung von Computer, Handy und Internet feststellen.

Denn in 95 Prozent der Haushalte, in denen Kinder zwischen 6 und 13 Jahren leben, (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 27) und 98 Prozent derer Haushalte, in denen Jugendliche (12─19 Jahren) leben, sind Computer mit Internetanbindung, 90 Prozent davon mit WLAN vorhanden.

Bereits 82 Prozent der 12─19-Jährigen besitzen einen eigenen Computer und gehen relativ unbeobachtet, z.B. von ihrem eigenen Zimmer aus, online (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 30).

Ein wichtiges Ergebnis ist, dass mit dem Alter der Nutzer in jedem Fall die Nutzungshäufigkeit, Nutzungsdauer und Relevanz des Internets steigt.

Laut der vom Bündnis gegen Cybermobbing im Mai 2013 erschienenen Studie sind Kinder und Jugendliche (10─22 Jahre) nach eigenen Aussagen an einem gewöhnlichen Schultagdurchschnittlich 2,4 Stundenim Internet online[2].

Zudem wurde festgestellt, dass mit dem Alter der Jugendlichen auch die Nutzungsdauer des Internets ansteigt.

Ein weiterer Fakt ist, dass zwei Drittel der Schüler zwischen 10 und 22 Jahren mittlerweile über ein internetfähiges Handy oder Smartphone verfügt. Demzufolge weisen diese Schüler eine zusätzliche Nutzungsdauer von durchschnittlich einer Stunde täglich auf, wie aus

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung ersichtlich ist (vgl. Schultze-Krumbholz, Zagorscak, Siebenbrock, & Scheithauer, 2012, S. 78).

Über den zeitlichen Umfang wurden in der JIM-Studie hinsichtlich der Aktivitäten Jugendlicher (12─19 Jahre) im Internet folgende Ergebnisse gemacht. Auf 45 Prozent der Zeit der Jugendlichen fallen kommunikative Tätigkeiten, wie Mailen, Chatten oder das Besuchen eines sozialen Netzwerkes. Ein Viertel der Zeit entfällt auf Tätigkeiten, die im weitesten Sinne der Unterhaltung dienen (Musik hören, Filme und Bilder ansehen). In etwa gleich ist der Anteil, den die Jugendlichen mit Spielen (16 %) und der Suche nach Informationen (15 %) aufwenden (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 32─33).

Ein deutlichergeschlechtsspezifischer Unterschiedwird im Bereich Spielen klar. Während Jungen 22 Prozent ihrer Nutzungszeit zum Spielen aufwenden, sind es bei Mädchen nur sieben Prozent. Dafür fällt die Nutzungszeit der Mädchen in den Bereichen Kommunikation, Unterhaltung und Information höher aus, als bei den Jungen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 32─33).

Bei den täglichenAktivitäten der 6- bis 13-jährigenKinderim Internet haben die Suchmaschinen (23 %) und Communities (22 %) die größte Relevanz. 17 Prozent der Kinder surfen „einfach drauflos“, Chats werden von zwölf Prozent genutzt und elf Prozent geben an, sich Filme und Videoclips im Internet anzuschauen.

Auch in der KIM-Studie verzeichnete man höhere Werte bezüglich der Kommunikation bei Mädchen.

Zu bedenken ist, dass bei den jüngeren Kindern eine eingeschränkte Internetnutzung, begründet durch die altersgemäße Lese- und Schreibfähigkeit, besteht (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 30─31).

Betrachtet man dieInternetaktivitäten derEltern, so erhält man mithilfe der FIM-Studie folgende Ergebnisse:

Drei Viertel der Eltern nutzen das Internet regelmäßig, 37 Prozent täglich. Die Häufigkeit der Internetnutzung ist gerade bei jüngeren Eltern, Berufstätigen oder Eltern mit höherer Bildung ausgeprägt.

Bei der Frage nach den häufig genutzten Lieblingsseiten wurden mit 42 Prozent Shoppingseiten bzw. Seiten zum Vergleichen von Preisen genannt. Jeder vierte Elternteil nennt Suchmaschinen (25 %) oder ein soziales Netzwerk (24 %). Die Provider oder Mailanbieter (z.B. Web.de oder GMX) werden von 14 Prozent der Eltern genannt. Nachrichtenangebote, Routenplaner oder Wetterseiten mögen acht Prozent, sechs Prozent favorisieren die Portale von Printmedien, und je fünf Prozent der Eltern zählen Auto- und Motorradmärkte sowie Finanz- und Bankseiten zu den meistgenutzten Seiten.

Zudem sind auch bei den Elterngeschlechtsspezifische Unterschiedebezüglich der Lieblingsseiten zu erkennen.

Während die Mütter ein größeres Interesse bei Shoppingseiten, Suchmaschinen sozialen Netzwerken und Seiten des Providers zeigen, zählen die Väter Nachrichtenseiten, Printmedienportale, Auto- und Motorradmärkte sowie Sportseiten zu ihren am häufigsten genutzten Seiten (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 78).

Auch dasAlter der Elternspielt eine Rolle,zumindest bei der Wahl der genutzten Seiten. Bei den sozialen Netzwerken ist bei einem Drittel der Eltern unter 34 Jahren Facebook[3] der genannte Favorit unter den Lieblingsseiten. Auch Shoppingseiten und Angebote des Providers werden vorzugsweise von jüngeren Eltern genutzt. Eltern ab 45 Jahren hingegen tendieren eher zur Nutzung von Reiseseiten, Routenplanern, Nachrichtenangeboten und Printmedienportalen. Auch Auto-, Finanz- und Sportseiten werden öfter von älteren Eltern genannt (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2012, S. 78─79).

3.4 Chancen und Risiken

Überlegt man, welche Chancen das Internet bietet, fällt einem spontan ein, dass man gerade als Student die Möglichkeit hat, nahezu alles recherchieren und nachlesen zu können. Das Internet macht Bildung möglich, zumindest wenn man diesbezüglich stets auf den Glaubwürdigkeitsgehalt der jeweiligen Website achtet.

Die Aktualität ist ein weiterer Vorteil des Internets. Es gibt praktisch kein Medium, das näher am Zeitgeschehen ist. Außerdem kann man ganz bequem jederzeit mit Menschen rund um den Globus kommunizieren und sein Leben virtuell mit anderen teilen. Das spart im Gegensatz zu anderen Kommunikationsmitteln Kosten und Zeit.

Möchte man online einkaufen, kann man ebenfalls Kosten und Zeit sparen. Man hat die Möglichkeit Preise in der virtuellen Vielfalt zu vergleichen und schließlich die gewünschte Ware zum besten Preis zu beziehen. Prinzipiell kann man sich mit allen Dingen, die das Leben bereichern, eindecken, ohne nur einen Schritt aus dem Haus zu gehen.

Denkt man nur an die aktuelle Flutkatastrophe in weiten Teilen Deutschlands, so wird deutlich, welche Tragweite die Vernetzung gerade in sozialen Netzwerken wie z.B. Facebook hat. Ohne das Internet wären unzählige Menschen mit ihrer Not auf sich allein gestellt. So verschwimmen die Grenzen zwischen Virtualität und Realität. Die Hilfsbereitschaft der fremden Menschen, die aus allen Bundesländern Deutschlands angereist sind, rührt die betroffenen Flutopfer zu Tränen. Und so sieht man dass das World Wide Web ganz besondere Momente möglich macht.

Trotz etlicher Vorzüge die das Internet uns heutzutage bietet, so hat es genauso Nachteile und ist eine Plattform für kriminelle Handlungen vor allem auch für jugendgefährdende Inhalte.

Das sogenannte Cybercrime[4] stellt ein stark wachsendes Problem im Internet dar. Unter diesem Begriff fällt ein breites Spektrum an Delikten. Von Betrugsdelikten beim Anbieten von Waren und Dienstleistungen, Kreditkartenbetrug, dem illegalen Verkauf von Waffen, Medikamenten und Betäubungsmitteln, der Verbreitung illegaler Pornografie und extremistischer Propaganda, unlauterer Werbung bis hin zum Identitätsdiebstahl (vgl. Seidl, 2012).

Weitere Gefahren für Internetnutzer können beispielsweise Schadprogramme (z.B. Viren, Trojanische Pferde, Spyware), Phishing (Angeln von Daten), Spam (Massenversand nicht angeforderter Werbung), Hoaxes (Falschmeldungen) oder Kostenfallen darstellen (vgl. Bundesamt für Sicherheit und Informationstechnik, 2004).

In Bezug auf mögliche Gefahren für Kinder und Jugendliche definierte die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ folgende (schwer) jugendgefährdende Inhalte, die ebenso auf die Inhalte im Internet anzuwenden sind.

„Den Nationalsozialismus verherrlichende bzw. verharmlosende oder zum Rassenhass anreizende Internetseiten

Sozialethisch desorientierende Sexualdarstellungen / Pornografie

Verrohend wirkende Darstellungen von Gewalt, Kriegsgräuel und verletzten und verunstalteten Menschen

Verherrlichung/Verharmlosung von Drogen- und Alkoholmissbrauch; Propagierung/Anleitung zu schwerer körperlicher Selbstschädigung (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien).“

Unter anderem trat im Jahr 2003 zwischen allen deutschen Bundesländern der „Staatsvertrag über den Schutz der Menschenwürde in Rundfunk und Telemedien“, der Jugendmedienschutz Staatsvertrag (JMStV), in Kraft. Der JMStV verfolgt den Gedanken der (freiwilligen) Selbstkontrolle der Medien und richtet sich daher an die deutschen Betreiber von Internetseiten.

Er beinhaltet den Schutz der Kinder und Jugendlichen vor Angeboten in Rundfunk und Telemedien, zu denen das Internet mitunter gehört, die deren Entwicklung und Erziehung beeinträchtigen oder gefährden.

Am 10. Juni 2010 beschlossen die Ministerpräsidenten, eine Novellierung[5] des JMStV durchzusetzen. Ein wesentlicher Änderungspunkt war die geplante Einführung einer Alterskennzeichnung von Inhalten im Internet ähnlich der „Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft[6] “ (FSK). Die Novellierung scheiterte jedoch am 16. Dezember 2010. Sie ist damit gegenstandslos und muss neu verhandelt werden. Bis zur Neuverhandlung bleibt der seit 2003 bestehende JMStV weiterhin in Kraft (vgl. Bleich, 2010).

Die Internetbranche unterliegt somit keiner effektiven Kontrollinstanz in Sinne einer staatlichen Zensur oder einer wirksamen Selbstkontrolle.

Das Internet stellt keinen rechtsfreien Raum dar. Es gibt zwar noch kein eigenes Internetgesetz, folglich kein Gesetz gegen Cybermobbing, aber auch hier gelten die gleichen Gesetze wie in der Offline-Welt.

[...]


[1] Die 45 Handlungen stammen laut Leymann aus 300 Einzelinterviews, geführt in den Jahren 1981 bis 1984. Die Interviews wurden nach 1984 abgebrochen, nachdem keine weiteren Handlungen mehr feststellbar waren. Somit ergaben sich 45 Items (vgl. Webmedia4business e. K. , 2011).

[2] Übersetzt man das Englische „Online“ ins Deutsche, bedeutet das so viel wie „Leitung aktiv“ oder „auf Leitung/ Sendung“, damit ist lediglich die Datenverbindung zwischen zwei Computern gemeint (vgl. Abel, 1999, S. 83).

[3] Aktuell verzeichnet das soziale Netzwerk Facebook 25 Millionen registrierte User allein in Deutschland (vgl. Schneider, Dr. Katzer, & Leest, 2013, S. 10).

[4] Cybercrime umfasst alle Straftaten, die unter Ausnutzung der Informations- und Kommunikationstechnik oder gegen diese begangen werden (vgl. Bundeskriminalamt, 2013, S. 5)

[5] auch Änderungsgesetz (vgl. Bibliographisches Institut GmbH, 2013)

[6] Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, die dem Jugendschutzgesetz unterliegt, wird von Kritikern eher als eigentliche Zensur gesehen(vgl. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft GmbH, 2013).

Details

Seiten
73
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656534808
ISBN (Buch)
9783656536437
Dateigröße
2.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v263824
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Cybermobbing Mobbing Medien Prävention Intervention Strafverfolgung Cyberlife Studie Rollenverteilung Internet Folgen Methoden Zielgruppen Handlungsmöglichkeiten

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Titel: Möglichkeiten der aktiven Abwehr von "Cybermobbing" für Betroffene und Angehörige